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16. Kapitel

Solange wir noch an den Häusern des Dorfes vorüberkamen und Bob noch hier und da ein bekanntes Gesicht sah, nickte und grüßte er mit Hand und Mund; als wir aber das letzte Haus und seine grünen Hecken hinter uns hatten, wandte er seine Aufmerksamkeit mit erneutem Vergnügen auf sein munteres Pferdchen, sein Reitzeug und seine blanke Peitsche, dann wieder auf sein längst ersehntes Kleidungsstück, die Rehledernen, sowie auf die Sporen und die gelben Handschuhe; als aber endlich auch dies alles gehörig gemustert und bewundert war, ward er ernst, sah mich, der ich schweigend und ihn betrachtend an seiner Seite ritt, mit sprechenden Blicken an und konnte endlich die auf seiner Zunge schwebende Frage nicht länger zurückhalten, indem er lächelnd sagte:

»Und nun, Sir, wo geht die Reise eigentlich hin?«

»Ja so! Das wollte ich dir eben sagen, du warst nur noch mit anderen Dingen beschäftigt – du kennst also den Viscount Percy von Dunsdale?«

»Gewiß, Sir, er hat damals, als ich noch bei meiner Tante war, in einem Hause mit mir gewohnt.«

»Und auch seine Gemahlin ist dir bekannt, wie?«

»Ah, Miß Ellinor! Jawohl, Sir – o, die kannte ich schon lange, ehe ich den Viscount kennenlernte; sie war Mr. Grahams, des Pfarrers auf Codrington-Hall, Tochter.«

»Dieselbe! Es war ein schönes Mädchen, Bob, oder weißt du das nicht mehr?«

»Ach, warum sollt' ich nicht, Sir! Und eine vortreffliche Dame! Ich sah sie oft, wenn sie im Walde Blumen pflückte oder mit ihrem Vater spazieren ritt – zum letzten Male habe ich sie gesehen, als sie zu ihrer Hochzeit mit Mylord Percy fuhr, und obgleich ihre schönen Augen von vielem Weinen rot waren, sah sie doch aus wie ein lebendiger Engel. Ich durfte ihr sogar die Hand küssen, als sie in den Wagen stieg. Meine Tante hat mir oft gesagt, ich sei ein glücklicher Mensch, künftig in ihre Dienste zu kommen, denn dazu war ich bestimmt, und obgleich sie nur die Tochter eines Geistlichen wäre, der aber noch einmal eine Baronie erben wird, so müßten sie doch alle guten Menschen so lieben und ehren, wie man die vornehmste, schönste und tugendhafteste Frau liebt und ehrt. Das sagte uns meine Tante, und dabei weinte sie, Sir!«

»Hm!« dachte ich, »Miß Ellinor muß sehr schön gewesen sein, wenn sie schon einen Knaben so sehr begeistert hat!« Und während ich dies dachte, verlor ich mich wieder einen Augenblick in die mir von Percy erzählten Begebenheiten, die der Knabe mit seiner natürlichen, harmlosen Beschreibung von Neuem in mir lebendig gemacht hatte.

»Weißt du noch etwas von ihrem ferneren Schicksal?« fragte ich nach einer Weile.

»Nichts weiter, Sir, als daß sie ein großes Unglück gehabt und von ihrem Ehegemahl, dem Herrn Viscount, gleich nach der Trauung getrennt worden ist. Wohin sie gekommen, das weiß ich nicht, und warum dies geschah, ebensowenig.«

»Du würdest sie aber jeden Augenblick wiedererkennen, wenn du ihr irgendwo begegnetest oder ihr Gesicht zufällig sähest?«

»Ach, Sir, so wahr ich Bob heiße! Es war die einzige schöne Dame, die ich in meinem Leben gesehen habe!«

»Auch ihres Vaters erinnerst du dich, nicht?«

»Noch viel besser, Sir, aber wenigstens ebensogut. Er besuchte ja Mylord Percy sehr häufig auf seinem kleinen Pony, Dick genannt, auf dem ich immer reiten durfte, bis er kalt geworden war, denn Mr. Graham hatte es stets sehr eilig. Auch hat er mir bisweilen etwas geschenkt, wofür ich ihm noch immer dankbar bin.«

»Nun, dann wisse, mein guter Bob, fürs Erste, daß ein Hauptgrund meiner Reise die Aufsuchung dieser beiden mir sehr teuren Personen ist.«

»Was Sie sagen! Nun, da bin ich dabei! Ich will schon aufpassen, wenn ich sie von Weitem sehe.«

»Gedulde dich nur, sie werden uns nicht gerade entgegenkommen.«

»Das nicht! Aber ich werde schon Acht haben.«

»Brav von dir! Und nun will ich dir sagen, wohin meine Reise zunächst geht, wenn du mir noch ein Versprechen gibst, welches ich dir jetzt abnehmen will.«

Der Knabe horchte aufmerksam und sah mich beifällig an. Ich fuhr fort:

»Ich habe wichtige Gründe, Bob, meine Reise und deren besondere Zwecke gewissermaßen geheimzuhalten. Du darfst gegen Niemanden wider meinen Willen davon sprechen.«

»Die Hand darauf!« rief der Knabe ehrlich und reichte mir seine behandschuhte Rechte hin. »Und nun, wo geht es zunächst hin?«

»Nach Dunsdale-Castle! Kennst du diese Besitzung auch?«

»Nein, ich habe nur den Vater davon reden hören, als er mit Seiner Ehrwürden, dem Pfarrer Mr. Smith, davon sprach.«

»Noch eine Frage, mein lieber Bob! Kennst du auch vielleicht den Marquis von Seymour, den Vater?«

»Ei, Sir, was werde ich nicht! Er war ja unser schwarzer Mann bei der Tante!«

»Was für ein schwarzer Mann?«

»Nun wir spielten schwarzer Mann, und da sagten wir immer statt: der schwarze Mann kommt – Lord Seymour kommt – ha! wenn er das gewußt hätte! – weil er beständig fluchte und böse war und uns von seinen Wildhütern mit der Peitsche drohen ließ, wenn wir einmal ein Kaninchen aus seinem Gehege in das unsrige hinüberjagten.«

»So! Er war sehr böse?«

»Gerade wie sein Sohn, Sir Mortimer, das war auch ein so schrecklicher Wüterich. Und der war es auch, der den Othello in den Fuß schoß.«

»Was? Woher weißt du das?«

»Das hat nachher ein Jäger meiner Tante erzählt, der dabeigewesen war; aber er hat es ihr erst erzählt, als der Vater fort war und Mylord Percy auch.«

»Und Othello kennst du also auch?«

»Nun gewiß! Ich werde doch meinen Spielkameraden kennen, den großen, prächtigen, schwarzen Othello, mit den ungeheuren Zähnen und den langen Haaren!«

»Das ist mir sehr lieb; und nun will ich dir sagen, daß ich auch deinem schwarzen Manne, dem Lord Seymour einen Besuch abzustatten gedenke –«

»Auf seinem Landgute Codrington-Hall, Sir, wie?«

»So ist es, wenn ich ihn nämlich dort finde.«

»Gerechter Himmel! dann kann ich ja meine Tante Ursula besuchen.«

»Die Erlaubnis hast du, wenn wir dort sind. Ich werde überdies wahrscheinlich mehrere Tage in Codrington-Hall bleiben.«

»Wahrhaftig, Sir, das übersteigt alle meine Wünsche; nun reise ich noch lieber als vorher.«

 

Solcherlei Art waren unsere ersten Gespräche, die ich dem Leser mitteile, weil sie vielleicht einiges Interesse für ihn haben möchten.

