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14. Kapitel

Bis hierher war nun, wie der Leser sieht, Alles reiflich erwogen und vorbereitet, und es kam nur noch auf die Ankunft des von mir sehnlichst erwarteten Briefes an, um mich, reisefertig wie ich war, sogleich in Bewegung zu setzen. Und auch hierauf sollte ich nicht lange warten, denn der alte Sir John ... in London war, ungeachtet seiner vielen Geschäfte und seiner Kränklichkeit, pünktlich und bereitwillig genug gewesen, meine sonderbare Bitte sogleich zu erfüllen.

Phillipps war fort auf dem Wege nach dem Süden und zwischen Mr. Sidney und mir alles Erforderliche abgemacht, als etwa sieben Tage nach der Abreise des Ersteren eine kleine Gesellschaft, bestehend aus dem Direktor, den Ärzten, mehreren Beamten und einigen der vernünftigsten Irren, worunter Mr. Sidney, sich auf der großen Kegelbahn im Park zusammengefunden hatte und einen zwar warmen, aber etwas trüben Nachmittag der Ergötzlichkeit dieses allbeliebten Spieles weihte.

Es war Posttag, und schon oft hatte ich mich, den nahe gelegenen Hügel besteigend, erwartungsvoll nach dem bekannten gelben Wagen umgeschaut, als ich denselben in seinem gewöhnlichen Tempo auch diesmal den breiten Fahrweg herabrollen sah.

Langsamen Schrittes kehrte ich zur Gesellschaft zurück und gab Mr. Sidney ein Zeichen, daß die Post gekommen und wir unserem Vorhaben vielleicht wieder um einen Schritt näher gerückt wären.

Keine halbe Stunde verging, da erschien der Postbote und überbrachte in seiner großen Tasche einen Haufen Briefe, die, meist an die Anwesenden gerichtet, sogleich von einem Jeden in Empfang genommen wurden.

Auch an mich waren drei darunter, zwei von Freunden in London und Deutschland und der dritte, der am sehnlichsten erwartete, von Sir John ... aus London.

Jeder, der einen Brief empfangen, setzte sich, abgesondert von den Übrigen, irgendwo nieder und las in der Stille die ihm zugekommenen Nachrichten.

Nachdem ich alle drei Briefe ruhig zu Ende gelesen, stand ich auf, näherte mich dem Direktor und sagte, indem ich ihm das Schreiben Sir Johns hinreichte, in einem so ruhigen und unbefangenen Tone, daß ich mich nachher selbst darüber wundern mußte:

»Sehen Sie hier, Mr. Elliotson, ich habe Ihnen einen Gruß von Sir John ... aus London auszurichten, aber leider ist dieser Gruß von etwas begleitet, was mich einigermaßen bekümmert.«

Der Direktor nahm den Brief und las ihn still zu Ende. Er enthielt wörtlich folgende Zeilen:

»Mein sehr werter junger Freund! In der Voraussetzung, daß diese Zeilen Sie noch in St. James antreffen, sende ich Ihnen den freundlichsten Gruß mit der Bitte, sobald es die Annehmlichkeiten, die Ihnen an Ihrem jetzigen Aufenthaltsorte zu Teil werden, erlauben, Ihren Weg zu mir zurück zu nehmen. Einige Nachrichten von Wichtigkeit für Sie, die ich Ihnen jedoch nicht schriftlich mitteilen mag und die ich soeben über Hamburg erhalten habe, sind die Ursache dieser meiner ergebenen Bitte. Indem ich Ihnen die Eile, mit der Sie das Nähere zu erfahren wünschen, überlasse, bedaure ich zugleich, Sie von einem Orte abrufen zu müssen, wo es sich, wie ich aus Erfahrung weiß, so behaglich lebt und wo es Ihnen auch, nach Ihrem langen Aufenthalte zu schließen, so wohl zu gefallen scheint; jedoch freue ich mich sehr, Sie, dieses Ereignisses wegen, umso früher wieder bei mir zu sehen. Bringen Sie meine achtungsvollsten Grüße dem Mr. Elliotson, Mr. Lorenzen, Mr. Derby – dem kleinen, muntern Mr. Derby – und genehmigen Sie den Ausdruck meiner Achtung und Liebe, womit ich zu verharren die Ehre habe

Ihr alter Freund John ...«

 

»Das tut mir leid um unsertwegen!« sagte der Direktor, als er zu Ende gelesen. »Ha! wie der alte Knabe – er hat es selbst geschrieben und es muß also von Wichtigkeit sein – schon eine so zitternde Hand hat – der alte, gute Sir John!«

»Sie kennen ihn schon lange?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»O, wohl! Er war ja in früheren Tagen oft bei uns und hat hier den eigentlichen Grund seiner Kenntnisse und Erfahrungen gelegt – ist ein wackerer alter Herr. Aber wahrhaftig, es tut mir leid, Sir, daß Sie so schnell abreisen müssen.«

Die Anwesenden gruppierten sich um mich herum, als sie hörten, wovon die Rede sei, und drückten mir auf ihre Art und Weise ihr Bedauern aus, mich so schnell und unerwartet von St. James scheiden zu sehen.

