Friedrich Gerstäcker
Tahiti
Friedrich Gerstäcker

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22. Susanne

Admiral Du Petit Thouars hatte die Inseln der Königin Pomare in vollen Besitz genommen. Dazu gehörten die beiden Gruppen der Gesellschafts- und Georgeninseln. Er dachte gar nicht daran, sie wie beim vorigenmal wieder zu räumen. Er wußte recht gut, daß die Insulaner bei ihrer Eifersucht unter sich und bei dem Haß, den sie teilweise gegen die Missionare hegten, keinen persönlichen Widerstand leisten würden. Um auch dem Streben der Missionare vorzubeugen, wurde den Geistlichen gleich mitgeteilt, daß sie das Volk nicht gegen die rechtmäßige Regierung verbittern durften. Dann wurde eine Proklamation erlassen, nach der jeder Fremde, der gegen die französische Oberherrschaft sprechen (man sagte nicht »predigen«) würde, augenblicklich von der Insel entfernt würde. Dieser Paragraph traf die Missionare am meisten. Dann mußten die Franzosen dafür sorgen, daß die Insulaner keine Waffen und Munition durch ihre Freunde erhielten. Eines der Schiffe erhielt sofort Auftrag, die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen. Die hier liegenden Engländer überwachte man scharf. Auch Spirituosen sollten nicht in die Hände der Insulaner gelangen, um sie nicht aufzureizen. Deshalb erhielt die »Kitty Clover« Befehl, die Bai am nächsten Tag zu verlassen. Sie stand seit langem im Verdacht, heimlich Branntwein zu verkaufen. Aber Mac Rally führte noch andere Dinge mit sich, von denen die Franzosen nichts wußten. Die verschiedenen Fässer mit sorgfältig verpackten Waffen, die im unteren Raum lagen, hatten auf der Insel willige Käufer gefunden. Offen konnten sie allerdings nicht ausgeladen werden. Aber der Schotte hielt häufig Besprechungen mit dem amerikanischen Kaufmann Mr. Noughton, dem Konsul Pritchard und dem Missionar Rowe. Ob das die Waffen betraf, konnte natürlich niemand wissen. Sicher ist aber, daß Jim O'Flannagan an Land eine geheime Unterredung mit Mac Rally hatte und dieser würdige Mann dann eilig an Bord zurückruderte.

Viel Zeit war jetzt nicht zu verlieren, denn noch am selben Abend lief der französische Kriegsdampfer »Cormorant« ein. Ein Gerücht lief durch die Stadt, daß auch der ganze übrige Teil der Flotte von den Marquesas-Inseln hier eintreffen würde. Damit wollte man den Eingeborenen imponieren und ihnen beweisen, daß jeder Widerstand aussichtslos war. Jetzt erst wurden die Eingeborenen stutzig, denn das ganze Benehmen der Fremden war diesmal ganz anders. Überall Wachtposten, die Soldaten in einem der Häuser Pomares, die Besitznahme der kleinen Insel Motuuta, die in der Mündung der Bai lag und die schon immer der Lieblingsaufenthaltsort der Königin war – das alles war bedenklich. Auch Kanonen wurden auf die Insel Motuuta gebracht, und die Missionare zeigten jetzt ein scheues und zurückhaltendes Wesen. Erstmalig hegten einige Insulaner die Befürchtung, daß wohl doch nicht alles wieder so schnell vorübergehen würde, wie es ihnen die frommen Lehrer bis jetzt immer erzählt hatten.

Durch die Drohung des Admirals wagten die Missionare auch keine direkten Predigten mehr gegen die Römisch-Katholischen. Nur Mr. Pritchard blieb sich treu. Er trotzte auf seine Stellung als Konsul und protestierte von Anfang an feierlich gegen jede französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung anerkennen würde. Er wahrte sich das Recht, zum Volk zu reden und ihm zu raten, wie es ihm gefiel.

Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert. Er sprach ihnen nicht nur aus der Seele, sondern er versprach ihnen auch englische Hilfe von der zuerst kommenden englischen Fregatte. Mit dem »Dublin« waren schon die Klagen und Beschwerden sämtlicher Missionare nach England abgegangen.

Es läßt sich denken, daß die französischen Autoritäten die Aufreizungen dieses Mannes mit Ärger und Verdruß sahen und nur durch seine offizielle Stellung zurückgehalten wurden, etwas gegen ihn zu unternehmen.

