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11. Kapitel

Abermals saßen wir, Ellinor und ich, im Walde allein, denn der Vater hatte uns nach dem Mittagessen uns selbst überlassen. Da plauderten wir denn von dem, was uns jetzt das Nächste und Neueste war, von unserer Liebe – wie sie entstanden und gewachsen war, wie sie gehegt und gepflegt werden sollte und wie unsere Zukunft nach unseren Wünschen sich gestalten würde.

Die schönen Stunden eines warmen Sommernachmittags vergingen wie im Fluge und die Sonne senkte sich bereits, als Mr. Graham zu uns trat und sagte:

»Nun meine Kinder, nachdem Ihr Euren Herzen Luft gemacht habt, gönnt auch mir einen Ted Eurer Gegenwart, und zunächst, Percy, habe ich ein ernstes Wort mit Ihnen allein zu reden.«

»Was hast du ihm allein zu sagen, mein Vater, das ich nicht hören könnte!« erwiderte ihm Ellinor. »Sein Glück wie sein Unglück ist zur Hälfte mein, und nicht das Ernste allein, auch wenn es Trauriges wäre, will ich hören – ich verlange von Allem mein Teil.«

»Sie hat Recht«, sagte ich, »ich denke, sie, solange ich hier bin, keinen Augenblick zu verlassen, denn das Glück ist so kurz und die Stunde verrinnt dem, der es genießt, ohnehin schon schnell genug. Was Sie mir daher zu sagen haben – sagen Sie es in ihrer Gegenwart.«

»ich habe nichts dawider«, entgegnete der Pfarrer, »wenn Sie und Ellinor es wollen, und es ist auch eigentlich ihre Sache so gut wie die Ihrige. Hören Sie mich an – aber gehen wir lieber in das Haus; wer kennt und sieht die Ohren alle, die die Wälder haben!« fügte er leiser hinzu.

Wir gingen hinein und setzten uns in das einsame, freundliche Turmzimmer, das uns, je stiller es war, mit jedem Augenblicke lieber wurde.

»Haben Sie bedacht, Percy«, fing der Pfarrer an, »welche Wirkungen die Ereignisse, welche heute hier stattgefunden haben, in dem benachbarten Herrenhause hervorrufen werden?«

»Ich habe es bedacht, ja!« entgegnete ich. »Da ich aber mündigen Alters bin und als mein eigener Herr, nicht aber als Erbe des Marquis von Seymour und Codrington, um Ellinors Hand geworben habe, so kann mir die Meinung meiner Verwandten über diesen Punkt wenigstens gleichgültig sein. Und da es gewiß einen Tag dauert, bis unser Glück in seiner ganzen Ausdehnung ihr Ohr erreicht (hier vergaß ich, daß Mortimer ein halber Zeuge gewesen war), so ist diese Zeit, wenn wir sie richtig anwenden, lang genug, Pläne zu fassen und auszuführen, die allen fremden, vielleicht nachteiligen Bestrebungen zuvorkommen. Weit mehr als das aber fürchte ich, nach dem, was Sie, mein lieber Graham, mir über Ihre letzte Unterredung mit meinem Vater mitgeteilt haben, daß der Unwille desselben, wenn er durch meine heutige Handlung erregt werden sollte, mehr gegen Sie als gegen mich sein wird.«

»Glauben Sie das nicht«, erwiderte Mr. Graham, »glauben Sie das ja nicht! Wenn man unwillig wird – und ich zweifle keinen Augenblick daran – so wird sich die ganze Wucht ihre Unwillens nicht gegen Einen von uns, sondern gegen uns Beide wenden.«

»Dann wollen wir uns schnell entschließen!« sagte ich. »Und nun hören Sie einen Vorschlag, der aus meinem Herzen kommt und der, wenn er bei Ihnen Anklang findet, nicht schnell genug ausgeführt werden kann. Solange ich in England bin, brennt die Sonne dieses Landes meinen Scheitel mehr, als sie ihn erwärmt. Ich weiß stillere Orte, wo weder Feindschaft noch Unruhe uns ereilt; dahin lassen Sie uns gehen, und mein Besitztum, wenn es auch keins der reichsten und ausgedehntesten in England ist, wird hinreichend sein, uns allen Dreien Mittel zu gewähren, froh, glücklich und unabhängig leben zu können. – Was sagst du, Ellinor, und was sagen Sie, mein teurer Graham, zu diesem, meinem Vorschlage?«

Ellinor senkte das schöne Haupt auf meine Schulter und sah mich dabei schweigend und freudetrunken, doch mit einem Blicke an, den ich zu verstehen glaubte. Aber der Pfarrer schüttelte bedächtig sein ehrwürdiges Haupt und erwiderte langsam:

»Der Vorschlag ist gut für euch, meine Kinder, aber nicht für mich. Soll ich den Boden und die Stätte verlassen, die mich so lange genährt, und soll ich die Gemeinde fliehen, der ich seit beinahe vierundzwanzig Jahren mit meinen besten Kräften und Wünschen gedient habe? Und dies Alles aus dem Grunde, weil ich die Schwachheit haben soll, Beleidigungen und Kränkungen zu fürchten, die vielleicht noch zu umgehen sind? Bedenken Sie wohl! Soll ich nicht lieber zu Ihrem Vater gehen, ihm das Vorgefallene mitteilen, wenn nicht für Sie, doch für mich um seine Einwilligung bitten? Ich bin, wenn nicht sein Untertan, doch immer sein Diener und außerdem Diener der Kirche auf seinem Besitztum, mein Percy!«

