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18. Kapitel.
Ahasverus

»Wunderbar, edle Herren, wird Euch meine Geschichte erscheinen und wenn sie Euch so unglaubhaft dünkt, so wißt, daß ich ein Spielmann bin, der Erlebtes und – wenn Ihr wollt – Erdachtes Euch erzählen darf. Ich denke noch zurück an eine Zeit, in der die römischen Waffen Triumphe auf dem Boden Palästina's feierten und zu der Zeit, wo sie unsern Herrn Christus zur Richtstätte schleppten ward ich ruhelos. Ahasverus ist mein Name und ich war in der heiligen Stadt Jerusalem ein Sandalenmacher. Ich setzte meinen Wanderstab in meinem Heimatlande Palästina hier und dort hin, immer aber zog es mich zurück zu der Hauptstadt, der goldenen Hierosolyma und wenn ich, von weiter Reise zurückkehrend, müde und verzweifelt das Kidronthal durchschritt und das goldene Dach des Allerheiligsten von ferne erblickte, so kehrte die Kraft in meinen Körper zurück und die Freude beflügelte meine Schritte, daß ich die heilige Stätte wiedersehe. Aber die Römer waren der Fluch des Landes, kaum siebzig Jahre nach der Geburt des Herrn flog die Brandfackel in den Tempel, und die römischen Kohorten zogen dröhnenden Schrittes über den heiligen Ort, nachdem die Edelsten des Volkes bei der Verteidigung des Tempels gefallen waren. Und als ich sah, wie die Jungfrauen in die Gefangenschaft hinweggeschleppt und die edelsten Jünglinge mit auf den Rücken gebundenen Händen in das römische Lager gepeitscht wurden, wie der hohe Priester den Stahl, mit dem er sonst die Opfertiere schlachtete, sich selbst in das Herz stieß, da erfaßte mich die Verzweiflung und ich stürzte hinaus in die weite Welt, in der ich, seitdem rastlos umherziehe.« –

»Du fängst mit Deiner Geschichte frühzeitig an,« sagte der Zunftmeister Rathgen voller Weinlaune. »Indessen Du erzählst gut, und unser Durst währt doch länger wie Deine Erzählung.«

Alles lachte, nur Heinrich und Hunold nicht. Dieser hatte während der Zwischenrede sein Gesicht in beide Hände vergraben, und nachdem sich das Gelächter der halbbezechten Versammlung gelegt hatte, fuhr er fort:

»Mein Weg ging nach Rom. Die Beherrscherin der Welt zog jeden an, der entweder Reichtum, Talent oder Macht besaß, oder so unglücklich war, daß er nur in der Weltstadt auf eine neue Zukunft hoffen konnte. Alles strebte in der Hauptstadt der Welt nach Macht. Die Kunst war den Imperatoren nur Mittel zum Zweck; im klassischen Griechenland wurden die Tempel und die heiligen Haine geplündert, um ihre Kunstwerke herzugeben, damit sie Rom verschönten. Nero, jener Kaiser, der nachts in den Straßen sich umhertrieb und dann mit seinen Genossen den höchsten Unfug, die schnödesten Verbrechen beging, hatte Rom in Flammen aufgehen lassen, damit die kostbaren Neubauten seinen Namen unsterblich machten. Meine Augen erblickten die Schlechtigkeiten der Weltbeherrscher, ich sah die Auswüchse jener Tollheiten, welche den römischen Kaisern endlich das Scepter über die Welt entrang, sah Bekenner des neuen Glaubens im Cirkus zerfleischt von wilden Tieren, und ich sah auch, wie jene blonden Barbaren, aus den Völkern am Rhein, welche von den Römern überwunden, herrschend und immer mächtiger an dem Hofe der kraftlosen Cäsaren wurden und die Schattenkaiser endlich überwältigten. Mit dem römischen Heere hatte ich den Weg gebahnt, welcher die Kultur nach Frankreich und Deutschland, nach Asien und Afrika brachte und aus Barbaren Menschen schuf, die ihrem Lande zu Wohlthätern wurden. Mein Auge sah die Fortschritte der Menschheit. Als mein Fuß dieses Land hier zum ersten Male betrat, war es von Völkerstämmen bewohnt, die nur die Jagd und den Krieg kannten, und wo einer über den anderen herfiel, um Jagdgründe, fischreiche Flüsse und Seen zu erobern, wo die Gefangenen in düsteren, heiligen Hainen den Göttern geopfert wurden von finsteren Druidenpriestern, wo weissagende Jungfrauen die kampflustige Jugend des Volkes in den Krieg mit den Unterdrückern trieben, ihren Todesmut mit dem ewigen Leben in Walhall belohnend. – Einige Jahrhunderte später durchzog ich wieder dieses Land. Die Völker, die ich früher hier angetroffen, waren in der Ferne seßhaft geworden, da sie von den Römern von hier verdrängt wurden; durch den früher undurchdringlichen Wald zog sich eine Heerstraße, auf der Landleute und Krieger zu Fuß und zu Roß verkehrten. Auf dem Flusse fuhren Schiffe mit dreieckigen, lateinischen Segeln, hier und da hatten sich bereits Niederlassungen begründet, während der Auerochs, das Elentier und der Eber sich mehr und mehr in das Dickicht des Waldes zurück flüchteten. Ein nächstes Jahrhundert sah mich im Reiche der Westgothen in Spanien; diese tapferen Deutschen liebte ich und fing an aufs ihre Zukunft zu hoffen. Ich hatte ihren König Alarich begleitet, als er Rom eroberte und ich sah ihn ins Grab senken, über das der Fluß Busento heut seine Wogen wälzt.

Aber das Gothenreich hielt nicht Stand. Drei Jahrhunderte später betrat ich wieder den Boden, den sich die Westgothen unterdessen unterthan gemacht. Und mit mir kamen die Söhne Afrikas, die Anhänger des Lügenpropheten Mohamed, und zertrümmerten das Reich der Deutschen. Aber mit ihnen zog in das unterworfene Land Ritterlichkeit, Poesie und Wissenschaft ein. Diese Ungläubigen beseelte ein Geist der Forschung und des Fortschrittes, wie vormals einzig wohl das Griechenvolk in sich barg. Und als ich wieder nach geraumer Zeit das Land durcheilte und von der Spitze der Pyrenäen auf die Ebene herabschaute, was hatte mittlerweile Kultur und Gesittung, Ordnung und Erkenntnis geleistet! Fruchtbare Ebenen, wo sonst Wüsteneien, eingedämmte Ströme, wo früher weite Überschwemmungen und Städte mit fremdartigen, prachtvollen Bauten geschmückt, deren schlanke Türme neugierig über die hohen Mauern welche die Niederlassungen trotzig umgaben, hinauslugten. In den Städten war frohes Leben, Handel und Wandel blühten und ritterliche Künste waren gepflegt. Dort erlernte ich meinen Gesang, mein Saitenspiel, denn Wohllaut der Kehle und klingender Reim wurden gepflegt in dem Maurenreiche, Sänger und Dichter genossen dort königliche Ehren! –