Spione umgaben ihn, um aus seinen Reden eine direkt zur Empörung aufreizende Äußerung zu hören. Mr. Pritchard war aber klug genug, sich keine solche Blöße zu geben. So wuchs der Zorn der französischen Offiziere gegen ihn von Stunde zu Stunde.

René hatte beschlossen, sich von jeder Beteiligung an den politischen Ereignissen fernzuhalten. Er wollte natürlich nicht gegen seine Landsleute kämpfen, obwohl er fühlte, daß den Eingeborenen hier Unrecht geschah. Und ihnen konnte er auch nicht feindlich gegenübertreten.

Je mehr er über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, daß er zwischen den Feuern in Papeete saß. Er wollte Papeete und Tahiti verlassen und drüben in Atiu die Welt um sich vergessen. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er dort nicht zu haben. Gott deckte den Tisch der Eingeborenen mit reichen Gaben.

Er liebte Sadie aus tiefster Seele. Aber er hatte dennoch den Zauber dieser Liebe überschätzt. Er fühlte, daß er mit ihr flüchten mußte, um sich selber und seiner Leidenschaft zu entgehen. Noch an diesem Tag begann er seine Vorbereitungen, um Tahiti zu verlassen. Sadie beobachtete dankbar seinen Eifer. Noch glücklicher als der Gedanke an die Rückkehr machte sie allerdings das Bewußtsein, daß sie seine Liebe noch besaß und daß sie sich in der verhängnisvollen Stunde getäuscht hatte. Er konnte das schöne fremde Mädchen nicht lieben, sonst hätte er sich nicht so beeilt, aus ihrer Nähe zu kommen. Daß es ihn gerade nach Atiu zurückzog, war für sie Bürgschaft für ihr schönstes Glück, für den Frieden ihrer Seele.

René hatte sich von der Mission einen kleinen Kutter besorgt, um seine Sachen nach Atiu zu bringen. Er kam schon am Nachmittag von Papeete herüber. Vollkommen vor dem Wind geschützt, lag er am Strand vor Anker. Niemand freute sich mehr darüber als Mitonare Ezra, der sich sofort als Passagier anbot und versprach, die Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr als drei Mann benötigten sie nicht, und René war ja seemännisch erfahren. Da erhielten René und Bruder Ezra gleichzeitig Einladungen. René sollte zum Gouverneur Bruat kommen, der Mitonare zu Bruder Rowe. René befürchtete, daß der Flaggenraub bekanntgeworden wäre, aber Mr. Bruat war sehr freundlich zu ihm. Er hatte sich sein Schicksal erzählen lassen, und er wollte ihn an Papeete fesseln, da er ja schon früher in der französischen Armee als Offizier gedient hatte. Er bot ihm eine gleiche Stellung in der Stadt an, unabhängig von den Schiffen mit gesichertem Aufenthalt auf den Inseln. René begriff, daß er dieses Angebot weniger seinen Verdiensten zu verdanken hatte als vielmehr seiner Heirat mit Sadie. Dadurch stand er auf gutem Fuß mit den Eingeborenen. Es wäre aber auch der sichere Weg gewesen, sich mit ihnen völlig zu verfremden, und er lehnte die Stellung dankbar ab. Monsieur Bruat schien etwas pikiert zu sein, er hatte wohl keine so definitive Weigerung erwartet. René blieb aber hart und wurde mit einer sehr kalten Verbeugung entlassen.

 

Hinter den herabgelassenen Jalousien waren die Zimmer im Hause Belard angenehm kühl. Madame Belard saß mit ihrer Freundin zusammen und nähte, während Susanne Klavier spielte.

»Lieber Gott, Susanne, bist du heute langweilig. Du spielst Melodien, als würde jemand zum Richtplatz geführt werden! Was fehlt dir? Heraus mit der Sprache, Mädchen, aber quäle die Molltöne nicht so!«

»Ich? Was soll mir fehlen?« lachte Susanne und spielte die Marseillaise.

»Damit hast du gestern abend Monsieur Delavigne vertrieben! Wie rasch er aufsprang und davonstürzte! Wir hätten uns heute noch nach ihm erkundigen müssen.«

Susanne erwiderte nichts darauf und präludierte ihre kleinen, melancholischen Kreolenlieder aus Louisiana. Da wurden Schritte laut, und Monsieur Belard trat ein.

