Friedrich Gerstäcker
Tahiti
Friedrich Gerstäcker

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23. Jim O'Flannagan in Tätigkeit

Die Sonne ging gerade unter, dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont und versprachen eine stürmische Nacht. Der Westwind erhob sich wieder.

Sadie war mit ihrem Kind allein im Haus. Selbst Bruder Ezra, der ihr versprochen hatte, früh zu kommen, war noch nicht wieder da. René blieb auch so entsetzlich lange aus. Gewiß, er hatte in der Stadt viel zu erledigen, denn sein Entschluß war überraschend schnell gefaßt. Sie konnte sich denken, wie schwer es da sein mußte, alles zu ordnen, und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen konnte. Bald war ja alles überstanden, und es ging nach Atiu. Dieser Gedanke erfüllte sie mit einem glücklichen Gefühl. Sie dachte an ihr Lieblingsplätzchen am Strand, an die Palmen, an die Orte ihrer ersten Liebe.

Wo blieben die Männer? Auch Mataoti war draußen und antwortete auch auf Rufen nicht. Das Unwetter zog sich zusammen, und Sadie war noch immer allein. Doch da wurden Schritte laut, die Gartentür knarrte, und der kleine Bruder Ezra trat mit freundlichem Gruß ein. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»War Bruder Aue hier?« erkundigte sich Mitonare leise.

»Mr. Rowe? Wie kommst du auf den?« rief Sadie erstaunt aus.

»Pst!« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und drehte mit starrem Blick seine Daumen umeinander. Sadie wurde es im dunklen Zimmer unbehaglich. Sie zündete die Lampe auf dem Tisch an. Der Wind war kräftiger geworden und schleuderte die Brandung an die Riffbänke mit immer dumpferem Brausen.

»Was hast du nur, Mitonare? Du siehst aus, als wäre etwas passiert? Ist René etwas zugestoßen?«

»Pst, pst!« sagte der Mitonare eilig und winkte mit der Hand. »Nicht solchen Lärm machen, Pu-de-ni-a, sie haben die Schildwache dicht dabei...«

»Aber René...«

»Unsinn, der Wi-wi läuft munter in der Stadt umher und trinkt seinen Freunden den Wein aus zum Abschied. Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehen. Immer macht sich Pudenia Gedanken um den Wi-wi. Er ist wie eine Guiave, nicht auszurotten. Stecke heute einen Apfel in die Erde, dann hast du im nächsten Jahr einen ganzen Wald.«

»Aber weshalb erkundigst du dich nach Mr. Rowe? Der Mann erscheint mir immer nur vor großer Not. Was soll er hier heute wollen? Wenn ihn René hier fände, gäbe es eine Auseinandersetzung. Gott wolle es verhüten!«

»Aber ich bin ihm doch am Tor begegnet! Er verließ den Garten, als ich kam. War er nicht im Haus?«

Sadie sah den Missionar erschrocken an.

»Er kam aus unserem Garten? Aber heute hat den ganzen Nachmittag ein fremdes Kanu an unserer Landung gelegen. Zwei Männer sind an Land gegangen. Vielleicht gehörte es ihm, und er wollte vor dem einbrechenden Sturm danach sehen?«

»Ist das Kanu schon wieder fort?«

»Vor einer Stunde ruderte ein Mann damit weg.«

Mitonare stand auf, trat an die Tür und sah einige Minuten still und schweigend in die Nacht hinaus.

»Haben die Wi-wis mehr Soldaten hier als den einen unter dem Pandanusdach?« erkundigte er sich.

»Es waren heute nachmittag drei oder vier da. Aber sie trieben sich meistens oben an der Straße herum, wo Tanui, der alte Lotse, mit seinen Töchtern wohnt.«

Mitonare räusperte sich und ging langsam im Zimmer auf und ab. »Es ist doch eine böse Geschichte, böse, böse Geschichte!« sagte er dabei leise vor sich hin.

Sadie hatte seine Worte nicht verstanden und sah ihn, noch immer nicht vollständig beruhigt, an. Dabei lauschte sie ängstlich hinaus, denn ihr scharfes Ohr hatte einen Laut vernommen, der vom Wasser her zu kommen schien. Es war aber so dunkel geworden, daß man kaum die Hand vor den Augen erkennen konnte.

»Was war das? War das nicht, als würde ein Kanu unten landen? Ich dachte, ich hätte auch eine Stimme gehört. René wird doch nicht bei diesem Wetter auf dem Wasser kommen?«

»Unsinn, wahrscheinlich ist es der Mann auf dem Kutter. Er liegt ja gleich da vor Anker. Wird nachsehen, ob alles in Ordnung ist, ehe das Unwetter losbricht.«

»Draußen geht jemand!« rief aber Sadie. »Das ist René!«

»Ach was!« sagte der kleine Mann und versuchte, sie von der Tür wegzuziehen. Aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere Schritte dicht unter ihrem Fenster entlanggehen. Es war, als ob jemand anschließend flüsterte.

