Friedrich Gerstäcker
Tahiti
Friedrich Gerstäcker

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15. Die Königin Pomare

Der Sturm hatte nachgelassen, aber der Westwind schleuderte noch immer seinen Wellenschaum gegen das LeeuferDas westliche Ufer dieser Inseln wird immer das Leeufer genannt, da der Wind fast immer von Osten kommt. der Insel. Die schweren Palmenwipfel vor dem Palast Aimatas, der Vierten Pomare, schwankten herüber und hinüber und schüttelten die schweren Tropfen aus ihren Kronen.

Der Palast der Pomare – ein Zauber lag sonst über dem Heiligtum, das ein frohes, gutmütiges und deshalb auch leichtgläubiges Volk mit allem ausgeschmückt hatte, was seine Phantasie an großen Dingen nur erfinden konnte.

Was machte es, daß nur Bambusstäbe das leichte Dach aus Pandanusblättern stützten und nur feingeflochtene Matten und selbstgewebte Tapa den inneren Raum zierten. Was machte es, daß die Häuptlinge nur aus einfachen Kalebassen ihre Brotfruchtsuppe aßen und den Saft der Kokosnuß dazu tranken? Sie waren die von Oro beschützten Fürsten, und schon der Boden heilig, auf den sie ihren Fuß setzten.

Und jetzt? Der Verkehr mit den Europäern hatte die alten, einfachen Sitten der Insulaner verdrängt. Anstatt daß sich die Missionare dem einfachen Leben anpaßten, lenkten sie die Gier dieser sonst so anspruchslosen Menschen auf die fremden Dinge, die sie in Massen mitgebracht hatten. Der Schutz der Könige wurde durch Geschenke, bunten Plunder, gewonnen. Als sich die Fürsten dann immer mehr mit den Fremden einließen, um ihre Geschenke zu bekommen, als sie sogar ihre Götter gegen Glasperlen eintauschten, da war ihre Würde und königliche Macht dahin. Zwar blieb noch der äußere Prunk und wurde vielleicht sogar noch wie das letzte Aufflackern einer Lampe kurze Zeit erhöht und verstärkt. Auf den Sandwichinseln, wo republikanische Missionare zuerst Gottes Wort verkündeten, wurde die Macht der Könige dadurch zuerst gehoben. Besonders die FrauenMissionar Bingham spricht mit besonderer Ehrfurcht von der würdigen »Matriarchin« Kaahumanu, der Frau Kamehamea I., einer Frau von fast dreihundert Pfund Gewicht. Sie führte wahrscheinlich auch zu der Fabel von der riesigen Dicke der Königin Pomare. Die Sandwich- und Gesellschaftsinseln werden nur zu oft miteinander verwechselt. hingen als erste der christlichen Religion an. Aber auf den Gesellschaftsinseln hatte es genau den gegenteiligen Erfolg. Die Pomaren begegneten der christlichen Religion mit Trotz, bis dann in späteren Jahren der zweite Pomare zur christlichen Religion übertrat.

Die Fürsten, die man bis dahin für übernatürliche Wesen gehalten hatte, wurden Menschen. Die Götter, die bis dahin das Schicksal der Völker bestimmt hatten und die ihre Hand über Land und See gehalten hatten, wurden plötzlich zu Holzstücken. Der Glaube, die Furcht und die Liebe des Volkes war alles nur ein schöner Traum gewesen. Daß es dann zu Extremen übersprang, läßt sich denken. Das schlichte Bambushaus, in dem sich der Herrschersitz der Könige befand und zu dem alle mit Ehrfurcht aufsahen, war verschwunden. An dessen Stelle stand ein europäisches Gebäude, mit Schindeln gedeckt. Es hatte eine Veranda und eine Treppe, Türen und Glasfenster und dichte Wände, durch die keine kühle Seebrise drang. Fremd und unnatürlich starrte es zwischen den schlanken Palmen hindurch. Das Innere war wild und geschmacklos mit den verschiedenen Geschenken aus allen Ländern und von vielen Schiffen ausgeschmückt. Porzellan und Glas, Bronze und Messing, versilberte Leuchter, vergoldeter Schmuck, Service und Geschirr standen so geschmacklos im Weg herum.

Die natürliche Majestät war gewichen und die künstliche nicht mehr imstande, selbst dem Eingeborenen zu imponieren. Die Ehrfurcht, die er dem schlichten Bambus und der einfachen Tapa gezollt hatte, verweigerte er dem kostbaren Teppich und all den anderen tausend »Kostbarkeiten«, die er staunend anstarrte, wenn er an ihnen vorüberging. Er kannte die Quelle, aus denen sie kamen. Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in Hand, und vor dem neuen Gott waren alle Menschen gleich, das hatten ihnen die fremden Lehrer oft genug gesagt.

Rücksichtslos, wie die Hand der Menschen schon an dem Hermelin der Königin gerissen hatte und die Faust nach der Krone Aimatas ausstreckte, so hatte auch der Sturm in seiner tobenden Lust auf dem geweihten Platz gewütet. Wo einst eine Anzahl herrlicher Palmen das alte Bambushaus der Königin umgaben und sich dabei untereinander Schutz gegen die wilden Windgeister gaben, mußten viele weichen für den größeren Neubau. Die einzeln zurückgebliebenen waren aber nicht imstande, dem wilden Westwind zu trotzen. Wieder und wieder wurden sie zu Boden gedrückt, bis die herrlichste von ihnen mit schwerem Fall zu Boden schmetterte, dabei in Banane und Brotfruchtbaum zerstörend fiel. Wie ein unartiges Kind, das sein Spielzeug zerbrochen hat, sauste der Sturm danach über die mächtigen Waldeswipfel und verschwand hinter den Bergen. Die Palme lag zerknickt, der starre, aufgespaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Himmel deutend. Der Wipfel bot ein trauriges Bild zertrümmerter königlicher Kraft – ein Sinnbild hier auf der Schwelle der Pomare.