»Ist Delavigne hier gewesen?«

»Monsieur Delavigne? Nein, ist er wieder in der Stadt?«

»Hat er euch denn nichts gesagt?« Belard ging zu einem kleinen Eckschrank und goß sich ein Glas Brandy mit Wasser ein. »Delavigne will wieder fort von hier!«

»Fort? Aber wohin denn?« riefen die beiden Damen gleichzeitig.

»Soviel wie ich verstanden habe, zurück nach Atiu.«

»Er wird sein Geschäft dorthin verlegen wollen!«

»Das ist ja der Unsinn! Das dachte ich auch, aber wie es mir jetzt vorkommt, läuft die ganze Geschichte auf einen romantischen Schwindel hinaus. Wenn das wirklich der Fall ist, kann er mir leid tun, denn in der Paradies-Komödie hält er es keine zwei Monate aus. Er will sein Geschäft aufgeben und sich drüben hinsetzen und Brotfrucht und Tarowurzel mit Madame Sadie essen. Das klingt schön, ist aber leider unausführbar, es sei denn, man ist kein Franzose, kein zivilisierter Mensch.«

»Ist denn hier etwas vorgefallen? Hat er Unannehmlichkeiten gehabt?«

»Nicht, daß ich wüßte. Im Gegenteil, der Gouverneur scheint ihm sehr gewogen zu sein. Wie mir Delavigne selber sagte, hat er ein Angebot von ihm erhalten. Das hätte ihm eine sichere Existenz verschafft, wenn er sein Geschäft aufgegeben hätte. Aber auch das hat er ausgeschlagen. Er muß verrückt sein – oder blind.«

»Wann will er fort?« sagte Madame Belard.

»Schon morgen, soviel ich weiß. Aber ich muß jetzt wieder gehen. Er kommt sicherlich noch zu euch hierher, um sich zu verabschieden. Ich habe hier noch dieses Papier für ihn, gebt es ihm bitte, ich habe es ihm versprochen. Vielleicht komme ich nachher noch einmal herüber.«

Die Frauen saßen noch schweigend und nachdenklich, bis Madame Belard sagte:

»Merkwürdig. Etwas muß da vorgefallen sein. Sein eigentümliches Verhalten gestern abend...«

»Die Männer sind ein merkwürdiges Volk«, sagte Susanne. »Er wird sich mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehen und in ihren Armen träumen.«

Madame Belard schüttelte traurig den Kopf.

»Das ist nicht, wie es sein sollte. Hätte er den Entschluß langsam und mit reiflicher Überlegung gefaßt, dann würde ich mich freuen. Sadie, das arme, liebe Mädchen, paßt nicht in diese Welt. Sie verdient es, glücklich zu sein – und wird es nie werden.«

»Warum nicht?« sagte Susanne gleichgültig. »Soviel ich von den Insulanerinnen weiß, verlangen sie gar nicht mehr, als daß sich ein Europäer um sie bewirbt und für die Dauer seines Aufenthaltes bei ihnen bleibt. Wenn er in seine Heimat zurückkehrt, fällt es ihm nicht ein, seine farbige Frau mitzunehmen.«

»In der Regel trifft das zu. Leider Gottes handeln viele Männer hier in dieser Hinsicht leichtsinnig genug und haben schon manches Herz gebrochen.«

»Sie sehen nicht so aus, als ob man ihre Herzen leicht brechen könnte«, sagte Susanne kalt.

»Doch, doch. Sadie ist nicht wie die Kinder dieser Inseln erzogen. Nur die Farbe und ihre Natürlichkeit verraten sie noch als Kind des Korallenbodens. Der alte Mr. Osborne, der hier auf der Insel starb, hat sie wie eine Tochter erzogen und unterrichtet. Er wollte ihr damit etwas Gutes tun, aber ich fürchte, er hat ihr einen schlimmen Dienst erwiesen. Sie ist nicht Insulanerin und nicht Europäerin. An der Seite eines ungebildeten, faulen Einheimischen würde sie unglücklich sein. Und ich fürchte, sie kann den jetzt geliebten Mann nicht für immer an sich fesseln.«

»Verlangst du von Delavigne, daß er sein Leben da drüben auf den monotonen Inseln verträumen soll?« sagte Susanne und drehte sich rasch zur Freundin um.

»Verlangen? Ich verlange von einem Mann, daß er seine Schwüre hält. Wenn Delavigne das tut, dann kann er die Inseln nur verlassen, wenn er sie als seine Frau mit nach Europa nimmt.«

»Um dort von allen Kindern auf der Straße verspottet zu werden!« rief Susanne.

