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13. Kapitel

Im Laufe dieses Tages, der für mich so unruhig begonnen, hatte ich nur eine fünf Minuten lange Gelegenheit, mit dem Viscount von Dunsdale zu sprechen, und diese fand sich wieder im Parke zur Zeit des allgemeinen Spazierganges. Den übrigen Teil des Tages konnte ich mich ihm unmöglich nähern, denn es war ihm für seine Laune oder für sein Bedürfnis – wenn er es so lieber wollte, hatte ja Mr. Elliotson gesagt – der gebräuchliche Zimmerarrest auferlegt worden.

In dieser kurzen Zeit unserer Unterredung nun ließ er kein Wort über seine Angelegenheit fallen, sondern beschäftigte sich allein mit der bedenklichen Lage, in welche durch sein Verschulden der gutmütige Chappert geraten war. Er gab mir mit kurzen Worten die nötige Anweisung, mit diesem Manne nach seiner Meinung zu verfahren, und schob mir ein zusammengefaltetes Papier in die Hand, die ich ihm bei unserer Trennung reichte.

Sobald ich ihn verlassen hatte, begab ich mich zu Chappert, den ich auf seinem Zimmer traurig und niedergeschlagen fand; denn der Direktor hatte ihm nicht allein einen harten Verweis angedeihen lassen, sondern ihm auch seinen bevorstehenden Abschied angekündigt.

Als ich eintrat, stand er sogleich auf und kam mir entgegen.

»Chappert«, sagte ich zu ihm, »Sie haben in dieser Nacht Jemandem einen Dienst geleistet, der Ihnen übel bekommen ist!«

»Ei, den Henker, Sir! was hat Mr. Sidney auch nötig, sein Zimmer zu verlassen – ich bin für meinen guten Willen streng genug bestraft worden!«

»Jawohl, Chappert! Und es tut demjenigen leid, der Ihnen die Veranlassung dazu gegeben hat.«

»Es hat von seiner Seite nichts zu sagen, Sir; ich habe den Mann lieb und würde vielleicht noch mehr für ihn getan haben, wenn er es verlangt hätte.«

»Nun, er verlangt jetzt nichts mehr von Ihnen für sich, im Gegenteil, er sendet mich Ihretwegen hierher, unter dem Versprechen von Ihrer Seite, daß Sie nichts über diesen Auftrag verlauten lassen.«

»Ah, Sir, wie werde ich! Ich habe auch meine Geheimnisse, die Niemand erfahren soll.«

»Gut! Und für die Unannehmlichkeit, die Ihnen durch ihn im Dienst widerfahren ist, schickt Mr. Sidney Ihnen diese Kleinigkeit«, und damit reichte ich ihm eine Zehnpfundnote hin, die ich für ihn empfangen hatte.

»Was denken Sie von mir, Sir!« fuhr der Mann auf. »Zehn Pfund wegen einer solchen Kleinigkeit – nein, nein, Sir! ich brauche nichts, und wenn ich Jemandem eine Gefälligkeit erweise, so tue ich es aus eigenem Antriebe und weil ich meine besonderen Gründe dazu habe, nie aber wegen des Geldes. Das ist wider den Dienst und mein Gewissen zugleich.«

»Gut!« sagte ich abermals und steckte die Banknote ein. »Wenn Sie das Geld jetzt nicht brauchen, so will es Ihnen aufbewahren. Fürs Zweite aber habe ich Ihnen noch etwas mitzuteilen, und das werden Sie mir hoffentlich nicht abschlagen.«

»Nun«, entgegnete der Mann mit gespannter Miene, »betrifft es auch noch Mr. Sidney?«

»Es betrifft ihn, ja! Und wenn ich mich nicht irre, so haben Sie eine Frau und drei Kinder?«

»Die habe ich – Gott sei Dank! ja!«

»Dann muß es Ihnen schmerzlich sein, Ihr Brot zu verlieren?«

»Nicht doch, Sir, ich glaube noch nicht daran. Die Direktion schickt nicht sogleich einen brauchbaren Menschen fort – sie haben eben keine große Wahl – und wenn sie es tut – gut! ich bin ohnedies der ewigen Quälerei müde!«

»Das ist mir Ihretwegen lieb. Aber für den Fall, daß Sie Ihren Dienst verlieren, habe ich Ihnen ein Anerbieten zu machen.«

»So sprechen Sie, Sir – ich höre.«

»Für den Fall also, daß Sie Ihren Dienst verlassen müssen und in keinen anderen zu treten gesonnen sind, habe ich hier diese Anweisung auf einen Notar in London in Händen, die bereit ist, aus meinem Besitz in den Ihrigen überzugehen, sobald Sie dies Haus verlassen. Sollte ich jedoch eher gehen als Sie, so erhalten Sie dieselbe bei meinem Abgange. Für den Fall aber, daß Sie einen anderen Dienst anzutreten gesonnen sind, habe ich die Vollmacht, Ihnen auch diesen vorzuschlagen, falls sich gewisse Dinge ändern und sie werden sich ändern!«

»Halt, Sir! Meinen Sie hiermit Mr. Sidney, den Irren von St James?«

»Fragen Sie nicht, ich habe keine Antwort darauf.«

»Gut, gut, Sir, ich verstehe! Aber wenn Sie auch nicht darüber reden wollen, so erlauben Sie doch wenigstens mir, da wir einmal davon sprechen und unter uns sind, eine Bemerkung über diesen – diesen ungewöhnlichen Herrn –«

»Und die wäre?« fragte ich, auf das Äußerste gespannt, zumal der Mann, der so zu mir sprach, mit einem außerordentlich klugen Blick mich zu durchforschen schien.

