Friedrich Gerstäcker
Tahiti
Friedrich Gerstäcker

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5. Das Geständnis

Was Sadie und auch den kleinen Mitonare jetzt noch beunruhigte, war das lange Ausbleiben des Mr. Osborne.

Zwar hatten die Missionare alle ihre festen Wohnungen, aber es war nicht selten, daß sie Abstecher zu anderen Inseln machen mußten, wo keine festen Prediger wohnten. Widrige Winde hielten sie dann oft länger auf, als eigentlich beabsichtigt. Die Rückkehr ließ sich nie genau vorher bestimmen.

Eines Morgens in den letzten Tagen des Februar kam ein Bursche über die Berge herüber. Er meldete, daß der Missionskutter in Sicht sei und gerade hierher fuhr. Gegen Mittag umsegelte er auch die südliche Spitze der Insel, und von Sadies Lieblingsplätzchen aus konnten sie das näherkommende Fahrzeug deutlich beobachten.

Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand. Jedem war das Herz übervoll, denn in dem kleinen Fahrzeug kam der Mann, der über ihr Schicksal entscheiden sollte. Aber keiner von ihnen wagte, jetzt etwas zu dem anderen zu sagen. Als der Kutter sich mehr und mehr näherte und durch die natürliche Einfahrt der Korallenriffe fuhr, sagte René endlich leise: »Willst du nicht zuerst allein mit deinem Vater reden, Sadie? Oder wollen wir beide zusammen ihm entgegengehen? Wie ist es dir am liebsten?«

»Ich weiß es nicht, René, mir ist plötzlich so bange und das Herz schwer, als ob ich ein großes Unrecht begangen hätte. Ich glaube, ich fürchte mich, meinem Vater entgegenzutreten. Dabei ist er doch so gut!«

»Dann laß mich zuerst mit ihm reden, Sadie. Laß mich zu ihm gehen. Ich habe Papiere, die ihn über meine Herkunft aufklären können. Ich bin kein gewöhnlicher Matrose, wie sie hier überall vorkommen. Das war ja auch der Grund dafür, daß ich es an Bord des Walfängers nicht länger ausgehalten hatte. Wenn er hört, wie innig wir uns lieben, kann er nichts dagegen einwenden. Aber was hast du? Weshalb erschreckst du?«

Der Ausdruck in Sadies Gesicht war nicht zu übersehen. Irgend etwas mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte schweigend den Kopf und sah zu dem Kutter hinüber. Der hatte inzwischen Anker geworfen und war herumgetrieben. Er lag in einer Entfernung von kaum hundert Schritten vor dem Land, und eben wurde ein kleines Boot zu Wasser gelassen. René hatte nicht weiter auf das Fahrzeug geachtet. Als er jetzt ihrer ausgestreckten Hand folgte, erkannte er, daß zwei dunkelgekleidete Männer in die Jolle stiegen.

»Kennst du den Mann, der dort mit deinem Pflegevater kommt?« erkundigte er sich.

Sadie nickte langsam und schweigend. Dann sagte sie leise: »Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich fürchte – und ich weiß nicht, weshalb. Er hat noch niemand etwas getan, aber er ist so streng und ernst. Wenn ich mir seinen Gott als künftigen Richter vorstelle, so überläuft mich ein kalter Schauer. Er hat feste Formeln und Gebräuche, von denen er nicht abweicht. Er macht davon sogar unser Seelenheil abhängig. Wenn ich dann meinen Pflegevater reden höre, ist das mir wie Trost und Linderung für das kalte Wort des finsteren Mannes.«

»Dann ist das also der Mann, von dem du mir schon erzählt hast. Aber wo wohnt er, und was ist er?«

»Er ist Missionar wie mein Vater, aber der ärgste Feind, den deine Landsleute auf den Inseln haben können. Sein Name ist Rowe. Er hat keine feste Wohnung auf Tahiti. Aber als eine Art Oberhaupt besucht er immer wieder die einzelnen Inseln und predigt dort an den Sonntagen. Solange er auf der Insel ist, hörst du kein Lachen und Singen fröhlicher Menschen und siehst keine Blumen in den Händen der Mädchen. Selbst die Kinder fürchten den Mann.«

»Aber was kann er uns schaden? Dein Pflegevater hat einzuwilligen. Wenn es dann dein eigener Wille ist – was kümmert uns der stolze Priester?«

»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden, uns seine Einwilligung zu verweigern!« flüsterte ängstlich das Mädchen.

