Autorenseite

 << zurück weiter >> 

13. Kapitel.
Gefangen!

Es war gegen Mittag, als ein kleiner Reitertrupp den Weg verfolgte, welcher von dem Ehrenfels auf die Lingenburg zuging. Es waren vier Gewappnete, die von einem reich gekleideten Ritter angeführt wurden. Die Reiter waren bester Laune und frohen Sinnes, denn sie sangen auf dem Wege lustige Weisen, in die der Anführer mit heller Stimme ab und zu einfiel. Die helle Sonne und die Lenzeslust schienen auf das Kriegsvolk einen freudigen Eindruck zu machen, man sah es ihnen an, daß sie ihr Handwerk mit Lust und Liebe pflogen; heute jedoch schienen sie von friedlicher Absicht beseelt zu sein, denn ihre Lanzen hingen lässig über ihre Rücken und die ehernen Helme, die sie trugen, waren mit grünen Reisern geschmückt. Ihr Anführer, Ritter Bodo, der sich die verscherzte Gnade seines Herrn inzwischen wieder gesichert hatte, ließ sein feuriges Roß die gewagtesten Sprünge machen, und wies sich bei dieser Probe als ein sehr gewandter Reiter aus; aber plötzlich versagte das Tier den Gehorsam, und auch die Sporen vermochten es nicht von dem Fleck, auf dem es stand, hinwegzubringen. Bodo rief einen der Knechte, welcher von seinem Roß absprang, um nachzusehen weshalb das Tier scheute, welches Bodo ritt, und dieser bemerkte den schlafenden Paulus, welcher im tiefen Moose gebettet, mit seinem Körper die enge Straße versperrte. Der Knecht schüttelte verwundert den Kopf, als er den Mönch erblickte, welcher die Kapuze über sein Haupt gezogen hatte, um sein Antlitz nicht den hier in Schwärmen hausenden Mücken preis zu geben, und Bodo, als er den Bericht des Knechtes hörte, befahl, den Schlafenden von der Straße hinweg sorgsam in den Wald zu tragen. Zwei Knechte ergriffen den Mönch, um dem Befehl ihres Anführers nachzukommen. Paulus jedoch erwachte, als man ihn empor hob und befreite sich mit einem energischen Ruck aus den Händen jener Kriegsknechte.

Paulus stand kaum auf seinen Füßen, als er Bodo erblickte; er erinnerte sich seiner von der Lingenburg, ging auf ihn zu und bat ihn um sicheres Geleit nach Hameln.

»Heiliger Bruder,« erwiederte Bodo dem Mönch, und in seinem Auge offenbarte sich die Genugthuung, daß der stolze Mönch, welcher ihn auf der Lingenburg kaum beachtet, sondern jede Bemerkung, die er dort an ihn richtete, durch tiefes Stillschweigen beantwortet hatte, ihn auf offener Straße um Schutz und Geleit ansprach. »Heiliger Bruder, wie ich weiß, gehörst Du dem Bonifaciuskloster zu Hameln an. Du kommst von der Lingenburg, aber Du hast Dich von der Stadt entfernt, anstatt ihr zu nahen. Auch wir wollen dort hin, denn wir haben wichtige Geschäfte dort vor, wobei Ihr, ehrwürdiger Mönch, uns gut helfen könnt. Steigt dort hinter dem ersten Knecht mit auf, sein Tier kann Euch beide tragen.« Der Mönch erwiderte nichts, sondern that so, wie ihm geheißen, obwohl ihn die stolzen und in lächelndem Ton ausgesprochenen Worte stark ärgerten. Indessen bezwang er sich und, als er sich erst im Sattel befand, bewies er, daß er stets ein guter Reiter gewesen war. Aber der Gesang hatte aufgehört. Die Sonne war verblichen und leuchtete rötlich hinter einem grauweißen Wolkenschleier hervor. Es schien seit der Auffindung des Mönchs sich über die Natur und auch auf die Stimmung der bis dahin fröhlichen Reiter ein Schleier gelegt zu haben, und so drückend wie die Luft, ebenso niedergestimmt war die frohe Laune der Kriegsleute. Bodo vermied mit Paulus ein Gespräch anzufangen. Er war unsicher, wie er sich dem Freunde des Ritters Ottokar, als welchen er ihn kennen gelernt, gegenüber zu stellen hatte, ohne seinen Herrn Peter zu schädigen. Als sie eine Weile geritten waren, schien das Pferd das Gewicht beider nicht mehr tragen zu können, und Bodo entschied sich dafür, daß der eine Knecht den Heimweg nach dem Ehrenfels antreten solle. Der Mönch war es zufrieden und der Knecht ging. Wie erstaunten die Reisigen aber, als nun Paulus die Wendungen und die künstliche Gangart, welche Bodo mit seinem Pferde machte, auf dem seinigen nachahmte, ja, den Ritter darin noch übertraf. Bodo bemerkte die Fertigkeit des Mönches mit Mißgunst, doch, indem er seinen Unmut bei sich verbarg, fragte er den Mönch, weshalb er im Walde für diese Nacht sein Quartier aufgeschlagen?