Die beiden ersten Tage machten wir wiederum kleine Märsche, ich wollte Bob nicht gleich die Beschwerlichkeiten seiner ersehnten Reise empfinden lassen und glaubte auch, die Pferde schonen zu müssen. Übrigens hatte ich schon in diesen beiden Tagen hinreichend Gelegenheit, Bobs Wahl zu meinem Reisegefährten nicht zu bedauern, denn der Knabe zeigte sich eben so willig wie gewandt, namentlich was die Wartung der Pferde betraf, und war so aufmerksam und zuvorkommend in kleinen Bequemlichkeitsbeweisen, die er mir an den Augen abzulesen schien, daß ich ihn mit jeder Stunde lieber gewann.

Schon sein natürliches und lebhaftes Geplauder ergötzte und zerstreute mich; er offenbarte dadurch, daß er bereits anfing, sich eine Meinung zu bilden, die ich in keinem Fall gering schätzen durfte, da sie stets die einfachste und natürlichste war. Auch verstand er vortrefflich die abweichende Sprache der uns begegnenden Landleute, die mir nicht recht zugänglich war, und wußte aus Jedem, was er gerade wissen wollte, schnell herauszubringen.

Am Ende unserer vierten Tagereise erfuhren wir, daß die Grenze der Grafschaft Dunsdale dicht vor uns liege und unser nächstes Ziel, Dunsdale-Castle selber, nur etwa fünfzehn Meilen von unserem gegenwärtigen Rastorte entfernt sei. Wir brachen daher am nächsten Morgen früh auf, sowohl um die drückende Hitze des Mittags zu vermeiden als auch, um noch vor Tisch an Ort und Stelle zu kommen.

So trabten wir denn an einem köstlichen Morgen eine halbe Stunde weit von unserem Nachtquartier fort, als wir, in größeren Zwischenräumen voneinander entferntstehend, sechs hoch aufgeworfene Grenzhügel hinter einem Graben erblickten, die uns sogleich begreiflich machten, wo wir uns befanden.

Gleich darauf nahm uns ein herrlicher Weg auf. Ein natürlicher Rasenteppich, wie ihn kaum die Kunst schöner hervorbringen kann, bedeckte den schwarzen fruchtbaren Boden meilenweit, und der duftige Schatten eines dicht belaubten Eichenwaldes, wie ich ihn nie in meinem Leben schöner gesehen, kühlte höchst erfreulich unser vom Ritt und der strahlenden Sonne erhitztes Blut.

Es waren uralte Bäume, unter denen wir uns langsam fortbewegten, deren riesenmäßige, wie dunkle Schlangen vom Stamm sich fortschlängelnden Äste sich über der Mitte des breiten Weges kreuzten und so ein Blätterdach bildeten, das von dem blitzenden Sonnenscheine vergoldet schien, aber kaum einen einzigen neugierigen Lichtstrahl hindurchdringen ließ.

Hier hielt ich mein Pferd an; ich fühlte mein Herz lauter pochen, denn ich befand mich auf dem Gebiete des Mannes, dem ich für den Augenblick mein ganzes Streben geweiht hatte, und dessen Angedenken meine ganze Brust schwellend erfüllte.

Ach! diese lieblichen Schatten hatten seine brennende Stirn noch nie gekühlt, noch nie hatte das stille, liebkosende Säuseln der Blätter dieser alten Bäume und der fröhliche Gesang der zahllosen Vögel, die darin nisteten, sein Ohr berührt! An einem für ihn traurigeren und trostloseren Orte, als in einem Kerker schmachtend, hatte er keine Ahnung von der Fülle der Reize, die ihm der gütige Schöpfer auf Erden verliehen, er hatte nie das köstliche Gefühl empfunden, Herr schöner Besitztümer sich zu wissen. Mein ganzes Gemüt war in einer freudigen und doch schmerzlichen Bewegung, als ich hier das traurige Los dieses so vortrefflichen Mannes in meinen Gedanken erwog, denn erst wenn man sah, was er besaß, konnte man berechnen, was er verloren hatte.

»Ach, wie schön ist es hier!« rief Bob, ebenfalls von dem Reize der Umgebung ergriffen, obgleich er nicht ahnen konnte, warum mir diese Gegend doppelt schön und teuer war.

»Wunderschön! herrlich! erquickend!« waren die einzigen Worte, die ich hervorbringen konnte.

Nachdem wir uns aber durch und durch an dem kühlen Schatten gelabt und an dem wundervollen Anblick des Waldes erfreut hatten, trabten wir wieder eine halbe Stunde schweigend weiter, während ich dachte: »Wenn er an meiner Stelle wäre! wie müßten seine Gefühle beschaffen sein, sich zum ersten Male wieder auf eigenem Grund und Boden zu befinden!«

»Da ist es, das ist es!« rief plötzlich laut mein junger Begleiter.

»Was ist da?« fragte ich, so eigentümlich aus meinem Sinnen aufgeschreckt, und hielt die Zügel an.

»Das Schloß, das Schloß – Dunsdale-Castle! Sehen Sie da den breiten Turm, dessen Zinnen die Wipfel der Bäume verdecken, und die blinkenden Fenster, in welchem sich die Sonne spiegelt –«

»Es ist's, es ist's, Knabe, und nun drauflos, was die Pferde laufen können!« rief auch ich in ebenso freudiger Wallung wie das junge Herz an meiner Seite. Und den Pferden die Zügel schießen lassend, jagten wir durch den Wald, als wenn wir auf einer wilden Jagd wären oder mit eingelegter Lanze einen Feind aus dem Sattel heben wollten. Und nicht eher hielten wir in unserem Laufe an, als bis das ersehnte Ziel dicht vor uns lag.