René biß die Lippen zusammen, weil er eine heftige Entgegnung verschlucken mußte. Er wollte Sadie nicht wehtun und sagte deshalb: »Keine Sorge, Sadie. Es wird alles gut gehen. Lassen wir die beiden erst einmal landen. Der kleine Mitonare mag mich gern leiden. und wenn dein Vater sich nach dir erkundigt, wird er schon einen günstigen Vorbericht für uns ablegen. Dann gehen wir beide offen zu ihm, sagen ihm, wie lieb wir uns haben und daß wir auf der Insel bleiben wollen. Dann wird er uns seine Einwilligung nicht verweigern.«

»Gut, mach es so, wie du willst. René«, sagte das Mädchen leise. »Aber ich fürchte mich doch und wünschte mir, daß der ehrwürdige Mr. Rowe diesmal nicht mitgekommen wäre.«

Das Boot war an Land gerudert. Der kleine Mitonare, der nur seinen Missionar erwartete, ging zum Landesteg. Er trug sein normales weißes Hemd und das rote Lendentuch fest um den runden, stattlichen Körper geschlagen. Da er als Mitonare nicht mit bloßem Kopf gehen konnte, trug er einen breitrandigen Strohhut mit schwarzem Band. Er stand schon schmunzelnd am Ufer, um seinem alten Freund ein herzliches Joranna zuzurufen, als er plötzlich die zweite Gestalt im Boot entdeckte. Mitonare hatte nämlich noch viel mehr Respekt vor dem finsteren geistlichen Mann als alle anderen auf der Insel zusammen. Nur konnte er nicht ausreißen, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Jetzt sich aber umdrehen, in das Haus laufen, dort den Frack und die gelbe Weste überziehen, war das Werk eines Augenblickes. In beide Kleidungsstücke kam er zuerst in das verkehrte Ärmelloch, fuhr wie gejagt heraus und in das andere, griff nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Halstuch vom Bücherbrett, steckte in der Aufregung das Tuch in die Tasche und band das Papier um – kurz, als er endlich fertig war und aus der Tür stürmte, hätte er beinahe die beiden geistlichen Herren umgerannt.

Mr. Rowe hatte erkannt, warum der kleine Mann so in Eile war, denn der Hemdkragen war nicht richtig befestigt. Er begrüßte ihn mit einem gütigen, väterlichen Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine Hand in einem Schraubstock hätte.

»Nun, Bruder Ezra«, sagte Mr. Osborne freundlich und schüttelte seine Hand. »Wie ist es euch während meiner Abwesenheit gegangen? Alles wohl und munter, und keine besonderen Vorkommnisse? Ich bin doch weit länger fortgeblieben, als ich beabsichtigte!«

Ich muß hier bemerken, daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann nur in seiner eigenen Sprache redeten. Nur wenn sich Mr. Osborne mit Bruder Ezra, wie der Mitonare bei der Taufe genannt wurde, allein unterhielt, sprach er Englisch. Dadurch sollte ihm die Sprache geläufiger werden und seine schwere Zunge sich besser daran gewöhnen.

Bruder Ezra gab einige belanglose Auskünfte. Als die drei Männer das Haus betraten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergeblich nach seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets zuerst begrüßt hatte. Er frug rasch und fast ängstlich nach dem Mädchen. Mitonare hätte in diesem Augenblick gern den ganzen Katechismus aufgesagt – eine sonst für ihn schreckliche Übung. Aber jetzt über Pu-de-ni-a erzählen und über den Gast auf der Insel? Er wußte ja am besten, wie die Feranis von dem frommen, finsteren Mann eingestuft wurden. Jetzt sollte er erzählen, was hier unter seiner Aufsicht geschehen war und was er selber geduldet hatte? Jetzt kam es ihm auf einmal so vor, als wäre das ein furchtbares Verbrechen.

Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber noch besorgter. Er glaubte jetzt, daß dem Mädchen, das er fast wie sein eigenes Kind liebte, etwas zugestoßen war. Als nun auch Bruder Rowe dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nichts mehr zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache kam nach und nach zutage. Erst als er alle Fakten beendet hatte, begann er damit, den Ferani zu loben. Er erzählte, daß er ein wahres Muster von einem Menschen sei und sogar als Ferani in seine Kirche gekommen wäre und andächtig zugehört habe. Er erwähnte auch das Versprechen, das ihm Pu-de-ni-a abgenommen hatte und das für ihn die beste Entschuldigung war. Mr. Osborne, der das junge Mädchen gut kannte, atmete erleichtert auf, als er dies hörte.

Bruder Rowes Züge hatten sich aber bei der Erzählung immer mehr und mehr verfinstert. Schon als er hörte, daß ein von einem Walfänger entsprungener Matrose auf der Insel geblieben sei, horchte er auf. Als nun herauskam, daß es ein Franzose sei, der schon gleich ein Verhältnis mit der Adoptivtochter des Geistlichen begonnen hatte, sah man es ihm an, daß es Mühe kostete, seinen Groll und Zorn zu meistern. Vergeblich waren die Loblieder auf den jungen Franzosen, vergeblich selbst Mr. Osbornes Einwand, daß man erst einmal den jungen Mann sehen und sprechen wollte. Er war Matrose eines Walfängers und Franzose – also Katholik, und ein richtiger Missionar der Südseeinseln haßt nichts mehr auf der Welt als diese beiden Individuen.

Sein Urteilsspruch war auch schnell gefällt. Ehe das Übel tiefer fraß, mußten schnelle Maßnahmen ergriffen werden. Er wollte jetzt selbst zu dem Häuptling hinübergehen und alles mit ihm besprechen. Der Häuptling brauche dann dem Fremden nur zu gebieten, die Insel zu verlassen. Der müsse dem Befehl Folge leisten, und die Gelegenheit dazu biete sich jetzt mit dem kleinen Schoner, der ihn in wenigen Tagen nach Tahiti bringen sollte. Weigerte er sich, diesem Befehl zu folgen, dann war es leicht, ihn als Gefangenen mitzunehmen und an den französischen Konsul in Papeete auszuliefern. Diese Inseln standen unter englischem Schutz, und die englische Regierung hatte versprochen, sie gegen jede Aufdringlichkeit, insbesondere von französischer Seite, zu schützen.

Sie wußten also das Gesetz auf ihrer Seite. Außerdem verstand es sich von selbst, daß man einen weggelaufenen, katholischen Matrosen so schnell wie möglich wieder von der Insel loswerden mußte. Daß ausgerechnet der die Pflegetochter des Geistlichen heiraten wollte, verdiente natürlich nicht einmal eine Antwort.

Mr. Osborne bat allerdings, den Fremden wenigstens erst zu rufen und mit ihm zu sprechen, damit sie selbst sähen, zu welcher Klasse Menschen er gehöre. Bruder Rowes Entschluß war aber gefaßt. Er wollte direkt zum König der Insel fahren und von ihm die Ausweisung des Fremden verlangen. Da er durch den langen Aufenthalt auf den Inseln als Missionar gewohnt war, Befehle zu erteilen, und seine Stimme als das Wort und der Wille des Herrn galt, so verstand es sich von selbst, daß er auch die geringen weltlichen Angelegenheiten in die richtige Bahn lenken mußte. Bruder Rowe hegte die feste Überzeugung, daß die vielen Tausende von Insulanern nur durch ihn und die anderen Geistlichen der ewigen Qual entrissen und der Seligkeit zugeführt wurden. Sie hatten ihm also mehr als ihr Leben, ihr ganzes künftiges Heil zu verdanken.

