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Siebentes Kapitel

Jakob setzt Theorien in Praxis, und sein Meister und er schlagen sich die Ideen handgreiflich um die Köpfe. Jakob bricht auch mit Zürich

Jakob glaubte sich in Zürich der Hahn im Korbe. Oft, wenn er mit Kameraden durch die neuen, schönen Häuser schritt, redeten sie untereinander halb als wie im Scherz, in welchem der Häuser jeder am liebsten wohnen möchte, und wenn Jakob wachend träumte, so sah er sich in köstlichem Staate und stritt in sich in Gedanken, ob er lieber Bürgermeister wäre oder ganz einfach nur sonst ein großer Herr in schöner Kutsche. Der gute Jakob hatte es akkurat wie ein Christ, der sich den Himmel vorstellt wie einen großen Tanzsaal. Er weiß es wohl, daß Essen und Trinken das Himmelreich nicht erben werden, und daß im Himmel nicht zur Ehe genommen wird, und dennoch, wenn er sich den Himmel denken will, versetzt er alle menschlichen Zustände und Genüsse in den Himmel, sich selbsten aber setzt er in die schönsten mitten hinein. So wußte Jakob in der Theorie gar wohl, daß künftig alle Brüder sein sollten, alle einander gleich, jedes Eigentum aufhören, alles gemein sein müsse, und dennoch dachte er sich, wenn er sich die herrliche Zukunft dachte, die gegenwärtigen Zustände hinein, dachte sich selbst in die besten hinein, Krebse zu Mittag, Fische zu Nacht, sich obenan als König oder Bürgermeister. »Himmelsackerment«, sagte er oft halblaut, »was wird die Alte sagen, wenn sie hört, daß der dumme Junge Bürgermeister geworden ist oder sonst was Teufels, viel mehr jedenfalls als unser Fürst bei Haus!« Aber potz Himmelsackerment, wie wollte er dann regieren und die Leute kuranzen, das wollte er nicht dulden, jenes mußte ihm nicht mehr sein, und wer ihm dagegen handle, den wollte er türmen, peitschen, hängen, schinden lassen, daß die Hunde mal wüßten, daß sie einen Meister hätten und nicht so einen einfältigen und dummen, den man anlügen und zum besten halten könne, wie man nur wolle. Begreiflich mußte ihm dann auch die ganze Schweiz eins werden und nicht jeder dumme Bauer oder Küher meinen, er könne machen, was er wollte. Die dummen Kerls hätten da eine Tagsatzung, sagte er, und räsonierten jeder nach seinem Schnabel, und jeder täte, was ihm wohlgefiele. Wenn er mal was zu sagen hätte, sagte er, so müsse ihm das Ding ganz anders kommen, da müsse alles eins sein, und keiner solle ihm mehr räsonieren. Da wolle er nur eine Kasse haben, die solle in der Hauptstadt sein, wo auch er sei. In die andern Bezirke oder Kantone sende er dann welche aus ihnen, die müßten die Leute aufklären, die Steuern ziehen und sie abliefern in die Hauptkasse.