»Sie werden zwar lächeln«, fuhr er fort, »daß ich in diesem Punkte eine Meinung haben will – allein es schadet nicht, ich habe sie – so gut als die Herren Ärzte die ihrige haben.«

»Nun – nun? Sie machen mich neugierig!«

»Nun denn, gerade herausgesagt – glauben Sie in Wahrheit, Sir, daß dieser Mann, den sie den Irren von St. James nennen, als wenn er unter Allen der einzige Verrückte wäre – daß er, sage ich, wirklich verrückt ist?«

Ich schaute den Mann verwunderungsvoll an, der dies mit einer ungemein gutmütigen und zuversichtlichen Miene sprach.

»Ja, ja!« fuhr er fort, »Sie wundern sich, aber ich halte ihn gerade unter Allen für am wenigsten verrückt.«

»Und was berechtigt Sie zu dieser Meinung?«

»Ja, Sir, das ist schwer auseinanderzusetzen – ich bin kein Theoretiker, wie die Herren sagen – aber ich habe viele Jahre mit so vielen Wahnsinnigen zu tun gehabt, daß ich mir einen gewissen praktischen Blick in dem Punkte angeeignet habe.«

Ich war zwar anfangs sehr überrascht über diese merkwürdige und unerwartete Äußerung, aber in der Tat wunderte ich mich gar nicht darüber. Denn wie oft begegnet es uns im Leben, daß ein auf einer niedrigeren Stufe der Bildung stehender Mensch in manchen Verhältnissen einen richtigeren Takt verrät, als ein bei Weitem mehr gebildeter und klügerer. Sein Urteil ruht nicht auf Gründen, wenigstens nicht auf Gründen, deren er sich bewußt ist, es scheint vielmehr ein innerer instinktmäßiger Trieb zu sein, der ihn zur Erkenntnis treibt und namentlich häufig das Richtige treffen läßt, wenn, wie es hier der Fall war, einige Erfahrung mit im Spiele ist.

Mochte der Mann nun seine Weisheit leiten, woher er wollte, ich war befriedigt und erfreut über seinen Ausspruch, und indem ich ihm die Hand drückte, sagte ich:

»Behalten Sie das für sich, was Sie eben mir, mir allein gesagt haben. Ich wenigstens werde es Ihnen nicht vergessen und nur die Zukunft kann uns lehren, ob Sie Recht haben oder nicht.«

»Und was glauben Sie?« fragte er mit einer schlauen Miene.

»Nichts!« entgegnete ich. »Tun Sie Ihre Menschenpflicht und behalten Sie die beste Meinung von Mr. Sidney!«

»Aha, Sir! Wir verstehen uns! Und mein Wort als das eines ehrlichen Mannes darauf – ich werde die beste Meinung von ihm behalten und hoffe, es ihm noch einmal zu beweisen. Übrigens danke ich ihm für seine gute Absicht, mich zu belohnen, und ich bitte Sie, ihm dies mitzuteilen.«

»Das werde ich – adieu!«

»Leben Sie wohl!«

Ich ging und war endlich allein, um über die Mitteilungen nachzudenken, die mir in der verflossenen Nacht gemacht worden waren Diese schauerliche Kette böswilliger Handlungen, noch dazu von einem Vater gegen seinen Sohn und von einem Bruder gegen seinen Bruder geübt, empörte mein Gefühl und übertraf Alles, was ich dergleichen je gehört hatte, an Abscheulichkeit und Ruchlosigkeit.

Somit war denn zwischen jenem unglücklichen und für wahnsinnig gehaltenen Manne, der mir vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an soviel Teilnahme eingeflößt, und mir kein Geheimnis mehr – das Rätsel war gelöst! Erklärt war jener sympathische Zug meines Herzens und die vor meiner Seele dunkel schwebende Ahnung gelichtet. Die Schranke der Zurückhaltung war übersprungen, ich war ihm kein Fremder mehr, ich war der Einzige in diesem großen Hause, der ihn nebst Chappert richtig erkannt hatte und in das Unglück seines Lebens eingeweiht war. Ja! das Unglück verbindet schnell zwei sich erkennende Seelen, das fühlte ich diesmal deutlicher denn je, und ich faßte den unwiderruflichen Entschluß, er solle mich nicht vergeblich unter so Vielen ausgesucht haben, ich wolle ihm beweisen, daß ich ein Mensch sei, wie er ihn so lange vermißt hatte und wie er ihn gerade jetzt am meisten bedurfte.

Im Stillen ging ich nun die einzelnen Hauptpunkte seiner Erzählung noch einmal durch, und je genauer ich sie prüfte, umso größere Neigung empfand ich, die Entwicklung dieses schauerlichen Dramas zu Gunsten dessen, der die erste Rolle darin spielte, herbeigeführt zu sehen, ja, umso begieriger wurde ich, selbst mit Hand ans Werk zu legen und ihm, wie und wo ich nur konnte, in Befreiung aus seiner Haft und in Erlangung seiner Rechte beizustehen.

So kam es denn, daß ich, in der Frische und Lebendigkeit meiner Empfindungen, schon allerlei Pläne faßte und wieder verwarf, bis endlich ein Gedanke in meiner Seele haften blieb, den ich, falls Percy nichts dagegen hatte, so bald wie möglich auszuführen fest entschlossen war.

