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Vierundzwanzigstes Kapitel

Es gibt was Neues: Ehre kommt über den Meister und Liebe über den Jakob, und wie beide sich dabei gebärden

Einmal hatten sie eben zu Nacht gegessen, da klopfte es am Fenster, und als man nachsah, frug eine Stimme, ob der Vater daheim sei. Man hieß den Mann hereinkommen, es war ein guter Bekannter vom Dorfe her. »Guten Abend miteinander!« sagte er, und er möchte gerne das Botenbrot. Das werde eine saubere Botschaft sein, hieß es, und mit Fragen nach der zu verkündigenden Nachricht wurde viel Spaß getrieben. Ob Hochzeiter ein Heuwagen voll angelangt seien oder ein Brief voll Geld, oder ob ein reicher Herr zu Bern gestorben und sie zu Erben eingesetzt hätte, sie könnten es brauchen, oder ob der Vater irgendwo Seckelmeister geworden sei, es sei kein kommoder Amt als Seckelmeister, da kriege man einen Seckel voll Geld und könne aus demselben spendieren nach Belieben und unterdessen den seinen sparen, wenn man nämlich einen hätte. »Wer weiß, ob er es nicht noch werden kann!« sagte der Bekannte, »einstweilen ist er nur noch in den Gemeinderat gekommen.«

Es war selben Tages große Gemeindeversammlung gewesen, denen sonst der Meister getreulich beiwohnte, diesmal jedoch hatte Arbeit, welche versprochen war, ihn davon abgehalten. Der Meister hatte nämlich den für einen Handwerker seltsamen Grundsatz, daß, was versprochen worden, auch gehalten werden müsse, und diesen Grundsatz dehnte er auch auf die Ablieferung von Arbeit aus. Hatte er einmal den Tag genannt, an welchem was fertig sein werde, so war es fertig, und konnte er dieses nicht mit Bestimmtheit voraussehen, so sagte er bloß, das Ding solle fertig werden so bald wie möglich, es solle nicht fehlen, mehr versprechen könne er nicht. Das war der Abhaltungsgrund des Meisters gewesen und nichts anderes. Es war ihm nicht gewesen wie manchem, welcher mit Bestimmtheit erwartet, gewählt zu werden, und deswegen daheim bleibt, weil er sich nicht getraut, seine Freude verbergen und die übliche Bescheidenheit an den Tag legen zu können.

Als die Botschaft, er sei Gemeinderat geworden, so unerwartet kam, hieß es, er solle nicht vexieren, sie wüßten Ernst und Scherz gar wohl zu unterscheiden. Als der Mann aber beteuerte, es sei Ernst, und er würde sich ja schämen, so was lügen zu wollen, zu solchen Spaßen habe er zu graue Haare, da war es merkwürdig, zu sehen, was das für Gesichter gab in der Stube. Die Mädchen flammten hell auf wie ein Bündel Flachs, in welchen man einen Schwefelfaden wirft, unverhohlen loderte ihre Freude zutage. Man sah es ihnen an, wie fröhliche Gedanken in ihren Herzen auftauchten, und wie glücklich sie durch diese Gedanken wurden. Jakob machte ein spöttisch Gesicht und dachte, das werde ein sauberer Gemeinderat werden, so ein Mann ohne alle Bildung, der mit dem Schreiben seines Namens kaum in den längsten Tagen einmal des Tages zustande komme und nichts vom Südpol wisse und noch gar nichts von Eugen Sue gelesen habe. So gehe es einstweilen noch, aber kommen tue die Zeit doch, wo die Bildung ihre Rechte erhalte und solche Tröpfe das Nachsehen hätten. Der werde am Ende meinen, was für ein Gemeinderat er wäre, weil er im Tale bekannt sei, während ihm doch alle grundsätzliche Einsicht abgehe, mit welcher man allenthalben zurechtkomme so gut wie mit dem Finger auf der ganzen Landkarte. So dachte der Jakob. Die Mutter fühlte auch ihr Herz groß werden und dachte wahrscheinlich auch allerlei, indessen legte sie doch nichts Weiteres an den Tag, als daß sie sehr freundlich gegen den Botschafter war, ihm dankte für die Mühe, welche er sich genommen, ihn um den Hergang fragte, Käs holte und Kirschgeist und dem Manne aufwartete und ihn nötigte fast über sein Vermögen.

Der Meister alleine war ganz still geworden, und seltsam war sein Gesicht anzusehen. Bald war es, als ob die Sonne darauf scheine, und handkehrum wieder, als ob es im finstersten Schatten stehe, und doch stand das Licht auf dem Tische immer am nämlichen Orte. Es stritten sich nämlich zwei Mächte in dem ehrlichen Meister: die Freude über die Wahl und das Bangen, welches aus der wahren Demut kömmt, ob man dem anvertrauten Amte auch gewachsen sei. Der Alte war Korporal aus der napoleonischen Schule, bei Polotsk war er es geworden; er wußte, wie das hebt, wenn man den Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter setzt, die nach oben führt, wußte, wie er sich ein ganz anderer Mensch fühlte, als die Schnüre seinen Arm zierten, wie das Bewußtsein, Korporal zu sein, ihm Kraft gab, bei ihm mehr wirkte als zwei Rationen vom besten Pferdefleisch. Er wußte, was man schon sein mußte, um Korporal zu werden, und was man bei den andern galt, wenn man es war. Darum freute ihn die Wahl sehr, er nahm sie als eine Auszeichnung, an die er nicht gedacht hatte. Zumeist wurden sonst zu solchen Stellen größere Besitzer, habhafte Leute gewählt, er konnte sie also wirklich als eine Art Auszeichnung ansehen. Zur Freude aber kam das Bangen. Als er Korporal wurde, wußte er, was ihm oblag, er hatte den Dienst wohl schon versehen und zwar im heißen Pulverdampfe, aber was ein Gemeinderat alles zu tun hatte, wußte er nicht, geschweige daß er seine Tüchtigkeit in der Erfüllung der Pflichten bereits erprobt gehabt hätte, und mit Schanden wäre er nicht gerne bestanden. Der gute Alte dachte nicht daran, daß das nicht ging wie bei Napoleon, wo die Untüchtigkeit bald an den Tag kam, keiner sie mit dem Maul, und hätte er eins gehabt wie ein Stadttor, bedecken konnte, daß man zu den höchsten Staatsstellen kommen konnte, ohne mehr davon zu verstehen als ein Esel vom Flöten, ja, daß man, ohne was davon zu verstehen, darin in großen Ehren stehen konnte, wenn man sich auf drei Dinge recht gut verstand: auf das Schmeicheln, auf das Verleumden, beides am rechten Orte, auf das Welschen! Wer am tapfersten welschen kann, ohne ein Wort Welsch zu verstehen, das ist der Mann Israels, und wenn man noch einmal einen Turm zu Babel bauen wollte, so würde derselbe Baumeister. Er war eben noch vom demütigen Schlage, welcher zagt bei der Übernahme von Pflichten, dann aber desto treuer und tüchtiger ist in ihrer Erfüllung, und nicht von dem Schlage, der sich alles zutraut, und wenn er hat, was er will, sich nicht im mindesten darum kümmert, was er soll.

