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7. Kapitel

Der nächste Morgen kam und mit ihm in meinem Herzen die gespannte Erwartung, auf welche Weise der Irre seinen Vorsatz ausführen und mir seine Geschichte erzählen würde.

Ich begab mich nach dem Frühstück in den Park, wo ich ihm zu begegnen und das Nähere seines Entschlusses zu hören hoffte. Aber er war noch nicht da, obgleich ich alle Übrigen schon in vollster Tätigkeit fand.

Besonders aber zeichneten sich vor Allem die Darsteller des »König Lear« aus, indem sie, anderweitige Geschäfte und Spiele zur Zeit vergessend, sogar die Frühstückstunde überhörten, um ihren ganzen Eifer auf das Studium und die Erlernung ihrer Rollen zu verwenden, denn die ersten Proben waren bereits, nachdem die Leseprobe glücklich überstanden, angesetzt worden. Ihre Rollen in der Hand, von den Übrigen abgesondert, gingen oder liefen sie vielmehr an den einsamsten Stellen des Parkes auf und nieder, indem sie laut vor sich hin redeten und ihre Gesten probierten; und ich glaube, wenn ihnen Jemand jetzt ihre Freiheit hätte schenken wollen, sie hätten dieselbe nicht angenommen, um nur nicht den Ruhm zu verlieren, ihre Rolle in dem Trauerspiele gut aufgefaßt und mit Beifall durchgeführt zu haben.

So aber ist der menschliche Geist, im gesunden wie im kranken Zustande – wenn irgendein wichtig erscheinendes Phantom vor ihm schwebt. Was ist die Wirklichkeit mit allen ihren Reizen, ihren reellen Genüssen und Vergnügungen gegen das traumartige Nebelbild eines vor der Seele schwebenden Gedankens in der aufgeregten, und entflammten Phantasie eines Denkers!

Um elf Uhr trat der Irre in den Park und näherte sich mir mit einer gewissen Vorsicht, denn er fühlte wie ich, daß wir gerade jetzt bei unserem immer näher rückenden Vorhaben darauf bedacht sein müßten, jeden möglichen Verdacht von demselben fernzuhalten.

»Guten Morgen!« sagte er und reichte mir die Hand. »Kommen Sie wieder hinauf nach dem Hügel, da sind wir wenigstens von drei Seiten vor Horchern sicher; ich habe mit Schrecken vernommen, daß einige der jüngeren Spürhunde seit einiger Zeit Deutsch lernen müssen, wie andere schon Französisch verstehen, und das ganz in der Eile und in aller Stille. Wie gefällt Ihnen das? Ohne Zweifel eine kluge Maßnahme, um recht inquisitorisch zu verfahren und alle Geheimnisse aus der ersten Hand erhaschen zu können. Ich glaube, sie wollen jetzt allen Ernstes wissen, was wir Beide so eifrig miteinander zu tun haben, und ich muß Sie um Gotteswillen bitten, keinen Augenblick aus Ihrer Gemütsruhe zu fallen oder irgendeine menschliche Leidenschaft blicken zu lassen, die hier verpönt ist, sonst könnte man Ihnen ebenfalls ein kaltes Spritzbad zur Abkühlung verordnen.«

Er lächelte, als er dies sagte, und bewies dadurch ebenfalls, daß er bei gesundem Verstande sei, wie er es durch seinen Gesang getan hatte. Denn der Oberarzt hatte diesen Morgen gegen mich behauptet – und hierin stimmte ich ihm unbedingt bei – daß wirklich Verrückte nicht lächeln könnten; wenn sie es versuchten, so lachten sie entweder oder grinsten; nur den geistesklaren Menschen allein sei es gegeben, mit Ruhe zu lächeln.

»Ja, ja!« fuhr er fort, »man ist hier überaus schnell und läßt kein Mittel unbenutzt, um zum Ziel zu kommen; auch in St. James gibt es Jesuiten. Haha! Aber wir sind noch schneller und klüger als sie, denn wir kommen ihnen zuvor, und ehe sie unsere Sprache verstehen können, sind wir über alle Berge. – Hören Sie nur, es wird heute Nacht gehen, besser sogar als ich dachte. Ich habe ausgekundschaftet, wer diese Nacht mein Wächter ist. Es ist Einer von denen, die mir am meisten wohlwollen, nicht allein, weil sie von Zeit zu Zeit ein kleines Geschenk empfangen, sondern weil ich ihnen dann und wann erlaube, mit mir zu plaudern, und nichts gewinnt diese Art Menschen mehr, als wenn sie sehen, daß man sie der Unterhaltung und des Meinungsaustausches für wert hält. Sehen Sie, dort ist er, und ich werde gleich meinen Vorsatz bei ihm ausführen.«

Während wir dem bezeichneten Manne langsam entgegengingen, machte ich Mr. Sidney den Vorschlag, der mir anfangs besser gefiel und leichter ausführbar erschien, mir lieber auf seinem eigenen Zimmer seine Geschichte zu erzählen.

