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16. Kapitel.
In der Abtei zu Fulda

Die Abtei von Fulda hatte dem Mönch Paulus, welcher dem Stift in dem entwendeten Pergament einen nicht zu bezweifelnden Anspruch auf bedeutende Ländereien überbrachte, die freundlichste Aufnahme gewährt. Die Kirche, welche zwei Jahrhunderte zuvor unter dem Papste Gregor VII. sich die Weltmacht erobert hatte, die sie bis zur Reformation einnahm, besaß einen weiten Magen, und solch Leckerbissen war ihr gerade recht; war auch die Aussicht auf den Besitz der Ehrenfelsschen Güter noch in ziemlich weiter Ferne, da Peter noch lebte und den Ansprüchen Heinrichs auch noch zu begegnen sein würde, so hatte die Abtei Fulda Zeit und Ruhe genug, um diese Ereignisse abzuwarten, wenn es der Abt für das Kloster vorteilhaft hielt. Auf Grund des in ihren Händen befindlichen Dokumentes konnten die Mönche dereinst den Besitz beanspruchen, noch dazu, wenn Mittel und Wege sich inzwischen aufthaten, um den Erben Heinrich entweder aus Deutschland oder auch aus der Gemeinschaft der Lebenden verschwinden zu lassen. So rechnete Paulus bereits bei sich, als er dem Abt das Pergament übergab. –

Die Bistümer waren sehr reich, sie hatten unter den Fürsten und hohen Adeligen hervorragende Gönner und Schützer, denn der König, der Herzog oder Graf betrachteten meistens das Kloster als einen stets bereiten, wertvollen Helfer für das irdische und himmlische Heil. In der Einsamkeit des Klosters fand der wilde Krieger, der ränkevolle Politiker eine heimliche Ruhe, welche ihm sein Leben nicht gönnte, in den Mönchen die überzeugten Anhänger, die ihn als den großen Freund und Spender betrachteten; in den Weisen des Klosters stille Ratgeber, Verfertiger von Schriftstücken – zuweilen auch von unechten – und Verfasser der Annalen seines Hauses. Gustav Freytag, Bilder aus deutscher Vergangenheit.

Bei der Abtei von Fulda zeigte sich der Reichtum des Klosters in der großen Masse von Gütern, die sehr sorgfältig bewirtschaftet wurden und sich an den fruchtbaren Geländen längs der Weser erstreckten. Die Gärten, welche von den Mönchen gepflegt wurden, enthielten Äpfel und Nußbäume, und der mächtige Bogengang, welcher an dem Herrnhause des Abtes im Hofe entlang ging, ward von prachtvollen Kirschbäumen beschattet, die jetzt, im Aprilmonde, in üppiger, weißer Blüte standen. Alles atmete hier Freude am Leben und die Mönche bewiesen durch ihren stattlichen Leibesumfang, daß sie gute Küche liebten, und ihre heiteren, weingeröteten Gesichter predigten alles eher, als Fastenzeit, Kasteiung und Weltentsagung.

Ein üppiges und schwelgerisches Leben hatte auch die Grundsätze strenger Moral, wie sie für die Geistlichkeit eigentlich herrschen sollten, völlig untergraben. Der Abt sah in sich nicht mehr den geistlichen Hirten, sondern einen Herrscher über ein Gemeinwesen, für dessen Ausdehnung er Sorge zu tragen hatte, und in der Sucht, das Einkommen des Klosters durch Erwerbung von Gütern zu vergrößern, war dem Vorgesetzten zuletzt ein jedes Mittel recht. Kaum war das Pergament ausgeliefert, so entstand bereits die Sorge, auf welche Art und Weise Heinrich bei Seite zu schaffen wäre, und auch Peters wurde dabei gedacht, da seine Verschwendungssucht das Besitztum mit jedem Tage zu verkleinern drohte.

Paulus fand an dieser Stätte, was er längst gesucht. Hochfliegende Pläne, Herrschsüchte Unternehmungen, treulose Anschläge, die Großes bezweckten, wurden hier geschmiedet, und er, welcher zu Hameln der Letzten einer war, genoß in Fulda den vertrauten Umgang des stolzen Abtes. Sein Herz bebte vor Vergnügen, und seine Herrschsucht fand hier ihre Befriedigung, denn bei dem Abte galt er als ein treuer Sohn der Kirche und als feiner und kluger Kopf, der zu großen Aufträgen und wichtigen Geschäften wohl zu verwenden war.