»Nein, mein Vater«, erwiderte ich freundlich, »das ist nicht meine Meinung. Bedenken auch Sie! Um seine Einwilligung bitten, heißt: ohne dieselbe nicht nach Ihrem Gutdünken und Ihrem freien Willen schalten und walten können. Lassen Sie uns bei unserem ersten Entschlüsse verharren, und wollen Sie dennoch Ihre Pflicht ganz erfüllen, so erwarten Sie den Augenblick, wo er selbst Ihnen seine Ansicht der Dinge vorlegen wird.«

»Der Augenblick wird nicht fern sein, mein Sohn!« sagte der Pfarrer leise und versank in ein kurzes, aber tiefes Sinnen. Ich unterbrach es, indem ich fortfuhr:

»So wollen wir bis dahin wenigstens unser Glück genießen und alle Vorkehrungen treffen, der Ausführung unseres Vorhabens jeden Augenblick gewärtig zu sein. Ich werde vorläufig morgen früh Phillipps nach Dunsdale-Castle senden, um Alles zu unserem Empfange in Bereitschaft setzen zu lassen. Dann aber, mein Vater«, und mein Blick streifte Ellinor, die schweigend, aber errötend zu ahnen schien, was ich andeuten wollte, »darf ich hoffen, daß die Erfüllung des höchsten meiner irdischen Wünsche mir nahe sein wird?«

»Ich habe ihr nichts entgegenzusetzen«, entgegnete der Pfarrer, »das ist Ellinors Sache, an diese wenden Sie sich deshalb.«

»Nun, Ellinor«, wandte ich mich zu dieser, »hörst du, was dein Vater sagt? Ich für mein Teil eile nicht, aber die Verhältnisse verlangen diese Eile – fasse einen Entschluß und teile ihn uns mit.«

Ellinor blickte erst ihren Vater, dann mich an – einen Augenblick schien sie zu überlegen, dann aber, statt aller Antwort, senkte sie ihren lockigen Kopf auf meine Schulter und flüsterte:

»Ich bin entschlossen, zu tun, was du wünschest und was mein Vater will.«

»So sei es denn!« sagte dieser, »und der Allmächtige, der über uns ist, uns kennt, uns sieht und für uns sorgt, er gebe seinen Segen. Amen!«

Ach! die wenigen Stunden, die noch bis zur Nacht übrig waren, eilten geflügelt dahin; es war mein erster glücklicher Tag in England – aber auch mein letzter. Denn schon rauschte das Verhängnis über uns und wir vernahmen seinen dumpfen Flügelschlag nicht, wenngleich eine leise, zitternde Ahnung mein Herz beklemmte, daß ich zu glücklich, zu schnell, zu überaus schnell glücklich geworden war.

 

Der stille Abend war der stilleren Nacht gewichen; unzählige Sterne flimmerten an dem reinen Himmel, aber der Mond war noch nicht aufgegangen, denn erst die Mitternacht sollte er erleuchten.

Wir standen am Fenster, wir drei glücklichen Menschen, und hatten schon zwei Stunden vom Abschiede gesprochen und immer war ich noch da. Schon zweimal hatte Bob, der alte, treue Diener, mein Pferd aus dem Stalle und wieder hineingeführt, und nun endlich ging er mit demselben vor der Tür auf dem Rasen hin und her, von Zeit zu Zeit zu uns heraufblickend, als ob er den Augenblick nicht erwarten könnte, wo ich ihn von seinem Nachtwandeln befreien würde.

Ich war mehr als zwanzigmal so spät davongeritten, aber noch nie war uns der Abschied so schwer geworden.

»Bleib, bleib!« flüsterte Ellinor mir immer wieder leise zu.

»Sieh!« sagte sie dann lauter, »sieh die vielen schönen Sterne, wie unwandelbar sie stehen, obgleich sie mich jede Nacht besuchen; du aber, mein Lieblingsstern, den ich erst heute aufgefunden, du willst schon nicht mehr bei mir bleiben.«

»Kind!« sagte der Vater liebevoll, »dein Stern bleibt dir wie die andern gewiß, wenn er auch heute verschwindet – morgen geht er dir wieder auf.«

»Morgen! Jawohl, morgen! Aber es ist so schön, dieses Heute.«

Und ihr Arm umschlang mich und ich fühlte die zarte, warme, elastische Gestalt sich inniger an mich schmiegen.

Da schlug die große stehende Wanduhr elfmal. »Ellinor!« sagte ich, »ich muß gehen! Vor ein Uhr bin ich nicht zu Hause, und um acht Uhr will ich schon wieder hier sein. Ich bedarf keiner Ruhe, aber du, du bedarfst ihrer.«

»Gut, wenn du mußt, so geh! Ich werde niemals deinem Wunsche und der Notwendigkeit im Wege sein. Aber komm' gewiß Punkt acht Uhr!«

Ich nahm meinen Hut; Ellinor und ihr Vater begleiteten mich vor die Tür und traten mit mir zu dem Pferde, welches der alte Bob sogleich heranführte.

