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17. Kapitel

Ich hatte ungefähr siebzig Meilen von Dunsdale-Castle bis Codrington-Hall vor mir, und diese beschloß ich, in drei Tagen zu machen, was keine große Anstrengung für unsere guten Pferde war. Der Weg führte anfangs durch einen Wald, der zwar nicht so schön wie der vor Dunsdale-Castle, aber doch schattig und angenehm genug sich erwies. Mit meinen Gedanken über die Lage der Dinge beschäftigt, hatte ich auf das Tun meines Begleiters weniger mein Augenmerk gerichtet, und erst als wir einige Meilen schweigend fortgeritten waren, blickte ich mich nach ihm um, weil es mir gerade einfiel, daß er nicht wie gewöhnlich an meiner Seite war.

»Wo bist du, Bob?« fragte ich den Knaben, der hinter mir ritt und von dem Frühstück aß, das er sich aus Dunsdale-Castle mitgenommen hatte.

»Ach, Sir!« rief er und trabte rasch an meine Seite, »ich wollte nicht stören, Sie schienen in Gedanken vertieft zu sein –«

»Es tut nichts, du kannst immer neben mir reiten – und iß nur weiter, schmeckt es dir?«

»Vortrefflich, Sir – Morgens immer am besten!«

»Nun, es fehlt dir Mittags und Abends auch nicht an Appetit.«

»O nein, Sir, aber es war auch eine schöne Küche, die da in Dunsdale-Castle; ich habe in meinem Leben so was nicht gegessen!«

»Du hast noch sehr Vieles nicht gegessen, was dir geboten werden wird –«

»Ja – hm! ich wäre gern noch ein paar Tage, den Sonntag wenigstens, dageblieben.«

»Du kannst umkehren und mir nach einigen Tagen nachkommen, wenn du willst – ich erlaube es dir.«

Der Knabe sah mich ernsthaft an, steckte sein Frühstück ein und erwiderte:

»Nicht doch, Sir! So habe ich es doch nicht gemeint – ich dachte nur, es wäre schön, solch ein Leben zu führen, wie der alte Herr Haushofmeister führt –«

»Hm! den Wunsch könntest du noch einmal in deinem Leben in Erfüllung gehen sehen!« sagte ich, in der Meinung, Bob aufzumuntern, der durch meine vorherige, etwas hastige Anrede verlegen schien.

»Schon recht! Das wäre gerade, was ich mir wünschte Sir – die Stelle möchte ich haben!«

Ich dachte einige Augenblicke nach und wiederholte dann: »Der Wunsch ist so übel nicht und kann wohl einmal in Erfüllung gehen.«

»Ja, ja«, fuhr ich fort, als er ungläubig lächelte, »deinem Vater wenigstens ist die Stelle gewiß genug, und du bist ja jünger als er und sein nächster Erbe.«

»Dann muß aber erst Mylord Percy wieder dort sein!«

»Hm«, dachte ich, »der Junge hat recht! Das ist die Sache!«

Und wir ritten wieder eine Weile, ohne zu sprechen, weiter.

Der Morgen war schon warm, der Mittag wurde heiß, und wir ruhten in der größten Hitze zwei Stunden länger als gewöhnlich. Gegen Abend erreichten wir die Grenze der Herrschaft Dunsdale und am nächsten Morgen befanden wir uns in einer Gegend, die zwar kaum weniger fruchtbar war, aber doch ein ganz anderes Gepräge trug. Graugrüne Fichten bedeckten meilenweit den Boden, dann kam niedriger Anbau, dann Schonung, dann wieder Fichtenwald, Heidekraut und endlich ein tiefer Moorgrund.