»Wann werden Sie gehen?« fragte der Oberarzt, der plötzlich nachdenklich geworden war, als Sir Johns Name genannt wurde, und der, wie über einen Entschluß mit sich selbst uneins, einige Male abseits auf und nieder gegangen war. »Wann werden Sie gehen, Sir? Ich habe – ich möchte dem alten Sir John eine Frage stellen und Sie bitten, ihm dieselbe zu überbringen.«

»Morgen, morgen schon, mein lieber Mr. Lorenzen!« erwiderte ich, »wenn es möglich ist, daß ich mich bis dahin reisefertig mache!«

»Ach!« rief Mr. Derby, der unterdessen einige Worte leise mit dem Oberarzt gewechselt hatte, »da werden Sie ja aber nicht unsere Tragödie aufführen sehen?«

»Ich kehre so bald zurück, wie ich kann«, war meine Antwort, »wenigstens hoffe und verspreche ich es – und dann komme ich vielleicht noch zu rechter Zeit, um der Aufführung des »König Lear« beiwohnen zu können.«

Mit diesen Worten wandte ich mich an die Irren, indem ich mich freundlich vor ihnen verneigte. Diese verbeugten sich ebenfalls, lächelten auf ihre Art und schüttelten mir die Hand.

»Und in diesem Falle«, fuhr ich, zum Direktor gewendet, fort, »gestatten Sie mir gewiß, den größten Teil meines Gepäcks zurückzulassen?«

»Auf alle Fälle«, erwiderte Mr. Elliotson. »Ganz gewiß! Ihr Zimmer bleibt auch in Ihrer Abwesenheit das Ihrige – kommen Sie, wann Sie wollen, je eher, umso lieber zurück; Sie werden uns stets so angenehm wie das erste Mal sein.«

»Und wenn Sie es mir erlauben«, fügte er sehr artig hinzu, »so biete ich Ihnen meinen Wagen bis zur nächsten Station an.«

»Ich bitte, bemühen Sie sich nicht, Sir«, entgegnete ich, »Sie wissen, ich bin ein guter Fußgänger und wie ich gekommen bin, will ich auch wieder gehen, es hat nun einmal für mich einen besonderen Reiz, ohne alle Begleitung zu reisen.«

»Erlauben Sie mir dann einen Vorschlag«, sagte der Irre von St. James, der bis jetzt geschwiegen hatte, und trat näher an mich heran, »wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, so bedienen Sie sich meines Pferdes, es wird mir ein Vergnügen sein, Ihre Reise auf diese Art zu beschleunigen und annehmlicher machen zu können.«

Ich sah den Sprecher und die Umstehenden etwas betroffen an, denn der Vorschlag überraschte mich, obgleich er mir durchaus nicht unangenehm war.

»Wenn ich nicht fürchtete, Sie eines Vergnügens und einer Gewohnheit zu berauben, Mr. Sidney«, erwiderte ich, indem ich mich verbeugte, »so würde ich gern Ihre Güte in Anspruch nehmen, aber –«

»Schlagen Sie ein, schlagen Sie ein!« rief hier Mr. Derby. »Reiten ist auf alle Fälle bequemer als zu Fuß gehen, und Mr. Sidney würde es Ihnen nicht angeboten haben, wenn es ihm nicht ein Vergnügen gewährte.«

»Gut, so nehme ich Ihren Vorschlag mit Freuden an!« sagte ich und verbeugte mich noch einmal vor diesem und drückte ihm die Hand.

»Schön, schön!« rief der Direktor, »und da die Sache abgemacht ist, Gentlemen, so lassen Sie uns zu unseren Kegeln zurückkehren, der Tag ist noch lang und Sie werden heute Abend noch Zeit genug haben, Ihr Päckchen zu schnüren.«

Niemand hatte etwas dagegen und wir setzten somit unser Spiel fort, obgleich ich meinerseits mit meinen Gedanken schon weit fort und noch einer unter uns war, dessen Hoffnungen, bereits ebenfalls auf weitem Meere des Lebens segelnd, mit mir ihrem Ziele entgegenflatterten.