Während er so träumte und sich aus allen Kantons Geld wie Heu in die Hauptkasse abliefern ließ, so daß sie allesamt splendid und im höchsten Flor lebten, versteht sich, bloß in Gedanken, war seine wirkliche Kasse schlecht bestellt, und je länger je magerer sah es auf dem Tische aus. Am Putze der Frau Meisterin merkte man keinen Mangel, da war noch alles nach der neuesten Mode und alle Augenblicke was Neues. Vielleicht daß Kenner bemerkt hätten, wie der Stoff schlechter ward und am Wascherlohn viel erspart werden sollte. Zuweilen und namentlich an einem Morgen sah die Frau Meisterin aus wie eine Speckseite, welche direkt aus der Rauchkammer kam, und hätte man sie an eine Wand geworfen, so wäre sie daran kleben geblieben wie eine erdrückte Fliege. Wenn nun das Brot so schlecht war und das Fleisch noch schlechter und die Kartoffel schwarzbraun fast wie Kapuzinerkutten, so schimpfte die Frau Meisterin schrecklich über Metzger, Bäcker und Bauern, welche alles immer schlechter lieferten und sich es doch immer teurer bezahlen ließen; gehe man von einem Metzger oder Bäcker zu einem andern, so komme man zumeist vom Regen in die Traufe. Die Frau Meisterin sagte nicht, daß sie einigen Meistern seit langem alles schuldig sei und daher froh sein müßte, vorlieb zu nehmen mit dem, was andere Menschen nicht wollten, daß sie in andern Sachen bis zu den allerschlechtesten Meistern gekommen sei, welche die allerschlechtesten Waren hatten, weil rechte Meister ihr allen Kredit aufgekündet. So geht es: wenn sGeld fehlt, hinkt es an allen Orten, und wer nötig hätte, am wohlfeilsten zu leben, lebt am allerteuersten und allerschlechtesten dazu. Dem Meister schienen darüber keine grauen Haare zu wachsen, er war immer lustig und guter Dinge, gesprächig und nachsichtig mit den Gesellen, was eben vieles gutmachte, namentlich bei solchen, welche mit dem Handwerk unzufrieden waren und zu hohen Dingen sich berufen glaubten. Daneben war er häufiger noch auf dem Kaffeehaus oder sonst in Gesellschaft, trieb sich in der Politik herum, ließ zuweilen hinter geheimnisvollem Gesicht den Vorabend wichtiger Ereignisse ahnen, daß einer zum andern sagte: »Bruder Schweinfurter, paß auf, Himmelsapperment, morgen wirds losgehen, merks dem Meister an, bin froh, wenns bald kömmt, hielte es beim Hagel bei den Knochen der Frau Meisterin nicht mehr lange aus. Was die verfluchten Schweizerkühe für Beine haben müssen, Fleisch kriegt man gar keines nicht zu sehen.«

Das Geheimnisvolle auf des Meisters Angesicht mochte jedoch nicht immer aus den politischen Tiefen kommen, sondern aus gar gemeinen manchmal. Denn allgemach begannen ihm die bessern Kunden untreu zu werden, er merkte mit dem größten Verdruß fremde Arbeit da, wo er sonst seinen besten Brotkorb gehabt. Er schimpfte anfangs über Aristokraten und Pfaffen und verfluchten Brotneid; daher kämen Verleumdungen, und seine Freisinnigkeit, Liberalität ließe man ihn entgelten, was grenzenlos schlecht sei und von der niederträchtigen Gesinnung zeuge. Daß er lässig sei bei der Aufsicht der Arbeit, daß er Gesellenarbeit liefere, der das Auge des Meisters fehle, daß er die Arbeit lässig liefere, verspreche, nicht halte, über Gebühr die Leute hinschleppe, daran dachte er nicht, an die eigenen Fehler dachte er überhaupt nicht. Aber nach und nach wurden ihm sogar politische Freunde abwendig und zwar die, welche gut zahlten. Sie liebten denn doch prompte Arbeit, welche sich gut konserviert, ihre politischen Freundschaften erstreckten sich einstweilen noch nicht über die Gesinnung hinaus, und wenn ein Meister gut arbeitete, so war ihnen nachgerade an seiner Gesinnung grundwenig gelegen. Eine solche Gesinnungslosigkeit machte den Meister fast krank, solche abtrünnig gewordene Kunden nannte er fortan geheime Pfaffen und Aristokraten, und wie radikal sie reden mochten, so sagte der Meister, wenn die Leute wüßten, was er wüßte, sie würden solchen Afterradikalen nicht mit solcher Andacht zuhören, er wüßte besser, was man von ihnen zu halten hätte. Freilich blieben ihm viele seiner politischen Freunde treu, nämlich die, welche auf Bezahlen nicht viel hielten und gerne sich einredeten, so einem recht gutgesinnten, politisch guten Mann und Meister sei es bloß um die Ehre, gar nicht ums Geld, demselben frage er nichts nach, wenn er Menschen von Gesinnung nur bedienen dürfe, so sei er mehr als zufrieden. Die allerbeste Kundsame war es also nicht. Kundsame findet am Ende jeder Meister, aber es gibt eine Kundsame, welche viel schlimmer ist als keine, welche einen Krösus zum armen Pudel machen könnte. Derlei Kundsame kriegte unser Meister, und sie blieb ihm treu, und wer bei solcher Kundsame bei allem, was er kauft oder machen läßt, wiederum zu schlechten Meistern seine Zuflucht nehmen muß, dem geht es wie einer Fliege im Spinnengewebe, er kömmt um allen Saft und kriegt bedenkliche Verlegenheiten.