»Es ist doch nirgends so schön wie in der Grafschaft Dunsdale, Sir! Ach! der große, schöne Eichenwald und der Rasenteppich darunter – wenn wir doch erst wieder zurückkönnten!«

»Die Welt ist groß, Bob, und viele Gegenden sind noch schöner als die um Dunsdale. Dennoch ist es ganz vortrefflich dort, und ich bliebe auch gern, wo es mir gefällt; jetzt aber haben wir Geschäfte vor uns und reiten ohne Rückblick weiter – morgen bist du schon bei deiner Tante Ursula.«

»Ha, Tante Ursula! was wird sie sagen, wenn ich zu Pferd vor ihr Haus komme!«

»Ja, und wie wird sie sich freuen, Bob! Wie lange hast du sie nicht gesehen?«

»Seit drei Monaten nicht, Sir.«

»Seit drei Monaten nicht!« dachte ich, »und der Knabe fühlt schon wieder Sehnsucht nach der Heimat und seinen Lieben. Percy hat mehr verlassen müssen als er und ist schon vier Jahre fort, und wo?«

Und wir ritten weiter, bis der Abend kam und das zweite Nachtquartier uns aufnahm.

Der dritte Morgen fand uns früh wieder reisefertig. Bobs Herz klopfte vor Freuden, das meine vor Erwartung. Ich sollte Codrington-Hall sehen, Mr. Grahams Wohnung am See sehen und – Mylord Seymour kennenlernen. Süßes und Bitteres wogte durch meine Brust, und in der Ungeduld meiner Erwartung trabte ich schneller als gewöhnlich fort. –

Es war Nachmittag, wir erreichten wieder ein grünes Laubgehölz, welches von mehreren Wegen durchschnitten war. Je weiter wir kamen, umso stiller wurden ich und Bob, obwohl Jeder aus verschiedenen Gründen. Der Knabe wandte sein Auge rechts und links, plötzlich aber hielt er sein Pferd an, ergriff meinen Arm und rief aus voller Brust:

»Da – hier, halt, Sir! – da sind die beiden Wege endlich, die wohlbekannten – dieser zur Rechten führt zu meiner Tante Haus, dieser zur Linken nach Codrington-Hall, gerade auf Mr. Grahams Haus los. Sie können es nicht verfehlen, Sir!«

Ich merkte, was der Knabe damit sagen wollte. Ich hielt still und sah mich um.

»Es ist gut, Bob«, sprach ich mit einer eigentümlichen Beklemmung, »geh zu deiner Tante, grüße sie von mir und freue dich des Glücks, sie wiederzusehen. Wenn du dich aber satt erzählt hast, so komm morgen früh nach Codrington-Hall, wo ich die Nacht zu bleiben gedenke. Pflege aber dein Pferd gut, und nun lebe wohl – auf Wiederseh'n!«

Der Knabe nahm sein samtnes Mützchen ab, verbeugte sich auf dem Pferde und sagte:

»Auf gut Glück, Sir! und grüßen Sie den schwarzen Mann Seymour von seinem besten Kaninchenjäger. Adieu, Adieu!«

Dies mit lächelnder Miene rufend, die aber unendlich kindlich und gutmütig war, gab er seinem kleinen Fuchswallach die Sporen und jagte mit verhängtem Zügel der Wohnung seiner Tante zu, denn er mußte ja ritterlich und stattlich wie ein Herr vor ihr erscheinen!

Ich hielt still, bis ich ihn aus den Augen verloren hatte, dann ritt ich, ohne mich um irgendetwas außer mir zu kümmern, langsam weiter.

Ich war wieder allein mit meinen Gedanken, und diese Gedanken erfaßten mich mit der Gewalt, welche überhaupt ein tiefer, schwerer Gedanke haben kann, wenn er das Gehirn eines ihm unterworfenen Menschen gänzlich eingenommen hat.

Ich war also in der Nähe der Stätte, die so süße und so schreckliche Dinge gesehen hatte! Wie würde ich sie finden – was würde sie zu mir sagen? Denn auch leblose Gegenstände, um die der Sturm des Lebens gesaust oder auf welche die Sonne des Glückes geschienen, haben ihre eigene Sprache, und diese Sprache tönt um so lauter und verständlicher, da sie nicht zu unserem Ohre, sondern zugleich zu unserem Herzen und zu unseren Augen spricht.