Als der Sturm schwieg, wogte und drängte draußen das Volk in dichtem Schwarm. Zum erstenmal fühlte es wieder eine Macht, die ihm die Fremden genommen hatten.

Das Volk sprach, und der Palast lag verödet da. Die Türen standen offen oder schlugen im Zugwind hin und her. Die europäischen Vorhänge und Gardinen flatterten und wehten unordentlich hinaus. Die Hofdamen Pomares hatten sich in Furcht und Neugierde teilweise mit an den Strand gedrängt, um das Schiff zu sehen, teilweise standen sie mit flatternden Locken und Gewändern auf der Veranda.

Pomare war in ihrem Zimmer ganz allein. Sie stand regungslos an ein Fenster gelehnt, die linke Hand auf der geöffneten Bibel. Nachdenklich sah sie hinaus auf die wild geschüttelten Baumwipfel.

Sie hatte eine schlanke, edle Gestalt mit nicht gerade schönen, aber doch wohltuenden Zügen. Besonders ihre Augen wirkten feurig und lebendig, nur die Brauen waren jetzt finster zusammengezogen. Sie war in die Landestracht gekleidet, nur aus kostbareren Stoffen gefertigt. Der Pareu bestand aus einem feinen, gelb und rot gestreiften und mit kleinen Silberblumen durchzogenen Gewebe. Der obere Rock, der weit und bis zum Gürtel offen war und an den Handgelenken mit zwei Perlmuttknöpfen zusammengehalten wurde, bestand aus schwerer, blaßroter Seide, um die Hüften von einer goldenen, emaillierten Spange zusammengehalten. Die Haare trug sie offen mit einem goldenen Reifen, der wohl an die Krone erinnern sollte. An den Fingern blitzten zwei auffällige goldene Ringe. Dieser Schmuck war den Eingeborenen der liebste und wertvollste. Ihre Füße waren nackt.

Lange Zeit blieb sie so stehen. Nur einmal war es so, als ob sie ungeduldig nach dem dumpf zu ihr herüberdringenden Lärm horchte.

»Sie kommen, Pomare, sie kommen«, rief da plötzlich eines der Mädchen, das nur schnell den Kopf durch die Tür steckte und gleich darauf wieder verschwunden war.

»Aramai, Einana!« rief die Königin und drehte sich zornig zur Tür um. Das junge Mädchen erschien wieder und blieb schüchtern und beschämt stehen. »Ist das jetzt Sitte hier bei mir geworden, daß ihr draußen herumlauft und dann zu mir hereinstürmt und mir die Botschaft unter das Dach ruft, als ob ich herübergeweht wäre von den Inseln windwärts? Wer kommt? Waihine, und wo sind deine Gefährtinnen?«

»Tati, der Häuptling, Pomare, mit dem bösen weißen Ferani«, sagte das Mädchen etwas ängstlich. »Und noch viele andere Tanatas.«

»Und die Einanas?«

»Stehen draußen und sehen hinaus.«

»Was will Tati von mir?« frug die Königin finster, mehr mit sich selbst redend.

»Böser Ferani war bei den Mitonares, hat sich mit ihnen gezankt und kommt jetzt zornig und bös zu Pomare«, sagte das Mädchen leise.

Ein verächtliches Lächeln zuckte um Pomares Lippen, weil die Einana den Ferani fürchtete. Aber die Botschaft selbst beunruhigte sie doch. Der französische Konsul verkehrte nie mit den protestantischen Geistlichen. Er wußte nur zu gut, daß sie ihn haßten und verabscheuten. Was hatte er dort zu tun, wenn sie nicht etwas gegen ihn und seine Nation unternommen hatten? Warum wußte sie noch nichts davon?

»Die Mitonares haben das englische Schiff gesehen und glauben sich nun als Herren dieses Landes«, murmelte sie leise vor sich hin. »Aber noch nicht, noch nicht. Und das alles sagt die Bibel, alles, was sie wollen.«

Lautes Sprechen von der Veranda drang herüber, und die Einanas, die bis jetzt draußen herumgestanden hatten, schlichen sich leise ins Zimmer, während eine von ihnen die Ankunft des »Ferani Me-re-hu« mit Tati, dem Häuptling, meldete. Noch ehe Pomare die Zustimmung zum Eintritt der beiden geben konnte, wurde die Tür wieder aufgerissen, und der Konsul betrat rasch den Raum. Tati folgte ihm langsam und scheu.

»Haben Sie die Sitten verlernt, Konsul Me-re-hu?« rief ihm Pomare gereizt entgegen, noch ehe er den Mund zu seiner Verteidigung öffnen konnte. »Wie kommen Sie dazu, in das Zimmer einer Frau, und noch dazu der Pomare einzudringen, als wären Sie in Ihrem Haus? Noch haben Ihre Kriegsschiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen und Ihre Soldaten mein Volk erschlagen oder Ihre Priester es betört! Gehen Sie weg von hier, Sie sind ein unruhiger, böser Mann! Und was will Tati von seiner Königin, daß er mit dem Fremden über die Schwelle bricht wie ein Dieb in der Nacht?«

»Ich komme nicht meinetwegen, sondern wegen dem Reich, das von deinen wilden Priestern verdorben wird!« unterbrach sie aber Mörenhout, ohne Tati Zeit zu geben, sich selber zu verteidigen.

»Konsul Me-re-hu!« rief Pomare entrüstet.

»Ja, Pomare!« fuhr der Franzose in zornigem Eifer fort. »Ich muß es wiederholen. Deine Priester arbeiten in diesem Augenblick selbst daran, den Bruch unheilbar zwischen diesem Land und Frankreich zu machen. Sie stützen sich auf die Bibel, der sie in blindem Eifer anhängen und predigen und schreien, daß sie nur ihr folgen. Dabei ist es nur ihre eigene, starrköpfige Meinung, der sie folgen!«

»Sind Sie nur hierhergekommen, um Gott und meine Priester zu lästern, Konsul?« erkundigte sich kalt die Königin.

