Autorenseite

 << zurück weiter >> 

12. Kapitel

Hier machte der Erzähler wieder eine kurze Pause und schöpfte tief Atem. Ich wagte nicht, ihn zu unterbrechen, denn ich war auf das Kommende äußerst gespannt; auch wollte ich ihm keine Minute seinerzeit rauben, da es nicht weit vom Anbruch des Morgens sein konnte. So fuhr er denn weiter fort:

»Lassen Sie mich über das Ende meiner traurigen Geschichte rasch hinweggleiten, auch bricht der Tag bald an und ich kann nur mit Anstrengung der Erinnerung an das mich hingeben, was noch für sie zu hören nötig ist.

Zwei Meilen von dem Orte entfernt, wo wir unseren Wagen gefunden und bestiegen hatten, stand auf dem Gipfel eines kleinen, mit Laubholz bewachsenen Hügels eine Waldkapelle, die, noch ziemlich wohl erhalten, von einem alten Kloster übrig war, dessen Ruinen in der Nähe lagen und schon seit langer Zeit wegen ihrer architektonischen Schönheiten vielfältig besucht wurden. Ein alter, von der Welt abgeschieden lebender Kirchendiener hatte seinen Wohnsitz dicht daneben aufgeschlagen, und er war es, der dieses stille, kleine Heiligtum bewachte, in Ordnung erhielt und den von Nah und Fern kommenden Reisenden zeigte.

Von der Abendsonne matt beleuchtet, stand das altertümliche Gebäude auf dem weit hinausschauenden Hügel friedlich und freundlich da, als wäre es absichtlich zu dem heiligen Zwecke, den wir in unserem Herzen trugen, dahingestellt – denn dies war der Ort, den Mr. Graham ausersehen hatte, um mir die unbescholtensten Rechte eines Beschützers der Unschuld und Hilflosigkeit seiner Tochter gesetzlich und unwiderruflich zu übertragen.

Wir traten in das kleine Gotteshaus mit den Empfindungen von Menschen, die, vor ihresgleichen flüchtend, vertrauensvoll sich ihrem Schöpfer überliefern, die, das irdische, vergängliche Glück abstreifend, sich der himmlischen Seligkeit übergeben, und selbst ich, der ich am meisten von uns Dreien zu leiden gehabt, fühlte das Entzücken der lieblichsten Ruhe und des innersten Friedens über mich kommen und vergaß des unendlich bitteren Schmerzes, der noch kurze Zeit vorher meine Brust durchwühlt und an den Grundwurzeln meines Daseins genagt hatte.

In diesem süßen, friedlichen Gefühle gedachte ich mit Wärme und Erhebung meines Schöpfers, dankte ihm für das, was er mir in diesem heiligen Augenblick zum Unterpfand unseres ewigen Bundes in die Hände legen wollte, und war bereit, das ernste Gelübde mit dem festen Vorsatze auszusprechen, stets so viel Liebe und Hingebung für das teure Wesen an den Tag zu legen, wie mir jetzt aus ihren wehmütig blickenden und doch so strahlenden Augen entgegenleuchtete und Liebe und Treue für alle Zeiten versprach.

Mit wenigen und einfachen, aber unseren gegenwärtigen Verhältnissen entsprechenden Worten ward die heilige Handlung von dem Pfarrer verrichtet, bei der nur Phillipps und Bob als Zeugen zugegen waren.

Der Segen war gesprochen und Ellinor und ich hatten das unzerreißbare Gelübde ewiger Liebe in die Hand ihres Vaters gelegt, der jetzt am geeignetsten war, unsere wunden Herzen mit dem Troste dessen zu erfüllen, der über uns wachte und gebot. Eine tränenreiche, stumme, aber Alles, was in unserer Seele vorging, aussprechende Umarmung hatte uns für ewig vereinigt, und wir begaben uns nun wieder den Hügel hinab, an dessen Fuße der Wagen uns erwartete, den wir sogleich bestiegen. Der Postillion trieb seine Pferde an und wir flogen davon, nachdem ich Phillipps unsere Pferde mit der Weisung übergeben hatte, in langsamen Tagemärschen nach meiner Besitzung in Dunsdale nachzukommen, wohin wir fürs Erste uns zu begeben die Absicht hatten.

Der alte Bob saß nach seinem Wunsche auf dem Bocke, Othello lag bei uns im Wagen, der geräumig und bequem genug dazu war, denn Ellinor wollte sich auf keine Weise von dem treuen Tiere trennen, welches ihr so viel Beweise der Anhänglichkeit und Zuneigung gegeben hatte. Schon daß Phillipps von uns entfernt sein mußte, war ihr und uns Allen schmerzlich, denn in Zeiten, wie wir sie soeben durchlebt hatten, ist es wohltuend und trostreich, Alles, was wir lieben, mag es sein, was es wolle, um uns versammelt zu sehen.

Wir flogen mit Windeseile unserem Ziele entgegen, als die Sonne sank und der Abend mit seinem Schatten heraufkam. Was wir sprachen, ich weiß es nicht mehr, unser Herz war aber voll von dem, was zuletzt Trauriges und Freudiges über unsere Häupter hingegangen war, und das schöne Gefühl der Sicherheit, des Glücks und der Zuversicht zu diesem Glücke fing allmählich an, sich unserer Gemüter zu bemächtigen, als plötzlich der Wagen hielt und der Postillion laut fluchend von seinem Pferde stieg.

