Friedrich Gerstäcker
Tahiti
Friedrich Gerstäcker

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9. Die vier Häuptlinge

Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen, aber bis in die höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti. Aus den tiefen Tälern stiegen die weißen, schwankenden Schwaden auf, wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind. Aber die sengenden Strahlen hielten sie zurück. Getrieben vom neckischen Seewind über den saftigen Wuchs des breitblättrigen Feis, mußten sie sich dicht an den Boden schmiegen, unter Laub und Busch. Dem einsamen Jäger boten sie das wunderbare Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen. Weiß und bleich lagen die Schwaden unter Busch und Strauch, füllten die Täler aus, bildeten Inseln aus Kuppe und Kraterhang.

Die Palmen unten im Tal schüttelten den Tau aus ihren wehenden Kronen. Sie rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen. Aus dem Schatten eines mächtigen WibaumsDer Wibaum oder Brasilianische Pflaume (spondias duleis) hat mit den stärksten Stamm auf den Inseln, oft bis vier oder fünf Fuß im Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt, er trägt eine Menge großer, pflaumenartiger, saftiger Früchte von angenehmem Geschmack. flötete der OmaomaoDie tahitische Drossel, der einzige wirkliche Singvogel. Er ist gelb und braun gefleckt, von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang auch Ähnlichkeit hat.. Der gellende Schrei der Möwe, die über dem spiegelglatten, kristallklaren Binnenwasser der Riffe nach Beute strich, mischte sich ein. Von fern donnerte klar und gewaltig das Brausen der ewigen Brandung über die Korallenwälle, die in einem weiten, nur an wenigen Stellen unterbrochenen Kreis diese Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land gegen den wilden Andrang der Wogen schützen wollten. Die Elemente waren freundlicher gegen dieses Paradies als die Menschen.

Nach allen Seiten breitete sich das blaue Meer aus. Hier und da blitzte über die Fläche der Schein eines hellen Segels. Aus der Ferne ragten die schroffen, pittoresken Kuppen Ineos oder Moreas herüber. Der Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, war eben über dem Meeresspiegel sichtbar. Massen von kleinen Kanus, den LuvbaumEin an der Seite des Kanus durch Querhölzer gehaltener Baum, eine Art Kufe aus leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt. Sie dient dazu, daß das leichte, schwankende Fahrzeug vor dem Umkippen bewahrt wird. an der Seite, glitten über das blitzende Binnenwasser. Mit der Harpune oder dem Netz wurde aus den Korallen herauf die Mahlzeit geholt. Oft schoß der schlanke Bau wie ein dunkler Streifen durch den Schaum der Brandung, und das braune, trotzige Gesicht eines Insulaners warf sich den Gischt mit fröhlichem Lachen aus dem Haar.

Lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen. Prachtvolle Kokospalmen erhoben sich daraus und beugten sich weit über den Meeresspiegel hinaus, als ob sie ihr Bild dort wiederfinden wollten. Herrlich süß dufteten die Orangen und Zitronen, die weißen Sternblumen und die Mangablüten. Das Bananenblatt zitterte und raschelte im Zephyr, der sich durch Blume und Blüte seine Bahn stahl. Der stattliche Brotfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten, einzelnen Blättern in das dichte Laub der Mape, die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf Ananas und Tappo-TappoMape, die tahitische Kastanie. Die Papaya kommt aus Brasilien und ist der Melone ähnlich, wächst aber auch auf einem Baum. Der Tappo-Tappo ist der englische Crêmeapfel., die köstlichen Früchte dieser Zone. Tief im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüten und hoben ihre Kelche dem sonnigen Licht entgegen.