Nach Hameln mochte er nicht mehr gern zurück; hier die Ehrenbezeigungen und dort sein Platz als dienender Bruder, ließen in ihm die Überzeugung aufkommen, daß er nur in Fulda seinem Ehrgeize Genüge thun und Ruhm und Einfluß erringen könnte. Nach einem der glänzenden Gastmahle, die im Refektorium des Klosters von dem Abte bei irgend einer heiligen Feier veranstaltet wurden, hatte Paulus sich einiger unbedeutender lateinischer Verse erinnert, welche einst von einem formgewandten Bruder, bei einer ähnlichen Gelegenheit in Hameln, als Trinkspruch auf den Großprior ausgebracht worden waren. Es waren heitere Worte, voller Anmut und Geist, und als sie von Paulus Lippen niederflossen, da begleitete das Haupt des Abtes die klingenden Verse mit taktmäßigem Nicken. Als Paulus geendet hatte und seinen Blick über die Häupter der ihm Beifall spendenden Tischgesellschaft triumphierend schweifen ließ, als wäre er der Dichter selbst, rief ihn der Abt zu sich und sagte ihm in der gütigsten Gebelaune eine jede Gnade zu, die zu erfüllen in seiner Macht stände.

Paulus benutzte die gute Laune des Klosterherrn, und unter Aufbietung seiner äußersten Klugheit bat er den Abt, daß er ihn aus dem Hamelner Kloster nehmen und ihn in die Abtei von Fulda berufen möge, da er den Abt so hoch verehre, daß er stets bei ihm zu weilen wünsche. Der Abt, durch die Anhänglichkeit des schlauen Pförtners gerührt, sicherte ihm die Gewährung seiner Bitte zu, und am andern Tage bereits ward Paulus beauftragt, in geheimen Geschäften nach Hameln zurückzukehren, und bei dieser Gelegenheit dort seine Übersiedelung nach Fulda dem Großprior anzukündigen. Die geheimen Nachrichten, deren Träger Paulus war, bestanden darin, den Großprior zu bestimmen, daß er auf Bürgermeister und Rat Hamelns einwirke, binnen kurzem gegen Peter von Ehrenfels einen Rachezug zu unternehmen. Den Mönchen wurde aufgegeben, in der Bürgerschaft gegen Peter Zorn und Unwillen zu erregen, und sich mit den Zünften, aus denen die bewaffneten Mannschaften Hamelns hervorgingen, dahin zu verständigen, daß Bürgermeister und Rat zum Entschluß und zur Entscheidung gegen den Ehrenfelser gedrängt würden.

Mit freudestrahlenden Blicken ritt Paulus an einem schönen Morgen aus den Thoren Fulda's und tummelte sein Pferd auf dem weichen, moorigen Wiesengrund. An den aufgeschossenen Gräsern hingen dicke Tautropfen, und wie ein wogendes Meer erschienen die üppig grünenden Wiesen, wenn der über sie dahinfahrende Windstoß das Gras auf weite Strecken niederdrückte und es sich gleich wieder erhob, sobald der Lufthauch vorübergerauscht war. Hier und da unterbrachen das helle Grün des langen Riedgrases die dunkleren, riesigen Farrenkräuter, die sich oftmals so hoch erhoben, daß der Leib des Pferdes von ihnen überragt wurde; auch gelbe Butterblumen, roter Klee und purpurfarbner Mohn sproßten in erster Frühlingsblüte auf diesem Wiesengrunde empor; – wohin sein Auge blickte, – neues, frohes Leben sah ihm entgegen. –

Er seufzte tief, denn trotz froher Aussichten in nächster Zukunft, wollten die Erinnerungen an sein bisheriges Leben von ihm nicht weichen und er wäre doch von ihnen so gern befreit gewesen!

Noch in der vergangenen Nacht hatte ihn der in seine Zelle voll hineinschauende Mond aus tiefem Schlafe erweckt, und jene Januarnacht war ihm vor die Augen getreten, in der ihm Heinrich sein ganzes Innere ausschüttete. Er sah den Jüngling in seinem goldgestickten Mantel neben sich sitzen, und obschon er sich auf dem Lager hin und her warf, um diesen Traum loszuwerden, so konnten sich doch seine Gedanken von dem Bilde des schönen Jünglings nicht trennen, dessen Vertrauen er so arg getäuscht hatte.