Aus dem träumerischen Zustande, in den ich mich bei Annäherung an Mr. Grahams Haus versetzt fühlte, wurde ich durch das sonderbare Benehmen meines Pferdes allmählich geweckt, das ich anfangs nicht beachtete und erst dann gewahr wurde, als die Wirkung eine körperlich fühlbare für mich geworden war.

Allmählich war das Tier aus seinem ruhigen Schritte in einen kurzen Trab gefallen, hatte die Ohren erhoben, schnupperte mit der Nase herum, und endlich wieherte es, mit einem freudig-stolzen und wiederholten Schwenken des Kopfes, laut. Ohne daß ich irgendetwas dazu tat, fiel es in einen sanften Galopp, der bald so ungestüm und reißend wurde, daß ich kaum sein Feuer zu zügeln vermochte. Ich blickte um mich her, um zu erspähen, ob irgendetwas vorhanden sei, was das Pferd dergestalt aufregen könne, aber es war nichts zu bemerken.

Da wurde es mir plötzlich klar – sollte es wohl der Instinkt des Tieres sein? Sollten es die früher gesehenen und wohlbekannten Wege sein, die es durch seine Witterung wahrnahm oder die in seinem Gedächtnis wie eine freundliche Erinnerung wieder auftauchten? Ja, es konnte nichts Anderes sein, Bravour erkannte die Wege und das Ziel wieder, wohin sie führten, und um bald das Ende seiner Reise zu erreichen, fiel er in ein rasches Tempo seines Laufes und begrüßte die bekannten Gegenden durch sein Wiehern!

»Aha!« dachte ich, »Bravour weiß, wohin er geht, er hat diesen Weg oft gemacht, er kennt ihn besser als ich – vorwärts, guter Freund!« und ihm die volle Freiheit gebend, sauste er mit mir unter den Bäumen und durch das Gesträuch dahin, daß es ringsherum krachte und rauschte und der schwarze Moorgrund hinter mir aufflog.

Da ich seinen sicheren Tritt, selbst beim flüchtigsten Laufe, kannte, war ich unbesorgt – rasch ging es vorwärts, der Renner schnaubte und flog dahin, daß ich mir den Hut halten mußte siehe! da kam ein Graben, mit einem gewaltigen Satze wurde er übersprungen – ach! es war jener Grenzgraben, über den er auch Percy so oft in glücklicheren Tagen getragen – noch einige Sekunden, und er stand schnaubend still und wieherte laut vor der verschlossenen Tür eines altersgrauen Gemäuers, das zwei runde und mit grünem, uraltem Moose bedeckte Türme zu jeder Seite einschlossen.

Aber kein Ruf, keine bewillkommnende Stimme beantwortete den freudigen Gruß Bravours.

Ich sprang ab und ließ die Zügel des Rosses fahren.

Ich klopfte an die verschlossenen Fensterläden – Alles war still wie in tiefster Nacht. Ja, als wenn der sonst so lebendige Wald um das Haus herum mittrauere, war auch in ihm Alles ruhig und schweigsam. Kein Vogel zwitscherte, kein Blättchen rührte sich, es lag eine so vollkommene Öde über dem verlassenen Hause, daß ich vor dieser Einsamkeit schauderte, die mir in meinen Phantasien so belebt vorgekommen war.

Ja, wir finden die Räume, die mit unseren Idealen bevölkert sind, immer anders, als wir sie uns vorgestellt haben! Selten schöner, lebendiger, ermutigender – viel häufiger beschränkter, öder, verlassener!

Eine unendlich melancholische Stimmung erfaßte mich und bewältigte mich fast ganz – das Haus mit seinen verödeten Türen und seinen verschlossenen Fenstern kam mir vor wie der Leichnam eines eben entschlafenen teuren Menschen, dessen Augen zugedrückt sind und die, von ewiger Nacht befangen, nie mehr dem lieblichen Tageslichte erschlossen werden sollten!

Mußte – konnte es für ewig sein? flüsterte eine traurige Stimme in der Tiefe meiner Brust.

