Autorenseite

 << zurück weiter >> 

22. Kapitel.
Peters Ächtung

Oftmals dachte Hedwig an die Zeit zu Anfang des Jahres zurück, als frohes Leben den Hof und die weiten Hallen der Lingenburg erfüllte. Wenn sie Heinrich in seiner frischen Jugend betrachtete, wie malte sie sich die Zukunft aus! Die gerade, männliche Art des Jünglings gab ihr die Gewißheit, daß sie mit ihm nur frohe Zeiten erleben würde und wie das Frauenherz ist, so hatte sie schon für diesen Jüngling Pläne im Kopfe, welche seine Zukunft zur glücklichsten machen sollten. Die Dazwischenkunft Peters ließ die vor ihrem geistigen Auge entstandenen Luftschlösser dahinschwinden, und sie konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, daß mit dem Einzuge dieses finsteren Gastes, Ungemach und Mißmut auf der Lingenburg sich festgenistet hatten.

Peter hatte nach der Zerstörung seiner Burg seine Zuflucht bei Ottokar gesucht und gefunden. Er wußte, daß nur sein Vetter allein ihm einiges Wohlwollen entgegenbrachte, denn alle übrigen Bewohner der Burg mieden seine Nähe. Tag und Nacht war er mit Racheplänen beschäftigt. Sein Weib Bertha war seit jener schaurigen Nacht verschwunden, und indem er ab und zu ihrer gedachte, meinte er um sie genügend getrauert zu haben; aber eine blinde Wut befiel ihn, wenn er sich erinnerte, daß er den verhaßten Städtern unterlegen und gegen diese von ihm so verachteten Bürger machtlos wäre. Er lag Ottokar in den Ohren, gegen die Hamelner einen vernichtenden Schlag zu thun, und mit nur wenigen seiner Leute wollte er es übernehmen, die Vorratskammern der Hamelner, die Hamelns Bürger wegen der Ratten weit ab von der Stadt gelegt, zu plündern und niederzubrennen. Der Ritter von der Lingenburg, welcher früher eine Zumutung, wie sie Peter hierin ihm stellte, auf das allerschärfste zurückgewiesen hätte, war schon von den bösen Ratschlägen Peters so umgarnt, daß er diesem einen ernstlichen Widerstand nicht entgegensetzte und der wilde Vetter, welcher sein Leben auf der Burg, trotz des Übelwollens ihrer andern Bewohner, sehr behaglich zubrachte, sah schon binnen kurzem sich wieder an der Spitze eines rauflustigen Haufens; sein Herz erhob sich in dem Gedanken, daß er seinen Rachedurst gegen die Städter bald und blutig befriedigen könnte.