Es erwachte plötzlich all meine jugendliche Abenteuerlust in mir – ich sah mich mitten im Gewirre verschlungener menschlicher Handlungen – was konnte es Schöneres und Ermutigenderes für eine Gefahr und Aufregung liebende Natur geben, als Fesseln zu brechen, wo sie gegen Recht und Gerechtigkeit getragen wurden, und Ordnung und Eintracht herzustellen, wo die Gewalt und die kriechende Bosheit tyrannisch alle Bande der Natur zerrissen und mit Füßen getreten hatten?

Späterhin wiederum, in sanfteren Augenblicken, wie sie uns überkommen, wenn wir die Vorfälle des Tages in ruhigem Geleise an uns vorüberziehen lassen, entwickelte ich einen geebneteren Plan. Ich dachte daran, meine Ansicht der Sache dem Direktor selbst vorzulegen, ihn zum Vertrauten unseres Geheimnisses und es ihm so zur Pflicht zu machen, eigenhändig zur Befreiung des schändlicherweise Eingekerkerten und Verratenen mitzuwirken.

Welcher Weg von beiden nun zu beschreiten sei, wollte und mußte ich natürlich dem überlassen, dem einzig und allein die Entscheidung hierüber zustand – ich für meine Person war jeglichen zu betreten entschlossen; ich wollte jeden seiner Vorsätze ausführen und, wenn der eine mißlang, unermüdet und ohne Säumen mich dem anderen hingeben, und sollte selbst eine gewaltsame Flucht aus dem Irrenhause unsere letzte Zuflucht sein.

In letzterer Hinsicht jedoch wollte ich vorsichtiger und minder waghalsig zu Werke gehen. Es gab hier einen Punkt, der mir heilig war und den ich sowenig wie möglich verletzen durfte – es war dies das Verhältnis, in welchem ich zum Direktor, weniger zu den Ärzten der Anstalt stand. Mr. Elliotson hatte mich mit Gastfreundschaft aufgenommen und behandelt – ich durfte nicht undankbar gegen ihn sein. Wenn es mir daher gelang, die Flucht des Irren von St. James im Stillen zu begünstigen und mir so den Vorwurf zu ersparen, undankbar und hinterlistig zugleich gewesen zu sein, und erst später, wenn Percys Flucht gerechtfertigt war, meine Teilnahme daran darzutun und des Direktors Verzeihung gewiß zu sein, dann war Alles geschehen, was wir Beide zu unserem Vorteil nur wünschen konnten.

Indem ich aber die Flucht als vielleicht unabweislich vor Augen behielt, sah ich bald ein, daß der mehrfach erwähnte Chappert uns von wesentlichem Nutzen sein konnte; ich beschloß daher, diesen Mann, der übrigens, von seinen Vorgesetzten begnadigt, bald wieder seinen gewohnten Dienst antrat, nicht aus den Augen zu lassen und von Zeit zu Zeit seine Meinungen und Gesinnungen in Bezug auf unseren Freund genügend zu prüfen.

Da mir nun kein anderer Zweck hierbei vorschwebte, als ein unschuldiges Opfer den Händen der Gewalt und des Irrtums zu entreißen, so gestattete mir mein Gewissen gern diese Untersuchungen, ich konnte sie verantworten, und selbst vor den höchsten Richterstuhl gezogen, sie nachdrücklich und mit aller Kraft meines Herzens und meiner Überzeugung verteidigen.

Doch bevor wir uns zu irgendeiner entscheidenden Handlung entschließen konnten, sie mochte sein, welche sie wollte, mußten wir erst das Wiedereintreffen des Krämers Phillipps erwarten, denn er war derjenige, welcher von allen uns notwendig zu wissenden Verhältnissen außerhalb des Irrenhauses besser unterrichtet sein konnte als irgendein Anderer. Ihm war vielleicht der gegenwärtige Aufenthalt des Marquis von Seymour bekannt, es war sogar nicht unmöglich, daß er auf seinen letzten Wanderungen etwas Wichtiges und für seinen Herrn Unschätzbares in Bezug auf Ellinor und ihren Vater erfahren hatte.

Die Unterredung, die ich über alle diese Gegenstände mit Mr. Sidney hatte, fand am nächsten Tage im Park während der Turnübungen statt, wo wir den Aufpassern einige Minuten abgewannen, um nur wenigstens über einzelne Hauptpunkte uns gegenseitig aufzuklären. Aber am zweiten Abend nach diesem Tage gelang es, uns vollständig zu verständigen, indem die Zimmerhaft meines Freundes beendet und ihm die Erlaubnis zuteil geworden war, mit der gewöhnlichen Begleitung, unter welcher sich diesmal wieder Chappert befand, ein Stündchen spazieren zu gehen Ja, dieser war es selbst, der, durch das Billardzimmer kommend, in welchem ich mich zufällig befand, zur mir sagte:

»Mr. Sidney läßt um Ihre Gesellschaft im Park bitten, Sir – er darf spazieren gehen – Sie werden ihn in der Nähe der großen Bank treffen.«

»Ach, Mylord!« sagte ich leise, als ich dicht bei ihm war, aber er unterbrach mich sogleich, indem er meinen Arm leise berührte:

»Freund meines Herzens, Sie einziger Vertrauter meiner Seele beabsichtigen Sie nie wieder, wir mögen sein, wo wir wollen, mich mit dieser Anrede zu kränken, für Sie bin und heiße ich Percy oder – Sie wissen ja – Sidney.«