»Das hat er alles vorher gewußt«, sagte Marie Belard. »Sadie ist übrigens eine hübsche Frau.«

»Wie lange wird das dauern? In sechs, vielleicht schon in fünf Jahren ist die Blütezeit dieser Tropenkinder vorüber, und die Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den zivilisierten Städten der Welt denkt. In der neuen Welt könnte er nicht existieren, denn jede anständige Familie in New York oder New Orleans würde sich von ihm zurückziehen, um nicht in den Verdacht zu geraten, Umgang mit schwarzem Blut zu haben.«

»Aber Susanne! In Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter, von der Königstochter Pokahontas abzustammen!« sagte Madame Belard.

Susanne zuckte die Achseln.

»Wenn man sie als Ahnen hat, mag das gelten. Aber frag einmal eine der Familien, ob sie es jetzt einem ihrer Söhne erlauben würden, die Ehre ihrer Geschlechter durch indianisches Blut zu beflecken. Übrigens sind hier geschlossene Ehen, wie man überall hört, keineswegs so bindend und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung enthalten.«

»Die meisten, leider Gottes, ja. Die leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht verlangen, wenn nicht die Missionare darauf beständen und wenigstens soweit den Anstand wahren wollen. Bei den meisten ist auch wirklich weiter nichts geschehen, andere heiraten richtig, wie bei uns, mit einer Zeremonie, und ich glaube, auch so bindend. Wahrscheinlich ist das auch bei Sadie und Delavigne der Fall. Sadie ist die Pflegetochter eines Geistlichen und von ihm erzogen und getraut. Aber wie auch immer, das tote Wort kann nur gesetzlich binden, wo das Gesetz Kraft hat. Hier bringt jedes Kanu einen Mann aus dem Bereich der Insel. Hier gilt nur das eigene Wort, und ich will für Sadie hoffen, daß Delavigne fest dazu steht. Es wäre sonst sehr traurig für Sadie, auch wenn ihr beiden besser zusammengepaßt hättet.«

Susanne lachte, aber sie wandte schnell den Kopf ab und begann, erneut die Marseillaise zu spielen.

Leise öffnete sich die Tür, und René erschien auf der Schwelle. Keine der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes kommen hören. Mehrere Minuten stand er schweigend, den Blick fast wehmütig auf die Spielerin gerichtet. Sie ging über in spanische Lieder, spielte eine Weile, dann fiel sie mit ihrer weichen, klangvollen Stimme leise ein:

»Die Halme wehn gedankenschwer
auf jener Wiese drüben,
sie sagen wohl einander nur
daß sie sich innig lieben.

Ich aber liege einsam hier
und schaue in die Höhe –
ach, daß mich niemand lieben will,
ist ja mein einzig Wehe.«

»Ein trauriges Lied«, seufzte Madame Belard und drehte sich zur Freundin um. Unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus, als sie René ernst und bleich vor sich stehen sah.

Susanne schaute ebenfalls auf. Sie wurde rot und stand auf.

»Sie haben uns belauscht!« sagte sie und sah ihn so durchdringend an, als wollte sie seine Gedanken lesen.

»Zumindest den Dichter, dem wohl recht weich und weh ums Herz war, als er dieses Lied schrieb«, antwortete René. »Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß Lewis. Das Leben liegt noch vor Ihnen. Doch seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie gestört habe, ich will Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich komme, um Ihnen adieu zu sagen.«

»Sie müssen fort?« sagte Susanne leise.

»Hoffentlich morgen«, erwiderte René mit einem gezwungenen Lächeln.

»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein. Mein Mann sagte uns erst vorhin davon und hat hier auch ein Papier für Sie hinterlegt, falls er Sie nicht noch sehen sollte. Es tut uns sehr leid, daß wir Sie hier verlieren!« sagte Madame Belard.

»Madame Belard...« sagte René, und seine Stimme zitterte.