Ein Jahrhundert darauf betrat mein Fuß wieder deutschen Boden und was hatten die Jahrhunderte hier geändert! Ich fand das ganze Land, das ich nur als von einzelnen Stämmen bewohnt, die sich unter einander befehdeten, kannte, als großes, mächtiges, geeintes Reich. Karl, dem die Nachwelt den Namen des Großen verliehen hat, herrschte jetzt mit eiserner Faust und mein Schwert rostete nicht, als ich mit dem Frankenherrscher gegen die Sachsen zog und das Land, welches zwischen Weser und Elbe sich erstreckt, dem Reiche gewinnen und der Kultur unterwerfen half. Ein Weltreich war es, das für die Ewigkeit gegründet schien, als König Karl im Jahre 800 in der Peterskirche von dem Papst Leo zum römischen Kaiser gekrönt wurde – aber als ich, von den Alpen herabkommend, ein Jahrhundert später meinen Wanderstab in die deutsche Ebene setzte, da war ein Kind der Herrscher über das Reich, die Großen zerfleischten das Land im Innern, und die Normannen und Hunnen fielen über dasselbe her und in seine Grenzmarken ein. Die Zeit war traurig, Mord und Brand bezeichneten den Weg, den die wilden Scharen genommen, die Viehherden wurden hinweggetrieben und die Kirchen geplündert. Das Reich war von seiner Macht herabgestiegen und schien rettungslos verloren. Aber als die Not am größten, fand sich der Mann, unter dessen Fahnen sich die Tapferen wieder zusammenscharten und bei Merseburg ward den wilden Hunnen von König Heinrich I. eine Schlacht geliefert, deren Ausgang ihnen die Lust zu fernerem Einbruch in das deutsche Reich auf lange Zeit benahm.

Und nun fing dieses Land an zu blühen und zu gedeihen, denn der neue Kaiser Heinrich, der Finkler, war es, dessen starke Hand die äußern wie die innern Feinde fühlten, und dessen Klugheit die Deutschen antrieb, hinter Mauer und Wall Schutz vor unvermuteten Überfällen räuberischer Nachbarn zu suchen. Kaum traute ich meinen Blicken, als ich einige Jahrzehnte später wieder dieses Land durchflog und große Städte, wohl angelegte Landwege und überall lebhaften Handel und Wandel erblickte. Das Zeitalter der Ottonen war gekommen, und mächtiger denn je erstand das deutsche Reich. Über die Grenzen des Reichs hinaus schweifte schon der Blick seiner Herrscher, so gefestigt fühlten sie ihre Herrschaft im Innern des Landes. Otto I. hatte mittelst seiner Frau Adelheid eine Verbindung mit Italien geschaffen, die Kunst und Wissenschaft, besonders aber die edle Baukunst, durch italische Meister nach Deutschland verpflanzte; indessen der italische Besitz gab Anlaß zu vielen Kriegen, in denen sich die Kraft Deutschlands erfolglos verzehrte. Und wie der Vater seine kluge Gattin aus Italien holte, so gab Griechenland dem Sohn die staatsgewandte Frau, und der Hof des dritten Otto war ein Sammelpunkt aller bekannten Nationen; Pracht und Reichtum, die Üppigkeit des Orients und die Tapferkeit edler deutscher Männer verbanden sich hier, um den deutschen Kaiser zum mächtigsten und glänzendsten Herrscher der Welt zu machen. Hochfliegende Pläne verfolgte der kaiserliche Jüngling – sein Blick umspannte Morgen- und Abendland, und Papst und Kaiser ließen sich zu einer Macht nun verbinden, der das Weltall gehören sollte – als er erst zweiundzwanzig Jahr alt am Fieber starb. –