Es war ein Paradies, das Gottes milde Vaterhand erschaffen hatte. Ein Paradies, von seinem Atem durchweht und die Herrlichkeit seiner Werke verkündend. Ein Paradies, das nur die Leidenschaft und das trotzige Herz der Menschen oft und böswillig verdarb und zerstörte. Wo Haß und Schmerz selbst zwischen diese Palmen gesät wurden. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten sich die Hand. Der Insulaner, der gastliche Herr in diesem Reich, sah kurzsichtig genug, wie die fremden Männer Tand in sein Kanu gaben, es schmückten und verzierten und beluden – bis es sank. Sorglose Kinder des Augenblickes, denen Palme und Brotfrucht alles gaben, was sie für den Tag benötigten. Was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte Flitter erfreute sie. Jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie zu und ahnten das Netz nicht, das sich langsam, aber ständig daraus wob, um sie aus ihrem Himmel herunterzuziehen.

Aber nicht alle teilten diese Apathie. Wie die protestantischen Missionare um den erschütterten Stamm die Wurzeln wieder tiefer senkten und gruben, um ihm mehr Festigkeit für den nächsten Sturm zu geben, so nagte der Ehrgeiz an den Herzen der Häuptlinge, die Königsblut in ihren Adern fühlten. Selbst der stille Frieden, der sie umgab, reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust und verwandelte ihnen ihr Paradies zu einem Ort der Qual.

In Papara, dem südwestlichen Teil von Tahiti, stand eine aus Bambus errichtete Hütte dicht am Ufer eines klaren Bergbaches. Sprudelnd und silberrein kam er aus den Bergen. Weicher Rasen umgab den Platz, und Brotfruchtbäume und wehende Palmen schirmten ihn ab. Es lagerte ein lauschiges Halbdunkel über dem leise rauschenden Hain.

Keine fröhliche Kinderschar spielte und sprang hier am Muschelstrand. Niemand schaukelte sich an langen, in die Wipfel der Palmen geknüpften Bastseilen keck hinaus über den korallendrohenden Wasserspiegel. Keine schlanke Frau mit blumengeschmücktem Haar sammelte die Früchte von den Bäumen oder bereitete das Hibiskusblatt für das Essen. Nur an einem Stamm lehnte ein Insulaner und schaute still und nachdenklich auf das sonnige, tiefblaue Meer hinaus. Um seine Lenden hatte er den Pareu gewickelt, noch aus dem auf der Insel selbst gefertigten TapaEin eigentümliches Gewebe dieser Insel, das die Frauen aus der gegorenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse kneten, gewinnen. Sie schlagen es aus, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug daraus wird. hergestellt. Die gelbbraunen Falten fielen ihm bis fast auf die Knie. Auf den Beinen und dem Oberkörper waren die zierlichen blauen Linien der alten Tätowierungen zu erkennen, die jetzt durch die Missionare verpönt waren.

Es war eine edle, kräftige Gestalt, die da unter der Königin des Waldes stand. Das weiche, rabenschwarze Haar hing ihm lockig herunter und widersprach auch der durch die Protestanten eingeführten Sitte, es ganz kurz zu schneiden. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr. Kein Schmuck glänzte am Arm oder Hals. Die kühnen Züge und Arabesken des Tätowierers, alte, heidnische Zeichen, mit Haifischzähnen in unvergänglichen Punkten in die Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den gespannten Muskeln.

Da wurden leise, aber regelmäßige Schritte im Laub laut. Näher und näher kamen sie heran. Eine andere Gestalt erschien unter den schattigen, mit Blüten und Früchten bedeckten Orangenbäumen. Aber der nachdenkliche Mann hörte die Schritte nicht. Er war ganz in seine Träume versunken. Der Neuangekommene stand mit verschränkten Armen mehrere Minuten schweigend neben ihm und beobachtete ihn ernst.