Ich öffnete ein Wagenfenster und fragte, was es gäbe. »Das abscheuliche Tier!« rief der Postillion und schwang unbarmherzig seine Peitsche über eines der Vorderpferde. »So oft hat es seine Schuldigkeit getan und gerade heute läßt es mich im Stich.«

»Schlagt es nicht!« rief ich ihm zu, »hier ist weiter nichts zu tun, als an das erste beste Haus zu fahren und bis zur nächsten Station ein anderes zu borgen. Wißt Ihr in der Nähe keine Gelegenheit, für eine gute Bezahlung ein tüchtiges Pferd zu erlangen?«

»O ja, aber es ist eine Stunde Weges dahin!« erwiderte der wutschnaubende Postillion.

Ich sah oder glaubte zu sehen, daß der Mann es ehrlich mit uns meine, reichte ihm eine Guinea hin und sagte, ich wolle ihm die Unterbrechung der Reise nicht anrechnen, er solle nur für ein taugliches Pferd sorgen.

Er stieg wieder auf und fuhr im Schritt eine gute Stunde weit, wo wir bei einbrechender Nacht eine Art Herberge erreichten, die von der Landstraße entfernt, einem jener Diebslöcher glich, wie wir sie, Gott sei Dank! immer mehr und mehr aus Altengland verschwinden sehen.

»Bleibt sitzen, Kinder«, sagte ich zu Ellinor und ihrem Vater, »ich werde selbst um das Pferd handeln und nach Möglichkeit unseren Aufenthalt abzukürzen suchen.«

Ich stieg aus – ach, mein Freund, ich hatte keine Ahnung von dem, was im nächsten Augenblicke mit mir geschehen sollte!

Der Besitzer der Herberge befand sich im Hofe im Gespräch mit einem Manne, und ich fand ihn willig, mir sogleich das verlangte Pferd zu liefern und anspannen zu lassen.

Eben wollte ich mich wieder zurück nach dem Wagen begeben, als plötzlich aus allen Ecken des dunklen Hofes handfeste Männer auf mich lossprangen und mich, der ich in der größten Unbefangenheit nichts einer Gewalttat Ähnliches erwartete, im ersten Anlaufe zur Erde rissen.

Ich wußte anfangs nicht, was mir geschah; und erst, als ich wieder aufgesprungen war und meine Kräfte mit Glück gebrauchte, sah ich ein, daß die Rache einen ernsthaften Anstrich gewann.

Schon glaubte ich, Sieger zu sein, da ich drei oder vier von mir abgeschüttelt und mit Faustschlägen bedeckt hatte, als ich, mit einem Knüttel von hinten über den Kopf getroffen, abermals zu Boden stürzte.

Ich verlor das Bewußtsein, und als ich es wiedererlangte, fand ich mich in einem durch herabgelassene Vorhänge verdunkelten Wagen liegen, der in schnellster Bewegung dahinfuhr, so daß ich, weder Himmel noch Land sehend, unmöglich bestimmen konnte, wo ich mich befand, wenn ich auch Kraft und Freiheit gehabt hätte, mich nach Wunsch zu bewegen. Aber durch jenen gewaltigen Schlag über den Kopf gelähmt, war ich außerdem noch an Händen und Füßen gebunden und durch ein zwischen meine Zähne geklemmtes Tuch der Sprache beraubt, also doppelt unfähig, irgendeine Kraft, wenn ich sie noch hatte, zu äußern und mich einer so unwürdigen Lage zu entziehen.

Neben mir saßen drei oder vier Männer, die ich nicht kannte, die mich aber stumm und dumpf betrachteten, als ich die Augen aufschlug, und mir von Zeit zu Zeit das Blut abwischten, welches aus meinem verletzten Kopfe in warmen Tropfen über mein Gesicht rieselte.

Hätte ich auch in diesem Augenblick sprechen können, ich wäre sprachlos geblieben, denn den Ingrimm, die Wut, die Verzweiflung, die hinreichend waren, einem Menschen alle Besinnung zu rauben, machten mich stumm und erlaubten mir kaum noch, in abgerissenen hellen Momenten ruhig über den furchtbaren Wechsel nachzudenken, der mich aus einem glücklichen Menschen so plötzlich wieder zu einem so unglücklichen gemacht hatte.

Wieviel Tage wir so unaufhaltsam über Berg und Tal fuhren – ich weiß es nicht, denn ich verlor von Zeit zu Zeit abermals meine Besinnung. Als ich indessen wieder völlig zu mir gekommen war, befand ich mich – Herr! raten Sie es nicht? – an dem Orte, wo Sie mich gefunden haben.

Der betäubungsartige und mit wilden Rasereien abwechselnde Zustand, in dem ich in St. James angekommen war, muß ziemlich lange gedauert haben, denn ich konnte mich anfangs nur schwer auf die an mir vorübergegangenen einzelnen Begebenheiten besinnen.

Als ich eines Morgens aus einem unruhigen Schlummer, der mir die schrecklichsten Phantasiebilder vorgeführt hatte, erwachte, fand ich mich in einem stillen Zimmer, in welchem ich weiter nichts als vier Männer, meine Krankenwärter, und einige Instrumente bemerkte, deren Bedeutung und Zweck mir damals noch unbekannt waren.