Die ärgste Verlegenheit für einen Meister und namentlich für einen, der zugleich ein Herr ist und aufs Kaffeehaus geht, ist wohl die, wenn er zur üblichen Zeit seine Gesellen nicht mehr auszahlen kann. Diese Verlegenheit begann allgemach über unsern Meister zu kommen. Er fing an, die Folgen einer schlechten Kundsame zu fühlen, und was es heißt, Ausstände zu haben, die man nicht eintreiben kann, dreimal bitten zu müssen und immer leer abgespeist zu werden, während man selbst in der dringendsten Not ist. Er mußte den Gesellen sagen, er könnte ihnen nur ein Weniges geben, hoffentlich das Ganze am nächsten Zahltage. Es sei eine verfluchte Intrige angesponnen, um ihn zu sprengen um seiner patriotischen, reinen Gesinnung willen. Das seien die Mittel, welche Pfaffen und Aristokraten gebrauchten, um die Freiheit zu unterdrücken und die hohen Ideen nicht geboren werden zu lassen. Er hoffe aber, seine braven Bursche ließen ihn nicht im Stiche, sie geduldeten sich mit ihm und vereitelten die Intrige, gönnten den Kerls die Freude nicht, einen Volksfreund auf den Kopf gestellt zu haben. Breche dann der Tag der Vergeltung an, das Morgenrot einer neuen Zeit, dann solle ihnen vergolten werden, und zwar tausendfach. Natürlich schlugen die Bursche dem braven Meister die Bitte nicht ab, was sie auch um so eher konnten, da sie nicht in einem Kosthause, sondern beim Meister selbst aßen und wohnten. Wer aber in einem Kosthause wohnt, und der Meister bezahlt ihn nicht, der gerät in die bittersten Verlegenheiten, denn gar viele Kostmeister haben gar kurze Geduld, und politische Motive haben bei ihnen durchaus kein Gewicht, sobald vom Zahlen oder Nichtzahlen die Rede ist.

Die braven Bursche freuten sich noch, mit dem Meister um der Ideen willen leiden zu können und verfolgt zu werden, brüteten aber neben diesem Hochgenuß oder Hochgefühl, wie man es nennen will, schreckliche Rache gegen die Tyrannen und stritten sich tagelang mit der größten Heftigkeit, was man mit ihnen anfangen wolle im neuen Reiche, ob sie alle hängen auf einmal an einem langen, langen Waschseile oder nach und nach, um alle Tage was zu haben, um die Langeweile zu vertreiben, oder aber sie leben lassen als Sklaven und Knechte, die man dann so recht verflucht einweichen und in die Gänge bringen könne. Das war wohl kurzweilig, aber damit kriegte der Meister doch nicht Geld, und ohne Geld zu sein, wird am Ende denn doch langweilig. Der Stolz, mit ihrem braven Meister die Verfolgung ertragen zu können, nahm bei den braven Burschen trotz ihren Hochgefühlen doch alle Tage ab. Sie begannen zu finden, der Meister könnte sich doch etwas mehr Mühe geben, um Geld zusammenzukriegen oder um das Aufgehen des Morgenrotes zu beschleunigen, wo sie ungehindert zugreifen könnten, wo Geld zu finden wäre. Es schien ihnen, als sollten sie eigentlich die Last alleine tragen, schmalbarten am Tische, geldlos sein am Sonntag, während der Meister seine gewohnten Gänge ging und die Meisterin sich aufdonnerte nach Noten und noch dazu zuweilen Launen ausließ, mit welchen man die Wanzen hätte vertreiben können. Wenn ein Zahltag ganz oder halb leer vorüberstrich, dann konnte Jakob sich einer Sehnsucht, wie sie die Juden in der Wüste befiel nach den Fleischtöpfen Ägyptens, fast nicht erwehren, der Sehnsucht nach dem Ratsherrn von Basel, dem Himmelssackerment von Aristokraten, der aber auf den Tag auszahlte voll und in schön klingendem Gelde. Er unterdrückte indessen mit aller Kraft ein solch verräterisch Sehnen, nur hie und da, wenn er in die leere Tasche griff, konnte er sich unwillkürlicher Seufzer nicht erwehren.