Paulus erzählte ihm, daß er auf Verlangen seines Klosters am gestrigen Abend den Rückweg nach Hameln hätte einschlagen sollen und durch ein Mißgeschick sein treues Grautier verloren hätte. Der Ritter war dagegen aufrichtiger; er berichtete, daß er in seinem Sattelkissen Geld und eine Anzahl edler Steine verwahre; Geschmeide kostbarster Art aus fernen Landen, das er beauftragt war, gegen Korn und Stroh von den Städtern zu vertauschen, da wohl auf dem Ehrenfels reiches Lager an Kostbarkeiten und Stoffen, aber in Folge der Wassersnot Mangel an Nahrung für Menschen und Vieh ausgebrochen wäre. Außerdem hätte er mit dem Prior des Klosters in einer wichtigen Angelegenheit für seinen Herrn zu sprechen. Der Mönch und Bodo waren in ihrem Gespräch den übrigen Reitern weit voraus geeilt und diese unterhielten sich in wenig schmeichelhaften Ausdrücken über ihren neuen Begleiter, und bewunderten ihren Anführer, daß er sich des Kuttenträgers, davon es soviele in der Welt gäbe, daß man sie lieber nicht sähe, angenommen hatte.

Der Abend sank herab, als die Reiterschar durch das Thor von Hameln einzog, und Paulus schätzte sich glücklich, als er durch die Pforte seines Klosters wieder in jene Hallen einzog, die seinem Herzen Frieden geben sollten. Nachdem er sich bei seinem Prior gemeldet, ging er schnellen Schrittes durch den Flur über die Steintreppe und den Korridor entlang, den in einer Januarnacht Heinrich, das Herz voll froher Erwartung und voller Begeisterung für den Mönch, durchschritten hatte. Paulus öffnete die Thür und ein Modergeruch kam ihm entgegen; seit vielen Tagen war das Fenster der Zelle nicht geöffnet worden und die Wärme draußen, sowie die gruftartige Kühle in derselben ließen ihm den Aufenthalt in diesem Raum recht unangenehm erscheinen, den er schon viele Jahre eingenommen hatte, ohne dieselbe Wahrnehmung wie jetzt zu machen. Einen Augenblick stand er auf der Schwelle, dann schloß er die Thüre hinter sich, ging zum Fenster und stieß dasselbe auf. Vom klaren, reinen Himmel blinkte der Mond, und wie der Mönch, die würzige Luft mit vollen Zügen einatmend, das strahlende Himmelsgestirn betrachtete, durchlebte er nochmals die Ereignisse der vergangenen Nacht, und ein dankbares Gefühl beschlich ihn für das Kloster, das ihm Schutz und Obdach bot.

Paulus nestelte sein Gewand auseinander und holte von der offenen Brust die Kapsel hervor, die das Pergament barg, welches Heinrich von Altkirch als Herrn des Ehrenfels bekundete. Er schlug das Dokument auseinander und konnte in dem hellen Mondenschein die Buchstaben unterscheiden, welche in prachtvoller Mönchsschrift den Pergamentstreifen bedeckten, welcher die Unterschrift und das Siegel des Ritters Erwin und seines Sohnes trug. Im ersten Augenblick des Rachegefühls gegen Heinrich, den er nun wegen seiner Freundschaft zu dem Spielmann ebenso haßte, wie jenen selbst, wollte er das Dokument an Peter geben. Aber er hatte sich besonnen, während er mit Bodo dahin ritt. Er fühlte, daß die Auslieferung des Dokumentes an den Ritter ein allzu niedriger Racheakt wäre, und sah er auch für sich keinen Nutzen darin. Sein Ehrgeiz und seine Habgier, zwei Untugenden, die er während seines Aufenthaltes im Kloster vollends abgelegt zu haben schien, und um derentwillen er in der Zeit seines Noviziats oftmals Buße zu ertragen hatte, waren in ihm wieder erwacht. Das Kloster, so war sein Entschluß, sollte Heinrich den Besitz streitig machen. Vor seinem Auge erblickte er bereits die Vorteile, die ihm bei der Aushändigung des Pergaments an den Abt von Fulda, seinen geistlichen Oberherrn, erblühen würden. Er sah sich zu einer höheren Stelle berufen, als sein ganzes Leben lang im Hamelner Kloster Pförtnerdienste zu leisten; für eine kühne That, die ihr reichen Gewinn einbrachte, war die Geistlichkeit sehr dankbar, und da dem Orden daran lag, Macht und Reichtum zu erwerben, so mußte ihm der Anspruch auf den Besitz der Ehrenfelsburg sehr erwünscht sein.

