Autorenseite

 << zurück weiter >> 

3. Kapitel.
Heinrichs Herkunft

»Erwin, mein Großvater zog im Winter 1190 auf 91 mit dem Sohn Friedrichs des Rotbartes gen Italien. Dreiundzwanzig Jahre erst zählte der Kaiser Heinrich VI., ein Jüngling zwar an Jahren, aber ein tapferer Held, der sogar den Italienern an schlauem Verstande und an Beweglichkeit des Geistes überlegen war. Bei seinem jugendlichen Ungestüm hatte er sich in seinem Geiste ein Weltenreich erschaffen, und nachdem er die aufrührerischen deutschen Großen zur Ruhe gebracht, überstieg er, als er vernahm, daß der Graf Tancred von Lecce Sprich: Letsche., der letzte Sprosse des normannischen Königshauses von der den Hohenstaufen feindlichen Partei zum König erwählt worden sei, mit einem gewaltigen Heere die Alpen, nötigte den Papst Cölestin ihn zum Kaiser zu krönen und brach gegen Neapel auf. Da verließ ihn aber sein Glücksstern. Seuchen minderten sein Heer, ja die Krankheit ergriff auch die Kaiserin Konstanze, die nun Heinrich nach Salerno zur Heilung sandte. Meinen Großvater aber hatte der Kaiser dazu ausersehen, um an der Spitze eines Truppes Schwerbewaffneter seine Gemahlin zu beschützen.

Neapel jedoch ward von einem tapferen Manne, dem Grafen von Acaria verteidigt, der sich keinen Fußbreit der von ihm behaupteten Festung abringen ließ, und die kaiserliche Flotte konnte dem sicilianischen Seehelden Margarito nicht widerstehen; – bald hieß es, der Kaiser selbst wäre der Seuche erlegen. Da berannten die Bürger von Salerno das feste Haus, in dem die Kaiserin wohnte; doch erst nachdem mein Großvater aus vielen Wunden blutete, übergab er den Eidbrüchigen das ihm anvertraute Gut. Die Kaiserin wurde als Staatsgefangene an Tancred nach Palermo ausgeliefert, ebenso mein Großvater, dessen Wunden in der milden Luft des Südens bald heilten und den die Gefangenschaft nicht allzu hart drückte, da ihm gegen ritterlich Wort freies Bewegen auf der Insel gestattet wurde.

Eines Tages ritt Erwin, von einer Streife aus der Umgebung Palermos zurückkehrend, über den Platz, welcher sich vor jenem prachtvollen Dom ausbreitet, den die Normannen-Könige mit verschwenderischer Pracht erbaut halten, als aus einer der nahe liegenden Gassen ein Wehgeschrei ertönte, das den Ritter schleunigst sein Roß umwenden und nach der Stelle traben ließ, von woher der Lärm erscholl. Bevor er aber dort erschien, stürzte ihm schon aus der Gasse, die auf den Platz ausmündete, ein Mädchen in weißen Gewändern entgegen, die von einer kriegerischen Menge verfolgt wurde; Sarazenen, ihre krummen glänzenden Säbel über das Haupt schwingend, verfolgten die Arme, der ein grausamer Tod sicher war, hätte sie nicht mein Großvater mit starkem Arm, als sie verzweifelnd um Hilfe flehend die Hände zu ihm hinaufstreckte, zu sich auf das Pferd gezogen.

»Gebt sie uns heraus,« schrie der älteste der Verfolger ihm zu, der in weißem Burnus, die Arme kreuzend, sich vor dem Ritter verbeugte. »Abdul Meleks Tochter ist sie, der in Tripolis jetzt weilt, um Olivenöl gegen afrikanische Wolle einzutauschen. Unseres Glaubens ist sie; aber verführt von den glatten Reden des Mönches von Jerusalem, will sie den Glauben Mohameds verlassen und die Religion der Christen annehmen. Was soll ich dem Vater sagen, der mich zum Schutz seiner einzigen Tochter bestellte, die, seine Abwesenheit benutzend, ihm das größte Herzeleid bereitet.« –

Die Menge begleitete die Rede des Mohamedaners mit drohenden Geberden.