»Ach, was für ein schönes Tier dieser tapfere Bravour ist«, sagte Ellinor und klopfte mit ihrer sanften Hand den rabenschwarzen, stolzen, schlanken Hals des edlen Rosses, das leise wieherte und mit dem einen Vorderfuße scharrte.

»Trag ihn sicher nach Haus, Bravour!« sagte sie schmeichelnd zu dem Pferde, »trag ihn sicher, du nimmst mein Leben mit dir!«

»Er bringt dir auch dein Leben wieder«, entgegnete ich, und küßte sie zum letzten Male. »Adieu!«

Ich sprang in den Sattel und ergriff die Zügel.

»Bleibt Othello hier oder geht er mit?« fragte ich.

»Nimm ihn mit, nimm ihn mit! die Nacht ist vor Aufgang des Mondes finster und ich ängstige mich so sehr – ach! wenn es doch erst wieder Tag wäre –!«

»Du hast mich so oft diesen Weg in der Nacht reiten lassen, ohne eine Besorgnis zu äußern, und ist es heute nicht wie sonst?«

»Nein, mein Freund, es ist heute nicht mehr wie sonst!« sagte das liebliche Geschöpf und drückte mir noch einmal die Hand. »Und nun reite langsam fort, ich bleibe mit dem Vater vor der Tür, bis wir Bravours Hufschläge nicht mehr hören, dann bist du erst allen meinen äußeren Sinnen entflohen. Gute Nacht – gute Nacht – gute Nacht!«

»Gute Nacht!« rief auch ich und pfiff Othello, der sogleich freudig aufsprang und vor dem Pferde herlief, auf dem ich langsam davonritt. So stark und mutig ich mich bei dem Abschiede gestellt hatte, ich empfand dieselbe peinigende und doch nicht zu entziffernde Besorgnis wie Ellinor, und jetzt erst, da ich allein war, gestand ich sie mir selbst. Indessen beruhigte ich mich allmählich, denn ich dachte: »Es ist die erste Trennung, die du bestehen mußt, du bist in ein neues ungekanntes Verhältnis des Lebens getreten, das seine Gebühren fordert, du wirst jetzt die Sorge um ein zweites teures Ich noch öfter erfahren!«

Aber nein! auch diese Betrachtung reichte nicht hin, mir meinen gewöhnlichen Gleichmut und meine ruhige Unbefangenheit wiederzugeben – dunkle Bilder, wie die Schatten einer unbekannten Welt, schwebten in ununterbrochener Reihenfolge an dem Auge meines Geistes vorüber und erhielten endlich eine solche Macht über mich, daß ich, als ich noch keine Viertelstunde weit geritten war, mein Pferd umwandte und zu mir selbst sagte: »Du willst sie nur noch einmal sehen – es wird der unbekannte Trieb liebender Sehnsucht sein, der dich so bemeistert – und dann willst du rasch nach Hause zurückkehren.«

Ich ließ dem Pferde die Zügel, flog zurück und im Augenblick fühlte ich eine sanfte Beruhigung in mein Herz zurückkehren. Ich kam an, aber die Gesuchte war nicht mehr vor der Tür – ein matter Lampenschimmer zeigte mir ihr Schlafgemach unter dem Studierzimmer ihres Vaters, der selbst in dem entgegengesetzten Teile des Hauses schlief, denn eine Gefahr, mochte sie sein, welche sie wollte, war in diesem sicheren und stillen Teile des Landes noch niemals zu fürchten gewesen.

Ich blieb lange vor dem Hause stehen und betrachtete es mit Entzücken. Es herrschte eine so tiefe, feierliche Stille um das einsame Gemäuer, eine so liebliche, friedliche Öde lag auf dem See zur Rechten, auf dem Walde zur Linken, daß ich, von dieser Einsamkeit durchdrungen, wie gefesselt auf meinem Pferde hielt und mich nicht genug an dem Anblick und dem Gefühle, welches sie mir einflößte, laben konnte.

»Nein! ich kann noch nicht von hier fort!« sagte ich zu mir selbst, ritt einige Schritte in den Wald zurück und band mein Pferd an eine junge Birke. Dann Othello leise zu mir rufend, der in den niedrigen Gebüschen herumschnupperte, sagte ich zu ihm: »Du sollst allein mein Gefährte in dieser schönen Nacht sein« und nahm nun meinen vorigen Standort wieder ein.

Ach! es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich in einer klaren, stillen Sternennacht unter dem Fenster eines so heißgeliebten Wesens stand und mir ihr teures Bild vor die Seele rief; und ich lernte begreifen, was ich früher nie begriffen hatte, eine wie tiefe Poesie in einer solchen Nacht und in einem solchen Beginnen lag, und daß der süße Genuß desselben einer der schönsten des liebenden Menschen auf der Welt ist.

»Was mag sie denken«, sagte ich zu mir, »oder träumen? – Nein! sie schläft und träumt noch nicht – sie betet!« Ach! und ich betete im Stillen mit ihr. »Mag sie ahnen, daß ich hier bin? Würde sie eben so ruhig schlummern, wenn sie wüßte, daß ich ihretwegen vor ihrem Fenster wache!«

Solche liebliche Gedanken erfüllten mein Herz und ich stand, wie vorher, still – bewegungslos – glücklich – und doch, wenn ich es mir recht genau zergliederte, lag etwas auf diesem glücklichen Herzen wie eine bleierne Hand, die es fast krampfhaft preßte und seine freudigen Schläge zurückzuhalten schien.

