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25. Kapitel.
Vergeltung

Peter lebte im Bonifacius-Kloster in Hameln sicher und sorglos, ohne zu denken was der nächste Tag für ihn brächte. Indessen war sein Beschützer Paulus nur darauf bedacht seine Angelegenheiten in Hameln zu ordnen und sich des Ritters, dessen Anwesenheit ihm lästig geworden war, und den er nur so lange zu gebrauchen gedachte, als er seinen Zwecken diente, auf die beste Art zu entledigen. So klug Peter auch war, so ahnte er nicht, daß sein treuer Freund und Bundesgenosse ihn achtlos bei Seite werfen würde, sobald er seiner nicht mehr bedurfte. Noch einmal feierte dieses edle Paar ihre Bundesgenossenschaft an dem Tage, als Heinrich von den Reisigen des Herrn Cornelius aufgegriffen und in das Gewahrsam der Stadt eingeliefert worden war. Denn sie hatten den Brief geschrieben, auf dessen Inhalt der Jüngling ahnungslos die Reise zur Stadt unternahm; Peter faßte den schnöden Gedanken, und Paulus, welchem die Schriftzüge Hunolds im Gedächtnisse waren, so daß es ihm leicht wurde sie nachzuahmen, war der Schreiber des Briefes gewesen.

Heinrich saß im Gefängnis und wartete einer Botschaft des Rates von Hameln, welche ihm Aufklärung über den Grund seiner Haft geben sollte. Keiner Schuld bewußt, überkam ihn auch nicht der leiseste Gedanke, daß es ihm in der Stadt an das Leben gehen könnte, sondern sorglos, wenn auch zornig über das Verhalten des Rates, welcher sich auch mit Anbruch der Nacht nicht bei ihm zeigte, streckte er sich auf seinem Strohlager aus und träumte den Schlaf der Jugend, der von der Arglist der Welt noch nicht gestört ist.

Am andern Morgen in der Frühe hatte Herr Allardi, der Bürgermeister, einen recht unangenehmen Besuch. Der Spielmann war zu ihm gekommen, um sich den Lohn zu holen, und als der betroffene Bürgermeister um einige Tage Aufschub bat, entgegnete ihm Hunold:

»Aufschub? Den habe ich Euch lange genug gewährt. Mein Wort habe ich gehalten und ehrlos der, welcher seine feierliche Zusage nicht erfüllt.«

Dabei hatte der Spielmann den verlegen dreinschauenden Bürgermeister mit flammenden Augen angesehen, so daß Herr Allardi die seinigen niederschlagen mußte. –

Mit der Zusage, am Abend des Tages wiederzukommen, war der Rattenfänger, denn so wurde er von Jung und Alt in der Stadt begrüßt, davon gegangen. Schnell ließ Herr Allardi den Rat zusammenrufen, und ebenso schnell stellten sich dessen Mitglieder bei ihm ein. Ihnen allen schlug das böse Gewissen, denn nur Bürgermeister und Rat hatten dem Spielmann das Versprechen gegeben, ihm die gewünschte Zahlung bei Gelingen des Unternehmens zu leisten. Von Geld oder Geldeswert war in dem Schatze der Stadt nichts vorhanden, und die Herren vom Rate schreckten vor dem Ansinnen zurück, das an sie gestellt werden mußte, – dem Spielmann aus ihrem eignen Vermögen den Lohn für die Rettung aus der Rattennot, welche ihnen allermeist zu gute kam, zu zahlen. Stundenlang berieten sie untereinander, und als Hunold sich des Abends bei ihnen einfand, und er mit seinem stolzen Wesen vor sie hintrat, da schauten ihm nur spöttische Mienen entgegen.

»Habt Ihr meinen Lohn?« rief er ihnen drohend zu, und mit scharfen Blicken musterte er die versammelten Stadtväter.