Am andern Tage war dieser Entschluß bereits zur That gemacht, und das Pergament, welches der Prior mit unverhohlener Freude empfing, sollte Paulus selbst nach Fulda an den Abt abliefern, um zu gelegener Zeit, sobald die Ansprüche des Klosters reif waren, seine Wirkung zu thun.

Unterdessen hatte Bodo in Hameln mit seinen Reisigen Korn und Futter gekauft, soviel wie sie auftreiben konnten. Ihr Aufenthalt in der Stadt währte bereits mehrere Tage, ohne daß sie jedoch an Lebensmitteln genügend viel zusammenschaffen konnten, wie ihnen von Peter geboten war. Bodo vergnügte sich, indem er mit den Söhnen der edelsten Ratsherren Ringelstechen veranstaltete, und, sei es nun aus Höflichkeit seiner Gegner oder in Folge wirklicher Geschicklichkeit, stets Sieger blieb. Es fiel ihm jedoch auf, daß die Herbeischaffung des Getreides viel Zeit erforderte, und trotz der frohen Stunden, die ihm das Stadtleben bereitete, sehnte er sich dennoch zu seinem Herrn zurück, da der Ehrenfels nur noch für wenige Tage mit Brot versorgt war. Die Magazine lagen sämtlich weit von der Stadt entfernt. Auf seine Frage nach dem Grunde, da innerhalb der Ringmauern Hamelns noch genug Raum für Getreidehäuser war, wurde ihm stets erwidert: »Die Ratten fressen hier alles auf.« Es klang ihm befremdlich, daß keiner seiner Stadtfreunde sich hierüber länger ausließ, bis er durch ein eigenes Erlebnis über diesen Ausruf näher aufgeklärt wurde. Er bewohnte den unteren Raum eines Hauses, welches dem Ratsherrn von Embern gehörte, welcher am Neujahrstage mit dem Bürgermeister und mit dem Herrn von Hopeheite zusammen im Kloster erschienen war. Eine Scheune, welche im Hofe stand, hatte die ihm für den Ehrenfels gelieferten Mehlsäcke aufgenommen, und eines Abends begab sich Bodo, da er beabsichtigte, des anderen Morgens das gelieferte Getreide wegzuschicken, mit seinen beiden Leuten in die Scheune, um die Säcke für den Transport vorzubereiten. Er war eben im Begriff das Thor aufzuschließen, als er tosenden Lärm innerhalb der Scheune vernahm, und im Glauben, daß Diebe die Abgelegenheit des Raumes benutzten, um einige Säcke zu stehlen, verständigte er sich schweigend mit seinen Genossen, welche ihm mit hochgehobenen Laternen und mit blanker Waffe in den dunkeln Raum folgten. Aber grauenhaft war der Anblick, der sich ihnen darbot. Hunderte von Ratten, durch das plötzlich einfallende Licht geblendet und von den eindringenden Menschen in ihrem Raubwerk gestört, flüchteten dahin, wo der ungewisse Schein des Laternenlichtes nicht hindrang, und übel ward den drei Kriegsleuten zu Mute, als ihr Fuß auf die weichen, zuckenden Körper von Ratten trat, die, weil sie zu feist waren, nicht hurtig genug davonlaufen konnten, wie ihre Kameraden. Was half es, daß sich alle drei anschickten die Säcke in den Hof zu tragen, von denen übrigens ein ganzer Teil bei dem Hinausbringen weiße Spuren hinter sich ließen, ein Zeichen, daß die Ratten nicht vergebens gearbeitet hatten – auch der Hof war von einer Herde gleicher Tiere angefüllt, die trotz des Blutbades, welches das Schwert der drei Ehrenfelser Leute unter ihnen anrichtete, sich nicht zu vermindern schien. Bodo gab nach einiger Zeit den Kampf gegen die Mehrzahl auf und ging zu seinem Wirt, um ihn um Abhilfe gegen diese Brut zu bitten. Doch dieser empfing die Nachricht von diesem Überfall mit größter Gelassenheit.