»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte Sadie. »Was hast du, Mitonare, du glühst und zitterst ja! Welches Geheimnis verbirgt die Nacht da draußen?«

»Pu-de-ni-a, es ist nichts... nicht viel!« sagte der kleine Missionar und zupfte sich vor Verlegenheit am Frack herum. »Gute Freunde von... keine guten Freunde von Wi-wis... aber nicht von unserem Wi-wi... wollen sich... wollen sich etwas in die Berge tragen, daß ihnen der Wi-wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«

»In die Berge tragen? Wie soll ich das verstehen? Geschieht da etwas gegen die Gesetze?« frug die Frau erstaunt.

»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell, »Im Gegenteil, das steht alles darin. Wir haben heute die ganze Geschichte gelesen, es ist alles darin vorgeschrieben.«

»Wer hat es vorgelesen?« flüsterte Sadie leise.

»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«

Die Frau schauderte zusammen. Sie wußte nicht warum, aber die Angst um das, was da draußen vorging, ließ ihr auch im Haus keine Ruhe. Sie ging auf die Tür zu, um sie zu, öffnen, aber Mitonare hinderte sie daran.

»Nein, Pu-de-ni-a, nicht jetzt hinausgehen. Wir brauchen nichts damit zu tun zu haben und etwas davon wissen. Wir sind im Haus gewesen und haben nicht gesehen, wie sie die Gewehre in die Berge tragen.«

»Gewehre? Waffen für die Eingeborenen?«

Mitonare schüttelte erst wieder rasch den Kopf, dann besann er sich. Er sah Sadie einen Augenblick an, dann nickte er kräftig und blinzelte mit den Augen verschmitzt.

»Weiß René davon?«

»Der Wi-wi?« lachte Mitonare. »Der Wi-wi soll etwas davon wissen? Aber, Pu-de-ni-a! Nein, das ist ja das Komische! Wir nehmen es durch sein Haus, und er weiß es nicht!«

»Und wenn er jetzt kommt und Alarm gibt?« sagte Sadie. Sie dachte gleich an die Möglichkeit, daß René nicht seine Hand dazu geben würde, um seine eigenen Landsleute zu bekämpfen.

»Ach was, der Wi-wi kommt jetzt nicht, dafür haben gute Freunde gesorgt. Sie haben ihn bis zehn Uhr eingeladen, nachher ist alles vorbei. Er kann kommen und sehen, wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden dazu, als er sah, wie unschlüssig Sadie ihm gegenüberstand. »Sollen sie nichts haben, womit sie die Bibel, ihren eigenen Brotfruchtbaum oder ihr Haus verteidigen können, wenn die fremden, unverschämten Männer über das Wasser kommen und ihnen alles wegnehmen? Pah, so viel für die Wi-wis! Es sind ein paar gute darunter, aber nicht viel. Wir müssen etwas in der Hand haben, damit wir uns wehren können, sonst ziehen sie uns die Matten unter dem Rücken fort!«

Sadie stimmte ihm innerlich zu. Sie begriff vielleicht noch eher als mancher Eingeborene, welche Schmach ihrem Land angetan worden war, wie gedemütigt ihr Volk in den Augen der anderen Nationen dastehen mußte, wenn es keinen Arm hob, um die Beschimpfung zu rächen. Und ihre Flagge? Sie hatte nicht den Mut gehabt, René danach zu fragen. In ihren Zwiespalt mischte sich auch Stolz über die Männer ihres Landes, die nicht feige ihre Speere wegwerfen wollten, sondern dem Feind die Stirn bieten wollten.

»Mitonare, wenn die jungen Leute ihr Vaterland verteidigen wollen, sind sie im Recht. Aber unsere Lehrer, die das Wort Gottes, das Wort vom Frieden und der Liebe verkündet haben, dürfen die das Schwert aufnehmen und in den Kampf ziehen oder die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und sagen, geh hin und erschlage die, die dich angegriffen haben? Erlaubt das unsere Religion?«

»Religion! Das ist alles schön und gut. Wenn man aber keinen Platz hat, wo man sich hinsetzen und beten kann, dann hilft einem auch die Religion nichts!« sagte Bruder Ezra achselzuckend.

Sadie sah ihn erschrocken an. Sprach so der kleine, gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit? Waren nur wenige Jahre in der Lage, eine so gewaltige Veränderung in seinem Wesen vorzunehmen?

»Mi-to-na-re!« sagte sie bittend.