Herr Allardi ließ seine Augen über ihn hinweg spielen und sagte nach einer kleinen Pause:

»Der Rat der Stadt Hameln ist gewohnt sein Wort zu halten, wenn das ihm gegenüber eingegangene Versprechen wahr und recht gelöst worden ist. Wir billigten Euch einen Lohn von vierhundert Mark zu, wenn Ihr die Stadt völlig von den Ratten befreitet. Doch nur schlecht habt Ihr Euer Versprechen inne gehalten, denn in dem Keller des Ratsherrn Hopeheite fand sich am heutigen Morgen noch eine Ratte vor.«

»Ja, eine Ratte,« wiederholte Herr Hopeheite, doch auch seine Augen vermieden die des Spielmanns zu treffen.

»Ich frage nun Euch, Ihr Ratsherren von Hameln, sind wir verpflichtet dem Manne dort das ihm Versprochene zu geben?«

»Nein,« erscholl es, wie aus einem Munde von den Lippen der schwarzgekleideten Erkorenen der Stadt.

Eine bange Pause entstand. –

Hunold stützte sich mit dem Daumen seiner rechten Hand auf den vor ihm stehenden Tisch, dessen eichengemaserte Platte er nachdenklich betrachtete. Dann wandte sich mit einem Male sein voller Blick auf Herrn Hopeheite und seine Augen funkelten unheimlich, so daß dieser erschreckt sein Gesicht hinter dem Rücken des Bürgermeisters versteckte.

»Wohledler Herr Hopeheite, sagt mir, war das Tier lebendig oder tot, oder entsprang es gar Eurer Einbildungskraft?«

Zögernd kam das Antlitz des Angeredeten hinter dem Bürgermeister hervor und zitternd erklang es von seinen Lippen: »Es war tot.«

Befriedigt nickte Hunold und wie dräuender Donner erklang es von seinen Lippen: »Tot war es, Ihr Herren; hört es, das Wasser überraschte es in dem Keller! … Also deshalb bestreitet Ihr mir den Lohn, den ich wacker und ehrlich verdient habe? … Nun gut, Ihr Herren, da es Euch um das Geld zu thun, so biete ich Euch einen anderen Vorschlag,« und mit wutbebender Stimme setzte er hinzu: »Ich habe das Recht hier zu fordern und ich komme zu Euch als Bittender. Meinen Freund, meinen Bruder, den Ritter von Attkirch, haben Eure Reiter in das Stadtverließ abgeliefert. Warum weiß ich nicht. Wohl ist mir bekannt, daß er Feinde besitzt, mächtige Widersacher, die ihm seinen Besitz mißgönnen und denen sein Tod gelegen käme. Weshalb Ihr Euch zu den Handlangern jener finsteren Gesellen hergabet, Ihr Herren, das ist mir nicht bekannt. – Er ist ein Kind, mein Freund Heinrich, ein Mensch, der noch nie Böses gethan und Euch stets Freund sein wird, wenn Ihr ihn aus der Haft entlaßt. Gebt ihn mir heraus, o Herren, daß ich ihn zu den Seinen zurückführe und ich erlasse Euch die Geldsumme, die Ihr mir schuldet. Ich weiß, daß Ihr banget, ein Wort von meinen Lippen wegen des Geldversprechens würde den Zorn der Bürger gegen Euch entfesseln; denn ihr handeltet ohne ihre Billigung. Hier ist meine Rechte und ich schwöre Euch, daß ich mit Heinrich von Altkirch die Stadt verlasse, nachdem ich Euch aus der Verbindlichkeit gegen mich entlastet, und Ihr mich nimmer wieder sehet. Aber gebt ihn mir heraus, meinen Freund, meinen Genossen!«