Er unterschied sich äußerlich stark von dem Träumer. Zwar trug auch er den etwas bunteren Pareu, aber sein Oberkörper steckte in einem noch bunteren Oberhemd. Seine Haare waren mit wohlriechendem Öl eingerieben und mit Jasminblüten geschmückt. Seine Beine waren nackt und die alten Tätowierungen auch auf ihnen erkennbar. Aber der Pareu reichte tief herab und verdeckte das meiste davon, bis auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken endeten. Der Stamm lief schlank und zierlich bis zu den Waden hinauf, wo sich federartig die Blattkronen ausbreiteten. In der Hand trug er einen schlanken, langen Bogen und einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen. Dabei handelte es sich aber nicht um Waffen, sondern eher um ein Spielzeug oder besser gesagt Übungsspiel der Vornehmen. Man hatte längst die Wirkungslosigkeit dieser Waffen gegen Gewehre erkannt. Auf dem Scheitel trug der Mann einen geflochtenen Gardenienkranz mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen roten Blüten darin.

»Joranna, Tati!« rief er endlich lächelnd. »Joranna, Mann, was läßt du so den Kopf hängen und siehst so brütend vor dich hin, als ob du plötzlich ein Missionar geworden seist? Wollen dich die frommen Väter vielleicht nach den Gambier-Inseln senden, um ihren ›Brüdern in Christo‹dort Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Bereitest du dich vor, um den Neubekehrten da drüben zu beweisen, daß man nur die Seligkeit des Himmels ernten kann, wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen läßt und das Weiße der Augen zeigt beim inbrünstigen Gebet?«

Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem Gruß. Seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck erkannte, mit dem sich der Freund behangen hatte.

»Du siehst aus, als ob du zum Tanz gehst mit den Areoisdie früheren, heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine eigene religiöse Sekte bildeten und von Insel zu Insel zogen, um dabei wilde Feste zu feiern, Paofai!« antwortete er ernst, ohne den Gruß zu erwidern. »Ein Richter des Landes sollte sich das Schicksal seines Volkes in so schwerer Zeit mehr zu Herzen nehmen!«

»Das Schicksal?« lachte Paofai und schüttelte den Kopf, daß die bunten Blüten herunterfielen. »Das Schicksal liegt in der Hand des einzelnen. Wer seinen Nacken dem Joch gutwillig neigt, darf sich nachher nicht beklagen, wenn es drückt. Wer, bei Oro, hat denn unseren fröhlichen Leuten gesagt, daß sie sich den Fremden unterwerfen sollen und die Knie wund vor einem anderen Gott reiben, der uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, Haß und Feindschaft gebracht hat? Ich hin es jedenfalls leid, daß die helle Hautfarbe höher geschätzt wird als das, was unsere Väter ehrten. Verführer! Oros Zorn über sie und ihre falschen Worte!«

»Wer ist denn schuld, daß wir es so lange getragen haben? Nur wir selbst!« rief Tati und richtete sich hoch und stolz empor. »Ruht nicht der Fluch unserer Götter auf diesem Land, seit die knechtischen Pomares das Zepter führen? Liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die Diener des Herrn nennen und dabei den Fuß auf den Nacken der Arii Rahis dieses Landes setzen?«

»Weißt du, daß sie das Volk wieder zu neuem Unheil zusammenrufen wollen?« erkundigte sich Paofai lauernd.

»Das wagen sie nicht!« sagte Tati und schüttelte verächtlich seinen Kopf. »Sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehen breit und bequem gleich vorn am Strand. Die eisernen Kugeln des nächsten französischen Schiffes treffen sie zuerst.«

»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai. »Piritati ist dorthin gegangen, um Hilfe für sich und seine Leute zu holen!«

»Ach was, der Weg ist lang, und die Engländer haben einen großen Mund. Sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott und so geizig, daß sie ihm noch nicht einmal opfern lassen. Statt dessen bringen sie Kokosnußöl und Perlmuttschalen auf ihren Schiffen weg. Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«

»Aber sie warten nicht, bis er kommt!« entgegnete Paofai. »Die Priester sind so übermütig und glauben so fest an ihre Macht, daß sie jede Vorsicht vergessen. Sie wollen als Heilige und Halbgötter vor dem Volk stehen und wagen ihre Existenz!«