»Ja, Pu-de-ni-a, du bist ein gutes Kind, aber Mitonare ist anders geworden. Der alte Mann auf Atiu sagte, man würde nicht anders, man würde nur klug, wenn man das alles einsähe. Das ist wohl auch vielleicht recht hübsch und notwendig, aber glücklich wird man nicht dabei.«

»Wir waren glücklich auf Atiu!« sagte Sadie.,

»Ja!« flüsterte der kleine Mann plötzlich. »Recht glücklich waren wir, bis die Wi-wis kamen. Nicht der eine, Pu-de-ni-a, aber die anderen. Bis die anderen Priester kamen und uns sagten, daß wir unsere alten Götter vergeblich umgeworfen und uns dem neuen Gott zugewandt hätten. Da wurden wir zuletzt irre. Keiner wußte mehr, welcher Pfad der richtige war. Wenn uns alte Gewohnheit auch wieder in den alten Weg zurückgeführt hat, so ist es doch nicht mehr wie früher. Ha! – was war das? Jemand ist an der Tür!«

»Das wird René sein!« rief Sadie.

Die Klinke wurde heruntergedrückt.

»Sadie, öffne schnell, ich bin es!« rief in diesem Augenblick der junge Franzose vor der Tür.

»Segne mich!« sagte Bruder Ezra erschrocken. »Warum kommt er nicht von oben, von der Straße? Er muß sie gesehen haben.«

 

René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn blind für seinen Weg machte. Eine halbe Stunde ging er auf der Straße kreuz und quer, bis ihn die kühle Nachtluft wieder zur Besinnung brachte. Er fühlte sich wie von einer Last befreit und begann, wieder ruhiger und freier zu atmen. Das aufkommende Unwetter machte ihn endlich darauf aufmerksam, daß es Zeit für die Rückkehr wurde. Sadie hatte heute noch viel zu tun, und er wußte, daß sie sich auch ängstigen würde, wenn er länger wegblieb.

Rasch trat er den Heimweg an. Dicht vor dem Abendschuß erreichte er die Brücke, die unterhalb Papeetes über einen breiten, aber seichten Bergstrom führte. Dort traf er auf eine Gruppe Eingeborener, die heftig aufeinander einredeten. Als sie seinen Schritt auf der Brücke hörten, verstummten sie sofort. Das Schweigen kam so überraschend, daß René einen Augenblick zaudernd stehenblieb und hinüberhorchte. Er sagte sich, daß sie ihn an seinem besohlten Schritt als Europäer erkannt hatten und fürchteten, belauscht zu werden. René sah sich nicht weiter nach ihnen um, sondern ging über die Brücke weiter. Kaum hatte er jedoch die andere Seite der Uferbank erreicht, als ihn plötzlich vier kräftige Männer umfaßten. Widerstand war unmöglich, denn er konnte keinen Arm rühren. Sein erster Gedanke war, daß es sich hier nur um eine Verwechslung handeln konnte. Vielleicht hielt man ihn für einen der französischen Offiziere. Sie taten ihm aber an seinem verwundeten Arm weh, und deshalb sagte er ganz ruhig zu dem Mann neben ihm in tahitischer Sprache:

»Paß auf, du drückst auf eine nicht vernarbte Wunde an der Schulter. Laß mich los, und wir können ruhig miteinander reden.«

»Aber nicht ganz los!« lautete die Antwort.

»Warum nicht? Was habt ihr gegen mich? Es ist doch wohl ein Versehen, daß ihr mich angefallen habt!«

»Versehen? Vielleicht. Nicht viel zu sehen hier, wie heißt du?«

»René Delavigne. Ich wohne schon seit langem hier in Mativaibai unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das früher Vater O-no-so-no bewohnte.«

»Alles in Ordnung«, sagte ein anderer.

»Dann laßt mich wenigstens los, was wollt ihr von mir?«

»Müssen dich erst noch sprechen, komm in das Haus hier, wir tun dir nichts!« sagte der erste Sprecher wieder.

»Heute nicht, Freunde, ich habe Geschäfte, die mich eilig nach Hause rufen!« sagte René ausweichend.

»Gerade deshalb«, lachte der andere. »Komm, Freund, du mußt, weißt du, dann kann man nicht anders.«

»Da hast du recht, Kamerad«, erwiderte René und lächelte über den Humor des Eingeborenen. Er sah, daß ihm keine Gefahr drohte, und war neugierig, was die Leute von ihm wollten. Deshalb weigerte er sich nicht länger, ihnen zu folgen. Die Eingeborenen bogen in einen Fußpfad ein, der durch das Dickicht führte, und erreichten dort bald ein niedriges Haus. Sie öffneten die Tür und ließen René los. Er sollte hineingehen, es. würde ihm nichts geschehen.