Da sie schon an Bord gegessen hatten, beorderte er jetzt ohne weiteres zwei Eingeborene dazu, ihn in einem kleinen Boot um die Insel zu rudern. Es fiel ihm nicht ein, den langen Weg zu Fuß zu gehen. In dem Boot wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt. Eine Viertelstunde später schoß das kleine, scharf gebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser. Dabei begünstigte es noch die Strömung, nach nur kurzer Zeit war es um die nächste Landspitze verschwunden.

René und Sadie hatten inzwischen mit freudigem Erstaunen die rasche Abreise des finsteren Mannes gesehen. Sie nahmen an, daß ihm seine Geschäfte keine weitere Zeit ließen, und beschlossen, gleich zu Mr. Osborne zu gehen, um ihm alles zu erzählen und ihn um seinen Segen zu bitten.

Kaum war Mitonare von der finsteren Gegenwart Rowes befreit, begann er den jungen Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in seiner Schilderung auch ein großer Teil Eigennutz, denn nur so konnte er entschuldigen, daß er den Umgang mit Prudentia überhaupt geduldet hatte. Mr. Osborne saß ernst und sinnend vor ihm in seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm weh und trüb ums Herz zu sein.

Da traten die beiden jungen Leute in die Tür. Sadie blieb erst einen Augenblick schüchtern stehen. Als er aber den Blick zu ihr aufhob und sie in das liebe, ehrwürdige, jetzt so kummerschwere Gesicht sah, da flog sie wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr Gesicht an seiner Brust und rief: »Mein lieber, lieber Vater!«

»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte den fest an ihn geschmiegten Kopf.

»Was habt ihr denn hier in meiner Abwesenheit für böse Streiche getrieben?«

Sein Ton war voller inniger Zärtlichkeit und enthielt nur einen leichten Vorwurf. Sadie preßte sich fester an ihn, streckte gleichzeitig ihre Hand nach René aus, um ihn heranzuholen und zu ihrem Vater zu bringen.

Der alte Mann sah auf den ersten Blick, daß er keinen gewöhnlichen Matrosen vor sich hatte. Er grüßte den jungen Mann freundlich, gab ihm ein Zeichen, Platz zu nehmen, und bat dann René, ihm alles ohne Umschweife zu erzählen. Er habe Prudentia als sein Kind angenommen und von klein aufgezogen, als ihre Eltern gestorben waren und die Kleine allein zurückblieb. Auch das erwachsene Mädchen liebe er noch immer wie seine eigene Tochter. Er wolle nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen, denn sie sei keines der gewöhnlichen Eingeborenenmädchen. Sie hätte fast eine europäische Erziehung gehabt und deshalb wohl auch andere Vorstellungen von der Ehe als viele ihrer Landsleute.

René hatte trotz seines Vorurteiles gegen Missionare vom ersten Augenblick an Vertrauen zu dem alten Herrn gehabt. So erzählte er ihm jetzt so kurz wie möglich seine ganze Lebensgeschichte. Dabei versuchte er, so gut wie möglich, seinen eigenen Charakter darzustellen, erzählte, was ihn in die Welt und an Bord eines Walfängers getrieben hatte. Daß er keinen Begriff von dem Leben und Treiben an Bord hatte und wie er auf dieser Insel Unterschlupf gesucht und Sadie gefunden und liebengelernt habe. Er zeigte ihm dann die Papiere, die er bei sich hatte. Mr. Osborne verstand die französische Sprache gut. René erklärte ihm, daß es sein fester Wille sei, sich hier auf einer dieser Inseln niederzulassen. Am liebsten würde er hierbleiben, und schließlich bat er den alten Mann, ihm Sadie zur Frau zu geben. Er wollte dann hier seine neue Heimat gründen, und Mr. Osborne würde einen guten Sohn und Nachbarn, durch ihn gewinnen.

