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22. Kapitel

Wenn sich Jemand genau in meine Lage versetzt und mein langes Streben nach dem heißersehnten Ziele auf so ungewissen und trügerischen Spuren vorstellt, dann sich aber meine Unruhe vergegenwärtigt, als ich, halb verzweifelnd an einem glücklichen Erfolge, plötzlich und unerwartet in den Mittelpunkt meines Begehrens und meiner Anstrengungen mich versetzt sah, dann kann er ungefähr das begreifen und empfinden, was in mir bei diesem schnellen Glückswechsel vorging.

Ich befand mich in einem freundlichen kleinen Gemach im Erdgeschosse des Hauses mit Sir Robert allein; das helle Licht einer Lampe fiel scharf zeichnend auf die stattliche, aber gebeugte Figur des ehrenwerten ehemaligen Pfarrers. Ach! wie treffend und genau hatte Percy ihn mir geschildert! Würde, menschenfreundliche, gedankenvolle Würde lag in seiner Miene und in seiner Haltung. Aber die Jahre und die mannigfachen Leiden, die über seinen Scheitel dahingegangen und seine Haare gelichtet, hatten auch diese festen männlichen Züge, zwar nicht abgespannt, aber doch weicher, ich möchte sagen wehmütig gemacht. Ein Ausdruck tiefen Schmerzes lag in den ehrwürdigen Falten um seinen Mund, und sein sonst so freundlich blickendes, wohlwollendes Auge schaute mich ernst mit dem still getragenen Bewußtsein seines verlorenen Glückes an. Er trug ein langes, schwarzsamtenes Hausgewand, welches seiner hohen Figur etwas Imposantes verlieh, aber seinen Schultern schien eine unsichtbare und zu schwere Last aufgebürdet zu sein, denn sie hing etwas nach vorn gebeugt, wie auch sein leicht gesenkter Kopf eine gewisse Ergebung andeutete, die bei seinem stillen Wesen ebenso natürlich wie würdevoll erschien. Was mir aber auf den ersten Anblick die feste und freudige Überzeugung gab, Sir Robert Grahams Geist und Herz erliege noch nicht den Schlägen seines Geschickes, das war die freie, kräftige, männliche Stirn, auf deren reiner und breiter Wölbung das festeste Gottvertrauen, die kindlichste, aber zugleich entschlossenste Ergebung in des allmächtigen Schöpfers unabänderlichen Willen thronten.

»Sie sind sehr gütig, mein Herr«, fing er mit einem Tone zu reden an, der etwas ungemein Ansprechendes und Wohllautendes an sich hatte. »Sie sind sehr gütig, daß Sie sich noch so spät auf meine Bitte zu mir bemühen – ich danke Ihnen herzlich dafür.«

Und er reichte mir noch einmal seine Hand hin.

Ich war entschlossen, ihn sogleich aus seinem Irrtum zu ziehen, denn es drängte mich, die Minuten seines Leidens abzukürzen und ihm schnell Alles zu bekennen, obgleich ich mir vorgesetzt hatte, bei meinen Enthüllungen mit aller möglichen Vorsicht zu Werke zu gehen. Ich erwiderte daher ohne Zögern:

»Sie irren sich in mir, Sir Robert! Ich bin nicht so glücklich, durch ihre Bitte hierher gerufen zu sein – was ich getan, habe ich aus eigenem Antriebe getan, denn ich suche Sie schon längst –«

Er blickte mich verwundert an und versetzte:

»Wie? Sind Sie nicht der Herr Doktor aus C ...?«

»Ich bin wohl ein Arzt«, erwiderte ich, »aber ich bin nicht aus C ... Ich komme weiter her –«

Er wollte mich unterbrechen, aber ich legte meine Hand sanft auf seinen Arm und fuhr fort:

»Ich muß sogar um Entschuldigung bitten, den Arzt aus C ... fortgeschickt zu haben, aber ich glaube, Sie werden mir, obgleich Sie mich weder gerufen, noch kennen, mehr Vertrauen schenken als irgendeinem anderen Arzte, und ich werde im Stande sein, Ihnen und wer es von Ihrer Familie sei, der des ärztlichen Beistandes bedarf, am leichtesten helfen zu können.«

Diese mit einem bestimmten Ausdrucke und etwas laut gesprochenen, obgleich seltsam klingenden Worte machten einen noch ungewissen, doch sichtbaren Eindruck auf ihn. Er sah mich in der Tat höchst erstaunt an und verbeugte sich, faßte sich aber sogleich wieder und setzte mir einen Stuhl hin, indem er mir mit der Hand winkte, Platz zu nehmen. Den Stuhl ablehnend, fuhr ich fort:

»Ich werde mich nicht eher setzen, bevor ich Ihnen nicht das Wichtigste, was ich für Sie auf meinem Herzen trage, mitgeteilt habe – aber, ich sehe, Sie verstehen mich nicht, und darum muß ich deutlicher sprechen. Zur Sache denn – Sir Robert Graham! Ich brauche nur ein Wort zu sprechen oder nur einen Namen zu nennen, und Sie würden mir glauben und mich besser verstehen als alle die unerforschlichen Schicksalsschläge, die seit vier Jahren über Ihr Haupt hingegangen sind.«

Der Mann faltete ergebungsvoll die Hände und blickte mich, immer schweigsam, auf das Höchste betroffen an.

