Friedrich Gerstäcker
Tahiti
Friedrich Gerstäcker

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14. Die Missionare

Wild und mit entsetzlicher Wut brauste es über die See. An den Riffen schäumte und kochte die Brandung in milchweißem Gischt. Die wilden Wogen wurden bis in das ruhige Binnenwasser und an den Strand geworfen. Die Kokospalmen warfen sich weit zurück vor der anstürmenden Böe. Hei! Wie der Sturmvogel scharf und gellend pfeift, wenn er über die aufgewühlte See streicht und seine langen, elastischen Flügelspitzen auf die glatte Woge preßt, von der die Windsbraut schon den schäumenden Kamm geraubt hat und als Perlen über das Meer streut. Hei! Wie die Brandung kracht und tobt, sich bäumt und die weißen Arme reckt über den Korallendamm. Der Sturm, der machtlos seine Kraft an diesem Bollwerk brechen sieht, stemmt sich schließlich gegen das grüne Land. Die Palmen faßt er in seinem tollen Spiel und biegt und schaukelt sie, wie sonst nur Halme oder Blüten.

Gewaltig und furchtbar ist ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen aufwühlt und gräbt. Wo die berggleichen Massen wie spielend und mit entsetzlicher Schnelle vor ihm hergejagt werden. Frei und ungehindert breitet er sich da aus. Das kleine Schiff wirft er aus seiner Bahn, taucht und schleudert es empor, reißt und splittert daran, was er kann, und jagt dann weiter. Grauenhaft ist er auch dort, wo die bergige Küste seinen Anprall hemmt.

Seit Jahrhunderten kämpft er hier schon, stemmt sich in Schluchten und wühlt und bohrt, um das Grundgestein seines Feindes zu untergraben. Von der See heran schickt er die Wogen zum gemeinsamen Kampf. Wild heult und braust sie auf, die wilde Windsbraut, wenn die Bäume sich elastisch biegen und nicht weichen wollen. Dann zieht sich der Orkan grollend über die See zurück, in der Ferne dröhnt und braust es noch. Bläulich schwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen brechen noch in sich zusammen. Aber die Sturmmöwe zieht jetzt mit klappendem Flügelschlag, nicht mehr regungslos kreisend, über das stillere Wasser.

Auf dem Land zeigt sich schon wieder Sonnenschein. Jeder niedergeschleuderte Tropfen wird zur Perle, die blitzend im Licht funkelt. Noch erzürnt, aber doch schon wieder von der Sonne erwärmt, schütteln die Bäume ihr Laub und rauschen und rascheln, um alles wieder in die alte Form zu bringen. Der warme Duft aus den Tälern wird zum Nebelschleier, den sich der Berg wie eine Krone aufsetzt.

Es war zur Zeit dieser Stürme, die sich besonders im Herbst und Frühjahr in dieser Breite zeigen. Der Orkan brauste noch mit seiner furchtbaren Kraft über das Wasser und schob berghohe Wellen über die Riffe. Der Regen hatte bereits nachgelassen, und die dunklen Wolken wurden vom Wind fortgeweht.

Jetzt blieben einzelne Menschen auf der Hauptstraße von Papeete am breiten Strand stehen und sahen auf das Meer hinaus. Die Türen der nächsten Häuser wurden geöffnet, und die Eigentümer hielten Teleskope in der Hand. Bald darauf versammelten sich mehr Neugierige um sie und lauschten auf die Worte der Fernglasbesitzer wie auf ein Orakel.

Gegenstand ihrer Neugierde war ein großes Schiff, das von Point Venus aus schon vor einer halben Stunde, noch mitten im Sturm, der Königin gemeldet wurde. Die Fregatte wollte weit draußen beidrehen und mußte endlich vor dem Wind abfallen. Jetzt kam sie mit dicht gerefftem Vormars- und Vorstengenstagsegel um die Spitze herum. Sie sollte jedenfalls nach Papeete, aber bei dem starken Seegang und der schmalen Einfahrt durch die schäumenden Riffe konnte sie es noch nicht wagen. So versuchte man, sowenig Fortgang wie möglich zu machen, um dann, frei von den Riffen, wieder aufzubrassen und gegen den Wind zu kreuzen.