»Wir haben,« so sagte er, »seit unserem letzten Feldzuge, der gegen den Bischof von Minden in der Schlacht bei Sademünde so unglückselig ausfiel, das Getier in unseren Feldern, in unsern Scheuern und, leider Gottes, seit diesem Frühjahr, wo die Weser weit über die Ufer ging und unsere Keller unter Wasser setzte, auch in unsern Häusern. Wir sind die unglücklichsten Leute, die es giebt, denn unser Getreide wird auf dem Felde und unsere Vorräte werden in unsern Kellern verzehrt. Ich weiß,« so setzte er hinzu, als Bodo ihm in die Rede fallen wollte, »was Ihr mich fragen wollt. Jawohl, wir haben bereits alles gethan, was Menschensinn erdenken und Menschenhand gegen diese Plage leisten kann. Unsere alten Magazine, aus denen das Getier nicht zu vertreiben war, haben wir geräumt und neue gebaut, fern von der Stadt und hoch gelegen, und da bleiben wir von ihnen verschont. Da wir aber nicht alle auswandern können, so hatten wir Gift gestreut, und das Herz im Leibe lachte uns, als am Morgen des Tages hernach ihrer tausende und aber tausende von der Weser hinabgeschwemmt wurden. Aber als unser Vieh das Gift ebenfalls aufleckte und ein großes Sterben darunter eintrat, verging uns das Lachen, und als die Kinder beim Spielen den grünen Staub aufnaschten und wir einige Todesfälle zu beklagen hatten, da haben wir das Lachen ganz verlernt. Wir ließen es beim Alten und begnügten uns den Tieren ab und zu Schlachten zu liefern. Was des Abends in unsern Scheuern, auf unsern Höfen, in unsern Kellern, ja in unsern Stuben von diesen Tieren sich herumtreibt, das müssen wir eben dulden, denn wir stehen einer Macht gegenüber, die wir nicht besiegen können.«

Bodo, dem das Stadtleben schon zu gefallen begonnen hatte, wünschte sich nach dieser Erzählung auf den Ehrenfels zurück; am nächsten Tage suchte er möglichst viel Getreide aus den Magazinen hereinbringen zu lassen und hieß die inzwischen wieder vernähten Säcke an das Weser-Ufer bringen, wo sie ein Schiffer in Empfang nahm, um sie den Strom hinab bis zum Ehrenfels zu fahren. Einige Tage später rüstete er sich zum Aufbruch. Bevor er jedoch aus der Stadt zog, wollte er nochmal seinen Reisegefährten Paulus aufsuchen; deshalb begab er sich in das Bonifaciuskloster um von dem Pförtner Abschied zu nehmen. Dort mußte er jedoch hören, daß Paulus an demselben Tage, nur eine Stunde früher, von dem Prior mit einer Botschaft an den Abt von Fulda gesandt worden war. Man munkelte, daß der Pförtner dem Kloster einen großen Dienst erwiesen habe, indem er für dasselbe Dokumente zum Vorschein gebracht hatte auf einen Besitz, auf den das Kloster Anspruch hatte, zu dem sich aber ein Prätendent in Gestalt eines jungen Ritters aus Italien gefunden. Dem Pförtner Paulus sei es aber gelungen, die Beweise für den rechtmäßigen Anspruch des Klosters aufzufinden, und mit den Pergamenten samt einem Schreiben des Priors, worin der eifrige Mönch dem Wohlwollen des Abtes empfohlen wurde, war er gen Fulda aufgebrochen.