Ich antwortete nichts – ich hörte nichts als das laute Atmen und das abgebrochene Schnuppern meines Pferdes, das an den Ritzen der Tür herumsuchte, aus welcher ihm früher vielleicht oft eine süße Hand einen Leckerbissen dargeboten und seinen schlanken Hals liebkost hatte.

Ich wandte mich rechts – ach! da lag der stille, blaue See, weithin sich dehnend, klar, ruhig, wie die Seele eines schlummernden Kindes! Keine einzige rauschende Welle trug ihren Schaum an das moosige Ufer, kein einziges Lüftchen kräuselte seinen wie tot daliegenden, nur im Sonnenschein glänzenden Spiegel!

Unwillkürlich erhob ich meine Augen zum Himmel. Ach, auch er war so klein und rein und durchsichtig wie ein geschliffener Kristall! Ich schaute nach allen vier Richtungen – kein flimmerndes Wölkchen war an ihm zu sehen, so weit und hoch er sich auch dehnte. Percy! rief ich, ohne daß ich es wußte, laut aus, dein Geschick ist noch nicht erfüllt – Wolken und Sturm und Wogen und Nacht gibt es nur noch für dich allein!

Wie lange ich hinschauend und sinnend dastand, ich weiß es nicht mehr, aber es mußte sehr lange sein – ich fand mich aus meinen Träumereien erst wieder, die Arme auf der Brust gekreuzt und meine Blicke auf die kalten Steine vor der Haustür gerichtet, aus der Niemand hervortrat, mich zu begrüßen, als mein Pferd, vielleicht ebenfalls nach einer lebendigen Erscheinung sich umblickend, laut zu wiehern anfing. Fast mit Gewalt riß ich mich aus meinen Träumereien empor und ging rings um das alte Gebäude herum, um mir jedes Einzelne, jedes Fenster, jeden Sims zu betrachten, denn Alles war mir ja wichtig und teuer! Ich rief auch einmal laut, denn es kam mir vor, als hörte ich im Innern eine leise Bewegung, als wenn sich Jemand aus langem, tiefem Schlafe erhebe, aber die Bewegung war nur in mir – keine Stimme antwortete, das Haus wie die Natur waren stumm – wohl! hatten sie doch früher genug in Freude und in Schmerz gesprochen!

Ich ging wieder vor die Tür zu meinem Pferde, nahm es am Zügel und schritt mit ihm in die mir so deutlich beschriebene Kastanienalle hinein. Jeden Baum untersuchte ich hier mit meinen Augen – hier hatte vielleicht Ellinor mit Othello auf dem Rasen gelegen, als der Mann aus dem Walde mit der ganzen Natur im Herzen und den ganzen Busen voller Liebe, als Percy zu ihr trat – nein da – nein hier – nein dort – unter jener Buche war es vielleicht gewesen.

Träume! Träume! weshalb besucht ihr des Menschen schlummernde Seele so oft, sie zu quälen, sie zu stacheln, sie zur feurigen Tat und zu kühnen Unternehmungen zu treiben!

Diese Träume aber, welche diesen Tag in dieser Stunde mich gaukelnd umschwebten, waren wohl quälend, aber nicht stachelnd, keine Lust zur Tat erweckten sie in mir – ich bekenne es offen – nein! es war nur das Gefühl der Wehmut, der stillen, unergründlich tiefen Wehmut um das verlorene Glück zweier edler, zweier vortrefflicher und so schwer geprüfter Herzen!

Ich schritt die Kastanienallee hinab – schon von Weitem hatte ich das graue, altertümliche Schloß Lord Seymours erblickt, das so öde und finster aussah, wie es in dem erstorbenen Herzen seines Besitzers war, und das diesen stolzen, kalten, unzähmbaren Geist schon von früher Jugend an mit seiner ansteckenden trüben Finsternis wie eine Wohnung des bösen Dämons gefesselt hatte.

Ich trat näher – alle Wärme entwich aus meiner Brust, es wurde in mir kalt, mitten im Sommer und in den sengenden Strahlen einer Julisonne, eisig kalt mitten im Gefühle der Liebe und der Erinnerung an die Liebe.