Er schüttelte daher schwer den Kopf, äußerte dieses Bangen und sprach vom Ausschlagen der Wahl. Potz Türk, wie da die Mädchen auffuhren, und was für Augen die Frau Meisterin machte, doch kamen sie nicht zur Rede. Der Botschafter war ohne Hülfe imstande, die Bedenken des neuen Gemeinderats so weit zu beseitigen, daß er sich entschloß, einstweilen die Stelle anzunehmen unter dem Vorbehalt, sie wieder abgeben zu können, wenn er sich als untauglich erfinden sollte. Nun, man weiß, wie das ist, und viel war es jedenfalls, daß der Meister gleich anfangs das rechte Gefühl hatte, und mehr noch war es, daß er später nicht stolz ward. Er hatte es im Gegenteil wie eine verschämte junge Frau, welche sich in den ersten Tagen ihrer Ehe nicht gerne vor dem Volke zeigt, woher bekanntlich die Hochzeitreisen entstanden sind. Wären indessen gegenwärtig gar selten mehr nötig.

Jakob, mit einem seltsamen Groll im Herzen, denn hier oben konnte er doch einstweilen noch nicht Ratsherr werden (warum geht, wer fremd ist und Ratsherr werden möchte, nicht nach Haus, führt sich brav auf und sucht daheim zu Ehren zu kommen?) freute sich nun sehr darauf, wie der Meister und die Frau Meisterin samt den Fräulein Töchtern sich sträußen und brüsten würden, der Meister einen Dreimaster aufs Haupt pflanzen, noch einmal so viel Flaschen versorgen, die Frau Meisterin eine Hoffart aufpflanzen, das Häuschen mit Sammet werde überziehen, die Stalltüren mit himmelblauer Ölfarbe und Firnis werde anstreichen lassen. Auch andern, welche dem Meister die Wahl mißgönnten, ging es ebenso, sie lauerten mit Habichtaugen auf alle die Blößen, welche der ehrliche Meister an den Tag fördern, wie er das Handwerk vernachlässigen und auf dem Kopfstehen werde, ehe er daran denke. Kurios, die Bursche konnten dem Meister die Rechnung machen, welche sie sich selbst nie machen können, weswegen auch so viele von dieser Sorte durchbrennen oder, wie man in der Schweiz zu sagen pflegt, sich mit dem Schelmen davonmachen. Haben sie sich in ein Amt gedrängt, so kömmt der Hochmut, sie wollen es den Ersten gleichtun, machen lange zurückgehaltene Gelüste geltend, welche auf einmal alle wollen befriedigt sein, und weil endlich eine Hoffnung in Erfüllung gegangen, so meinen sie, es werden sich alle erfüllen, sie würden zum Beispiel rasch von Amt zu Amte steigen, bis sie mitten im Butterfaß säßen, nicht bloß Tauben, sondern Elefanten ins Maul fliegen und das Gold mit Scheffeln ihnen werde zugemessen werden. Nun tuts das Ding halt nicht, der Krug geht zum Wasser, bis er bricht, und wenn endlich das Maß voll ist, läuft das Wasser über, und wenn der Hochmut sich sattsam gebrüstet, welket er und tut einen großen Fall. So, meinten sie, werde auch der neue Gemeinderat tun, und irrten sich, denn es war eben ein anderer Sinn in ihm, als der in ihnen war, und von innen heraus, aus dem Sinne eben kömmt, was sichtbar wird, und des Lebens verschiedene Gestaltung ist eben im verschiedenen Sinne zu suchen und nicht in verschiedenem Blute und anderes Stammes Art, wie Jakob meinte.

Zu seiner Verwunderung merkte Jakob, daß das Umgekehrte von dem geschah, was er erwartet hatte. Der Meister trank manche Flasche weniger, schaffte manche Stunde mehr, und die Frau Meisterin hielt die Mädchen knapper, trieb sie zu größerem Fleiße, und an manchem Tanztage blieben sie zu Hause, wo man sie früher mit ehernen Ketten nicht hinreichend hätte fesseln können. Der Meister wußte, wie er sich zusammennehmen mußte, als er Korporal wurde, um das erhaltene Vertrauen nicht zu verlieren, er wußte, daß manches, was ein Gemeiner tat, einem Korporal schon nicht mehr erlaubt war. Ein Korporal war auch ein Glied in der großen Kette, an welcher das Wohl des Ganzen hing; ein Fehler, eine Nachlässigkeit desselben konnte Hunderte von Menschenleben, konnte die Niederlage einer Armee kosten. Bei einem Gemeinderat geht die Gefahr nicht so weit, indessen hängen doch Ehre und Wohlstand einer Gemeinde von dem Sinne der Vorgesetzten ab, der Gemeinde Kredit ist durch den persönlichen Kredit ihrer Vorgesetzten bedingt. Hat eine Gemeinde den rechten Sinn, so vertraut sie nur vertrauten Männern ihr Wohl und ihre Ehre an, schlechte Wahlen zeugen immer von schlechtem Sinn. Eine bedeutende Eigenschaft, auf welche eine rechte Gemeinde sieht, ist eine gewisse Hablichkeit, nicht weil das Geld die Hauptsache ist, sondern weil diese Hablichkeit ein Zeugnis ist, der Mann sei ein guter Haushalter, und wer seinem Haushalt nicht vorzustehen imstande ist, ist nicht bloß ärger als ein Heide, wie der Apostel sagt, sondern taugt auch nicht zu einem Vorgesetzten. Wer im Kleinen ungetreu ist, wird der treu im Großen werden, und wer an Vater und Mutter, an Weib und Kindern ein Schelm ist, kann der Ehrenmann sein gegenüber der Gemeinde oder gar dem Staat? Das ist ein Punkt, über den viel zu sagen wäre, aber man könnte glauben, es sei gestichelt, und könnte böse darüber werden, nicht bloß in Deutschland draußen, sondern auch drinnen im Kanton Bern. Jedenfalls ist man berechtigt, anzunehmen, daß, wer im schlechten Gemeindehaushalt was zu verlieren hat, sei es Ehre, Kredit oder Geld, um so sorgfältiger der Gemeinde haushalten werde, daß er auch um so weniger nötig habe, im Trüben zu fischen und von allerlei Schlichen und selbst erfundenen Vorteilen zu leben. Unser Meister fühlte das, fühlte, was er durch seine Wahl der ganzen Gemeinde schuldig geworden sei, nämlich nicht bloß ein ehrbarer Mann zu sein, sondern auch ein guter Haushalter zu werden und durch Sparsamkeit sich einzureihen bei den hablichen Leuten, damit er auch eine Garantie darbiete und man der Gemeinde nicht vorwerfen könne, sie sei eine Hudelgemeinde, dieweil sie Lumpen zu Haushaltern setze.