»Das geht gar nicht«, erwiderte er, »so leicht es auch scheinen mag. Als Gesunder dürfen Sie keine Laune haben, Nachts spazieren zu gehen; würden Sie bei mir entdeckt, und wie wollen wir Jemanden abhalten, auf mein Zimmer zu kommen, so hätten wir Beide Unannehmlichkeiten davon. Ihr Zimmer aber zu durchsuchen wird keinem Menschen einfallen. Und erfährt man auf irgendeine Weise, daß ich – ein Bewohner des Hauses und in das Register der Irren Eingetragener – daß ich außerhalb meines Zimmers gewesen bin, nun, so hält man es höchstens für eine mit meiner Krankheit übereinstimmende Handlung, und ich gebe alsdann als Grund meines nächtlichen Spazierganges Unruhe, Schlaflosigkeit, Hitze oder sonst irgendetwas an.«

»Das kann ich aber auch –«

»Freilich, das können Sie gewiß, aber Sie werden nicht, wenn Sie frische Luft schöpfen wollen, drei Treppen hinaufsteigen, um sich in dem Zimmer eines Wahnsinnigen zu erholen, sondern der Natur der Sache gemäß werden Sie sich ins Freie begeben.« »Ganz gut, aber wenn man Ihren Ausflug bemerkt, wird man Sie bestrafen –«

»Ha! als wenn ein Sturzbad mehr oder weniger mein Herz noch eisiger erkälten könnte – was denken Sie! Doch wenn Ihnen auch dieser Grund nicht genügt, so hören Sie noch einen anderen. In meinem Zimmer können wir vor Belauschung nie ganz sicher sein, denken Sie nur an die verteufelten Röhren –«

»Richtig! daran habe ich nicht gedacht –«

»Ihr Zimmer aber entspricht allen Erfordernissen, links hat es die Treppe, rechts Ihr eigenes Schlafgemach, vorn den Garten, hinten den Korridor, unten die Küche und oben eine Irrenschlafstube – Sie sehen, ich weiß das Alles, denn ich habe mich genau von diesen notwendigen Kleinigkeiten unterrichtet. Also erwarten Sie mich, doch nicht vor Mitternacht, denn erst um diese Zeit schlafen die Türsteher fest, und viel später darf ich auch nicht kommen, denn gegen Eins geht der Mond auf und ich habe bis gegen Morgen Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Von Ihnen begebe ich mich nicht wieder nach meinem Zimmer, das ist ein zu weiter Weg und ein Frühaufsteher könnte mir auf der Treppe begegnen –«

»Sondern?« fragte ich erstaunt, denn ich glaubte schon, er wolle sogleich entfliehen; auch schien er mein Erstaunen recht zu deuten, denn er sagte sogleich beschwichtigend:

»O, besorgen Sie noch nichts – ohne Ihre Hilfe kann ich nicht fort und mein Plan geht auch noch weiter, aber ich gehe von Ihnen in den Garten. Begegnet mir dort Jemand, so genieße ich den Morgen; und ist auch das noch eine zu freie Handlung für einen unfreien Menschen, wie ich einer bin – nun, so mögen diese Freien sich ihrer von Gott verliehenen Kraft bedienen, ich werde nichts dagegen haben.«

»Alles sehr schön, aber wie kommen Sie aus Ihrem Zimmer heraus, da es jede Nacht von Ihrem Wärter verschlossen wird?«

»Das ist es gerade, was ich mit jenem Mann zu bereden gedenke. Kommen Sie, er grüßt mich schon!«

Der Mann hatte seine Mütze ehrerbietig und freundlich gezogen, als er näher gekommen war.