Endlich stand ich dicht davor, an der Tür, wo der Mann mit dem grimmig lächelnden Gesicht gestanden, wo Mortimer gestanden und die erste glückliche Umarmung seines Bruders und Ellinors mit angesehen und bei seinem verlorenen Himmel Rache geschnaubt und – auch vollführt hatte!

Alle meine Wehmut erlosch plötzlich, ich ermannte mich, ich fühlte wieder, daß ich nicht ein bloß träumender, sondern auch ein handelnder Mensch sein sollte – ich sprang aufs Pferd und rasch ritt ich um das lange Gebäude herum vor das Eingangstor.

Aber mir wurde weder ein freundlicher Anblick noch ein froher Empfang zuteil. Kalt, wie die Menschen, die darin wohnten und die nur glühend wurden, wenn die Hitze der Leidenschaft ihre starre Brust aufschüttelte, war der Anblick des einsamen, aus einem harten, dunkelfarbenen Sandstein errichteten Gebäudes, denn auch dieses Haus war für den Augenblick beinahe verlassen.

Eine große und breite, schwerfällig sich erhebende Terrasse aus demselben Gestein wand sich in der Mitte empor und war mit einer Anfahrt versehen. Auf derselben standen acht alte, fast verkümmerte Orangenbäume mit gelben, trockenen Blättern, die ebenso einsam und traurig blickten wie das ganze Haus. Da war keine Blume, kein freundlich blühender Strauch, kein grünender Rasen, keine üppig vegetierende Einfassung der vergilbten Rasenplätze, nur Stein, falbes Moos und graue Erde – das war Alles, was sich meinen Blicken darbot.

Ich ritt die Terrasse hinan und sah mich nach Jemandem um, der mich empfinge. Alles war totenstill. Schon wollte ich durch einen lauten Ruf mein Dasein zu erkennen geben, da bemerkte ich den alten verrosteten Klopfer an der Tür. Ich ergriff ihn und bewegte ihn heftig, so daß seine dumpfen und klanglosen Töne durch die stille Umgebung schallten und an dem düsteren Walde im schaurigen Echo sich wiederholten.

Da hörte ich Schritte im Innern sich der Tür nähern, und nach einer Weile erschien auf der Schwelle ein trotzig blickender Mann, der mich anstaunte, als hätte er eher etwas Anderes als einen Menschen vor dem ungastlichen Hause erwartet.

»Was ist Ihr Begehr?« fragte er mich rauh.

»Wie der Herr, so der Diener!« dachte ich und versetzte:

»Ist dies Codrington-Hall, des Marquis von Seymour Besitztum?«

»So ist es, und was wollen Sie von ihm?« »Ihn sprechen – ist er zu Hause?« »Nein!«

»Und wo ist er?«

»Seit drei Tagen nach London – er ist krank und will sich heilen lassen!«

»Weiß man nicht, wann er zurückkommt? Hat er nichts hinterlassen?«

»Ich weiß nichts. Wenn er gesund ist und es ihm beliebt, kommt er.«

»Da habt Ihr dieselbe Meinung wie ich – ist Niemand von seiner Familie hier?«

Der Mann starrte mich, wie es schien, verwundert an und erwiderte:

»Niemand, Sir! Sir Mortimer ist mit nach London!«

»Und seit drei Tagen –?«

»Ich habe es schon gesagt – seit drei Tagen!«

»Ihr scheint noch nicht zu wissen, daß man das, was man zweimal hört, besser versteht. Merkt Euch das für die Zukunft! – Welchen Weg nahm seine Herrlichkeit?«

»Den da!« Und er zeigte mit dem Finger in den Wald hinein. Ich drehte mich nach dem angedeuteten Wege um und sah einen Augenblick schweigend hin. Als ich mich nach ihm zurückwandte, hatte der Grobian die Tür schon wieder halb geschlossen.

»Es ist gut!« sagte ich und wollte mich entfernen.

»Habe ich nichts zu melden von Ihrem Besuche?« fragte der Mann zögernd und machte die Tür wieder halb auf, als er meinen nicht sehr freundlichen Blick bemerkte.