»Ja!« fuhr ich fort, »Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie ich suche Sie schon seit neunundzwanzig langen Tagen – Sie waren Pfarrer auf Codrington-Hall – Ihre kranke Tochter heißt Ellinor ich komme aus der Grafschaft Dunsdale! – Wie, Sir, ist heute kein Bote zu Ihnen gekommen, der einen Fremden bei Ihnen suchte oder ankündigte?«

Ach! ich werde nie den Ausdruck des Blickes vergessen, mit welchem er in diesem, für mich köstlichen Augenblick nach jedem ferneren Worte von meinen Lippen gleichsam zu schnappen schien er stand vor mir, die Hände auseinandergebreitet, mit offenem Munde, und sagte noch immer nichts; er schien die Sprache verloren zu haben, denn das Erstaunen, der freudige Schreck und vielleicht seine Erinnerungen kamen zu schnell über ihn und erschütterten ihn zu heftig.

»Ha! der Brief! der rätselhafte Brief!« stammelte er endlich.

»Ja! heute Morgen – daher ja meine Verwunderung, meine Bestürzung, meiner Tochter Besorgnis, daher auch die plötzliche Verschlimmerung ihres Leidens –«

Und in seine Brusttasche greifend, zog er den Brief hervor und übergab ihn mir.

»Ist er auch wirklich an Sie, Sir? – Ja, ja, er ist's – ich sehe es– ach! wie hat er mich verwundet! Ich konnte leider über den Fremden keine Auskunft geben und der Bote ging wieder fort.«

Ich hielt den Brief in meiner Hand, den sehnlichst erwarteten und so lange gesuchten, hob ihn empor und sagte:

»Mein teurer Sir Robert Graham! Obgleich ich mich freue, diesen Brief bei Ihnen zu finden, so brauche ich ihn jetzt doch nicht mehr – in ihm liegt ohne Zweifel der Brief, den Ihre Tochter vor nicht langer Zeit in Dunsdale-Castle an Percy, Viscount von Dunsdale, selbst abgegeben hat –«

»Ha!« rief er, »und wozu alles das –?«

»Wozu alles das? – Danken Sie Gott mit mir, Sir! Alles das dazu, weil ein allmächtiger, vergeltender Gott im Himmel thront – weil das Ende Ihrer Schmerzen gekommen, Ihre Nacht vorüber und die Sonne neuer, entzückender Freuden aufgegangen ist – alles dies, damit Sie wissen, daß Percy, Viscount von Dunsdale, von seinem Tode erstanden, weil – weil ich imstande bin, mit einem Worte Sie zu dem glücklichsten Menschen zu machen – begreifen Sie nun, Sir, warum ich der beste Arzt Ihrer Tochter bin?«

Ich sehe ihn noch vor mir stehen – seine erste Bewegung war die, auf die Knie zu fallen – dann wollte er aus dem Zimmer stürzen, wahrscheinlich Ellinor zu benachrichtigen, sogleich sich aber besinnend, kam er schnell auf mich zu, und mich in die Arme schließend und an seine Brust drückend, sagte er bloß:

»O mein Gott! – o mein Gott!«

Und weiter nichts.

 

Der erste, heftigste Sturm der Freude, der Überraschung und des Dankgefühls gegen Gott, den Urheber alles Glückes auf Erden, ging vorüber und wich bei Sir Robert einer stillen Erhebung und einer innigeren Empfindung dessen, was vorgegangen war, bei mir aber der Überlegung, was nun geschehen sollte.

Sir Robert überwand den betäubungsartigen Zustand, in den ihn meine Nachrichten versetzt hatten, bald; er fand sich und seinen männlichen Geist wieder, und nach einer kleinen Weile saßen wir nebeneinander, er meine Hand in der seinigen haltend, und ich erzählte ihm kurz und rasch alle Begebnisse, wie sie mir selber in so gedrängter Folge in dem kurzen Zeitraum von zehn Wochen begegnet waren, wie ich Percy kennengelernt – aber nicht wo, denn das durfte ich ihm nicht sagen – wie ich ihn liebgewonnen und er mir sein Vertrauen geschenkt und seine Geschichte mitgeteilt, dann, wie ich ihn, Sir Robert Graham, und seine Tochter mit Bob gesucht und nicht gefunden, wie ich nach Dunsdale-Castle gekommen und jener Brief verloren gegangen gewesen, auf wie merkwürdige Weise ich dann den Marquis gewonnen und was ich bei ihm ausgerichtet, wie ich nun endlich zu des verstorbenen Sir Williams verkauftem Landsitze gelangt und, ohne alle Nachricht, nur der dunklen Spur des Boten von Dunsdale folgend, dieselbe wieder verloren hatte und so endlich in diese Gegend gekommen sei, wo ich, beinahe an dem Erfolge verzweifelnd, einzig und allein durch die Lieblichkeit der Gegend und eine innere unbegreifliche Regung länger aufgehalten worden und so Sir Robert gefunden hatte.