»Guten Morgen, Gentlemen! Ah! ein warmer Tag!«

»Guten Morgen, Mr. Chappert«, erwiderte leutselig der Irre, »ja, sehr warm. Nun, bei Tag geht's noch, aber des Nachts –da ist es kaum zu ertragen. Sagen Sie mir, wie fangen Sie es an, in Ihrem kleinen Verschlag nicht zu ersticken, da die Fenster nach hinten verschlossen sind?«

»Ei, Sir, das ist ganz einfach, ich lasse die Tür zum Korridor auf, und da an den großen Schlußtüren Zugfenster sind, so weht des Nachts eine erträgliche Luft vor meinem Zimmer.«

»Da sind Sie sehr glücklich, Chappert, ich komme in meinem verschlossenen Zimmer vor Hitze beinahe um.«

»Sir!« sagte der Mann leise und trat einen Schritt näher, »wenn es Ihnen heute Nacht ansteht, ich habe die Wache, so lassen wir Ihre Tür auf, und ich wette, Sie werden eine behagliche Nacht hinbringen.«

»Ich zweifle gar nicht an Eurem guten Willen, aber es geht nicht.«

»Und warum nicht?«

»Weil Eure große Uhr so laut tickt, daß ich nie schlafen kann, wenn ich sie höre, und ich höre sie sogar oft durch zwei Türen.«

»Die Uhr? O! Das hätten Sie mir nur früher sagen sollen, das ist ja eine Kleinigkeit – die halten wir an!«

»Und verschlafen morgen die Zeit, wenn sie nicht weckt, und kommen um unser Frühstück!« sagte der Irre und lächelte überaus gutmütig den gefälligen Menschen an.

»Hm!« entgegnete dieser. »Es ist nicht zu verwundern, wenn Unsereins einen festen Schlaf hat, den ganzen lieben langen Tag auf den Beinen, und Nachts auch oft keine Ruhe. Sie haben Recht, ich könnte wirklich die Zeit verschlafen, und man würde mich dieser Kleinigkeit wegen auch für nachlässig in wichtigeren Dingen halten.«

»Eben darum!« sagte der Irre, »es geht nicht!«

»Ja, und doch geht's!« rief jener plötzlich, »ich brauche ja nur meine Tür zu schließen.«

Beinahe hätte ich laut gelacht – es war zu komisch, wie der arglose Mann mit der pfiffigsten Miene von der Welt und voller Freude, einen Ausweg gefunden zu haben, gerade das angab, was Mr. Sidney wollte, ohne es selbst fordern zu müssen, aber ich nahm mich zusammen, zumal ich meinen Gefährten so ruhig und ernst wie vorher bleiben sah.

»Sie sind sehr gefällig«, erwiderte dieser, »ich wünschte, es wären alle Wärter wie Sie, Chappert – was macht Ihr Knabe?«

»Danke, Sir, danke! Nächsten Sonntag wird er getauft.«

»Hier, Chappert – da, kaufen Sie ihm eine silberne Klapper zur Taufe und grüßen Sie Ihre Frau.«

Und so sprechend, warf er ihm rasch eine Guinea in seinen oben offenstehenden Rock.

Der Mann drehte sich augenblicklich nach allen Seiten um, um zu sehen, ob auch Niemand diesen glücklichen Wurf bemerkt habe. Da er aber nichts Verdächtiges entdeckte, sagte er mit freudestrahlendem Gesicht:

»Rechnen Sie auf mich, Sir; was in meinen Kräften steht, will ich tun, und diese Nacht sollen Sie einen frischen Luftzug haben. Guten Morgen, meine Herren, ich muß weitergehen.«

Er ging fort und wir blickten uns mit zufriedener Miene an.

»Sehen Sie«, sagte Mr. Sidney, »es geht Alles, man muß es nur auf die rechte Art versuchen. Und nun können Sie mich bestimmt erwarten, jetzt hält mich nichts mehr. Halten Sie nur Ihre Tür geöffnet und sorgen Sie dafür, daß sie nicht knarre; dann ein offenes Ohr und ein offenes Herz, und wir werden uns bald näher kennen. Jetzt aber wollen wir uns trennen und uns den ganzen Tag nicht mehr zusammenfinden lassen, damit durchaus kein Verdacht entstehe – und so sage ich Ihnen denn einen guten Morgen!«

Wir trennten uns, und ich begab mich zu den gewöhnlichen Krankenvisiten, die ich in der Regel mitzumachen pflegte.

Der übrige Teil des Tages aber verstrich mir langsamer, als mir je ein Tag verstrichen war, er wollte gar kein Ende nehmen, und wohl zwanzigmal sah ich nach der Uhr.