»Ich verstehe, also, wenn Sie es lieber wollen – Percy.«

»Sagen Sie Sidney, Sidney – Sie könnten sich einmal versprechen.«

»Gut! Also Mr. Sidney, wie freue ich mich, endlich ein ernstes Wort ungestört mit Ihnen wechseln zu können – ich habe nicht nötig, Ihnen die Versicherung meiner ungeteiltesten Freundschaft zu geben.«

»Lassen Sie es gut sein, ich glaube Ihnen ohne Worte; wir haben jetzt wichtigere Dinge zu beraten. Was wollten Sie sagen?«

»Ja, ich habe Vieles auf dem Herzen für Sie.«

»Und ich auch für Sie! Ich bin fleißig gewesen, und wenn wir künftig soviel handeln, wie wir jetzt erdenken und entwerfen, und nur die Hälfte davon in der Ausführung glückt, so dürfen wir zufrieden sein. Aber sprechen Sie rasch, die Zeit ist kurz – was haben Sie mir zuerst mitzuteilen?«

»Mein erster Vorschlag ist der«, sagte ich, »den Direktor ins Vertrauen zu ziehen und so vielleicht in Güte zu erreichen –«

»Nichts, nichts davon!« warf er mir fast heftig ein. »Keine Vertrauten mehr und gegen Niemanden von diesen hier. Meine Geduld ist erschöpft; ich muß endlich handeln. Von ihrer Überzeugung ist nichts mehr zu erwarten; und selbst, gelänge es Ihnen, sie zu überzeugen – es käme zu spät, viel zu spät! Vergessen Sie nie, daß ich vier – vier ganze Jahre als Verrückter eingeschlossen und behandelt worden bin und daß ich, sobald ich meine Freiheit wiedererlangt habe, alle Geistes- und Leibeskräfte, welche mir die Natur verliehen, anzuwenden gezwungen bin, die unerhörten, mir widerfahrenen Leiden und die ganz zu vertilgende Schmach an denen zu vergelten, welche mir dieselbe bereitet haben. Ich bin durch die Not behutsam und vorsichtig geworden und ich werde Mittel und Wege finden, mich künftig vor allem Hinterhalte und vor jeder Betrügerei sicherzustellen. Also sparen Sie sich die unnütze Mühe, jene Herren überzeugen zu wollen – und wie? wenn Ihnen dies nicht gelänge? Was glauben Sie, was man mit Ihnen tun würde?«

»Bei Gott! Man würde mich nicht einsperren und unter ein Spritzbad bringen.«

»Nein, das zwar nicht; aber man würde Ihnen ein anständiges Geleit und ein freundschaftliches Wort mit auf den Weg geben und Sie ganz sicher über die Grenze des Hauses bringen. Verlassen Sie sich darauf, man macht hier kurzen Prozeß und Sie wären hier nicht der erste Rebell gegen die öffentliche Ordnung, dessen man sich auf schlaue Weise zu entledigen verstände. Und mir würde es dann nur umso schlimmer ergehen. Außerdem aber ist es mein sehnlichster Wunsch, Niemanden mehr in meine Angelegenheiten schauen zu lassen: das Geheimnis ist ein trauriges Familiengeheimnis, und wenn man es auch beklagen muß, so darf man es doch nicht preisgeben.«

»Ich bin ganz geneigt, nach Ihren Wünschen zu handeln«, antwortete ich, »doch glaubte ich, Ihnen wenigstens alle Vorschläge machen zu müssen, die ich durchgedacht habe.«

»Ich bin auch ganz zufrieden damit, und es nützt uns. Denn indem wir uns über Alles aussprechen, wird uns umso deutlicher, was wir unterlassen und was wir tun müssen, um unser Ziel zu erreichen. – Was haben Sie mir ferner vorzuschlagen?«

»Sie haben mich«, fuhr ich fort, »ehe Sie ihre Erzählung begannen, aufgefordert, Richter über Sie und Ihre ferneren Handlungen zu sein. Ich finde, Sie sind entschlossen, als Mann die Ihnen widerfahrene Schmach zu rächen, und ich kann Ihnen darin nur vollkommen beistimmen. Denn Sie haben die ganze Welt und deren günstiges Urteil auf Ihrer Seite, und es wird genug unbescholtene Richter in England geben, die Ihre Sache mit Leichtigkeit, ja mit Freuden, sowohl zu ihrem eigenen Ruhme wie auch zu Ihrem Besten führen werden, vorausgesetzt, daß Sie von ihrem angenommenen Wahnsinne freigesprochen und der Viscount von Dunsdale, nicht aber mehr Mr. Sidney in St. James sind. Bevor Sie jedoch auf die kürzeste Verfolgung Ihrer nächsten Zwecke sinnen, ja bevor Sie an die schwierige Flucht aus St. James denken, ist –meiner Ansicht nach – noch ein einziges Mittel übrig, diese Flucht unnötig und Ihr gewaltsames Einschreiten in die angemaßten Rechte Anderer weniger notwendig zu machen. Ihr Austritt aus dem Irrenhause wird auf diese Weise ein gesetzlicher, wenn auch die hiesigen Beamten Sie nicht als den gesetzwidrig und irrtümlich eingesperrten Viscount von Dunsdale, sondern als den geheilten Mr. Sidney betrachten.«