Was hatte ihn denn zu dem Verrat getrieben? War es nicht der Haß gegen den Spielmann, zu dem Heinrich hielt, obschon er dem Jüngling in jener Nacht sein Herz und seine Fürsorge angeboten? War es nicht sein Ehrgeiz, in der geistlichen Welt sich eine Stellung zu erobern, zu der ihn weder wirkliches Talent noch Anlagen berechtigten, die er aber erringen wollte; er mußte steigen, und da ihm eine mächtige Vetterschaft nicht zur Seite stand, so hatte er es ein Jahrzehnt lang durch Frömmigkeit, Unterordnung und Dienstwilligkeit versucht. Das führte ihn nicht zum Ziele; seine Langmut war erschöpft – er beschloß, es jenen nachzuthun, die in kurzem das erreichten, was ihm durch ein Jahrzehnt strengster Observanz versagt blieb. Sein Entschluß war seit geraumer Zeit gefaßt; vorwärts mußte er kommen: sei es durch List, durch Schmeichelei oder aber durch Lüge, ja durch ein Verbrechen!

Ja, ein Verbrecher war er geworden, aber nicht erst neuerdings. Als er jetzt nachdachte, wo er zuerst den Pfad der Rechtlichkeit verlassen, da dämmerte es in ihm auf, daß er Hunolds Bekanntschaft schon ehedem gemacht, und ein Schrecken durchfuhr ihn, denn er begriff, daß, wenn der Spielmann ihn erkannt hatte, er der Schande Preis gegeben wäre. Was hatte ihm das Kloster für Nutzen gebracht, wo er als dienender Bruder sich die ärgsten Demütigungen hatte gefallen lassen müssen, und wohin er gegangen, um zu vergessen und vergessen zu werden. Durch lange Jahre hindurch band er sich an Klosterregeln, die ihm in ihrer Düsterheit und Ordnung ein Greuel sein mußten, wenn er sich seines Vorlebens erinnerte. Er hatte Weib und Kind verloren, sein Besitz ging vor der Wut rachedürstiger Städter in Flammen auf, er hatte ein neues Leben begonnen und jetzt, wo sich seinem Ehrgeiz ein neues, großes Feld eröffnete, sollte ihm jener fahrende Gesell in den Weg kommen? Nimmermehr! Aber sollte er es wagen – er müßte vom Erdboden verschwinden, das stand bei ihm fest.

Sein Haupt war ihm auf die Brust herniedergesunken und das Pferd verfolgte, ohne daß es eine Leitung verspürte, die schlechtgebahnte Straße. Paulus Blick haftete auf dem Erdboden, der üppiges Gras nach oben entsendete, dessen Halme das Pferd ab und zu abbiß. Die Gestalt des Spielmanns trat ihm vor Augen. Was wollte der unheimliche Geselle von ihm? Und wunderbar – sechszehn Jahre wohl hatte er ihn nicht geschaut und eben so jung, von der Zeit nicht berührt, sah er ihn jetzt wieder. Und die Gestalt jenes geheimnisvollen Spielmanns zauberte ihm einen Teil seiner Vergangenheit herauf und Ereignisse einer ewig denkwürdigen Zeit zogen vor seinem geistigen Auge vorüber. –

Gegen Ende des Jahres 1267 war es, als der Ritter Konrad von Isenberg, so war sein Name, bevor er ins Kloster trat, mit einem Fähnlein Bewaffneter zu dem Heere stieß, welches Konradin, der Neffe des verstorbenen Königs von Italien über die Alpen führte, um Neapel und Sicilien sich und den Ghibellinen wieder zu erobern. Konradin war ein herrlicher Jüngling, kühn, tapfer und königlich freigebig; aber zu jung und voller Unbedacht hatte er das Wagestück, Karl von Anjou aus seinem Erbreich zu vertreiben, mit unzureichenden Mitteln unternommen. Als in Verona bei seinem Heere Geldmangel eintrat und viele gezwungen waren, Waffen und Pferde zu verkaufen, um ihr Leben zu fristen, verzweifelte der größere Teil an der glücklichen Ausführung des Unternehmens und seine eigenen Verwandten sogar, der Herzog Ludwig von Bayern, sein Onkel, und sein Stiefvater Meinhard von Görz, trennten sich von dem Heere und gingen nach Deutschland zurück. Als dies laut wurde, fing unter den Zurückgebliebenen große Entmutigung an zu herrschen, und das mit großen Kosten und dem Verlust seiner sämtlichen Familiengüter gesammelte Heer drohte auseinander zu laufen. Da, in der Zeit der höchsten Not, als der königliche Jüngling bang verzagte und weder Machtworte, noch Bitten und Flehen auf die unzufriedenen Kriegsleute Einfluß hatten, erschien eines Abends auf hohem Rosse ein unbekannter Ritter, der mit den schwierigen Verhältnissen des Heeres vollends vertraut schien. Denn kaum war er im Lager vor der Stadt angelangt, als er Konradin bat, die Mannschaften zusammenzurufen. In einer mächtigen Rede wußte er die schon zum Abzuge entschlossenen Ritter und Knechte derartig für das Unternehmen zu begeistern, daß am andern Morgen das Heer in bester Ordnung und voller Kampfesmut aufbrechen konnte, um mit Hilfe der kaisertreuen Städte Italiens in Rom einzuziehen.