Endlich ging ich aus Langeweile zum Prediger, dem ich einen Besuch schuldig war, fand ihn aber nicht und sah mich so genötigt, da ich zum Lesen durchaus keine Ruhe hatte, mit den Beamten zu spielen.

Endlich kam der Abend, das Abendessen ward eingenommen, die Kranken verließen allmählich den Park und wurden in ihre Zimmer geführt. Es wurde stiller und ich begab mich in den Garten, wo der Direktor wieder mit seiner Familie der Abendkühle genoß. Hier, um mich den Gedanken zu entreißen, die mich unaufhörlich beunruhigten, gab ich mich einer ungewöhnlich lebhaften Unterhaltung hin, aber ich weiß kein Wort mehr von dem, was wir sprachen. Meine Gedanken kreisten in ganz anderen Gefilden, und ich bemühte mich nur, so ruhig wie möglich zu erscheinen.

Gegen elf Uhr endlich trennte man sich auch im Garten und wir begaben uns alle in unsere Zimmer.

Jetzt betrat ich meine Wohnung und traf alle Vorkehrungen, die ich für unsere nächtliche Zusammenkunft für zweckmäßig erachtete, ich lehnte die Tür bloß an, damit das Aufklinken kein Geräusch verursache, und ließ die grünen Vorhänge an den Fenstern herunter. Dann zündete ich zwei Wachskerzen an, holte zwei Gläser und eine Flasche französischen Weines aus dem Kamin, überblickte meine ganze einfache Vorbereitung noch einmal, als gäbe es eine Schlacht zu liefern, und begann langsam in meinem Zimmer auf und ab zu gehen. Da Niemand unter mir wohnte, konnte dies keine üblen Folgen haben.

Aber trotz aller dieser kleinen Beschäftigungen, womit ich mir die Zeit zu vertreiben suchte, nahm meine Unruhe immer mehr zu, wie Jemand, der ein wichtiges Ereignis herannahen sieht, stets beklommener wird, je näher es kommt.

Und in der Tat, es war das Beginnen, dem ich entgegenging, nicht gleichgültig für mich. Wenn ich die Folgen bedachte, die es haben konnte, wurde ich zu einem nicht eben erfreulichen Ernste geführt. Ich tat etwas, was den Gesetzen einer wohlorganisierten Anstalt, die streng in ihren Beschlüssen und konsequent in der Ausführung derselben war, schnurstracks zuwiderlief, ich ermunterte sogar durch meinen Anteil einen dieser Anstalt Anvertrauten, den Gesetzen derselben zuwider zu handeln, und zwar auf eine Art, die, wenn sie mißglückte, für uns Beide die unangenehmsten Folgen haben konnte. Und dennoch war ich keinen Augenblick zweifelhaft, vor oder rückwärts zu schreiten, dennoch sah ich sogar mit einem heißen Verlangen der Lösung des Rätsels entgegen, das mich schon seit einigen Wochen umgab.

Und dieses bis jetzt unaufgeschlossene Rätsel erfüllte mich mit aller der Spannung, welche der menschliche Geist zu empfinden fähig ist, wenn es sich um so wichtige Interessen handelt, wie sie hier im Spiele zu sein schienen. Unzähligemal hatte ich mir schon im Stillen die Geschichte des Irren von St. James nach meiner Idee vorerzählt und ich konnte nicht müde werden, mir dieselbe auch jetzt von Neuem mit allen möglichen Variationen zu wiederholen.

So kam es denn, daß ich mich mit diesem Hin- und Herwenden in eine Art künstlicher Erregung versetzt hatte, aus der ich nur durch die Wahrheit selbst gezogen werden konnte, und ich sah derselben mit einer wahrhaft fieberhaften Anspannung entgegen. Ich zählte die Minuten, die noch bis Mitternacht verfließen sollten, und trat endlich, als es dreiviertel nach Elf schlug, an das Fenster und öffnete es leise.

Der Himmel war klar und rein, kein Lüftchen regte sich – es herrschte eine so tiefe Stille um mich herum, daß ich das Klopfen meines eigenen Herzens hören konnte. Aufmerksam auf die lebhaftere Bewegung desselben, fühlte ich neugierig meinen Puls – er hatte hundertundzehn Schläge in der Minute und dabei war er voll und hart. Ich führe diesen Umstand an, so sonderbar es auch erscheinen mag, den Umfang meiner Empfindungen nach Pulsschlägen zu berechnen, aber ich konnte mich nicht erinnern, jemals eine so große Gemütsaufregung überstanden zu haben.