»Und so«, schloß ich, »war es nicht die Vernunft oder der klügelnde Verstand der Menschen, nicht das Glück oder der so oft gepriesene Zufall, welcher mich sicher zu Ihnen geführt, nein! es war der Instinkt eines Tieres, der mich hierher geleitet, denn der Hund Othello hat das Pferd Bravour und das Sattelzeug seines Herrn erkannt, seines Herrn, den er vier Jahre nicht gesehen und dessen Andenken dennoch nicht aus seinem Gedächtnisse und seinen Sinnen gekommen ist.«

»Ah! Bravour ist da – und Bob, der Knabe, ist da – lassen Sie mich sie sehen – Sir, ich muß Alles greifen und fühlen, damit ich das Unglaubliche glauben und das Unmögliche für möglich halten kann. Ja, kommen Sie, ich muß Alles sehen und – und Zeit gewinnen, zu überlegen, wie ich es ihr – ihr beibringen soll.«

Und Sir Robert Graham, über das unerwartete Wiederauftauchen Percys beinahe außer sich, zog mich in seiner Freude fast mit Gewalt aus dem Zimmer noch dem Hofe, in den Stall, wo Bravour und Puck, der kleine braune Wallach, gastfrei untergebracht waren und, in wollene Decken gehüllt, sich das duftende Heu aus dem fruchtbaren Tal schmecken ließen. Erst nachdem er mehr als zwanzigmal das edle, treue Pferd gestreichelt, beim Namen gerufen und sich überzeugt hatte, daß es auch der wirkliche Bravour sei, und nachdem er dem guten Bob dreimal die Hand geschüttelt, hörte er auf die Worte eines Dieners, der ihm den Wunsch seiner Tochter überbrachte, zu ihr ins Herrenhaus zurückzukehren. Dennoch riß sich der alte Mann nur mit Gewalt von dem ungewohnten Entzücken los, ohne daß es ihm jedoch gelang, Othello mit sich zu nehmen, der dicht bei Bravour an der Krippe lag und sich nach so langer Trennung nicht mehr von ihm entfernen zu wollen schien.

So kehrten wir denn in das Haus zurück und traten in das Zimmer, welches wir soeben verlassen hatten.

»Ach! was fangen wir nun mit dem armen Mädchen an?« fragte er mich besorgt, »sie ist sehr leidend!«

»Überlassen Sie diese Sorge mir«, erwiderte ich, »mir ganz allein; wir müssen zwar vorsichtig zu Werke gehen, aber doch schnell zum Ziele kommen, denn ich sehe nicht ein, warum wir noch zögern und ihr nur einen Augenblick das große Glück vorenthalten wollen, welches das entsetzliche Elend, das sie erlitten hat, auf der Stelle aus ihrer Erinnerung verlöschen wird. Jedoch will es mir scheinen, daß es besser sei, sie selbst und allein aus undeutlichen Bemerkungen, die wir vorsichtig aussprechen, zu einem richtigen Bewußtsein der Gegenwart kommen zu lassen, als daß wir es ihr gerade heraus sagen – so wird es sie weniger erschüttern– lassen Sie mich nur machen, ich habe schon meinen kleinen Plan. Und nun«, fuhr ich fort, indem ich Ellinors Briefe, die ich an verschiedenen Orten gefunden hatte, hervornahm und den, welchen ich soeben erst erhalten, erbrach, »nun lassen Sie mich, bevor Sie zu Ihrer Tochter gehen und meine Ankunft melden, schnell diese Zeilen überlesen, dann aber, nachdem wir beide hinreichend gefaßt sind, wollen wir uns zu ihr verfügen und sehen, was wir ausrichten können.«

In dem Umschlag des an mich vom Haushofmeister zu Dunsdale-Castle überschriebenen Briefes fand ich Ellinors letztes Schreiben an Percy, welches mit mir zugleich an die Ziele meines Strebens angelangt war und welches ich ihr unerbrochen zustellen wollte. Später jedoch erfuhr ich, daß sie in demselben Percy von dem Verkaufe des alten Landgutes ihres Oheims und ihrem neuangekauften jetzigen Wohnorte unterrichtete, ohne ihm jedoch die Gründe dieses Wohnungswechsels anzugeben. Jedoch vernahm ich, daß meine Mutmaßung richtig gewesen war, daß nämlich Ellinor und ihr Vater durch die ihnen früher unbekannt gebliebene Nähe des Landsitzes Mylord Seymours zu ihrer Auswanderung sich bewogen gefühlt hatten.