»Ich bin hierhergekommen, um dich zu bitten, daß du ihren Übermut steuerst! Ich will dich warnen, damit ihr Einfluß nicht zu stark wird!«

»Warnen!« wiederholte Pomare verächtlich und drehte dem Konsul halb den Rücken zu. »Und was sagt Tati? Hat der erste Häuptling Tahitis dem Fremden das Wort überlassen?« wandte sie sich an den mit untergeschlagenen Armen und finsterem Gesicht dastehenden Häuptling zu.

»Warum nicht, wenn er die richtigen Worte spricht?« sagte der Häuptling ernst. »Es ist ja dasselbe, weshalb auch ich gekommen bin und worum ich Pomare bitten wollte.«

»Und was wollt ihr von mir?« rief die Königin, jetzt wirklich beunruhigt durch das ernste Aussehen der Männer. »Was ist geschehen, was haben die Mi-to-na-res getan?«

»Die Mi-to-na-res tun nie etwas«, sagte der Konsul jetzt wesentlich ruhiger. »Sie stecken sich nur hinter die Menge, reizen mit ihren Worten das Volk und sind dann unschuldig wie Kinder, wenn der Same aufgeht, den sie erst gerade gepflanzt haben.«

Die Königin machte eine ungeduldige Bewegung. Tati sah ein, daß der Konsul mit seinem Zorn über die Missionare nicht mehr zum Hauptpunkt kam. Er fiel jetzt ein:

»Sie sind unklug genug, das Volk dazu zu treiben, daß es die französische Flagge niederreißt!«

»Welches Recht hat sie denn, hier zu wehen?« frug Pomare rasch.

»Den mit dir selbst geschlossenen Vertrag!« rief der Konsul.

Tati biß sich auf die Lippen und entgegnete nur trocken:

»Das Recht des Stärkeren, ich weiß von keinem anderen.«

»Von keinem anderen?« sagte der Konsul erstaunt und drehte sich rasch zu dem Häuptling um. »Habt ihr nicht selbst alle den Vertrag unterschrieben, der das absichert?«

»Eben weil ihr die Stärkeren seid, habt ihr das Recht«, sagte der Häuptling finster. »Der Vertrag war in anderem Sinne, als Sie ihn ausbeuten möchten. Wärt ihr so ein kleines Reich wie wir, würde die Frage gar nicht existieren. Dann würde die Kriegskeule entscheiden, welche Flagge in der Brise flattern dürfte. Kaufleute sind aus dem Land der Feranis gekommen, und sie haben nichts gesagt. Jetzt kommen Priester von dort, und sie schreien, daß Gott das Land mit Feuer und Schwefel ausrotten würde, warum? Weil die anderen Priester auch Ferkel haben wollen zum Backen und Brotfrucht zum Rösten. Weil sie auch Worte eintauschen wollen gegen Körbe voll Früchte und Hühner und Schweine.«

»Wie kann ich es verhindern?« sagte Pomare unschlüssig. »Ihr wilden Männer habt mich in ihre Hände gegeben, und ich will mich dem Ferani nicht beugen.«

»Wer sagt denn, daß du es sollst?« rief Tati schnell. »Aber ebensowenig auch der Flagge der Beretanier!«

»Die frommen Männer verkünden das Wort Gottes, nicht das Beretaniens«, entgegnete Pomare.

»Donnerwetter, das sollen sie denen sagen, die es glauben!« rief der Häuptling. »Ihr eigener Bauch ist ihr Gott, und die Bibel halten sie vor, um ihn zu verstecken. Waren die Häuptlinge in alten Zeiten den Göttern oder den Priestern untertan? Hat der neue Gott so wenig Macht, daß wir vor seinen Dienern nur Furcht und Ehrfurcht haben sollen?«

Die Königin wollte reden, aber ihre Stimme versagte in diesem Augenblick.

»Ich weiß, daß sie alle deine guten Eigenschaften, aber auch alle deine Schwächen benutzt haben, um sich selbst zu dienen. Dein gutes Herz haben sie für ihren Gott gewonnen. Das Erbteil deines Stammes unterstützte sie in dem Kampf mit deinen Feinden. Sieh mich nicht so an, Pomare, ich gehörte nie dazu, auch wenn das Blut meiner Väter, der alten und rechtmäßigen Fürsten dieser Inseln, durch meine Adern fließt. Ich habe dich selbst stets geachtet, auch wenn ich mich gegen deinen Stamm gestellt habe. Aber es tut mir weh, daß der Häuptlingsstab aus unserer Faust gerissen wurde und nicht eine würdige Hand schmückte. Eine Schar Fremder benutzt ihn als Stock, um damit ihre Herde zusammenzutreiben. Mit Zorn und Schmerz erfüllt mich der Gedanke, das die finsteren Priester in unserem schönen Land herrschen, weil wir selber nicht einmal den Mut hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.«

»Aber ihre Religion ist eine Friedensreligion«, sagte Pomare.