»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mitgebracht, soll ich sie nicht wiedersehen?«

»Sie werden sie entschuldigen müssen«, sagte René und nahm das Papier entgegen. »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu tun und... es ist vielleicht besser so.«

»Eigentlich handeln Sie richtig, daß Sie den politischen Wirren entgehen«, sagte Madame Belard und winkte ihn zu einem Stuhl. »In Ihren Verhältnissen hätten Sie es vielleicht doch nicht vermeiden können, für die eine oder andere Partei Stellung zu nehmen. Hat sich hier erst alles wieder reguliert, sind Sie ja noch immer Ihr freier Herr.«

»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig. Ich kann den Gewaltstreich meiner Landsleute einem schwachen, harmlosen Volk gegenüber nicht billigen. Andererseits habe ich mich schon zu oft über das Treiben der Missionare geärgert, um nun ihnen das Wort zu reden. Ich hätte mich also keiner Partei angeschlossen. Es stimmt aber, daß es schwer ist, in einer solchen Lage völlig neutral zu bleiben. Jetzt ist auch keine Aussicht mehr auf Änderung der Verhältnisse für die Eingeborenen. Eben ist noch ein neuer französischer Kriegsdampfer signalisiert worden, wenn ich mich nicht irre, der ›Salamander‹.«

»Der ›Salamander‹ lag nach den letzten Nachrichten in Havre. Dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns Briefe aus der Heimat.«

»Aus der Heimat«, sagte René leise. »Es ist doch ein wunderbares Wort. Ich hätte nie geglaubt, daß ein solcher Zauber darin liegen könnte. Aber, ich habe Sie wieder bei Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis.«

»Wir haben nur geplaudert, und ich habe in Gedanken Klavier gespielt«, antwortete Susanne und blätterte in einem Buch.

»Was hört man draußen im Land über die Zustände? Glauben Sie, daß die Eingeborenen sich den französischen Befehlen fügen werden?«

»Gott weiß, was sie tun. Die Regierung muß den Einfluß der Missionare fürchten, besonders den des englischen Konsuls.«

»Dieser Mr. Pritchard hat etwas Nobles in seinem Wesen, ich hätte ihn eigentlich nicht für einen Missionar gehalten«, sagte die junge Frau.

»Er ist es wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die Eingeborenen ausübt. Ich bin übrigens kein Freund dieser Herren und besonders froh, daß ich meine Frau aus ihrem Bereich entfernen kann. Aber es wird Zeit. Es dunkelt schon, und ich muß noch einiges in der Stadt besorgen.«

»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard.

»Ich kann nicht anders. Ich lasse viele liebe Freunde hier zurück. Werden Sie manchmal an mich denken?«

»Wir wollen keinen großen Abschied voneinander nehmen, Delavigne«, sagte Madame Belard bewegt. »Sie gehen nicht aus der Welt und werden manchmal hierherkommen. Es ist doch schön, alte Freunde wiederzusehen. Gehen Sie mit Gott, und grüßen Sie ihr Weibchen und... mögen Sie das finden, wonach Sie suchen.«

Sie entzog ihm rasch ihre Hand, denn jetzt stiegen ihr Tränen ins Auge. Sie hatte den jungen Mann gerngewonnen und mochte sein offenes, herzliches Wesen. Rasch verließ sie das Zimmer.

Susanne machte eine Bewegung, als wollte sie ihr folgen, besann sich aber und blieb am Instrument stehen.

»Miß Lewis, ich glaube nicht, daß wir uns wiedersehen werden...« sagte René leise.

»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen«, unterbrach ihn die junge Frau, die gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfte, dem sie keine Worte geben konnte. Sie fürchtete sich vor einem ernsten Abschied und ging deshalb in gezwungene Höflichkeit über. »Sie haben sich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müssen mich erst um Urlaub bitten. Wissen Sie, daß mir der Preis bekannt ist, den mein Vater auf Ihr Wiedereinbringen ausgesetzt hat? Soll ich Sie jetzt einfach so entlassen?«

»Üben Sie Gnade vor Recht, Mademoiselle«, bat René leise und ernst. »Üben Sie Gnade meinetwegen und für ein anderes Wesen!«

»Ich verstehe Sie nicht!« sagte Susanne rasch. »Aber ich sehe ein, daß ich schwaches Mädchen nicht vollbringen kann, was die ganze Mannschaft des ›Delaware‹ nicht schaffte, Sie zu halten. Was soll ich meinem Vater sagen?«

»Sagen Sie ihm«, sagte René, der sich jetzt kaum noch zusammenreißen konnte, »sagen Sie ihm... daß ihn die Tochter hart und schwer gerächt hat. Und nun... leben Sie wohl und... glücklich!«

Er griff nach ihrer Hand, preßte sie fest an die Lippen und sprang dann mit schnellen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.

Susanne wollte seinen Namen rufen, aber die Zunge versagte ihr. Sie floh auf ihr Zimmer und schloß sich ein.


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