Ich dachte einen Augenblick nach. Da kam mir ein Gedanke ein, von dem ich heute noch nicht weiß, wie er mir über die Lippen flog, der aber in Zukunft den Mann für seine Grobheit bestrafte, wie der Leser zu seiner Zeit erfahren wird.

»St. James lasse grüßen, könnt Ihr sagen.«

»St. James? – Es ist gut!«

»Adieu!«

»Leben Sie wohl, Sir!«

Und der Mensch schlug laut krachend die Tür hinter sich zu.

»Nach London!« sagte ich zu mir selber, »also ich soll und muß nach London! Gut! Ellinor ist vielleicht auch dort, und da ist nicht allein die Nacht, sondern auch der Tag auf meinem Wege!«

Ich wandte Bravours Kopf wieder nach der Kastanienallee; er schien lieber von diesem Hause zu gehen, als er gekommen war. Noch einmal wieherte er, als ich vor Mr. Grahams ehemaligem Hause vorüberkam. Noch einmal sah auch ich mir das ausgestorbene Gemäuer an, warf noch einen Blick auf den See, einen Blick nach dem Himmel, dann, so leid es mir tat, das gute Tier heute ungewöhnlich anstrengen zu müssen, trabte ich raschen Schrittes den Weg zurück, den ich gekommen war, der Waldwohnung der Schwester des Krämers zu, denn ich sehnte mich, wieder unter Menschen zu sein.

Der Abend war bereits angebrochen, als ich vor dem kleinen Waldhäuschen, das ich ohne weiteres gefunden hatte, abstieg. Ich klopfte an das Vorderzimmer zur rechten Hand, worin ich sprechen hörte, und eintretend fand ich Tante Ursula mit ihrem Neffen Bob höchst behaglich an einem Tische sitzen und ihr einfaches Abendbrot verzehren.

Beide sahen mich betroffen an, als ich mit einem freundlichen Gruße so plötzlich vor ihnen stand, und erhoben sich sogleich von ihren Plätzen.

»Sie erhalten heute Abend mehr Gäste, als Sie heute Morgen erwartet haben, Mrs. Dickstone!« sagte ich. »Indessen zwingt mich die Not, mit meiner Gegenwart beschwerlich zu fallen.« Und dabei reichte ich ihr meine Hand hin, da sie mir die ihrige zuvorkommend entgegengestreckt hatte, sobald Bob durch den Ausruf meines Namens ihr angezeigt, daß es sein gegenwärtiger Herr sei, der soeben ins Zimmer getreten war.

»Obgleich Ihre unerwartete Erscheinung mich überrascht, Sir«, antwortete sie, »so freut es mich doch, Sie zu sehen und Ihnen meinen Dank für Ihre Güte gegen meinen Neffen aussprechen zu können. Jedoch wundere ich mich, daß man Sie nicht in Codrington-Hall behalten hat, zumal es, wie ich höre, Ihre Absicht war, daselbst zu übernachten.«

»Der Mensch denkt und Gott lenkt, liebe Frau! Es war allerdings meine Absicht, dort zu bleiben, jedoch werden Sie sich erinnern, daß vor einigen Jahren ein anderer Gast Ihre Gefälligkeit in Anspruch nahm, der noch mehr Recht hatte, in Codrington-Hall zu übernachten, als ich, und der es dennoch vorzog, Ihr stilles Haus zu bewohnen, als jene prächtigen Säle. Übrigens ist Mylord Seymour vor drei Tagen nach London gereist und unter seinen groben Dienern zu verweilen, wenn sie mich auch dazu eingeladen hätten, fühlte ich keine besondere Neigung.«

»Ach! Ist es so! Freilich, dann, dann nehmen Sie vorlieb, setzen Sie sich, Sir, und genießen Sie ebenso gern, wie wir es geben und was wir haben, ein wenig Wild und Eier – es ist heute Festtag bei mir, denn der gute Bob ist wieder da!«

Bob war entzückt über die Freude seiner Tante und rückte mir einen Stuhl an den Tisch, auf den sogleich Teller und Zubehör aufgetragen wurden. Ich nahm auch ohne Umstände Platz und ließ es mir Wohlsein.