Der Ritter wußte nicht recht, was thun, als ihm die weiche Stimme der Verfolgten zuflüsterte: »Hoher Herr, wer Du auch sein mögest, überliefere mich nicht meinen Verfolgern, rette mich, denn ich bin des Todes, falle ich in ihre Gewalt.«

Bei der Fürbitte der Jungfrau gab es in dem Ritter kein Zaudern mehr. Mit der Linken ihren zarten Leib umfassend, ergriff er mit der Rechten beide Zügel des Pferdes und dasselbe plötzlich umwendend, jagte er quer über den Marktplatz, um die leichte Bürde in das Haus seiner Kaiserin zu bringen und sie ihrer Obhut anzuvertrauen. Das wütende Geschrei der rasenden Menge, die ihn verfolgte, lockte aber von allen Seiten Leute herbei, und bald war ihm der Weg verstellt. Die Jungfrau beschwor ihn, hervor unter ihrem Schleier, der von ihrem Gesichte nur die Augen freigab, sie ihren Landsleuten zu überlassen und sich zu retten; aber den Zügel fahren lassend, ergriff Erwin sein Schwert, das aus seiner Kreuzfahrt unter Kaiser Rotbart, in der Schlacht bei Iconium die Sarazenenschädel kennen gelernt und sie wie ein Hammer zerschlagen hatte, und der Sarazenin Mut zusprechend, erwartete er die heranstürmende Rotte.

Die Verfolger machten Halt.

»Gieb uns das Mädchen,« schrie der Anführer, »wir sind die Überzahl und was geht sie Dich an?«

»Ein deutscher Kriegsmann zählt nie die Köpfe seiner Feinde vor der Schlacht; aber ich werde das Mädchen fragen, ob sie Euer sein will, oder mir folgen.«

»Nein, nein,« ertönte es durch den Schleier, »sie töten mich, macht mit mir was Ihr wollt, Herr Ritter, nur liefert mich nicht aus!«

Dabei hatte sich die Jungfrau dem Arm des Ritters entwunden und saß aufrecht, über die Menge ihrer Verfolger hinschauend.

»Nun denn, mit Gott vorwärts,« rief Erwin, und die Vordersten niederwerfend, versuchte das edle Tier, von den Sporen des Ritters angetrieben, sich eine Bahn durch die Volksmenge zu erzwingen. Da fuhr dem Rosse ein krummer Sarazenendolch in die Flanke und vor Schmerz kerzengrade aufsteigend, begrub es in seinem Falle den Ritter und die Jungfrau unter sich.

Ein Freudengeschrei erscholl rings umher. »Ergreift das Mädchen und laßt den Fremden liegen,« befahl der Anführer der Verfolger und einige Sarazenen versuchten, die Ohnmächtige unter dem Pferde hervorzuziehen. Doch hierin störte sie etwas Unvorhergesehenes – ein Mönch von hoher Gestalt drängte sich mutig durch die Menge die vor ihm zurückwich, bis an den Ritter heran. Aber es war zu spät, denn bevor sich der Retter vor Erwin schützend hinstellen konnte, war diesem ein Säbelhieb über den Kopf von einem der rachgierigen Ungläubigen versetzt worden, und der starke Blutverlust, den die Wunde verursachte, streckte den Deutschen ohne Bewußtsein dahin.

Wie ein Traum jedoch erschien ihm das Geschehene, als er nach einigen Stunden wieder zu sich kam; seine fiebernde Stirn war ihm mit feuchten Linnen belegt, die ihm Anfangs auch noch die Augen bedeckten, so daß er um sich nichts gewahr wurde. Die Wunde brannte heftig und Erwin machte eine Bewegung mit dem Arm, um die Augen von dem Tuche zu befreien. Eine zarte, weiche Hand hinderte ihn jedoch daran.

»Laßt, edler Herr, die Augen noch bedeckt,« ertönte eine Stimme neben ihm, so voll und männlich und doch wieder so gütig im Ausdruck, daß der Ritter mit dem Arm eine Bewegung ausführte, die seine Überraschung andeutete. »Ihr seid in guter Pflege, das Kloster Santa Maria beherbergt Euch und ich bin der Bruder Bartholomäus, auch der Mönch von Jerusalem genannt,« ertönte die Stimme weiter.