Bodo ritt zurück in das Haus des Zunftmeisters Rathgen, und von seinen beiden Kriegsleuten begleitet, begab er sich zu dem Bürgermeister, um den Betrag für das bereits hinweggesandte Getreide zu erlegen. Froh, seiner Pflicht glänzend genügt zu haben, ritt er auf seinem prächtigen Rosse durch die Straßen der Stadt, und da er einen günstigen Kauf gemacht hatte, so überrechnete er, daß er von dem Vermögen, welches ihm Frau Bertha bei seinem Abschied von dem Ehrenfels in einer kleinen, ehernen Truhe anvertraut hatte, der Burgfrau noch einen beträchtlichen Teil zurückerstatten könne. Er ritt so tief in Gedanken daher, daß er nicht bemerkte, wie die Bürger der Stadt, welche vor ihren Gewölben arbeitend und plaudernd standen, ihm nur finstere Gesichter zuwandten, und erst als einer seiner Kriegsleute ihn aufmerksam machte, daß die bisher so friedfertigen Hamelner ihnen feindselig gesinnt sein müßten, daß sie statt des freundlichen Grußes wie sonst, ihnen geballte Fäuste zeigten und Verwünschungen zuriefen, wurde er auf den Wechsel in der Stimmung der Einwohnerschaft aufmerksam. Er ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern fest dröhnte der Hufschlag seines Pferdes, als er es über den Marktplatz zum Rathaus traben ließ. Behend schwang er sich aus dem Sattel, um klirrenden Schrittes die schwere eichene Treppe, welche zur Sitzungsstube des Bürgermeisters führte, zu ersteigen. Eben wollte er die Thür öffnen, welche das Gemach des Bürgermeisters von dem Flur schied, als ihm ein Diener des Rates der Stadt Hameln entgegen trat, und ihn fragte, ob er Bodo, der Dienstmann des Ritters Peter von Ehrenfels wäre. Bei dieser Frage stellte sich der Ratsdiener so ihm gegenüber, daß Bodo die Hand, welche er auf das Schloß bereits gelegt hatte, zurücknehmen mußte. Befremdet über diese Frage bejahte er dieselbe, indem er den Diener des Rates mit kräftigem Arm bei Seite zu schieben suchte. Doch dieser wehrte dem mit Gewalt. Der Ritter, welcher sich unvermutet angegriffen sah, suchte mit seiner ganzen Kraft den Eingang zu erzwingen und nahm endlich zu seinem Dolch die Zuflucht, mit welchem er dem Ratsdiener einen Stich in den Arm versetzte. Der Verwundete schrie laut auf und von allen Seiten liefen Leute herbei, welche die beiden Kämpfenden trennten. Jetzt öffnete sich auch die Thür zu der Sitzungsstube des Bürgermeisters und des Rates. Bodo raffte die Truhe auf, die, vom Gelde schwer, bei dem Ringen mit dem Ratsdiener ihm entfallen war, und schritt durch die offene Thür in das Gemach, an dessen Fensterwand auf einem hohen Podium, zu dem einige Stufen führten, der Bürgermeister und der gesamte Rat der Stadt Hameln versammelt waren.

Scharfe Reden mußten zwischen den Stadt-Ältesten gewechselt sein, welche in feierlicher Tracht, im schwarzen Rock mit weiten Ärmeln, an dem viereckigen Tisch saßen, auf dem sich Schreibgerät und gerollte Pergamente mit großen Siegeln, an langen Bändern hängend, befanden. Die Gesichter der Anwesenden waren gerötet und ihre Augen entsandten Zornesstrahlen. Der Ritter erstieg die Stufen, welche zu dem Tische führten und begann mit lauter Stimme und erregten Worten sich über den Angriff des Stadtdieners zu beklagen. Er berief sich darauf, daß er friedlich gekommen, um den Bürgern viel Getreide abzukaufen, daß er sich wohl benommen, und daß er Abgesandter eines Herrn sei, der mit der Stadt in Frieden lebe.

Da donnerte ihm der Bürgermeister, welcher, seiner Erregung nicht mehr Herr, von seinem Sessel aufgesprungen war, entgegen:

»Dein Herr in Frieden mit uns? Aus Dir spricht der Lügengeist. Dein Herr schickt Dich zu uns um Mehl zu kaufen, er gebraucht es, weil ihm vielleicht in ganz nächster Zeit sein Rest berannt werden wird. Er hat Dich hierher geschickt, Ritter Bodo, damit wir uns einbilden, er sei uns ein Freund. Wir haben Euch empfangen als Gast, vor Beleidigung und Unfrieden waret Ihr bei uns bewahrt, obwohl wir Eurem Herrn noch vom Neujahr her gram sein konnten.«