»Und ihre Worte die Lehre vom Krieg!« rief der Häuptling. »Weshalb stehen sie zwischen uns? Wer gab ihnen das Recht, hier zu entscheiden und Richter zu sein in unserem Land? Die Bibel? Wir haben sie jetzt selber. Nimm du die Zügel jetzt wieder in die Hand, Pomare. Wähle die aus, die es gut und ehrlich mit den Leuten meinen, die aber auch an dieser Küste geboren sind. Nimm sie zu deinen Richtern. Hier ist mein Wort und meine Hand, daß Tati nie wieder die Eifersucht in seinem Herzen nähren wird und dir treu und ehrlich zur Seite stehen wird.«

»Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit dir!« bestätigte hier der Franzose die Worte des Häuptlings. Die Königin hatte unschlüssig dagestanden und den Blick auf den Boden gerichtet. Jetzt sah sie plötzlich zu dem Fremden auf und antwortete finster:

»Dein Rat, Me-re-hu, hat diesem Land noch nie gutgetan. Du sprichst nicht mit Tati, wenn du für ihn sprichst.«

»Ich verstehe eure Wortspiele nicht«, sagte der Konsul unwillig. »Aber ich weiß, daß es Tati gut mit dir meint und daß ich im Augenblick weniger von den Interessen Frankreichs, sondern von deinen eigenen spreche. Willst du nichts davon wissen, so tue meinetwegen, was du nicht lassen kannst. Schreib dir dann aber auch selbst die Folgen zu.«

»Ich habe bei dem, was ich bislang beschlossen habe, noch nie die Folgen gefürchtet«, sagte Pomare ruhig. »Aber was wollt ihr, was soll ich verhindern? Ihr sprecht beide wild auf mich ein und verwirrt mich noch mehr!«

»Du sollst verhindern, daß deine Leute in deinem Namen die Flagge Frankreichs niederreißen und dafür deine wehen lassen!« rief der Konsul aus.

»Wessen Flagge hat denn dazu das meiste Recht?« frug Pomare und sah dem französischen Konsul fest ins Auge.

»Das meiste Recht allerdings hat deine«, fiel hier Tati ein, ehe Mörenhout etwas darauf erwidern konnte. »Aber nicht die meiste Gewalt, Pomare. Du sollst dir nicht mutwillig einen Feind schaffen, wo du keinen Freund dafür gewinnen kannst, der dir beisteht.«

»Habt ihr das englische Schiff gesehen? Wißt ihr, was es bringt?« erkundigte sich Pomare mit einem triumphierenden Lächeln.

»Nein, und die Missionare auch nicht. Die Schwarzröcke behaupten, es würde mit seinen Kanonen Frieden für die Insel bringen. Aber ihre Köpfe reichen auch nicht höher als unsere«, sagte Tati unwirsch.

»Aber wenn die Mitonares nun doch recht hätten?« sagte Pomare mit einem halb triumphierenden Seitenblick auf den französischen Konsul.

»Du zögerst hier mit deinen Vermutungen, bis draußen geschehen ist, was wir verhindern wollen. Hörst du das Toben deiner frommen, christlichen Untertanen? Wenn die französischen Kugeln hier herüberschmettern, wirst du zu spät bereuen, daß du nicht auf unsere Bitten gehört hast!« rief der Konsul ungeduldig aus.

»Nennen Sie das bitten, wenn Sie mit Kanonen drohen?«

»Und weist du uns ab?« frug Tati leise.

»Nein, Tati, nein!« sagte Pomare schnell. Sie drehte sich zu ihm und ergriff seine Hand. »Gehe nicht im Zorn von mir, denn ich fühle, wie schwer es für dich war, zu mir zu kommen. Ach, wenn wir doch untereinander einig wären! Wenn nicht Haß, Neid und Eifersucht uns entzweien würden, könnten wir ein festes Reich bilden, selbst gegen den stärksten Feind. Unsere Berge sind hoch und die Schluchten steil. Daß unsere jungen Leute kämpfen können, haben sie schon in früheren Schlachten bewiesen. Aber wie die Religion unsere Familien entzweite, so hat ein Mißverständnis jetzt vielleicht auch die Stämme untereinander entfremdet. Pomare wird niemals die Hand zurückstoßen, die ihr freundlich entgegengestreckt wird. Nur der Drohung kann ich nicht weichen, vielleicht, weil ich eine Frau hin. Mach du mir deshalb Vorschläge, wie wir am besten einig und friedlich zusammenstehen können, ohne aber dem Ferani einen Rang zu gönnen, der ihm nicht zusteht, und den ich nicht von ihm gefordert habe, daß er unser Beschützer ist.«

»Der da oben im Himmel wohnt, wie auch sein Name lautet, weiß, daß ich dem Ferani nicht meine Hand angeboten habe für mich. Die stolzen Mitonares haben mich dazu getrieben. Aber willst du mit deinem Volk Hand in Hand gehen, so laß jetzt kein eigenmächtiges Handeln die Fremden beleidigen, bis wir friedlich mit ihm verhandeln. Was wir in unserer Eifersucht falsch gemacht haben, kann jetzt noch die Eifersucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis, wieder ausgleichen, denn wir haben die Gier beider gleich stark zu fürchten.«

»Die Beretanis haben uns noch nie gedroht«, antwortete Pomare.

»Ich will nicht über sie urteilen, denn ich kenne sie nicht«, sagte der Häuptling finster. »Aber je mächtiger sie sind, desto mehr entfernt müssen wir uns von ihnen halten. Der Hai teilt keine Beute mit dem Delphin.«

Nach kurzem Nachdenken sagte Pomare:

»Ich habe nicht befohlen, daß die Flagge der Fremden niedergerissen wird. Sprich mit den Mitonares, Tati, sie werden es nicht erlauben!«

»Zu den Mitonares schickst du mich, um dein Reich zu regieren? Vielleicht soll ich bei ihnen anfragen, was sie für gut halten, ob sie oder Pomare auf Tahiti herrschen soll? Eher soll meine Zunge hier verdorren!« rief der Häuptling aus.

Wilder, tobender Lärm und lautes Lachen drang in diesem Augenblick zu ihnen herein. Ein Läufer der Königin kam zurück, um Pomare zu melden, daß das fremde Kriegsschiff Segel setze, um beim Nachlassen des Westwindes den Hafen zu erreichen. Zugleich wurden auch draußen Stimmen laut, und der ehrwürdige Mr. Rowe, von Bruder Brower gefolgt, öffnete ohne vorherige Anmeldung die Tür. Er blieb überrascht stehen, als er die beiden feindlichen Männer hier erblickte.