 

Und so war denn also der Augenblick gekommen, wo ich nach fast sechswöchentlichem Aufenthalt in dem Irrenhause zu St. James auf eine so unerwartete und schnelle Weise ganz gegen meine früheren Pläne eine neue Reise antreten sollte, deren Dauer nicht vorherzusehen und deren Ausdehnung fürs Erste nicht zu berechnen war.

Es war am zwanzigsten Juli, Morgens acht Uhr, als ich mich, nachdem ich am Abend vorher alle diejenigen besucht hatte, denen ich diese Aufmerksamkeit schuldig war, zur Abreise in den Park begab, wo mich alle schon erwarteten, welche mir das Geleit zu geben gedachten. Ein Diener des Hauses stand mit dem gesattelten und einem kleinen Mantelsack versehenen Pferde vor der Tür.

Es war dies in der Tat ein edles und ausgezeichnet schönes Tier vom glänzendsten, dunkelsten Schwarz, nicht ein einziges weißes Härchen war an seinem vollkommen ebenmäßigen, schlanken und leichten Körper zu sehen. Es war nicht groß, wie es alle diese herrlichen, aus arabischem Blute entsprossenen Vollblutpferde sind, aber in allen Verhältnissen gleichmäßig vorteilhaft gebaut, dabei außerordentlich klug und lenksam, und so schien es weniger zu einer so beschwerlichen Reise, denn in einer Rennbahn als ein Muster von Schönheit und Schnelligkeit zu glänzen geeignet. Es war indessen Percys Wille, daß ich mich dieses seines Lieblingspferdes bedienen solle, und ich fügte mich ihm.

Außer diesem erwarteten mich noch an der Tür der Direktor, der Prediger und einige Andere; die Ärzte waren auf ihren Stationen und hatten schon am frühen Morgen von mir Abschied genommen.

»Führe das Pferd voraus, Simons!« sagte der Direktor zu dem dasselbe haltenden Diener. »Wir begleiten den Herrn Doktor noch eine kleine Strecke zu Fuß. Und Sie, Mr. Sidney, wollen Sie nicht auch mitgehen, um zu sehen, wie sich der Doktor auf Ihrem Pferde ausnimmt?«

»Mit Vergnügen, wenn mir die Ehre vergönnt ist!« erwiderte dieser und schritt mit mir hinter den Anderen her, die langsam vorausgingen und sich über die Vortrefflichkeiten Bravours, meines neuen Reisegefährten, besprachen.

»In der Tat!« sagte ich so laut, daß Alle es hören konnten, »ich bin besorgt um das Verhältnis, welches sich zwischen mir und Ihrem Bravour entspinnen wird; hoffentlich wird es nicht zu unbändig sein, denn obwohl ich gerade kein schlechter Reiter bin, so ist er doch einen ausgezeichneten gewohnt.«

»Besorgen Sie gar nichts«, entgegnete Mr. Sidney, »das Tier ist feurig, stolz und rasch, aber ohne alle Tücke, und was es leisten kann, werden Sie bald erfahren. Wäre es nicht der Leute wegen, Sie hätten gar keine Sporen gebraucht. Ein Ruf ist hinreichend, ihn in Bewegung zu setzen und, wenn es Not tut, ihm Flügel zu geben.«

Alsdann gingen wir ein Weilchen, ohne zu sprechen, nebeneinander her. Ich war still, denn in der Tat, der Abschied von dem teuren Freunde, dem ich so tief in die Seele geschaut, und den ich so unaussprechlich liebgewonnen hatte, drückte schwer auf mein Herz, während er selbst scheinbar unbefangen, fast heiterer als gewöhnlich, neben mir herging.

»Sie scheinen sehr ernst gestimmt zu sein, Robert«, fing er wieder leise an und berührte meinen Arm, wie er gewöhnlich tat, wenn er mit mir im Vertrauen sprach, »ist es irgendein Gedanke oder eine Besorgnis, die auf Ihrer Seele lastet?«

»Ja, Percy, es ist der Gedanke, daß ich mich von Ihnen trennen soll!«

»Weiter nichts? O, das ist es gerade, was mich heiter stimmt. Sie gehen, um wiederzukommen, und wie wiederzukommen! Ja, ich muß Ihnen gestehen, ich habe lange nicht eine so frohe Stunde gehabt, wie diese Stunde des Abschieds ist, denn es ist der Anfang des Handelns, einer neuen Tätigkeit, einer –«

Er wollte weitersprechen, aber irgendein Gedanke mußte ihn aufhalten.