So war der Meister gesinnt, und die Meisterin widerstrebte nicht. Ob es den Mann viele Mühe gekostet, sie ins gleiche Fahrwasser zu bringen, wissen wir nicht, wir denken aber nicht, da auch der Mann sein Opfer brachte und nicht vom Weibe alleine Einschränkung und Entbehrung forderte. Den Mädchen mag es hart angekommen sein, indessen waren sie an Gehorsam gewöhnt, und was sie äußerlich entbehren mußten, das ersetzte ihnen die Freude, daß der Vater Gemeinderat sei und sie doch jetzt auch zu den Vornehmern zu zählen seien. Man kann sich denken, wie das Publikum gespannt war auf das Benehmen dieser Familie bei dieser Standeserhöhung, und mit großen Freuden sah der Teil, zu welchem der Meister gehörte, die Wirkung auf die Familie, und gar manch gut, belobend Wort kam von dieser Seite her den einzelnen Gliedern zu, und diese Worte trösteten die Töchter für gar manche Entbehrung. Sie sahen, daß diese Häuslichkeit ein viel bedeutenderer Faktor sei zu ihrem zukünftigen Glück als Tanzen, Singen und Lustigsein, und daß es die rechten Leute seien, welche sich dessen achteten. Das sehen leider noch gar viele Mädchen zu Stadt und Land nicht ein. Sie meinen, das Glück sei eine Person (Mannsperson, versteht sich), welche nur mit Lockvögeln zu fangen sei, und locken sie nur mit Springen und Tanzen, Singen und Klavieren und sonst den Narren machen hinter der Mannsperson, das heißt dem Glücke, her, daß einem übel angst wird dabei, und daß man fast riskiert, selbst ein Narr zu werden ob all der Narrheiten. Und wenn man ihnen sagt, das Glück, das heißt eine Mannsperson, lasse sich nicht so locken, sondern eben mit Locken und sonstiger Narretei mache man sie scheu, die wunderlichen Vögel, sie flögen weiter und kriegten zuletzt eine Angst in den Leib, daß sie nirgends mehr absitzen möchten aus Angst, in Leimruten abzusitzen und gefangen zu werden, die Mannspersonen seien Vögel, welche man gar nicht zu beachten scheinen müßte, bis sie ordentlich hergewatschelt kämen, wie Gänseriche und Enteriche watscheln, und anhielten, man möchte sie doch fangen, binden, die Flügel schroten, so meinen sie, man vexiere oder sei eine alte Seele aus einem längst vergangenen Jahrhundert, welche von Mode und Zeitgeist gar nichts gerochen. Nun, wer keine Ohren hat, den kann man nicht singen lehren, und wer keinen Hals hat, dem kann man nichts einschütten, nicht einmal Verstand, was eben für viele ein fataler Umstand ist, und wenn ein Mädchen zwei Narren gefressen, einen an sich selbst und einen an einer Mannsperson, so bringt man ihm einstweilen nichts Kluges bei.

Doch jede Sache hat zwei Seiten, und was die einen gerne sehen, gefällt den andern übel, und was die einen loben, dem hängen die andern böse Worte an. So ärgerte sich die eine Partei über der Familie Zusammennehmen und spottete über sie, suchte mit Spott sie auf die Bahn zu treiben, auf welcher man so recht von Herzenslust über sie sich lustig machen und zusehen konnte, wie sie vor lauter Ehre in Unehre käme. Diesen gesellte sich, wir müssen es leider sagen, mehr oder weniger Jakob bei. Es war ihm im Grunde wohl im Hause, aber es ärgerten ihn die Leute und zwar hauptsächlich wegen ihrer religiösen Ansichten, die im Laufe des Winters immer mehr an den Tag traten, ohne jedoch daß Jakob den Zusammenhang der religiösen Ansichten mit dem äußern Leben so recht bemerkt und eingesehen hatte, daß das anständige, schöne Leben in den Häusern, in welchen es einem so wohl war, aus dem innern, religiösen Leben hervorwuchs.

Von diesem innern Leben sprach man nirgends viel ohne besondern Anlaß, ein solcher aber gab sich in diesem Winter. Das jüngste Mädchen besuchte noch die Unterweisungen, und dieser Unterricht wurde sehr wichtig gehalten, und gleichsam die ganze Haushaltung nahm daran teil, das Mädchen selbst war ganz erfüllt davon. Wann es heimkam, mußte es Bericht geben, welche Frage im Katechismus sie gehabt, wie der Pfarrer dies ausgelegt oder jenes, wer habe antworten können, wer nicht, was für Bibelsprüche als Zeugnisse angewandt worden seien. Nun waren die Eltern und die Kinder nicht von den gleichen Pfarrern unterwiesen worden, und jedem war sein Unterweiser seine Autorität; »so hat ers gesagt, und so wirds sein«, sagte jedes. Sehr oft trafen die Auslegungen zusammen, zuweilen gab es Abweichungen, welche weitläufig besprochen wurden, und wobei allemal die strengere, ernstere Auslegung den größten Beifall erhielt, so wie auch der Pfarrer am höchsten gehalten wurde, welcher diesem Unterrichte die größte Wichtigkeit beilegte. Wenn es hieß: »Unser Pfarrer war scharf und daneben doch gut, wir mußten so und so oft gehen in der Woche und hatten dabei noch zu Hause nachzuschlagen in der Bibel oder Aufsätze zu machen, und Strenge hat er manchmal angewendet, daß man hätte meinen sollen, er müßte die Herzen alle aufsprengen, und hätten sie eine Rinde klafterdick«, so ward erkannt, so wärs recht; wenn man schon anfangs es tadle, hinterdrein sehe man doch, daß es gut sei. Das sei nichts, wenn man den Leuten zulieb die Sache zu leicht mache, auf solche Pfarrer sei nicht viel zu halten. Wenn ihnen an der Sache mehr gelegen wäre, so würden sie die Sache auch immer schwerer machen, selb hätte sich ja so nötig, da die Welt auch immer schlechter werde und der Glaube abnehme.