Bei diesem Namen stand Erwin der blutige Zusammenstoß mit den Sarazenen wieder vor Augen; seufzend wandte er sein von dem Tuche verborgenes Antlitz dem Mönche zu, der seine Hand auf die Schulter legte und ihn so verhinderte sich vom Lager zu erheben.

»Ich weiß, was Euch quält; ich befreite Euch von dem räuberischen Gesindel, indem ich es von der Stadtwache auseinandertreiben ließ und Eure Pflegebefohlene, mein Beichtkind Mirjam, das durch mich in den rechten Glauben eingeführt wurde, sie ist in dem Hause Eurer Kaiserin geborgen, dem sich diese Rotte nicht nahen wird. – Nun ruhet, und morgen sehe ich Euch wieder – oder gebraucht Ihr meiner, so rufet, ich pflege nur kurzer Ruhe im Nebenraume.« –

Nach vier Wochen konnte mein Großvater das Kloster von seinen Wunden geheilt verlassen, ohne jedoch von seinem Lebensretter und Pfleger Bartholomäus Abschied genommen zu haben; der Bruder, so hieß es, unterliege nicht der strengen Klosterregel und sein unstetes Wesen käme anderen zu Gute, denn wo er auch weile, verkünde er den Namen Gottes durch Barmherzigkeitswerke und wahre Nächstenliebe.

Erwin trauerte um den Wohlthäter, denn sein gerechter Sinn empfand, daß er dem Mönch viel zu verdanken hatte; gern hätte er ihm seine Dankbarkeit und seine wahre Freundschaft bezeugt, hatte doch Bartholomäus durch seine Frömmigkeit, durch die Eigenart seines Wesens, die stets eine jede Frage nach Herkunft und Vergangenheit auf den Lippen des Fragers ersterben ließ, seine Zuneigung, ja seine Liebe gewonnen, was bei dem sonst verschlossenen Charakter meines Ahns etwas Ungeheures bedeutete.

Indessen andere Ereignisse ließen bald diese hehre Gestalt eines echten Frommen bei Erwin in den Hintergrund treten, wozu Mirjam, die sarazenische Christin den ersten Anlaß gab.

Das junge Mädchen war am Tage des durch sie entstandenen Tumultes in den Palast der gefangenen Kaiserin Konstanze gebracht worden und wußte sich bald durch ihre Schönheit und Anmut bei derselben so beliebt zu machen, daß die Kaiserin, die selbst noch in der ersten Jugend stand, nur sie allein um sich sehen mochte und sie zu ihrer Vertrauten machte. Konstanze, die Tochter des verstorbenen Königs Roger I. von Sicilien war den Deutschen sehr wenig hold, und selbst in der Gefangenschaft, in der sie eher als Landesangehörige, denn als Gattin des befehdeten Kaisers Heinrich behandelt wurde, unterhielt sie Verbindungen mit den Feinden ihres Gemahls, denn sie war eine echte Normannin, kühn, verschwenderisch und treulos. Mein Großvater, der offene Augen hatte, bemerkte mit Schmerz die Vorliebe seiner Herrin für die Feinde seines Kaisers aber auch diese hellen, klaren, deutsch ehrlichen Augen – sie trübten sich, denn sein Herz hing an seinem Schützling Mirjam, in der Taufe Marianne genannt. Ostern des Jahres 1194 führte er sie aus der rundbogigen, prachtvollen Schloßkapelle des Palastes der Normannenkönige zu Palermo als seine Frau heim.

»Feuer und Wasser hassen sich und ein Deutscher solle sich nie eine Sarazenin zur Frau nehmen. – Doch, Freund Paulus sage, was ist dies für ein Geräusch, das meine Worte stets begleitet?«

Der Mönch machte sich am Kamin zu schaffen; er warf frisches Holz auf und, ohne sich herumzudrehen zu dem Frager, erwiderte er: »Ratten, mein junger Freund, Ratten sind es, die es hier in Hameln zum Überfluß giebt und die uns alles wegfressen, was wir für unsres Körpers Pflege aufbewahren.«

»Und wißt Ihr kein Mittel dagegen?« fragte teilnehmend der Ritter.