Der Bürgermeister hielt einen Augenblick inne, und Bodo, der die Truhe auf den Tisch gesetzt und mit dem Rücken gegen das Geländer sich anlehnte, welches das Podium gegen den Saal hin abschloß, verschränkte seine Arme und rief mit lauter Stimme: »Es reut Euch wohl, daß ich das Schiff nach Haus sandte, ohne daß ich Euch zahlte. Ich verrechnete mich in Euch, denn ich hielt Euch nicht für Krämerseelen. Da, nehmt hin – es ist mehr, als ich Euch schulde; Peter von Ehrenfels zahlt, was er muß und darüber hinaus. Doch nun sagt mir, was Ihr ferner von mir wollt, warum ich von Eurem Diener angegriffen wurde und warum Ihr mich wie einen Verbrecher behandelt?«

Der Bürgermeister hatte während Bodo's Rede seine Ruhe wieder erlangt, und mit überlegenem Spott erwiderte er dem Ritter: »Ihr sandtet das beladene Schiff gestern ab, wir werden es morgen bei uns wiedersehen. Ihr wollt zahlen, nun wohl, wir nehmen das Geld, aber das Gut hierfür werden wir auch behalten.« –

»Das ist Betrug,« brauste Bodo auf, indem er die Truhe wieder an sich nahm. »Ich besitze das Geld jetzt und wehe dem, der es von mir fordert!«

»Wohl habt Ihr das Geld,« entgegnete ihm das Oberhaupt der Stadt, »aber wir besitzen Euch, denn Herr Bodo, Ihr und Eure Knechte seid meine Gefangene. Eure Knechte sind bereits in sicherem Verwahrsam und Ihr, Herr Ritter, lockert nicht das Schwert in Eurer Scheide, denn blickt hinter Euch, wir vermögen Euch zu zähmen.«

Der Saal hatte während des Zwiegesprächs, von Bodo nicht bemerkt, sich mit bewaffneten Bürgern gefüllt, welche mit drohenden Gebärden sich der Schranke näherten, welche den Ritter von ihnen trennte. Bodo wurde es unbehaglich zu Mute; nur eine schwerwiegende Veranlassung, so mußte er sich selbst sagen, mochte den Bürgermeister und den Rat von Hameln veranlassen, gegen ihn auf diese Weise aufzutreten. Nach einigen Minuten Bedenkzeit, während welcher er bemüht war sich zu mäßigen, wandte er sich an den Bürgermeister und bat in bescheidnem Tone, ihm mitzuteilen, weshalb die Stadt Hameln, welche bis dahin ihn so gütig behandelte, bei seinem Abzuge sich ihm so verändert zeige, wo er doch seinen Verpflichtungen nachzukommen im Begriffe stand.

Da drängte sich ein Bote durch die Menge der Bewaffneten und erstieg die Stufen, welche zu dem Ratstisch führten; er überbrachte dem Bürgermeister eine Rolle, welche derselbe entfaltete, sorgsam durchlas und zusammengerollt vor sich auf den Tisch legte. Dann erhob sich Herr Allardi; sein Blick flog über die Versammlung, die mit einem Mal ihr Gemurmel einstellte, und seine Stimme klang erregt, als er sich an den Ritter wandte:

»Es thut mir leid, daß Ihr, Ritter Bodo, das Opfer der Hinterlist und Treulosigkeit Eures Herrn werdet. Der Ritter Peter hat vor zwei Tagen den Kaufmannszug aufgehoben, welcher die Weser stromabwärts zog, und dem wir, da viele Bürger unserer Stadt mit ihrem Gute sich an diesem Zuge beteiligten, unsern Ritter Cornelius nebst einem Fähnlein Bewaffneter zum Schutz beigegeben hatten. In der Nacht überfiel Peter mit einer großen Übermacht unsere Reiter und da er Feuer in einige Wagen werfen ließ, so richtete er in der Wagenburg, die während der Nacht das Lager schützen sollte, eine große Verheerung und unter den abgeschirrten Pferden Schrecken und Verwirrung an. Die Tiere wurden wild und suchten das Weite, so daß die kostbare Ladung, die prachtvollen Tuche, die wertvollen Spezereien und alle Gegenstände, woran der Fleiß unserer Bürger sich erprobt und ergötzt hatte, die Beute des Raubritters wurden.«

Bis hierher war die Rede des Stadt-Oberhauptes dem Ritter hörbar geblieben; was nachfolgte, verstand er nicht mehr, denn der Saal wiederhallte von den Wutausbrüchen der bewaffneten Bürger. »Der Blutsauger!« – »Laßt uns gegen ihn ziehen!« – »Zum Galgen mit dem Raubritter!« So durchtobte es den Saal, und die Schwerter, welche bei diesen Ausrufen der erzürnten Männer die Scheide verlassen hatten, erklangen bedrohlich gegen einander.