Aus dem Schreiben des Haushofmeisters erfuhr ich dagegen, daß Mrs. Trallope den Brief Ellinors, um ihn recht sicher aufzubewahren, in das Kopfkissen ihres Bettes gesteckt hatte, daß sie dies aber in ihrer Zerstreutheit vergessen und das wichtige Dokument zu ihrem Schrecken, aber auch zu ihrer Freude, erst bei dem Wechsel der Bettwäsche entdeckt habe, welches mir nun sogleich, wie ich befohlen hatte, nachgesendet worden war.

Jetzt aber, meine drei Briefe wieder einsteckend, sagte ich zu Sir Robert:

»Ich bin fertig, Sir! Gehen wir an unsere heutige letzte, leichteste und schönste Aufgabe!«

Robert Graham öffnete die Tür zu einem Zimmer, welches dasjenige, in dem wir uns eben aufhielten, mit Ellinors Kabinett verband.

Ich trat ihm leise nach, denn die Tür zu diesem letzteren war geöffnet. Das kleine, aber äußerst geschmackvoll eingerichtete Zimmer war von zwei Lampen ziemlich hell erleuchtet. Ich setzte mich sogleich lautlos auf eine Ottomane, die in der einen Ecke stand, um ein ungesehener Ohrenzeuge von dem zu sein, was jetzt zwischen Vater und Tochter vorgehen würde; aber ich wollte auch – und warum soll ich es verschweigen – das Klopfen meines Herzens zu bewältigen suchen, welches, sobald ich mich in Ellinors Nähe wußte, so stark geworden war, daß ich es beinahe hören konnte.

Ich saß und gab dem Vater einen Wink, zu seiner Tochter hineinzugehen; er aber zauderte, denn auch ihm mochte die Brust von den mannigfaltigsten Gefühlen zum Zerspringen voll sein, die zu bemeistern dem alten bewegten Manne Mühe und Überwindung kostete! Noch immer stand er vor mir und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wüßte er nicht, wie er beginnen sollte, mit der anderen stützte er sich auf einen Tisch – sein Auge aber leuchtete und seine Brust atmete tief auf.

»Vater!« rief es aus dem Nebenzimmer. »Vater! Bist du da? Wo bleibst du so lange? So komm doch herein!«

Ach! der Klang dieser Stimme war Musik für mein Ohr. Rein und klar, wie der schönste Harfenton, den der säuselnde Wind der goldenen Saite entlockt, schmiegte sich dieser Ton mächtig und innig an jedes fühlende Herz an – Percy! jetzt konnte ich begreifen, wie diese Stimme beruhigend sich an dein Herz gelegt hatte, als sie dir damals im grünen Walde harmonisch entgegenklang, da du, vernichtet vor der ganzen Welt, eines Engels Stimme, zu deinem Tröste gesendet, zu hören glaubtest. – O! die Gottheit vermag doch reiche Gaben zu verleihen! Wie schön ist die menschliche Stimme an sich! Wie gewaltig aber und wie allmächtig oft wird sie, wenn sie, über die Lippen eines Helden der geistigen Welt tönend, Wahrheit, Recht und Freiheit verkündet, oder wie lieblich und siegreich, wenn sie aus der unergründlichen Tiefe eines liebenden weiblichen Herzens heraufklingt und, Worte der Liebe und Hingebung flüsternd, den süßesten Rausch über die Seele ergießt, den unter den Sternen der glückliche Mensch empfinden kann!

Ich lauschte diesen sanften, klagenden Tönen, ich bog mich vor, um jedes Beben derselben zu erhaschen und auch nicht den kleinsten Laut davon zu verlieren.

»Ich bin schon da, Kind!« antwortete ihres Vaters friedliche, aber nicht mehr wie sonst so feste Stimme, denn Sir Robert konnte noch immer nicht die Bewegung seines Herzens überwinden.

»Was ist denn mit dem Othello?« fuhr sie fort, »er hat ja geheult, wie er es lange nicht tat – ist Jemand gekommen?«

Sir Robert Graham ging jetzt in ihr Zimmer hinein und setzte sich, wie ich hören konnte, auf einen Stuhl, der wahrscheinlich vor ihrem Lager stand.

»Der Arzt ist gekommen, Ellinor, und dem ist er entgegengesprungen – er kennt ihn vielleicht«, fügte er mit unsicherer bebender Stimme hinzu.

»Der Arzt? Und warum sagst du das so sonderbar? – Nein, nein! Das ist es nicht. Du verschweigst mir etwas – Wie? Mir verschweigst du etwas? Gib deine Hand – o! sie zittert! Was ist geschehen, Vater? O, sprich, ich bitte dich – du bist bewegt –«

»Ja, ich bin es, ich bin bewegt – ich kann es nicht leugnen, meine Tochter – aber du weißt ja, was mich den ganzen Tag bewegt hat und – jetzt mehr als sonst –«

»Und warum? Und wo ist der Arzt?«

»Ich bin hier!« sagte ich langsam, denn ich hörte an des Vaters immer unsicherer werdenden Stimme, daß seine Fassung schwinde und daß er nicht mehr wisse, was er sagen solle; und da ich fürchtete, er werde eine übereilte Entdeckung durch sein Benehmen herbeiführen, hatte ich mich leise der Schwelle genähert, war jedoch noch den Blicken des Vaters und seiner Tochter verborgen.