»Mittel? O, wohl tausend, aber gegen die heimtückischen Gesellen hilft nur Feuer und Schwert, denn ihrer sind allzu viel geworden, und weder wir, noch die Hamelner Bürger vermögen gegen diese Landplage anzuknüpfen. Doch erzähle weiter, Freund Heinrich.«

»Um diese Zeit, Mai 1194,« fuhr jener fort, »geschah es, daß der Kaiser Heinrich, nachdem er in Deutschland Ruhe gestiftet und Richard, den tollkühnen König der Engländer, zubenannt das Löwenherz, der bei ihm in ritterlicher Haft seit seiner Rückkehr aus dem heiligen Lande saß, gegen ein Lösegeld von 100 000 Pfund fein Silbers, freigegeben hatte, zur Wiedereroberung seiner Erblande und zur Befreiung seiner Gemahlin gen Sicilien von Deutschland aufbrach. Seine Heersäulen eroberten fast ohne Widerstand die ganze apeninische Halbinsel, und schon nahm ihn auch Messina in seinen Mauern auf. Die Königin-Witwe Sibylle entfloh mit ihren Kindern in das Innere der Insel und bald begrüßte der Kaiser seine Frau und seinen treuen Diener in La Farara, dem prachtvollen Lustschlosse der normännischen Könige. Die Großen des Reiches huldigten dem Sieger und dieser benahm sich voller Mäßigung gegen die Inselbewohner. Hier zeigte sich das Hohenstaufentum in seinem lichtesten Glanze; deutsche Ritter erprobten gegen italienische Herren ihre Kraft im Lanzenstechen, Feste, Tourniere und Gastereien ließen die Hauptstadt Palermo zu neuem Leben erstehen und zu dem Hofe des jugendlichen Kaisers zogen deutsche und welsche Ritter. Provençalische Troubadours ließen ihren Gesang zum Lobe des erhabenen Siegers erschallen, und alle wurden sie durch reiche Geschenke belohnt – ein Freudenrausch schien die ganze Insel zu durchziehen, noch dazu, als dem Kaiser zu Ende 1194 ein Knäblein geboren wurde, das später, als Friedrich II., den Glorienschein der Hohenstaufenmacht noch einmal zu hellem Erglühen brachte.

Einige Wochen vorher war mein Vater geboren worden, und als er an einem Tage im Dom zu Palermo mit dem Sohn des Kaisers zusammen die heilige Taufe empfing, wurde Erwin von dem Kaiser mit einer Grafschaft bei der Hauptstadt Palermo belohnt, zu der ein festes Schloß gehörte, das etwa tausend Schuh vom Lande entfernt, sich auf einem Felsenriff zu trotziger Abwehr erhob.

Kurze Zeit vor diesem Ereignis hatte Erwin einen merkwürdigen Traum; er sah den Kaiser von ungeheurem Kriegsvolk bedroht, das mit dem Schwerte auf ihn eindrang und sein Leben gefährdete. Da erschien in dem Augenblicke höchster Todesnot jener Mönch Bartholomäus, und die gegen den Kaiser erhobenen Waffen sanken zur Erde, als wären sie von kraftlosen Kindern geführt. –

Die Unruhe, die ihm dieser Traum verursachte, ließ ihn denselben seiner Gemahlin entdecken, doch mit weiblicher List wußte diese eine Betroffenheit, die ihr der Ritter aber nicht anmerkte, zu verbergen, und wohl um seine Besorgnis zu zerstreuen, wies sie ihn auf die tapfern Krieger hin, die den Kaiser stets begleiten und die jeden Angriff durch die Gewalt ihrer Waffen schnell niederschlagen würden. Wie ergriffen jedoch war Erwin, als er am Nachmittag desselben Tages von dem Kaiser den Befehl erhielt, die Königin Sibylle und ihre Tochter, sowie einige sicilische Edle zu verhaften, da sie ihm, wie der Kaiser einige Stunden vorher durch einen Mönch Bartholomäus vernommen, nach dem Leben trachteten. – Die Königin wurde mit sämtlichen Verhafteten eingekerkert, der Mönch jedoch war und blieb verschwunden, von dem Augenblick an, in dem er dem Kaiser die Warnung erteilt; alles Forschen nach seinem Verbleiben war für Erwin sowohl, wie für jeden anderen nutzlos. –