Da fühlte ich plötzlich, wie Othellos Körper sich unter meiner linken Hand, mit der ich sein Halsband hielt, damit er sich ganz ruhig verhalte und nicht etwa wie gewöhnlich an der Haustür scharre, langsam dehnte und sein Hals sich allmählich und leise vorstreckte.

Ich wußte aus dieser Bewegung, daß er etwas Fremdes wittere. Ich stand im tiefsten Schatten einer, ihre Zweige fast bis auf den Boden senkenden Kastanie und konnte unmöglich von irgendwem wahrgenommen werden, während ich die ganze Umgebung des vor mir liegenden Hauses ziemlich genau beobachten konnte.

»Pst!« sagte ich zu Othello, und der vollkommen gehorsame Hund regte sich weder, noch gab er einen Laut von sich, nur sein Schweif streckte sich, wie es diese Tiere auf der Lauer zu tun pflegen, und seine Nase ließ die eigentümlichen Töne eines auf Witterung befindlichen Hundes hören.

Aber Alles war noch still – kein Blatt bewegte sich.

Da schien es mir plötzlich, als wenn die dunkle Gestalt eines Mannes jenseits aus dem Gebüsche trat. Ein längerer scharfer Hinblick überzeugte mich, daß ich mich nicht getäuscht hatte – es war wirklich ein Mann – er kam näher – immer leiser über den Rasen schlüpfend – schon stand er Ellinors Schlafzimmer gegenüber jetzt kletterte er, alles Geräusch so viel wie möglich vermeidend, auf einen der nächsten Bäume – in diesem Augenblick erlosch der Lampenschimmer in dem Gemache – bald verbarg den Nachtschwärmer ein dichter Blätterteppich – ich sah nichts mehr von ihm.

Mein Herz klopfte so laut, daß ich es hören konnte, und mein Arm, mit dem ich den Hund fast gewaltsam zurückhalten mußte, fing an zu zittern.

Jetzt stieg der Mann wieder vom Baume herab – langsam – leise – er schlich mehr, als er ging, über den Rasen zum Hause hin und schaute sich, soviel ich sehen konnte, nach allen Seiten um. In diesem Augenblick erhob sich ein leiser Wind, der Vorbote des aufgehenden Mondes, da kletterte der Mann – er schien sehr geübt in diesem Geschäfte – an den Vorsprüngen des Turmes bis zum nächsten Fenster, dem Schlafzimmer Ellinors, empor. Hier blieb er stehen und schaute durch das Fenster in das dunkle Zimmer hinein sein Fuß war höchstens zwei Ellen vom Boden entfernt.

Ich atmete kaum, aber ich machte mich bereit. Hätte ich meine Pistolen bei mir gehabt, die geladen in der Satteltasche meines Pferdes staken, ich hätte ihn erschossen, denn ich fühlte, wie eine wallende leidenschaftliche Empfindung, wie ich sie noch nie gehabt und gekannt, sich meines Herzens bemächtigte.

Der Mann erhob seinen Arm am Fenster und tastete daran herum. Der Moment des Handelns war gekommen. Ich bog mich zum Ohr des Hundes hinab und flüsterte:

»Jetzt faß' ihn an und halt ihn fest!«

Meine Hand ließ ihn fahren – der Hund flog lautlos und wie der Wind auf sein Opfer los. Es bedurfte nur eines Sprunges und eines Ruckes, und der Mann stürzte herab und taumelte zu Boden; sogleich aber sprang er wieder mit einer heftigen Bewegung auf die Füße, während Othello, dem Befehl getreu, sich begnügte, ihn an seinen Kleidern festzuhalten.

Da ging der Mond vollends auf und ich sah – o, Sie wissen es schon – ich erkannte Mortimer, meinen Bruder!

»Halt!« rief er mit einem unterdrückten Schrei, »wer ist da?«

Und er bemühte sich, die Pfoten Othellos abzuschütteln, die jetzt auf seinen Schultern lagen und ihn hielten wie die Tatzen eines Panthers, und der nur auf meinen Ruf zu warten schien, um mit seinen scharfen Zähnen einen ernsteren Angriff zu beginnen.

In den leidenschaftlichen Gefühlen, die meinen Busen durchtobten, begann ich zu vergessen, daß es mein Bruder war, der auf solche Weise vor mir stand, aber noch bezwang ich mich und rief mit einem unterdrückten, aber energischen Tone:

»Dieb bei Tage und Dieb bei der Nacht! was willst du hier?«

»Ha!« rief er ebenso leise, aber wütend, denn jetzt erst erkannte er mich, da des Mondes noch schwaches Licht wohl ihm, aber nicht mir ins Gesicht schien, »Ha! Schurke – bist du es?«

Doch sogleich faßte er sich und sagte ruhiger:

»Rufe den Hund zurück, du wirst doch deinen Bruder nicht von der Bestie zerreißen lassen wollen?«

»Ich wollte, du wärest nicht mein Bruder«, antwortete ich ihm, »dann sollte nicht mein Hund – ich selbst wollte dich zerreißen! Komm zurück, Othello! der Mann ist zu schlecht für dich!«

Der Hund gehorchte und trat hinter mich, aber geneigt, den ersten besten Augenblick wieder auf ihn loszustürzen.