Ruhelos wanderte ich umher, ich sah Reiche erstehen und zerfallen; als ich in meine Vaterstadt Jerusalem zurückkehrte, hatten fremde Nationen von ihr Besitz genommen, die Seldschuken hatten die heilige Stadt erstürmt und den Besitz des Grabes Christi zu einer Geldquelle gemacht, die jedem frommen Pilger vom Abendlande, einen Tribut abnötigte. Dabei jedoch wurden die Pilger gequält und gepeinigt von den Muselmännern, so daß ihr Wehegeschrei bald nach Europa hinüber erscholl und die gesamte Christenheit ins Feld wider die Ungläubigen rief. Wohl beseelte der größte Opfermut die ersten Kreuzfahrer, welche in die heilige Stadt unter dem frommen Herzog Gottfried von Bouillon drangen, aber die Begeisterung war nicht mehr dieselbe, wie sie zur Zeit der Essäer, der ersten Christenheit, erblühte. Innere Zwistigkeiten, politischer Streit, Treulosigkeit und Jagen nach Gewinn legte die Kräfte des Abendlandes lahm. Ich sah den rotbärtigen Kaiser Friedrich, den Hohenstaufen, im Greisenalter den Seinen im Kampfe vorangehen, mein Blick ruhte auf ihm als ihn seine Getreuen tot aus dem Flusse Saleph herauszogen. Meine Augen erblickten, fast ein Jahrhundert später den frommen Ludwig von Frankreich, wie er, ein treuer Anhänger der heiligen Kirche, mit siechem Leib die Strapazen ertrug, die ihm der Kriegszug im Wüstensande auferlegte. Gottergeben schickte er sich, in seine Gefangenschaft und zufriedenen Gemütes verschied er auf seinem zweiten Kreuzzuge, der Heimat fern, wie jener deutsche Kaiser Barbarossa.« …

Die Tafelrunde hatte aufmerksam der Erzählung des Spielmanns zugehört und die Müdigkeit schien von ihr gewichen zu sein, bis sich der Zunftmeister Rathgen bei Hunolds letzten Worten erhob und zu diesem sagte:

»Ihr versteht es Herr Hunold, die Müdigkeit hinwegzuscheuchen und Eure Zuhörer bei guter Laune zu erhalten. Wären wir so jung wie Ihr, und hätten wir, wie Ihr, kein Weib zu Hause, die ganze Nacht würden wir Eurer Erzählung lauschen.«

»So jung, wie der Spielmann?« ließ sich ein Stimmchen vernehmen, das von dem unteren Ende der Tafel her erscholl. »Ihr hörtet doch, daß der Spielmann vor unserm Herrn Christus geboren ist, und da müßte er ja just an die dreizehnhundert Jahr alt sein!«

Die ehrsamen Bürger brachen in ein helles Gelächter aus.

»Nichts für ungut, Freund Klopfer, der Sinn für die schöne Dichtkunst ist Euch bei der Gerberei nicht aufgegangen,« bemerkte Herr Rathgen, der wohl wußte, daß sein Urteil im Kreise seiner Zugehörigen viel galt. »Klingt es doch viel überzeugender, wenn der Erzählende vorgiebt alles miterlebt zu haben, wie unser wackerer Spielmann zu unsrem Ergötzen sich hören ließ; scheint uns doch sein Bericht glaubhafter und fesselnder.«

Er sah sich bei diesen Worten nach Hunold um, als wenn er eine Bestätigung seiner Rede erwartete, doch dieser lächelte eben Heinrich zu, der mit erregten Mienen der Erzählung seines Freundes gefolgt war. Mit einem Male warf Hunold jedoch sein lockiges Haupt in den Nacken, und sich an die Zechenden wendend sagte er in seiner nachlässigen, spöttischen Weise:

»Ihr edlen Herren, wenn meine Erzählung nun doch keine Dichtung wäre, wenn ich Euch nur wahrhaft Erlebtes berichtete, wie wäre Euer Urteil dann über mich?«

Der Weindunst hatte die Köpfe eingenommen, und als Hunold mit spöttischer Miene die Umsitzenden betrachtete, schien diese herausfordernde Art und Weise dem ehrsamen Zunftmeister Rathgen wenig zu behagen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Pokale hoch aufhüpften und sagte zu dem Spielmann:

»Eure Lügen sind gut erzählt, aber Ihr müßt nicht denken, daß wir bereits so viel getrunken hätten, um einem hergelaufenen Spielmann das Wunderbarste zu glauben.«

Damit faßte er in seine Tasche und ergriff ein Geldstück, welches er über die Tafel Hunold zuwarf, so daß es, an der Tischkante aufspringend, auf den Boden des Zimmers dicht vor seine Füße rollte.