Aus diesen Träumen wurde er indessen gar unsanft emporgerüttelt, als ihm einer der Knappen Ottokars, welcher von Hameln eines Tages zurückkehrte, die Nachricht aus der Stadt mitbrachte, daß über ihn, Peter von dem Ehrenfels, die Acht ausgesprochen sei. Der Kaiser, welcher mit äußerster Strenge gegen den räuberischen Adel vorging, hatte vor kurzem Fürsten und Städte am Rhein den Landfrieden beschwören lassen, und seine Absicht war es auch, in Niedersachsen gesetzliche Zustände herzustellen. Seine Unternehmungen jedoch ließen ihn zu jener Zeit nicht nach dem Norden kommen und deshalb unterstützte er, mit Scharfblick erkennend, daß die Städte die thatkräftigsten Bürgen für Ruhe und Ordnung darstellten, diese bei einer jeden Fehde, welche sie mit ritterlichen Wegelagerern hatten. Von der Berennung und Niederlegung des Ehrenfels war ihm berichtet worden, und da die Belagerer den Ritter Peter nicht unter den Toten auffanden, so mutmaßten sie seine Entweichung und veranlaßten den kaiserlichen Achtbefehl. Diese Nachricht war für Peter ein Donnerschlag, denn nun mußte er, wollte er seinen Vetter Ottokar nicht gefährden, die Lingenburg verlassen, da der mit der Acht belegte Ritter einen jeden mit sich ins Verderben zog, der ihm durch Wohnung oder Beihilfe irgend welchen Vorschub leistete; dem zu entgehen mußte Peter sorgen, daß diese Kunde vor Ottokar und ganz besonders vor Hedwig geheim gehalten würde, denn die Schwester seines Vetters verachtete ihn mit der ganzen Kraft ihrer reinen Seele. Sie befürchtete von seiner Anwesenheit in der Burg nur Schlimmes, und untröstlich war sie über den bösen Einfluß, den der wilde Peter auf ihren Bruder erlangt hatte. Bitten, Drohungen und die Versicherung, daß der böse Gesell Unfriede und Unheil ins Haus gebracht, fruchteten nichts; Peter war so klug, daß er sich Ottokar gegenüber in allem willfährig zeigte und gerade hierdurch auf den Ritter, den die Ereignisse der letzten Zeit sehr gealtert hatten, eine große Macht erlangte. Aber all sein Mühen wäre nutzlos gewesen, hätte irgend jemand auf der Lingenburg vernommen, daß Peter geächtet sei, und nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt, begriff er, daß seine ganze Sicherheit in dem Verweilen auf der Burg und darin läge, daß der Knappe schwiege. Er gewann denselben, noch ehe dieser mit den Leuten in der Burg reden konnte, durch Versprechungen und ließ ihn einen furchtbaren Eid schwören, daß er die unselige Neuigkeit nie verraten werde. Der erschreckte Jüngling war ihm zu Willen, aber schon in den nächsten Tagen bereute er es, sich in die Gewalt des Ritters begeben zu haben; er fühlte sich als ein Feind derer, denen er zu Danke verpflichtet war, und wagte weder Hedwig noch Hilda anzuschauen, wenn sie in ihrer gütigen Art mit ihm sprachen. Die Vorwürfe, die sich dem Knaben bei Tag und Nacht aufdrängten, machten ihn ruhelos und er, der sonst der fröhlichste Spielgenoß war, wurde tief traurig und verstört. Eines Morgens vermißte man ihn bei dem Gottesdienst in der Kapelle, und als er auch des Abends nicht wiederkehrte und weder Ottokar noch einer seiner Angehörigen sich eines Fehlers seitens des Jünglings bewußt waren, so mutmaßte man ein Unglück. Er war des Abends vorher mit Peter gesehen worden, wie sie beide am Rande des Burgberges sich ergingen und zwar dort, wo der Fels in jähem Sturz zur Straße abfällt Seitdem war er verschwunden und Peter versicherte, daß er ihn an jener Stelle verlassen hatte, weil der Jüngling dort noch verweilen, er aber zur Ruhe gehen wollte. Eine Woche lang schwebten die Bewohner der Burg im Ungewissen, bis eines Tages in dem Gestrüpp, welches den Burgberg bewuchs, gerade unter der abschüssigen Stelle wo der Knappe zuletzt verweilte, sein schon in Verwesung übergegangener Leichnam gefunden wurde. Laute Wehklage erscholl, als man ihn zu Grabe trug und alles folgte seinem Sarg, bis auf Peter, welcher sich erst nach dem Begräbnis wieder einfand. Aber obschon es nicht laut gesprochen wurde, so hielt jedermann Peter für schuldig an dem Tode des Jünglings, welcher in der letzten Zeit seines Lebens sich völlig in die Gewalt des wilden Ritters gegeben, und nur mit ihm allein verkehrt hatte. In ihrer Kemenate weinte und klagte Hedwig und bat Gott, daß er ihnen einen Retter senden möge, der sie von diesem Übel befreie, und während sie auf ihren Knieen lag und ihre innersten Gedanken vor dem Marienbilde, welches die Ecke ihres Zimmers einnahm, laut wurden, hatte sich die Thür des Gemaches geöffnet und Hilda, von Irma geführt, trat ein. Die beiden Mädchen hielten sich anfangs im Hintergrunde des Zimmers, und heiße Thränen entstürzten ihren Augen, als sie Zeugen von dem inbrünstigen Gebet der Schloßfrau wurden. Auf den Zehen gehend, tastete sich Hilda weiter, bis sie ihre Arme um den Hals ihrer Pflegemutter legen konnte, der sie flüsternd zusprach:

»Gewiß wird Gott helfen und sicher wird er Heinrich uns zum Retter schicken!« –

Nach wie vor oblag die Blinde ihrer Thätigkeit, Liebe und Freude unter den Unglücklichen zu verbreiten; immer weiter und weiter erstreckte sich der Ruf von ihrer Herzensgüte und Demut, und wo sie sich zeigte, entweder von Irma oder von ihrem vierfüßigen Begleiter geführt, eilten die Menschen aus den Hütten ihr entgegen und die Kinder begrüßten sie mit lautem Jubel. Obwohl sie noch an der Schwelle des Lebens stand, empfand sie dennoch aus ihrem Herzen heraus, was den Armen und Leidenden not und gut that; es umfloß sie ein Hauch von Anmut und die edle Liebe zu den Menschen, die sie in sich barg, zauberte oftmals ein Lächeln auf ihr sonst ernstes Antlitz, so wonneherzig und sonnenhaft, daß vor dieser Hoheit selbst die Bosheit eines Peter sich nicht zu zeigen wagte. Er wich ihr darum aus; bei einem Jagen hatte er im Kreise von Ottokars Burgmannen geklagt, daß Hilda das Gut ihres Pflegevaters unter Unwürdige verthue. Dieses Wort kam unter die Menge und seit diesem Tage zog er es vor, den Dorfschaften, welche um die Burg lagen, fern zu bleiben, da die drohenden Mienen der Dörfler ihm wenig Gutes verhießen. Er haßte dieses Mädchen mit der Kraft seiner niedrigen Gesinnung, und die Reinheit ihrer Empfindungen waren ihm ein Greuel, denn nur auf dem Felde der Bosheit war ihm wohl!

Bei den Burgmannen war er nicht minder verhaßt. Da Ottokar ihn frei schallen ließ, so vergaß er, daß ihm nur das Gastrecht auf der Burg eingeräumt war, und er gebärdete sich binnen kurzem als Herr. Seine rauhe Stimme schallte über den Hof, wenn er sein Roß begehrte, er tobte, wenn der Kellermeister Karl ihm nicht zur richtigen Zeit den vollen Maßkrug kredenzte und die Knappen, welche aus vornehmen Häusern stammten und von Ottokar mit äußerster Rücksicht behandelt wurden, machte er durch beißende Bemerkungen sich zu Feinden. Zwar hatten gerade diese sich gefreut, als Heinrich ihnen das Feld räumen mußte und die Burg verließ, aber da er nun abwesend war, bedauerten sie, sich ihm jemals feindlich erwiesen zu haben. Der Kellermeister Karl sah sich in seinen ihm lieb gewordenen Gewohnheiten beeinträchtigt; einer Sprache ungewohnt, wie sie Peter ihm gegenüber gebrauchte, war in ihm gegen den Ritter ein tödlicher Haß entstanden. Peter behauptete, daß ihm der Wein auf dem Ehrenfels viel besser behagt hätte als hier, und daß sein Kellermeister sich auf das Hegen eines guten Tropfens so verstanden, wie keiner im ganzen Umkreise; aber dennoch vertilgte er unglaubliche Mengen des edlen Gewächses. Die roten Wangen des erprobten treuen Karl bleichten wegen des ewigen Ärgers und des Schimpfes, der ihm durch das Lob des anderen Kellermeisters angethan wurde; auch sein Weib, durch den Tod einer bei der Einnahme des Ehrenfels umgekommenen Verwandten hart betroffen, nahm in ihrer Körperfülle wegen der Kränkung, die ihr Mann erduldete, sichtlich ab. Irma flüchtete scheu zu Hilda, wenn sie den schweren Tritt Peters im Hofe vernahm, und auch Tilo empfand bei Peter ein großes Unbehagen, trotzdem sich dieser sehr gern mit dem Knaben abgab, ihn mit auf das Pferd nahm und, durch Flur und Au reitend, den Knaben stets vor sich im Sattel hatte. Aber auch diese Freundlichkeit, die er dem Kinde erzeigte, hatte etwas Gewaltsames; so lange das Pferd sich im langsamen Trabe bewegte, empfand Tilo Vergnügen, das Peter zu steigern meinte, wenn er das Tier zu stürmischer Eile durch die Sporen antrieb. Aber das Kind erschrak und schrie hell auf, wenn dieser gefahrvolle Ritt begann; seine Händchen suchten die Mähne des Rosses zu erfassen, damit es nicht über den Hals desselben herabfiele; aber jemehr das Kind schrie, desto wilder trieb der Reiter sein Roß an und in Schweiß gebadet und zitternd vor Furcht mußte Tilo, wenn sie von einem Ritt ins Freie zurückgekehrt, aus dem Sattel gehoben werden.