»Sie sind Katholik?« erkundigte sich jetzt der alte Mann, als René eine Weile geschwiegen hatte.

Bei seiner Antwort rötete sich Renés Gesicht.

»Sie haben gewiß genug von der Welt gesehen, um zu wissen, wie es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. Ich bin allerdings als Katholik erzogen, und meine Familie war teilweise sogar streng katholisch. Ich will Ihnen aber aufrichtig gestehen, daß ich mich nie streng an die Gebräuche meiner oder einer anderen Konfession gehalten habe. Sie können auch davon überzeugt sein, daß ich nie versuchen würde, jemand zu meinem Glauben zu überreden. Sadie ist durch Ihre Unterweisung aufgewachsen und ein liebes, braves Mädchen geworden. Sie wird ihrem Glauben auch treu bleiben, und ich wäre der letzte, der sie dabei stören würde. Was mich selbst betrifft, so glaube ich schon, richtig zu handeln, und hoffe dann auch mit meinem Gott fertig zu werden. Er allein weiß ja auch nur, wer den richtigen Glauben hat. Sie werden aber auch nie feststellen können, daß ich über den Glauben eines anderen spotte. Ein jeder hat das Recht auf seine Meinung.«

Der Missionar hatte natürlich eine andere Auffassung der Religion, aber René gewann doch durch seine Offenheit sein Herz. Keineswegs gehörte er zu der stolzen Priestersekte, die mit dem Religionspanier in der gehobenen Rechten das Volk vor sich auf die Knie werfen und die dabei vergessen, daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere, ernste Bedenken. Je länger er den jungen, lebensfrohen Mann da vor sich stehen sah, um so schwerer wurde ihm das Herz. Aber er wollte das nicht vor der Tochter aussprechen und bat deshalb das Mädchen, das Haus für kurze Zeit zu verlassen, denn er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu reden.

Sadie folgte sofort, küßte die Hand des ehrwürdigen Mannes und verließ rasch das Zimmer.

Lange, nachdem die leichte Bambustür schon zugefallen war, saß der alte Mann noch schweigend da, als ob er nicht die richtigen Worte für das finden könne, was er sagen wollte.

»Lieber junger Freund«, begann er endlich. »Sie sind frei und aufrichtig gegen mich gewesen, und ich will genauso zu Ihnen reden. Sie werden mir deshalb nichts übelnehmen, denn Gott weiß es, es geschieht nur zu Ihrer beider Wohl. Sie sind, wie ich aus den Papieren sehen konnte, von guter Herkunft. Sie sind in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen mehr bietet als nur Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen, dem Sie sich anschließen können, auch wenn Sie es noch so sehr lieben. Die Beweise haben Sie selber in Ihrem bisherigen unsteten Leben. Weder in Afrika noch in Amerika fanden Sie, was Sie suchten. Die rohe Gesellschaft des Walfängers trieb sie wieder zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie selbst Ihr Leben einsetzten, um nicht wieder zurückkehren zu müssen. Sie fanden hier, in der größten Gefahr, auf sehr romantische Weise ein junges, reizendes Mädchen, dessen Erscheinung Ihre Leidenschaft weckte, später dann Ihr Herz gewann. Szenerie und Umgebung, sogar Farbe und Abstammung des Mädchens trugen dazu bei, den Reiz in Ihrem jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stilleben unseres Plätzchens hier bestach Ihre Sinne. Jetzt sind Sie fest davon überzeugt, daß Sie in dem Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. Wenn Sie sich aber irren? Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie folgen dem Drang Ihres Herzens und glauben nicht, daß Sie sich täuschen. Aber hören Sie mich ruhig weiter an. Sie sind jung, das Leben liegt noch vor Ihnen. Ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt. Sie haben die Hoffnung, ich die Erfahrung. Dreiundzwanzig Jahre meines Lebens habe ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich aber auch viele Leute kommen und gehen sehen. Ich habe Hoffnungen und Träume aufblähen und verwelken sehen und weiß, was ein Mann in Ihren Verhältnissen hier zu finden glaubt – und was er findet. Noch ist alles neu. Die Palmen, die tropische Vegetation üben einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er sich selten entziehen kann. Nur wenige Jahre führen aber eine gewaltige Änderung herbei. Besonders der junge Mensch braucht eine Veränderung, einen Reiz für seine Tätigkeit, will er nicht erschlaffen und sich seinem Schmerz hingeben. Viele Europäer haben sich in den letzten Jahren hierhergezogen gefühlt. Diejenigen, die wirklich hiergeblieben sind, waren schon ältere Leute und brachten meistens ihre Familien mit. Fast alle kamen hierher, um ein Geschäft zu betreiben und sich ein Vermögen zu erwerben. Dann werden fast alle wieder nach Europa zurückkehren, wenn ihre Kinder erwachsen sind. Dorthin passen sie auch. Die Frauen stammen von dort und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen hier nur eine freundliche Erinnerung zurück. Die Fasern ihres Herzens haben nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.