»Ha! Ich bin neugierig auf dieses vortreffliche Mittel – auch ich habe an ein solches letztes Mittel gedacht, aber ich wage es kaum gegen Sie auszusprechen.«

»Und warum wagen Sie es nicht?«

»Weil die ganze Last der Ausführung desselben auf Sie allein fallen würde, weil nur Sie allein diesen Weg der Güte einschlagen und mich vor Gewalttat und Veröffentlichung meines ganzen Geheimnisses retten könnten.«

»Wenn es nur das ist«, erwiderte ich freudig, »so sagen Sie schnell Alles. Ich fange an zu begreifen, daß die Mittel, die wir ersonnen, sich sehr ähnlich sehen. Und was meine Bereitwilligkeit, dieselben auszuführen, betrifft, so seien Sie versichert, daß ich die ganze Sache nicht als die Ihrige, sondern als die meinige betrachten und also keine Mühe, keine Gefahr scheuen werde. Ihnen dienstbar und von Vorteil zu sein.«

»So habe ich mich denn in gar nichts in Ihnen geirrt, teuerster Freund! Empfangen Sie meinen innigsten Dank für Ihre Liebe, denn Sie haben einen großen Stein von meiner Brust gewälzt. So hören Sie denn diesen meinen wohlerwogenen Vorschlag. Und wenn Sie mich auch des Widerspruchs, vielleicht sogar einer Unmännlichkeit beschuldigen – denn die Urteile der Welt sind oft hart und grausam – ich kann nichts dafür, meine Natur ist zwar empört und entflammt, aber sie ist nicht aus Eisen und Stein geformt. Nein! ich kann das Gefühl, daß der Mann, der mich so erniedrigt und beschimpft, der mich fast vernichtet hat, mein Vater ist, nie ganz aus meinem Herzen reißen. Gebe es eine Möglichkeit, denselben seine unnatürliche Tat gegen mich einsehen und wieder gut machen zu lassen, freilich! dann könnte Alles in Ruhe und Frieden, nichts durch Gewalt und richterlichen Ausspruch beendet werden. Nur meinen Bruder würde – müßte ich züchtigen. Doch ich fürchte, daß diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich ist – allein, der Versuch muß gemacht werden – und da Sie es mir erlauben, so erfahren Sie denn, daß ich Sie ausersehen habe, diese höchst unwahrscheinliche Möglichkeit möglich, sogar wahrscheinlich zu machen.«

Er sah mich mit seinen großen, glänzenden Augen durchdringend an. Ich nickte bloß mit dem Kopfe, lächelte und sagte dann:

»So ist es! Wir sind auf verschiedenen Wegen zu demselben Ziele gelangt, wenn ich auch nicht diese Ihre Lobsprüche verdiene. Nur guter Wille ist mein Eigen, das Übrige teilen Viele mit mir. Aber fahren Sie fort.«

»Edler Mann! so gehen Sie denn zu meinem Vater, handeln Sie nach Ihrer Einsicht, Ihrer Überzeugung und Ihren Kräften. Ich werde Ihnen Vollmacht erteilen, Alles zu versuchen, was Sie für mich günstig oder wichtig erachten. Gehen Sie mit Gott auf Ihre beschwerliche, ja bedenkliche Reise und nehmen Sie das schöne Bewußtsein mit sich, das Edelste gewollt zu haben, was ein guter Mensch nur wollen kann – einen Vater und einen Sohn, die tödlich entzweit sind, auf milde Weise zu versöhnen und so das Einschreiten des unerbittlichen Gesetzes und die Handhabung der unnatürlichsten Gewalt unnötig gemacht zu haben. – Wie aber können Sie Ihre Abreise von St. James bewerkstelligen, da Sie Ihren Aufenthalt hierselbst noch auf längere Zeit bestimmt und öffentlich bekanntgemacht haben?«

»Dafür lassen Sie mich sorgen, ich habe auch das überlegt. Ich habe in London einen angesehenen Freund, den Gefährten und Liebling der Jugend- und Studienzeit meines Vaters, den berühmten Arzt Sir John ... Bei ihm war ich schon zweimal und zu ihm kehre ich noch einmal zurück, ehe ich England verlasse. Er ist es, an den ich sogleich mit der Bitte schreiben will, wichtiger Angelegenheiten wegen mich schnell von hier abzurufen, und zwar unter dem Versprechen, bald wieder hierher zurückkehren zu können. Die Erklärung dieser sonderbaren Bitte verspreche ich ihm mündlich zu geben, und daß er auf mein Gesuch eingeht, bin ich gewiß. Alsdann setze ich mich mit Phillipps, sobald ich ihn nur hier gesprochen habe, in Verbindung, und was ihm allein nicht gelungen ist, gelingt vielleicht den vereinten Bestrebungen zweier Menschen, die es ehrlich mit Ihnen meinen und mit Liebe und Lust an ihre Arbeit gehen. Denn Sie werden hoffentlich nichts dagegen haben, wenn ich ein doppeltes Ziel verfolge–die Versöhnung mit Ihrem Vater und die Auffindung Ihrer – Ellinor!«

Unaussprechliche Rührung und Freude bemächtigte sich bei diesen Worten Mr. Sidneys, kaum konnte der sonst so gefaßte Mann seine Gefühle beherrschen. Eine Träne lief wider seinen Willen über seine Wange und seine Lippen zuckten so schnell, daß ich fürchtete, das Übermaß seiner Freude werde ihn verraten.