Da hielt es Heinrich nicht länger. Zornig erhob er sich von seinem Sitz und rief Rathgen zu:

»Euer Alter schützt Euch, Herr Rathgen, denn sonst würde das Stück dorthin zurückfliegen, von wo es hergekommen.«

Diese Worte verursachten einen allgemeinen Aufruhr. Die Bürger, mehr oder minder berauscht, drangen auf die beiden Fremden ein, so daß dieselben verzichteten sich irgend wie noch verständlich zu machen, bis ein Augenblick der Ermattung und Ruhe eintrat, in dem Hunold zu Rathgen hinüberrief:

»Ein Tag wird noch kommen, an welchem Ihr mir gern dieses Geld reichet und nicht nur dieses, sondern mehr, bei weitem mehr, und nicht nur Ihr allein, sondern alle, die Ihr hier versammelt seid, ja alle Bürger Hamelns. Eure Hoffahrt, werte Herren, dürfte Euch teuer zu stehen kommen!«

Ein abermaliges Gelächter der Versammlung war die Antwort, aus dem heraus jetzt die schrille Stimme des Gerbers erklang:

»Nach Eurer Rede, Herr Spielmann, müßte Euch unsere Stadt sehr verbunden sein, daß sie Euch solche Ehren erwiese. Etwas Außerordentliches müßtet Ihr dann wohl für uns thun! Ja,« so wandte er sich an seine Genossen, »was wäre denn das Hervorragendste, welches zu leisten dem Spielmann die höchsten Ehren in Hameln verschaffen könnte?«

»Laßt ihn die Ratten vertreiben,« rief Rathgen, und die versammelten Meister klopften mit ihren Händen dröhnend auf den Tisch, indem sie diese Worte im Chor wiederholten.

Hunold legte seine rechte Hand auf Heinrichs Schulter und als die Bürger, welche mit dem Lärmen einhielten, jetzt lautlos die Antwort des Spielmanns erwarteten, sagte dieser in seiner ruhigen Art:

»Wohl, Ihr Herren, Wort gegen Wort, ich befreie Euch von den Ratten und Ihr zahlt mir vierhundert Mark Silbers, aber nicht einen Deut weniger!«

Die Zuhörer schienen nicht zu wissen, was sie von diesem wunderbaren Manne halten sollten, und Herr Rathgen, auf den der Ernst und die Ruhe des Spielmannes einen gar mächtigen Einfluß ausübte, den er jedoch vor seinen Freunden nicht zugestehn mochte, trat von seinem Platz vor den Tisch, Hunold gegenüber, und sagte:

»Treibt Euren Scherz anderswo, aber nicht mit ehrsamen Bürgern, von denen Ihr meint, daß der Wein, den sie genossen, die Sinne schon getrübt hätte. Dort liegt Euer Lohn, nehmt ihn und ziehet da hin, wo man Euch für Eure Erzählungen mehr Beifall als hier zollt!«

Über das Antlitz des Spielmannes breitete sich Heiterkeit. »Gut denn, sagte er, liegt dort mein Lohn? – Ich ging Euch um eine Belohnung nicht an – aber gebt ihn mir in die Hand, denn das ist doch die kleinste Ehre, die Ihr einem armen, fahrenden Gesellen, wie ich einer bin, anthun könnt – Ihr stolzen Hamelner Bürger!«

»Seit wann tanzt ein Hamelner Bürger danach, wenn ein Fremder pfeift?«

Die Frage, welche der Gerber schlagfertig an Hunold richtete, schien aus dem Sinn aller gesprochen zu sein, denn ein allgemeines Freudengeschrei erhob sich, das aber mit einem Mal verstummte, da sämtliche Zunftmeister plötzlich nach der Melodie tanzten, welche Hunold auf seiner Pfeife blies. »Bleibt stehen,« rief Heinrich den ehrsamen Männern ein Mal über das andere zu, »seid Ihr doch Hamelner Bürger, die nach keines Fremden Pfeife tanzen!«