Er faßte sich aber rasch und zeigte einen freundlichen, demütigen Gesichtsausdruck. »Pomare mag wegen der freudigen Botschaft verzeihen!« sagte er und warf einen boshaften Blick auf den Konsul. »Da draußen drängt ein fröhliches, glückliches Volk zusammen, dem heute sein bedrängter Glaube wiedergegeben wurde.«

»Was gibt es?« erkundigte sich die Königin schnell.

»Einzelne wollen auf dem englischen Kriegsschiff neben der englischen auch die tahitische Flagge erkannt haben«, fiel Bruder Brower in die Rede.

Die Augen der Königin glänzten in befriedigter Eitelkeit, und ihr Blick flog rasch von Tati zu dem Konsul Frankreichs hinüber. Der beobachtete aber nur scharf den Missionar und wollte auf dessen Zügen die Wahrheit oder versteckte List herausfinden. Es erschien ihm unwahrscheinlich, daß ein englisches Kriegsschiff, noch Meilen vom Hafen entfernt, die Landesflagge eines so kleinen Inselstaates neben der eigenen Flagge hissen sollte. Wozu sollte das dienen?

»Einzelne? Und deshalb erheben die Leute einen solchen Lärm, nur weil einzelne ein Privatsignal des Kriegsschiffes für die tahitische Flagge halten?« erkundigte er sich.

»Das Volk begrüßt den Freund und Beschützer seines Glaubens«, erwiderte der Geistliche halb abgewendet von dem Konsul. »Es weiß, daß es jetzt frei von jeder Angst und Besorgnis ist und keinen Feind weiter zu fürchten hat.«

»Gott schütze es vor seinen Freunden!« sagte Mörenhout finster.

»Wir können gehen, Me-re-hu!« sagte Tati; der an die verhangenen Fenster getreten war und den Vorhang gehoben hatte.

Alle sahen jetzt dorthin. Am Strand kam ein langer Zug heran, Männer und Mädchen, bunt gemischt. Dazwischen befanden sich auch englische Matrosen. Vor dem Zug sprang jubelnd und jauchzend ein halbnackter Bursche, der die zerrissene französische Flagge um seinen Kopf schwenkte. Dazu sang er eine wilde Weise, in die die Menge immer wieder einfiel.

»Ich glaube fast, daß die Leute Herrn Mörenhout suchen«, sagte der ehrwürdige Bruder Rowe mit einem nicht ehrwürdigen Lächeln. »Man will ihm wohl die Reste seines Reiches zustellen.«

»Das Blut, das dieser Handlung folgt, soll über Sie und Ihre Genossen kommen!« rief der Konsul mit zornblitzenden Augen und verließ schnell den Raum.

Tati zögerte noch und sah zur Königin. Pomare hatte aber in Scham und Unmut ihren Blick auf den Boden geheftet und sah nicht zu ihm auf. Da seufzte der Häuptling tief und verließ dann, ohne den Priester auch nur eines Blickes zu würdigen, langsam das Haus. Der Prediger faltete die Hände und begann, die Augen zur Decke gerichtet, mit lauter Stimme ein Dankesgebet. Es hatte den Inhalt, daß Gott nun die Götzenbilder zerstört hätte und den Feind ausgetrieben sowie Hilfe geschickt hätte.

Pomare unterbrach ihn mit keiner Silbe. Während sich die mit den Missionaren hereingekommenen Einanas leise und geräuschlos zur Tür schoben und verschwanden, stand die Königin still und regungslos. Langsam und scheu hob sich ihr Blick zu dem Gesicht des fanatischen Priesters, der hier Demut vor Gott heuchelte, dessen eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Füßen getreten hatte.

»Wer gab den Befehl, die fremde Flagge niederzureißen?« sagte sie endlich mit leiser, zitternder Stimme, als der Betende schwieg. Nur seine Blicke hingen noch wie in Verzückung an der Decke.

»Der Herr!« antwortete der Geistliche mit vertrauungsvoller Stimme, ohne den Blick zur Königin zu senken. »Deine Feinde sind niedergeworfen, Pomare, denn der Herr ist mit dir!«

Pomare biß sich auf die Lippen. Sie rang mit sich, ob sie dem Priester gegenüber als Königin auftreten sollte, um ihn fühlen zu lassen, daß er mit der Fürstin des Landes sprach, in deren Zimmer er sich gedrängt hatte. Aber die alte Scheu vor allem Übernatürlichen, zu dem sie auch den finsteren Fremden zählte, war zu stark. Mit zitternder, tief erregter Stimme sagte sie:

»Gott gebe es. Aber ich fürchte, sie haben nicht gut gehandelt. Mein Volk ist entzweit, mein Reich bedroht. Was bin ich selber schon, wenn erst fremde Kriegsschiffe sich um die Oberherrschaft dieser Insel streiten? Nein, sprich jetzt nicht wieder deine schon so oft gehörten Klagen und Drohungen – sag mir jetzt nicht die Verse deines Buches, das du bis auf den letzten Buchstaben auswendig kennst. Ich begreife dich doch nicht, und mein Herz ist jetzt voll und schwer. Ich fürchte, mir ist heute ein großes Leid geschehen. Hättest du mich mit Tati versöhnen lassen, wäre es besser für Tahiti gewesen. Geh jetzt, da draußen sehe ich deine Brüder. Ich glaube, sie wollen zu mir, aber ich will sie jetzt nicht sprechen. Die Zeit muß entscheiden, ob ihr alle gut gehandelt habt oder nicht. Ich bin traurig. Geh jetzt, sage ich!« rief sie entschiedener, als sich der geistliche Herr immer noch nicht abweisen lassen wollte, und ihr Fuß stampfte zornig auf. Das Blut der Pomaren gewann die Oberhand.