Es war ein köstlicher, labender, gesegneter Anblick, der sich uns darbot. Der Wald öffnete sich allmählich und umzog in einem weiten dunklen Bogen einen großen grünen Raum, in dessen Mitte auf einem ziemlich hohen und terrassenförmig ausgeschnittenen Rasenhügel, hier und da hinter blühendem Gebüsch und malerischen Baumgruppen versteckt, das stolze und schöne Schloß des Viscount von Dunsdale sich erhob.

Lange hielten wir, im Anschauen verloren, an, und ich atmete in dem frohen Bewußtsein, das erste Ziel meiner Pilgerfahrt erreicht zu haben, tief auf.

Das Schloß, augenscheinlich neu erbaut oder wenigstens im Äußeren neu hergestellt, glänzte in der warmen Morgensonne gleich einem funkelnden Sterne in dem Meere des ringsum sich ausdehnenden Blätterwaldes. Es war die unnachahmliche schöne altdeutsche Bauart mit den vielkantigen und ausgezackten Türmen, den mit Spitzbogen verzierten Fenstern und den hoch emporragenden Zinnen, die uns so wohltuend und heimisch entgegenblinkte, wie es nur dieser soliden und königlichen Bauart eigen ist. Nur der nackt und kahl emporragende, auf der höchsten Zinne sich erhebende Flaggenstock zeigte, daß der Besitzer des schönen Schlosses abwesend, wie auch die Einsamkeit, die es in seinem Innern und Äußern zur Schau trug, uns belehrte, daß das lebhafte und den bewohnten Schlössern sonst einen angenehmen Anstrich gebende Gewoge fröhlicher Menschen daraus entfernt sei.

»Nun, Bob, wie gefällt es dir?« fragte ich frohlockend.

»Ach, es ist prächtig, Sie haben Recht, Sir! und da – da, so wahr ich lebe! grasen die kleinen Pferde des Mr. Graham – ich kenne sie, ich kenne sie – das ist Dick und das ist Heinz – sie sind's!«

In der Tat, mittels einer Leine an einem Vorderfuße irgendwo befestigt, nährten sich auf dem üppigen Rasen vor dem Schlosse zwei kleine braune Ponies – mein Herz schlug fast hörbar, und unwillkürlich griff ich nach meiner Brust, denn ich sah, wie Bob mir versicherte, Mr. Grahams, Ellinors Vaters, Pferde, die in den traurigen Begebenheiten, deren Entwicklung ich jetzt entgegenging, auch eine Rolle mitgespielt hatten.

Wie lange ich über diesen einfachen Gegenstand nachgedacht haben würde, weiß ich nicht, hätte Bob mich nicht auf einen Mann aufmerksam gemacht, der, vor einem Gebüsche zur Erde gebückt, die Blumen zu pflegen schien, die in wohlgeordneten Beeten den Rasenhügel verzierten, auf dessen Gipfel das stolze Schloß selbst sich erhob.

»Geh, Bob, und ziehe die Glocke!« sagte ich, und der Knabe ritt an das eiserne Gitter, welches, mit vergoldeten Spitzen geziert, rings um das Ganze lief und gerade vor uns ein prächtiges Tor zeigte, an dem die Schelle hing.

Der reine Ton dieser Glocke zitterte durch die Luft, und der alte Mann, der mit seinen Blumen beschäftigt war, kam, als er ihn hörte, selbst herab, um zu sehen, wer da sei.

In diesem Augenblicke näherte auch ich mich dem Torwege. Der Mann sprach mit Bob, aber ich verstand ihn nicht recht aus der Ferne, denn seine Stimme war leise und durch das Alter gedämpft. Ich sah nur, wie er sich die Hand vor die Augen hielt, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, die ihn blendeten, und wie er, plötzlich laut aufschreiend, das Tor aufriß und mit lautem Frohlocken ausrief:

»Gott sei mir gnädig! Das ist ja meines Herrn Pferd – nur herein, Sir, nur herein! Sie bringen mir Nachricht vom Viscount Dunsdale, oder ich traue meinen eigenen Augen nicht!«

Wir sprangen von den Pferden; der Alte schüttelte treuherzig unsere Hände, wie alten lieben Bekannten – und erst jetzt begriff ich die Absicht Percys vollständig, die er hegen mochte, als er mir sein Pferd anbot, das, ohne mich ein einziges Wort sprechen zu lassen, mich sogleich als seinen Freund ankündigen mußte, wenn ich irgendeinen der Seinigen traf.

Kaum aber waren wir innerhalb des Tores, noch stand es hinter uns offen, als der alte Mann, so schnell er laufen konnte, die marmornen Stufen, die den Hügel zum Schlosse hinaufführten, hinauflief, in einer Seitentür des zunächst stehenden Turmes verschwand und an einer großen Glocke zog, die, ihre lauten Klänge rings versendend, sogleich mehrere Diener herbeizog, denen er hastig einige Worte befehlend entgegenrief.

Man umstand uns, man gaffte uns an, es wußte Keiner, was er zuerst sagen und tun sollte.

Wir folgten endlich dem alten Manne, der uns mit einladenden Worten und beide Arme schwenkend voranschritt, die breiten Stufen zum Hügel hinauf, wo er einen Türflügel öffnete und mit uns in eine halbrunde und mit schönen Bildwerken geschmückte Vorhalle trat – wir befanden uns in der Behausung des edlen Viscount von Dunsdale.

»Hier, Herr, hier!« sagte ich und nahm das Schreiben Percys an seinen Haushofmeister aus meiner Brieftasche, »sind Sie der, an den die Aufschrift dieses Briefes lautet, wie ich aus der Beschreibung des Viscount von Dunsdale beinahe entnehmen kann, sind sie Mr. Trallope?«

»Ja, Sir, der bin ich.«

»So lesen Sie diesen Brief, damit Sie sehen, daß ich wirklich von ihm komme, den Sie zu lieben scheinen – lesen Sie und überzeugen Sie sich genau von Allem, was Ihnen zu wissen nötig ist.«

Ja, Sir, ja!« rief der Alte noch immer in seinem frohlockenden, abgerissenen Tone. »Er lebt also – ist nicht tot – nicht verschollen ach, habe ich es doch immer gesagt!«

»Wohl lebt er, alter Freund«, erwiderte ich, »und in Fülle der Gesundheit lebt er und noch dazu mit der Absicht, bald, recht bald hier zu sein – doch lest, lest, es steht Alles darin!«

Der Alte las aufmerksam und mit einem Entzücken, das aus allen seinen Bewegungen und Mienen strahlte, den Brief, und während des Lesens rief er beständig:

»Ja, ja – er ist's und er lebt noch! – ist nicht tot – und will kommen – ach! das ist schön – und Sie, Sir, sollen Alles sehen, Alles haben – ja, ja!«