Aber sie hörten nichts; langsam, wie die Weise ertönte, schritten sie in feierlichen Bewegungen dahin, und sobald der Spielmann seinem Instrument feurigere Rhythmen entlockte, wurden die sonst so behäbigen und gesetzten Zunftmeister von einem Taumel befallen, der sie einzeln oder miteinander durch das Zimmer wirbelte, so daß dessen tannener Fußboden erzitterte. Auch Herrn Rathgen schien diese unvermutete Lustbarkeit Vergnügen zu machen, denn heiteren Angesichtes hielt er den kleinen Gerber umfaßt, der sich zwar gegen diese Umarmung sträubte, aber da seine dicken Beinchen sich nach dem Ton der geheimnisvollen Flöte des Spielmannes unwillkürlich bewegten, so folgte er, wenn auch widerstrebend, dem lebenslustigen Rathgen, der nicht gern ein Tänzchen ausschlug, auch wenn es, wie dieses Mal, ohne seinen Willen vor sich ging. Endlich jedoch war seine Kraft erschöpft, und seine im Gewühl zur Schau getragene Heiterkeit verwandelte sich in einen Ausdruck, als wolle er den Spielmann um Gnade anflehen, daß er mit seinem Spiele inne hielte. Aber unentwegt folgte Ton auf Ton, und als endlich, nachdem alle anderen am Boden lagen, auch Rathgen und der vorwitzige Gerber hinfielen, da schloß Hunold mit einem schrillen Ton sein Spiel und brach in ein halblautes Lachen aus, indem er zu Heinrich sagte: »Der Übermut findet sich nicht allein bei den Rittern, sondern auch die Stadtherren leiden an dieser Untugend. Merke, junger Freund, daß die Thorheit des Menschen stets da anfängt, wo er sich überschätzt. Hast Du die Macht, so rühme Dich nicht derselben, sondern Du übst sie erst dann aus, wenn Du mit Milde und Freundlichkeit herrschst. Nur der ist wirklich klug, der sich stets zu mäßigen weiß.«

Bei diesen Worten war er mit dem jungen Freund aus der Wirtsstube getreten und beide standen sie in dem Flur, durch dessen Fenster der volle Mondschein fiel. Sie atmeten die kühle Nachtluft mit sichtlichem Vergnügen ein, denn drinnen war es heiß gewesen und der Weindunst hatte auch ihnen die Köpfe benommen. Im bläulichweißen Mondlicht schauten sie sich gegenseitig in die Augen, und Heinrich, der in diesem Augenblick fühlte, daß Hunold ihm sein volles Herz entgegen brachte, begriff, daß er an diesem Freunde eine wahrhafte Stütze hatte. Nachdenklich stand er einen Augenblick da, und als Hunold zu ihm sagte: »Komm Freund, Du wirst müde sein, denn gar viel hast Du heute durchlebt; folge mir in unser Gemach,« fiel ihm der junge Freund um den Hals und rief unter Schluchzen aus: »Bis an das Ende der Welt folge ich Dir, denn Du bist mir ein wahrhafter Freund! O, Hunold, lasse mich so werden wie Du bist!« …

Am andern Tage war die ganze Stadt von dem wundersamen Abenteuer erfüllt, das die ehrsamen Zunftmeister am Palmsonntag betroffen. Die Herren waren in tiefer Nacht von dem Wirt, der sie über und unter den Tischen, auf dem Boden des Zimmers wie in den Stühlen schlafend fand, gar unsanft aus dem Schlummer gerissen worden. Aber bei einigen von ihnen spukte die Melodie des Liedchens, nach dem sie getanzt, noch während des Nachhausegehens im Kopfe herum, und ihre heiseren Kehlen bemühten sich vergebens die richtige Melodie des Liedchens zu treffen, nach welchem sie gar unfreiwillig sich müde getanzt; sogar die Stadtwache hatte während der Nacht einschreiten müssen, um die weinseligen Genossen wieder zur Vernunft und in ihre Häuser zurückzubringen.