Der Bürgermeister erhob seine rechte Hand, und stille ward es.

»Bürger der Stadt Hameln,« so klang seine Stimme, »ich bin stolz, daß wir ein wehrhaftes Geschlecht sind, und ich schwöre, daß wir es den Ritter entgelten lassen werden.«

»Wir schwören es,« antworteten die Bewaffneten, und eine Stimme rief aus der Mitte. »Gebt uns den Ritter Bodo heraus, er muß sterben.«

Eine tiefe Stille entstand. Dem Ritter ging es kalt durch das Gebein, denn so nahe am Tode hatte er sich des Morgens, als er die goldgefüllte Schatulle vor sich aufs Pferd setzte, wahrlich nicht geglaubt. Er war noch sehr jung, und was er in seinem Leben bisher Schlechtes gethan, das war ihm nicht zu Gute gekommen, sondern er hatte nur die Befehle seines Herrn getreulich erfüllt. Er war nicht feige, denn manches Unternehmen hatte er als Wagehals tapfer bestanden, aber hier, unter den Händen einer mordlustigen Menge zu sterben – das war doch zu unrühmlich. Er wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm, und als er sich hilflos fand, gerade jetzt wo er seinen Mut und seine Standhaftigkeit beweisen mußte, da ward es ihm offenbar, daß er für eine schlechte Sache stritt, und daß sein Herr die Ehrennamen verdiene, die ihm aus der wütenden Menge zu teil wurden. Seine Augen suchten die des Stadt-Oberhauptes, denn die Gemüter der Bürger wurden immer erhitzter, ein jeder von ihnen fühlte sich durch den Überfall Peters geschädigt und dürstete nach Rache. Einige Heißsporne hatten bereits die Stufen erstiegen, welche auf das Podium führten und die Spitzen ihrer Schwerter leuchteten dem Ritter Bodo in unheimlicher Nähe. Da bannte sie wiederum die Stimme des Bürgermeisters.

»Bürger Hamelns,« rief er ihnen zu, »Euer Zorn ist gerecht, bekämpft ihn jedoch, damit wir klug handeln.«

Mit milden Worten wußte er die Menge zu besänftigen, und bald war es wieder ruhig, so daß seine Rede besten Eingang in ihre Herzen fand. Er sagte den Bürgern, daß es klüger sei, den Ritter Bodo als Geißel zu behalten, um das Leben derjenigen Mitbürger zu retten, die von Peter gefangen genommen wurden, da sonst der grimme Raubritter gleiches mit gleichem vergelten könnte.

Als der Bürgermeister unter dem Beifall der Hamelner seine Rede geendet, leerte sich der Saal und ein großer Teil derjenigen, welche ihn bis dahin erfüllt hatten, ging seinen Geschäften nach. Bodo, welcher, sobald die unmittelbare Todesgefahr gebannt war, frischen Mut faßte, bat um ein ritterlich Gefängnis.

»Das soll Euch werden, Ritter Bodo; wir werden Euch so behandeln, wie Euer Herr die Unsrigen ausgenommen hat. Vorerst wollen wir Euch Eurer Waffenkleider entledigen und bis auf weiteres seid Ihr der Obhut des Hauptmanns unserer Stadtknechte überantwortet.«