Aber das Mädchen wollte nicht bloß Bericht erstatten, es wollte auch unterstützt sein. Was den folgenden Tag vorkommen sollte, wurde besprochen, dem Mädchen gesagt, wenn der Pfarrer das frage, so müsse es jenes antworten. Wenn das Mädchen dann heimkam, so wollte man begreiflich wissen, ob es gefragt worden, was es geantwortet, und ob der Pfarrer gesagt, daß es gut sei, und was er gesagt, daß es stets antworten könne. Dann war die Antwort: »Gesagt hat er, daß man immer merke, wo daheim noch Glaube sei und mit den Kindern von der Religion gesprochen werde; wo dies nicht geschehe, sei wenig zu machen, es sei, als ob man auf eine Fluh Erdäpfel pflanzen wolle.«

Nun hatte Jakob die Bosheit, sich in die Gespräche einzumischen und seine Anschauungsweise an ihrem Glauben zu wetzen und seine Grundsätze im Gewände der Leichtfertigkeit und des Spottes grell und widerlich an den Tag zu geben. Es ist dies die Weise, wie ein sich erhaben dünkender Geist zu Untergeordneten, die ihm nicht »Ja« nachsagen wollen, wenn er »Ja« vorsagt, zu reden pflegt. Der Alte nahm dies auf in kaltblütiger Ruhe, aus welcher zuweilen eine derbe Zurechtweisung blitzte, wenn ihm das Ding zu arg wurde. Das Weibervolk dagegen wurde gegen ihn im hohen Grade erbittert, und wenn es Meister gewesen wäre, Jakob hätte den Weg bald unter die Füße nehmen können. Aber der Meister sagte, Jakobs Glaube sei seine Sache, sie müßten nicht für ihn dem Teufel zu. Es sei ihm lieb, daß sie einen Abscheu vor ihm hätten, so werde er ihnen an ihrem Glauben nicht schaden, und gut sei es, wenn sie sich mal selbst überzeugten, was es für Leute gebe, so lernten sie sich vor solchen hüten. Als Geselle sei er ihm anständig und namentlich jetzt, wo er so oft abwesend sein müsse, er verstehe die Arbeit, und so viel er wisse, sei er treu. »Vater, traue ihm nicht!« hieß es dann; »einem, der keinen Glauben hat, ist nichts zu trauen, betrügt einer unsern Herrgott, was sollte sich so einer daraus machen, die Menschen anzuführen?« »Nicht viel allweg«, sagte der Vater, »das laßt euch gesagt sein, Mädchen, und vergeßt es nicht, es kann euch kommod kommen! Mich betrügt er nur einmal, dann ist der Schade leicht geheilt, bei Mädchen ist das was ganz anders, darum aufgeschaut!« Das Ding sagte der Alte nicht umsonst, denn er hatte Augen im Kopf, hatte was damit gesehen, und wenn er aus der Werkstatt ging, nahm er sie mit allenthalben wo er hinging, und mit diesen Augen hatte er gesehen, daß etwas in Jakob vorging, und daß er seiner nachältesten Tochter Eiseli nachging.

Das war aber auch ein Prachtmädchen, wie sie selten sind, so eine recht schöne Oberländerin mit der feinen Haut, den feinen Zügen, dem reichen, blonden Haarwuchs, der schlanken Figur, den kräftigen, leichten Bewegungen. Die Luzerner sagen von einem Mädchen, wenn sie es recht loben wollen, es könne schön beten und gut tanzen. Der Spruch tönt seltsam, ist aber ein tiefer Sinn darin; er bezeichnet ein Mädchen mit tiefem, innigem Sinn und hellem, heiterm Gemüte, das zu lachen und zu weinen weiß und alles von ganzem Herzen und, wir möchten sagen, mit Leib und Seele. So war Eiseli. Im gewöhnlichen Leben war es oft ernst, und wenn es arbeitete, so war es auch dabei mit den Gedanken, und die Arbeit schien ihm unter den Händen wegzufliegen. Hatte es was angerührt, so war es vollbracht, und stören ließ es sich nicht dabei. Daß es aber auch anderes dachte, sah man an den Abenden, wenn die Unterweisungen verhandelt wurden. Eiseli war es, welches in streitigen Fällen der Sache zumeist den Tätsch, das heißt den Ausschlag, gab. Eiseli war es, welches über Jakobs Reden am zornigsten ward und ihn am beißendsten abfertigte, daß es die andern manchmal dünkte, es sollten dem Jakob Fetzen vom Kopfe fahren. Wenn es sang, so war es, als streckten die Berge sich höher auf, als ständen die Bäche still, den Menschen schwoll das Herz auf, und in die Augen kam das Wasser. War es fröhlich oder tanzte gar, dann wars wie ein Sonnenstrahl, und es war, als ob alle andern glänzten in dessen Widerschein. Alles mußte Eiseli ansehen, und mehr als einmal hörte man die leichtfertige Rede, der liebe Gott sei verschossen, das Mädchen hätte er zu einer Königin oder einer Heiligen machen sollen, als ob Gott die kleinen Häuschen nicht auch bedenken sollte mit schönen Blumen und holden Gaben. Und dieses Eiseli war es, welches es dem Jakob angetan hatte, und je wüster es ihm sagte, desto schöner dünkte ihm das Mädchen, je weniger es etwas von ihm wollte, desto mehr ward es ihm, als müsse er es haben.

Seit er von Bern fort war, hatte ihn die Liebe unangefochten gelassen, ja, sogar seine frühern Liebschaften hatte er vergessen. Das Andenken an die abgebleichte Melanie war von selbst erloschen, das Andenken an die arme Kathi hatte er mit Gewalt unterdrückt. Erst hatten ihm politische Träume den Kopf gefüllt, im Spital waren ihm vollends alle Liebesgedanken vergangen, seither hatte nichts apart Liebenswürdiges sich dargestellt. Die alten Leute waren ihm wohl lieb gewesen, Babette und ihre Kinder ebenfalls, aber diese Liebe war ihm ja lästig erschienen, und er hatte sich vorgenommen, künftig gar nichts mehr zu lieben, geschweige denn sich so recht von ganzem Gemüte zu verlieben.