Zu ihrem großen Leidwesen erfuhren sie im Laufe des Tages, daß ihr Abenteuer allenthalben bekannt war, und viel hatten sie von den Neckereien auszustehen. Sie trafen sich am Nachmittag desselben Tages auf dem Rathause, wo der Bürgermeister und Rat versammelt waren, um den Kriegszug gegen Peter zu beschließen.

Die Sitzung, an welcher die Zunftmeister teilnahmen, war eben von dem Bürgermeister eröffnet worden, als der Mönch Paulus durch die Thüren des Saales schritt und von Herrn Allardi die Erlaubnis erbat, der Beratung mit anwohnen zu dürfen. Dieselbe schien jedoch ein schnelles Ende nehmen zu wollen, da die Zunftmeister darauf beharrten, zu gunsten der Unternehmung auch nicht den geringsten Geldbetrag zu bewilligen, so daß es schien, als ob der geplante Handstreich gegen den Raubritter nicht zustande kommen würde.

Während der Verhandlung mit den Zunftmeistern hatte Paulus teilnahmlos dagesessen und nur das Aufblitzen seiner Augen, die dann und wann unter den buschigen Brauen hervor die Redner musterten, verriet, daß er mit Leib und Seele der Beratung folgte. Der Bürgermeister brachte den Anwesenden nahe, wie schimpflich es wäre, daß die Bürger einer wehrhaften Stadt, wegen einer so geringen Summe ein Unternehmen aufgeben wollten, welches ihnen Sicherheit der Straßen und große andere Vorteile in Aussicht stellte, als der Mönch das Wort erbat, um kurz zu erklären, daß das Kloster die Summe für die Kriegsführung der Stadt Hameln vorstrecken würde.

Das Anerbieten des Klosters kam der Versammlung so unerwartet, daß vorerst eine allgemeine Stille entstand und alles auf den Mönch blickte, der im Vollgefühl der Wirkung seiner Worte also fortfuhr:

»Die große Güte, welche die heilige Kirche für Euch empfindet, heißt sie, Euch diesen Vorschlag zu unterbreiten, der ebenso zu Eurem Heile, wie zu ihrem Vorteil ist. Auch uns liegt daran, die Straßen von Räubern frei zu halten und dem Kaufmann freies Geleit zu unseren Messen zu verstatten. Bedingungen für unsere Beihilfe stellen wir nicht, sondern das Kloster freut sich, daß es mit diesem Gelde die Hamelner aus aller Not befreien kann. Die Kirche erweist Gutes denen, die ihr vertrauen, doch ihren Feinden und Widersachern begegnet sie mit der Schärfe des Wortes und wo dieses nicht hilft, mit dem geschliffenen Schwert. Und da ich von den Verächtern der Kirche spreche, so sage ich Euch, daß in unserer Stadt seit ehegestern zwei Männer weilen, von denen einer ein Verwandter jenes Mannes ist, dessen Sinnen bei Tag und Nacht nur Euer Schade ist, der Euch bereits viel Unheil zugefügt hat und dessen Burg Ihr jetzt belagern wollt. – Sein Freund ist ein Sohn des Teufels; kein Mensch weiß, woher er gekommen, was seine Eltern und wohin sein Weg. Ich warne Euch vor diesem Freundepaar, denn seine Anwesenheit hier bedeutet für Euch Unheil, Verrat, Unglück im Kriege, und wenn Ihr es unter Euch duldet, so seid Ihr selbst Schuld, wenn Euch wiederfährt, was die Kirche mit ihrem Rat von Euch abzuwenden bemüht ist.«

