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12. Kapitel.
Paulus

Voller Grimm und Rachedurst im Herzen war Paulus an jenem Abend von der Lingenburg geflohen. Er hatte seinen Esel aufzäumen lassen und ritt davon, ohne zu wissen wohin. Das Tier verfolgte den Weg, der ihm der bequemste schien, denn sein Reiter bekümmerte sich nicht darum, wohin es ihn führen würde. Er haßte den Spielmann tödlich; sein vornehmes Wesen, seine geistige Überlegenheit und sein edles Feuer nötigten ihm Bewunderung ab, die er für diesen Menschen nicht empfinden wollte. Weil sich aber Heinrich, den er anfangs in sein Herz geschlossen, jenem zuneigte, nur auf ihn hörte, wenn er zu erzählen anhub, so war er an diesem Jüngling zum Verräter geworden und hatte das Pergament an sich genommen, das den Anspruch des Jünglings auf den Ehrenfels bekundete. Erst nach und nach war er auf den Gedanken gekommen, gegen Heinrich so schimpflich zu verfahren; in der Stille der Bibliothek, in der er für Ottokar wochenlang arbeitete, hatte er den Gedanken vorerst von sich gewiesen. Aber der Grimm gegen den Spielmann, der, wie er meinte, ihm das Herz des Jünglings stahl, auf das er ein älteres Anrecht zu haben glaubte, hieß ihn auf Rache sinnen. Ein anderes kam aber noch hinzu. Zwischen dem Mönch und der Blinden hatte sich ein eigenartiges Verhältnis gebildet. Paulus fühlte sich zu dem Mädchen hingezogen, ja noch mehr, er empfand für dieses Wesen etwas, worüber er sich keine Rechenschaft geben konnte. Vielfach unterbrach er seine Thätigkeit und ging hinaus in die Halle oder in eine der Lauben, in denen Hilda so gerne verweilte, um mit dem Mädchen zu plaudern. Als einige Tage lang die Kälte die Blinde von den ungeschützten Plätzen vertrieb, und sie in der Kemenate das große Kaminfeuer aufsuchte, erschien der Mönch auch dort, zum großen Befremden Hedwigs, die ihm wohl die Achtung, die sie einem Geistlichen zollen mußte, entgegenbrachte, aber ihm wenig Zuneigung zeigte, wenngleich er Erlebtes aus seiner Vergangenheit fesselnd und angenehm vorzutragen wußte. Aber der Frauen Gunst schien ihm verschlossen, und mit dem feinen Instinkt des Klosterbewohners merkte er, daß Hedwig wie Hilda ihn als Gast duldeten, aber wenig oder gar nicht liebten. Er empfand diese Gleichgiltigkeit von Seiten der Burgfrau wenig, aber das Betragen der Blinden, die sich ihm gütig, aber sonst verschlossen zeigte, kränkte ihn sehr. Er sah Hunold und Heinrich bei weitem mehr geehrt, als er es war, und sein Grimm wuchs, als er sah, wie Hilda von dem Spielmann eingenommen war und ihn vor allen Leuten laut rühmte.

Eine Katastrophe mußte folgen und der Streit zwischen Hunold und Paulus war nur eine Folge des Vorangegangenen. Er zeigte in seinem Verlauf die Gegensätze der beiden Welten, die sich Jahrhunderte lang bekriegten. Der Spielmann mit seiner Weltbildung hatte ein warmes Herz für das Volk und für die Kunst, der Mönch, der den Gang der Welt gern hemmen wollte, empfand als Höchstes, das die Menschen zierte, den Gehorsam gegen den Papst und gegen die Satzungen der Kirche. Da, wo die Vertreter dieser beiden Mächte, die sich ewig befehden werden, zusammentrafen, mußte ein Mißklang entstehen; aber der Mönch ging über das Erlaubte hinaus und wurde aus Fanatismus zum Verbrecher. –