»Ich höre«, begann die Frau wieder, »Sie reisen in Angelegenheit Seiner Herrlichkeit Mylord Percys, und da ich vergeblich auf meinen Bruder gewartet habe, der ebenfalls mit Mylord in Verbindung steht und mir nicht hinterlassen hat, wo ich ihn finden könnte, so ist es mir lieb, daß ich Sie sehe, denn ich habe einen Brief für Seine Herrlichkeit.«

»Einen Brief?« rief ich. »Wo ist er?«

Bob nahm ihn aus seiner Tasche, in der er schon für mich aufbewahrt war, und überreichte ihn mir.

Meine Vermutung traf ein, er war abermals von Ellinor. Auch hierher hatte sie Nachricht gesandt, in der Hoffnung, man werde vielleicht Mittel und Wege wissen, Percy dieselbe zuzustellen. Der Inhalt des Briefes war dem vorigen ziemlich ähnlich, nur hatte er den Vorzug voraus, erst vor einem Vierteljahre geschrieben zu sein: also war er gleich nach der Zeit angelangt, nachdem Phillipps seine Knaben von der Schwester abgeholt hatte. Durch diese Nachricht war ich daher der Schreiberin schon näher gekommen, zumal als ihr bestimmter gegenwärtiger Wohnort London und das Haus ihres Oheims angegeben war. Doch weshalb hatte sie vor sechs Wochen eine abermalige Reise nach Dunsdale unternommen, wenn ihre Verhältnisse dieselben geblieben waren? Der Grund dieser Reise schien mir etwas dunkel, wenn man nicht annehmen wollte, daß sie durch persönliche Nachforschung einen sicheren Erfolg hätte erzielen wollen. War dies Letztere nicht anzunehmen, so hielt ich mich überzeugt, daß sie ihren Wohnort gewechselt habe, jetzt also nicht mehr in London sei, und daß jener an Mrs. Trallope unglücklicherweise abgegebene Brief diesen Wechsel habe andeuten sollen. Was sie also anbetrifft, so ging ich ihr in London auch nicht bestimmt entgegen, doch war ich wenigstens voll Hoffnung, von ihres Oheims Hause aus ihre Spuren am besten weiter verfolgen zu können.

Was mich aber von Neuem etwas traurig stimmte, war, daß sich auch in diesem Briefe, obwohl auf die schonendste Weise vorgetragen, ein leidender Gesundheitszustand der Schreiberin auszusprechen schien.

Ich lehnte mich einige Augenblicke nachdenklich gegen die Lehne meines Stuhles zurück und fügte dieses neue Ergebnis meiner Forschung den übrigen schon in meinem Kopfe befindlichen hinzu.

»Der Brief enthält traurige Nachrichten, Sir, nicht?«

»Nein, Mrs. Dickstone, das gerade nicht! Im Gegenteil, er belebt meine Hoffnungen, Lady Dunsdale zu finden, die, wie Sie höchstwahrscheinlich wissen, von ihrem Gemahl getrennt lebt; aber dennoch macht er mich einigermaßen wegen ihres Gesundheitszustandes besorgt, obwohl nichts Ausdrückliches darüber in dem Schreiben enthalten ist.«

»Ach, sollte das sein? Das würde mich über Alles schmerzen. Wohl weiß ich, welche traurigen Ereignisse damals hier vorgegangen sind, wenn mir auch nicht bekannt ist, wo Seine Herrlichkeit sich so lange gezwungenermaßen aufhält, da mein Bruder über diesen Punkt Niemandem, selbst mir nicht, etwas mitgeteilt hat. Und sollte sie noch leidend sein, die schöne Miß Ellinor, das teure Kind!«

»Erzählen Sie mir, was sie von diesem lieben Mädchen wissen, ich höre so gern von ihr, da ich sie nie gesehen habe.«

Und die gute Frau erzählte ein paar Stunden lang so viel Liebes und Vortreffliches von Ellinor und ihrem Vater, daß ich kaum Ohren genug hatte, zu hören, und nicht halb soviel Gedächtnis, um Alles zu behalten.