»Ja, Sir«, fuhr er fort, als er mit dem Lesen fertig war, »er wird hierher kommen und Gott wird mich segnen für meine frommen Wünsche durch diese seine Erscheinung. Ach, Sir!« schluchzte der Mann und die hellen Tränen liefen über sein gefurchtes Gesicht, »ich habe lange in meines Herrn Familie gelebt – ich habe Vieles mit ihr durchgemacht – und glauben Sie mir – ich habe für meinen Herrn gefürchtet! Und ich liebe ihn so! Ha! ich habe das Kind, den Knaben, den Jüngling Percy gekannt, wie ich seine schöne, teure, unvergeßliche Mutter kannte – was muß das für ein Mann geworden sein! Einen Kopf höher, als alle seinesgleichen! und ein Wuchs und ein Gesicht – und ein Herz dazu! Doch damit Sie sehen, wie ich während seiner endlosen und traurigen Abwesenheit gewirtschaftet und Ordnung gehalten habe, so kommen Sie und untersuchen Sie sogleich, dann wollen wir uns hinsetzen und erzählen – erzählen die halbe Nacht durch, und der alte Keller soll seine rostigen Türen einmal wieder öffnen, und der neue Bratspieß soll seine erste Drehung machen, und im leeren, öden Kamin soll das Feuer ja, das Feuer soll wieder lodern.«

»Aber, Alter«, unterbrach ich ihn, »wir leben ja im Juli!« Und ich konnte kaum die Rührung verbergen, die mich befiel, als ich diese Freude, diese Anhänglichkeit, diese Glückseligkeit sah. Erst jetzt – hier fühlte ich vollkommen, welch ein entsetzliches Schicksal für Percy es war, vier Jahre in einem Irrenhause hinbringen und unter Fremden, Kranken, Wahnsinnigen leben zu müssen, da ihn zu Hause Liebe und treue Hingebung, Freude und Lebensgenuß auf allen Seiten erwartet hatten. Großer Gott –!

Doch ich hatte nicht Zeit, in neue Grübeleien zu fallen; der Alte zog mich fast mit Gewalt durch die schönen Zimmer des Schlosses, die Prachtzimmer, die Wohnzimmer, die Besuchsäle, die Bibliothek und was er mir Alles sonst noch zeigte und nannte.

Und wie fand ich alle diese reichen und kostbaren Räume geschmückt, geordnet, gesäubert! Die goldenen Bilderrahmen der alten Familienstücke und die neueren Gemälde, so rein und glänzend, die Samttapeten so frisch, die dicken, seidenen Vorhänge so sauber und zierlich aufgesteckt, als wäre Alles erst gestern vollendet, und die großen, breiten Spiegel so hell und blank wie der getäfelte und von farbigem Holze geschnitzte Fußboden glatt und blinkend.

»Wie wird Mylord sich freuen, das Alles zu sehen, zu bewohnen und Euch zu danken!« sagte ich.

»Danken, Sir? Was denken Sie! Er soll uns danken! Bei Gott! Das ist ja unsere Schuldigkeit – er soll nur kommen, weiter nichts als kommen, mit seiner schönen Gemahlin, und die Freude, die er uns damit macht, soll unsere ganze und alleinige Belohnung sein!«

Nachdem wir alle bewohnbaren Räume des Schlosses durchwandert hatten und ich noch durch Lobsprüche, die mir vom Herzen kamen, weil ich in der Tat Alles lobenswert fand, die unschuldige Freude Mr. Trallopes vermehrt hatte, zeigte er mir den ebenso wohl erhaltenen und mit auserlesenen Obstbäumen und Blumen ausgestatteten Gartenpark, wie auch endlich die Remisen, die Ställe und die Pferde darin, die großenteils noch von der Hinterlassenschaft des Vaters der verstorbenen Lady Seymour herrührten. Ich fand außer einigen ausgezeichneten Rennern sechs bis acht schöne kräftige Zugpferde, und diese, wie auch der Anblick einer leichten Jagdkalesche, erregten in mir einen neuen Gedanken, auf den ich jedoch nachher noch zurückkommen werde.

Nachdem nun auch dies bis in die kleinsten Einzelheiten besichtigt war und ich alle Erzählungen darüber von meinem leutseligen Führer vernommen hatte, kehrten wir in die freundliche Vorhalle des Schlosses zurück, wo mir der Haushofmeister seine getreue Ehehälfte, Mrs. Trallope, die sich unterdessen in Staatskleider geworfen hatte, vorstellte. Sie war eine bejahrte, wohlbeleibte Frau von phlegmatischem Temperament, ohne die so häufige, beschwerliche Redseligkeit vieler ihrer Schwestern, hatte aber den Fehler der Zerstreutheit und Vergeßlichkeit an sich, die ihre Rede oft langweilig und ihre Erinnerungen höchst oberflächlich machten. Daher war denn, auch ihre Freude, einen Freund Seiner Herrlichkeit, ihres Gebieters, zu sehen und von diesem sprechen zu hören, eine ungleich gemäßigtere und stillere als die ihres Mannes, denn sie entsprach völlig ihrer Gemütsart.

Nachdem sie mich bewillkommnet und ich ihr die Versicherungen meiner lebhaften Freude, sie kennenzulernen, dargebracht, fragte sie mich, ob ich befehle, sogleich zur Tafel zu gehen, oder eine spätere Stunde nach Belieben dazu bestimmen wolle. Da indessen mein Appetit durch den Morgenritt nicht wenig vermehrt worden, war es mir angenehm zu hören, daß Alles bald bereit sei, und auf mein Gesuch, mir die Ehre ihrer Gesellschaft bei Tische zu schenken, erhielt ich die Antwort, daß ich sehr gütig sei und daß sie nicht ermangeln werde, meinen Befehlen Folge zu leisten, zumal sie auch um diese Stunde zu speisen gewohnt sei. Demnach ertönte sogleich die Eßglocke, und wir setzten uns an den eilig bestellten aber wohl besorgten Tisch, wobei ich Gelegenheit fand, zu bemerken, daß in den so lange verschlossenen Kellern der Wein nicht verdorben sei und der neue Bratspieß so vortreffliche Dienste zu leisten vermöge, wie es irgend nur der alte mochte gekonnt haben.

»Haben sie alle Papiere und Rechnungen geordnet«, fragte ich den Haushofmeister während des Essens, »damit wir nach Tisch unsere Geschäfte bald beendigen können?«

»Alles ist zu Ihrer Ansicht bereit, Sir, es liegt auf meinem Zimmer in dem eisernen Kasten«, erwiderte der Mann.

Als der Nachtisch aufgetragen war, konnte der alte Herr seine Neugierde nicht länger bezähmen und legte mir so bestimmte Fragen über seinen abwesenden Herrn vor, daß ich mich endlich genötigt sah, die Mitteilungen, die ich ihm über den Viscount von Dunsdale zu machen mir vorgenommen, nun endlich zum Besten zu geben.