»Ich fürchte auch nichts, Kamerad«, sagte der junge Mann, dehnte seinen rechten Arm, um den Sehnen wieder freies Spiel zu geben, und steckte die Hand dann nachlässig in den halb zugeknöpften Rock, wo er seine Pistole stecken hatte. »Aber ich möchte dich jetzt auch bitten, mir zu sagen, was ihr von mir wollt, oder mich ungehindert gehen zu lassen, denn jetzt muß ich nicht mehr bei euch bleiben!« Mit diesen Worten zog er die Waffe hervor, spannte sie und hielt sie den Eingeborenen entgegen.

»Ah? Hast du so etwas auch in der Tasche?« sagte der Eingeborene ruhig, während sich die anderen etwas zurückzogen. »Aber du brauchst das nicht. Du brauchst nur deine Finger. Alles, was wir von dir wollen, ist, daß du mit uns gemeinsam ißt. Du sollst nicht sagen können, daß wir dich in eine unserer Wohnungen geführt haben und du wieder hungrig gehen mußtest.«

René lachte laut auf über die unvermutete Einladung. Sie klang so gutmütig, und er mochte auch keine Furcht zeigen und sie abschlagen. Das Terzerol noch immer gespannt in der Hand, forderte er seinen freundlichen Wirt auf, ihn nach dem Abendessen ungehindert ziehen zu lassen.

»Das verspreche ich dir. Zum Beweis, daß ich dir traue, wie du mir trauen kannst, ist hier die Tür offen. Wir halten dich nicht mehr. Aber wenn du ein Freund von uns bist, kannst du das heute beweisen.«

»Gut«, lachte René und steckte die Pistole gesichert wieder ein. »Dann laßt mal sehen, was ihr zu bieten habt.«

Die Frauen hatten sich beim Eintritt der Männer scheu in eine Ecke zurückgezogen. Jetzt kamen sie hervor und holten bereitstehende Blätter, die auf der Erde ausgebreitet wurden. Dort lagen schon Matten bereit, zwei Kokosnußölschalen wurden entzündet und beleuchteten die Gruppe, die jetzt friedlich zusammensaß.

René war der Fröhlichste von allen. So wehmütig ihm noch vor kurzem zumute war, so hatten das eben bestandene kleine Abenteuer und das Romantische seiner ganzen Lage und Umgebung jeden trüben Gedanken vertrieben. Sein leichtes Blut, das ihm die nicht erlahmende Spannkraft verlieh, hatte gesiegt. Trotzdem zögerte er nicht länger, als er zum Essen brauchte. Mit einem der sauberen Hibiscusblätter von einem Stapel trocknete er sich Mund und Finger ab und erklärte, daß er jetzt den Heimweg antreten wollte. Fast gegen, seine Erwartung hinderte ihn niemand daran. Er hatte unter den zivilisierten Eingeborenen nicht immer festgestellt, daß sie ein gegebenes Versprechen auch hielten. Aber sein Wirt öffnete ihm selbst die Tür. Nach herzlichem Abschied verließ er das Bambushaus, als hätte er alte Freunde besucht. Kopfschüttelnd ging er weiter. Was hatte das seltsame Verhalten der Eingeborenen zu bedeuten? Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß es vielleicht mit seinem Haus zu tun hatte. Die Erinnerung an Bruder Rowe schoß ihm durch den Kopf. Er hielt seine Waffe jetzt in der Hand, um nicht noch einmal überlistet zu werden, und lief mehr als er ging den dunklen Weg entlang. Schon näherte er sich seinem Haus, als er plötzlich ein etwas barsches »Qui vive!« vor sich hörte.

»Hallo, Kamerad!« rief er lachend. Er war durch den Posten in der Nähe seines Hauses gleich wieder beruhigt. »Ihr liegt hier ja richtig im Hinterhalt und jagt einem einen Schrecken ein.«

»Haben Sie etwas gesehen?« erkundigte sich der Soldat rasch.

»Gesehen? Nein, aber passen Sie gut auf, Kamerad. Sie haben es mit listigen Burschen zu tun, die die Waldwege kennen.« René hatte nicht die Absicht, als Ankläger gegen die Eingeborenen aufzutreten, die sich ihrer Haut wehrten.