»Ach!« fuhr er etwas gepreßt fort, »wie glücklich sind Sie! Könnte ich doch mit Ihnen hinaus – da hinaus in die freie bergige Ferne – aber still, still, es geht nicht – erwarten wir die Zeit und was sie uns bringt!«

»Haben Sie mir noch irgendetwas zu sagen?« fragte ich, denn ich bemerkte, wie die vor uns Wandelnden langsamer gingen. »Haben Sie etwas, so sagen Sie es geschwind. Wir werden bald unterbrochen werden.«

»Nein!« sagte er fest, »ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, denn ich bin überzeugt, daß Sie Alles wissen und danach handeln werden. Ich hege ein großes Vertrauen zu Ihrem jetzigen Unternehmen, so daß es mir ist, als könnte kein Mensch einen besseren Erfolg erzielen als Sie.«

»Möchte es doch so sein, wie Sie sagen, und möchte die Gunst des Schicksals mit meinen Wünschen übereinstimmen. Niemand würde glücklicher sein als ich!«

Wir wurden unterbrochen. Mr. Elliotson rief laut:

»Mr. Sidney – hören Sie – Mr. Sidney! Wir streiten uns eben, wieviel Meilen unser Freund mit Ihrem Pferde machen kann – was meinen Sie dazu?«

Wir näherten uns und Mr. Sidney lächelte, denn er kannte sein Pferd.

»Es kommt auf den Reiter an«, antwortete er, »vorausgesetzt, daß der Boden gut ist und daß es die geziemende Pflege genießt. Wieviel Meilen denken Sie, daß es machen könne?«

»Nun, ich dächte, zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen täglich hielte es auf einem Boden, wie der nach London, aus.«

»Und ich mache mich anheischig, dreißig bis vierzig, drei Wochen lang, damit zu machen; es kommt, wie gesagt, sehr viel auf den Reiter an, und dabei will ich weder Peitsche noch Sporen gebrauchen.«

Man wunderte sich, wollte nicht recht glauben, stritt hin und her und kam zuletzt zu dem gewöhnlichen Ende, zur Wette, als wir auf dem Punkte anlangten, wo das Gebiet des Irrenhauses aufhörte und unsere Trennung erfolgen sollte.

Hier blieben wir stehen, sprachen einige Worte des freundlichsten Abschieds und schüttelten uns die Hände. Mr. Sidney war der Letzte, der sich empfahl. Ich durfte ihm nichts mehr sagen, aber wir brauchten auch nicht der Worte, uns zu verständigen, ein Druck der Hand und ein Blick sprach Alles aus.

Bravour ward herbeigeführt. Als ich aufgestiegen war, wandte das kluge Tier seinen schönen kleinen Kopf mit den glänzenden Augen nach seinem Herrn, als wollte es fragen: Und willst du diesmal nicht mit mir fort?

Noch ein Lebewohl, noch ein Gruß – und ich ritt langsam die breite Straße den Hügel hinauf!

Mein Herz war etwas beklommen – ich ritt, ohne etwas Bestimmtes zu denken, vorwärts, bis zu dem Punkte, wo die Straße sich auf dem Gipfel des Berges wendet und man den letzten Blick auf das Gebiet von St. James hat.

Da lag das weite, große, schöne Gebäude, ein helleuchtender Punkt in dem reichen, grünen Blättermeere der dasselbe umgebenden alten Bäume – was ging mir Alles durch das Herz! denn was hatte ich nicht in dem kurzen Zeiträume einiger Wochen daselbst erfahren und empfunden!

Ich blickte spähend über den Park fort, soweit mein Auge reichte – ich suchte etwas, was ich nicht gleich finden konnte – da sah ich etwas flattern auf dem wohlbekannten Hügel, ein weißes Tuch, von einem Menschenarm hin und her bewegt. Ich erhob das meine und winkte tausend Grüße hinüber, denn ich wußte, von wem es kam und zu wem es ging. Noch einen Blick, noch einen Gruß – und den Kopf meines Pferdes wendend, ritt ich im Schritt dem Norden Altenglands zu, den Weg nach London zu meiner Rechten liegen lassend, und da gewahrte ich erst, daß ich wieder in Gottes freier Natur, daß ich selbst frei war, und ich sagte zu mir mit einem stillen Seufzer:

»Warum sind nicht Alle so wie ich Herr ihrer selbst, zu schalten und zu walten mit ihren von Gott verliehenen Fähigkeiten – und was habe ich getan, um so glücklich zu sein?!«


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