Von welchem Land mochten sie kommen? Diese Frage beschäftigte jetzt alle mit ängstlicher Spannung. Gerade die Eingeborenen fürchten die Rückkehr des nur zu gut bekannten Du Petit Thouars, wagten aber auch noch nicht, an ein zweites englisches Kriegsschiff zu glauben. Die Meinungen über das Aussehen des Schiffes waren geteilt. Während es einige der Europäer vom Bau der Masten her für einen Franzosen hielten, behaupteten andere, daß es amerikanischen Zuschnitt hätte. Nur ein kleiner Teil behauptete, daß es aus England stamme und gleich die englische Flagge zeigen würde.

Die in Papeete anwesenden Missionare, die zu einer vertraulichen Sitzung bei Bruder Dennis gekommen waren, standen auf der Veranda seines Hauses und warteten mit ängstlicher Spannung auf die Entfaltung der Flagge. Noch vor dem Sturm hatten sie mit ihrer Sitzung begonnen. Als die Windsbraut heulend an den Pfosten des Hauses rüttelte, die Palmen wie Weidenruten niederbog, da lagen die schwarz gekleideten Männer in dem langen, luftigen Gebäude auf den Knien und mischten ihre Hymnen und Gesänge mit dem Gebrüll des Orkans. Es war ein Preislied dem Herrn der Stärke und Barmherzigkeit.

Versammelt waren die Brüder Rowe, Dennis und Nelson, McKean, Smith und Brower, die wichtigsten Vertreter der evangelischen Lehre in der Südsee.

Nach den uns bereits bekannten Geistlichen Rowe und Nelson schien Bruder Dennis der bedeutendste zu sein. Er war auch einer derjenigen, die an sich selbst zuletzt dachten, um, das heilige Buch im Arm, das gehobene Kreuz, auch das Schwert in der Rechten, ihre gerechte Sache zu verteidigen. Dabei ging er rücksichtslos vor, egal, welchen Glauben oder welche Familienbande er unter seine Füße trat. Eigennutz und Ehrgeiz waren ihm fremd. Keine Freundschaft und keine Liebe hatten sein Herz auch nur für eine Stunde dem hohen Zweck seines Lebens abgewinnen können. Er hielt den, Tag für vergeblich, wo er nicht wenigstens einen Sünder, der dem Verderben entgegeneilte, wachgerüttelt hatte.

Zwei andere, McKean und Brower, waren einfache Menschen, die ihre Lebenszeit in der Bibel begraben hatten. Sie bemühten sich, das edle Metall mit dem tauben Gestein mühsam und unverdrossen heraufzuholen, ohne aber imstande zu sein, es voneinander trennen zu können. Hohe Berge hatten sie um sich errichtet, um jederzeit nach denen werfen zu können, die ihnen zu nahe kamen oder ihnen ihre Stellung streitig machen wollten.

Bruder Smith war eine ganz andere Persönlichkeit. Er war klein und geschmeidig und hatte sich dem Missionswesen gewidmet, wie er sich jedem anderen Geschäft gewidmet hätte. Von Enthusiasmus war bei ihm keine Rede, noch viel weniger von Schwärmerei. Er sah die ganze Mission auf praktische Weise als Geschäft an, das ihnen vom lieben Gott übertragen war. Er war bereit, alle übertragenen Pflichten zu erfüllen. Dafür erwartete er, daß ihm der liebe Gott neben dem täglichen Brot auch noch einige andere Kleinigkeiten erfüllte. Er war außerdem ein ausgezeichneter Geschäftsmann. Mit den von England eintreffenden Waren hatte er stets gute Tauschgeschäfte gemacht. Es wäre eigentlich anständiger gewesen, wenn man mit dieser Aufgabe jemand beauftragt hätte, der mit dem sonstigen Missionsdienst nichts zu tun gehabt hätte. Bruder Smith konnte aber beides sehr geschickt miteinander verbinden. Er gab die Ware mit großer Salbung aus und die Lehre mit berechnender Klugheit, und die Insulaner konnten manchmal das Empfangene nicht mehr voneinander unterscheiden. Sie waren oft im Zweifel, für was sie ihr Kokosnußöl, ihre Perlen und Muscheln eigentlich zum Markt gebracht hatten und ob sie dabei ein gutes oder ein schlechtes Geschäft getätigt hatten.