Bei diesen Worten erstrahlten seine Augen von himmlischer, warmer Liebe und glänzten hinüber zu den Herren, welche, wie zuratend, zu Herrn Allardi emporschauten. Aber dessen Angesicht war wie aus Stein. Kalt und trocken klang seine Stimme, als er zu dem sich demütigenden Spielmann sagte: »Das Geld schulden wir Euch nicht, denn Ihr habt Eure Zusage nur unvollkommen erfüllt und Euer Freund Heinrich, wehe Euch, daß er Euer Freund! Er überfiel einen der Unsern und brachte ihm tödliche Wunden bei. Ein Raubritter ist er, wie jener Peter von dem Ehrenfels, über den die Acht des Kaisers ausgesprochen. Unter dem Roland auf dem Markte sprachen wir heut über ihn Recht und, Spielmann, während wir hier müßige Worte reden, ist ihm sein Recht geschehen.«

»Ihr habt doch nicht? …« schrie Hunold, und seine Rechte griff nach seinem Herzen, seine Gestalt wurde von einem Schauer ergriffen und mit der Linken bedeckte er seine Augen, »Ihr habt doch nicht … ihn getötet?« entrang es sich stockend seinen Lippen.

»Er schloß sein Leben zu dieser Stunde, nach der Satzung der Richter vom heutigen Tage,« … erwiederte Herr Allardi mit feierlich ernster Stimme.

»So müssen denn alle elend zu Grunde gehen, die ich lieb habe,« stöhnte der Spielmann.

Wie zerschmettert stand Hunold da, die Linke hatte den Tisch ergriffen, denn seine Gestalt schwankte hin und her, als wollte sie zu Boden stürzen. Im Gemache herrschte dumpfes, schwüles Schweigen, man hörte nur das Surren der Fliegen und das krampfhafte Atmen des Spielmannes. Nach langer Pause fuhr Allardi fort:

»Wir haben Euch nichts mehr zu sagen, Spielmann; ziehet hin in die Welt und lasset Eure Lieder erklingen, wo Ihr wollt, nur meidet unsere Stadt; wir sind stark, der Spruch unserer Richter gerecht und das Schwert unsers Nachrichters ist alle Zeit geschärft für unsere Feinde.«

Auf Hunolds Gesicht zuckte ein mattes Lächeln, das eine unsägliche Verachtung ausdrückte.

»Gerecht, Ihr Herren! wie Ihr es nennt. Hütet Euch aber, vor der göttlichen Gerechtigkeit, die von Euch dereinst Sühne verlangen wird. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so vergilt der Herr denen, die das Recht beugen, und fürwahr, jene, die den Verrat angestiftet haben, wird der Zorn des Herrn treffen! Ihr aber, die Ihr auf die Schwachen und Bedrängten die Gerechtigkeit anwendet, wie sie Euch gut dünkt, habet acht, daß Euch nicht Gleiches mit Gleichem vergolten wird. Daß Ihr mir den Lohn abstreitet, vergebe ich Euch, denn was ich der Stadt Gutes erwies, indem ich sie von der Plage befreite, könnet Ihr mir nicht lohnen. Da Ihr mir aber das Liebste nahmt, so strecke ich auch meine Hand aus nach dem Teuersten was Euch blüht, denn Auge um Auge, Zahn um Zahn!«

Bei diesen Worten ging Hunold aus der Thür, aber die Gewalt seiner Worte hielt die Herren vom Rat noch lange wortlos auf ihre Plätze gefesselt. Erst später fiel es ihnen bei, daß sie sich seiner hätten bemächtigen sollen, und Bangigkeit befiel sie nach seinem Weggange, denn sie fühlten, daß unschuldiges Blut vergossen war, das um Rache schrie!