Ungeheure Beute entführte der Kaiser dem Normannenreich, als er im nächstfolgenden Frühjahr seinen Heimweg nach Deutschland antrat; auf 150 Mauleseln ward der Schatz der Normannenkönige über die Alpen geschleppt. Während der Abwesenheit des Herrschers sollte seine Gemahlin die Regierung führen und damit sie sich nicht allzusehr ihren Neigungen für das unterworfene Land hingäbe, die sie als Eingeborene offen bekundete, ward ihr ein deutscher Staatsrat zur Seite gegeben. Erwin begleitete den Kaiser; mit schwerem Herzen riß er sich von dem Lande los, das ihm eine zweite Heimat geworden, denn seinen besten Besitz ließ er in ihm zurück; sein Weib mit seinem Sohn war auf Wunsch der Kaiserin in Palermo geblieben. Kurz bevor er diese Stadt verließ, war ihm von einem Zigeunerweib prophezeit worden, daß er seine Gattin nur nach langer Zeit wieder sehen sollte, und bange Ahnungen durchzogen sein Herz, als er an der Spitze der Reisigen, welche den Normannenschatz davonführten, durch das Thor der Hauptstadt Siciliens davon ritt.

Lange empfing Marianne keine Botschaft von ihm, denn schwer hatte der Kaiser in Deutschland zu kämpfen, um die widerspänstigen Großen niederzuhalten, und durfte er hierbei keines Getreuen entbehren. Wohl verwahrt wußte Erwin sein Weib und sein Kind auf dem Schloß am Meere, eine sichere Mannschaft hütete die Burg vor einem jeden kriegerischen Überfall und als nach langer Zeit ein Schiff vor der unteren Pforte der Burg anlegte, da stieß der Türmer jubelnd ins Horn, denn frohe Botschaft überbrachten die drei Sendlinge Erwins, Briefe aus der Heimat, kostbares Linnen aus reinstem Flachs für die Burgfrau und Spielzeug für den Knaben Adalbert, der unter den sorgsamen Augen der Mutter prächtig gedieh. In der Freude ihres Herzens befahl Marianne die Boten samt ihrer Mannschaft gut zu bewirten, und bald ertönte Gesang und Becherklang über das schweigende Meer, in dem soeben eine blutrote, sturmverheißende Sonne untergegangen war.

Und er zog auch heran, dieser heiße, gewitterschwüle Sturm, der die noch eben glatte Meeresoberfläche zu haushohen Wellen emporpeitschte. Die dunklen Pinien, die den Burghof so ernst, ja düster erscheinen machten, bogen sich unter der Gewalt des Orkans und grelle Blitze wechselten mit betäubenden Donnerschlägen. Tosend schlugen schaumgekrönte Wellen gegen den Fels, der die Burg trug; und spritzten die weiße Gischt gegen die Mauern, welche doppelt das feste Bauwerk umgürteten. Aus den offenen Fenstern der großen Halle quoll heller Lichtschein, und die zechenden Krieger ließen sich von dem Aufruhr der Elemente in ihrer Fröhlichkeit nicht beirren; mit lautem Ruf trank man einander zu und die Deutschen unter der Besatzung saßen bald zusammen und, der Heimat gedenkend, ließen sie mit ihren rauhen Kehlen viele jener kecken Lieder erschallen, die der Kriegsmann stets mit sich führt, wie seine Waffen.

Da stieß der Türmer in sein Horn, aber der heulende Sturme übertönte den Ruf, der dem kleinen Schiffe galt, das sich vor wenigen Augenblicken von der Küste dort drüben losgelöst hatte und trotz des Unwetters gerade auf die Burg zuhielt. Jetzt führte eine breite Welle das Fahrzeug bis an den hohen Turm heran, auf dem der treueste Diener Erwins, der Türmer Kunibert stand und mit dem Aufgebot all seiner Lungenkraft durch das Horn die Wache zu ihrer Pflicht trieb. Aber niemand hörte den Warnruf, klanglos verhallte der Ton im Rauschen des Sturmes, während unten am Fuße des Turmes das Fahrzeug anlandete. Kunibert sah zwölf Bewaffnete aus dem Schiffe steigen, während zwei aus der Burgmannschaft dabei waren, um das schlanke Fahrzeug gegen den Wogenanprall in dem inneren kleinen Hafen zu bergen.