»Das also war es!« rief der Zunftmeister Rathgen aus, als der Mönch geendet. »Euch, Mönch Paulus, ist jener Mann im Wege, der uns heute Nacht mit harmlosen Lügen unterhalten und uns den Weindunst in den Kopf steigen machte, daß wir, frohgemuter als wir sollten, nach Haus gingen. Aber Ihr irrt Euch,« fuhr er zu dem Mönch gewendet fort, »in dem Mann, dessen Thun Euch gottlos scheint; – ist er doch ein harmloser Gesell, wie solche zu Tausenden in Deutschland sich des Lebens erfreuen. Sie üben Gesang und Saitenspiel und bringen fremde Kunde von entlegenen Ländern zu uns. Und wie würden wir sie vermissen, müßten wir ohne sie leben. Seinen Freund kenne ich nicht weiter, aber jung und milchbärtig schaut er aus, als wäre er ein Fräulein; auch er wird nicht so schlimm sein, wie Ihr ihn hinstellt! Was beging denn der junge Fant, daß ihm die Kirche zürnt?«

Der Mönch ließ seine dunklen Augen auf dem Sprecher ruhen.

»Rechenschaft über ihre Forderungen hat die Kirche selbst dem Kaiser nicht zu geben,« rief der rasch entflammte Paulus unbedachtsam aus.

Ein Schrei des Unwillens entfuhr den Bürgern. »Mönch, wahre Deine Zunge,« so schallte es ihm entgegen. Von allen Seiten sah er sich umstellt und eine Anzahl geballter Fäuste streckte sich ihm entgegen. Totenbleich stand er da, denn er fühlte, daß ihm sein zorniges Gemüt einen Streich gespielt und er alles daran setzen mußte, um die Städter zu gewinnen, damit sein Plan gegen Hunold und Heinrich gelänge; doch kaum hatte der Bürgermeister die Ruhe wieder hergestellt, als Herr Klopfer, der Gerber, das Wort begehrte und mit seiner krähenden Stimme in die Versammlung hinein rief:

»Was beraten wir über einen hergelaufenen Spielmann, den nichts auszeichnet, als die schöne Gestalt und daß er durch schöne Worte uns noch mehr einnimmt, wie sonst Leute seines Standes. Heißt ihn zu uns auf das Rathaus kommen, und stellt ihn dem Mönch gegenüber. Hei, was wird das für ein Wortgefecht geben!«

Paulus kam dieser Vorschlag sehr ungelegen, denn seine Furcht vor Hunold war noch gestiegen, seitdem ihm der Erfolg lächelte. Ohne ein Wort weiter zu verlieren erhob er sich um aufzubrechen, und indem sein Auge hochmütig die Versammlung streifte, verließ er nach kurzem Abschiedsgruße an den Bürgermeister das Rathaus.

Auf dem Treppenflur, welchen die vielen Windungen der Stiege sehr verdunkelten, tönten ihm bekannte Stimmen entgegen und er hatte kaum die Zeit, sich in einen Winkel zu drücken und, von Hunold und Heinrich ungesehen, diese an sich vorbei zu lassen. Fröhlichen Muts gingen dieselben über den langen Flur, und die Augen des Mönchs folgten ihnen, bis der nächste Treppenabsatz sie ihnen entrückte. Der Frohmut, in welchem sie dahingingen, ließ Paulus die ganze Leere seines Daseins empfinden, seine Hände ballten sich und Wut und Ingrimm sprachen aus seinen Zügen, als er seinem Kloster zuschritt. Erst als die Pforte sich hinter ihm schloß glättete sich sein Antlitz zu jenem Ausdruck von Demut, den es stets zeigte, sobald er vor seine Oberen trat.

»Die Thorheit der Welt wird dennoch an dem Fels Petri zerschellen,« murmelte er, als er den Kreuzgang durchschritt, »und ich werde obsiegen.«


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