»Ach, Sir!« rief hier schnell der alte Graham, »kommen Sie herein – sie glaubt es sonst nicht –«

Und ich trat hinein – das Zimmer war beinahe so hell erleuchtet wie das erste. Auf einem Ruhebette lag eine Gestalt, ach! welche Gestalt! – Percy! wärest du an meiner Stelle gewesen und hättest du doch auch diesen Anblick gehabt!

Ein weißes, zartes Musselinkleid – weiß war ihre Lieblingsfarbe in der Kleidung – noch mit schwarzen Schleifen geziert, denn die Trauerzeit um der) verstorbenen Oheim war noch nicht vorüber, umhüllte diese schöne, elastische Gestalt bis zur Hälfte des glänzenden, sanft gebogenen Halses. Ihr Kopf war auf einen Arm gestützt, der, bis zum Ellbogen entblößt, die schönsten gerundetsten Formen zeigte. Aber dieser Kopf – wie soll ich den beschreiben? Die menschliche Schönheit läßt sich ja ebensowenig mit Worten beschreiben, wie mit dem Verstande begreifen. Dieser Kopf, umflossen von einem dichten Geringel der üppigsten hellbraunen Locken, die wie Seide glänzten, zeigte eine so vollendete Schönheit in seiner ovalen Form und in der Art und Weise, wie er dem Körper angefügt war, daß ich nicht allein überrascht, sondern fast geblendet dastand. Aber wie schön auch die feine, leicht gebogene Nase, wie schwellend und reizend der rosige Mund mit den halb geöffneten, den tiefen Schmerz ihres Busens verratenden Lippen, wie schwimmend diese sanften, großen blauen Augen waren – nichts ging über den Ausdruck, der auf diesem warmen, jetzt zwar bleichen, aber wie aus Marmor gebildeten, halbdurchsichtigen Antlitz und in dem schmelzenden Blicke dieser Augen lag.

Wenn es möglich wäre, eine schöne Seele verkörpert sich zu denken, hier war sie es! Der ganze tiefe, unheilbare Schmerz des verwichenen Lebens lag auf diesen offenen und kindlichen Zügen, aber auch die ganze ernste Tiefe, der Adel, die standhafte Weiblichkeit einer edlen Seele sprach sich in jedem kleinsten Zuge dieses wundervollen Antlitzes aus. Ja, ich war von einer Schönheit geblendet, die ich mir groß, hinreißend, unvergleichlich vorgestellt hatte, die ich mir aber in einer so eigentümlichen und bewunderungsvollen Weise nie hatte denken können, viel weniger aber je gesehen hatte.

Doch diese flüchtige Betrachtung, die ich soeben aus der Erinnerung niederschreibe, konnte ich bei Weitem nicht in dem ersten Augenblicke meines Eintretens anstellen, erst nach und nach kam ich dazu, denn Ellinor nahm sogleich auch meine Gedanken in Anspruch, und ich war genötigt, mich schnell aller der Umstände zu erinnern, die mich zu ihr geführt hatten.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber waren die Muskeln meines Gesichtes meinem Willen nicht Untertan oder sprachen meine Mienen ohne mein Wissen aus, was in meinem Herzen vorging – genug, ihr Blick heftete sich, immer tiefer und tiefer dringend, mit einer eigentümlichen Schärfe auf mich, und dieser Blick war fragend und sich selbst die Antwort gebend zugleich, denn sie las mich nicht allein, sie schien mich zu studieren und meine innersten Gedanken auf die äußerste Oberfläche meines Seins heraufbeschwören zu wollen.

Sir Robert Graham stand von dem Stuhle vor ihrem Lager auf und winkte mir, darauf Platz zu nehmen – ich setzte mich mechanisch, denn ich fühlte meine Füße unsicher treten, meinen Kopf schwindelnd und alle meine Pulse klopfen.

»Ja, Miß Graham«, sagte ich absichtlich, um mich noch nicht zu verraten, »Ihr Arzt ist hier und er freut sich, Gelegenheit zu haben, Ihnen helfen zu können, obgleich er bedauert, daß sein Erscheinen nötig war.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie, noch immer den Blick unverwandt auf mich gerichtet, »ich weiß nicht, Sir, aber – aber Ihr Gesicht, wie auch das des Vaters, ist mir unerklärlich – doch nein – ich irre mich wohl – gewiß, ich irre mich – ach, Sir! verzeihen Sie, aber da Sie einmal berufen sind, zu den Unglücklichen zu kommen, so braucht man sich ja nicht vor Ihnen zu scheuen, das Unglück zu verraten – und ich, ich glaube wieder von einer Täuschung heimgesucht zu sein, wie sie mein Herz mir bisweilen vorspiegelt –«

»Beruhigen Sie sich, Miß Graham«, sagte ich, »Sie kennen mich freilich noch nicht und deshalb sollte es mir leid tun, wenn mein Gesicht Ihnen Veranlassung gäbe, sich von mir getäuscht zu glauben –«

»Ach! Das ist es nicht – es ist etwas Anderes; Sie verstehen mich noch nicht, doch – verzeihen Sie – sind Sie wirklich ein Arzt?«

»Und warum fragen Sie mich danach?«

»Weil ich – vergeben Sie mir meine Offenheit – vielleicht Zutrauen zu Ihnen haben könnte, wenngleich ich bedauern muß, daß Sie sich vergeblich zu mir bemüht haben, denn ich bin nicht krank –«

Sie sah hierbei ihren Vater an, der mir einen verstohlenen Wink gab, aber nichts sprach.