Konrad von Isenberg suchte sich jenem redegewaltigen Ritter, welcher bei dem Heere verblieb, eng anzuschließen, doch dieser war äußerst wortkarg und einige Tage nach dem Einzuge in Rom, das den Hohenstaufer mit Begeisterung empfing, verschwunden. Konradin hatte ihn nach Pisa gesandt, wo er die Vereinigung der ghibellinischen Flotte mit jener der Pisaner zustande brachte. Der merkwürdige Ritter schien auf dem Wasser wie auf dem Lande zu Hause und errang einen vollkommenen Sieg über die französische Flotte. Aber Konradin, der von diesem Erfolge trunken gemacht und wenig oder übel beraten war, lieferte am 23. August 1268 bei der Stadt Tagliacozzo dem verhaßten Feinde eine Schlacht, die mit der vollkommenen Niederlage des hohenstaufischen Prinzen endete. Das Heer löste sich auf und nur von wenigen Getreuen begleitet, unter denen auch Konrad von Isenberg, floh Konradin bis zur Stadt Astura, um Sicilien zu erreichen, bevor der Sieger diese Insel betreten konnte. Hier aber wütete bereits der Verrat in den Reihen seiner Freunde. Konrad von Isenberg, des Umherziehens müde, setzte sich mit dem Befehlshaber des Schlosses von Astura, Giovanni Frangipani, heimlich in Verbindung, und als sein Heerfürst mit den wenigen Leuten, die ihm geblieben, bereits auf offener See war, bestimmte er, daß dem allzu schnellen Lauf des Schiffes Einhalt gethan werden sollte, da eine Verfolgung nicht zu gewärtigen wäre. Kaum jedoch waren einige Segel eingezogen, als sich am Horizont ein Schnellsegler zeigte, den Frangipani auf Verabredung mit Isenberg abgesendet, und welcher das Schiff zurückholte, um die Gefangenen in Astura in sicheres Gewahrsam abzuliefern. Konrad von Isenberg teilte einige Zeit mit seinem Herrn die Gefangenschaft, um damit den Schein eines jeden Verrates von sich zu weisen; als aber der königliche Gefangene mit seinen Genossen an Karl von Anjou gegen reiche Geldzahlungen und Landschenkungen ausgeliefert wurde, durfte er unterwegs entwischen und kam bei dem unsauberen Handel nicht zu kurz, denn eine große Summe Geldes nahm er von Italien mit sich, als er, den Seeweg wählend, ein Schiff bestieg, um auf sicherstem Wege nach Deutschland zu gelangen.

Es war bereits Ende Oktober, als er sich auf offenem Meere befand, und obwohl zahlreiche Kriegsgenossen auf dem Schiffe mit ihm waren, so mied er doch deren Umgang. Tag und Nacht lag ihm das Andenken an Konradin und an seinen Verrat im Sinn, und der Beutel Gold, den er unter seinen Habseligkeiten sicher verwahrte, ward ihm zur Zentnerlast, die sein Gewissen grausam beschwerte. Am 29. Oktober 1268 landete er in der Stadt Genua, um seinen Weg nach Deutschland über die Alpen fortzusetzen. Kaum war er an das Land gestiegen, als ein Mann ihm entgegentrat, aus dessen faltenreichem und verwittertem Antlitz graue Augen in starkem Glanze leuchteten und dessen mächtigen Kopf graue Locken umflogen. Es schien ein armer Hafenarbeiter, denn seine sehnigen Arme und Beine wurden von einem zerrissenen Gewande nur notdürftig bekleidet, und er hatte sich von den Steinfliesen, die den Hafendamm einfaßten, eben erhoben, als Konrad von Isenberg an ihm vorbeieilen wollte. Der Alte sprach ihn um eine Gabe an.