»Das hat nichts zu sagen«, lachte der junge Soldat. »Meine Augen sind frisch, mein Gehör so scharf wie ihrs, und so leicht entgeht mir nichts. Aber Sie könnten mir einen großen Gefallen tun.«

»Von Herzen gern, wenn ich kann.«

»Wir sind hier vier Mann im Haus ohne den Posten am Strand und haben nicht eine Pfeife voll Tabak zwischen uns. Wenn Sie eine kleine Menge...«

»Leider nichts in der Tasche, Kamerad, aber ein ganzes Pfund da neben dem Haus, in dem ich wohne. Wenn Sie die paar Schritte mit hinübergehen, steht er euch allen zu Diensten.«

»Ich darf meinen Posten nicht verlassen, aber ich gebe Ihnen einen meiner Kameraden mit. Gott sei Dank, da ist ja noch Aussicht auf eine Pfeife!« rief er fröhlich aus. Er eilte rasch auf die Bambushütte zu, rief einen der Männer heraus und verkündete die gute Botschaft. René war der Wache gefolgt, denn von der Hütte aus führte ein schmaler Fußpfad über ein unbebautes, mit Palmen bewachsenes Grundstück zu seinem Garten hinüber. Dorthin begleitete ihn der französische Soldat. Es waren gut fünfhundert Schritt, und der Mann hielt es nicht für nötig, sein Gewehr mitzunehmen. Die Eingeborenen hatten sich bislang friedlich und freundlich verhalten, und keiner der Soldaten glaubte an ernsthaften Widerstand. Die Vorsichtsmaßregeln und Posten am Strand galten nicht ihnen, sondern sollten verhindern, daß die Mannschaften der fremden Schiffe an heimlichen Stellen landeten und die Eingeborenen mit Waffen und Branntwein versorgten.

Rasch und schweigend ging René voran. Er hatte gerade die Umzäunung erreicht, als er eine Bewegung bemerkte. Gleich darauf bemerkte er eine Gestalt, die geräuschlos vom Strand mit einer schweren Last kam. Dort unten lag der kleine Kutter, aber er hatte noch nichts von seinen Sachen eingeladen und mußte also auch keine Diebe fürchten. Außerdem schlief auch einer der Eingeborenen als Wächter darin. Was wollten aber die Leute da, und was trugen sie?

»Was ist da, etwas Verdächtiges?« flüsterte der Soldat hinter ihm, der noch nichts sehen konnte, aber ein Geräusch gehört hatte.

»Verdächtiges? Ja, aber ich weiß noch nicht, was... pst, da kommt noch einer!« Deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht etwas ausgeführt wurde, das das Licht scheuen mußte. Bei ihm im Haus brannte die Lampe, aber seine Frau schien keine Ahnung von dem zu haben, was hier vorging. Wenn René auch nicht annahm, daß es etwas gegen ihn war, so kam ihm doch alles so unheimlich vor, daß er etwas unternehmen mußte. Er flüsterte dem Soldaten zu, daß er sein Gewehr holen sollte, um zu untersuchen, was hier geschah. Als der letzte Träger hinter dem Haus verschwand, stieg er über die Fenz und glitt leise auf seine Haustüre zu. Der Soldat blieb noch eine Minute auf der Lauer, dann zog er sich zurück, als er wieder Schritte vom Wasser hörte. Weshalb hatte aber der Posten am Strand noch keinen Alarm gegeben?

»Was geht hier vor?« rief René, als er rasch in das Zimmer sprang und die Überraschung im Gesicht seiner Frau und des Missionars bemerkte. »Was sind das für Leute im Garten, und was tragen sie?«

»Was für Leute?« erkundigte sich Mitonare noch mit der Absicht, alles abzuleugnen.

»Was für Leute? Habt ihr denn nichts gehört? Sie gehen doch dicht unter dem Fenster vorbei! Wo ist mein Gewehr? Ich muß wissen, was hier vorgeht. Die Wache wird auch gleich dasein.«

»Die Wache?« rief Bruder Ezra. »Was weiß die von dem da draußen?«

»Einer der Soldaten begleitete mich und ist zurück, um Alarm zu geben.«

»Meine Güte!« rief Mitonare, sprang zur Tür und hielt die Hände gewölbt an den Mund. Er stieß einen nicht sehr lauten, aber doch weithin schallenden, eigentümlichen Schrei aus.

»Zum Teufel, Mitonare, was soll das heißen?« rief René. Der kleine Bruder Ezra schien aber alles ausgeführt zu haben, was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht an das Fenster auf einen Schemel. Still und aufmerksam horchte er nach draußen.

 

In diesen Breiten beginnt der Sonnenuntergang fast regelmäßig im ganzen Jahr um sechs Uhr. Der Strandposten war gerade abgelöst worden. Er ging mit dem Gewehr im Arm langsam auf der harten, sandigen Fläche auf und ab. Manchmal sah er mißtrauisch nach Westen, wo die schwarzen Wolkenschleier aufstiegen. Dann aber fesselte wieder das Naturschauspiel an den Riffen seine Aufmerksamkeit. Er beobachtete die schäumenden Massen, die immer wieder zum Kampfe eilten, und ihre blitzenden, weißen Kronen dem Feind entgegenschleuderten. Die wehenden Palmen über ihm, der Duft der Orangen und Wis und das Plätschern des Binnenwassers machten ihn froh und leicht. Fast vergaß er, weshalb er hierher postiert war und eigentlich gar nicht in dieses Paradies paßte. Er summte ein munteres Lied und atmete die kühle, würzige Luft ein – ein herrliches Gefühl nach dem schwülen, dumpfen Tag.