Kaum war am anderen Morgen die Vollstreckung des Urteils gegen Heinrich bekannt geworden, als es weder Peter noch Paulus mehr in der Stadt hielt. Der Ritter war bereits frühzeitig aufgebrochen, denn er wollte die traurige Mär selbst auf die Lingenburg bringen und freute sich bereits in dem Gedanken, wie leicht es ihm bei der hierbei entstehenden Verwirrung glücken würde, in den Besitz der Veste zu gelangen, da er als einziger männlicher Verwandter Ottokars, rechtmäßige Ansprüche auf dessen Güter hatte. Erst Herr der Burg, wollte er Wege genug finden, um sich von der Acht zu befreien; bis dahin jedoch verbürgte der Aufenthalt in der Burg ihm den besten Schutz. Die Rechte des Klosters bestritt er; da ihm durch Paulus bekannt war auf welche Weise der Mönch die Pergamente erworben, war er sicher, daß ein gerechter Herrscher, wie Kaiser Rudolf, sein Erbrecht als zweifellos ansehen würde. Wie freute er sich, als er in brauner Kutte und an knorrigem Stabe den oft betretenen Weg an der Weser entlang der Lingenburg zu wanderte, daß Paulus, den er haßte, weil er die Überlegenheit des Mönches fühlte, mit den Ansprüchen des Klosters auf den Ehrenfels auch nicht zurecht kam, denn die Stadt Hameln hatte die Burg erobert, und behielt sie in ihrem Besitze, trotz des Widerspruches der Geistlichkeit.

Überraschend gut war ihm sein Plan gelungen und seine Füße trugen ihn dahin durch den Wald, bis er gegen Abend die Lingenburg erblickte. Ihm ward eigen zu Mut, als er sich entsann, wie er diesen Weg von der Burg nach der Stadt zu gewandelt war; damals ein Ausgestoßener, heute der Herr. »Ich werde Euch wiedersehen,« hatte er ausgerufen, als er, von der Burg scheidend, zu deren vom Mondlicht beschienenen Mauern hinaufsah, und er lächelte, als er den Burgberg hinaufstieg und die Erinnerung hieran in ihm wieder aufkam. Von oben kam ihm ein Mann entgegen; die scheidende Sonne, welche ihm ins Gesicht leuchtete, ließ ihn seine Gestalt nicht erkennen. Jetzt trat derselbe bei einer Biegung des Weges auf ihn zu. Es war Bodo. Peter erkannte ihn und wollte an ihm vorbeiziehen, indem er sich die Kapuze tiefer in das Gesicht zog. Sein ehemaliger Kumpan war in voller Rüstung und vertrat ihm den Weg.

»Frommer Bruder,« sagte er, »Dein Weg führt Dich aus der Stadt. Kannst Du mir nicht sagen, wo der Ritter Peter weilt? Grüße sendet ihm seine Frau Bertha, die bei dem Sturm auf der Burg mit dem Leben davongekommen ist und sich nach ihrem Gemahl sehnt.«

»Von Bertha Grüße?« rief Peter, und seine Kapuze vom Kopfe reißend, rief er: »Gerettet ist Bertha, sag an, wo weilt mein Weib?«

Da faßte die nervige Faust Bodo's nach seinem Halse und mit schneidendem Hohn schrie er seinem einstigen Herrn in die Ohren: »Wo sie ist? In der Hölle! – Ich werde Dich zu ihr senden, denn vielen Dank bin ich Dir schuldig für meinen Aufenthalt bei den Hamelnern, für die Rattengesellschaft, die mich dort als Spielgenossen erkor und für die Behandlung, die Du mir angedeihen ließest! Vor allem aber sage mir, wo ist mein Freund Udo geblieben?«

Peter versuchte um Hilfe zu schreien, aber die Hände Bodos umkrallten seinen Hals, so daß er keinen Laut von sich geben konnte, und willenlos, wie ein Kind, ließ er sich zu dem Abgrund schleppen, in welchem Udo sein Ende gefunden. Ein kurzes Ringen noch und ein heller Aufschrei, so laut und durchdringend, daß er weit in das Weserthal hinaushallte – und Peter hatte vollendet. Einen Tag später fand man seinen Körper unterhalb des Burgberges im Gestrüpp; seine Gesichtszüge waren von dem Todeskampfe unkenntlich geworden. Als jedoch sein Gewand gelöst ward, zeigten sich auf dem Rücken zwei kaum vernarbte Wundmale, die sich kreuzten. Hunold hatte wahr gesprochen als er damals sagte, er wolle den Ehrenfelsritter zeichnen. Denn nun wußte ein jeder, daß Peter sein Recht geworden, und Bürger und Bauer freuten sich, daß sie fortan von ihm verschont waren, und daß ihren Peiniger die Vergeltung ereilt hatte. – Von Bodo jedoch ward nie mehr etwas vernommen.