»Geh zum Teufel,« sagte Konrad, indem er ihn von sich hinwegschob, »erwirb Dir selbst etwas und Du wirst besitzen.«

Der Mann wurde aber zudringlicher und lief neben ihm her, bis Konrad seine Hand erhob, um ihn zu schlagen. Da schien der Bettler, der bisher gebückt und mit eingezogenen Knieen vor ihm gelaufen, zu wachsen. Aufrechtstehend bohrte er seine Augen tief in die Konrads und dumpf ertönten seine Worte:

»Heut fällt der Kopf Deines Herrn Konradin. Wie Judas einst den Heiland, so hast Du den Kaisersohn verschachert. Aber die goldigen und jetzt bluttriefenden Locken, die ihm so schön standen – Du wirst sie immer sehen und sein Andenken wird Dich stets verfolgen, bis an Dein Ende. Versenke Deinen Schatz ins Meer, denn Dir bringt er nur Unglück. Das Geld wird wie Sand zerrinnen und Du wirst keine Ruhe auf Erden haben – weder Dein Haus noch das Kloster wird Dir Frieden geben; denn Du trägst das Kainszeichen des Verräters mit Dir herum!«

Bei den letzten Worten empfand er einen Streich ins Gesicht, der ihn ohnmächtig hinstreckte, und als er erwachte, war die Gestalt verschwunden, die ihm fremd und deren Stimme ihm doch so bekannt erschien! – –

Die Sorge, wie er seinen Reichtum am besten verwerten könnte, beschäftigte ihn in den ersten Monaten, die er in Deutschland zubrachte so, daß er dieses üble Abenteuer fast vergessen hatte. In der Rheingegend kaufte er großen Landbesitz und baute auf einem Felsen, dessen Fuß vom Rhein bespült wurde, eine wohl befestigte Burg, in die er, nachdem sie vollendet, als sein Weib ein reiches, hübsches Mädchen, aus einer ritterlichen Familie der Umgegend einführte.

Das ruhige Leben, das ihm sein Reichtum ermöglichte, mißfiel ihm bald. Seine Nächte wurden durch Träume beunruhigt, die ihn ruhelos machten, denn bald war es Konradins bleiches Haupt, bald jener Ritter, der sein Waffenbruder in dem italienischen Feldzuge war, bald endlich zauberte sein böses Gewissen ihm die Gestalt vor, die ihm in Genua den Schlag versetzte, und die Reue und die Furcht vor Vergeltung ließen ihn im Genuß verschmachten. Er sehnte sich nach aufreibender Thätigkeit; die Jagd genügte ihm nicht mehr, und in kurzer Zeit wurde er im ganzen Rheinthale bekannt, als der verwegenste und blutgierigste Ritter, der nicht des Raubens halber die arglos ihres Weges ziehenden Bürger abfing und mordete, sondern sich an ihren Todesqualen weidete und an ihrer Pein ein unnennbares Vergnügen empfand.

Sein Weib hatte gar keinen Einfluß auf ihn und als sie eines Tages, in seiner Abwesenheit, einigen Gefangenen gestattete, aus dem tiefen Burgverließ an das Sonnenlicht zu kommen, welches sie schon lange Zeit nicht gesehen, ließ der Wüterich sein eigenes Weib zur Strafe dafür in das Burgverließ sperren, wo sie einige Tage bei völliger Finsternis zubringen mußte. Seit jenem Tage sprach die Frau kein Wort mehr mit ihm und verschied wenige Wochen hernach unversöhnt, nachdem sie einem Mädchen das Leben gegeben hatte. Der Fluch jenes Mannes in Genua erfüllte sich buchstäblich. Das Kind war blind von dem Tage seiner Geburt an, und Konrad graute vor der Zukunft, denn er fühlte, daß seine Schuld zu schwer wog, um nicht noch fernere Sühne zu verlangen. Die Verwandten der Frau, von Rache erfüllt über die schmähliche Behandlung, welche Anlaß zu ihrem frühen Tode gewesen, gingen ein Bündnis mit den Städtern ein, welche dem Ritter von Isenberg schon längst den Untergang geschworen hatten. Sie Überfielen wenige Monate nach dem Tode der Dulderin in möglichster Stille das feste Schloß und machten den größten Teil der Besatzung nieder. Konrad rettete sich durch einen geheimen Gang in das Freie und sah aus der Ferne die gelblich roten Flammen aus seiner Burg emporsteigen, welche ihm sagten, daß das Sündengeld, welches er vor Jahren für den Verrat erhalten, in Rauch aufgegangen, und er jetzt als Bettler herumirren konnte. Der Gedanke an den Verlust und der Kummer über seinen jähen Fall ertötete auch den letzten Funken von Vaterliebe in ihm. Er hielt das Kind, welches ihm in seiner Blindheit eine Last war, für tot und setzte seinen Weg den Rhein herauf fort, ohne sich um das Geschick des kleinen Wesens zu bekümmern. In dem Kloster zu St. Gallen legte er sein Mönchsgelübde ab; die Furcht vor der Rache des Schicksals für seinen Verrat, trieb ihn in den Schooß der Kirche. Durch lange Zeit fühlte er sich von seinem Gewissen unbehelligt, so daß er wieder ernstlich daran dachte, empor zu steigen und bei der Klostergeistlichkeit einen Rang zu erstreben, der ihm durch die Geburt eher zukam, als das Pförtneramt, das er seit etwa zehn Jahren in dem Kloster von Hameln, wohin er von St. Gallen gesandt worden war, unter dem Namen Paulus verwaltete. – – – –