»Sie haben gewiß von Phillipps, Seiner Herrlichkeit Diener, gehört«, fing ich an, »daß Mylord Willens war, mit seiner schönen Gemahlin hierher zu kommen?«

»Ja, Sir, ja, das habe ich von ihm gehört!«

»Nun gut, so wissen Sie auch durch das Ausbleiben Seiner Herrlichkeit, daß seine Reise und sein Vorhaben unterbrochen wurde, und zwar durch Ereignisse die ich nicht befugt bin, Ihnen in aller Weitläufigkeit mitzuteilen, die Ihnen aber in Zukunft höchst wahrscheinlich bekanntwerden dürften.«

»Ja, Sir, ja, das vermuten wir.«

»Genug, es war durch unglückliche und unvorhergesehene Umstände eine Trennung Seiner Herrlichkeit von seiner Gemahlin notwendig, die beiden Teilen eben nicht erwünscht und deren Dauer unbestimmt war.«

»Hm, ja! Das glaube ich.«

»Durch diese plötzliche und übereilte Trennung nun, die, wie gesagt, in keinem der beiden Teile ihren Ursprung hatte –« »Ich verstehe, Sir!«

»Ereignete sich der unerwartete Fall, daß Mylord Percy, auf einer weiten Reise ins Ausland begriffen, seiner Gemahlin keine bestimmten Nachrichten über seinen zeitweiligen Aufenthalt konnte zukommen lassen, welche Erstere jedoch in England verblieb und, von einem Orte zum andern reisend, jeden Augenblick mit Sehnsucht die Rückkehr des Viscount erwartete.«

»Schön! Aber wo ist sie denn jetzt?«

»Ja – das eben ist die Frage, die kein Mensch beantworten kann und ich Ihnen vorlegen wollte, denn ich glaubte, sie würde vielleicht hierher gekommen sein und auf Seiner Lordschaft Ankunft gewartet haben, der eben jetzt in Begriff steht, nach Dunsdale-Castle endlich zurückzukehren.«

Der Haushofmeister, der ein Glas guten alten Weines getrunken hatte, sah mich und seine Frau etwas verblüfft an, als könne der Fall eintreten, daß man ihm die Schuld der Abwesenheit der Gemahlin seines Gebieters beimessen würde.

»Nein, Sir, nein!« stammelte er äußerst verlegen, »sie ist niemals hier gewesen – das ist ein schwerer Punkt –«

»Ein höchst verdrießlicher Punkt!« sagte ich, »und es bleibt uns, da alle ihre Briefe wahrscheinlich verlorengegangen sind, nichts weiter übrig, als anzunehmen, daß sie zu irgendeinem zerstreut lebenden Verwandten gegangen sei und sich dort bis auf weitere Nachrichten aufhalten werde oder –«

»Aber wer und wo sind denn diese Verwandten?«

Diese Frage war für mich eine sehr verfängliche. Ich mußte entweder die Wahrheit oder die Unwahrheit sagen, Beides aber wollte ich nicht und daher umging ich sie in meiner Antwort, indem ich fortfuhr:

»Oder daß Lady Dunsdale ihrem Gemahl nachreist und vielleicht immer da anlangt, wo er vor ihr gewesen ist. Und da ich nun der Meinung war, sie werde, wenn sie nicht selbst hier sei, doch wenigstens irgendeine Nachricht hierher gesandt haben, so wollte ich diese von Ihnen in Empfang nehmen.«

»Ach so, Sir! Nein, das ist sehr traurig – mir hat Niemand eine Nachricht zugesandt, ich weiß nichts davon.«

»Halt, lieber Mann, und Sie, Sir, entschuldigen Sie«, fiel die Frau in ihrem ruhigsten Tone ein, »da fällt mir soeben etwas ein. Es mögen jetzt etwa sechs Wochen sein – es war, glaube ich, als du zum Pächter Thomson geritten warst –«

»Das sind sieben Wochen her.«

»Nun gut, sieben Wochen, daß – daß in der Nachmittagsstunde – so um vier Uhr –«

»Meinetwegen auch fünf Uhr! – fahr nur schnell fort!«

»Daß ein Wagen vorfuhr, in dem eine junge Dame und ein alter Herr saßen, die nach Seiner Herrlichkeit, dem Viscount von Dunsdale, sich angelegentlich erkundigten –«

»Was!« riefen der Mann und ich zugleich.

»Und du hast mir kein Wort davon gesagt?« setzte der Haushofmeister hinzu.

»Ich hab's vergessen, mein Kind, es ist so viel zu tun hier.« »Und ist denn kein anderer Mensch dabei gewesen, als sie vorfuhr?«

»Keine Seele, mein Schatz, ich stand gerade im Torwege.« »Wie und mit wem kam sie und woher?« fragte ich, so schnell ich konnte, denn ich hatte sogleich eine richtige Vermutung.

»Wie gesagt, in einem Wagen kam sie und mit einem alten Herrn.«

»Hat sie denn keinen Namen genannt?«

»Daß ich nicht wüßte, Sir!«

»Aber wie sah sie aus und was fragte sie?«

»Ach, Sir, schön, sehr schön sah sie aus, obgleich etwas blaß und traurig. Sie fragte, ob Seine Herrlichkeit in Dunsdale sei? Und auf meine Antwort, seit vier Jahren sei er nicht hier gewesen und wir hätten auch nichts von ihm gehört, seufzte sie und gab mir – ja richtig – nun besinne ich mich – und gab mir einen Brief.«

»Was! und kein Wort weiß ich davon!« rief Mr. Trallope auf das Ernstlichste erzürnt, indem er die Serviette heftig auf den Tisch warf.

»Ich hab's vergessen, dir zu sagen, mein Kind –«

»Zum Teufel mit deiner Vergeßlichkeit, und da soll –«

»Wo ist dieser Brief?« unterbrach ich ihn.

»Ja, Sir – wo ist der Brief? Hm! Warten Sie, warten Sie – ich muß mich besinnen – ja, ja, ich glaube, in meinem Schranke muß er sein –«

Und die vergeßliche Frau, die ihr sonst so friedlich gesinnter Mann zum Teufel wünschte, ging hinaus, den Brief zu holen. Nach einiger Zeit aber, während welcher Mr. Trallope wütend und schnaubend im Zimmer umherlief und zur Abwechslung pfiff, kam sie wieder und meldete uns zu unserem Schrecken, daß es ihr für jetzt unmöglich sei, den Brief zu finden, sie wisse nicht bestimmt, ob sie ihn in den Schrank oder woanders hingelegt habe, werde sich aber gewiß besinnen.