»Ach!« sagte er mit seiner, wenn er wollte, so sanften und überredenden Stimme, »ach! Wann wird die Zeit kommen, wo ich Ihnen nicht allein mit dem Worte, sondern auch mit der Tat beweisen kann, wie unendlich ich Ihnen verpflichtet bin. Ja! Sie haben den besten, edelsten Teil meines Geistes, den Glauben an eine unwandelbare, ausgleichende Vorsehung wieder in meinem verödeten Herzen befestigt, der durch meiner nächsten Verwandten unnatürliche Tat gelockert worden war; Sie haben mir bewiesen, daß diese schöne Erde Menschen bewohnen, die es verdienen, ihre Geschenke zu genießen, und nun, nachdem Sie mir alles Dies, statt des irdischen Vaters den himmlischen und statt des Bruders den Freund gegeben haben, wollen Sie mich auch zu meiner Ellinor zurückführen – ach! Warum bin ich jetzt nicht schon Herr meiner selbst und meiner Handlungen, und warum liegt der Himmel noch so schwer auf mir, als wenn seines Gewitters Toben nur mich, mich allein verfolgen wollte!«

Es war dies die erste Klage, die ich aus seinem Munde hörte, und nur der Gedanke an die von ihm gerissene und vielleicht mißhandelte Ellinor konnte sie hervorgerufen haben; aber es war auch die letzte, die je über seine Lippen kam, denn die Schwäche zu klagen besaß dieser seltene Mann nicht – er konnte nur dulden und, wenn er genug und des Mannes würdig geduldet hatte – handeln.

»Gedenken Sie«, sagte ich, so überzeugend, so ernst, so prophetisch ich konnte, »gedenken Sie der Worte Mr. Grahams, des Pfarrers, als er Ihnen den See und den blauen Himmel darüber zeigte: dieser stille See wird einst die schwarzen Wolken des stürmenden Himmels abspiegeln – aber über Ihr Haupt wird Ihres Geschickes freundlichste Sonne Ihre Strahlen ausgießen!«

»Ja«, rief er, »ja so wird es sein! Mich beschleicht ein dunkles Vorgefühl – und das hat mich im Schmerze nie getäuscht, warum sollte es mich in der Freude täuschen – daß der Abend meines Elends gekommen und der Morgen meines Glückes bald anbrechen werde! Leben Sie wohl, da kommt Mr. Chappert und zeigt mir die Uhr. Er hat mich länger, als das Gesetz es erlaubt, spazieren gehen lassen – noch beherrscht mich die Stunde des Zwanges, aber er ist schon erträglich geworden; laut wird aber einst die Stunde der Freiheit ertönen, und dann – und dann – Guten Abend, Mr. Chappert! ja, ja – ich bin schon bereit – Leben Sie wohl, leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl!« rief ich ihm nach, und wir trennten uns.

Ich begab mich nach meinem Zimmer, schrieb meinen Brief an Sir lohn ... in London und sandte ihn am nächsten Tage, der ein Posttag war, unter der Adresse eines meiner vertrautesten Freunde, der bei der preußischen Gesandtschaft in London angestellt war, ab und bereitete mich nun im Stillen vor, nach Empfang der Antwort jeden Augenblick meine Reise antreten zu können.

Zwei Tage darauf saß ich Morgens an meinem Schreibtisch, als an meine Tür geklopft wurde. Auf meinen Ruf trat zu meiner größten Freude und Überraschung der sehnlichst erwartete Phillipps ein. Um seine Schulter hing sein Kästchen und deutete den Zweck an, den er auch bei mir zu verfolgen scheinen wollte.

Ich sprang auf und lief ihm rasch entgegen.

»Guten Morgen, Sir!« rief er, nachdem er einen schnellen Blick in meine Kammer geworfen hatte, »da sind wir ja beisammen doch vor allen Dingen, was macht er?«

»Alles gut, Alles in Ordnung!« sagte ich rasch und sah den treuen, braven Menschen jetzt mit ganz anderen Augen an als früher, wo ich ihn und seinen Charakter noch nicht im ganzen Umfange begriffen hatte.

Und das liegt in der Natur der Dinge, denn wir begegnen so oft fremden Menschen, die zwar durch ihre sprechende Physiognomie unsere Aufmerksamkeit erregen, aber in dem starken Strome der Welt rasch an unserem Sinne vorübergleiten, ohne etwas mehr als diese kurze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn wir bisweilen wüßten, welche Kleinodien sich in den Herzen dieser fremden Menschen verbergen, wir würden kaum so viel Zeit übrig haben, in ihren Zügen ihr Herz zu lesen, noch viel weniger aber, um genügend über das nachdenken zu können, was ihr Augenblick an Erinnerungen oder neuen Ideen in unserer Seele hervorruft.

So betrachtete ich jetzt den vor mir stehenden Mann mit anderen Gefühlen als früher. Freilich, nun, nachdem mir der Schlüssel gegeben, war es mir leichter, alle die Züge der Treue, der Anhänglichkeit und der Selbstaufopferung in den ernsten, mutigen und milden Linien seines Gesichtes wiederzufinden, welches mir ehedem bei oberflächlicher Beobachtung nur einen gutmütigen, zuverlässigen und biederen Charakter anzukündigen schien.

»Vollkommen in Ordnung, mein guter Phillipps, und was bringt Ihr uns für neue Nachricht?«

»Keine guten und keine schlimmen – das heißt soviel wie gar keine!«

Und hier erzählte er mir kurz seine Bemühungen und seine Forschungen, nannte die Orte, wo er vergeblich gewesen, die falschen Spuren, die ihn irregeführt, und endlich die Gegenden, in welche er sich nun abermals auf Wanderung begeben wolle.

»Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?« fragte er mich.

»Ich werde tun, was Ihr so lange getan habt und zu tun noch nicht müde seid – ich werde suchen und hoffentlich auch finden.«

»Finden, finden! Sir, das ist die Hauptsache – doch wann treffe ich Sie wieder und wo? Denken Sie sich bis dahin alles geläufig aus, ich kann nur ungefähr sechsunddreißig Stunden hier bleiben und augenblicklich muß ich Sie verlassen, denn man weiß, daß ich bei Ihnen bin.«

»Jeden Morgen um dieselbe Zeit werdet Ihr mich in meinem Zimmer finden. Also morgen – nicht?« Er nickte.

»Nun aber geht Ihr zu ihm, nicht wahr?«

»Zu ihm, ich verstehe. Sprechen Sie nicht das andere Wort wir kennen ihn Beide – haha! Mr. Sidney! Mr. Sidney! Aber wart! es soll bald anders kommen, und dann sollen Sie die Hüte von ihren Köpfen nehmen vor diesem Mr. Sidney – Mr. Sidney! Nicht?«

»Ja, ja, es soll anders kommen – es muß, so wahr ein Gott lebt!«

Er ging um seinen Herrn aufzusuchen, seinen Herrn, der es verdiente, einen solchen Diener zu besitzen, und der in bangem Hoffen gewiß schon die Minuten zählte, wieder ein treues Gesicht zu sehen und aus seinem Munde Worte zu vernehmen, die ihn an ein Glück erinnerten, welches längst schlafen gegangen war, jetzt aber wieder erwachen sollte.

 

Der nächste Morgen kam und mit ihm Mr. Phillipps, sein hölzernes Kästchen wieder auf dem Rücken. Wir hielten eine ziemlich lange und genaue Besprechung über Alles, was ein Jeder von uns zunächst zu tun hatte und wie er sich auf diese oder jene Weise sein Unternehmen erleichtern könne.

An demselben Tage, noch vor Phillipps Abreise, teilte ich Mr. Sidney, sobald ich ihn sprechen konnte, unsere Beschließungen mit, und ich hatte die Freude, ihn in allen Punkten unserer Meinung beitreten zu sehen; nur in Einzelheiten fügte er noch eine Bemerkung hinzu, vervollständigte, was wir seinem Urteil allein überlassen hatten, und versicherte uns seiner Zufriedenheit mit allen unseren Plänen.

Was zuerst Mr. Phillipps betraf, so wollte er diesmal einen seinen früheren vergeblichen Unternehmungen entgegengesetzten Weg einschlagen, während ich selbst eine Gegend besuchte, die von ihm weniger in Betracht gezogen war. Er ging nach dem Süden und ich vorläufig nach dem Norden Englands; doch hatten wir bestimmte Zeiten und Orte unter uns festgesetzt, um auf diese Weise leichter miteinander in schriftlicher Verbindung bleiben und den ganzen Gang unseres Unternehmens uns gegenseitig mitteilen zu können.

Was den Weg anbetraf, welchen ich wählen sollte, so war als mein nächstes Ziel Dunsdale-Castle festgestellt. Hier auf Percys Landsitz mußte natürlich wegen der langen Abwesenheit des Besitzers sowohl die größte Besorgnis um seine Person, wie auch die größte Verwirrung in Bezug auf die Verwaltung der vom Notar des Viscount in London und von den umliegenden Pächtern eingelaufenen Gelder herrschen. Was daselbst vorgegangen, auch was daselbst über ihn selbst bekannt geworden, hatte Percy bis zu diesen Augenblick keineswegs genau erfahren können. Phillipps war zwar einmal im Anfang seiner Reisen dort gewesen, allein, dem dortigen Verwalter in seiner vertrauten Stellung zum Viscount von Dunsdale unbekannt und mit keiner Legitimation desselben versehen, hatte er nur oberflächlich die Meinungen der umwohnenden Leute erfahren können, und dies war natürlich nicht hinreichend, dem täglich wachsenden Verlangen Percys Genüge zu leisten, zumal dieser selbst in früheren Zeiten, mehr mit sich und seinem trüben Geschick beschäftigt, um seine Glücksgüter ziemlich unbekümmert gewesen und ihm vierteljährlich eine für seine Bedürfnisse hinreichende Summe Geldes vom Direktor richtig ausgezahlt wurde.

Aber auch aus einem anderen Gesichtspunkte war mir Dunsdale-Castle wichtig erschienen. Denn ich dachte mir, Ellinor würde, falls sie mit ihrem Vater in der Lage sei, schreiben zu können, in Ungewißheit über Percys Aufenthalt, sich schriftlich an ihn gewendet und dann ohne Zweifel nach jenem Landsitze ihr Schreiben gerichtet haben. Wie wertvoll aber der Inhalt eines solchen Schreibens hinsichtlich ihres Auffindens für mich sein mußte, hatte Percy sogleich eingesehen und mir deshalb auch ein Legitimationsschreiben an seinen alten Haushofmeister zugestellt, worin derselbe aufgefordert ward, ohne Ausschluß alle Briefe und Nachrichten mich untersuchen zu lassen, welche überhaupt in seiner Abwesenheit eingelaufen waren. Denn diese Briefe, wenn überhaupt welche angekommen, mußten natürlich liegen geblieben sein, da Niemand des Viscount Aufenthaltsort kannte und jeden Augenblick eine Nachricht von ihm oder gar eine Rückkehr selbst erwartet werden konnte.