Doch zurück zu unserem Schiff, das die Aufmerksamkeit aller am Strand auf sich gelenkt hafte. Noch immer waren die Masten kahl.

»Segne meine Seele!« rief da ein dicht am Strand stehender Neger. Er war früher einmal von einem Walfänger entlaufen und hatte seinen Weg nach Tahiti gefunden. Wegen seiner Farbe und seines großen Körperumfangs galt er bei den Eingeborenen als Autorität in seemännischen Fragen. »Ich glaube, der Bursche will einlaufen. Wenn er das bei der See versucht, kann er sich darauf verlassen, daß er heute in Davys locker Abendbrot ißt. Kein Dampfschiff könnte sich frei von den Leeriffen halten!«

»Was für ein Segel ist das wohl, Pompey?« erkundigte sich Tati, der Häuptling.

»Englisch, by God, Massa«, rief der Neger rasch, denn er kannte den Häuptling. »Englisch jeder Zoll an ihrDie Engländer und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen weiblich. Die Seeleute haben dafür auch einen nicht gerade schmeichelhaften Grund: Weil die Takelage und die Segel mehr kosten als alles andere. und wahrscheinlich ein Dorn in Massa GumbosSpottname für die Franzosen in Louisiana nach einem dort verbreiteten Lieblingsessen Auge dort drüben. Jetzt kommt er zwischen zwei Feuer, wenn er den Schwarzröcken einheizen will und Land pachten will von Königin Pomare. Wenn jetzt noch ein Franzmann dazukommt, dann gibt es Spaß. Aber wenn sie hier mit eisernen Bällen spielen, gehe ich in die Berge. Das wird manchem wohl etwas zu warm werden!«

»Es ist die ›Reine blanche‹!« sagte aber jetzt ein anderer, und wie ein Lauffeuer ging diese Meinung durch die Menge. Der gefürchtete Admiral Du Petit Thouars war schon lange im Hafen erwartet worden. Der französische Konsul hatte gegen die letzte Verhandlung protestiert und war zornig weggegangen. Welchen Bericht würde er jetzt wohl dem Admiral geben?

»Da – dort geht die Flagge vom ›Talbot‹!« rief Pompey plötzlich. »Und da die Privatsignale! Er wird den anderen vorm Einlaufen warnen wollen!«

»Dort an Bord kommt etwas Buntes!« rief ein Eingeborener, der auf eine Palme geklettert war, um einen besseren Überblick zu gewinnen.

»Da kommt die Flagge – Alt-England für immer!« jubelte ein junger Bursche, ein Seekadett des »Talbot«, der auf Urlaub durch den Sturm an Land geblieben war. »Dort weht der Union Jack, und Monsieur Crapo hat sich zu früh gefreut!«

»Englische Flagge – englische Fregatte!« schrie und wogte es jetzt am Land durcheinander. Die Missionare auf der Veranda drückten sich die Hände, und ein großer Teil der Insulaner jubelte dem fremden Schiff ebenfalls zu. Andere von Tatis Gruppe sahen aber wütend aus und betrachteten die Partei schon wieder als Sieger, die ihnen bislang immer störend im Weg gestanden hatte.

Die beiden englischen Kriegsschiffe hatten inzwischen nur ihnen bekannte Signale gewechselt. Die fremde Fregatte hielt noch immer auf die Einfahrt zu, als wollte sie trotz Wind, Wogen und Korallen hindurch. Wahrscheinlich hatte sie aber diese Stellung nur eingenommen, um ihre Signale deutlich auswehen zu lassen. Jetzt fiel sie vor dem Wind ab, braßte die Marssegel vierkant und flog förmlich aus dem Bereich der gefährlichen Klippen.