Durch die Turmpforte betraten die Ritter den nur matt erleuchteten Saal unterhalb des Raumes, in dem Erwins Getreue tafelten. Die Duenna Marianne's, eine gefährlich schlaue Italienerin, empfing sie hier und kündigte ihre Herrin an. Als Marianne erschien, beugten die Ritter ihr Knie und sahen bewundernd auf die hehre Frauengestalt, die in Glück und Zufriedenheit lebend, von ihrem Manne sich allein durch den Kaiser getrennt glaubte und diesen glühend haßte, wie eben nur eine Sarazenin zu hassen vermag. Marianne fühlte sich mit der Mehrzahl der Sicilianer als Feind des Kaisers. Die angestammte Königsfamilie hatte Thron und Land aufgeben müssen und war von dem Kaiser mit Gütern zwar beschenkt worden, aber sie mußte fern von der Hauptstadt weilen und war bei einer entstehenden Revolution, wie solche in jenen Gegenden nichts Seltenes ist, ihres Lebens nicht sicher. Das Volk fühlte tief für sein angestammtes Königshaus und war deshalb dem Kaiser feindlich. Eine Verschwörung umfaßte bald die edelsten Geschlechter und hatte das gesamte Volk hinter sich. Als Vertraute der Königin Konstanze, kannte Marianne den fieberhaften Zustand, der sich in der Abwesenheit Heinrichs VI. der Stadt und des Landes bemächtigt hatte. Die Kaiserin selbst war noch ganz und gar Sicilianerin und sie stand dem gewaltsamen Umsturz nicht fern, ebenso wenig wie Marianne, die nicht aus politischen Gründen, sondern nur deshalb den Kaiser haßte, weil er ihr durch lange Zeit den Gatten vorenthielt und ihr auch nicht gestattet worden war, ihn nach Deutschland zu begleiten. –

Die zwölf Ritter kannten den Weg zu ihrem Versammlungsort; ihr Kommen war bei dem Tosen der Elemente und dem Freudengeschrei der zechenden Kriegsleute keinem aufgefallen. Als sich indessen die Saalthür hinter ihnen schloß, hinter der sie ihre Beratungen pflogen, und die Sarazenin, von ihrer Vertrauten begleitet, sie in ihrer Behausung begrüßte, fanden sie mit einem Male jenen sagenhaften Mönch unter sich, der Erwin vor längerer Zeit gerettet. Erstaunt betrachteten sich die Ritter, argwöhnend, daß irgend einer von ihnen einen Verräter unter die Verschworenen gebracht, bis endlich der Anführer der Schar das Schweigen brach und den Mönch anredete:

»Sag an, heiliger Bruder, wo gehörst Du hin? Willst Du zechen, so gehe hinauf, und manch vollen Pokal leere auf uns, die wir hier in Angst und Pein, in Sorg und Not über des Landes Wohl beraten.«

Der Mönch rückte seine Kapuze aus dem Gesicht; unter den buschigen Brauen schien es hervorzuleuchten und mehrere Male mit der Hand durch den langen kohlschwarzen Bart fahrend, als wenn er seiner Bewegung Herr werden möchte, erwiderte er tonlos:

»Edler Herr von St. Giovanni, das Menschenleben ist zu kostbar, um es leichthin auf das Spiel zu setzen. Und Ihr, wie Eure Genossen, die Ihr so jung seid, daß Euch die Freude des Lebens entgegenlacht, warum trotzt Ihr der kaiserlichen Macht? Denn sehet, ein Feuerbrand wird ausbrechen und wird Euch verzehren, als wäret Ihr nichts; gehet nach Haus, zu Euren Leuten, und des Herrschers Haupt ruhe sicher.«

Der Schloßherr von St. Giovanni war auf ihn zugetreten und fragte ihn, woher er komme und was er in der Versammlung wolle.