Der Geist der Lingenburg, welcher sonst von edler Duldung, Sinn für Kunst und wahrer Ritterlichkeit erfüllt war, erschien mit dem Abzuge der beiden Freunde wie verwandelt; die Rohheit Peters drohte jede Freude an Lust und feiner Lebensart zu ersticken. Nur mürrische und traurige Gesichter gab es dort, wo sonst frohes Entgegenkommen herrschte und selten ließ sich die Burgfrau außerhalb ihrer Gemächer sehen, denn auch sie vermied es, mit dem Feinde ihrer frauenhaften Empfindungen zusammenzutreffen.

Wie ein Blitzstrahl durchfuhr es eines Morgens die Bewohner der Burg, als der Knappe Heinz, von einer Streife aus der Umgegend zurückkehrend, berichtete, daß er Heinrich auf seinem Wege getroffen, welcher vor einer Dorfschmiede stehend, auf den Hufbeschlag seines Pferdes wartete. Die Burgfrau ließ sofort den Knappen zu sich entbieten und horchte hoch auf, als dieser von ihrem Lieblinge tausend Grüße bestellte, und ihr Gesicht spiegelte die innere Freude wieder, als sie vernahm, daß binnen einer Stunde er selbst eintreffen würde. Der Quälgeist der Burg, Peter, war mit Ottokar bereits am frühen Morgen zum Jagen aufgebrochen und ihrer Rückkunft wurde vor später Nacht nicht entgegengesehen. Da regte es sich allenthalben auf der Burg, Festkleider erschienen an Stelle der Alltagsgewänder, denn ein jeder empfand bei sich die Freude, den zu begrüßen, von dem er eine Wandlung im Innern der Burg erwartete. Als der Türmer dreimal ins Horn stieß und die Zugbrücke niederglitt, um Heinrich in die Lingenburg einzulassen, boten ihm Männer und Frauen, die ganze Einwohnerschaft, ein herzliches Willkommen, die Kinder streuten Blumen und eine jede Hand streckte sich ihm entgegen, um die seine zu erfassen.

Unter der Linde erwartete ihn Hedwig, und vom Rosse springend fiel er vor ihr aufs Knie und bedeckte ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte, mit zahllosen Küssen. Aber die Burgherrin zog ihn zu sich empor und umschloß ihn lange, dann ergriff sie seine beiden Hände und mit feuchtem Blick schaute sie ihm tief in die Augen.