»Wie sonderbar!« dachte ich. »Vor sechs Wochen sollte Lady Ellinor hier gewesen sein, gerade zu der Zeit, als ich Percy in St. James kennenlernte. So merkwürdig sind die Spiele des Schicksals.«

»Wissen Sie weiter nichts von der Dame, hat sie nichts weiter gesagt?« fragte ich.

»Nichts, Sir, nichts, gar nichts. Sie gab den Brief und fuhr ab.«

»Fiel Ihnen gar nichts bei oder an der Dame auf?«

»Nein, Sir, nichts! doch – ja, doch! ein großer schwarzer Hund sprang aus dem Wagen, als er hielt – ich habe mich noch vor ihm gefürchtet, denn er war so groß wie Mimi, unsere kleine schwarze Kuh –«

»Sie war's, sie war's – es ist richtig!« rief ich frohlockend. »Und wo fuhr sie hin? Welchen Weg nahm sie?«

»Nach London zu, Sir!«

»Nach London!« ächzte der Alte sarkastisch und warf seiner Frau einen entsetzlichen Blick zu. »Es liegen viele Örter zwischen Dunsdale-Castle und London! Daß dich das Wetter – und ich mußte auch gerade nicht zu Hause sein!«

»Das ist Schicksal, mein Lieber!« sagte ich und sann nach.

»London!« dachte ich, »das war etwas; das Andere wird wohl in dem Briefe stehen. Ich werde auch nach London gehen, unbezweifelt ist sie dann zu ihrem Oheim, Sir William Graham, gegangen, und ihr Vater war bei ihr – das ist wenigstens etwas.«

»Also Sie sind sicher, daß sie es war?« fragte der Alte, der von seinem Zorne etwas zurückkam, als er sah, daß ich nicht ganz unzufrieden war.

»Ich bin dessen vollkommen gewiß; es war Lady Dunsdale, Seiner Herrlichkeit Gemahlin, die ich suche, die Mylord Percy sucht und die Niemand finden kann – um Gotteswillen, bemühen Sie sich um den Brief, Mrs. Trallope, er ist von der höchsten Wichtigkeit.«

Sie versprach es und entfernte sich abermals.

»Und nun noch eine Frage, mein lieber Mr. Trallope, haben Sie neuerdings nichts von Seiner Herrlichkeit, dem Marquis von Seymour, gehört?«

»Nichts, Sir, gar nichts, und schon seit ebensovielen Jahren nichts, als sein ältester Sohn, eben dieser Viscount Percy, Ihr Freund und mein Gebieter, so plötzlich verschwand – es war gerade die merkwürdige Zeitungsnachricht, die mir zuletzt in die Hände fiel – Sie werden wissen –«

»Wohl weiß ich – nun?«

»Eine Nachricht, die mich zwar sehr betrübte, die aber, wenn Sie mir ein aufrichtiges Wort zu reden erlauben, so lügenhaft ist wie irgendeine. Wenn ich Mylord Percy wäre, so würde ich – ach! was würde ich nicht – doch –«

»Wieso lügenhaft?« fragte ich, »man berief sich ja auf die Gerichte – he?«

»Und doch ist sie verdammt lügenhaft, denn ich kenne trotz ihrer juristischen Kniffe und Windbeuteleien, die sie angewendet haben mögen, noch Einen, der die echte Wahrheit beweisen kann, und der bin ich, Sir – ich! Denn ich war auch bei der wirklichen Hochzeit gegenwärtig, woran vielleicht kein Mensch mehr denkt, da es beinahe neunundzwanzig Jahre her sind – und das dumme Weib, meine Frau, war auch dabei, doch die wird das längst vergessen haben!«

»Es ist mir lieb, daß Sie mir das sagen, ich werde es nicht vergessen.«

Ich war in der Tat höchst erfreut über diese Auffindung eines Zeugen, die also doch noch nicht alle von der Erde versehwunden waren, wie selbst Percy anzunehmen schien.

»Doch fahren Sie fort, mein alter Freund!«

»Ja, Sir, die Nachricht betrübt mich sehr, mich, den alten Diener der ehrenwerten Familie des Viscount von Dunsdale. Allein, da ich Mylord Percy wenigstens sein Erbteil als ältester Erbe dieser Familie antreten sah, kümmerte ich mich um die Seymours nicht so viel. Auch war Mylord Percy reich genug von seiner Mutter Vater her, um ohne jene ihm freilich gesetzlich zustehenden Güter leben zu können, und wer weiß, ob Seine Herrlichkeit so glücklich mit den Reichtümern dieses seines Vaters geworden wäre, wie er sicher ist, es mit denen seines Großvaters und seiner Mutter zu werden!«

»Wieso? Noch mehr als viel, dächte ich, könnte in Bezug auf Geld einem vernünftigen Manne nicht schaden?«

»Nun ja, Sir, es ist wohl so, aber es ist auch anders – hm! Gott vergebe Mylord Seymour seine Handlungen, wie mir die meinigen; aber ich dächte, es wäre einiger Unterschied zwischen Reichtümern, von wem sie ererbt und wie sie angewendet werden! Und was Lady Dunsdale – der Herr habe sie selig! – anbetrifft, so hat sie ihm gewiß vergeben, aber noch ein höherer Richter lebt über uns, wie Sie wissen werden!«

Dies: wie Sie wissen werden, welches der Alte mehr auf die Vorfälle zwischen dem Marquis von Seymour und seiner Gemahlin als auf den höheren Richter bezogen zu haben schien, war mir ein Fingerzeig, meine Forschungen in dieser Richtung einzustellen, da der Alte das, was er wußte, auch bei mir als bekannt voraussetzte. Freilich hätte ich durch einige nähere Andeutungen seinerseits, die ihm abzulocken ein Leichtes gewesen wäre, klarere Aufschlüsse über diese mir noch ziemlich unbekannten Verhältnisse erhalten können, allein ich fühlte keinen Beruf in mir, mich in Geheimnisse einzudrängen, die selbst Percy mit dem Schleier des Schweigens vor mir verhüllt oder sich gestellt hatte, als sei er selber mit ihnen nicht vertraut. Deshalb schwieg ich denn auch nach den letzten Worten des Haushofmeisters, der mit seinen Herzensergüssen ebenfalls zu Ende zu sein schien, und wir standen vom Tische auf.

Aus dem Speisezimmer begaben wir uns in das Wohngemach Mr. Trallopes, denn es drängte mich, die Papiere des Viscount zu besichtigen, indem ich immer noch eine unbestimmte Hoffnung hegte, es werde sich unter ihnen eine Nachricht von Ellinor vorfinden!

Der Alte hatte Recht, wenn er mir sagte, es sei Alles in der besten Ordnung, denn ich fand es vollkommen so. Zuerst legte er mir die Überweisungen des Notars Seiner Herrlichkeit aus London vor, die der Empfänger im Namen seines Herrn quittiert und beantwortet hatte, dann kamen die Rechnungen und Belege der durch die Pächter eingekommenen Gelder, und auch diese waren in genauester Richtigkeit. Die vom Notar eingegangenen Gelder waren sämtlich in Papier vorhanden, die der Pächter großenteils ebenfalls, doch war auch einiges Gold dabei.