Das Menschenkind nimmt sich gar manches vor und tut handkehrum das Gegenteil, und wer meint, er stehe, sehe zu, daß er nicht falle! Die Menschen, welche wissen, wie schwach oder wie stark sie sind, und welche aus dem Anfang auf das Ende schließen können, das heißt, wenn eine Bewegung in ihnen entsteht, einsehen, in welcher Richtung und zu welchem Ziele sie führt, laufen nicht herdenweise in der Welt herum. Nun war der Jakob wohl gescheuter und besonnener geworden, aber sich selbst kannte er doch noch nicht, und so weit war er auch noch nicht, daß er sich von Vorurteilen oder vorgefaßten Schlüssen, welche jedes sichere Urteil hindern, hätte freimachen können. So konnte er trotz allen gemachten Erfahrungen es nicht zum Urteile bringen, daß das Christentum der gute Hausgeist sei, welcher das Wohnen in christlichen Häusern so lieblich mache, und nicht zwei Stämme das Tal bewohnen, sondern Menschen von zweierlei Sinnesweise, Gläubige und Ungläubige, wenn man will, obgleich diese Ausdrücke nicht bezeichnend sind, denn jeder Mensch glaubt etwas, es fragt sich aber was.

Schön mußte das Mädchen auch dessen bitterster Feind finden. Jakob fand es auch, und wenn er es ansehen konnte, so sparte er es nicht. Er hatte oft gehört, im Oberland sei die Keuschheit eben nicht die Haupttugend und die Mädchen besonders spröde nicht. Er genierte sich also nicht, betrug sich, wie man sagt, kavaliermäßig, das heißt, er nahm an, was er tue, dazu habe er das Recht, und es sei recht. War er doch ein Fremder im Tale, und hatte er doch von Fremden gehört, es sei so hier oben. Aber Jakob ward zur Ordnung gewiesen und zwar nicht mit dem zarten Lächeln, mit welchem heutige Präsidenten ungebärdige Großräte an die Ordnung mahnen, das heißt, wenn sie daran erinnert werden, daß sie es tun sollen, sondern mit einer vaterländischen Ohrfeige, welche den Jakob in Kummer versetzte wegen seinem linken Ohr. Denn in dessen dunkeln Hallen begann es zu läuten und läutete Tag und Nacht fort, daß Jakob dachte, wenn ein Gott wäre, so müßte er glauben, derselbe hätte alle großen Glocken der Erde in sein Ohr gebannt zur Strafe, daß er der Kirchenglocken sich nicht geachtet, sondern bloß der Eßglocke. Wenn es allen Leuten deswegen läuten sollte in den Ohren, mit wie viel Ohren stände es doch grundschlecht! Jakob erfuhr es, daß den Fremden nicht alles zu glauben sei, daß sie nicht das Volk, sondern bloß die Heerstraße kennen, daß sie, wie es im Liede heißt, nicht Mädchen haben konnten, darum mit Huren getanzt, nach denen das Konterfei geschnitten und gesagt, so seien die Oberländerinnen.

Das sei ein verflucht Mädel, dachte Jakob, der Kröte wolle er es eintreiben, er sei der Jakob, und sie müsse erfahren, wer der Jakob sei, und wie er so ein dumm Mensch verachte von ganzer Seele und aus allen Kräften. Um nun jemand seine Verachtung verständlich zu zeigen, muß man sich ihm nähern, mit ihm verkehren, und das tat denn auch Jakob eifrigst, sobald es ihm in den Ohren etwas verläutet hatte. Er nahte sich also, nicht um zu liebkosen, sondern um zu plagen und zu ärgern, und so halb und halb dachte er, das Mensch stelle sich nur so wild, am Ende lege es klein bei, bitte um Verzeihung, dann frage es sich, ob er barmherzig sein wolle oder nicht. So ein Mensch, dachte er bei sich, war nicht übel für den Anfang, solang sie einem gefiele, um die Haushaltung zu machen, die verstände sie, wäre keine Madam; bei so einer brauchte man keine Magd, und Konzert hätte man alle Tage frei. Da hätte man wieder ein Exempel, wie kommod die freie Ehe wäre, namentlich für einen Anfänger. Anfangs könnte er so eine nehmen, welche gut genug wäre für die Magd, später, wenn er was verdient und im Trocknen säße, könnte er sich eine Gebildete beilegen, eine aufgeklärte Madam, und die erste weiterschicken, wie es der Erzvater Abraham mit der Hagar ja auch gemacht. Es sei doch nicht billig und recht, daß ein Mann wie er, der im Drang der Umstände sich ein gemein Weib habe beilegen müssen, weil er keine andere gekriegt hätte und keine andere hätte brauchen können, dasselbe dann sein Lebtag behalten müßte, wenn er eine Gebildete kriegen und brauchen könnte. Wer in bessere Umstände komme, kleide sich besser, wohne schöner, lasse in Essen und Trinken es sich behagen, er wüßte doch gar nicht, warum man denn so ein Mensch sein Lebtag behalten müßte. Was doch die Großmutter sagen würde, wenn er so mit einer daherkäme und sagte, das wäre seine Frau, in der Schweiz könne man heiraten ohne Faxen und Schriften. Er glaube, sie gefiele der Großmutter, und im ganzen Lande würde man reden von der schönen Schweizerin, sie zöge ihm noch große Kundschaft zu, und hätte er sie satt und nicht mehr nötig, so lasse er ihr ein Paar Schuhe machen, stelle sie auf die Straße und sage: »Marsch!« Dann könne sie in Gottes Namen den Weg unter die Füße nehmen und die Schweiz wieder suchen. Gedanken sind bekanntlich wunderlich, die einen sind wie Nebel, kommen und schwinden, andere wie Samenkörner, fallen in fruchtbares Erdreich und kriegen Leben, andere wie Würmer, kriechen herum, hängen sich fest, puppen sich ein, fliegen als Schmetterlinge in die Welt hinaus. Nun hatte Jakob im Sinne, heimzugehen und Meister zu werden, daran dachte er oft, und an diesen Gedanken hing sich nun der andere, aber allerdings bloß so als Spiel der Einbildungskraft: wie es wäre, wenn er Eiseli nachlockte und mitnehmen täte, kommod war sie ihm, und kujonieren könnte er dann das Mensch nach Noten und zeigen, wer der Jakob sei.