»Du Lieber,« sagte sie, »habe Dank, daß Du den Unfrieden mit uns bekämpftest und in das Heim zurückkehrst, wo Dich treue Herzen erwarten!«

Die Menge hatte einen Kreis um das Paar gebildet und als Hedwig fortfuhr:

»Dich hat Gott zu rechter Zeit gesandt, Du bist fromm, gut und tapfer, und Du wirst uns von dem Bösen erretten,« fielen die Umstehenden aufs Knie und die Bitten der Frauen, die edle Hedwig und die Lingenburg von dem bösen Eindringling zu befreien, vermischten sich mit dem Treuschwur der Männer, in der Zeit der Gefahr zu ihm zu stehen!

Heinrichs Herz war freudig bewegt über diesen Empfang, dessen Innigkeit mit dem, was er in den letzten Tagen außerhalb der Burg erlebte, in scharfem Widerspruche stand. Wie Geläut der Osterglocken, wenn sie den Auszug des Winters verkündigen, klang ihm die Huldigung der Menge ins Ohr, und das Eis, welches seine Hinneigung für die Bewohner der Burg, weil man ihn von sich gestoßen, erkaltet hatte – es schmolz bei diesem Wiedersehen dahin. Er fühlte, daß er nur hier leben und wirken könne, denn ihm war alles zugehörig, Besitz an Land und Burg und die Treue ihrer Bewohner! Mit leuchtenden Augen dankte er den Leuten, aber fragend durchlief sein Blick die Reihen der Umstehenden und blieb an jedem Fenster des Herrenhauses haften; er vermißte Hilda.

»Wo ist Hilda?« fragte er Hedwig, doch schon öffnete sich der Kreis, und geführt von ihrem vierbeinigen Freunde schritt die Blinde, vor Erregung zitternd, auf Heinrich zu. Dieser öffnete weit seine Arme, um das liebliche Mädchen zu umfangen, aber als ob sie es wahrnähme, blieb sie einige Schritt von dem Jüngling entfernt stehen und sagte zu ihm tonlos:

»Ich wußte, daß Du kommen würdest, Heinrich, denn Dein Herz zieht Dich zu uns – Dein Herz, welches goldrein ist, findet in der rauhen Welt kein Verständnis. Und warum hattest Du uns verlassen, uns, die wir schutzlos sind und eines starken Armes bedürfen? Du bist unser Ritter Georg, der den Drachen bekämpfte gesegnet sei Dein Eingang.«

Heinrich ließ die Arme sinken, er wagte es nicht ihr zu nahen, denn die Blinde stand vor ihm wie eine Heilige. Die geschlossenen Lider ihrer Augen schienen den Boden zu suchen, mit den gefalteten Händen hielt sie das dünne Seil, welches an dem Hals des Wolfes befestigt war; das Tier hatte sich ihr zu Füßen gelegt und suchte, indem es den Kopf weit vorstreckte, sich Heinrich zu nähern, um ihm seine Huldigung darzubringen. – –

In dem Frauengemach war für Heinrich ein Imbiß bereitet und erst dort erfuhr er zu seinem Befremden, wie Peter auf der Burg lebte und über Ottokar eine vollkommene Herrschaft ausübte. Er begriff, weshalb der Empfang von Seilen der Burgleute so herzlich und warm gewesen und fühlte, indem er aller Augen auf sich gerichtet wähnte, eine Thatkraft in sich, die ihn, den wenig erfahrenen Jüngling, in diesem Augenblicke der Gefahr zu einem Mann reifen ließ. Kurz entschlossen legte er Hedwig dar, daß er sie und sich schützen wolle, denn der Ehrenfels, der sein Eigentum, sei vorab im Besitze der Städter; und er befürchte sehr, daß der wilde Ritter auch dieser Burg Gefahr brächte. Dabei verschwieg er ihr die Achterklärung Peters, da er wahrnahm, daß sie davon nichts wußte und nachdem er sie getröstet und ihr, wie Hilda, die ihm schweigend gegenübersaß, Hoffnung auf eine baldige, bessere Zeit gemacht, versammelte er die Burgleute um sich und sagte ihnen seine Hilfe und Beistand zu, um sie von Peter zu befreien. –