Der Krug geht zu Wasser, bis er bricht, sagt ein alt Sprüchwort, welches paßt auf alles Irdische, am besten aber wohl auf das Schuldenmachen und Schuldigbleiben. Wenn ein Mensch in die Klemme kömmt mit dem Gelde, so ist es ihm begreiflich nicht wohl, und er sucht das Klemmen sich zu erleichtern, so gut er kann. Wohl dem, welchem eine hohe Theorie zu praktischen Mitteln hilft! So ein gemeiner Kerl ohne Ideen hilft sich auch ganz gemein, er zahlt halt nicht, er weiß wohl, daß fremde Gesellen nicht wohl zu Beitreibungen schreiten können, er sagt ihnen alle Schande, droht sogar mit der Polizei oder sonst mit was. Er hat bei der totalen Unordnung im Gewerbe keinen Gesellenverruf mehr zu fürchten und namentlich deswegen, weil einer Masse Gesellen die Politik im Kopfe steckt und nicht das Handwerk, während andere am politischen Treiben einen Ekel haben, weil sie dieses politische Jucken als eine Art Krätze betrachten, welche, wenn auch nicht in Krankenhäusern, so doch in Zwangshäusern muß ausgeschwitzt werden, wenn man nicht gleich anfangs mit Ernst sie zu heilen sucht. Diese Verrückung des Standpunktes, auf welchem ein Unding dem armen, losgelassenen Lehrburschen zur Hauptsache gemacht wird, ist schuld an der Auflösung des Standes, daran, daß die armen Jungen nichts sind als was frühreife Kirschen den Spatzen sind. Seit politische Vereine sind, ist das Handwerksband, das uralte, goldene, zerschnitten und kein Zusammenhalten mehr in dem, was zunächst im Kreise der Handwerker liegt. So sind fremde Gesellen in fremden Landen gegen unverschämte Meister, wenn auch nicht in Theorie, so doch in Praxis, so viel als schutzlos.

Jakobs Meister war nicht gemein, war ein Mann von Ideen, er sagte daher nicht so trocken: »Ich zahle einstweilen nicht«, oder behauptete gar, bezahlt zu haben, was nicht bezahlt war, sondern er wandte Theorie auf Praxis, Ideen auf das Leben an. Als seine Gesellen nach und nach störrischer, dringlicher wurden, da setzte sich unser Meister auf die Idee als wie ein Kosake auf sein Roß und legte statt der Lanze das System ein. Er hätte geglaubt, sagte er, lauter Leute bei sich zu haben, welche ihn begriffen, Leute von seiner Gesinnung, welche zu leiden vermöchten, bis sie durchbrechen könnten; er habe geglaubt, auf sie bauen zu können, bis durchgebrochen sei. Er sei das Opfer seiner Gesinnung. Ob sie ihn allein wollten leiden lassen, ob sie aufs neue den Beweis leisten wollten, wie töricht jeder sei, der für andere sich opfere? Wäre er ein Meister gewesen von gewöhnlichem Schlage, hätte er auf die Herrschaften gesehen statt auf die Gesellen, so hätte er hundemäßig arbeiten lassen von früh bis spät, hätte den untertänigen Diener gemacht, Arbeit vollauf gehabt und Schweizer und sonstige Schafe sattsam zur Arbeit, hätte jetzt Geld vollauf und keine undankbaren, störrischen Gesellen. Das sei eine trostlose Aussicht für junge Meister, welche Hand bieten wollten zur großen Emanzipation, und gerade die, für welche sie sich ins Feuer legten, empörten sich und wollten die Früchte, ehe sie gereift seien. Schändlich seis, sagte der Meister.