Ich verlangte zu trinken und man willfahrte mir, jedoch, wie es mir vorkam, nicht ohne Besorgnis, daß ich dem mir den Trank Reichenden den zinnernen Becher ins Gesicht schleudern würde. Als ich getrunken hatte, fühlte ich mich gestärkt und schlief wieder ein.

Doch zur gewöhnlichen Stunde – es war gegen Abend – erschienen die Ärzte, und ich erwachte halb, ohne aber die Augen zu öffnen, denn ich wollte hören, was sie über meinen Zustand sagen würden.

Kaum aber hatten sie den Mund geöffnet, als ich erfuhr, wo ich war.

»Was?« rief ich plötzlich in einem Tone, der alle Anwesenden zu erschrecken schien. »In ein Irrenhaus haben sie mich gesperrt? Ich soll wahnsinnig sein?«

Und dabei, in der Absicht, mich aufzurichten, bemerkte ich erst, daß ich mittels eines breiten Gürtels an das Bett festgeschlossen war. Aber ich versuchte schnell, ehe man es hindern konnte, eine gewaltsame Anstrengung, zerriß das Band, das mich wider alle göttlichen und menschlichen Rechte gefesselt hielt und war mit einem Sprunge aus dem Bette.

Man fiel über mich her – es entstand abermals ein fürchterlicher Kampf – drei der Krankenwärter lagen schon am Boden, als die Ärzte, die sogleich hinausgesprungen waren, mit Beistand herbeieilten.

Geschickt warfen sie mir eine große Decke über den Kopf, rissen mich auf diese Weise nieder und banden meine Hände und Füße, unter Flüchen und Verwünschungen, mit den schon erwähnten Instrumenten zusammen. Dann brachten sie mich unter ein eiskaltes Gießbad, das mir anfangs beinahe alle Besinnung raubte, aber dennoch half es mir und meinen Henkern, denn ich wurde ruhig und nachdenklich.

Und soll ich Ihnen sagen, welche Empfindungen dieses entsetzliche Nachdenken in mir hervorrief? Nein – Sie sind ein Arzt, aber auch ein Mensch – Sie wissen es – und diese schreckliche, Geist und Leib lähmende Empfindung war es, die mich wieder zu neuen Anfällen von Wut und Verzweiflung trieb. Erst allmählich lernte ich einsehen, daß der Zorn mir nicht helfen könne, wenn ich meinen Quälgeistern auch Furcht damit einflößte; ich rief daher die Vernunft, die ich schon längst hätte verlieren können, zu Hilfe, um mich zu fassen und für den Augenblick in das Unvermeidliche zu fügen.

Doch dauerte es lange, ehe man mir traute, ja, es gab trotz meines Entschlusses und meiner Überlegung Momente in denen ich, durch Erinnerung und Sorge gequält, wieder tat, was ich nicht tun sollte, und ich wurde auch bisweilen durch Rohheiten, die einige meiner Aufseher trotz der strengen Befehle der Oberen gegen mich ausübten, so empört und entrüstet, daß ich dieselben selbst zu strafen mich gedrungen fühlte. Aber allemal zog ich nach solchen eigenmächtigen Äußerungen meiner Stärke und meiner Selbsthilfe den Kürzeren – man rief die Gewalt zu Hilfe, und diese hat ja, wie Sie wissen, tausend Arme, während ich deren nur zwei hatte.

So verstrichen sechs Monate – da fing man an, milder gegen mich zu verfahren und einiges Vertrauen in mich zu setzen, wahrscheinlich aber mehr, um mich auf die Probe zu stellen, was ich jedoch damals noch nicht ahnte, als weil man von meinem Gehorsam und meiner Besserung überzeugt war.

Während dieser milderen Behandlung tauchte in mir abermals der Gedanke an die verlorene und möglicherweise wiederzugewinnende Freiheit auf, und die Beschäftigung mit diesem köstlichen Gedanken erheiterte und stärkte mich – ich fing an, mich zu erholen.

Nun faßte ich Entschlüsse, mir jene Freiheit selbst zu verschaffen und meinen Aufpassern durch eine wohlangelegte Flucht mich zu entziehen. Allein, wie ich auch mit Schlauheit, Überlegung und nach einem geregelten Plane verfuhr – Alles war vergebens, mein Vorhaben wurde entdeckt und vereitelt, denn man verstand es ebensogut, schlau zu sein, nach Überlegung zu handeln und Pläne zu schmieden, wie ich – mit einem Worte, alle meine verschiedenen Versuche, auch späterhin, mißlangen, und ich zog mir dadurch mehr als die übrigen Kranken, wie Sie selbst gesehen haben, die Aufmerksamkeit und Beobachtung meiner Vorgesetzten und deren Helfershelfer zu.

Jetzt, um doch etwas Nützliches zu tun zu haben, widmete ich mich einzelnen Kranken, indem ich ihnen Einsicht und Vernunft predigte, jedoch erst nachdem ich ihr Vertrauen gewonnen und sie von meinem guten Willen überzeugt hatte, denn diese Überzeugung scheint mir das Wichtigste zu sein.