Wenn ich jetzt einem Arzte meine Hand gereicht und gefragt hätte: mein Kopf brennt, mein Herz klopft ungestüm, ich bin sehr beängstigt, da ist mein Puls, was wollen Sie tun – so bin ich überzeugt, daß er mir fürs erste einen Aderlaß verordnet hätte, und doch war ich vollkommen gesund. Ich war nur voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, mein innerstes vegetatives und animalisches Leben war nur durch eine Spannung des Geistes gesteigert, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht empfunden hatte. Und ich frage den Leser, ob er diese Schilderung übertrieben findet. Gewiß nicht, wenn er sich jemals in einer ähnlichen Lage befunden hat.

Um mich abzukühlen, trank ich Wasser und setzte mich dann, um besser lauschen zu können, auf einen Stuhl, der dicht neben der Tür stand, die nach dem Korridor führte.

Ob es ihm glücken wird, ungehindert bis zu mir herabzukommen? dachte ich; wie! wenn man ihn auf seinem nächtlichen, unerlaubten Wege ertappte! Was würde man mit ihm beginnen! Und würde er in seinem jetzigen aufgeregten Gemütszustande eine Bestrafung erdulden?

Ich horchte genau auf, aber es herrschte eine Totenstille im ganzen Hause; nicht das geringste Geräusch konnte ich vernehmen, obgleich mein Gehörsinn von Natur außerordentlich fein und durch mannigfache Übungen noch ausgebildet war.

Da schlug die große Hausuhr die Mitternachtsstunde, und ich fuhr bei dem ersten lauten Schlage unwillkürlich zusammen, als wenn mich plötzlich eine unsichtbare Faust gepackt hätte. Über diese unangenehme Gereiztheit meiner sonst so kräftigen Nerven mit mir selbst unzufrieden, wollte ich mich eben von meinem Stuhle erheben, als ein noch größerer Schreck durch meine Glieder fuhr, denn die Tür öffnete sich plötzlich und – der Irre von St. James trat mit lautlosen Schritten ins Zimmer. Er hatte die langsam aufeinanderfolgenden Schläge der Uhr benutzt, um, durch ihren verhallenden Ton geschützt, desto unhörbarer die Treppe herabeilen zu können.

Sein Gesicht war bleich, aber es lag eine Energie auf seinen schönen, von dem Lichte geisterhaft beleuchteten Zügen und in allen seinen Bewegungen, wie ich sie in diesem Grade noch nicht an ihm wahrgenommen hatte.

Ohne ein Wort zu sprechen, schloß er leise die Tür, drehte den Schlüssel zweimal herum und flüsterte mir nun erst seinen »guten Abend!« entgegen.

»Aus Ihrem Hiersein schließe ich«, sagte ich freudig und mit dem Gefühle einer großen Beruhigung, »daß alles abgelaufen ist, wie Sie es gewünscht haben.«

»Kommen Sie«, entgegnete er, »wir haben keine Zeit zu verlieren, der Stein will endlich von meiner Brust.«

Er ergriff meine Hand, doch da bemerkte er die brennenden Kerzen auf dem Tische.

»Das geht nicht!« sagte er leise und löschte beide schnell aus, »das möchte unsere Schatten am Fenster zeigen und erweckt überdies Verdacht, den wir jetzt auf alle Fälle vermeiden müssen. Auch geht in einer Stunde der Mond auf, und Sie können im Dunklen ebensogut hören, wie ich erzählen.«

Es war jetzt stockfinster in meinem Zimmer; wir saßen Beide schweigend auf dem Sofa, er hielt immer noch meine Hand. –

Leser! ich brauche Dir nicht zu sagen, wo ich war, mit wem ich mich zusammen befand und wie ich allein mit ihm in einem dunklen Zimmer um Mitternacht und hinter verschlossenen Türen saß, in der Gewalt eines Menschen, der, wenn er seine Kraft gebrauchen wollte, viel stärker war als ich, und den ich nur durch die Sprache meines Herzens, durch das geistige Auge meiner individuellen Überzeugung kannte, der aber in seinen periodischen Anfällen von Raserei unbändig sein sollte, wovon ich ja selbst etwas Ähnliches erlebt; hättest Du an meiner Stelle nicht einige Besorgnis gefühlt und wäre diese überhaupt nicht zu rechtfertigen gewesen? Sei aufrichtig und gestehe es Dir selbst, wenn Du auch mir es nicht gestehen kannst!