Wie ein Lauffeuer zog die frohe Botschaft am Strand entlang. »Das Kriegsschiff ist für uns gekommen. Die Franzosen können jetzt gar nichts mehr auf der Insel befehlen. Der Vertrag, der alle zu Sklaven machen sollte, ist ungültig. Keine andere Flagge als die tahitische und die englische sollen hier wehen!«

Aonui war der wildeste zwischen den anderen.

»Brüder, der Tag der Vergeltung ist gekommen!« schrie er und sprang auf einen Stapel Holz, aus dem Kanus gemacht werden sollten. »Die Beretanis kommen, die uns die Bibel gebracht haben. Jetzt bringen sie auch Kanonen, damit wir unsere Bibel verteidigen können. Die Beretanis sind gut, wir wollen nichts weiter. Wir haben die Bibel, und die Feranis können gehen, wir halten sie nicht! Wir haben auch die Feranis lieb, denn sie sind auch unsere Brüder. Aber nicht solche Brüder wie die Beretanis, sondern eine andere Art. Die Beretanis haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen sie uns wieder nehmen. Die Feranis haben viel Platz woanders, wir wollen ihnen dort Freude wünschen.«

Das war etwa der Sinn der Rede, die der Häuptling seinen Leuten zuschrie, wobei er immer wieder die einzelnen Sätze wiederholte. Der Tumult um ihn wogte weiter fort, und er versuchte, ihn noch zu übertönen. Sie verstanden aber doch den Sinn, und bald darauf ging von Mund zu Mund der Ruf: »Fort mit den Feranis, fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Priestern, die uns ihre neuen Götter aufdrängen wollen. Wir haben die Bibel, wir verlangen nicht mehr!«

»Bin nur neugierig, was sie heute wieder für Dummheiten anrichten werden«, sagte der Neger Pompey zu dem neben ihm stehenden Seemann. Es war unser alter Bekannter, der Ire Jim. »Mister, sehen Sie doch mal, wie die schwarz gekleideten Gentlemen da hinten so eifrig die Hände und Arme werfen und streiten! Sie hacken alle auf einen ein mit weißen Haaren, das wird wohl der einzige Vernünftige unter ihnen sein.«

»Wieso, mein Bursche?« erkundigte sich Jim O'Flannagan, der mit den Augen der Richtung gefolgt war. »Es geht doch alles so hübsch und vortrefflich zu wie nur möglich!«

»Hübsch und vortrefflich? Na ja, manchem gefällt es so«, sagte der Neger und betrachtete den Fremden etwas genauer. »Aber, hallo, Mister, haben wir uns nicht schon einmal bei Mütterchen Tot getroffen?«

Der Ire lachte.

»Ich bin überall zu finden, wo es gute Gesellschaft gibt!« sagte er mit einem etwas zweideutigen Blick auf seinen schwarzen Gefährten. »Aber haben Sie eine Ahnung, auf was das jetzt hinausläuft? Es sieht so aus, als wollten die guten Leute alle Franzosen ohne Säumen auf das Schiff laden?«

»Verrückt genug dazu wären sie!« brummte der Schwarze. »Das wäre auch nicht der erste derartige dumme Streich, den sie begehen. Wenn es jemand gut mit ihnen meint, sollte er das verhindern.«

»Wen geht es denn etwas an?« lachte der Ire. »Dafür haben sie auch ihre Seelsorger. Hallo, kennen Sie die beiden da? Die scheinen es eilig zu haben!«

»Das sind die beiden obersten Häuptlinge der Insel, Tati und Utami. Wenn die könnten, wüßte ich schon, wen sie als erste auf das nächste Schiff packen würden.«

»Kann es mir denken. Es kommt jetzt nur darauf an, wer zuerst sein Schiff frei hat, Engländer oder Franzose. Dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hierbehalten will, Katholiken oder Protestanten.«

»Wenn sie den Feranis hier etwas antun, schießt ihnen der Franzose alles zusammen. Ich habe da drüben auch ein kleines Häuschen stehen!« sagte der Neger.

»Wenn es aber hinter den Bergen liegen würde, könnte er machen, was er wollte?« frug Jim, und der Neger zeigte ein breites Grinsen.