»Meinem Gott und meinem Herrscher dienen,« antwortete würdevoll der Mönch, »die Ihr beide verleugnet.«

»Mönch, wahre Deine Zunge,« rief es aus der Versammlung, aber ein Blick des Schloßherrn hieß den Schreier verstummen.

»Wir leugnen weder Gott, noch verleugnen wir den Kaiser,« entgegnete der Anführer der Verschworenen dem Mönch, »sondern nur um des Landes Wohl zu beraten fanden wir uns hier zusammen.«

»Ihr lügt!« herrschte ihn der Mönch an, und die Arme weit von sich streckend, näherte er sich der Herrin des Schlosses, die, beide Hände vor dem Antlitz haltend, vor ihm ins Knie gesunken war.

»Meine Tochter,« sagte er, indem er sie aufrichtete, »kein Tadel trifft Dich, denn nur Deine Unerfahrenheit benutzen jene Ritter, um ihren Herrschergelüsten zu fröhnen. Gehe zu Deinen Frauen und schmücke Dich. Binnen drei Tagen wird der Kaiser hier erscheinen und blutige Rechenschaft von all jenen fordern, die sich ihm feindlich erwiesen. Und Erwin ist bei ihm – ich habe seine Boten auf heimlichen Pfaden durch das dem Kaiser feindliche Unteritalien geleitet, um sie zu Dir zu führen. Und nun freue Dich, meine Tochter, Dein Ehgemal umarmt Dich binnen wenigen Tagen; ich habe Dich aus den Schlingen derer errettet, deren Beginnen ein Frevel ist, welcher fürchterlich geahndet wird.«

Bestürzt über das Gehörte sahen die Ritter der scheidenden Marianne nach. Kaum jedoch hatte sich die Saalthür hinter ihr geschlossen, als ein wüstes Rufen begann.

»Der Mönch muß sterben,« wiederhallte der Saal und nur mit Mühe konnte sich der Schloßherr von St. Giovanni Gehör erzwingen:

»Wohl hast Du richtig gesprochen, wir trachten dem Kaiser nach dem Leben, denn er ist ein Tyrann, ein Unterdrücker unserer Nation.« –

»Ein Tyrann« – er sterbe,« erklang es von den Lippen der Versammelten.

»Wie Du hier zwölf Genossen siehst, die bereit sind, für die Freiheit ihres Landes ihr Leben und ihre zeitigen Güter zu opfern, so stehen viele Tausende hinter uns, die sich bei dem ersten Ruf zur Befreiung der Insel erheben, um der Fremdherrschaft ein Ende zu machen.« …

»Und Ihr, edler Herr,« versetzte der Mönch, der sich gegen die Brüstung des Rundbogenfensters gelehnt hatte, so daß die Strahlen des inzwischen aus dem düstern Gewölk hervorgetretenen Mondes ihn vom Rücken her bestrahlten und seine Gestalt in dem dunklen Saale überlebensgroß erscheinen ließen, »Ihr wußtet ein schwaches Weib zu bestimmen, daß sie Eure Mitverschworene würde, Ihr wußtet ihren Haß gegen den vermeintlichen Feind, der ihr den Gemahl, ihr Glück und ihre Sehnsucht, vorenthielt, so blind zu schüren, daß sie ein willfähriges Werkzeug in Euren Händen ward; Ihr sprecht von Freiheit, der Ihr selbst nur daran denkt, Euch die Krone der Normannenkönige aufs Haupt zu setzen, sollte Euer fluchwürdiger Anschlag gelingen. Jawohl, eine Krone werdet Ihr tragen; aber in Flammen wird sie aufgehen und Euch und Euer ganzes Haus vom Erdboden vertilgen.«

Ein bloßes Schwert blitzte in der Luft, und dies schien das Zeichen dem kühnen Sprecher den Garaus zu machen, denn mit lautem Geschrei drangen die Ritter gegen das Fenster vor. – Der Mönch war jedoch bei den letzten Worten auf den Altan getreten, auf den das Fenster hinausführte und zum Entsetzen der Nachdringenden stürzte er sich in die grause Tiefe.