»So möge dich der Herr erleuchten, möge dir Frieden geben und seine Sanftmut dich erkennen lassen, was er an dir getan hat in seiner Liebe und Herrlichkeit. Amen!« sagte der fromme Mann. Mit gefalteten Händen und nach vorn geneigtem Kopf verließ er langsam das Gemach. Pomare schloß die Tür, stützte die Stirn ab und weinte bitterlich.

 

Draußen hatten sich wildere Szenen abgespielt, als Mörenhout vermutete. Bruder Smith brachte die Nachricht, daß auf dem englischen Kriegsschiff die tahitische Flagge neben der englischen wehe. Ob er es selber glaubte oder nicht, konnte keiner wissen. Aber das leichtherzige, fröhliche Volk dieser Inseln gab sich im Nu den tollsten, übertriebensten Hoffnungen hin. Während ein Teil begann, eine alte tahitische Hymne nach dem Takt eines weit älteren englischen Liedes, »Old hundred«, zu singen, sprang ein anderer Trupp zum Nationaltanz. Der Klang der Trommel mischte sich mit dem frommen Lied der Singenden auf eine eigentümliche Weise.

Anders und wilder gestaltete sich die Versammlung am unteren Teil von Papeete. Etwa zweihundert Schritt von der Wohnung des Konsuls und der französischen Flagge hatte sich zwischen Kokospalmen eine Gruppe mit den Missionaren Dennis und Brower versammelt. Sie sprachen auf offenem Platz mit einem lauten Gebet ihren Jubel über den Sieg aus, den die Bibel über das Papsttum gewonnen hatte. Viele der angesehensten Häuptlinge standen in ihrer Nähe, unter ihnen Aonui und Teraitane und der noch immer wilde Fanue. Wenn auch einzelne von ihnen gern in den Jubel mit einstimmten, so ärgerte es doch andere, daß fremde Schiffe bei ihnen den Ausschlag geben sollten.

Mit vor Eifer glühendem Gesicht rief da der ehrwürdige Bruder Rowe aus: »Auf's neue hat der Herr der Heerscharen seine Hand ausgestreckt über die Häupter der Gläubigen, und er wird die zum zweitenmal in diesen Bergen aufgerichteten Götzen zu Boden schleudern, wie er schon einmal seine Macht und Allgewalt gezeigt hat. Noch weht da drüben die dreifarbige Fahne der Papisten, noch flattern die feindlichen Farben im Wind, aber wie der stürmische Westwind dem stillen, herrschenden Passat weichen muß, so wird auch dieses Schiff, dessen weiße Segel unserer gastlichen Küste entgegenblähen, unser Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen Macht gehorchen zu müssen als der Bibel, einer anderen Gewalt untertan zu sein als dem Lamm Gottes und dessen unendlicher Huld!«

»Wenn dich die wehende Flagge so stört, dann werft sie doch herunter!« rief Fanue, der jetzt zu dem Betenden herangetreten war.

»Das ist unsere Pflicht!« rief der den Missionaren ganz ergebene Aonui. »Der würdige Mann mahnt uns nur an eine Pflicht der Dankbarkeit!«

»Halt, Aonui!« rief da der bedächtigere Teraitane aus. »Das wäre voreilig und unvorsichtig gehandelt. Ich schütze den Freund, wenn er abwesend ist und sich nicht selbst schützen kann. Weshalb jetzt? England hat seinen Vertreter hier, eine eigene Flagge und zwei große Schiffe. Wenn es sich beleidigt glaubt, soll es selbst die fremde Flagge herunterholen.«

»Und dafür seine eigene aufpflanzen, nicht wahr?« rief Fanue rasch.

»Die englische Flagge ist immer eine Flagge der Liebe und des Friedens gewesen!« fiel hier freundlich der ruhigere Missionar Brower in die Rede ein.

»Aber dies ist tahitischer Grund und Boden!« rief Fanue wütend. »Was würde die Königin der Beretanis sagen, wenn wir in ihr Land kämen und Pomares Flagge aufpflanzen auf ihren Mauern? Sie würde sagen: Was wollen die fremden Männer hier in meinem Land? Schickt sie fort, denn ich habe selber eine Flagge!«

»England hat uns die Bibel gebracht!« sagte Potowai, ein anderer Häuptling. »Wenn ich je ein anderes Land über uns stehend anerkennen werde, so kann das nur England sein.«

»Aber Brüder, liebe Brüder!« rief Dennis in frommer Begeisterung. »Wohin verirren wir uns? Glaubt ihr, daß wir, eure Lehrer, etwas anderes wollen als nur euer Wohl? Handelt es sich denn hier darum, euch der englischen Flagge untertan zu machen oder eure eigene vor Schmach und Knechtschaft zu retten? Mit den fremden Baalsdienern, ihren Rauchpfannen und ihrem Bilderdienst wurde die feindliche Flagge aufgerichtet. Erst wenn sie weg ist, können wir, eure Lehrer, wieder hoffen, daß wir euren Geist von all den feindlichen Eindrücken frei halten, der sich jetzt so geltend macht.«

»Dann werft sie selbst nieder, wozu braucht ihr da uns?« brummte Fanue trotzig.