Die Aufmerksamkeit der beiden wurde jetzt auf das Haus gelenkt, in dem sich die Missionare befanden. Dort drängte sich das Volk zusammen und schien eine bestimmte Leitung ihres Unmuts zu verlangen.

»Nieder mit der Flagge der Feranis!« ertönte der Ruf. »Fort mit den Priestern! England hat Schiffe zu uns geschickt, um uns zu beschützen! Wir wollen nichts weiter mit den Wi-wis zu tun haben! Fort mit ihnen!«

Ein schlanker Mann mit starkem Backen- und Schnurrbart ging mit den beiden Häuptlingen rasch an ihnen vorbei. »Das tut niemandem gut. Die Folgen dieses Handelns werden sie sich später selbst zuzuschreiben haben«, sagte er.

»Die Missionare treiben es in ihrem stolzen Wahn bis zum Äußersten!« antwortete Tati.

»Ihre kurzsichtige Politik wird ihnen das geistliche und der Königin das weltliche Regiment nehmen«, sagte der erste Sprecher. »Die einzige Rettung, die dem Lande noch bleibt, ist eine vernünftige Mäßigung. Die Missionare wie die Franzosen müssen gleichzeitig im Zaum gehalten werden.«

»Sagen Sie das den Priestern, Konsul Mörenhout. Dann zucken sie die Achseln und bedauern, daß sie dabei nichts tun können, da sie sich nie in die Politik des Landes mischen.«

»Heuchler!« zischte der Konsul zwischen den Zähnen hindurch. Er verließ jetzt die Häuptlinge und ging zur Veranda. An der Treppe begegnete er den Missionaren Dennis und Rowe. Als Mr. Rowe den französischen Konsul auf sich zukommen sah, blieb er stehen. Er stand ein paar Stufen höher und sagte mit unendlicher Milde und Freundlichkeit:

»Was führt unseren sehr ehrenwerten Freund in solcher Aufregung zu uns?«

Der Konsul sprang rasch die Stufen hoch und an dem Geistlichen vorbei. »Mr. Rowe, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen und den übrigen Herren reden, aber augenblicklich.« Die Nachbemerkung setzte er hinzu, als er sah, wie unschlüssig die geistlichen Herren zögerten. »Es geht jetzt nicht um die Privatinteressen eines protestantischen oder katholischen Priesters«, fuhr er gereizt fort. »Es geht um die Interessen und das Wohl dieses Landes, dessen Entscheidung Sie nun einmal in die Hand genommen haben, wenn auch nicht erörtert werden soll, mit welchem Recht.«

Die Missionare blieben stehen, drehten sich zu dem aufgeregten und gereizten Mann um. Sie blieben dann auf der Veranda, wo sich bald alle um Mr. Rowe und den französischen Konsul versammelt hatten.

»Sie scheinen sich in der Person zu irren, verehrter Herr. Wir sind alle Männer des Friedens, denen es nicht einfallen kann, etwa mutwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeschwören. Was können wir, einzelne und unbewaffnete Männer, dagegen tun?« erkundigte sich freundlich Bruder Rowe.

Der Konsul schritt rasch und ärgerlich auf der Veranda auf und ab, erwiderte aber kein Wort. Er fühlte, daß ihm bei der ersten Silbe, die er laut spräche, die Galle überlaufen würde. Er wollte jetzt in diesem vielleicht für spätere Zeiten wichtigen Augenblick alles vermeiden, was ihm später als Übereilung hätte zur Last gelegt werden können.