Er begann mehr und mehr die Mädchen von seinem System, von der freien Ehe, in Kenntnis zu setzen und auseinanderzusetzen, wie kommod dasselbe sei und zwar für beide Teile. Drei Mädel seien sie, sagte er, und noch keins verbraucht, alle drei harrten noch auf ihren Erlöser und wahrscheinlich alle umsonst, denn das Bleibende sei nicht mehr Mode. Wenn man nicht mehr bleibende Ratsherren wolle und zwar aus guten Gründen, sondern alle sechs Jahre andere, so wüßte er nicht, warum man bleibende Weiber haben müßte. Hier seien zum Wechsel noch viel bessere Gründe, sintemalen ein Weib noch lange kein Ratsherr sei. Wie man aus Stroh nie eine goldene Kette machen kann, und brauchte man dazu alles Stroh der Welt, so kriege man nie einen Ratsherrn, wenn man auch alle Weiber der Welt in einem Mörser zerstieße, den Teig durch alle Bäcker der Welt kneten und alle aufzutreibenden Formen aufs Feuer täte, auf wahre Höllenfeuer, gemacht aus gestohlenem Holz, man siedete noch lange keinen Ratsherrn heraus. Und doch wäre noch mancher nicht Ratsherr geworden, wenn man nicht gedacht hätte, man könnte ändern. Seine besten Freunde hätten das Kreuz gemacht und gesagt: »Pfui Teufel!« wenn sie gedacht, man müsse ihn haben sein Leben lang. Nun sei es doch immer besser, Ratsherr zu werden auf sechs Jahre als gar nie, und so sei es auch unendlich besser, einen Mann zu kriegen, wenn auch nur auf ein paar Jahre, als gar keinen. Wenn nun einer wüßte, daß er das Weib laufen lassen könnte, wenn sie nicht mehr für einander paßten oder das Weib sich nicht in seine Lage schicken wollte, so würde wohl selten einer anstehen, eine Frau zu nehmen, solange es ihm gefalle; die meisten Mädchen kämen wenigstens eine Zeitlang zu einem Manne, und die ledigen Mädchen würden so rar wie die Dublonen. So mache man sich auch nicht so unglücklich; wenn die Sache nicht mehr gehen wolle, so plage man sich nicht lange, sondern jedes gehe seiner Wege. Dann gab er gewöhnlich seinen frühern Meister zum Exempel, wie da ein Unglück sei im Hause und bloß daher, weil sie nicht voneinander könnten. Der Meister sei ein rechter, tüchtiger, braver Mann außerhalb dem Hause, aber zu einem Hausvater passe er nicht, das sei halt nicht seine Gabe; die Frau wäre recht glücklich ohne Mann oder mit einem, der Anlage zum Hausvater hätte und viele Geduld. Nun müßten sie da zusammenbleiben, würden des Unglücks nie los, und das sei doch eine heillose Sache, gegen alle Vernunft und Menschenrechte.

So dozierte Jakob. Wären die Leute katholisch gewesen, sie hätten das Kreuz vor ihm gemacht wie vor einem bösen Geiste. Indessen zeigten sie sich als gute Protestanten, brauchten kräftige Worte, meinten, das sei eine bequeme Lehre für Lumpe und Stromer, und wer solche Dinge rede, dem sollte man ein besonder Zeichen in die Ohren hauen, damit jedermann sich vor ihm hüten könnte. Der Meister redete gründlicher dagegen, der meinte, das würde eine saubere Lebensweise geben, und zuletzt täte es unter den Menschen zugehen ärger als unter dem Vieh. Es werde sich wohl selten geben, daß zwei zusammenkämen, welche sich akkurat zusammen schickten, nichts Ungerades zwischen sie käme, die nie Lust kriegten, auseinanderzulaufen. »Aber dafür ist man auf der Welt, um sich vertragen zu lernen, eines am andern Geduld zu üben und so sich gegenseitig zu bessern, beständig in der Liebe und Sanftmut aneinander zu feilen, wie der Pfarrer sagt, daß man alle Tage besser wird, eins dem andern in den Himmel hilft, wie zwei, welche einander gegenseitig unterstützen, auch besser eine steile Bergwand erklimmen als eins alleine. Ich und meine Alte hatten manchen Strauß miteinander, aber bei jedem lernten wir was, und nach und nach kams, wenn auch nicht vollkommen gut, doch so, wie es ist, und ich bin zufrieden, und du auch, Mutter, nicht wahr?«

»Aber warum so sich plagen und Mühe haben mit Feilen, am Ende hat man nichts davon als sein Lebtag sich Zwang angetan und gelebt wie mit Stricken um die Füße und einem Knebel im Maul. Was hilft es einem, daß man gefeilt worden, gestorben muß es doch sein, und tot ist tot!« so sagte Jakob. Da kam dann wohl aus einer Ecke eine Zwischenrede, daß man es ihm gönnen möchte, wenn es so wäre; wenigstens hofften sie, ihn in jenem Leben nicht anzutreffen und solche gottlose Worte hören zu müssen. »Und dann die Kinder«, frug der Alte wohl, »was soll aus diesen werden, wenn die Menschen zu leben anfangen wie die Hunde und wie die Katzen?« »Na, die Kinder«, sagte dann Jakob, »die wird man nicht totschlagen, die kann der Vater nehmen oder kann die Mutter nehmen, wer sie am liebsten mag, und mag sie keins, je nun, so kann sie der Staat erhalten oder die Gemeinde, und das Gesetz muß dafür sorgen, daß sie gehörig erzogen werden und gebildet. Das ist das Beste, da werden alle Kinder gleich erzogen, eins lernt was das andere, und so wird dem Hochmut und der verfluchten Aristokratie, wo einer nicht bloß reicher, sondern auch gelehrter sein will, am gründlichsten ein Ende gemacht. Dann heulen auch die Mütter nicht so, wenn ein Kind stirbt, man kriegt nicht die Liebe, wie wenn man sie selbst haben muß, die doch manchmal einem kömmt, man weiß nicht warum. So eine Liebe ist nur eine Plage, daß man Weh kriegt, wenn man voneinander muß, und einander den Tod nicht gönnen mag und wehklagt, statt daß man sagen sollte: ›Es ist ihm wohlgegangen und mir nicht übel.‹« Die Liebe sei die dümmste Sache von der Welt, eine selbst gemachte Plage; wer wohl leben und gleichgültig sterben wolle, müsse gescheut sein, das Lieben lassen, tun, was ihm wohlmache, und meiden, was er nicht möge.