»Das ist kein Amt der Diener Gottes!« sagte Brower schnell. »Wir haben es stets vermieden, uns in die politischen Verhältnisse dieses Reiches einzumischen, und wir werden jetzt nicht...«

»Das lügst du, du stolzer Priester!« schrie der Häuptling und sah den trotzig auffahrenden Missionar mit glühenden Augen an. Die Eingeborenen traten zwischen die Parteien, um Frieden zu halten. Der beleidigte Missionar wollte zuerst wütend antworten, aber Dennis ergriff seinen Arm und flüsterte ihm leise Worte zu. Er sah wohl ein, daß heftige Worte fehl am Platz waren, und sagte gleich darauf ruhig und mit milder Stimme:

»Herr, vergib ihm, denn er weiß nicht, was er tut!«

Diese Ruhe reizte aber gerade den alten Häuptling. Aonui und Potowai, die ihn besänftigen wollten, schleuderte er zur Seite und rief laut und trotzig:

»Rolle du nur deine Augen und werfe dich in den Staub vor deinem Gott. Laß das Volk glauben, daß du vom Geist erleuchtet bist und dein Mund ein Orakel seines Willens ist! Spiele dein Spiel, aber versuche nicht, Männer mit deinem Spiel zu überzeugen. Dein Gott hat gedonnert und geblitzt, wie es unsere Götter vor ihm taten. Aber er schleuderte seine Donnerkeile zwischen die Feis in den Bergen, und die du unsere Feinde nennst, blieben verschont. Sollen wir unser Blut vergießen, wo er seine Waffen nur zum Scherz gebraucht? Wenn wir die Streitaxt aufgreifen, die für immer begraben sein müßte, dann nicht für euch, sondern für unser Land, über dem ich weder die Fahne der Beretanis noch die der Feranis wehen sehen möchte! Und ihr«, damit drehte er sich zu seinen entsetzt lauschenden Landsleuten um, »ruft mich, wenn ihr mich braucht, aber nicht zum Singen und Beten!« Damit zog er den Tapamantel fester um sich und verließ rasch den Trupp.

»Ein wilder Geist, ein unbändiger Geist, den der Herr erleuchten und bald das Licht seiner Gnade über ihn gießen möge«, sagte Brower mit frommem Blick nach oben. »Ich werde inbrünstig für ihn beten!«

»Wenn dich dein Auge ärgert, reiße es heraus! So wie der dürre Feigenbaum aus dem Boden gehoben und ins Feuer geworfen werden muß, sollen die Mitglieder dieser Kirche gerichtet werden, die abtrünnig und dürr am Stamm stehen!« sagte aber Bruder Dennis wütend.

»Glaubt ihr, Brüder, daß wir anderen genauso denken wie Fanue?« rief Aonui in wilder Begeisterung. »Glaubt ihr, daß wir nicht für den Glauben sterben können, für den Jesus Christus vor uns gestorben ist? Diese Flagge da weht feindlich zu uns herüber, feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort anerkennen. Es ist an uns und nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns hier stört! Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich! sagt Christus. Aonui fürchtet keinen Gegner, solange er für den Herrn kämpft. Wer die Bibel liebt, folgt mir!« Mit diesen laut gejubelten Worten durchbrach er die Menge, die sich ihm zum größten Teil anschloß. Mit raschen Schritten ging es zum Haus des Konsuls hinüber, in dessen Garten die dreifarbige Fahne in der scharfen Brise lustig flatterte und schlug.

Der Konsul war nicht im Haus, aber zwei Männer hatten kurz vorher den Platz von der anderen Seite betreten, um Mr. Mörenhout aufzusuchen. Es waren René Delavigne und der Häuptling Paofai. Sie standen noch an der verschlossenen Tür unweit vom Flaggenmast, als sie den herantosenden Lärm hörten.

»Achtung, Paofai, der Spektakel kommt näher! Es sollte mich nicht wundern, wenn sie unserem Freund Mörenhout einen nicht gerade freundschaftlichen Besuch abstatten wollen.«

»Sie sind zu allem fähig!« antwortete der Häuptling verächtlich. »Ihre Bibel tragen sie voraus, wie wir früher Oro in die Schlacht trugen. Dann rennen sie blind und wild hinterher, singen und beten und treiben Unfug. Wenn Tahiti nicht mein Vaterland wäre, würde ich mich heute noch in mein Kanu setzen und mich seewärts treiben lassen, wie es dem Wind gerade gefiele. Ich bin es eigentlich leid, entweder Spielzeug der Missionare, der Engländer oder der Franzosen zu sein.«

»Sie kommen wirklich hierher!« rief René. »Was können sie wollen?«

»Alles, was unklug ist. Sie werden das Haus stürmen wollen und die Flagge niederreißen!« sagte Paofai achselzuckend.

»Die französische Flagge? Das sollen sie sein lassen, solange ich das verhindern kann!«

»Du wirst es aber nicht lange hindern können, Freund!« lachte der Insulaner.

»Nieder mit der Flagge! Nieder mit den drei Farben!«

»Das wird ernst!« rief René. »Komm mit, Paofai!« Ohne darauf zu achten, ob ihm der Häuptling folgte, trat René unbewaffnet der Menge entgegen. Paofai zögerte noch einen Augenblick, denn er sah das Hoffnungslose einer Verteidigung ein. Aber es trieb ihn doch, dem einzelnen Mann gegen die Masse beizustehen. Er folgte dem jungen Mann lachend, als ob er wußte, daß er einen unüberlegten Streich begehen würde. So wurde er gerade Zeuge, wie René, ohne ein Wort zu verlieren, den voranstürmenden Aonui aufgriff und mit solcher Kraft gegen den nächsten warf, daß beide zurücktaumelten und die Bibel des frommen Häuptlings auf den Boden fiel.

»Zurück! Das hier ist fremdes Eigentum, und keiner von euch darf es antasten!« donnerte seine Stimme.

»Nieder mit dem Wi-wi!« schrien einige der anderen, während sich Aonui erschreckt vom Boden aufrappelte und seinem Gegner ins Gesicht sah. Er hatte gar nicht daran gedacht, hier mit einem Menschen in Berührung zu kommen. Von seinem fanatischen Eifer getrieben, wollte er nur eine Holzstange umwerfen und ein Stück Tuch herunterholen. Sollte er seinen eigenen Körper dabei vielleicht in Gefahr bringen? Wo kam der Wi-wi auf einmal her?