»Auch die Feranis werden uns keinen Segen bringen!« sagte Tati finster. »Ich bereue schon, daß ich meine Hand mit im Spiel gehabt habe. Der gierige Wi-wi scheint Lust auf die Beute zu bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt hat. Solange noch ein Fremder auf der Insel lebt, gibt es für uns keinen Frieden. Wir haben uns selbst hinausgeworfen, als wir den Fremden damals den Aufenthalt erlaubten und ihnen Bambus für ihre Hütten schlugen. Wir hätten ihr Grab graben sollen.«

»Da kommt Botschaft von Papeete!« rief Paofai plötzlich und deutete mit dem Arm hinaus auf das Binnenmeer der Riffe. Ein leichtes Kanu, von zwei Insulanern gerudert, mit zwei anderen im Heck, schoß rasch durch die klare Flut heran. Sie erkannten bald darauf die beiden Häuptlinge Paraita und Utami.

»Ihre Eile verrät schon den Grund ihres Kommens. Der Feind ist uns ins Lager gerückt. Wenn er doch Speere und Streitäxte mit sich brächte als immer nur das tote Wort mit Singen und Beten!«

Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Kanus. Es bog um eine etwas weit ausragende Korallenspitze und schoß dann gerade auf den Platz zu, auf dem die beiden Häuptlinge standen.

»Sieh dir Utamis Gesicht an! Der finstere Zug über der Stirn bedeutet nichts Gutes! Es ist so, wie ich vermutet habe!«

»Gruß und Frieden euch! Joranna, Joranna, bo-y!« riefen die beiden Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und Palmen der senkrecht stehenden Sonne abzwangen.

»Joranna, Utami, Joranna, Paraita! Was führt euch bei dieser Hitze über das Wasser?«

»Fröhliche Botschaft!« lachte Paraita. Aber die fest zusammengebissenen Zähne und der lauernde Blick, mit dem er seine Freunde ansah, straften sein Lachen Lügen. »Ein neues englisches Kriegsschiff ist eingelaufen, und die Mi-to-na-res sind obenauf. Der englische Kapitän will ihren Gott schützen, damit ihn der andere nicht über den Haufen wirft, so wie sie bei uns Taaroa und Oro zur Seite geworfen haben. Schon morgen erwartet sie großer Triumph. Auf, Tati, auf, Paofai, ich glaube, die Richter sollen vor Gericht. Wir sind alle aufgefordert zu erscheinen.«

»Geht es wirklich um den Vertrag, den wir mit den Ferani abgeschlossen haben?« erkundigte sich Tati finster.

»Kein Zweifel!« lautete die Antwort. »Die Boten der Königin sind heute überall unterwegs. Gestern gingen schon die Kanus nach Morea hinüber. Uns wurde aufgetragen, euch mitzubringen.«

»Wißt ihr, was beraten werden soll?«

Paraita lachte.

»Es ist ein öffentliches Geheimnis, und das Volk in Papeete spricht über nichts anderes. Sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das Protektorat Frankreichs abweisen.«

»Das französische Schiff im Hafen wird das wohl nicht dulden!« rief Tati.

»Es liegt ein stärkeres daneben, um es ihm zu wehren!« sagte achselzuckend Paraita.

»Und was sagt Utami?« frug Tati und griff dessen Hand. »Auf welcher Seite siehst du den Segen für unser Land?«

»Auf keiner«, entgegnete kopfschüttelnd der alte Richter. »Auf keiner von diesen beiden. Ich hatte gehofft, daß mit diesem Schritt, der nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein Freundschaftsbündnis mit einer stärkeren Macht war, den ehrgeizigen Priestern ein Ziel gesteckt wurde. Aber die Feranis sehen schon mit gierigen Augen auf dieses Land. Wer weiß, was wir bei einem Tausch gewinnen. Jedenfalls liegt das alles noch in ferner Zukunft, und ich hebe keinen Arm für Franken oder Missionare. Laß sie sich untereinander schlagen.«

»Du gehst aber zu ihnen?«

»Natürlich. Sie sollen nicht sagen, daß Utami sich vor ihrem Ruf gefürchtet hat.«