Der Hauptmann näherte sich ihm und mit zusammengebissenen Zähnen duldete es Bodo, daß man ihn seines Harnischs, seiner Beinschienen, seines Schwertes und des Dolches beraubte, welche Waffen bisher nur des Nachts von seinem Leibe kamen und auch dann stets so zur Hand lagen, daß er im Notfall sich gleich ihrer bedienen konnte. Ein tiefes Stöhnen entrang sich seiner, als ihm Handeisen die beiden Arme miteinander so verbanden, daß eine jede Flucht ausgeschlossen war. Mit einer tiefen Verbeugung gegen den Rat stieg der Hauptmann die Stufen des Podiums herab und die beiden Stadtknechte stießen den Ritter durch die Menge, welche eine Gasse bildete und Bodo und seinen Herrn mit Verwünschungen überhäufte. Über Flure und Treppen ward der Gefangene geschleppt, bis er in den Keller des Stadthauses gelangte, wo ihn der Schließer in Empfang nahm. Der Hauptmann und die beiden Knechte entfernten sich und der Kerkermeister Hatto öffnete eine schwere Eichenthür, welche in einen halbdunkeln, feuchten Raum führte, in dessen Mitte eine wuchtige Säule stand, auf welche sich die gewölbte Decke stützte. Der Boden war mit Granitquadern belegt, welche feucht glitzerten, und ein erstickender, dumpfer Geruch kam den Eintretenden entgegen. An den Wänden waren hier und da schwere Eisenringe befestigt, die von bräunlichem Rost bedeckt waren, und das hochliegende Fenster, welches nur wenig Licht einließ, erschien mit mächtigen Eisenstäben von außen versehen.

Der Ritter mußte zuerst seine Augen an das Halbdunkel gewöhnen; dann jedoch in plötzlicher Zornesaufwallung brach es aus ihm hervor: »Ist dies das ritterliche Gefängnis, das man mir versprochen,« – doch erschreckt hielt er inne, denn der vieleckige Raum gab seine Worte im Echo wieder, nur gewaltiger, denn ein jedes Wort klang wie rollender Donner.

»Ha, ha,« lachte Hatto, »Ihr möchtet es besser haben, aber leider kann ich Euch nicht dienen, Ihr seid im ritterlichen Gefängnis, wie es unsre Stadt bieten kann. Eure beiden Gefährten möchten gerne hier weilen; Ihr habt sie im übrigen ganz in der Nähe, nur der Steinboden trennt Euch von ihnen.«

Bodo schauderte.

»Gewöhnen werdet Ihr Euch schon daran. Seht,« fuhr Hatto fort, »dort ist Eure Lagerstatt, das Stroh war vor etlichen Wochen trocken, nur der Raum bringt es mit sich, daß es etwas faulig riecht. Auch habt Ihr Gesellschaft, Herr Ritter.«

Bodo horchte auf. »Weilt hier noch ein Ritter im Gefängnis?« fragte er, indem er seine Rechte auszustrecken versuchte, um die Hand des Schließers zu drücken.

»Ein Ritter,« antwortete dieser erstaunt, »das ist etwas Seltenes bei uns; seitdem die Raubritter sofort gehenkt werden, sobald man sie ergreift, seitdem ist dieser Raum hier verwaist. Nein,« setzte er lachend hinzu, »Eure Gesellschaft wird Euch gut unterhalten, sie wird Euch viel Neues erzählen, denn sie ist in der ganzen guten Stadt Hameln zu Haus.« Der Kerkermeister ging auf die Säule zu, welche die Mitte des Raumes einnahm, um deren Fuß eine leichte Streu lag. Da raschelte es im Stroh und das mächtige Schlüsselbund des Kerkermeisters flog dorthin. Ein kurzes pfeifendes Geräusch ertönte und einige Ratten suchten erschreckt das Weite. Bodo überfuhr es kalt; das also war die Gesellschaft, welche Hatto meinte. Ihm hatte es geahnt, als der Schließer über seine Späße so teuflisch lachte; als er aber die Tiere davoneilen und jetzt Hatto sah, wie er sein Schlüsselbund aufhob und unter diesem ein totes Nagetier, das er getroffen hatte, aus dem Stroh herausnahm, da wurden ihm vor Wut die Augen feucht, und mit hastigen Schritten den Raum durchmessend, verfluchte er Peter und sein Handwerk. Hatto schleppte indessen einen Krug Wasser herbei und sagte, nachdem er denselben auf den Boden gesetzt: »Paßt auf, werter Ritter, daß Euch die Ratten das Wasser nicht aussaufen; wollt Ihr essen so bin ich Euer Rabe, der Euch speist, denn grausam sind wir nicht in der Stadt, daß wir, wie die Ritter, die Gefangenen hungern und dursten lassen. Nun unterhaltet Euch wohl, heut Abend sehe ich Euch noch einmal.« Damit schloß sich die Thür, und Bodo hörte wie sich der Riegel vorschob. Verzweiflungsvoll stürzte er dem Schließer nach, aber sein Kopf rannte gegen die eichene Thür und das Hohnlachen, das er selbst über seine Machtlosigkeit ausstieß, gab der Raum vielmals zurück, daß es ihm grauste.


 << zurück weiter >>