Kaum aber fühlte sich Mortimer von der Last des gewaltigen Tieres befreit, so kam ihm der Mut wieder und mit ihm der Zorn.

»Bist du auch hier?« rief er mit verbissener Wut und suchte sich mir etwas zu nähern, »willst du auch hier eine Erbschaft holen?«

»Schweig!« rief ich, »und entehre den Frieden dieses Hauses nicht mit deinen hämischen Worten wie mit deiner schamlosen Tat. Du wagst viel, denn du bist hier auf meinem Gebiete – Ellinor ist meine Braut und morgen vielleicht schon mein Weib!«

»Dein Weib? Haha! Verfluchter Schurke – dein Weib. Erst sei ein Mann und dann nimm du dir ein Weib!«

Und mit diesen Worten sprang er auf mich los und faßte unversehens meine Kehle. Aber ich, mit der linken Hand den aufspringenden Othello mit einem Rufe zurückwerfend, dem er glücklicherweise gehorchte, da ein Kampf mit uns Beiden zu ungleich war, faßte mit meiner Rechten kräftig seine Brust und drängte ihn gegen einen Baum zurück, indem ich ihn so weit wie möglich von dem Hause zu entfernen suchte.

Es gelang mir, aber meinen Gegner machte dieser erste Erfolg von meiner Seite wütend – und noch wütender wurde er vielleicht, da er sich ohne Waffen wußte. Nochmals sprang er auf mich los und suchte hämisch einen meiner Füße mit seinem Fuße zu erreichen. Da aber riß mir die Geduld; ich fühlte, daß es an mir war, den unnatürlichen Kampf zu beenden, der kurz, aber gewaltsam und entscheidend war.

Mein Bruder war groß und kräftig gebaut, Wut und Verzweiflung verdoppelten seine Kräfte; was aber vermochte seine Stärke gegen meinen eisernen Arm und meine breite gigantische Brust, gegen mich, der ich in allen Künsten des Fechtens und Ringens so geübt war und mit der besonnensten Ruhe Verteidigung und Angriff unterstützte.

Nach einigen fruchtlosen Anstrengungen, ihn von mir abzuschütteln, umfaßte ich seinen Leib in der Mitte, und ihn mit aller meiner Kraft hoch vom Boden erhebend, was er am wenigsten erwartete, schleuderte ich ihn wie eine Natter zur Erde, daß das Gebüsch, in welches er fiel, knackte, brach und über ihn zusammenschlug.

Othello wollte ihm nach – abermals rief ich ihn zurück.

Mit hoch aufatmender Brust stand ich und wußte nicht, was ich tun sollte – da, nach einigen Minuten, erhob sich der Gefallene wieder und, einen Stein nach mir werfend, der dicht an meinem Kopfe vorbeisauste, schüttelte er gegen mich die geballte Faust, und mit den Zähnen knirschend, rief er, als schäme er sich, laut seine Niederlage auszuschreien, mit halb unterdrücktem Hohnlachen:

»Diesmal ist die Übermacht und der Sieg dein, aber freue dich nicht deines Triumphes, rebellischer Knecht – weder die Braut, noch weniger das Weib soll dir gehören!«

Und also sprechend, schleuderte er mir einen Fluch zu und verschwand augenblicklich in dem dunklen Schatten der Bäume.

Laut- und regungslos stand ich da und sah ihm nach, den treuen Gefährten, meinen Hund, haltend, daß er ihm nicht nachstürze und ihn zerreiße. Aber mein Herz und meine Glieder zitterten, als hätte ich eine Mordtat verübt, und über meinen Körper lief ein kalter Schauer, als fühlte ich das Herannahen eines schrecklichen unentrinnbaren Verhängnisses.

Wie lange ich so stand – ich weiß es nicht. Nur langsam erholte ich mich. Es war aber nicht die gehabte Anstrengung, die mich so erbeben machte, nein! es war ein voraussehendes Gefühl, der Instinkt einer kommenden Gefahr, der ich nicht entrinnen konnte, welche mich so ergriff und mir andeutete, ein Kampf habe begonnen, ein schrecklicher, erbitterter Kampf, der nie enden werde, ohne den Einen oder den Anderen von uns Beiden zu entseelen.

Allmählich erst kam mir die ruhige Überlegung wieder; mein Geist arbeitete kräftig gegen die von außen andringenden Gefahren – was sollte ich jetzt tun? Nach Hause zurückkehren? Nimmermehr! Die Gefahr für Ellinor konnte noch nicht vorüber sein und meine Hilfe noch einmal notwendig werden. Ach! sie hat nichts von diesem Streite gehört, dachte ich, und das war meine größte Beruhigung; und sie soll auch nicht erfahren, daß ein Bruder, und noch dazu der Bruder ihres eigenen Geliebten es war, der ihr diese Schmach bereitet hat! Ihre Ruhe soll durch solche Schändlichkeit nicht getrübt, ihr kindliches Vertrauen zu der Menschheit auf diese Weise nicht mit Füßen getreten werden! – Ich ging zu dem Baume zurück, wo mein Pferd stand, löste Sattel und Zügel, damit es sich legen könne, und trat wieder mit Othello unter die Bäume, hinaufblickend zu dem stillen Fenster, wo vielleicht die lieblichsten Traumbilder das edelste der Herzen umrauschten und ihm Liebe und Lust sangen, während dicht unter demselben Fenster Bruder mit Bruder um das Leben und um des Lebens Preis, die Liebe, rang.