Gegen Mittag desselben Tages bestieg Paulus ein flinkes Roß und schlug, von den Segenswünschen der Klosterleute begleitet, den Weg ein, welchen am Morgen Peter genommen. Als er die Hälfte der Reise zurückgelegt, ließ er das Pferd den Schritt verlangsamen und versank in tiefes Nachdenken. Die Vorsehung hatte ihm alles gegeben, was er gewünscht, nur eins fehlte ihm zu seinem vollkommenen Glücke, und das war Hilda. Daß die Blinde sein Kind sei, welches auf der Flucht vor den Städtern, von seiner Wärterin verloren oder ausgesetzt war, wußte er seit seinem Aufenthalt auf der Lingenburg. Dort entstand sein Haß gegen Heinrich und Hunold mit jenem Tage, als er begriff, daß Hilda für diese beiden frohen Menschen mehr Zuneigung empfand als für ihn. Anstatt sich zu sagen, daß gleich und gleich sich gern gesellt und die Jugend zusammengehört, befiel ihn glühende Eifersucht, als er wahrnahm, daß das unschuldige Herz der Blinden den beiden Jünglingen entgegenschlug, während sie ihm, dem Vater, mit einer sich stets gleich bleibenden Freundlichkeit begegnete. Und doch durfte er ihr nicht gestehen, daß er ihr Vater war; das Gewissen schlug ihm, wenn er das rührende Gesicht der Jungfrau betrachtete und bedachte, daß ohne die Dazwischenkunft Hedwigs dieses nur Nächstenliebe und Barmherzigkeit ausübende Wesen umgekommen wäre. Welche Anklage bildete das Kind für ihn und für sein ganzes vergangenes Leben!

Jetzt jedoch sollte sie in ihm den Vater finden, denn alle Hindernisse waren weggeschafft, seitdem Ottokar und Heinrich gestorben. Er wollte seine Tochter unter dem Schutze Hedwigs nach Fulda entbieten, und dort in ihrer Nähe dachte er seinen Lebensabend zu beschließen. Die Freudigkeit, welche ihn bei diesem Gedanken durchströmte, ließ ihn sein Pferd anspornen, und da es mächtig ausgriff, so befand er sich noch zu guter Tageszeit vor der Lingenburg.

.

Auf dem Strome, der vor der Burg vorbeirauschte, erblickte er ein kleines Fahrzeug, welches Irma durch leichten Ruderschlag bewegte. Hilda saß darinnen und hielt in ihren Armen jenes Kind, das Hunold einst im Walde aufgefunden. Sie liebte das kleine Wesen mit der größten Innigkeit, denn sein Geschick war dem ihrigen so ähnlich – auch ihm war es nicht bestimmt die Eltern zu kennen, und wahrhafte Menschenliebe sollte sich auch an ihm bethätigen, als es der Spielmann in ihre Hände legte, um es aufzuziehen!