Da ermannte sich der Jakob, während die andern verblüfft dastanden, und sagte: »Meister, mit Verlaub, ganze Kerls sind wir alle, opfern dem Teufel die Seele für unsere Sache, aber mit Gunst, Meister, gegessen müssen wir haben, und trinken wäre nicht unangenehm, aber umsonst wollen die Kerle von Wirt keinen Schnaps mehr geben, Meister, das ist fatal, werdets selbst begreifen. Nun hat der Meister noch Kredit, geht alle Tage aufs Kaffeehaus und abends an den See oder auf die Platte oder sonstwohin, und wir können in keine Kneipe mehr gehen, denn nirgends kriegen wir was auf Pump. Nun dünkt uns, Meister, wir könnten mit Euch auf das Kaffeehaus oder sonstwohin gehn, oder Ihr kämt brüderlich mit uns, und da verzehrten wir brüderlich miteinander Kredit oder Geld, was da wäre, sind wir doch ja Brüder und einer was der andere.«

Diese Schlüsse kamen dem Meister doch kraus vor, und da er ohnehin nicht wohl in seinen Strümpfen, das heißt übellaunig war, so sagte er: »Allweg Brüder sind wir, aber wo Brüder sind, da muß einer regieren, gewöhnlich der älteste, der teilt erst die Arbeit aus, dann jedem was ihm ziemen mag nach Verdienen, denn wie jeder verschiedene Gaben hat, so hat auch jeder einen verschiedenen Verdienst. Nun bin ich der älteste der Brüder oder Meister, der verteilt nach Gutdünken Arbeit und Verdienst, und was ich gebe, Arbeit oder Lohn, damit hat jeder sich zu begnügen, und wie es auch beim Landmann je nach der Ernte schmale oder fette Bissen gibt und alle darein sich schicken müssen, so ists auch beim Handwerker und damit punktum!«

Da deutete mit einem Blicke ein junger Bursche dem Jakob, der auch am meisten aufbegehrt hatte über ihre Drangsale, und Jakob ließ den Blick nicht am Rocke kleben, er nahm ihn in sich, stellte sich dem Meister gegenüber und sagte: »Meister, mit Gunst, so ist das Ding noch nicht, noch ists beim alten, wir sind die Hunde, Pfaffen und Aristokraten, die Schmarotzer, die verfluchten, sind noch da. Einstweilen also, mit Gunst, Meister, gebt uns den Lohn nach altem Brauch, und wie es ausgemacht war! Kömmt endlich das Neue, dann fragt es sich, ob ihr Meister in den höhern Ausschuß kommt, ob an euch das Verteilen von Lohn und Arbeit kommt, es sind andere Leute auch noch da, und möglich ists, daß gar mancher Meister von seinen Gesellen empfangen muß, was er verdient, und angewiesen wird, was und wie er arbeiten soll. Das wird ja alles erst noch ausgemacht durch das freie Mehr, und wer das Zutrauen hat, den trifft es. Einstweilen nun wollen wir den Lohn, denn wir alle wollen nicht mehr für einen arbeiten, und dieser eine soll nicht allein flott leben aus unserm Schweiße, während wir alle darben. Meister, so ists!«

Man sieht, Jakob hatte Fortschritte gemacht im Reden und verstand auch die hundertmal gehörten Phrasen praktisch anzuwenden, sobald er im nüchternen Zustande war. Er hatte dieses mit allen Leuten aus dieser Schule gemein, daß er ein oder zwei Dutzend hochklingende Phrasen herzusagen wußte, und den Zentralpunkt der Freiheit und Gleichheit hatte er vollständig inne: die Hoffnung, ohne Arbeit vom Schweiße der andern leben zu können, dazu erwählt durch das freie Mehr, Mitglied des hohen Ausschusses, welcher die Vorsehung spielen will und jedem geben bei Leibesleben, was er verdient bei Leibesleben. Rückt man jedoch den Kindern dieser Schule näher auf den Leib, schlägt sich durch die Parade mit den Phrasen durch, dann sind sie fertig, und man findet liebe, gute Kinder, von denen es zweifelhaft ist, ob sie vom ABC-Buche weg noch zu einem andern Buche gekommen sind.