So blieb ich stehen, bis die Sterne erbleichten, bis das Mondlicht erlosch und der erste rosige Schimmer des goldenen Tages heraufkam, mit frischem Lichte Wald und Flur erquickte und die Sänger des Waldes zu erneutem Leben wach rief, letzt mein Pferd sattelnd und besteigend, ritt ich langsam und in geringer Entfernung um das stille Haus herum, und erst, als ich die erste Bewegung in seinem Innern wahrnahm, stieg ich ab und klopfte an die Tür, die mir sogleich von Bob geöffnet wurde, der mich verwundert ansah und fragte:

»Was! Schon wieder da, Mylord? Miß Ellinor schläft noch, aber Mr. Graham sitzt schon oben und betet sein Morgengebet.«

»Ich will mit ihm beten!« erwiderte ich. »Melde Niemandem meine Ankunft und führe mein Pferd in den Stall.«

Und die Zügel desselben ihm zuwerfend, stieg ich leise die Treppe hinan, damit Ellinor meinen Schritt nicht hören und erkennen sollte, denn die Ohren der Liebe hören scharf.

Ich klopfte leise an die Tür und trat ein. Der Pfarrer sah mich, meinen zerknitterten Anzug, meine aufgeregte, aber bleiche Miene kaum, als er schon rief:

»Gerechter Himmel! Percy, wo kommen Sie her? Was gibt es was ist geschehen?«

»Nichts, Sir!« sagte ich in einem so ruhigen Tone, wie ich ihn anzunehmen vermochte. »Nichts, als daß zwei Söhne eines Vaters auf Tod und Leben um Ihre und Ihrer Tochter Ehre gerungen haben!«

»Ha! es ist doch kein Blut geflossen –?«

»Nein, nein! Wie zwei Athleten haben sie in Ermangelung besserer Waffen mit ihren bloßen Armen gekämpft und ich – bin Sieger geblieben!«

Und hierauf erzählte ich ihm, in welcher Beklemmung ich fortgeritten, wie ich, von innerer Angst getrieben, umgekehrt und wieder angekommen war, und was sich dann ereignet hatte.

»Und nun«, schloß ich, »sehen sie hieraus, Graham, wie nötig es war, gestern schon auf einen schnellen Entschluß gefaßt zu sein? Sie begreifen, wie Ihr Haus, Ihr einsames, unbeschütztes Haus keine Sicherheit mehr bietet, wie selbst Ihr ehrwürdiger Stand als Pfarrer der Gemeinde meines Vaters keine Achtung mehr erweckt, und daß Ihre Tochter eines kräftigen Beschützers nicht mehr entbehren kann, der sie vor ähnlichen Anfällen behüte und über sie wache, selbst in der Unantastbarkeit des jungfräulichen Schlafes. Nur um Eines, Graham, bitte ich«, fügte ich hinzu. »Kein Wort von dem Vorgefallenen an Ellinor; ihre Ruhe ist mir zu teuer, als daß ich sie mit dem Gifte dieser bösen Tat beflecken sollte – verstehen Sie mich? Lassen Sie uns Männer allein handeln; meine Sache wird es sein, sie unserem Willen und unseren Entschlüssen fügsam zu machen – und ich weiß, sie wird mir gehorchen.«

»Ist es dahin gekommen!« rief mit vor Schreck und Entrüstung bleichem Gesicht der Pfarrer. »Ist das der Dank für meine gewissenhafte Dienstführung im Hause des Edelmanns und für die unbescholtene vieljährige Pflichterfüllung in meinem göttlichen Berufe, daß sein eigener Sohn es wagen kann – pfui! abscheuliche Tat – Nachts – meine Tochter – mein einziges teures, teures Kind – nein! nein! es ist zuviel! – Erlauben Sie, Percy!« rief der Mann mit dem auflodernden Feuer eines edlen Stolzes, »erlauben Sie, daß auch ich handle! Ich muß hin – hin muß ich – dem arglosen Vater die Schandtat seines verzogenen, teuren, ehrenhaften Sohnes mitzuteilen – vielleicht weiß er es nicht, welche Zierde er an ihm hat, und kennt ihn noch nicht ganz – aber ich werde reden und in Sir Mortimers höchsteigener Gegenwart werde ich reden – und ich werde den Schutz, den er als Christ meinem Berufe und als Gutsherr meiner Stellung schuldig ist, in Anspruch nehmen und für die mir widerfahrene entsetzliche Kränkung Genugtuung fordern!«

»Und wer ist Ihr Zeuge, Graham«, fragte ich, »daß diese Schandtat wirklich hier verübt wurde? Hoffen Sie nicht zuviel – der Täter wird sie nicht eingestehen!«

»Sie, Sie, Percy, sind mein Zeuge – ha! ich werde, ich will ihn seine Söhne kennen lehren – endlich ist es Zeit, ihm die Augen zu öffnen, und wenn noch ein Funken göttlichen und menschlichen Gefühles in seiner starren Brust glimmt, so will ich ihn zur lebendigen Flamme anfachen – ich will auch einmal Sieger sein – o, Sie kennen mich noch nicht!«