So gewann ich mir Freunde, wenn Sie es so nennen wollen, denn ich hatte Glück mit meinen dilettantischen Versuchen. Ein einziges Wort von mir reichte oft hin, von einem Wahnsinnigen etwas zu erlangen, was alle Gewalt und Drohung der Aufseher nicht vermochte, und ich lernte einsehen, daß die sanfte, wiewohl ernste und überzeugende Methode, diese Art Kranke zu behandeln, die besten und schnellsten Erfolge zur Seite habe.

Oft sprach ich mit meinen Vorgesetzten hierüber, und man war gutwillig genug, mich anzuhören, obgleich ich nie bemerkte, daß man meinen Angaben unmittelbare Folge leistete, denn wie konnte aus einem verschrobenen Kopfe, wie ich einen hatte, etwas Gescheites kommen!

Dennoch aber hatten diese Unterredungen Einfluß auf die Ärzte in Betreff der Behandlung meiner selbst. Man gab mir bessere Kost, ich erhielt teilweise, was ich wünschte, nach und nach sogar wurde man zuvorkommender gegen mich. Ich fing an, ein für ein Irrenhaus erträglicheres Dasein zu führen; ich durfte lesen, nach Wohlgefallen spazieren gehen, arbeiten, mich ermüden und nach Bedürfnis ruhen. Mein Schlaf wurde ungestörter und erquickender, ich fühlte mich zu meiner vorigen Gesundheit und Kraft zurückgeführt.

Da kam mir der Gedanke, mich dem Direktor, der fast täglich mit mir sprach, zu vertrauen – ich versuchte es – er lächelte, und dieses Lächeln sagte mir, daß er Alles besser wisse als ich. Man hörte mich an, man erlaubte mir unter einer anderen Adresse an meinen Vater zu schreiben, der sich gehütet hatte, seinen wahren Namen zu nennen, wie man auch mich nur unter meinem angemeldeten Namen kannte – und ich schrieb an meinen Vater, denn ich glaubte damals nicht, daß er an der verruchten Tat teilgenommen habe – ich schob alles mir Widerfahrene dem Hasse, der Eifersucht, der Rache meines Bruders zu.

Mein Brief ging ab. Der Direktor erhielt eine Antwort – aber eine Antwort, die alle meine Hoffnungen vernichtete und mein Blut zu Eis erstarren ließ, denn mein Vater, mein eigener Vater erklärte mich für vollkommen verrückt, indem er mir Handlungen gegen sich und meinen Bruder unterschob, die, einem Unbefangenen und Unbekannten mitgeteilt, mich allerdings des fürchterlichsten Wahnsinns verdächtigen mußten.

Da brach mir das Herz, mein starkes Männerherz brach, und ich beschloß fürs Erste nichts zu tun, als das Unvermeidliche mit Ergebung zu ertragen und Gott anheimzugeben, wie lange er mir diese Prüfungen auferlegen und wie er sie selbst zu beendigen für ratsam halten würde.

So vergingen volle zwei Jahre.

»Und Ellinor und Mr. Graham, ihr Vater?« unterbrach ich ihn, denn es war mir unmöglich, diese Frage länger zu unterdrücken.

»Ja! wo blieben sie – wo sind Sie?« Sie sollen es sogleich hören. Zwei Jahre, sage ich, verstrichen so – da, eines Tages, als ich im Parke, von meinen gewöhnlichen Aufpassern umgeben, spazieren ging, sehe ich – denken Sie sich meinen freudigen Schreck sehe ich plötzlich Phillipps, meinen treuen, guten Phillipps in jener Ihnen bekannten Kleidung durch den Park auf mich zuschreiten.

Fast war ich gelähmt von unbeschreiblichem Erstaunen – ich fühlte eine krampfhafte Empfindung in meinem Herzen, in meinem Geiste, die mir in ihrer erschütternden Wohltätigkeit noch heute fühlbar ist. Aber ich faßte mich, wie er selbst es tat, denn ich hatte einen verstohlenen Blick von ihm bemerkt, der mir den Rat gab, ihn nicht zu kennen – der gute Mensch war selbst bleich geworden, als er mich plötzlich, unerwartet vor sich sah, er stand erschrocken still und blickte sich um, als ob er etwas suche; dann betrachtete er mich von weitem, mit einer Rührung auf seinem männlichen Gesichte, daß ich sah, wie er nur mit Mühe die Tränen zurückhielt, die ihm in die Augen gekommen waren.

Der treue, edle Mensch hatte sich es zur Aufgabe seines Lebens gestellt, wie es gegenwärtig seine Aufgabe ist, Ellinors Aufenthaltsort zu entdecken, mich selbst aufzufinden, aber alles Suchen war zwei Jahre lang vergeblich gewesen.

Um seinen Zweck bequemer zu erreichen und seine Erscheinung hier und da weniger auffallend zu machen, hatte er das Geschäft eines wandernden Krämers angenommen; er kam in diese Gegend ohne alle Mutmaßung, hörte wohl von dem Irren von St. James sprechen, wie man mich bald – ich weiß nicht warum – in der ganzen Umgegend nannte, ohne im mindesten zu ahnen, daß ich dieser, die allgemeine Teilnahme erregende Wahnsinnige sei, und fand mich.