Unser Meister stand wie versteinert, als ihm Jakob mit den eigenen Phrasen als wie mit einem Spieß auf den Leib fuhr, eine solche praktische Anwendung der eigenen Grundsätze auf einen gegebenen Fall war ihm durchaus neu. Zur Steuer der Wahrheit müssen wir sagen, sie gefiel dem Meister durchaus nicht; Gesell zu werden und aus des Gesellen Hand zu nehmen, was dieser für gut fand ihm abzureichen, das schien ihm ein himmelschreiend Ding, und so was auszusprechen eine schreckliche, lästerliche Ketzerei. Er geriet in den heftigsten Zorn, und das Ende davon war, daß Jakob mit zwei andern aufprotzte; ob sie dem Meister aufkündeten oder er ihnen, das blieb zwischen ihnen ein streitiger Punkt, über den jede Partei das Gegenteil aussagte. Nun gab es neuen Lärm, dieweil alsobald die abziehenden Gesellen den Lohn haben wollten, der Meister aber kein Geld hatte, und wo nichts ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren.

Einige Freunde des Meisters, freisinnige Seelen, versuchten die Vermittlung, stellten die Sache auf einen höhern Standpunkt, wie man zu sagen pflegt, und suchten dieselbe von noch höher herab zu beleuchten. Sie gaben zu bedenken, wie das der guten Sache schaden müsse, wenn Zwist im eigenen Lager ausbreche, wenn die tüchtigsten Führer, denen man zum größten Dank verpflichtet sei, weil sie ihre Existenz auf das Spiel, sich selbst allen Verfolgungen ausgesetzt, um ein paar jämmerlicher Gulden willen gelähmt und außer Kampf gesetzt würden. Solcher Handlungsweise würden sich Gesellen und Brüder, welche die Wohltat der Erleuchtung bei ihnen genossen und derselben sich so würdig erzeiget, wahrlich nicht schuldig machen wollen, es wäre ja erschrecklich! Sie sollten des hohen Zweckes gedenken, der Menschheit, der Nachwelt, einstweilen leiden und um der paar Gulden willen nicht die Hand vom Pfluge ziehn.

Das war aber bei Jakob in den Wind geredet, während die andern sich begütigen ließen. Jakob sagte: »Ich bin der Jakob und lasse mir nicht so kommen von einem, der nicht mehr ist als ich, ich, der Jakob! Wenn mal die Sache losgeht, so wird man erfahren, wer der Jakob ist, und dann wird Jakob zeigen, wer er ist. Wegen den Gulden ists mir nicht und wegen dem Teilen nicht, es ist mir wegen den Grundsätzen, und wunder nimmt es mich, ob man mich dann ansehen und ästimieren wird als den, der ich bin. Drum pfui Teufel, zu Kreuz zu kriechen vor einem Kerl, wie der Meister ist, der ist gar nichts als ein Pfaff oder Aristokrat; war ers nicht, er würde seine Gesellen anders behandeln. Der Meister ist inwendig gar nichts nutz, nicht einen Kreuzer wert, und wie er redet, denkt er nicht, der Schwerenotskerl.« So redete Jakob sich immer mehr in Zorn hinein, ließ sich nicht begütigen, drohte mit Klagen, begehrte auf, immer wilder und böser. Er gab vierundzwanzig Stunden Zeit, in welcher er bezahlt sein wollte, und brach kurzweg alle Friedensunterhandlungen mit kriegerischen Gebärden ab. Er hatte von seiner Bedeutsamkeit große Begriffe eingesogen, hatte in der Woche so oft gehört, die Handwerker seien der Kern des Volkes, daß er am Ende den Kern auf sich Selbsten, bezog, sich für den Kern von allem hielt, für den Schwerenotskerl, der die Welt auf seinen Schultern trage. Er glaubte, die ganze Welt werde sich für ihn interessieren, werde seine Partei nehmen, Feuer und Flammen werde überall gespien werden. Ach, und alles blieb so kühl und kalt bei der großen Affäre! Man hörte ihm nur mit halbem Ohre zu, man gab ihm zu verstehn, daß es nicht an der Zeit sei, um solcher Kleinigkeiten willen so großen Lärm anzufangen, daß, wer ein rechter Bruder sei, nicht so selbstsüchtig sein dürfe, daß es billig sei, wenn Gesellen eines Meisters, der so großartig für das Ganze sich opfere, auch das Ihrige beitrügen und es so spitz mit dem Meister nicht nähmen. Wenn sie nichts für ihn tun wollten, warum sollte er dann alles für sie tun? Solche Reden machten Jakob fuchswild, denn es ist hart, keinen Anklang zu finden, wenn man geglaubt hat, die ganze Welt werde Sturm läuten oder Hosianna singen.