Nach einer längeren Pause, als der ehrwürdige Mr. Rowe gerade die Veranda wieder verlassen wollte, begann er erneut:

»Weigern Sie sich wirklich, das blinde, mit europäischen Verhältnissen unbekannte Volk von einem so übereilten Schritt wie dem Niederreißen der französischen Flagge zurückzuhalten? Bedenken Sie nicht, daß sich dieselben traurigen Szenen in Monaten vielleicht schon wiederholen können und Sie dann selbst in dieser mißlichen Lage stecken?«

Der ehrwürdige Mr. Rowe warf den Kopf stolz empor und sagte mit vielleicht absichtlich sehr lauter Stimme:

»Weder Ihre Überredung, Herr Konsul, noch Ihre Drohungen können uns zu einem Schritt bewegen, den wir mit unserem Amt für unverträglich halten. Wie Sie wissen, ist der englische Konsul schon vor längerer Zeit nach Großbritannien gegangen, um dort den Schutz unserer Konfession zu sichern. Sie sehen da draußen auf See in dem hell blinkenden Segel die Antwort unserer Nation. Monsieur Du Petit Thouars wird sich einen anderen Wirkungskreis für seine Heldentaten suchen müssen. Künftig hat er es nicht mehr nur mit wehrlosen Insulanern und friedlichen Lehrern zu tun.«

Mörenhout biß sich auf die Lippen und blieb einen Augenblick überlegend stehen. Er wollte dann ohne ein weiteres Wort die Treppe wieder hinuntersteigen, als der alte, ehrwürdige Mr. Nelson seinen Arm ergriff und freundlich sagte:

»Gehen Sie noch nicht, Konsul Mörenhout. Ein gutes Werk darf nicht so leicht aufgegeben werden, und ich halte Ihnen Ihre Absicht zugute, in der Sie hergekommen sind.«

»Mr. Nelson spricht, als ob dieses sogenannte ›gute Werk‹ in unseren Händen läge«, sagte Mr. Rowe gereizt.

»Das ist wahr!« rief der alte Mann vor Eifer glühend. »Es wäre Sünde von uns zu behaupten, daß wir nicht die Macht haben, das Volk zum Guten zu leiten und es zur Mäßigung anzuhalten. Genauso Sünde wäre es, es jetzt in dieser gereizten Stimmung zu einem leichtfertigen, unglücklichen Schritt zu treiben. Wir als die Lehrer des Volkes dürfen nicht entscheiden, ob die englische oder die französische Flagge das Recht hat, hier zu wehen. Unser Ziel ist es, die Eingeborenen zu Christen zu machen, und nicht zu Engländern oder Franzosen. Ihre Häuptlinge können dann von unseren Konsuln unterstützt werden, aber nicht von unseren Kanzeln!«

»Es gibt Verhältnisse, bei denen ein Zaudern in der guten Sache Verrat genannt werden könnte!« fiel ihm hier Bruder Rowe ins Wort. Er konnte seinen aufsteigenden Grimm nicht länger bewältigen.

»Wehe über Israel!« rief der ehrwürdige Mr. Brower und schüttelte traurig den Kopf. »Das ist die kalte Glut, die fremde Herzen erwärmen soll und nicht einmal imstande ist, das eigene Feuer hell und lodernd anzufachen. Wehe über die Säumigen, die zögern und die Stunden zählen zum Tag und nicht wirken wollen, solange es noch Nacht ist, wehe über die Zaghaften am Tage des Gerichts!«

Mr. Mörenhout hatte den Streit der Geistlichen mit kaum noch zu zähmender Ungeduld angehört. Mit einer gewaltsam erzwungenen Ruhe sagte er jetzt:

»Sie weigern sich also, meine Herren, den Frieden mit Frankreich aufrechtzuerhalten? Sie weigern sich, dem Volk das Gefährliche einer solchen Handlung vorzuhalten?«

»Weigern, Herr Konsul?« unterbrach ihn Rowe entrüstet. »Wir haben nichts mit der Politik dieses Landes zu tun. Mit einem solchen Antrag muß ich Sie an die Königin selbst verweisen!«

Mörenhout wollte noch etwas erwidern. Er hatte schon den Mund geöffnet und trat einen Schritt auf den Missionar zu. Der stellte sich dem gereizten Blick des Mannes mutig. Mörenhout drehte sich plötzlich scharf auf dem Absatz herum und blieb einen Moment stehen. Er konnte den Platz gut übersehen und winkte nach der Stelle, wo die Häuptlinge Tati und Utami standen. Ihnen hatte sich auch Paofai zugesellt. Dann ging er zu ihnen, und gemeinsam entfernte sich die Gruppe heftig gestikulierend am Strand.


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