Wie ich es mit Percy verabredet hatte, nahm ich das Gold und einen Teil der Papiere, bescheinigte, wieviel ich vorgefunden und wieviel ich selbst mitgenommen, gab dem Haushofmeister zu seinem eigenen Bedarf eine Abschrift dieser Bescheinigung und ließ den Kasten wieder an seinen sicheren Ort unter Schloß und Riegel tragen.

Eine größere Arbeit aber war es, sämtliche eingegangene Briefe zu durchlesen; ich nahm sie mit auf mein Zimmer und brachte fast den ganzen Nachmittag und Abend mit ihrer Durchsicht hin. Keine einzige Adresse derselben war von einer Frauenhand geschrieben, wonach ich sogleich gesehen; die meisten stellten sich nach ihrer Eröffnung als freundschaftliche Ergüsse vom Aus- und Inlande dar, keiner jedoch enthielt etwas, was zu den Angelegenheiten, in welchen ich jetzt reiste, in irgendeiner Beziehung stand.

Bereits war ich zu den letzten Briefen gekommen und hatte eben ein kleines Billet erbrochen, als ich, schon über das feine Seidenpapier erstaunt, die Unterschrift betrachtend, in die größte Spannung und Freude versetzt wurde, die jedoch bald wieder schwand, als ich es zu Ende gelesen hatte.

Der Brief war in der Tat von Ellinor, obwohl schon vom vorigen Jahre her datiert und in einem kleinen Orte geschrieben, der ungefähr mitten auf dem Wege von Dunsdale-Castle nach London lag. Er enthielt wörtlich folgende wenige Zeilen:

»Mein teurer Percy! Gott nur allein weiß, ob dieser Brief wie die früheren, die ich an Dich geschrieben, in Deine Hände gelangen wird; aber obwohl ich in diesem Glauben fast verzweifle, werde ich nicht müde, Dich mit meinen Wünschen und Segnungen zu verfolgen, wenn sie auf Erden Dich auch nicht mehr erreichen sollten. Daß Du lebst, sagt mir mein Herz, denn wie könnte es sonst noch von Hoffnung aufrecht erhalten werden – daß Du aber zu schweigen und von Deiner Ellinor entfernt zu bleiben gezwungen bist, sagt mir der traurige Umstand, daß ich nie etwas von Dir vernehme.

Wärst Du in Freiheit und im Besitz Deines Willens, so bin ich überzeugt, daß Dich nichts abhalten würde, schriftlich sowohl wie persönlich nach mir zu forschen. Möge es Gott gefallen, mir noch so lange mein Leben zu lassen, bis ich wenigstens weiß, daß Du glücklich bist – ach! für mich hoffe ich ja doch nichts mehr! Man hat eine Mauer zwischen uns aufgerichtet, die nicht zu übersteigen ist – ach! daß der Fluch eines solchen Vaters im Himmel erhört werden muß!

Ich sende diese Nachricht nach Dunsdale-Castle; dorthin wirst Du ja wohl zuerst Deine Schritte lenken, wenn Du wieder in Freiheit, und dahin vermag ja auch Dich und mich die Rache derer am wenigsten zu verfolgen, die bis jetzt zwischen uns und unsere Liebe getreten sind.

Wir gehen, das heißt: ich und der Vater, der Dich herzlich grüßt, nach London zu Sir William Graham, meinem Oheim, der seine Geschäfte niedergelegt hat und unserer Pflege bedarf; dort findest Du mich gewiß. Sollte eine Veränderung in unserem Aufenthalte eintreten, so soll die Kunde davon wieder nach Dunsdale-Castle gelangen.

Lebe wohl, Du einzig und endlos Geliebter! Wenn auch mein Herz vor Sehnsucht und Wehmut krank ist – Gott hält aufrecht, standhaft und ergebungsvoll

Deine Ellinor

 

In diesem so schönen Briefe fiel mir zweierlei auf. Einmal schien er mir etwas zurückhaltend zu sein, dann aber deutete die Schreiberin wiederholt auf einen Gesundheitszustand hin, der mir nicht ganz wahrhaft erscheinen wollte. Das Erste konnte eine Folge früher vergeblich abgesendeter und genauerer Nachrichten sein, das Zweite ließ mich in das schonungsvolle Herz Ellinors blicken, die Percy verbergen wollte, was sie litt. Daß sie leidend und nicht in geringem Maße leidend war, schien mir gewiß.

»Möge es Gott gefallen, mich so lange am Leben zu lassen«, und »wenn auch mein Herz usw. krank ist, Gott erhält mich aufrecht«, diese Worte flößten mir eine ernsthafte Besorgnis um dieses teure Leben ein, denn sie schienen mir nur der Deckmantel eines tieferliegenden körperlichen Übels zu sein.

Und wie? Sie gab an, in London zu bleiben, und wollte, wenn sie ihren Aufenthaltsort veränderte, wieder Nachricht nach Dunsdale-Castle senden? Nun war sie aber selbst vor sechs Wochen hier gewesen und hatte einen Brief eigenhändig abgeliefert; war in diesem die Nachricht enthalten, die sie versprochen, und hatte sie wirklich ihren Wohnungsort verändert? Und wo war der Brief, den sie selbst gebracht? Von ihm hing mein ganzes Unternehmen ab!

Er wurde gesucht, aber er fand sich nicht. Fast den ganzen folgenden Tag beschäftigten wir uns mit Suchen, wir kehrten beinahe die Wohnung des Haushofmeisters um – aber nirgends der Brief.

Ermüdet von der unaufhörlichen Spannung, in welche man sich bei einem so verdrießlichen Geschäft, wie es das vergebliche Suchen nach einem wichtigen Gegenstande ist, stets zu versetzen pflegt, und gegen die alte zerstreute Mrs. Trallope aufgebracht, die uns diese Verlegenheit ganz allein bereitet hatte, wie auch endlich voller Besorgnis über das Geschick Ellinor's, brachte ich die letzten Stunden in Dunsdale-Castle ebenso unruhig wie ärgerlich zu.

Sorgenvoll, erbittert und ohne eigentliche Tätigkeit, die das beste Hilfsmittel bei solchen Gelegenheiten ist und hier überdies so notwendig war, beschloß ich am Morgen des dritten Tages nach meiner Ankunft, mich wieder auf die Reise zu begeben, während ich dem Haushofmeister die zweckmäßigsten Anweisungen in Bezug auf sein ferneres Verhalten hinterließ.