Der Weg nach Hameln war einige Tagereisen lang; ein Gedanke quälender als der andere reihte sich während der Reise in seinem Kopfe an einander und alle gipfelten darin, daß der Spielmann der einzige sein mochte, der ihn in seinen Entwürfen stören konnte. Den Grund hierfür wußte er selbst nicht, und bald lächelte er wieder über seine Furcht und schalt sich einen Träumer, da es ihm doch undenkbar erschien, daß Hunold mit jenem Ritter aus Verona oder dem Hafenarbeiter aus Genua, welcher ihm so unsanft begegnete, irgend etwas gemein haben konnte. – Waren doch etwa sechszehn Jahre seit jenem unglücklichen Konradinschen Unternehmen vergangen und bei dem Ritter, welcher schon damals in den dreißiger Jahren stand, durfte wohl die Zeit nicht so spurlos vorübergegangen sein, daß er heut auch nicht älter erschien. Er fand im Laufe seiner Reise heraus, daß er, in letzter Zeit fieberhafter Erregung voll, sich durch eine zufällige Ähnlichkeit habe beunruhigen lassen. –

Vier Tage später sah er am Horizont den Turm der Bonifaciuskirche von Hameln auftauchen; er spornte sein etwas von Kräften gekommenes Roß tapfer an, damit er noch vor Abendläuten das ihm so bekannte Heim erreiche. Sein scharfes Auge verfolgte die Windungen der Straße, welche auf die Stadt zuführte; plötzlich hielt er den Zügel des Pferdes so straff an, daß dieses auf dem Fleck still stand. Einige hundert Schritt vor ihm trabten zwei Reiter auf Hameln zu, die er sofort als seine ehemaligen Freunde, Hunold und Heinrich erkannte. Es wäre ihm lieber gewesen, hätte er beide auf der Lingenburg oder hundert Meilen von Hameln entfernt gewußt; bald jedoch hatte er sich von dem unvermuteten Anblick erholt, denn was hatte er jene zu fürchten? Die Reiter vor ihm bemerkten ihn nicht, in Hameln aber, als Mönch, von seinem Kloster beschützt, konnte ihm ein weltliches Gericht wegen des Diebstahls, den er an Heinrich ausgeführt, nichts anhaben, da Geistliche nur von Geistlichen gerichtet werden durften! Er setzte sein Pferd wieder in Bewegung, sorgsam die Entfernung zwischen sich und den Reitern vor ihm innehaltend, und eine Stunde später stand er vor dem Großprior, welcher mit zufriedenem Lächeln die Lobsprüche vernahm, die ihm der Abt für sein entschlossenes Handeln in dieser Angelegenheit übermitteln ließ. Paulus war durch die Aufmerksamkeit, die ihm von allen Seiten im Kloster gezollt wurde, so beglückt, daß es ihm recht war, als der Großprior ihn ersuchte, sich noch einige Zeit in dem Hamelner Kloster aufzuhalten. Sein Ehrgeiz schien befriedigt und bald richtete sich sein Augenmerk auf ein höheres Ziel. Hunold und Heinrich waren ihm im Wege und er handelte nur zum Vorteil seiner Kirche, wenn er, seine eigene Rachsucht befriedigend, dieselben zu verderben beschloß.


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