In der kurzen Dämmerung, die dem Tag folgte, kam ein Seemann mit einem kleinen Tuchbündel am Strand herauf. Er sah auf das Meer hinaus, als erwarte er jemand von dort. Die Wache hatte ihn erst bemerkt, als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber nicht weiter auf ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe streiften in der ganzen Nachbarschaft umher. Sie mußten alle um acht Uhr mit dem Abendschuß Papeete verlassen haben und an Bord ihrer Schiffe zurückkehren. Es war Zeit, daß der Mann dorthin aufbrach, sonst verpaßte er die Stunde und mußte die Nacht vielleicht anstatt in einer bequemen Hängematte auf einer französischen Wache verbringen. Der Matrose schien aber nicht direkt nach Papeete zu wollen. Er ging langsam am Ufer entlang und näherte sich dabei der Wache. Manchmal blieb er stehen und schien ein Boot von der See her zu erwarten. Vielleicht hatte man ihm versprochen, ihn hier abzuholen. Es wurde dunkel, und der Mann murmelte sich englische Flüche in den Bart. Dann ging er direkt auf den Franzosen zu.

»Hallo, Kamerad«, sprach er ihn in breitem Irisch an. »Kein Boot gesehen, seit du die Muskete spazierenträgst?«

»Je ne comprends pas, camarade«, lachte der Franzose und schüttelte mit dem Kopf.

»Wer ist tot?« sagte der Ire und sah mit komischem Ernst den Franzosen an.

»Je ne comprends pas – rien du tout – notting!« erwiderte die Wache etwas mürrisch und verunstaltete das einzige englische Wort, das sie vielleicht kannte. »Geh nach Papeete, bis du da unten bist, wird der Abendschuß abgefeuert, und dann sitzt du da!«

Der Ire verstand keine Silbe. »Ist zu langweilig, wenn der Bursche kein Wort Englisch spricht. Wie mache ich ihm begreiflich, was ich will? Ist doch ein horndummes Volk, die Wi-wis!«

»Prenez garde!« rief der Posten drohend, der die letzten Silben wohl verstanden hatte. »Paß auf, wie du das Wort hier brauchst, Kamerad!«

»Vielleicht verstehst du die Landessprache? Tahitisch wäre wenigstens eine Aushilfe.«

»Tahitisch nicht«, antwortete der Franzose in einem anderen, aber verständlichen Dialekt. »Ich bin fast ein Jahr auf den Marquesas-Inseln gewesen, und die Sprache hat Ähnlichkeit. Was wollen Sie?«

»Mein Boot«, brummte der Ire. »Mein Kamerad hat versprochen, mich hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.«

»Nebenan ist heute ein Kanu angefahren«, sagte der Franzose.

»Hol der Teufel die Kanus!« knurrte Jim. »Wenn man am festesten sitzt, kippen sie um wie die Taschenmesser. Nein, eine ordentliche Segeljolle mit rotem Segel. Nichts gesehen, Kamerad?«

»Nichts.«

»Verflucht! Aber kommen muß er noch, denn er darf nicht ohne mich an Bord zurück. Wollen Sie mir einen Gefallen tun und mir erlauben, mein Bündel einen Augenblick hierherzulegen? Ich traue dem einheimischen Gesindel nicht, ich habe Geld drin.«

»Warum nimmst du es nicht mit?«

»Ich muß doch wieder hierher zurück, um nachzusehen, ob das Boot kommt.« Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ging er zu einer am Strand stehenden Palme und verschwand dort im beginnenden Gebüsch.

»Diable!« brummte der Posten. »Gibt einem Aufträge ohne Umstände! Werde mich verwünscht wenig um sein Tuch kümmern. Boot? Ein Boot darf hier nicht mehr nach Dunkelwerden landen. Verdammt unverschämtes Volk, die englischen Matrosen.« Um seinen Ärger zu verjagen, ging er wieder am Strand auf und ab. Jim war aber nicht zur Straße hinaufgegangen, sondern zwischen dem Posten und der oben aufgestellten Wache in den Büschen durchgeschlichen. Er eilte einer etwas weiter oben auslaufenden Korallenspitze zu. Dort konnte man zwar wegen der bis an die Oberfläche reichenden Korallen nicht mit einem Boot landen, aber durch die schmale Durchfahrt die Riffe besser übersehen. Dort lag er, bis er vom Wasser das verabredete Zeichen der vorbeitreibenden Fässer erhielt. Ihre dunklen Umrisse konnte er von da aus kaum unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben sie noch weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu fürchten. Nur das Ausladen mußte geräuschlos betrieben werden.