»Gefürchtet!« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel den Bogen. Schwirrend schnellte der Pfeil davon und durchhohrte etwa vierzig Schritt weiter den schlanken Stamm einer Papaya. »Gefürchtet!« wiederholte er noch einmal und warf den Bogen über die Schulter. »Aber dieses Kinderspiel führt uns nicht zum Ziel. Dem Volk wird wieder Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es ermüdet auseinandergeht. Alles bleibt beim Alten. Dann doch lieber den Franzosen untertan, deren Sitten und Denkungsart besser zu uns paßt als die der schleichenden Frömmler!«

»Untertan? Keinem!« rief Tati trotzig. »Was wäre denn, wenn wir den Augenblick nutzen, wo das Volk Tahitis das eine Joch abschüttelt, und wir auch das andere von uns werfen? Was sagst du, Utami, wenn wir die Fremden mit einem Schlag stürzen und die Missionare wie die fremden Priester auf das Schiff packen und sie wegschicken? Jetzt ist es noch Zeit, um ein glückliches Reich auf unserer Insel zu gründen. Jetzt, wo das Volk gesehen hat, welchen Fluch ihnen die Fremden bringen, wird es zu uns stehen mit Kraft und Gewalt. Dem ganzen, einigen Volk können auch die Feuerschlünde des Feindes nicht entgegenstehen.«

Utami schüttelte ernst den Kopf und sagte finster:

»Ich befürchte, wir haben uns selbst Schaden getan, als wir dem Ferani die Hand anboten und bei ihm auf Hilfe gegen den geistlichen Stolz hofften.«

»Gewalt hilft hier nichts«, stimmte auch Paraita zu. »Wir sind zu schwach, um so etwas zu unternehmen. Wenn wir auch gemeinsam mit den geschorenen Köpfen fertig würden, so ist doch die europäische Macht zu stark. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen hat für Glauben und Recht. Wird der französische Konsul dulden, daß man den von der Königin unterzeichneten Kontrakt mit den Füßen tritt?«

»Wie soll er das verhindern? Die Missionare haben da ihre Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie sie heißen. Mit Jehova auf ihren Lippen werfen sich die Narren blind ins Feuer der Schiffe, und wenn das Volk von Freiheit schreien hört, stimmt es auch seinen Chor an, egal, was für Folgen das hat. Ich habe große Lust, nicht zur Versammlung zu gehen. Was soll es helfen?«

»Damit sie nachher sagen können, wir hätten uns gescheut, ihnen unter die Augen zu treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf von uns fehlen, wenn wir nicht selber unsere Sache aufgeben wollen mit Schimpf und Spott. Dort wird sich auch ein Ausweg zeigen, um das Schlimmste abzuwenden.«

»Dem stimme ich zu«, sagte Utami ernst. »Unsere Aufgabe ist es, dem Land die Freiheit zu erhalten, die vom Fanatismus der einen wie von der Gier der anderen bedroht ist. Laßt uns nicht länger zögern, kommt mit zu meinem Haus. Da können wir uns stärken für die Fahrt, damit wir morgen die ersten auf dem Kampfplatz sind.«

»Kampf?« lachte Paofai und holte seinen abgeschossenen Pfeil wieder. »Ein schöner Kampf wird es werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. Ich kenne meine Landsleute nicht mehr. Aus dem glücklichen Volk sind Kriecher und Heuchler geworden. Aber weg mit diesen Gedanken! Die Palmen und das stille Wasser unserer Riffe müssen sie uns lassen, unsere Blumen und Blüten und unsere Frauen. Den Schwarzröcken zum Trotz werde ich das Leben jetzt genießen! Himmel und Hölle! Die Leute können gute Geschichten erzählen, und man lacht darüber, wenn man sie hört – vertreiben sie doch die Zeit damit!« Damit schob er den Pfeil lachend in den Köcher zurück und trat zu den anderen ins Haus.


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