Es war nach Sonnenuntergang. Der ferne Himmel erglänzte noch in Purpurrot und das Tagesgestirn ließ hier und da nochmals das glühende Firmament durch einen scheidenden Strahl durchflammen; leichte Wölkchen flatterten hoch in der Lust und schillerten in rosenroten und goldig gelben Farben. Ein leiser Abendwind erhob sich und durchfuhr das Gezweig der großen Linde, welche im Hofe stand, unter der Heinrich Platz genommen, der sinnenden Auges den in prächtigen Farben leuchtenden Himmel und wieder die dunklen Schatten beobachtete, welche sich über den weiten Hof der Burg senkten, um denselben bald in ein undurchdringliches Schwarz zu hüllen. Seine Augen folgten den Wolken, deren Rosa sich langsam in graublaue Farben verwandelte; wie eine Herde kleiner Schäfchen, so reihte sich ein Wölkchen an das andere, dahingetrieben von einem frischen Abendwinde, an einem Himmel, welcher sich über Heinrichs Haupt tiefblau wölbte. Heinrich dachte an Hunold, dessen Rat und kluger Zuspruch ihm gerade jetzt so notwendig gewesen wäre. Sein Zorn gegen Peter war groß, aber er dankte dem Spielmann dafür, daß er ihn noch jüngst gelehrt hatte seine Begierden zu zähmen, denn er fühlte sich gerade fest in seinem Vorhaben, weil er seinen Plan gegen Peter reiflich durchdacht hatte.

Von dem Thore erscholl das Türmerzeichen; das Gekläff der Meute ertönte, das Knarren des Fallgatters wurde laut, und die Hunde, von den Jägern am Leitseil gehalten, stürmten in den dunklen Hof. Fackelschein, welcher von außen her durch die Burgpforte strömte, erhellte bald die Dunkelheit und den Fackelträgern nach sprengten Ottokar und Peter in den Hof. Von den Pferden abspringend und deren Zügel den Reitknechten, welche ihrer warteten, zuwerfend, wollten sie eben die Halle durcheilen, welche in das Innere der Burg führte, als Heinrich aus dem Dunkel des Hofes in das helle Licht trat, welches die Fackeln um die beiden Vettern verbreiteten. Ottokar war überrascht, und zürnend rief er dem Jüngling zu:

»Zu jung scheint der Vogel noch zu sein, als daß er den Wind, welcher draußen scharf weht, vertrüge. Wußte ich doch, daß die Lingenburg für Dich der sicherste Hort ist! Dich hat nur der Spielmann verführt und lieb ist es mir, daß Du Dich mir wieder unterwirfst.«

»Wer spricht von Unterwerfung,« grollte Heinrich. »Daß ich hier bin, ist mein Recht!«

Tiefe Stille herrschte nach diesem Worte, das Ottokar tief beleidigen mußte, im Hofe. Die Burgmannen bildeten einen Kreis um Ottokar, Heinrich und Peter, dessen Gesicht im lodernden Fackelschein ein widerwärtiges Lächeln zeigte. Heinrich bemerkte es und an das Wort Hunolds denkend, bezwang er seinen Zorn gegen den Ohm und seine Wut gegen Peter, und sein Haupt vor Ottokar neigend, redete er in einem Tone vollster Versöhnung diesen an:

»Laß schwinden, Ohm, den Zorn und die Verachtung gegen den Spielmann, denn er ist klug und großherzig, doch fürchte die verschlagene Brut, die Du um Dich hegst.«

Peters Gesicht zeigte nicht mehr das Lächeln, es nahm einen drohenden Ausdruck an.

»Soll das mir gelten?« rief er dem Jüngling zu.

»Wohlan denn, wenn Ihr es Euch annehmt, so sei es!«

Der wilde Ritter erfaßte sein Schwert mit der Rechten beim Griff, um es aus der Scheide zu ziehen, doch Heinrich legte ihm seine Hand auf die Schulter.