Beruhigt lag er noch einige Minuten still und beobachtete das eigentümliche Floß mit seinen dunklen Begleitern, bis es an der Wache vorüber war. Dann schlich er zurück und kam von der Palme halblaut schimpfend herüber.

»Kein Boot gekommen?« erkundigte er sich, als er dicht vor dem Soldaten stehenblieb, nahm eine Zigarre aus der Tasche, schlug mit Stein und Stahl Feuer und zündete sie an.

»Nein«, sagte der Soldat, dem der Tabakqualm angenehm in die Nase stieg. »Jetzt wär es auch zu spät, ich dürfte es nicht mehr ans Ufer lassen.«

»So hol's der Böse, ich komme doch noch an Bord. Zigarre, Kamerad?«

Er hielt ihm die Zigarren hin und horchte zum Wasser. Sein scharfes Ohr hatte ein Geräusch von dort wahrgenommen.

Er gab dem Franzosen Feuer und ging dann ein paar Schritte weiter. Das Floß hätte schon an Ort und Stelle sein müssen, und doch kam es ihm vor, als käme vom Wasser noch immer ein verdächtiges Geräusch. Hinaushorchen wollte er aber nicht, um den Posten nicht aufmerksam zu machen. Um den Augenblick noch etwas zu verzögern, drückte er seine Zigarrenglut zwischen den Fingern aus, ging ein paar Schritte weiter und zog an der Zigarre. Eben wollte er zurückkommen, als der Posten sagte:

»Da draußen kommt Ihr Boot, mir war so, als hätte ich ein Geräusch gehört.«

»Zum Teufel!« knurrte Jim englisch, dann setzte er auf Tahitisch hinzu: »Sie werden nicht glauben, daß ich noch hier bin, wird wohl ein Fisch gewesen sein.«

Der Soldat horchte.

»Darf ich jetzt Sie noch einmal um Feuer bitten?« sagte Jim und trat zu ihm.

»Gern. Da! Da war wirklich etwas!«

»Es gibt hier ziemlich große Fische, die gern springen!«

»Das war bestimmt kein Fisch!« sagte der Soldat jetzt völlig alarmiert und kauerte sich nieder, um besser über die Wasserfläche sehen zu können. »Müßte mich sehr irren, wenn das nicht eine menschliche Stimme war.«

»Vielleicht Fischer, die noch draußen sind!« sagte der Ire und kauerte sich ebenfalls nieder. Er wollte dabei dem Soldat so nahe wie möglich sein, falls der Alarm geben wollte.

»Rufen Sie doch mal Ihr Boot an, da werden wir gleich sehen, wer draußen ist!«

Das traf natürlich zu, aber daran lag dem Iren nichts. Wenn er hier Lärm machte, wurden die Soldaten auf der Straße aufmerksam..

»Es kann das Boot nicht mehr sein«, brummte er.

»Diable! Ich glaube, ich sehe dort etwas auf dem Wasser. Ruf, Kamerad, ich muß wissen, was da los ist!«

Jim konnte sich nicht länger weigern. Er legte die Hände trichterförmig an den Mund, damit der Schall sowenig wie möglich nach hinten ging, und rief mit dumpf klingender Stimme:

»Boot ahoi!«

Keine Antwort erfolgte.

»Der ruft, wie man in einen Topf spricht!« brummte der Soldat. »Das kann man doch auf keine fünf Schritt hören!«

»Ich bin heiser!« sagte Jim. »Aber es ist nur ein Fisch gewesen. Alles ist wieder totenstill.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Da ist es wieder! Qui vive!« rief er dann laut über das Wasser. »Teufel, wenn da drüben keiner antwortet, schicke ich eine Kugel hinüber.«

Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand nicht zwei Schritte von dem Franzosen. Er sah sich rasch um, und die linke Hand faßte wie krampfhaft das Bündel, das sie trug.

»Wenn ihr nicht antworten wollt, dann tragt die Folgen!« brummte der Soldat und spannte den Hahn. Jim stand hinter ihm, seine rechte Hand hob sich. Als er sie senkte, rasselte das Gewehr auf den Sand, und der Körper des unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen.