Der Mönch hielt sein Pferd an, als er von weitem das Schiffchen auf das Land zu halten sah, und freute sich der Geschicklichkeit der kräftig heranwachsenden Irma, welche, nachdem der Kiel des Bootes auf dem Sande knirschte, mutig aus demselben heraussprang und ein am Schiffchen befestigtes Tau ergriff, um es an dem am Ufer eingeschlagenen Pflock zu befestigen. Von dem Boden des Fahrzeuges hatte sich jetzt der stete Begleiter Hilda's, Lupus, erhoben und stieß mit seinem Kopfe mehreremale gegen die Schulter der Blinden, als wollte sie der Wolf auffordern mit ihm das Fahrzeug zu verlassen, und Hilda bereitete sich auch vor das Ufer zu betreten. Da hielt es den Vater nicht länger; vom Pferde abspringend, eilte er auf jene Stelle zu, um Irma bei der Bergung des Bootes beizustehen und die Blinde zum ersten Male als seine Tochter zu umfangen. Aber erschreckt durch das Krachen des Gebüsches, durch welches sich der von seinem Gewand behinderte Mönch mühsam seinen Weg bahnte, hielt das junge Mädchen in ihrer Arbeit inne, und plötzlich von einer namenlosen Furcht befallen, ließ sie das Seil dahinfahren und lief mit lautem Geschrei, um Hilfe rufend, den Burgberg hinan. Die Blinde hatte sich überrascht erhoben und war, um den festen Boden zu gewinnen, in das Vorderteil des Bootes geeilt, indem sie, selbst unruhig, das schreiende kleine Wesen, welches sie trug, zu besänftigen suchte. Aber der hohe Bord verhinderte sie am Aussteigen und der rauschende Strom, der das leichte Schiffchen umbrandete, hob es einige Male hoch empor, bis es seine Wellen erfaßten und langsam vom Ufer abtrieben. Als der Mönch, vom eiligen Laufen erschöpft, die Landungsstelle erreichte, befand sich das Schiffchen schon auf der Mitte der Weser und die Blinde, welche die Gefahr, in der sie schwebte, nicht sehen und deshalb auch nicht begreifen konnte, stand aufrecht darinnen, das Kind in den Armen haltend, Lupus ihr zur Seite, seinen Kopf dicht an ihren Körper geschmiegt.

»Hilda, mein Kind, höre, Dein Vater ist gekommen, um Dich mit sich zu nehmen,« erscholl es von dem Ufer zu ihr herüber.

Die ruhige klare Abendluft ließ die Stimme des Mönchs an das Ohr der Blinden erklingen, sie horchte hoch auf, und während das Schiffchen immer weiter trieb, überflog ihr Gesicht ein seltsames Lächeln.

»Mein Vater?« rief sie zurück, »nicht wahr, Du bist Ottokar, mein Vater, Du nahmst mich auf, als ich dem Tode nahe war,« und wie verzückt wendete sie ihr Antlitz gegen den Himmel, dessen von der goldigen Abendsonne durchflutetes Azurblau sie nicht sehen konnte. Sie glaubte eine Vision zu haben, als spräche der teure Verstorbene vom Himmel zu ihr herab.

»Hilda, meine Hilda, kehre zurück in meine Arme,« erklang es wieder flehend vom Ufer her, »nicht Ottokar, der Dich auferzog ist Dein Vater, welcher Dich sucht, sondern hier steht Paulus, der Mönch, dessen Kind Du bist, der Deine erste Jugend überwachte! Vergieb, o, Hilda, mein Kind, Deinem Vater, denn schuldig bekennt er sich an vieler Trübsal, die Dir zugestoßen – aber jetzt wird Freude einziehen in sein Herz und in das Deinige« …