Nie in meinem Leben werde ich das selige und doch so wehmütige Gefühl vergessen, welches mich nach dem ersten Schrecken überfiel. Die Vergangenheit und die Erinnerung an die schönen hellen Momente derselben erwachte wieder von Neuem in meiner fast erstorbenen Brust, das Leben bekam wieder einen Glanz und eine Hoffnung, und ich glaubte an eine Zukunft.

Phillipps hatte vom Direktor die Erlaubnis für sich auszuwirken gewußt, mit einzelnen wohlhabenderen Kranken um Dinge der Bequemlichkeit und der Zerstreuung handeln zu dürfen – er fand also Gelegenheit, mit mir zu sprechen – ach! wie klang der Ton seiner Stimme so süß in meinem Herzen wider, das so lange nach Freundschaft, Mitteilung und Vertrauen gedürstet hatte!

Wir teilten uns unsere Schicksale gegenseitig mit – von ihm erfuhr ich nun, indem er mir seine Waren vorzeigte und anzupreisen schien, wie es ihm seit unserer Trennung ergangen sei.

Meinem Befehle zufolge war er langsam nach Dunsdale-Castle geritten und dort am Abend des dritten Tages angelangt. Er hatte natürlich weder mich noch leider Ellinor und ihren Vater daselbst vorgefunden. Je unerklärlicher ihm unser Ausbleiben war, umso unruhiger erwartete er uns zwei – acht – vierzehn Tage – da konnte er endlich den Zustand der Ungewißheit nicht länger ertragen – er ging zurück, wo er uns verlassen, aber Niemand wußte ihm von uns auch nur ein einziges aufklärendes Wort zu berichten.

Jetzt erst ahnte er einen verräterischen Plan. Er sandte vertraute Boten nach allen Richtungen aus, er stellte heimlich und mit der größten Vorsicht Nachforschungen in meines Vaters Hause an, er kehrte in einer Nacht zu seiner Schwester und zu der verlassenen Pfarrerswohnung zurück, aber nirgends erfuhr – sah – hörte er etwas von uns.

So im Suchen und Nichtfinden auf einer Pilgerfahrt begriffen, wie nie eine edlere und aus treuerem Herzen unternommen worden ist, waren ihm die zwei Jahre ebenso qualvoll wie mir verstrichen, bis er mich, durch den Wink des Schicksals geleitet, zufällig in St. James antraf.

Jetzt war sein und mein Wunsch zunächst erfüllt – wir blieben in stetem Zusammenhang; er kam, sooft es tunlich war, und wir schmiedeten von Neuem Pläne zur Entweichung, die aber alle als unausführbar sich erwiesen, bis er vor kurzer Zeit auf den Einfall kam, sich seinen jetzigen Korbwagen machen zu lassen auf den sich unsere Hoffnung mit mehr Zutrauen richtete.

Doch ich habe Ihnen noch einige Worte aus den zwei letzten von mir hier verlebten Jahren zu sagen. Ich erhielt vom Direktor die Erlaubnis, mir ein Pferd anzuschaffen, denn man hatte in dem Schreiben, welches mich bei meiner Ankunft in St. James begleitete, alle Bequemlichkeiten und die meiner Gewohnheit entsprechenden Mittel für mich in Anspruch genommen, um wenigstens nicht ganz verrucht an mir zu handeln. Phillipps brachte mir mein eigenes Pferd, meinen Bravour! Ach! die Empfindung, die ich das erste Mal hatte, als er unter mir wieherte, als er, der mich hundertmal zu meiner Ellinor getragen, mich jetzt in meinem Irrenhause trug, kann ich Ihnen nicht beschreiben.

So bezog ich auch das Zimmer, welches ich jetzt bewohne; ich schmückte es nach und nach mit allen Gegenständen aus, die Phillipps mir angeblich verkaufte, und nur von Zeit zu Zeit, wenn der riesenmäßige und unvergeßliche Schmerz der erlittenen Schmach über mich kam und alle meine sanfteren Entschließungen verwischte, hatte ich wieder einzelne Anfälle trotzender Leidenschaftlichkeit und widersetzlichen Unwillens, deren Wirkung und Behandlung Ihnen bekannt ist.

Doch je seltener diese Anfälle wurden, umso mehr ließ man in meiner Bewachung allmählich nach, auch gewann ich, teils durch Geschenke, teils durch Teilnahme, einzelne Krankenwärter für mich, die mir das Leben hier möglichst erleichterten, bis sich erst jetzt, seit Ihrer Anwesenheit hierselbst, und ich weiß nicht, aus welchem Grunde, die allgemeine Wachsamkeit wieder vermehrt, als wenn man eine unbestimmte Ahnung hätte, ich arbeitete jetzt stärker und entschlossener denn je an meiner gewaltsamen Befreiung.

Phillipps hatte es nicht unterlassen, auf seinen vielfachen früheren Wanderungen ebenso eifrig nach Ellinor und ihrem Vater wie nach mir zu forschen, aber auch alle diese Bemühungen waren vergeblich.

Doch vor sechs Wochen etwa hatte er eine Spur entdeckt, die ihn richtig leiten zu wollen schien – Sie wissen, daß er sich geirrt; daß er aber zugleich die Spur meines Bruders, der auch auf der Verfolgung Ellinors war, gefunden, das wußten Sie bisher noch nicht. Gegenwärtig ist er zu demselben Zweck entfernt.