Während Jakob so redete, zog gerade die Liebe ein in seinem Herzen, und er predigte seine Lehre nicht mehr so aus bloßem Hochmut und andern zum Trotz, sondern mit dem eifrigen Triebe, sie andern beizubringen und namentlich Eiseli zu bekehren. Das Mädchen wuchs ihm alle Tage tiefer in die Seele, er ward unzertrennlich von dem Gedanken, das Mädchen müsse sein werden, und ohne das Mädchen könne er nicht sein. Es kam die Eifersucht über ihn, der Trieb, dem Mädchen sich angenehm zu machen auf jegliche Weise, der Widerwille, einen Tag vom Hause zu sein, die peinliche Unruhe, wenn das Mädchen ausgegangen war, das Nichtwartenmögen, bis es wiederkam. Es war ihm, als könnte er alles, alles geben, was er hätte, wenn das Mädchen ihm einmal die Hand geben und freundlich sagen wollte: »Jakob, du bist mir lieb!« Dazu sparte er keine guten Worte, und zu gleicher Zeit bot er alle seine Gaben auf, Eiseli zu unterrichten im entschiedenen Fortschritt, das Mädchen zu einer Anhängerin der freien Liebe zu machen, und in seinem Belehrungseifer schob er Dinge in seine Grundsätze hinein, die durchaus gegen seine Grundsätze waren. Er stellte Eiseli vor, wie das so herrlich sei, wenn man einander frei liebe, ohne Zwang und ohne Fessel, Zwang sei der Liebe Tod, und werde die Liebe zur Plage, so sage man einander adie. Das stehe Eiseli frei wie ihm. Er wisse für sich, daß er nie von Eiseli lassen werde, aber Eiseli, so schön und so talentvoll, könne einmal ein großes Glück machen in der Welt, und da sei sie dann ja frei und könne ihn verlassen, so sei der Vorteil ganz auf Eiselis Seite. Wolle sie aber sein sein, so werde er sie halten wie eine Königin, was er aufbringe, wolle er ihr zu Füßen legen. Kleider müsse sie haben wie die vornehmste Madam und Handschuh tragen das ganze Jahr, denn er wolle nicht, daß seine Geliebte eine Sklavin sei oder gar eine Magd. Kurz, Jakob strich den Honig fingerdick auf und suchte Eiseli den Mund so süß zu machen als möglich, um sie in die Grundsätze der freien Liebe einzuweihen, jedoch durchaus vergeblich. Eiseli hielt ihn mehr als armslang vom Leibe und sagte ihm die derbsten Sachen. Er sei ein schlechter Bursche, wie die meisten seien, sie verführten die Mädchen, wischten das Maul und liefen weiter. So einer sei er, und das erste Mal werde es nicht sein, daß er dies getrieben, aber diesmal sei er am unrechten Orte.

Wenn er dann etwas verblüfft immer wieder von seiner Liebe anfing, so kriegte er eine Menge der schönsten Ehrentitel ganz nach Schweizermanier. Er sei ein sauberer Lumpenhund, sagte Eiseli. Da mache er die Liebe runter und predige, man solle mit der Liebe sich nicht plagen, und handkehrum schwatze er von Liebe. Das sei eine saubere Liebe, die man nur haben wolle, solange sie nicht plage, solange man schmarotzen könne, sobald man aber was tun solle und auch was leiden um der Liebe willen, das Maul wische und weitergehe. Von solchen Halunken habe sie schon oft gehört, aber noch keinen gesehen, er sei der erste, und sie wollte ihn noch recht anschauen, damit sie solche Böcklein kenne ihr Leben lang. Eins hätte Gott vergessen, als er die Menschen gemacht, oder es seither nachbessern sollen: solchen Burschen, wie er sei hätte er noch Hörner sollen wachsen lassen, so recht schöne, lange, krumme Bockshörner, Bocksbart hätten sie, es fehlten nur die Hörner, damit jedermann sie gleich erkenne für die, welche sie seien.

Es war wirklich sehr merkwürdig, wie der gute Jakob von der Liebe sprach, bald so, bald anders; wer bloß gesunden Verstand hat, würde nicht glauben können, daß ein Mensch bei gesundem Verstand und ohne Nebel so von der gleichen Sache reden könnte. Aber wer den Stil der Jungen Schule, der Jakob eingetrichtert worden war, kennt, begreift dies vollständig. Diese Junge Schule braucht nämlich die Worte bald so, bald anders, in ganz verschiedenem Sinne. Sie betrachtet die Worte als hohle, leere Formen oder Schachteln, in welche man je nach Bedürfnis oder Bequemlichkeit Sinn und Begriffe schieben und bergen kann, akkurat wie zum Beispiel es mit den Hutschachteln der Fall ist. So in eine Hutschachtel kann man tun Hüte von allen Farben, schwarze, weiße, rötliche wie Judenbärte, kann hineintun Sommerhüte und Winterhüte, Stroh- und Seidenhüte und solche von echtem Filz, wenn sie nämlich noch zu haben sind. So schiebt die Junge Schule in die Worte die wunderlichsten Begriffe und Dinge, welche sich eben gleichen wie Stroh und Seide, wie schwarz und weiß. So ein Handwerksbursche nun kriegt diesen Stil in seinen sogenannten Singstunden, er weiß nicht wie, akkurat wie er singen lernt, ohne es zu wissen, und ohne daß er was vom jedesmaligen Schlüssel weiß. Er braucht nun nach diesem Stil die Worte, spottet zum Beispiel die Liebe aus als eine Plage, und damit meint er die Liebe, welche das Wohl und Weh des Geliebten empfindet, weil er wunderbar, aber geistig an ihn gefesselt ist, er lobt die Liebe schrecklich und streicht sie den Mädchen fingerdick vor und versteht unter Liebe nichts als die sinnliche Begierde, wie sie die Katze hat und der Hund. Wenn so ein Bursche schnarrt und quasi seufzt: »O Maitli, dich lieb ich schrecklich, oh, welche Liebe ich im Leibe habe!« so sagt er damit nichts anderes als der Kater, der im Februar auf allen Dächern seine bekannte Melodie anstimmt. Wenn es zu Erklärungen kömmt, da werden solche Bursche selten verlegen, sie singen halt ganz einfach nach einem andern Schlüssel. Wenn zum Beispiel ein Mädchen mit weinenden Augen und sonst noch was kömmt und jammert: »Du hast mir ja gesagt, du liebest mich so schrecklich, und jetzt willst mich nicht, bist du so schlecht, hast mich so angelogen?« so sagt der Bursch ganz kaltblütig: »Angelogen habe ich dich nicht, das ist eine verfluchte Lüge! Damals liebte ich dich schrecklich, aber jetzt ists vorbei, und was kann ich davor, daß es vorbei ist? Adie derweilen!« Gut ists jedenfalls, wenn man die Eigentümlichkeiten dieses Stils vor dem Unglück begreift und nicht nach demselben; und daß Eiseli denselben deutsch faßte, daran war Jakob selbst schuld, wie wir gesehen haben. Aber jetzt plagte ihn dies schrecklich, und er klagte beständig, Eiseli verstehe ihn gar nicht, denn er liebe sie schrecklich, und was er gesagt, habe sie nicht verstanden, ihm den Sinn verdreht, und wenn sie in sein Herz sehen könnte, so würde sie sehen, wie groß seine Liebe zu ihr sei.