Von den in Dunsdale-Castle vorzufindenden Geldern hatte ich nun dem Eigentümer derselben auf mein Ehrenwort versprechen müssen, meine zu seinem Besten unternommenen Reisen zu bestreiten, auch sollte ich ihm bei meiner Rückkehr einen Teil derselben, in Papier umgesetzt, überbringen, denn vor allen Dingen mußten hinreichende Geldmittel vorhanden sein, um seinen heimlichen Austritt aus St. James erleichtern zu können.

So sehr ich mich auch anfangs gegen das erste Anliegen gesträubt hatte, so mußte ich späterhin doch der Notwendigkeit und Mr. Sidneys dringenden Bitten nachgeben, denn meine eigenen Mittel reichten wohl aus, meine Reise und meinen Aufenthalt in England bequem zu bestreiten, zu einer größeren Ausgabe aber, wie diese plötzlich unternommene Rundreise erforderte, war ich nicht vermögend genug.

Nachdem ich nun in Dunsdale-Castle alle möglichen Erkundigungen eingezogen und die vorliegenden Geschäfte im Namen des Besitzers vollendet und endlich nach dem alten Haushofmeister der gräflichen Besitzungen von dem Aufenthalte und der Rückkehr seines Herrn dasjenige mitgeteilt hatte, was ich den Umständen nach für das Zweckmäßigste würde erkannt haben, sollte ich meinen Weg nach dem Landsitze des Marquis von Seymour in Codrington fortsetzen und, wenn ich diesen daselbst fände, was nach Phillipps Aussage ziemlich unzweifelhaft war, meine Operationen mit Percys Vater selbst beginnen, mich jedoch nur an ihn allein, niemals aber an Sir Mortimer wenden, um, was ich mir als Hauptaufgabe gestellt und Percy selbst mit Hand und Mund gelobt hatte, ohne Aufenthalt in Ausführung zu bringen.

War der Erfolg ein glücklicher, wie wir Beide es hofften, so sollte ich unverweilt nach St. James zurückkehren und dann mit ihm gemeinschaftlich mich auf die Reise zur Auffindung Ellinors begeben.

Blieben meine Bemühungen aber fruchtlos, so sollte ich so schnell wie möglich, ohne irgendeinen Zeitverlust nach London gehen, mich direkt an den Notar des Viscount wenden und in Übereinstimmung mit Sir William Graham, dem Advokaten, die zweckdienlichsten gerichtlichen Schritte einleiten und Mr. Sidney in St. James durch Phillipps hiervon benachrichtigen lassen. Nur im äußersten Notfalle war ich entschlossen, an diesen selbst zu schreiben, und dann sollte der Brief ohne Namensunterschrift und Anrede und an die Adresse der Frau des Mr. Chappert abgefaßt und befördert werden.

Hätte ich den Prozeß glücklich eingeleitet und sähe ich die sich damit befassenden Personen zu Gunsten des Klägers gestimmt, so sollte ich ebenfalls nach St. James zurückkehren und in Gemeinschaft mit Phillipps und Chappert, welchen letzteren Percy bis dahin ganz zu gewinnen hoffte, die Flucht desselben erleichtern helfen.

Fand ich auf meinen Hin- und Herreisen Ellinor und ihren Vater, so sollte ich dieselben entweder nach London zu Sir William Graham oder nach Dunsdale-Castle begleiten, wohin sie nun zu gehen wünschten. Erhielte ich irgendeine Nachricht von ihrem Aufenthaltsorte, so sollte ich, von allen anderen Schritten einstweilen abstehend, ohne Rast ihre Spuren verfolgen, bis ich sie gefunden und in Sicherheit gebracht hätte.

Dies war ungefähr der Plan zu meiner Reise und meinen Unternehmungen. Man sieht daraus, daß ich Geschäfte genug übernommen und alle mögliche Aufmerksamkeit nötig hatte, ein günstiges Resultat zu erzielen.

Damit ich nun aber die lange und beschwerliche Reise nicht allein unternähme und den notwendigen Beistand eines dienstwilligen Begleiters entbehrte, hatte Mr. Sidney in Übereinstimmung mit Phillipps mir den Vorschlag gemacht, den ältesten Sohn des Letzteren zu meinem Diener zu nehmen, der gegenwärtig bei einem Landpfarrer in die Schule getan war, dessen Wohnung auf meinem Wege nach Dunsdale lag, von wo ich ihn bei meinem Vorüberkommen, falls ich ihn tauglich und bereitwillig fände, gleich mit mir nehmen konnte.

Phillipps war diesmal ohne seine Söhne erschienen, teils weil ihm die beiden Knaben bei seinen weiten Märschen beschwerlich waren, teils aber auch, weil er einsah, daß die Erziehung der Knaben bei seiner herumstreifenden Lebensart unmöglich gefördert werden könnte. An ihrer Statt hatte er sich nun, um seinen Karren zu ziehen, wie es in verschiedenen Gegenden Englands bei Leuten seines Gewerbes gebräuchlich ist, ein Paar große Doggen angeschafft, die stark und schnell genug waren, das Erforderliche mit Leichtigkeit zu leisten, ohne so viel Unbequemlichkeiten wie ein Pferd zu verursachen.


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