Schließlich unterließ ich nicht, durch ihn noch einmal heimlich mit meinem Vater unterhandeln zu wollen, aber auch dieser letzte Versuch hatte ebensowenig Erfolg wie die früheren – die Antwort gelangte abermals an den Direktor und enthielt dieselben Instruktionen wie die ersten Male: man solle fortfahren, mich mit der größten Strenge zu bewachen und mit allen möglichen Mitteln meine Krankheit zu bekämpfen, damit ich, wenn ich im Verlauf mehrerer Jahre gründlich geheilt entlassen werden könnte, meiner Familie weniger Unruhe und Kummer verursachte, als ich ihr bisher in meiner entsetzlichen Raserei bereitet hätte.

So, mein Freund«, schloß der Erzähler, »habe ich Ihnen meine Geschichte zu Ende erzählt. Erst als ich Sie hier sah, ging mir ein neues Leben auf – ich las durch Ihre Blicke in Ihrem Innern, daß Sie gemeinschaftlich mit mir etwas besitzen, was hier Niemand zu besitzen scheint: ein unbefangenes, fühlendes Herz; und der Gedanke, der sich früher unausführbar erwies, ist mir jetzt mit erneuerter Hoffnung zurückgekehrt, nämlich zu entfliehen, und diese Flucht kann ich einzig und allein mit Hilfe eines in diesem Hause wohnenden und mit allen Verhältnissen desselben vertrauten Menschen bewerkstelligen.«

»Sie wollen fliehen?« fragte ich.

»Ja!«

»Und dann?«

»Fragen Sie nicht! Sie werden die Mäßigung bewundert haben, mit der ich zu Ihnen von meinem Vater und meinem Bruder sprach – diese Mäßigung ist jetzt erschöpft. Vier Jahre als ein Verrückter eingesperrt und behandelt zu werden, haben mich vergessen lassen, daß ich Pflichten gegen diesen Vater und diesen Bruder fernerhin zu erfüllen habe, und aller Ingrimm und alle Leidenschaft, die ich so lange zurückgedrängt und beschwichtigt habe, ist reif, um, sobald ich mich durch die Flucht dieser unwürdigen Haft entzogen habe, mich auf eine Art zu rächen, die streng, aber auch gerecht ist. Zuvor aber und ehe ich meine Hand gegen den Dieb meiner Ehre erhebe, muß ich Ellinor gefunden haben – sie und ihr Vater sind die einzigen lebendigen Zeugen wider diejenigen, welche mir nicht allein das Leben, sondern auch das Schönste, das Herrlichste des Lebens, die Vernunft und die Freiheit, auf eine so scheußliche Weise haben rauben wollen.«

Eben wollte ich noch eine Frage an ihn richten, als ich zu hören glaubte, wie eine Tür über uns heftig zugeschlagen wurde.

»Pst!« rief ich, »was war das?«

Wir horchten Beide schweigend. Schon seit einiger Zeit war es mir vorgekommen, als hörte ich einige Bewegung auf den Gängen und in den Zimmern über uns langsam sich ausbreiten. Der Tag graute bereits, aber es war doch noch zu früh, um diese, wie es schien, allgemeine Bewegung in den über uns gelegenen Krankensälen hervorzurufen.

»Hören Sie es nicht?« fragte ich.

»Ja! ich höre Menschen gehen – sogar reden.«

Dann folgte wieder eine gleichmäßige Stille – man hörte deutlich eine Tür öffnen und wieder schließen, dann eine zweite, dann mehrere.

»Was denken Sie davon?« fragte mein Gefährte, nachdem er mit Spannung auf diese verschiedenen Geräusche gehorcht hatte.

»Ich fürchte sehr, Mylord, es ist etwas vorgefallen, was auf Sie Bezug hat.«

»Ich glaube es noch nicht!« erwiderte er und trank das erste Glas von dem Weine, den ich ihm vorgesetzt, obgleich vielleicht Jahre vergangen waren, in denen kein Tropfen dieses Getränkes über seine Lippen gekommen war.

»Gehen Sie lieber in die Kammer«, sagte ich, »ich will die Tür öffnen und sehen, was es gibt.«

Er befolgte sogleich meinen Rat. Es wurde allmählich heller und heller.

Jetzt horchte ich noch einmal an der Tür, bevor ich sie öffnete; es stiegen mehrere Menschen in raschem Laufe die Treppen auf und ab – alle schienen die größte Eile zu haben.

Der Verdacht, den ich vom ersten Augenblick an gefaßt hatte, wurde immer reger in mir – ich schloß langsam die Tür auf, öffnete sie ein wenig und steckte den Kopf hinaus, um vielleicht Jemanden reden zu hören.

In demselben Augenblicke aber fuhr ich unwillkürlich zurück, denn soeben ging der Oberarzt an meiner Tür vorüber. Glücklicherweise aber war er schon vorbei und er konnte mein Zurückfahren nicht bemerkt haben. Allein kaum war er vorüber, so hörte er das Geräusch, welches ich mit der Tür verursachte, und drehte sich herum.

Ich hatte mich schnell wieder gefaßt und trat zu ihm auf den Korridor hinaus. Er stand vor mir und sah mich, wie mir schien, etwas bestürzt an.