Jakob hatte wirklich recht, das Mädchen hatte auf ihn einen Eindruck gemacht, der nicht bloß sinnlich war, sondern mit jener wunderbaren, unerklärlichen Gewalt, welche die wahre Liebe übt, tief in seine Seele reichte. Diese Gewalt unterjocht alle andern Gewalten im Menschen, wird Herr über alle Kräfte, setzt alles an den Gewinn des Gegenstandes seiner Liebe, der wirklich der Schatz seiner Seele, das Kleinod im Acker wird. Nun hätte Jakob willig Eiseli seinen letzten Kreuzer geopfert, wenn Eiseli das Opfer angenommen hätte. Seine Eifersucht und Liebesucht hatte ihm mehr als einen Buckel voll Schläge zugezogen, aber Jakob hätte sich noch gar mancher Tracht unterzogen, wenn Eiseli ihn derhalben nur einmal freundlich hätte bedauern wollen. Aber Eiseli lachte sein und ließ handgreiflich merken, daß sie ihm noch einmal so viel von ganzem Herzen gegönnt hätte.

Als alles nichts half, begann er nach und nach auch seine Grundsätze zu opfern, jedoch anfangs mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, was man sage, sei nicht geschrieben, und solange etwas nicht unterschrieben sei, sei man nicht daran gebunden. Der gute Jakob war auch noch der Meinung, wenn man dem Teufel sich nicht förmlich verschrieben und zwar auf Stempelpapier, so sei man nicht des Teufels, und wenn man es nicht schriftlich von sich gegeben, man sei ein Spitzbube, so bleibe man ein ehrlicher Mann, könne lügen, so viel man wolle, und sei doch kein Lügner, sobald man sich nicht unterschreibe. Er begann von der Ehe zu sprechen. Er sagte, er für sich hätte gar nichts gegen dieselbe, sobald man seiner Liebe so von ganzem Herzen gewiß sei. Er habe früher nicht so gedacht, denn er hätte nicht gedacht, daß es eine so große Liebe geben könnte, jetzt aber empfinde er sie, jetzt wisse er, was sie sei, und in solchem Falle sei die Ehe ganz am Orte, und von ganzem Herzen würde er in den Stand der Ehe treten und zwar noch heute.

Freilich hatte anfänglich Jakob den Gedanken als Reserve: wenn einmal die Freiheit eine Wahrheit und die freie Ehe zum Gesetz erhoben würde, so werde er als ein guter Staatsbürger sich in die vernunftmäßige Ordnung fügen. Aber allgemach gab er auch diesen auf, dachte, und wenn es sein müßte für immer, so sei es ihm recht, ein schöner Mädel gebe es nicht, eine bessere Hausfrau finde er nicht, und wer sie drei Jahre lang kriege, der solle billig sich verpflichten, sie dann ferner wenigstens noch dreißig Jahre haben zu müssen, und dazu noch Gott danken für den vorteilhaften Handel. Diesen Handel zu schließen, bot er alles auf, opferte seine Ansicht über die Ehe, ja, er wollte sein Verlangen, heimzukehren, Eiseli opfern. Er erzählte Eiseli von seinen Vermögensumständen, und wenn er sich auch reicher machte als er war, so war doch, wie bei manchem, nicht alles gelogen. Freilich sagte ihm Eiseli ins Gesicht, das werde sein wie bei andern, das große Haus, welches ihnen gehöre, sei das Spital, das Landgut der Totenacker, die Werkstätte das Zuchthaus. So habe sich schon manch arm Mädchen anführen lassen, einen halben Prinzen zu haben vermeint. Der Prinz habe dann vorgegeben, nach Hause zu reisen, um die Schriften in Ordnung zu bringen und seine Güter zu Geld zu machen, und wer nie wiedergekommen, sei jener Prinz gewesen, wahrscheinlich sei er auf seinen Gütern zurückgehalten worden, im Spital, im Zuchthaus oder auf dem Totenacker. Man kenne das Zeug hier, man sei gestraft sattsam von Gott mit solchem Zeug für seine schweren Sünden, und wie Gott über die Israeliten Heuschrecken und Philister gesandt, um sie zu quälen und zu verführen, sende er über die Schweizer auch allerlei Ungeziefer, Mäuse, Käfer, Franzosen, Deutsche, sogar Russen, Schlingel von allen Sorten, daß man in allen Kirchen beten sollte, daß er mit den Landplagen aufhöre und die Schweizer verschone mit Läusen und Mäusen und solchem ungläubigen, schlechten Volke. Ehedem wären solche Reden dem Jakob ins Haupt gestiegen, potz Himmelsapperment, wie hätte er gedonnert, wenn er sie in Zürich oder Bern vernommen hätte, jetzt war es anders. Er gab zu, daß Verdacht und Vorwürfe verdient seien, daß es immer schlechte Leute gegeben habe und noch gebe, aber man solle einen Unterschied machen, er sei ein braver Bursche und würde sich schämen, ein Mädchen anzuführen -- wie Eiseli, setzte er zögernd hinzu, da das Gewissen ihm in den Hals kam. Er sei aufrichtig, und wenn Eiseli wolle, so lasse er sein Vermögen herkommen, wolle sich hier setzen, er und der Vater könnten das Geschäft erweitern, und Eiseli sollte die glücklichste Frau im Tale werden. Wenn Eiseli das nicht wolle, so sei er der unglücklichste Mensch, und vielleicht mache er etwas, welches Eiseli ihr Lebtag auf dem Gewissen haben solle, denn was frage er dem Leben nach, wenn er das Mädchen nicht haben könne? Wirklich folgte er demselben wie ein Schatten und sah aus zum Erbarmen vor lauter Liebe. Dem Mädchen aber ward er immer widerwärtiger, es fürchtete sich fast vor ihm, mied ihn so viel als möglich, absonderlich das Alleinesein mit ihm.


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