Ehe wir uns zur Ruhe begaben, sprachen wir noch, was wir am nächsten Morgen, bevor wir uns auf die Reise begaben, tun wollten, unterhielten uns über diese selbst, und endlich, da die Nacht herangekommen war, führte mich meine Wirtin in mein Schlafzimmer, das für Bob, nun aber für mich in Bereitschaft gesetzt worden war.

Es war dasselbe, welches Percy vor vier Jahren während jener Verbannung aus seinem väterlichen Hause bewohnt hatte, dieselben schmalen Wände, dieselbe niedrige Decke, die ihn umschlossen, und dieselben wilden Weinreben vor dem kleinen Fenster, die ihm Schatten gegen die Strahlen der Sonne gewährt hatten. Ich brachte darin eine lange und beinahe schlaflose Nacht zu. –

Früh am nächsten Morgen sandten wir einen Boten nach Codrington-Hall mit einem schriftlichen Auftrag von meiner Hand, jeden möglicherweise an mich ankommenden Brief unter meiner Adresse mit demselben Boten, der ihn bringen würde, sogleich nach London zu senden, für den ich die Adresse Sir William Grahams versiegelt beigefügt hatte.

Ich mußte mich zu diesem Schritte entschließen, so ungern ich es auch tat, indem ich, wenn der Inhalt dieser versiegelten Adresse bekannt wurde, durch Nennung des bekannten Namens Graham sowohl Verdacht erregte als auch geradezu die Mittel und Wege, mir entgegen zu arbeiten, enthüllte.

Allein einmal erforderte ihn die Notwendigkeit, denn es bot sich mir keine andere Gelegenheit dar, Ellinors Brief, wenn er sich noch finden sollte, in meine Hände zu bekommen, was doch das Wichtigste war; dann aber war es mir auch am Ende gleichgültig, ob Verdacht gegen mich entstände oder nicht, ich war jetzt auf dem Wege zu handeln und offen mit meinen Absichten herauszutreten, mochte kommen, was wollte. Zurück nach Dunsdale-Castle aber konnte ich gar nicht, denn die Zeit war mir karg zugemessen und mein eigenes Verlangen drängte mich gewaltsam vorwärts, irgendeiner Entscheidung entgegen.

Um die zu unserer Abreise festgesetzte Stunde führte Bob die Pferde heraus, die sich auf der weichen Streu wohlbefunden und das schönste Futter der Umgebung sich hatten schmecken lassen, und wir saßen nach einem, namentlich von Bobs Seite lebhaften Abschiede, wieder einmal in den Sätteln.

Auch an Mrs. Dickstone vergaß ich nicht den Bescheid ergehen zu lassen, im Falle noch ein Brief käme, mir denselben an die bekannte Adresse nachzusenden.

Die Reise, die jetzt vor mir lag, war die längste von allen bisher unternommenen, denn ich brauchte, der Pferde wegen, beinahe neun Tage dazu. Alles ging nach Wunsch vonstatten, außer daß mir, trotz aller meiner Bemühungen und Anfragen, irgendeine Spur von Ellinor zu finden, in dieser Beziehung alles mißglückte.

Um den Leser indessen nicht zu ermüden, der mir gern die nähere Beschreibung des langen Rittes erläßt, versetze ich ihn schnell an das Ende meines nächsten Zieles, denn die neuen Bekanntschaften, die er mit mir zu machen hat, drängen allmählich näher auf mich ein, und die noch nicht handelnd aufgetretenen Personen wollen von dem Leser ebenfalls beobachtet sein.

Somit führe ich ihn denn sogleich mit mir nach London, welches ich Ende April verlassen hatte, um mich nach Schottland zu begeben, von wo ich Anfang Juni in St. James eingetroffen war, woselbst ich zum ersten Male die Ehre hatte, meinen Freunden mich redend vorzustellen.


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