»Sie sind nicht krank, Miß Graham!« fuhr ich fort, »so sagen Sie; und dennoch weiß ich, daß Sie leiden –«

»Wie? Seh' ich so aus – oder spricht meines guten Vaters Besorgnis aus Ihnen?«

»Beides, Miß Graham, Beides – indessen bitte ich Sie sehr, nicht besorgt zu sein, denn ich bin gewiß«, und ich erhob hier meine Stimme, »ich bin gewiß, Ihnen eine große Linderung, wenn nicht gänzliche Genesung verschaffen zu können –«

Hier schaute sie mich mit einem Blicke an, der so voller Wehmut war, indem sie den wundervollen Kopf leise schüttelte, daß ich zu eilen beschloß, um meinem Versprechen die Tat folgen zu lassen.

»Sie versprechen viel! Mehr als Sie halten können«, fuhr sie fort, »denn auch Sie, so gut und liebevoll Sie zu sein scheinen und soviel Mühe Sie sich mit mir geben möchten, auch Sie können nur leisten, was einem Menschen möglich ist; und das, fürchte ich sehr, reicht bei mir nicht aus. Nein, nein, Sir, schütteln Sie nicht den Kopf – Sie dürfen mir glauben. Ach! ich war einst gesund, gesund wie das Reh im Sonnenschein des Waldes – dann ward ich unglücklich – nicht wahr, mein Vater? – und da erkrankte ich, allmählich, langsam, aber für immer und in der Tiefe meiner Seele – können Sie mir jenes verlorene Glück wiedergeben? Ja, wenn das wäre, so will ich glauben, daß Sie mich auch heilen können! Doch nein, nein, nein! Menschen können dies nicht!«

»Wenn es auch Menschen unmöglich ist«, erwiderte ich und faßte schon unwillkürlich mit meiner Hand nach den Briefen, die sie selbst geschrieben hatte, »Gottes Macht ist groß und hat der Mittel und Wege viele, uns zu trösten und zu heilen – ja, Er allein kann uns heilen und jedes Glück wiedergeben, welches wir kurzsichtige Menschen auf ewig verloren wähnen!«

»Jawohl, das kann er; aber ich, Sir, hoffe für mich nicht mehr viel in diesem Leben. – Sagen Sie«, fuhr sie mit einer Wehmut im Tone fort, der eine solche Wirkung auf mich machte, daß ich mich beinahe verraten hätte, und so leise, daß ich sie kaum verstand, »haben sie schon geliebt? – Doch ja, was frage ich, da Sie verheiratet sind –«

Sir Robert sah mich mit den Augen blinzelnd an, als solle ich auf diese Annahme eingehen, ich aber schüttelte den Kopf, indem ich fragte:

»Verheiratet, Miß? Nein, das bin ich nicht – doch kann ich mir wohl denken, was Liebe ist und was der Verlust derselben oder vielmehr des Gegenstandes derselben für Schmerzen erzeugt!«

»Denken? Ach nein, Sir, das läßt sich nicht denken, gewiß nicht denken – aber dann wissen Sie auch nicht, wenn Sie noch nicht geliebt haben, welche Krankheit die Liebe hervorrufen kann –«

Sie schwieg und deutete mit einer leicht zu erratenden Bewegung ihrer Hand auf ihr Herz – dann fuhr sie fort:

»Haben Sie den Tau, der dieses welke Herz wieder erfrischen, den Regen, der die vertrocknete Quelle meiner Hoffnungen wieder schwellen machen kann? Nein, den haben Sie nicht–doch, wie ist mir denn? – Sie sagen, Sie sind nicht verheiratet, und du sprachest doch davon, mein Vater, daß der Arzt eine Frau habe?«

Hier entstand eine Pause, die für Vater und Tochter etwas Peinliches zu haben schien, während ich innerlich frohlockte. Dreist erwiderte ich daher:

»Sie sind im Irrtum, Miß Graham. Hat Ihnen Ihr Vater nicht gesagt, daß ich nicht der Arzt bin, nach dem er gesendet hat, sondern der, an welchen der Brief von heute Morgen –«

Sie ließ mich nicht ausreden:

»Ha!« rief sie und richtete sich plötzlich empor, ihre Hand ergriff zitternd meinen Arm und ihr bisher so sanft blickendes Auge funkelte vor Glanz und Leben bei dem Blicke, den sie bald auf mich, bald auf ihren Vater warf, der seinerseits bebend und ungewiß des nun Kommenden dastand und mich bedenklich ansah, »ha! der Brief aus Dunsdale-Castle ist an Sie?«

Jetzt erhob ich mich auch, und die drei Briefe emporhaltend, sprach ich so ruhig wie möglich:

»Hier, Miß Ellinor, hier ist der eine von heute Morgen, und hier, und hier sind noch zwei andere – aus früherer Zeit –«

Ich sah sie fest, aber milde an. Sie griff mechanisch nach dem ersten, dem zweiten, dem dritten – sie warf einen Blick auf die Aufschrift –

»Ach, mein Gott!« rief sie und verhüllte ihr Gesicht mit beiden Händen.

»Miß Ellinor! Miß Ellinor!« rief ich laut, »Miß Ellinor, hören Sie mich! Fassen Sie sich – ich bin noch lange nicht zu Ende –«

»Nein, nein! Es ist etwas geschehen, es ist etwas Schreckliches geschehen – Sie bereiten mich vor –«

»Beim allmächtigen Gott! Es ist nichts Schreckliches geschehen – im Gegenteil sogar –«

»Wer hat diese Briefe erbrochen?« fragte sie rasch und sah mir beinahe drohend in die Augen.

»Ich – Mylady Dunsdale!« sagte ich.

Während ich diese beiden Worte langsam, aber mit scharfer Betonung sprach, beobachtete ich genau die Wirkung derselben. Sie war wunderbar. Anfangs glich ihr Staunen einer Erstarrung, die sich über das ganze Gesicht verbreitete und dasselbe mit Leichenblässe bedeckte – dann fing sie an zu zittern – auch dies ließ nach es folgte ein Lächeln, ein blitzschnell vorüberfliegendes Lächeln, das einer flüchtigen Erinnerung an ein halbvergessenes Traumgebilde glich – dann kam das Mißtrauen mit seinem schüchternen, ungewissen, halb glaubenden, halb zweifelnden Blicke – da sie mich aber ernst, glücklich ernst sah, verflog auch das und der besänftigende Ausdruck des Friedens, wie ihn nur ein Engel tragen kann, malte sich in allen ihren Zügen ab, zugleich aber wurde sie purpurrot und blickte zu Boden. Dann, den Blick wieder erhebend, fuhr sie mit der Hand über die Augen, die sich mit Tränen zu füllen schienen, über die Stirn, als wollte sie sich auf etwas längst Vergessenes besinnen, und so sprach sie flüsternd wie zu sich selber:

»Lady Dunsdale? Wie ist mir denn – war ich es nicht einmal– ach! der Augenblick war so kurz und die Trennung so lang – ich glaube, es war wohl nur im Traume –«

Halblaut sagte ich, auch als wenn ich zu mir selber spräche:

»Kurze Träume sind oft die süßesten und umso schöner, wenn das Erwachen zeigt, daß es kein Traum war, was uns umschwebte, sondern daß das Schicksal mit lebendiger Wirklichkeit unsere heißesten Hoffnungen und Wünsche gekrönt hat.«

Es herrschte eine Totenstille im Gemache um mich her – Ellinor lag noch immer in jenem Zustande der Erschöpfung, der Betäubung oder der halb wachen Träumerei; ich hörte nur das laute Atmen ihrer Brust, und an ihrem kämpfend auf- und niedersteigenden Busen sah ich, daß Vergangenheit und Gegenwart in ihr um die Herrschaft stritten.

Ebenso leise wie vorher fuhr ich fort:

»Auch ich kenne einen Menschen, der einen so kurzen, holden, unvergeßlichen Traum geträumt, der, kaum mit derjenigen verbunden, die er liebte und die ihn ohne Grenzen wieder liebte, von ihr gerissen ward und in vier Jahren sie nicht wiedersah –«

Ellinors Hand fiel von der Stirn – ihr lächelndes Auge ruhte wie entzückt auf mir; eine rosige Glut überflog ihre Wangen und sie sah aus wie der junge, eben erst aus der traurigen Nacht geborene Tag – sie fuhr fort in ihrem Flüstern, und es war mir, als spräche ihre Stimme nicht zu uns heraus, sondern in ihre Brust, in ihr Herz hinein:

»Und wer war der Unglückliche, der über Alles unglückselige Mensch?«

»Ach! es war mein Freund, oder vielmehr – es ist mein Freund, mein teuerster Freund.«

»Hat er für Sie einen Namen?«

»Ich weiß es nicht, wie er für Andere heißt, für mich heißt er – Percy, Viscount von Dunsdale, des Marquis von Seymour ältester Sohn –«

»Vater!« schrie sie laut, sprang wie der Blitz von ihrem Lager auf und warf sich an die Brust des schweigenden, seligen, keines Wortes mächtigen alten Mannes, »Vater! rette mich vor ihm – er will meine Seele belügen, damit sie noch einmal aufatmen und dann auf ewig verhauchen solle!«

Aber ihr Vater hatte keine Worte für sein Glück – mit der einen Hand hielt er sein Kind umfaßt, die andere hatte er gegen mich ausgestreckt, gleichsam winkend, fortzufahren. Ellinor selbst, an seine Brust geschmiegt, wandte halb ihr Lockenhaupt herum – fürchtend, hoffend, als suche ihr Auge in mir eher einen Andern als mich.