»Sparet Euren Mut, Ritter Peter, für ein ander Mal, denn nicht Ihr fordert Rechenschaft von mir, auch ich heute nicht von Euch, obwohl Ihr mein Eigentum verschleudertet, sondern der Kaiser, der Euch in Acht und Bann gethan« …

Peter taumelte zurück.

»In Acht und Bann gethan,« riefen Ottokar und die Männer, die um ihn standen, »Du Unglücklicher!«

Ottokar erzitterte, und nachdem ringsum Stille eingetreten war, sagte er tonlos zu dem vernichtet dastehenden Peter:

»Unglücklicher, entflieh soweit wie Du kannst, damit Dich der Arm des Rächers nicht ereilt. Was Du zur Flucht gebrauchst, gebe ich Dir – nur eile von hinnen, damit das Unglück nicht auch mein Haus treffe!«

»Er lügt,« entrang es sich Peters Lippen, »bei Gott, er lügt, denn nicht ist mir bewußt, daß mein Kopf bedroht ist!«

»Nicht bewußt?« rief Heinrich aus, »auf der Lingenburg ist es nicht bekannt, daß die Stadt Hameln die Acht erwirkte? Wo ist Udo von Zwingenberg, von dem es hieß, daß er die Nachricht zu Hameln erfahren!«

»Er ist tot,« ertönte es im Kreise um ihn her.

»Udo von Zwingenberg, mein Genosse, tot?« rief Heinrich, und seine Stimme erschallte über den nachtschwarzen, stillen Burghof. Sein Auge durchbohrte den in sich zusammengesunkenen Peter und nach einer Pause sagte er zu dem Ritter mit einem Tone vollster Verachtung:

»Mein Schwert ist nur dem ehrlichen Kampfe geweiht und die Hand, die es führt, zu rechtlich, um einen Wehrlosen niederzustrecken; aber flieht, Ritter Peter, flieht weit, denn sonst mag sich hier ein Schwert finden, das nicht nur die Acht an dem Räuber, sondern auch die Vergeltung an dem Mörder übt. Denn Euch lastet der Mord Udo's auf dem Gewissen, Ihr seid sein Mörder, das sage ich, Heinrich von Altkirch!«

Mit Entsetzen hörten die Umstehenden die Anklage Heinrichs, und selbst Ottokar, Peters Bundesgenosse und eifrigster Verteidiger, sah mit Ekel und Schauder auf den Mann hernieder, der gebeugten Hauptes, von der Anklage zerschmettert, vor ihm stand und, dem Vetter nochmals ins Gesicht schauend, war er überzeugt, daß Peter dem Henker verfallen war …

An der Hand seines Neffen Heinrich wankte der Ritter von der Lingenburg unsicheren Schrittes dem Frauenhause entgegen und spät des Abends ging die Zugbrücke der Burg nochmals hernieder, um einen Fußgänger ins Freie zu lassen, der sich am Wanderstabe mühsam dahinschleppte. Es war Peter, welcher in Pilgerkleidung die Stätte floh, in welcher er sich bereits Herr glaubte, und aus welcher er, verkleidet und durch Färbung des Gesichtes unkenntlich gemacht, seine Flucht in die weite Welt antrat. Unten am Fuße des Burgberges, wandte er sich nochmals nach der verlassenen Wohnstätte um. Der Mond beschien silberhell die Kuppe des Berges mit ihren Gebäuden und als er die wehrhaften Mauern in der geisterhaften Beleuchtung trotzig in das Thal schauend erblickte, da ballte sich seine Linke und mit lauter Stimme rief er zu dem friedlichen Heim, das er soeben verlassen, empor:

»Entehrt, verbannt, geächtet ziehe ich in die weite Welt – aber auch ich werde meinen Tag der Vergeltung finden! Dann Heinrich, hüte Dich vor mir; ich gehe diesen Berg nochmals hinauf, alsdann, du tugendhafter Jüngling, wird es um Dich geschehen sein.«


 << zurück weiter >>