Was mich betrifft – das Auslöschen der Lichter überraschte mich; allein es geschah zu plötzlich, als daß ich es hätte verhindern können, und als es einmal geschehen war, wollte ich mir meine Überraschung nicht merken lassen, da ich ohnehin die Richtigkeit seines Einwurfs einsah.

Einige Minuten saßen wir jetzt schon nebeneinander, wie um zu lauschen, ob auch Alles still um uns sei, als der Irre folgendermaßen begann:

»Es ist weit gekommen mit mir, daß ich verstohlen wie ein Dieb in der Nacht und voller Besorgnis, ergriffen und an meinem Vorhaben gehindert zu werden, umherschleichen muß, und warum? Um einem fühlenden, getreuen Herzen einige wichtige Momente aus meinem traurigen Leben mitzuteilen. Wer hätte das früher denken – ja, wer hätte es nur für möglich halten sollen! Durch die Bitterkeit dieses Gefühles, die ich mir nicht verschweigen darf, könnte ich gereizt werden, die Menschen anzuklagen, die mir das getan – aber ich klage noch Niemanden an, ich erzähle nur einfach eine Begebenheit, und dann sollen Sie – Sie sollen Richter sein, Sie sollen mir sagen, was Sie tun würden, wenn Sie an meiner Stelle wären.

»Doch bevor ich mich des Vertrauens entledige, welches Sie mir vom ersten Augenblick an, da ich Sie sah, eingeflößt haben, und welches zugleich mit der Hoffnung verbunden war, Sie würden mich richtig erkennen und zu meiner Rettung aus meinem gegenwärtigen Verhältnisse beitragen, und welches Vertrauen und welche Hoffnung – ich gestehe es gern – mit jedem Tage wuchs, wenn ich Ihre Stimme hörte und Ihre Blicke beobachtete, doch da erst in aller Vollkommenheit vor mir stand, als die Stimme, die sonst immer von Oben zu mir sprach, mir zu schweigen und mich dadurch auf Sie hinzuweisen schien – bevor ich mich dieses Vertrauens entledige, sage ich, erlaube ich mir, Ihnen zwei einfache Fragen vorzulegen und Sie um deren vollständige und, wie es einem rechtschaffenen Manne zukommt, offene und ehrliche Beantwortung zu bitten.

»Diese Beantwortung mag für Sie schwierig, unerwartet und unerfreulich sein, aber für meine Ruhe ist sie unerläßlich, da von der Verneinung oder Bejahung derselben der ganze Eindruck der Erzählung, die ich Ihnen vorzutragen habe, und die Überzeugung von ihrer Wahrheit abhängt, welche sie in Ihnen hervorrufen wird. Deshalb dürfen Sie sie nicht unbeantwortet lassen. Aber ich sage Ihnen im Voraus, ebenso, wie ich Ihnen die Wahrheit mitteile, so verlange ich auch von Ihnen Wahrheit – nicht Wahrheit, wie sie der Mensch dem Menschen, nein, ich verlange Wahrheit, wie sie Gott dem Menschen durch seine Werke und der Mensch sie Gott in seinen reinsten Gebeten sagt, denn das Gebet des Menschen selbst ist ja das reinste Werk, welches der Mensch überhaupt verrichten kann.

»Auch sprechen Sie nicht zu schnell Ihre Meinung und nur Ihre vollkommene Überzeugung aus, bedenken Sie Ihre Worte; oder haben Sie vielleicht irgendeine Besorgnis oder irgendeinen Grund, die Fragen, die Sie hören werden, nicht beantworten zu wollen?«

»Ich habe weder irgendeine Besorgnis noch einen anderen Grund«, erwiderte ich, »irgendeine Frage von Ihnen nicht beantworten zu wollen. Nichts auf der Welt soll mich abhalten, Ihnen diejenige Wahrheit zu sagen, wie sie mir stets im Herzen und auf der Zunge gethront hat. Darum fragen Sie dreist und getrost – ich bin bereit, zu hören und meine Überzeugung auszusprechen.«

»Sie wollen also – ich frage!«

Hier nahm seine Stimme eine eisige Kälte an. Zwar war sie fest und sicher, aber alle Melodie war daraus verschwunden, so daß ich den Sprecher, den ich kaum sehen konnte, beinahe vergaß und es mir vorkam, als wäre die Stimme, die ich hörte, nicht aus eines Menschen warmer Brust, sondern aus einem metallenen Instrumente, einer empfindungslosen Trompete gekommen.