»Ich belüge keine Seele, wie es die Ellinor Grahams ist«, fuhr ich fort, »aber wenn Percy selbst mich sendet, seinen Namen zu nennen und seine Gattin zu suchen – was kann ich dafür, wenn diese mich nicht anerkennen will?«

Und eine halbe Wendung machend, als wollte ich zurücktreten, mußte ich mir eine Träne aus dem Auge wischen, die mir in dasselbe gekommen war. Kaum aber war es mir ungesehen gelungen, da taten die Beiden einen Schritt zu mir, des Pfarrers Graham Arm umschlang mich, zog mich heran und mit brechender Stimme schluchzte er:

»Ach, Sir! bleiben Sie, sagen Sie ihr, daß er lebt, daß Sie wissen, wo er lebt, und – daß er zu uns zurückkehren wird.«

»Nein, nein!« rief sie, »sagen Sie es nicht, wenigstens nicht mit Bestimmtheit – es ist unmöglich – diese Unwahrheit wäre zu fürchterlich – fürchterlicher noch als mein schreckliches Geschick!«

»Und dennoch ist es wahr, Mylady«, sagte ich und legte die Hand auf meine Brust, »dennoch lebt er, und er lebt, um zu lieben und zurückzukehren, und ich bin nur hier, um zu sagen, daß es so ist!«

 

Leser! Erlaß mir die Aufgabe, die nun folgenden Augenblicke zu beschreiben, ich bin dazu nicht imstande.

Als ich nach einiger Zeit zu einer ruhigeren Empfindung der Gegenwart kam, fühlte ich mein Gesicht von Tränen gebadet – ach! es waren nicht meine Tränen allein, auch andere hatten sie auf mein Gesicht geweint. Da saßen wir drei denn an dem Lager, auf welchem soeben noch die kranke Ellinor gelegen, wir drei saßen da, vereinigt durch Körper und Seele, indem ich die Hand Grahams, der Vater die seines Kindes und sein Kind meine Hand hielt, als wollten sie mich nicht wieder von sich lassen, um nicht mit mir die größte Glückseligkeit ihres Lebens zu verlieren. Das war der Augenblick, wo Percys Geist freudestrahlend uns umschwebte, wo wir alle drei, in eine Empfindung uns teilend, weiter nichts auf der großen weiten Welt kannten und wußten, als diese eine Empfindung allein. Vier Jahre um einen Gatten weinen, den man nur eine Minute besessen, ihn ganz verloren geben und dann so plötzlich, so unerwartet wiederzufinden – das ist zuviel des Glückes für eine liebende Menschenbrust – das ist zuviel!

Ja, wenn jeder Arzt solche Mittel in Händen hätte, seine Kranken auf den Weg der Genesung zu führen und jahrelange Leiden vergessen zu machen, wie ich in diesem Falle, dann lohnte es noch die Mühe, sich dem schweren Berufe desselben mit Freuden hinzugeben und zu wollen und zu wirken, was das Schönste auf Erden ist – Schmerzen zu lindern und gebrochene Herzen wieder aufzurichten.

Ich bekenne es, und ich bekenne es mit Stolz: Dieser Augenblick war der Glanzpunkt meines Lebens; was mir bisher geschehen war und was mir noch geschehen konnte, was war es gegen diese eine Minute, in welche Alles, was der gute Mensch Schönes und Edles empfinden kann, zusammengedrängt war, das Bewußtsein, ein paar Menschenseelen glücklich gemacht zu haben.

Was mußte ich nun im Verlaufe dieses unvergeßlichen Abends nicht noch Alles sagen und hören! Mitternacht war längst vorüber, und wir sprachen, wir fragten immer noch und waren noch immer nicht zu Ende mit unseren gegenseitigen Mitteilungen. Vergebens verlangte ich im Namen Percys Ruhe für Ellinor – man hörte mich nicht, es war an keine Trennung zu denken! Kaum bemerkten wir den verlöschenden Schein der Lampen, der uns erinnern wollte, daß es Nacht und daß die Nacht für die Müden sei, aber es gab unter uns keine Müden – wachen Geistes durchlebten wir in diesen stillen wonnigen Stunden noch einmal den Raum vier langer, in Seufzen und Schmerz hingebrachter Jahre, aus denen wir nun mit einem Freudenrausche erwacht waren, ja! und was noch schöner ist, wir durchlebten in diesen stillen wonnigen Stunden eine Zukunft, die länger war als alle Vergangenheit, und die süßer und seliger werden sollte, als aller Schmerz und alles Leid bitter und herbe gewesen waren.


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