Das alles stand vor Paulus Seele, als er durch die Nacht davonritt, und als er endlich seine Gedanken gesammelt hatte und die Zügel ergriff, die bis dahin zwecklos über den Hals des Grautieres hingen, sah er sich im dichten Walde, der schwarz und schweigsam sich endlos vor ihm aufthat. Der Frühling hatte die Bäume bereits gestreift und hier und da fiel ein Mondesstrahl durch das spärliche Blätterwerk, welches eben erst erstanden war. Die Drossel und die Amsel, welche als Boten des Lenzes den Tag über ihre Stimmen ertönen ließen, waren längst zur Ruhe gegangen, und das Schweigen der Natur machte ihm die Dunkelheit doppelt empfindlich. Er brachte den Esel zum Stehen, nach einiger Zeit jedoch überließ er es ihm wieder, den richtigen Weg zu finden, da er dem Instinkte des Tieres mehr zutrauen mußte, als seinen eignen Augen und seiner Ortskenntnis. Vor ihm und zu seiner Seite stiegen weißliche Nebel empor, es schien ihm, als wenn der Leib seines Pferdes von einem Wolkenmeer umgeben sei. Der zitternde Mondstrahl, welcher hier und da das Geäst des Waldes durchbrach, ließ die milchigen Wolken vor seinen Augen zerflattern, und die leichten Dünste stiegen in die Höhe und senkten sich wieder, von dem Winde zerzaust und verschoben. Paulus kannte keine Furcht, denn bevor ihn die Kutte umfing, war das Schwert des trefflichen Reitersmanns in mancher Schlacht erprobt worden; aber die Einsamkeit, das Waldesdunkel, in welches hinein er sich immer weiter verlor, die bleichen Nebel und ein böses Gewissen machten sein Herz stärker schlagen wie sonst und ließen in ihm den Wunsch erstehen, schnell unter Menschen zu gelangen. Da strauchelte sein Esel, der Mönch schoß über den Kopf des Tieres hinweg und deckte den Boden. Das Tier erhob sich bald wieder, ging an seinen hingestreckten Reiter heran und beschnupperte sein Gesicht, als wenn es sich überzeugen wolle, ob er Lebenszeichen von sich gäbe. Diese Berührung ließ jedoch Paulus wieder zu sich selbst kommen, und wenn ihm auch der Körper von dem Sturz schmerzte, so achtete er dies wenig. Schnell stellte er sich wieder auf seine Beine und zog das Tier an sich, welches jetzt auch schreckhaft geworden war und an allen seinen Gliedern zitterte. Der Gedanke stieg in ihm auf, zur Lingenburg zurückzukehren, des Schutzes des Schloßherrn war er sicher, denn dort hatte keiner eine Ahnung, zu welch lasterhaftem Beginnen Paulus der Rachedurst verleitet hatte. Aber mit Hunold eine Luft atmen? »Nie und nimmermehr!«