»Ich lege Ihnen die erste Frage vor – hören Sie aufmerksam zu. Sie kamen in dieses Irrenhaus, um Ihre Kenntnisse zu bereichern und die mannigfachen Erfahrungen, die Sie bereits gesammelt, bestätigen zu lernen – Sie fanden unter den vielen Irren hier auch mich – den sogenannten Irren von St. James – Sie haben oft mit mir selbst und vielleicht noch häufiger mit meinen Ärzten über mich gesprochen. Sie lernten mich von einer Seite kennen, die den Bewohnern dieses Hauses unbekannt war, ja, Sie dachten gewiß auch über mich nach. Dann wurden Sie freundlich und vertraulich gegen mich – gegen mich, den Verrückten unter den Verrückten – Sie sind selbst Arzt und außerdem auch ein zartfühlender Mensch – was man in einer Person leider seltener findet, als man glauben sollte – und nun frage ich Sie auf Ihr Wort, sowohl als Arzt wie als Mensch – halten Sie mich wirklich für verrückt?«

Obgleich ich diese Frage beinahe erwartet hatte, so fuhr sie doch jetzt, so deutlich und nackt ausgesprochen, wie ein schneidendes Messer durch mein Herz. Es muß ein schreckliches Gefühl sein, genötigt zu sein, diese Frage an eine teilnehmende Seele zu richten. In diesem Sinn, und erwägend, wie viele Qualen jede von meiner Seite zweifelhaft hinausgezogene Minute in ihm erwecken mußte, bedachte ich mich keinen Augenblick und erwiderte sogleich:

»Ich möchte es beschwören, daß Sie es nicht sind!«

»Ist dies Ihre unumstößliche, wahrhafte Überzeugung von mir?«

»Es ist meine wahrhaftige Überzeugung!« rief ich lebhaft aus.

»Gelobt sei Gott!« fuhr er mit seiner gewöhnlichen ruhigen und klangvollen Stimme fort, und ich hörte, wie ein langgezogener Seufzer seiner Brust entschlüpfte, »Gelobt sei Gott! – ich danke Ihnen!«

»Doch die zweite Frage! Sie ist ebenso ernst, vielleicht noch ernster als die erste und für Sie schwieriger, denn Sie sollen bei ihrer Beantwortung nicht als Arzt, nicht als Mensch allein, sondern auch als – Richter auftreten.«

Ich konnte mir nicht denken, was er wissen wollte, daher horchte ich mit gesteigerter Spannung auf. Er fuhr sogleich fort:

»Wenn Sie mir Ihre Überzeugung ausgesprochen haben, daß ich, zwar unter Irren in einem Irrenhause lebend, doch kein Irrer bin, so sagen Sie mir um Gotteswillen, warum halten mich meine Ärzte für verrückt, und gibt es eine Entschuldigung ihres Tuns oder muß ich annehmen, daß sie entweder Dummköpfe oder Bösewichter sind?«

»Das ist eine Frage, Sir, deren Beantwortung allerdings unendlich schwieriger für mich ist als die erste«, entgegnete ich, »allein es wird mir vielleicht möglich, auch hier den Schein von der Wirklichkeit zu trennen. Sie, die Ärzte, sind gewiß weder Dummköpfe noch Bösewichter, und ich finde, ja, ich behaupte und ich kann beweisen, daß –«

»Was?« rief er mit atemloser Stimme.

»Daß sie nicht anders handeln konnten.«

»Wer?«

»Die Ärzte.«

»Ach! tun Sie es, tun Sie es – schnell, schnell, und ich werde Ihnen, wie für mein neues geistiges Leben, auch für die Ersparung meiner – Rache dankbar sein.«

»Sie bedenken nicht, mein Freund«, sagte ich sogleich, »in welchem Zustande und unter welchen Anmeldungen Sie wahrscheinlich hier angekommen sind. Kamen Sie frei, ich will sagen gutwillig, oder wurden Sie mit Gewalt hierher gebracht?«

»Mit Gewalt, mit Gewalt!« preßte er heraus, »mit unwiderstehlicher Gewalt! An Händen und Füßen gebunden! – Bei Gott! Wie könnten Sie denken, daß eine kleine Kraft mich bezwingt, wenn es um Leben und Seele geht!«

»Und Sie widersetzten sich – ist es nicht so?« fragte ich.