»Mein lieber Mr. Trallope«, sagte ich zu ihm, »über Eins freue ich mich in Dunsdale-Castle, und über das Andere bin ich traurig. Ich habe Alles im besten Zustande vorgefunden, wie Mylord Percy mir es von Ihnen vorhergesagt und erwartet hatte, und das erfreut mich. Daß ich aber den Zweck, dem ich außerdem nachging, nicht erreichte, ja, in meinem Nachforschen nach Mylord Percys Gemahlin in manche Verwirrung geriet, das betrübt mich sehr.«

»Jawohl, Sir, jawohl – Sie meinen den fatalen Brief –«

»Den meine ich! Und gerade der Verlust dieses für mich und meine ganze Reise höchst wichtigen Briefes ist das Schlimmste, was mir hier begegnen konnte. Auf ihm beruhte alle meine Hoffnung und er allein ist die Ursache, daß ich nicht so froh von Ihnen scheide, wie ich erwartungsvoll gekommen bin. Jedoch man muß den Mut nicht sogleich verlieren, es wird mir noch manches fehlschlagen, und der Brief kann auch nach meiner Abreise wider Erwarten aufgefunden werden. Sparen Sie keine Mühe, keine Zeit, und sollten Sie so glücklich sein, ihn zu finden, so senden Sie ihn mir auf der Stelle durch einen sicheren Boten, nicht mit der Post, denn sonst könnte er mich wieder verfehlen. Senden Sie ihn alsdann zunächst nach Codrington-Hall, wohin ich mich jetzt begebe, und sollte er mich da nicht mehr treffen, an die Adresse, welche ich dem Haushofmeister in Codrington-Hall hinterlassen werde.«

Die Vorsichtsmaßregel gebrauchte ich, weil ich nicht bestimmt wußte, ob ich den Marquis von Seymour auf seinem Landsitze finden und wie lange ich bei ihm zu bleiben genötigt sein würde, wenn er mich überhaupt bei sich zu behalten für gut fand. Traf ich ihn aber nicht daselbst an, so war ich entschlossen, ihm sogleich nachzureisen, mochte er sein, wo er wollte.

»Also, Sie haben mich richtig verstanden, Mr. Trallope?«

»Jawohl, Sir – nach Codrington-Hall zunächst – es soll Alles, wie Sie wünschen, besorgt werden.«

»Dann aber seien Sie auch aufmerksam auf etwa einlaufende Nachrichten – es könnten wieder Briefe abgegeben werden –«

»Seien Sie außer Sorge und setzen Sie kein Mißtrauen in mich. Ohne mein Vorwissen sollen keine Briefe mehr abgegeben und angenommen werden.«

»Und wenn wieder ein Wagen vorfährt –«

»O, ich verstehe – seien Sie außer Sorge – der Teufel der Vergeßlichkeit soll nicht alle Tage hier sein Wesen treiben.«

»Und alle neuen Briefe werden mir ebenfalls nachgeschickt, nötigenfalls mit einem neuen Boten –«

»Gewiß, Sir, ganz gewiß! Ich kenne meine Schuldigkeit.«

»Fürs Zweite aber halten Sie sich bereit, meinen Anordnungen im Namen Seiner Herrlichkeit auf der Stelle nachzukommen. Denn es könnte der Fall eintreten, daß ich Ihnen Nachricht sende, mir sogleich einige Pferde und Wagen irgendwohin zu schicken säumen Sie dann keinen Augenblick, jede Minute ist ihm und mir kostbar. Was Ihnen in allen diesen seltsamen Vorfällen jetzt noch unklar ist, soll Ihnen künftig deutlich werden, und nun, mein bester Mr. Trallope, lassen Sie sogleich meine Pferde herausführen und leben Sie wohl!«

Der gute Mann sprach einige Worte des Abschieds und entfernte sich dann, um meine Befehle ausführen zu lassen.

In Bezug auf die Mittel meines Fortkommens hatte ich einige Augenblicke geschwankt, ob es nicht geratener wäre, eine Jagdkalesche zu nehmen, mit vier von Percys Pferden so rasch und weit wie möglich zu fahren und dann mit Postpferden weiterzugehen. Ohne Zweifel war diese Art zu reisen bequemer und brachte mich schneller an die Orte, die ich erstrebte.

Was jedoch meine Bequemlichkeit betraf, so fühlte ich mich nicht im Mindesten geneigt, derselben auch nur den kleinsten Vorteil für Percy zu opfern, daher kam sie hier gar nicht in Betracht. Etwas Anderes jedoch war es mit der Schnelligkeit meiner Beförderung. Ja, ich reiste schneller – aber erreichte ich in Wahrheit dadurch mehr? Ich glaube nicht. Konnte ich, in einem Wagen sitzend und auf der gewöhnlichen großen Fahrstraße mich bewegend, konnte ich da überall, wo ich wollte, die nötigen Forschungen anstellen und alle die kleinen Spuren, die sich mir boten, auf der Stelle verfolgen? Gewiß nicht! Zu Pferd aber konnte ich langsamer, schneller, mit einem Worte ganz nach Erfordernis reisen, ich konnte halten, warten, Erkundigungen einziehen, ja umkehren, wann und wohin es mir beliebte und wie es mir notwendig erschien. Auch hatte Percy selbst – und das gab diesmal den Ausschlag – meine Art zu reisen bestimmt, und ich war vollständig überzeugt, daß er gute Gründe dafür hatte. Mißlang mir zu Wagen meine Aufgabe, so konnte er mir vorwerfen, daß ich von dem mir vorgeschriebenen Wege abgewichen wäre, mißlang sie mir zu Pferd, so war ich nur seinen eigenen Wünschen nachgekommen. Nichtsdestoweniger aber würde ich, wenn Klugheit oder Notwendigkeit es dringend erfordert hätte, unbedingt meine Transportmittel gewechselt haben; das war jedoch für jetzt noch nicht der Fall, obgleich er später eintreten konnte.

Diesen guten Gründen nun gemäß zu handeln, beschloß ich unbedenklich, meine Reise fürs Erste so fortzusetzen, wie ich sie angefangen hatte. Und diesen Entschluß führte ich aus. Die Zukunft aber wird lehren, daß der Erfolg meiner diesmaligen Entscheidung entsprach.

Die Pferde, wohlgenährt und gepflegt, kamen herbei. Wir stiegen auf, und unter den Segenswünschen der ganzen um uns versammelten Dienerschaft ritt ich mit meinem guten Bob an einem Sonntagmorgen von Dunsdale-Castle ab und begab mich sogleich auf die Straße nach London, die ich jedoch nach einigen Stunden wieder verließ, um mich der Richtung zuzuwenden, in welcher Codrington-Hall lag – denn das sollte das nächste und gerade nicht angenehmste Ziel meiner gegenwärtigen Reise sein.


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