Diese Worte rief er laut in den Wald hinein, und ein Echo gab's ihm zurück. Dieser Haß gegen den Spielmann schien seine gesunkenen Lebensgeister wieder zu entfachen. Er suchte aus dem Dickicht heraus zu kommen und seine braune Kutte hochaufschürzend, ergriff er den Zaum des Esels und zog ihn neben sich her. Nach einer langen Zeit des Wanderns hörte er ein Rauschen und eine freudige Regung bemächtigte sich seiner. Er faßte den Zügel des Grautieres straffer und zog es mit sich fort durch den Wald, der lichter und lichter wurde, bis ihn der Fluß begrenzte. Der Mönch atmete tief auf, als er die Weser erblickte, und sein Auge durchflog die Breite des Stromes und haftete an dem andern Ufer. Dort hinüber mußte er, wenn er nach Hameln wollte, aber weder ein Fahrzeug noch einen Steg erspähte sein Auge, sondern ein majestätisches Schweigen herrschte um ihn, nur von dem Plätschern der gegen das Ufer anstoßenden Wellen des Flusses unterbrochen. Das Grautier dürstete; es senkte tief seinen Kopf zu dem Wasserspiegel hin, aber es konnte ihn nicht erreichen. Um seinen Durst zu löschen fiel es auf die Knie, und sei es, daß der Boden unter ihm nachgab, oder daß es das Gleichgewicht verlor – Paulus sah es mit einem Male verschwinden und die Strömung, die gerade hier, wo der Fluß eine Biegung machte, besonders stark war, trieb es schnell hinweg. Wie gelähmt starrte der Mönch dem Grautier nach. Jahrelang hatte es ihn auf allen weiteren Wegen getragen, die er im Auftrage des Klosters zu besorgen hatte, es hörte auf seine Stimme und ertrug Hitze und Kälte und jede Strapaze, die ihm sein Herr zumutete. Der Mond war im Verbleichen, und im blassen Zwielicht verfolgte sein Auge den Kopf des treuen Tieres, das gegen das andere Ufer getrieben, sich wacker gegen die Strömung behauptete. Paulus Blick umflorte sich, er spürte im Auge etwas wie eine Thräne, doch schnell glitt seine Hand hinauf, um diese sichtbare Gefühlsregung für den treuen Kameraden zu vernichten. Er legte die Hand beschattend über die Augen, um die Spur des ertrinkenden Tieres zu verfolgen – es war verschwunden.

»Was nun?« sagte er zu sich. Der weißblaue Himmel ging in ein sanftes Rosa über, das gegen den Horizont tiefer und tiefer wurde, hier und da wieder verblaßte, um gleich darauf in dunklerer Farbe auf zu flammen. Einige Wolken stiegen am Horizont empor, sie schienen flüssiges Feuer zu sein und je höher sie am Firmament empor kamen, destomehr zuckte und flammte es in ihnen, bis mit einem Male ein weißlicher Strahl durch die Wolkenschicht fuhr und der obere Rand der Sonne sich über die Wolkenwand am Himmel wie flüssiges Silber erhob. Die leichten Wellen des Flusses wälzten sich jetzt purpurfarben dahin, denn je mehr die Sonnenscheibe sich über den Horizont erhob, desto tiefer färbten sich die am Himmel hinziehenden leichten Wolken, die sich im Flusse wiederspiegelten. Ein frischer Wind hatte sich erhoben und ein leichtes Rauschen durchflog den Wald, in dem, aus dem Schlafe erwacht, sich die ersten Frühlingssänger hören ließen. Bald hatte die Natur ringsum sich für den ganzen Tag geputzt – überall war frisches Regen, überall frohes Thun; die Sonne war in ihrer ganzen Pracht herausgetreten, und ihr Licht hatte den weißen Strahl, der beim ersten Aufflammen die Augen blendete, in den goldigen Schimmer heitrer Anmut verwandelt. Die leichten Wölkchen hatten sich am fernen Horizont zu schweren Wolken zusammengeballt, die sich jedoch vor der siegreichen Sonne nicht behaupten konnten.

Der Mönch hatte von alledem nichts bemerkt.

Die Eindrücke, welche er seit dem gestrigen Abend in sich aufgenommen, die Flucht aus der Burg, die unheimliche Nacht im Walde und der Verlust seines Grautieres hatte seine geistige Widerstandskraft erlahmen lassen und bei dem Erwachen der Natur legte sich ein bleierner Schlaf auf ihn; er streckte sich lang am Boden hin, zog die Kapuze über den Kopf und tiefe Atemzüge bekundeten bald, daß ein gesunder, stärkender Schlaf über ihn gekommen. Mancher Käfer lief über sein unbedecktes Gesicht dahin, und manche Hummel benutzte seine Nase als augenblicklichen Ruhepunkt – aber das störte ihn nicht, die Natur verlangte von ihm ihr Recht.


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