Am folgenden Morgen trieb er sich in mehreren Werkstätten herum, sah sehr vornehm nach Arbeit sich um, aber allenthalben fand er trockne Worte und kurze Blicke, niemand begehrte sein. Konservative und radikale Meister waren all über einen Leisten geschlagen, sie begehrten den Jakob nicht; seine praktischen Ansichten über die Anwendung des Zeitgeistes und seiner Theorien waren ihnen allen gleich mißbeliebig. Was der Jakob für einen Zorn verarbeitete auf die Hundekerls, welche nichts taugten allesamt, läßt sich gar nicht aussprechen. So kam er voll Feuer und Flammen an den Ort, wo er seinen rückständigen Lohn in Empfang nehmen sollte. Nun wollte das Unglück, daß seine und des Meisters Rechnung nicht übereinstimmten. Die Abschlagszahlungen hatten Verwirrung in die Angelegenheit gebracht, oder vielleicht fehlte es sonst noch wo. Ein zorniger Mann vergißt gerne Stücke aus dem Einmaleins, und ein Meister, der auf dem Trocknen sitzt, verrechnet sich gerne zu seinen eigenen Gunsten. Wenn ihm das Geld knapp abgemessen ist, warum sollte er es andern nicht auch knapp zumessen? Das war eine schlimme Abrechnung, aber der Meister blieb fest, war kurz angebunden, wies auf die Gerichte, wenn Jakob nicht zufrieden sei. Was sollte Jakob machen? Er packte aus grimmiglich. Wären Zürichs Mauern noch gestanden, sie wären vor Jakobs Donner eingefallen wie zu Olims Zeiten die Mauern Jerichos vor den Widderhörnern der Priester. Aber leider gingen Jakobs Schüsse ins Weite, ins Blaue, warfen nichts nieder, zogen im Gegenteil ihm Gefahren auf den Hals, daß er für gut fand, zu schweigen, um nicht eben hinter Mauern, Schloß und Riegel zu geraten. So seis mit der verfluchten Gerechtigkeit in der freien Schweiz, Pfaffen und Aristokraten täten was sie wollten, und wenn ein deutscher Bruder dem armen Volke Glück und Freiheit bringen wolle, so beute so ein radikales Schweizeraas ihn aus. Der Basler, der Ratsherr, hätte nie mit ihm aus einer Flasche getrunken, aber bezahlt hätte er ihn bei Groschen und Pfennig, das müsse er sagen, und hier beute einer ihn aus, der wie ein Bruder getan und geredet, daß man ihm die Worte hätte vom Munde wegfressen mögen, besonders wenn die Frau Meisterin nur Knochen gekocht hätte und man hungrig geblieben sei. Mit dem Meister prozedieren kurz oder lang wollte er nicht, er traute niemand hier, und lange zu verweilen vermochte er nicht, die Böcke (Zürichergeld) und die Schillinge, welche ihm in der Tasche klimperten, machten gar geringen Lärm, er selbst hörte ihn kaum, wie stark er auch den Vorrat umrühren mochte. Er faßte daher einen kühnen Entschluß, er kehrte so rasch als möglich der alten Zürich den Rücken, schüttelte die Faust und sagte: »Wart nur, wenn ich wiederkomm!«


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