»Hast es nicht anders haben wollen«, sagte der Mörder und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in seiner Tasche nach etwas gesucht, aber er zog die Hand wieder zurück. »Der braucht keinen Knebel mehr. Es gibt doch nichts Besseres auf der Welt als eine Schlingenkugel für diese Arbeit. Der Schuft ist einen sanften Tod gestorben. So, Kamerad, dein Gewehr und die Patronentasche können wir vielleicht noch gebrauchen.«

Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, horchte noch einmal zum Wasser hinüber und zog die Leiche unter einen Busch, wo sie nicht vor Tagesanbruch entdeckt werden konnte. Dann glitt er zu der Stelle, wo der kleine Kutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen anlegen sollte. Wütend stampfte er den Boden, als er noch keine Spur von den Fässern vorfand. Die kostbare Zeit verfloß mit Warten. Schon wollte er wieder zum Strand, als ein leiser Pfiff, wie das Zischen eines Seevogels, über das Wasser tönte.

»Endlich. Wo zum Teufel habt ihr so lange gesteckt? Glaubt ihr, daß sie uns die ganze Nacht Zeit für unsere Arbeit geben?« fluchte er ihnen entgegen.

»Wir saßen drüben auf einer Koralle und konnten nicht loskommen«, sagte einer der eingeborenen Schwimmer.

»Ihr habt einen Lärm gemacht, daß man euch noch in Papeete hören konnte!« schimpfte der Ire.

»Hat die Wache etwas gemerkt?«

»Das ist schon in Ordnung. Aber jetzt fort, hierher mit dem Floß, und nicht lange geredet. Habt ihr die Säge mit? Gut dann sägt hier die Reifen vorsichtig durch... halt, das mache ich doch selber. Herauf mit dem Floß, und du läufst über den Weg hinauf und holst die Leute, die dort versteckt liegen. Rasch, sie sollen alle kommen, wir müssen die Fracht innerhalb von einer Stunde im Busch haben. Dort haben wir dann die übrige Nacht, um sie aus dem Weg zu schaffen.«

Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf mit einigen Landsleuten zurück, die schon ungeduldig auf ihn gewartet hatten. Jim sägte mit einer kleinen scharfen Säge die hölzernen Reifen der Fässer durch, um sie zu öffnen. Er reichte die in tragbare Pakete geschnürten Gewehre und kleine Fäßchen mit Pulver rasch hintereinander hinaus. Vier Fässer waren innerhalb kurzer Zeit auf dem Trockenen, geöffnet und geleert. Am fünften hatte er die Reifen herunter und die Dauben mit Hilfe der Männer sorgfältig auseinandergenommen. Zwei nahmen die Pakete in Empfang und liefen damit nach oben. Da sahen sie den zurückkehrenden René über den freien Platz gleiten und in dem Haus verschwinden. Einer der Insulaner sprang rasch zurück, um dem Iren seine unwillkommene Rückkehr zu melden. Der ließ sich aber nicht irremachen und betrieb das Ausladen nur um so eifriger.

»Fort mit euch, in zehn Minuten können wir mit allem in Sicherheit sein, dann können sie kommen und spionieren. Hier, nehmt, und los. Was steht ihr da? Los, solange nicht das Zeichen... Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener Warnungsruf zu ihm schallte. »Sollen wir noch gerade hochlaufen?«

»Nein, hier rechts hinein, im Haus nebenan ist auch niemand, den Zaun hier unten am Wasser habe ich schon beseitigt. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn wir nur zwei Leute mehr wären, los, macht, daß ihr wegkommt, lauft um euer Leben!«

Die Warnung kam nicht zu spät. Jim O'Flannagans scharfes Ohr hatte schon die herbeieilenden Soldaten gehört, die rasch und ziemlich laut durch die Büsche kamen. Zu gleicher Zeit erschien René in seiner Tür. Nur noch zwei Pakete Waffen waren übriggeblieben. Davon schob er das eine rasch auf das Deck des kleinen Kutters. Vielleicht gab es morgen Gelegenheit, es noch zu holen. Das andere lud er sich selbst auf und lief, so schnell er konnte, hinter den Eingeborenen her.

»Halt, stehenbleiben!« schrie eine Stimme. Seine dunkle Gestalt war gegen den helleren Wasserspiegel erkennbar. Drei Kugeln schwirrten zu ihm hinüber. Eine davon traf das Paket, das er trug, und warf ihn dadurch fast zu Boden. Die beiden anderen gingen daneben. Er umspannte seine Last fester mit dem linken Arm, im rechten trug er das Gewehr des Strandpostens. Mit ein paar Sätzen sprang er durch den Garten und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinaufstürmten, um ihn noch zu erreichen. Jim feuerte jetzt das geladene Gewehr ab, ohne lange zu zielen. Die Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch einen jungen Baum. Das zeigte den Verfolgern, welcher Gefahr sie sich aussetzten, denn in dem Gelände waren ihnen die Eingeborenen überlegen. Sie kannten sich aus, und bei Nacht war nicht daran zu denken, sie einzuholen. Die weitere Verfolgung wurde deshalb auf den nächsten Tag verschoben. Bis dahin konnte man auch Verstärkung aus Papeete holen.


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