»Handeln Sie nach Ihrer Einsicht und nach Ihrem Willen, Graham, mir aber erlauben Sie, unterdessen zu tun, was ich zu tun für gut halte.«

Aufgeregt und zu einem kühnen Schritte entschlossen, wie ein stilles, aber festes Gemüt es immer ist, wenn es zu einer entscheidenden Handlung gereizt wird, ging der Pfarrer, sich in sein priesterliches Gewand zu kleiden, um seinem Vorhaben eine Feierlichkeit zu geben, die es nachdrücklicher machen sollte. Unterdessen schickte ich den alten Bob mit einem Pony zu Phillipps und ließ ihm sagen, von der nächsten Post sogleich einen bequemen, mit vier Pferden bespannten Wagen nach meiner Wohnung bei der Försterswitwe zu befördern, wo er auch selbst auf meine Befehle warten solle.

Als ich dieses eingeleitet hatte, kam der Pfarrer angekleidet zurück.

»Es ist noch zu früh«, sagte ich zu ihm, »Sie werden nicht eingelassen werden.«

»Für die Botschaft eines Dieners der Kirche und für die, welche ich bringe, ist es nie zu früh. Auch ließ er mich neulich um dieselbe Stunde rufen, denn Seine Herrlichkeit hat schlaflose Nächte und sein Morgen bricht vor dem unsrigen an. Also lassen Sie mich auch muß ich hin, solange mein Blut warm und die Sache frisch in meinem Gedächtnis ist.«

»So gebe Ihnen Gott seinen Segen!« sagte ich und schüttelte ihm die Hand, aber ich hatte kein Vertrauen zu dem Gelingen seines Vorhabens, denn ich begann den eigentlichen Herd des Verderbens zu ahnen, welches über unseren Häuptern angebrochen war.

Er ging.

Ellinor aber, die aus ihrem ruhigen Schlummer vielleicht eben freudig erwachte, Ellinor, die nur an die achte Stunde des Morgens dachte, wo ihr Geliebter wieder bei ihr sein würde, und die vielleicht die Minuten zählte, bis die Uhr die Stunde schlug, wußte noch nicht, daß ich ihrer Erwartung zuvorgekommen, daß ihr Vater schon ihretwegen auf dem schweren Wege zum Herrenhause war und daß vielleicht noch dieser Tag ein Ereignis herbeiführen könnte, welches die Hoffnung ihres ganzen Lebens vernichtete. –

Endlich schlug es acht Uhr. Da sah ich sie vor die Tür treten und in die Richtung ausschauen, in welcher ich ihr gestern entschwunden war und heute zurückkehren sollte. Elastischen, munteren Schrittes betrat sie den von lindem Tau betropften Wald – sie kam an den Baum, wo Bravour die Nacht zugebracht hatte, und blieb eine Weile unschlüssig, wahrscheinlich im Angesicht der Spuren, die sein ungeduldiger Huf zurückgelassen, verwundert stehen– dann aber ging sie wieder weiter, sorglos, froh, erwartungsvoll. –

In ihre Betrachtung verloren, vergaß ich sogar die Gefahr, die ihr abermals im Walde drohen konnte, aber ich überwachte mit meinem Auge jedes Gebüsch und jeden Pfad – da rannte der Hund, welcher Bravour nach seiner Gewohnheit zuerst in den Stall gefolgt war, ihrer Spur nach – ich hörte ihren freudigen Ruf und den Hund sein gewöhnliches Freudengeheul ausstoßen – jetzt, dachte ich, ist sie sicher, und meine Gedanken flogen wieder zu ihrem Vater zurück, den ich mit Ungeduld erwartete, bevor ich sie grüßen wollte, aber – wo bleibt er?

Ich sollte nicht lange mehr warten; er kam – aber wie kam er! Blaß, verstört, leidenschaftlich – er, der sonst so ruhige, besonnene, unerschütterliche Mann. In demselben Augenblick stürzte Ellinor herein.

»Um Gotteswillen! Was gibt es?« rief sie. »Du schon hier, Percy, und ich weiß es nicht, und du, mein Vater im Ornat – ich bitte euch – o, sagt mir, was gibt es?«

»Ruhig, Kind!« sprach der Vater feierlich ernst, obgleich mit bebender Stimme. »Mische dich jetzt nicht in unsere Angelegenheiten. Du kannst hier nichts tun, du bist uns im Wege – geh und überlaß Männern die Sorge um dich!«

Das Mädchen hing erschrocken an meinem Arm, so hatte sie ihren Vater nie sprechen hören – sie sah mich flehend an.

»Geh auf dein Zimmer, teure Ellinor«, redete ich sie an, »der Vater hat Recht. Es hat sich etwas Ernsthaftes zugetragen, was von Folgen sein kann. Du sollst es zuerst von mir erfahren – jetzt aber tu mir die Liebe und geh auf dein Zimmer, bis wir zu dir kommen.«

Das Mädchen ging, ohne ein Wort zu sprechen, sie sah sich nicht einmal mehr nach mir um.