»Mit aller meiner Kraft!« sagte er, beinahe triumphierend, »ich habe ihnen zu schaffen gemacht.«

»Dann ist es kein Wunder, gar kein Wunder, daß man Sie für tobsüchtig hielt.«

»Aber ich beruhigte mich nach einigen Tagen wieder, als meine Wut der Überlegung wich.«

»Das ist kein Grund, Ihre Bewachung so bald wieder aufzugeben, Sie nicht vollkommen und dauerhaft herstellen zu wollen man weiß, daß unter Rosen oft ein Vulkan schläft. Es gibt eine periodische Tobsucht, wie es überhaupt periodische Krankheiten gibt, die, geheilt scheinend, bei irgendeiner Veranlassung, die nicht einmal mit der ersten Ursache der Erkrankung in Verbindung zu stehen braucht, wieder hervorbrechen – und Sie hatten vielleicht eine Veranlassung, abermals widerstrebend, aufgebracht, leidenschaftlich, wütend zu werden?«

»Ja, ja, die hatte ich – ich wurde wütend wie jede nicht ganz gemeine Natur wütend werden muß, wenn sie sich wie einen tollen Hund mit Ketten und Eisen behandelt sieht – hatte ich kein Recht dazu?«

»Das hatten Sie, aber desgleichen hatten wiederum die Ärzte das Recht, den – erlauben Sie auch mir diesen Vergleich – der wie ein toller Hund beißen zu wollen schien, unschädlich zu machen, es war sogar ihre Pflicht, denn sie taten nach ihrer Überzeugung und nach ihrem besten Wissen und Gewissen. Wie nun Ihre Ärzte überzeugt waren, Ihnen nützlich zu sein, wenn sie Sie in Banden legten, so fuhren Sie selbst fort, sie in dieser Überzeugung zu bestärken, indem Sie sich den Handlungen derselben widersetzten.«

»Aber, mein Freund, sie konnten sich überführen, daß die Angaben, welche mich hierher begleiteten, falsch waren, sie konnten mir mit Vertrauen entgegenkommen, wie Sie es taten, sie konnten mich fragen: wie kommt es, daß du –«

Er hielt inne und besann sich, als verhinderte ihn irgendein Einfall, in seiner Rede fortzufahren. Ich ging auf den Gedanken, der sich ihm aufdrängte, ein, indem ich fragte:

»Wer aber schickte Sie hierher? Und wissen Sie, welche Berichte man über Ihren Gesundheitszustand und über die von Ihnen in Ihrer Wut verübten gesetzwidrigen Handlungen einsandte? Sollte man eher einem Wahnsinnigen glauben, als dem, der ihn in ein Irrenhaus schickte, um ihn zu seinem eigenen und seiner Verwandten Besten heilen zu lassen? Sie kennen ja die Gesetze in England und wissen, daß die Unterschrift zweier beliebiger Ärzte genügt, Jedermann in ein Irrenhaus zu sperren.«

Er schwieg nachdenklich – ich fragte noch einmal – aber er verharrte im Schweigen. Endlich sagte er in einem Tone, welcher bewies, daß meine Gründe ihm einleuchtend schienen und daß er innerlich von dem überzeugt war, was er sprach:

»Es war eine schreckliche Alternative – ja, ja, Sie haben mich überzeugt, auch habe ich mir dies schon selbst manchmal gesagt; und es ist mir sowohl der Ärzte als auch meinetwegen lieb – nein, nein! sie konnten nicht gut anders handeln, ich war ein sehr gefährlicher Mensch – hm! ich glaube es. Und nun, mein Freund, da Sie mir diese zwei Fragen, die eine für mich, die andere gegen mich – was mir Beides gleich lieb ist – beantwortet haben, kann ich als freier Mann zu Ihnen, dem freien Manne, reden, und so hören Sie denn, ich bin –«

»Halt!« rief ich leise, rückte ihm näher und legte meine Hand auf seinen Arm, »was war das für ein Schrei? – Da – noch einer!«

»Ach! eine Wahnsinnige, welche schreit und tobt – das höre ich alle Nächte und ich kenne den Ton.«

»Weiter nichts?«

»Verlassen Sie sich darauf, es war eine Wahnsinnige, die nicht schlafen kann und die man daher – zur Ruhe bringt.«


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