Ein unartikulirter Laut entrang sich seiner Kehle und ließ ihn das Angefangene nicht vollenden. Seine Arme, die sich der Tochter flehend entgegen streckten, fuhren wild durch die Luft, seine Hände ballten sich und die Fäuste schlugen vor seine Stirn, von welcher der Angstschweiß perlte, denn vor seinen Augen vollzog sich Schreckliches. Die Blinde konnte kaum sein Geständnis vernommen haben, denn die Entfernung von dem Ufer vergrößerte sich und die Worte verhallten im Winde. Aber der Ton der Stimme, die Worte: »Paulus,« »Vater« und »Verzeihen,« welche trotzdem zu ihrem Ohr den Weg fanden, erfüllten sie mit Bangen und plötzlich durchzuckte sie die Ahnung von der Wahrheit. Paulus, welcher aus seiner Feindschaft gegen den Spielmann und gegen Heinrich, von dessen unheilvollem Geschick ihr noch keine Kunde geworden, nie Hehl gemacht, von dem sie vernommen, daß er Heinrich das Pergament geraubt, um ihm seinen Besitz zu nehmen – Paulus, den sie deshalb verabscheute – er ihr Vater? Ihre reine Seele war erschüttert, sie erbleichte und wie vernichtet brach sie zusammen; das Kind fiel mit einem heftigen Schrei auf den Boden des Schiffchens, während sie nach der Seite zu schwankte und kopfüber in die Flut stürzte. Das faltenreiche Gewand hielt sie an der Oberfläche, und mit dem Rufe: »Hilda, Dein Vater rettet Dich,« stürzte sich der verzweifelnde Paulus in die Flut, deren Wogen er mit kräftigen Armen zerteilte. Aber die Strömung führte ihn weitab von der auf dem Flusse dahintreibenden Hilda, das Mönchsgewand, bald vom Wasser durchtränkt, lähmte seine Kraft und in kurzem war auch er nur noch ein Spielball der rauschenden Flut. Verzweiflungsvoll hob er noch einmal sein Antlitz aus dem Wasser, seine Augen sahen nach dem Kinde, dem er im Leben nichts sein konnte und für das er nun sein Dasein einsetzte, dann zog es ihn in die Tiefe und gurgelnd schlossen die Wellen sein tiefes, feuchtes Grab.

Währenddessen war Hilda von der Strömung erfaßt worden; schon war ihre Kleidung voller Wasser gesogen und die Schwere des Gewandes zog sie nach unten. Da fühlte sie sich mit einem Male durch das Wasser fortgestoßen – Lupus, ihr treuer Freund, hatte sie mit scharfen Zähnen an der Metallspange erfaßt, die ihr Gewand am Rücken zusammenhielt und schnaubend und fauchend schwamm er mit seiner teuren, leichten Last dem Ufer zu. Hier legte er seine Herrin am Waldesrande nieder, welche, von tiefer Ohnmacht befallen, nicht wahrnahm, wie die Burgmannen, welche auf Irma's Jammergeschrei von der Burg herab an den Fluß geeilt waren, sie auf ihre Kammer brachten, wo Hedwig sie warm bettete. Ein heftiges Fieber überkam sie, Wochen hindurch wurde sie von den wildesten Phantasien geplagt und oftmals rief sie im Wahne die ihr teuren Gestalten von Hunold und Heinrich zu Hilfe gegen den Mönch Paulus, welcher sie in das nasse Grab ziehen wollte. Als aber die Krankheit geschwunden war und sie nach langer Zeit den Tod Heinrichs vernahm, da trauerte sie um ihn, und lange Monde, hielt sie sich von den Burgleuten abgeschlossen. Zur Weihnachtszeit jedoch ließ sie sich festlich schmücken und als die Burgkapelle zur Mitternacht in hellem Lichterglanz erstrahlte, da trat sie mit Hedwig unter die Menge und am heiligen Ort erhob sich heller Jubel, als die Andächtigen die Wiedergenesene erblickten.

»Nicht gestorben sein will ich für Euch,« sagte sie, gerührt von der Freude, die sie allenthalben erregte, »indem ich trauernd um den Verblichenen meine Tage verbringe, sondern ich werde in seinem Sinne fortleben und wirken. Den Leidenden eine Hilfe, den Schwachen eine Stütze und Beraterin sein, soll das Ziel meines Lebens werden, denn dem lieben Toten will ich gleichen!« Der tiefe Ernst, welcher bei diesen Worten die Züge der kaum Siebzehnjährigen bedeckte, legte Zeugnis dafür ab, wie hoch sie ihre Aufgabe erfaßte und treulich hat sie ihr Versprechen zur Lust und Freude der Menschen ihr ganzes Leben hindurch gehalten.

Paulus jedoch ward nie mit einem Wort erwähnt; ein Verräter war er seinem Kaiser und seinem Freunde gewesen, und über ihn hatte Hunold das Wort ausgesprochen: »Sein Andenken werde ausgelöscht aus dem Buche des Lebens.«


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