»Was gibt es denn, Sir?« fragte ich, »ich höre so früh eine ungewöhnliche Bewegung.«

»Den Teufel auch!« antwortete er. »So wissen Sie es noch nicht? Hm! er ist fort, unser Irrer, Mr. Sidney – der gute vernünftige Mr. Sidney.«

»Was?« rief ich mit erkünsteltem Erstaunen, »er ist entflohen?«

»Entwischt, entwischt! Ja, ja, so kommen Sie nur, Sie können uns suchen helfen, Ihnen sind ja seine Lieblingsplätze bekannt, wenn er etwa noch irgendwo versteckt sein sollte.«

»Erlauben Sie, Sir, einen Augenblick«, erwiderte ich, »ich will mich nur rasch ankleiden.«

»So eilen Sie!«

Obgleich ich beinahe vollständig in meinen gewöhnlichen Kleidern war, so brauchte ich doch diesen Vorwand, um in mein Zimmer zurückkehren und meinen Freund benachrichtigen zu können.

»Man sucht Sie in der Tat«, sagte ich rasch und leise zu ihm, als ich eingetreten war und ihn langsam in der Kammer auf- und abgehend fand, wobei er sich die Stirn mit seinem Taschentuche abtrocknete.

»Ich gehe hinaus und lasse die Tür offen!« fügte ich hinzu.

»Man hat doch keinen Verdacht auf Sie?« fragte er.

»Gewiß nicht, sonst wäre der Oberarzt an meiner Tür nicht vorübergegangen, ohne einzusprechen.«

»Das ist gut, das ist sehr gut–machen Sie, daß Sie fortkommen, ich werde mich schon hinausfinden.«

Ich warf schnell einen anderen Rock über, drückte dem Zurückbleibenden die Hand und schlüpfte dem Oberarzt nach, den ich im zweiten Stockwerk alle Zimmer durchsuchen fand.

Die Entfernung des Irren aus seinem Zimmer war ganz einfach durch Mr. Derby bemerkt worden. Dieser nämlich war gegen Morgen zu einem schwer Erkrankten im obersten Stockwerk gerufen worden; beim Zurückkehren, nachdem es unterdessen heller geworden, war ihm die offenstehende Tür des wohlbekannten Zimmers aufgefallen, die der Bewohner als er sich leise entfernte, wegen des damit verbundenen Geräusches nicht wieder schließen wollte – er war eingetreten, in das Schlafzimmer gekommen und hatte das Bett berührt, aber Niemanden darin gefunden. Nun weckte er schnell den eingeschlafenen Wärter; von diesem auf keine Weise Erklärung erhaltend, war er zum Oberarzt und dem Direktor geeilt, und so war endlich das ganze Haus in Bewegung geraten.

In der Eile des Suchens und Fragens hatte man sogar den Befehl zum Glockenläuten zu geben vergessen, um den außerhalb der Ringmauer wohnenden Aufsehern das Zeichen der Flucht eines Kranken zu liefern, und erst, nachdem ich schon eine geraume Zeit mit dem Direktor und Mr. Lorenzen im eifrigsten Suchen begriffen war, ertönte die Glocke, deren schnell aufeinanderfolgende Klänge laut genug waren, eine Meile weit in der ganzen Umgegend vernommen zu werden.

»So ist er noch nicht gefunden?« fragte ich den Direktor, als er zu uns getreten war, denn ich war immer noch nicht außer Besorgnis, man möchte ihn in meinem Zimmer vermuten, dort suchen und zu meiner größten Beschämung auch entdecken. Ein böses Gewissen zu haben, auch in einer Angelegenheit, die nicht zu unserer Unehre gereicht, ist stets ein übles Ding!

Indessen sah ich bald, daß man durchaus keinen Verdacht auf mich geworfen hatte, zumal da ich so eifrig wie die Anderen zu suchen schien.

Das ganze Dienstpersonal war jetzt auf den Beinen; alle Stockwerke, Zimmer, Korridore waren durchsucht; rufend und schreiend lief man schon einzeln durch den Park – es war ein höchst bewegter Auftritt, und ich konnte sehr deutlich wahrnehmen, wie viel Allen an dem Habhaftwerden dieses ihnen so bedächtig anvertrauten und jetzt vermeintlich entflohenen Menschen gelegen sei. Es hatte ganz den Anschein, als wäre nicht ein Wahnsinniger aus einem Irrenhause, sondern ein großer Verbrecher aus einer Strafanstalt entwichen.

Als wir aber im Hause mit dem Durchsuchen fertig waren und hinunter in den Park gehen wollten, wo sich jetzt Alles versammelte, kam man wieder an meiner Tür vorbei–sie stand weit offen, mißtrauisch blickte ich hinein – da stand der Oberarzt still und sagte zu mir:

»Ach, Sir, haben Sie etwas Wasser in Ihrem Zimmer? Wenn Sie erlauben, trinke ich einmal, ich bin außerordentlich durstig.«

Nun fiel mir die Flasche Wein mit den beiden Gläsern ein, die auf einem Tische standen – schon sah ich im Geiste die verschlossene Kammertür geöffnet und den dahinter Versteckten ergriffen.

Aber wie groß war mein Erstaunen und auch meine Freude, als ich nur ein einziges Weinglas und noch dazu leer, da ich es doch voll verlassen hatte, die Flasche verkorkt auf dem Tische und durchaus keine Spur eines kurz vorher dagewesenen Besuchers vorfand.