Viele von ihnen haben auch Mädchen der Inseln geheiratet, die ersten und hübschesten, die ihnen begegneten. Sie finden auf allen Inseln verstreut Beispiele. Aber das sind fast nur rohe Matrosen, denen das müßige Leben gefällt. Sie haben sich auch in ihrer Heimat in keinen anderen Kreisen bewegt und nur ihr materielles Wohl im Kopf. Aber selbst sie verlassen oft, selbst nach vielen Jahren, ihre Familie. Selbst ihnen genügt nicht mehr diese tropische Ruhe, sie sehnen sich nach Abwechslung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, auch wenn sie dafür wieder hart arbeiten oder ihr früheres Leben aufnehmen müßten.

Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten, die tahitische Mädchen wirklich geheiratet haben. Jetzt sind diese Frauen jung und schön. Sie können sie mit nach Europa nehmen und vielleicht stolz auf sie sein, wenn Sie das Gefühl einer etwas bizarren Eitelkeit so nennen wollen. Werden sie aber alt, dann ist das vorbei. Weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt. Sie können keine alte Frau aus der Südsee nach Europa bringen, sie dort in Ihre Kreise einführen. Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten zu gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken zum Gespött der Leute werden, die Ihre Gründe nicht kennen und achten. Wollen Sie das Wesen, das sich an Sie geschlossen hat und mit Herz und Seele an Ihnen hängt, nicht unglücklich machen, so müssen Sie bei ihm auf den Inseln bleiben. Unmut und Sehnsucht nach einem anderen Leben werden dann an Ihnen zehren, schlimmer noch als bei einem jungen Menschen. Denn der war frei, er konnte noch dem ersten Drang folgen. Jetzt aber ist das vorbei. Die Möglichkeit, frei zu handeln, ist ihm genommen.

Ich spreche von mehreren Beispielen, die ich selber kenne. Die Liebe, die ich für Prudentia fühle, macht mich besorgt, und ich möchte ihr ein solches Schicksal ersparen. Wie ich Ihnen sagte, und wie Sie sicher selbst bemerkt haben, ist Prudentia keines der gewöhnlichen, sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem ersten an den Hals werfen, ohne sich etwas dabei zu denken. Die erwarten auch nichts anderes, als daß sie irgendwann wieder verlassen werden. Ich fürchte vielmehr, daß Sie Prudentias Herz schon zu sehr gewonnen haben. Jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. Sie würden beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken, von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt. Aber Sie können dadurch vielleicht beide auch einem verfehlten Lebensziel ausweichen, das dann später nicht mehr zu ändern wäre und leider für beide verderblich würde.

Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie Prudentia im Augenblick mit aller Leidenschaft lieben. Aber wird der alte Hang eines unsteten Lebens Ihnen in dem Stilleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? Unsere Palmen sind grün und herrlich, aber so wie sie dort stehen, stehen sie das ganze Jahr. Kein gelbes, fallendes Blatt, keine Schneedecke, keine keimenden, wachsenden Knospen geben ihnen im nächsten Frühjahr wieder neuen Reiz. Unsere Bäume sind mit Früchten bedeckt, aber die Blütenzeit fehlt uns. Wir brauchen nie auf die Frucht zu warten, sie hängt voll und reif am Baum, während kaum bemerkt andere schon wieder nachblühen und nachwachsen, um die fehlenden immer wieder zu ersetzen und die Plätze auszufüllen. Wir kennen hier auch nicht die Sorgen und Mühen des Lebens, das Salz jedes gesellschaftlichen Verkehrs, durch das eine erworbene Existenz erst ihren ganzen Reiz gewinnt. Wir stehen morgens auf, essen und trinken, und legen uns abends wieder schlafen. Nachrichten von der anderen Welt dringen nur selten zu uns durch. Wie sie kommen, wäre es fast besser, sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen, lassen sie selbst im Herzen der Ältesten von uns eine Leere zurück, die wir vergeblich auszufüllen versuchen.

Wollen Sie nun mit Ihrem jungen, tatkräftigen Herzen in dieses felsenumschlossene Tal, aus dem es keine Rückkehr für Sie gibt, hinabspringen? Schauen Sie sich um hier, junger Freund. Sehen Sie nach oben! Noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren Blicken. Haben Sie nichts, was nur den geringsten Anhaltspunkt für Ihr Herz bietet? Bedenken Sie, bei einem sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutendste vergessene Tau das Boot, mit dem sich der Schiffbrüchige retten will, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.«

Der alte Mann schwieg. Eine Träne stand ihm im Augenwinkel. Ernst und forschend sah er den jungen Mann an. Es war, als wolle er seine innersten Gefühle ergründen. René war gerührt, aber er war auch entschlossen und erwiderte den Blick. Dann antwortete er mit fester Stimme:

»Sie verstehen es, alter Herr, Herz und Seele mit Ihren Worten zu treffen. Aber ich springe getrost hinab in dieses Tal, denn da oben blüht für mich kein Glück, keine Freude mehr. Meine Familie ist tot, ich habe weder Bruder noch Schwester, die Anspruch auf meine Nähe haben. Alles, was mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren. Wenn Sie mich jetzt wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurückstießen, würde ich untergehen. Auch Sadie hängt mit inniger Liebe an mir. Sie ist nicht der Mensch, einmal zu lieben und dann wieder leicht zu vergessen. Wollen Sie auch aus ihrem Herzen die erste Neigung reißen? Dazu haben Sie Sadie zu lieb, auch wenn ich Ihnen gleichgültig bin. Aber ich kann mich auch irren, vielleicht täusche ich mich selbst in Sadies Gefühlen. Sprechen Sie selbst mit ihr, fragen Sie sie. Halten Sie unsere Verbindung für gefahrvoll für sie, und glaubt auch Sadie, daß sie sich jetzt ohne großen Schmerz von mir trennen könnte, gut. Beim ewigen Gott, dann will ich nicht weiter den Frieden dieses Tales stören, sondern verzichten. Auch wenn mir das Herz bricht, ich werde mich nicht weiter beklagen, und das erste Kanu soll mich zu einer anderen Insel bringen.«

Er war aufgesprungen und hatte seine Mütze ergriffen. Damit wollte er das Zimmer verlassen, aber der alte Missionar streckte ihm die Hand entgegen. Mit bewegter Stimme sagte er herzlich zu ihm:

»Das ist aufrichtig von Ihnen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nicht einen Augenblick daran gezweifelt hatte, daß Sie so fühlen, wie Sie es dem Mädchen versprochen haben. Ich kenne Prudentia oder, wenn Sie so wollen, Sadie so gut, daß es kaum einer langen Rede bedarf. In wenigen Minuten haben Sie meine Antwort. Warten Sie bitte in der Zwischenzeit in diesem Haus. Aber glauben Sie nicht, junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde!« setzte er ernster hinzu. »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen, mit Sadie zu handeln, wie ich es vor ihm verantworten kann.«

»Handeln Sie, als ob Sie ihr Vater wären«, sagte René herzlich. »Ich will Sadies Glück, nicht meins.« Damit verließ er mit schnellen Schritten das Zimmer. Auf den Ruf des alten Mannes betrat das Mädchen schüchtern und mit niedergeschlagenem Blick das Zimmer. Sie schaute nicht auf, aber sie fühlte, daß René nicht mehr hier war. Ihr Herz klopfte ihr hörbar in der Brust. Ihr Vater hatte ihn abgewiesen, und der schöne Traum ihres Glückes war in Nacht und Tränen zerflossen.