In derselben Nacht noch hatte die Kaiserin Konstanze durch einen Sendling ihres Gemahls erfahren, daß er nahe; ihr schlug das Gewissen und sie geriet in große Angst, denn die Verschwörung war noch nicht so weit gediehen, daß ein Erfolg abzusehen war, und so beschloß sie, ohne sich viel Gewissensbisse zu machen, ihre Mitverschworenen zu opfern und zu dem Kaiser zu halten. Heinrich war seinem Herrn voraufgeeilt und obwohl es Erwin nach Palermo zog, war er dennoch seiner Pflicht und seinem Herrn so ergeben, daß er vorerst noch einige Tage in Messina blieb, um die Ankunft des Kernes des deutschen Heeres abzuwarten, welches dem Kaiser folgte.

Währenddessen pflog der Kaiser des edlen Weidwerkes in den waldigen Höhen um Messina, und da sein Gefolge, welches ihn hierbei umgab, nur geringfügig an Zahl war, so beschlossen die Verschworenen den längst gehegten Plan auszuführen und sich der Person Heinrichs zu bemächtigen. In aller Stille umgaben sie das Waldrevier, in welchem er jagte, mit ihren Mannschaften und in der festen Zuversicht, daß er dieses Mal ihnen nicht entkommen könne, stürmten sie das Jagdhaus, welches dem Kaiser zu seinem Aufenthalte diente. Aber dieser war bereits auf dem Wege nach Messina; noch in zwölfter Stunde hatte ihm der Thorwächter Kunibert eine Botschaft Mariannes überbracht, welche Heinrich die Verschwörung kund that. Wutentbrannt erkannten die sicilischen Großen, daß sie überlistet waren, und eiligst sammelten sie ihr Heer, um es gegen den Kaiser zu führen. Bei Catania kam es zur Schlacht, und mein Großvater verrichtete mit seinen Scharen Wunder der Tapferkeit; die Aufrührer wurden besiegt und die Häupter der Partei gefangen genommen. Ein furchtbares Strafgericht wartete ihrer, grausam rächte der Kaiser das Treiben der italischen Vaterlandsfreunde und feig und verräterisch sah die Kaiserin ohne auch nur eine Fürbitte einzulegen, ihre Getreuen, die sich ihrer Mitwirkung versichert glaubten, zu schmählichem Tode verdammt. Der Burgherr von St. Giovanni wurde, wie ihm der Mönch prophezeit, gekrönt; eine glühende eiserne Krone wurde ihm aufs Haupt genagelt, und der Henker fand wochenlang vollauf zu thun, um die Todesurteile zu vollziehen.

Endlich, nachdem der Aufstand niedergeworfen war, sah sich Erwin am Ziel seines höchsten Wunsches, und mit Kostbarkeiten beladen stieg er in Messina zu Schiffe, um auf dem Schlosse am Meere sein Weib und seinen Sohn zu umfangen. Doch wer beschreibt seinen Schrecken, als er angesichts seiner Burg, diese in Flammen aufgehen sah und seine geliebte Marianne tot in den Wellen treibend erblickte! Wohl hatte jenes Zigeunerweib das Wahre gesagt, das, als er aus Palermos Thoren ritt, ihm nachrief, er werde sein Ehegemahl wiedersehen, doch wie anders hatte er es gedeutet! Auf den Trümmern seiner Burg und seines Glückes, saß er, wie einst Marius, der Römer, auf den Ruinen von Karthago, und düstre Gedanken bemächtigten sich seiner. Was bot ihm das Leben noch, da sein Weib und sein Sohn nicht mehr lebten! Da trat Kunibert zu ihm mit dem Knaben; der treue Diener hatte ihn verborgen in den Felsenkellern des Schlosses, als die Überwältiger Mariannes, italienische Edelleute, sich ihrer bemächtigt hatten und nach siegreichem Kampfe mit den Burgmannen das Schloß in Flammen aufgehen ließen. Aber Marianne, welche von den Mordbrennern in ein Fahrzeug gebracht wurde, um als Geißel davongeschleppt zu werden, benutzte einen Augenblick, in dem sie unbewacht war, und schwang sich über den Bord des Fahrzeuges. Sie ertrank und verleugnete auch im Tode nicht die Kühnheit und den Mut ihres Volksstammes.«


 << zurück weiter >>