Kaum aber war die Tür hinter ihr ins Schloß gedrückt, so trat der Pfarrer auf mich zu. Er hatte seinen Talar abgeworfen, sein kahler Scheitel war ohne sein gewöhnliches schwarzsamtnes Käppchen und in seinen Mienen lag ein unendlicher Schmerz, aber Mut, Vertrauen, Fassung und Seelenstärke thronten auf seiner hohen gedankenschweren Stirn. Meine beiden Hände ergreifend, rief er:

»Percy, mein Sohn! Es ist Alles vorbei – die Mühe war vergebens.«

»Ha! Alles, sagen Sie? Was hat er gesagt?« »Fordere nicht zu hören, was geschah. Begnüge dich zu wissen, daß du und meine Tochter und ich selbst beschimpft – ja, beschimpft wurden. Und nun laß uns die Anstalten treffen, dieses Haus und diese Gegend zu verlassen, die mir bis heute so lieb, wert und teuer waren – denn es besteht zwischen deinem Vater und mir fernerhin kein Verhältnis mehr. Arm, wie ich kam, gehe ich auch wieder fort. Was ich von seinem Gelde erworben – ich lasse ihm Alles zurück.«

Ich sah ihn teilnehmend, fragend, bittend an – es kam eine Träne in sein Auge, aber er zerdrückte sie standhaft.

»Es ist Alles–Alles vorbei!« wiederholte er. »Sieh mich nicht so forschend an – du darfst nicht mehr wissen, du kannst es dir aber denken. Und nun antworte mir: bist du noch entschlossen, des armen brotlosen Pfarrers beschimpfter Tochter, was du ihr gestern gelobtest, heute zu halten, ihr Beschützer und ihr Berater zu sein? Und bist du es bald zu sein entschlossen?«

»Jeden Augenblick!« erwiderte ich, »und lieber jetzt gleich als später.«

»So ist es gut! Meinen Segen wenigstens hast du und ich denke, ich werde auch, obgleich ich nur ein armer, ehrlicher Pfarrer bin, bei dem etwas gelten, zu dem Könige und Grafen und Herren um Erfüllung ihrer Wünsche flehen!«

Ich fühlte kalten Schweiß von meiner Stirn herabrinnen und zitterte.

»Hat er mir geflucht?« fragte ich leise und atemlos.

»Still, mein Sohn, ich habe dich gesegnet. – Nun aber laß mich einige Stunden allein; ich habe einige Briefe zu schreiben und noch mehreres zu bedenken – dann bin ich dein, dann euer, und, wenn ihr wollt, trennen wir uns fürs ganze Leben nicht mehr.«

Ich ging und begab mich zu Ellinor. Sie war vernünftig genug, nicht mehr wissen zu wollen, als was ich für gut fand ihr zu sagen sie war entschlossen, ja, mein Freund, entschlossen, noch an diesem Tage mein Weib zu werden. –

Nach zwei Stunden kam Mr. Graham in unser Zimmer und fragte, wann der bestellte Wagen an Ort und Stelle sein könne.

»Nachmittags vier Uhr!« sagte ich.

»Gut«, erwiderte er, »so sei es! Nimm Abschied Ellinor, von deinem kleinen Besitztum und belaste dich nur mit dem, was dir das Liebste und Notwendigste ist. Das Übrige bleibt denen, die es uns gaben, doch wird es Niemand antasten.«

»Und wann brechen wir auf?« fragte Ellinor. »Eure Mienen sind so entsetzlich verstört, daß mich ein Schauer überläuft, wenn ich sie sehe. Ich fühle, daß unsere Heimat hier nicht mehr ist – laß uns eilen, uns eine andere zu suchen.«

»Ich denke, nach dem Essen ziehen wir fort«, sagte ihr Vater, »es wird unsere letzte Mahlzeit in diesem Hause sein.«

Mittags zwölf Uhr kehrte Bob zurück, nachdem er meinen Auftrag an Phillipps ausgerichtet. Wir nahmen stillschweigend unsere Mahlzeit ein – dann rüsteten wir uns. Zurück blieb nur eine Magd, die zum Herrenhause gehörte und beim Pfarrer in Diensten gewesen war. Das wenige Gerät, die Leibwäsche und die Kleidungsstücke, die mitgenommen werden sollten, wurden auf ein Pony gelegt. Als ich Ellinor auf das kleine Pferd hob, lächelte sie mich unter Tränen an, mit diesem süßesten Lächeln in der Welt, denn es ist, wie wenn die Sonne unter einer schwarzen Wolke freudig hervorblickt.

Mein Pferd führte Bob; der Pfarrer und ich schritten zu Fuß mit Othello nebenher.

Schweigend verließen wir den schattigen, mit grünem, weichem Rasen belegten Vorplatz – keiner sah den Andern an, der eigene Schmerz war groß genug, um ihn nicht noch durch die Traurigkeit des Andern zu vermehren. Dreihundert Schritte mochten wir gegangen sein, da hielten Alle unwillkürlich an, wendeten uns um und blickten auf das stille Heiligtum zurück, welches wir verließen und das uns nun kein Heiligtum mehr war.

Da lag das stille Häuschen – der breite blaue See – ach! der Himmel darüber war so hell und rein! – und der schweigende, geliebte grüne Wald – wir blickten uns an, wir drückten uns die Hände, aber nur unsere Herzen sprachen ihre Gefühle aus. Die Lippen blieben stumm. –

So wanderten wir Mittags zwei Uhr aus dem Pfarrhause und kamen gegen fünf Uhr Abends in der stillen Wohnung der Försterswitwe an.

Phillipps stand schon mit dem Wagen und den Pferden bereit.«


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