»Prudentia«, sagte der alte Mann und zog das zitternde Mädchen sanft an sich. »Ich habe den jungen Fremden weggeschickt von hier. Er hat dich jetzt wohl lieb, aber wenn er einige Zeit von seiner Heimat entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück und läßt mein armes Mädchen hier allein. Dann wirst du sehr unglücklich und elend werden. Jetzt ist der Eindruck, den er auf dein Herz gemacht hat, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen. Du wirst einen oder zwei Tage weinen, ihn dann aber vergessen. Nicht wahr, mein Kind, ich habe richtig gehandelt? Ich wollte ja nur dein Wohl.«

»Ich will alles tun, was du mir sagst, Vater«, flüsterte das Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt. Sie sprach so leise, daß er kaum ihre Worte verstehen konnte.

»Das ist mein gutes Kind«, sagte der Greis, aber die Stimme zitterte ihm. Er fühlte nur zu gut, was in dem Herzen des armen Mädchens vorging und wie tief die Liebe des Fremden schon Wurzeln geschlagen hatte. Es war nicht mehr möglich, sie ohne Schaden wieder herauszureißen. Er mußte sich selbst einen Augenblick sammeln, ehe er mit ermutigender Stimme fortfuhr:

»Nicht wahr, mein Kind, dann wirst du auch wieder glücklich und froh sein wie bisher? Wirst wieder lachen und singen und nicht den Kopf so trübe hängen lassen?«

»Ich will mir Mühe geben, lieber Vater!« flüsterte das Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.

»Wirst du auch den Fremden vergessen, willst du mir das aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?« erkundigte sich leise der alte Mann.

Das war zuviel für das arme, gequälte Herz. Einen Augenblick schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, um ihm in die Augen zu sehen. Aber sie sank wieder zurück und sagte nur leise:

»Ach, das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht, lieber Vater...« Damit war ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig schluchzend hing sie in seinen Armen. Sie schluchzte nicht allein, aus der Ecke des Zimmers vor ihnen tönte es noch lauter und heftiger. Der kleine Mitonare saß da auf einem der niedrigen Bambusschemel, ganz allein und vergessen, und weinte wie ein kleines Kind.

Da konnte sich auch der alte Missionar nicht länger halten. Er hob das tränenüberströmte Gesicht seiner Tochter zu sich und küßte es mehrfach. Dabei rief er:

»Nein, nein, Prudentia, ich bin doch kein Tyrann, der sein Kind elend und unglücklich machen möchte, nur weil die Möglichkeit existiert, daß es später doch einmal so kommen könnte. Nein, wenn Gott dir eine so gewaltige und innige Liebe für ihn ins Herz gelegt hat, dann nimm ihn, der Herr segne euch, und er wird alles zum besten lenken. Aber sei auch wieder mein gutes, fröhliches Mädchen. Lache wieder, singe wieder und mache das Herz deines alten Vaters froh durch dein heiteres, glückliches Gesicht!«

»Vater, lieber Vater!« rief das Mädchen jubelnd aus. Mitonare hatte aber kaum gehört, welche Wendung die Sache nahm, als er, wie aus der Pistole geschossen, zur Tür hinausschoß und nach kaum zwei Minuten mit dem »verzweifelten Wi-wi« zurückkam. René lag mit an dem Herzen des alten Mannes, ohne recht zu wissen, wie. Der Greis flüsterte einen leisen Segen über die Häupter der Glücklichen.


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