Jetzt trat auch Paofai hinzu und schob die nächsten mit dem Arm von der Stange zurück. Mit seiner weichen, melodischen und klangvollen Stimme sagte er:

»Wißt ihr, was ihr tun wollt, Männer von Tahiti? Eine Nation beleidigen, mit der ihr noch auf freundschaftlichem Fuße steht! Ihr wollt euch einen Feind machen, der mit seinen Kugeln eure Hütten und Brotfruchtbäume umwerfen und euch verderben kann. Seid ihr von einem bösen Geist besessen, daß ihr so tobt?«

»Er hat meine Bibel heruntergeworfen! Der Wi-wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen!« rief in diesem Augenblick Aonui mit vor Wut funkelnden Augen.

»Nieder mit dem Wi-wi! Nieder mit der Flagge!« schrie und brüllte die Schar wild durcheinander. »Sie haben die Bibel geschändet! Nieder mit den Feranis und ihren Götzen! Wir wollen keinen Vertrag, wir wollen keine Freundschaft mit ihnen!«

»Auch gut«, brummte René und griff ein Stück Holz auf. Damit schlug er den ersten, der seine Hand an das Flaggenseil legte, zu Boden. Andere drängten nach. Obwohl er ohne Rücksicht auf sich selbst nach allen Seiten schlug, wurde er doch bald von der Masse überwältigt, zu Boden geworfen und aus dem Weg geschleppt. Selbst Paofai, der sonst so geachtete und gefürchtete Häuptling, wurde kaum besser behandelt.

»Weg mit dir, Paofai!« schrie eine Stimme aus der Menge, und die Hände streckten sich drohend nach ihm aus. »Du bist ein Freund der Wi-wis, du willst uns auch an sie verraten! Weg mit dir! Dein Platz wäre neben der Bibel und nicht neben dem Haus von Me-re-hu, dem Feind Tahitis!«

»Aonui! Du bist für die Sicherheit dieser Flagge verantwortlich!« rief Paofai und griff den Arm des Häuptlings, als er durch den andringenden Schwarm ebenfalls unwiderstehlich zurückgedrängt wurde. »Von dir wird sie Frankreich eines Tages wieder fordern!«

»Frankreich soll untergehen!« brummte da eine Stimme in breitem Irisch dicht neben dem Häuptling. Unser alter Bekannter Jim zog die wehende Flagge unter dem Jubelruf der Menge herunter. Mindestens zehn sprangen gleich helfend hinzu. Dann wurde sie im Triumphzug durch die Stadt geführt.

Kaum senkte sich die Flagge, als ein Boot von der »Jeanne d'Arc« abstieß, um zu erfahren, welche Gefahr dort drohte. Als man die Ursache erfuhr, verkündete die Korvette, daß sie die Stadt beschießen würde, wenn man die Flagge nicht sofort wieder hissen und mit der üblichen Ehrensalve von tahitischer Seite begrüßen werde. Als das der Kapitän der »Talbot« erfuhr, verkündete er: In dem Augenblick, wo der erste Schuß aus dem französischen Kriegsschiff auf die Stadt fiel, würde er sein Feuer auf die Korvette eröffnen. Der Jubel Papeetes nach dieser Erklärung kannte keine Grenzen mehr.

Während auf der »Talbot« zum Gefecht getrommelt wurde und an Deck alles hergerichtet wurde, sagten die Missionare einen Gottesdienst an. Die Insulaner tanzten am Strand vor Freude. Es schien wahr zu werden, was die Missionare gesagt hatten. Pomare war nicht mehr allein, die Engländer würden sie unterstützen. Dadurch stieg das Ansehen der Geistlichen noch mehr, denn man sah sie als direkte Urheber dieser Hilfe an. Die Gutmütigkeit der Eingeborenen ließ sie aber nicht zu weit gehen. Als René und Paofai aus dem Weg geschafft waren, blieben sie weiter völlig unbelästigt.

Am anderen Morgen lief mit leichtem Passatwind die englische Fregatte »Vindictive« ein. Die mittelmäßigen Geschütze auf Tahiti und die Kanonen der »Talbot« schossen Salut. Der Jubel war grenzenlos, als, man erfuhr, daß der Geistliche Pi-ri-ta-ti (Pritchard) wieder mit der Fregatte zurückgekehrt war. War er doch nur deshalb nach England gegangen, um die Königin der Beretanis in ihrem Streit mit den Feranis um Hilfe zu bitten.

Er wurde mit einem wahren Triumphgeschrei empfangen. Unter dem Jauchzen und Jubeln Tausender ging er an Land. Der ehrwürdige Mann wurde dabei richtig verlegen. Er brachte nämlich keine direkt ausgesprochene Hilfe aus England, sondern als Geschenk für die Königin Pomare nur einen Wagen und für ihren Mann Stoff für eine rote Uniform. Graf Aberdeen hatte sich damit begnügt, dem jungen Staat seine freundschaftliche Gesinnung zu bekunden. Die Häuptlinge erschraken, als man ihnen das endlich verständlich gemacht hatte. Pomare schloß sich einen ganzen Tag in ihr Haus ein. Eine Besitzergreifung Tahitis durch die Franzosen war nun nicht mehr unmöglich, und ihre Sicherheit in keiner Weise garantiert. Was kümmerte das aber die fröhlichen, gutmütigen Kinder dieser Inseln? Für den Augenblick gab es keine weiteren Unannehmlichkeiten für sie. Für den Augenblick lagen die englischen Kriegsschiffe drohend in ihrer Bai. Ihre Königin konnte in dem merkwürdigsten Ding spazierenfahren, das sie je gesehen hatten. Alles andere würde die Zeit bringen, weshalb sollte man sich vorher Sorgen machen?


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