Der Arzt war mit mir zugleich eingetreten, goß sich ein Glas Wasser ein, welches ebenfalls auf dem Tische stand und trank es aus, wobei er Alles genau zu mustern schien. Er setzte es wieder hin und wollte eben gehen, da sagte er:

»Hören Sie, ich bitte um Entschuldigung, ich muß einen Augenblick Ihr Schlafzimmer in Anspruch nehmen.«

Und mit diesen Worten auf die Kammertür losgehend, sah er nicht mein bleiches, von Schreck und Besorgnis entstelltes Gesicht, das ich selbst nur zu gut im Spiegel gewahrte, und war eben im Begriff, die Kammertür zu öffnen, als der Direktor, an meiner Tür vorübergehend, auf dem Korridor laut des Arztes Namen rief.

Sogleich gehorchte er dem Rufe und eilte mit mir hinaus. Der Direktor wechselte einige Worte mit ihm, während wir in den Garten hinabschritten. Dann plötzlich sich zu mir umwendend, sagte er, als hätte er auf die Bedeutung der Frage einiges Gewicht gelegt, mit einem, vielleicht ganz natürlichen, mir aber bei meinem bösen Gewissen ganz eigentümlich klingenden Tone:

»Haben Sie gestern Abend Besuch gehabt?«

»Ja«, sagte ich ganz unbefangen, »Mr. Bromfield war da!«

Hiermit sagte ich keine Lüge, denn der Prediger war wirklich in meiner Abwesenheit einige Minuten auf meinem Zimmer gewesen und hatte auch zufällig eine andere angebrochene und auf dem Tische stehende Flasche Wein geleert.

»Nun, dann wund're ich mich nur«, fuhr Mr. Lorenzen fort, »daß er die Flasche nicht leergemacht hat, es ist sonst nicht seine Sache, bei einem solchen Unternehmen auf halbem Wege stehenzubleiben.«

Er scheint doch einigen Verdacht zu schöpfen! sagte ich zu mir, allein ich irrte mich – was ich jedoch erst nach langer Zeit erfuhr.

Wir traten jetzt in den Park – jeden Augenblick kam ein Bote mit der Nachricht, daß man den Entwichenen noch immer nicht wieder habe.

Wir durchschritten einige Gänge, bogen durch ein Holundergebüsch – da – Alle schrien vor Verwunderung laut auf – kam uns der so eifrig Gesuchte langsamen Schrittes, die Hände auf dem Rücken gefaltet, wie er gewöhnlich ging, und anscheinend in das tiefste Sinnen verloren, entgegen.

Schnell, mit einer gewissen Ängstlichkeit, fuhr ich mit meinem Auge nach seinem Gesicht.

Es war noch etwas gerötet, seine Augen sprachen für mich noch die beredte Sprache der gehabten Aufregung, des Kummers, des Schmerzes; sonst aber lag die gewöhnliche Ruhe in seinen uns fragend anblickenden Mienen.

»Ha! da sind Sie ja, Mr. Sidney«, riefen der Direktor und der Oberarzt zugleich, »wo stecken Sie? Wir suchen Sie bereits seit anderthalb Stunden!«

»Ich bin im Parke, wie Sie sehen!« lautete die einfache Antwort.

»Und wie kommen Sie so früh in den Park, wenn ich fragen darf?« forschte der Direktor.

»Aus Laune, wenn Sie wollen, Sir! Oder aus Bedürfnis, wenn Sie es lieber haben. Ich hatte genug geschlafen und mein Zimmer war so warm, daß ich mich sehnte, frische Luft zu schöpfen – und nun bin ich hier!«

Selbst diese kleine unschuldige und gewiß notwendige Lüge brachte er, ich merkte es wohl, mit Mühe heraus; auch sah ihn der Oberarzt, der ein ziemlich scharfer Beobachter war, etwas ungläubig an.

»Und wer ließ Ihr Zimmer offen?« fuhr der Direktor fort.

»Das ist nicht meine Sache, Sir, aber wahrscheinlich derselbe, der es nicht verschlossen hat.«

»Das klingt ziemlich richtig – haha! – Morton!« wandte er sich zu einem der Wärter, die uns umstanden, »schicken Sie sogleich den Schließer und den Mann, der heute Nacht die Wache bei Mr. Sidney hatte, auf mein Zimmer. Wer war der Mann?«

»Mr. Chappert!« sagte einer der Umstehenden halblaut.

»Aha!« rief der Direktor. »Ich jage den Kerl aus dem Dienste für seine nichtswürdige Nachlässigkeit. Sie aber, Mr. Sidney, gehen Sie ebenfalls auf Ihr Zimmer, ich werde mit Ihren Ärzten sprechen, Sie scheinen entweder kränker zu sein, als Sie selbst denken, oder wenigstens zuviel Launen und Bedürfnisse zu haben.«

Dies sprechend, entfernte er sich und die Übrigen mit ihm. Langsam, von einigen Wärtern umgeben, folgte der Irre von St. James – denn er war es ja noch in den Augen Aller, außer in den meinen – aber er lächelte, als ich mich nach ihm umdrehte, und schaute, anscheinend gleichgültig, dem Fluge eines Kranichs nach, der sich vor uns erhob, über die Mauern des Irrenhauses flog und dann in der bläulichen Ferne verschwand.


 << zurück weiter >>