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24. Kapitel.
Verrat

Nach dem überstandenen Schrecken der Nacht, welche die Einwohner Hamelns bis zum frühen Morgen nicht zur Ruhe kommen ließ, war das Leben in der Stadt am andern Morgen erst spät erwacht. Ein hellblauer Himmel, eine prächtig goldene Sonne und dazu der kühle Wind, welcher die Sonnenwärme angenehm linderte, machte die Einwohner der Stadt wieder aufatmen, die sich vor Freude nicht zu lassen wußten, als sie wahrnahmen, daß der Donner und Blitz der vergangenen Stunden ihnen nicht nur die lästige Hitze genommen, sondern sie auch von der furchtbaren Plage befreit hatte, die Jahre lang auf ihnen gelastet. Jubel und Freudengeschrei ertönte von allen Seiten, Gastereien wurden veranstaltet, und fanden frohen und kräftigen Zuspruch, denn eine ausgelassene Freude hatte sich der Bewohner bemächtigt, die nun ihr Hab und Gut von den eklen Tieren verschont wußten. Ein frohes Leben und Treiben entwickelte sich auf allen Straßen der Stadt, und wo sich Herr Allardi blicken ließ, ward er beglückwünscht von den gutgelaunten Bürgern, und seine Klugheit fand bei ihnen das höchste Lob, denn ihr verdankten sie es, daß jener rätselhafte Mann an Hameln gefesselt wurde, der das große Werk nicht blos versprochen, sondern auch vollbracht hatte. Wo blieb aber der Befreier der Stadt? Er mußte sich doch zeigen, da er seinen bedungenen Lohn zu fordern hatte.

Herr Allardi mit den Ratsherren waren es nicht unzufrieden, daß der Spielmann, wie es ihnen schien, von seiner Forderung abstand. Denn sie hatten demselben zugesagt, was sie nicht halten konnten, so lange das Kloster nicht seine milde Hand aufthat, wozu es im übrigen wenig Lust zu verspüren schien, da es auf die Besitznahme des Ehrenfels bestand, aber hierin in den Zünften, die das Eroberte nicht herausgeben wollten, heftige Gegner fand. Auch auf anderem Gebiete mehrten sich die Schwierigkeiten für den Bürgermeister. Sein Neffe, den Heinrichs Dolch so unglücklich getroffen, daß er im Fremdenhause des Klosters zu Fulda zusammengebrochen war, hatte inzwischen die Krankheit überstanden, und zu der Sorge des Bürgermeisters, dem Spielmann gerecht zu werden, trat jetzt noch der Hader mit seiner Familie, die wegen der Verwundung ihres Angehörigen darauf bestand, daß man auf den Übelthäter fahnden solle. Diese Forderung seiner Sippe kam Herrn Allardi sehr ungelegen, denn er mochte mit dieser eigenen Angelegenheit die Stadt nicht behelligen, was er trotzdem zu thun gezwungen war, da er zur Auffindung des vermeintlichen Mörders die Reisigen der Stadt zu Hilfe nehmen mußte. – – –

Die Stadt Hameln beherbergte seit einigen Tagen einen Mann in ihren Mauern, dessen Aufenthalt, wäre er den Bürgern bekannt gewesen, demselben den Kopf gekostet hätte. Es war Peter, welchen seine Wut und der Groll, den er im Herzen gegen Heinrich trug, in die Höhle des Löwen getrieben hatte; indessen suchte er sich bald ein sicheres Unterkommen, da er für sein Leben fürchtete. Wie in den Urzeiten bei den Juden, Griechen und Römern die Flucht zu den Altären der Tempel den um sein Leben bangenden Missethäter so lange schützte als er in dem Heiligtum verweilte, so hatte Peter mit seinem Pilgergewande in dem Kloster zu Hameln Aufnahme und damit Schutz gefunden. Unter fremdem Namen war er geflohen, und obwohl er klingendes Gold im Beutel hatte, wagte er bei Tage nicht, die Wohnstätten der Menschen aufzusuchen und die von ihm stets so verachteten Bauern um Nahrungsmittel anzugehen. Der Wald verbarg ihn des Tages; nur in der Dämmerung, wenn das Dunkel sich über die Erde ausbreitete, faßte er den Mut, seine Reise fortzusetzen und sich mit Lebensmitteln zu versehen. Er hatte den geraden Weg zur Stadt vermieden, denn die Hauptstraße, welche gen Hameln führte, war von vielen Menschen belebt. Auf Nebenwegen, durch den Wald, dessen Seitenpfade ihn oftmals fern ab vom Ziele führten, hatte, er nach vielen Irrfahrten die Stadt erreicht. Es war Nacht, als er am Kloster Einlaß begehrte, und erst als sich das feste eichene Thor in seinen Angeln bewegte und er durch seine Öffnung auf den Klosterhof schlüpfte, atmete er frei auf, denn hier fühlte er sich geborgen.

Des andern Morgens ließ er sich die Zelle des Bruders Paulus weisen, und obwohl Peter bis dahin den Mönch Paulus nur vom Hörensagen kannte, so verband ihn nach den ersten Worten, die er an den Mönch gerichtet hatte, mit diesem gleiches Streben. In Paulus stieg mit Blitzesschnelle der Gedanke auf, daß Peter ein ihm von der Vorsehung bestimmtes Werkzeug sei, dessen er sich in dem Kampfe gegen Heinrich nützlich bedienen könne, und sein Plan war schnell gefaßt. Vorerst sicherte er dem einstigen Raubritter den Schutz des Klosters zu und hauchte ihm auf diese Weise Vertrauen zu sich ein. Dann aber berieten sie, auf welche Weise Heinrich in ihre Gewalt zu bringen sei, denn das wußten beide, daß, solange der Jüngling einen Tropfen Blut in seinen Adern rollen fühlte, er mit Mut und Kühnheit sich gegen seine Widersacher zur Wehre setzen würde. Sie fürchteten die Tapferkeit des jungen Ritters, von der Peter schon viele Proben kennen gelernt hatte, und da sie bei sich fühlten, daß sie ihm im offenen Kampfe nicht beikommen konnten, so planten sie Verrat.

Peter wußte, daß Heinrich der Gegner von Herrn Allardi's Neffen gewesen war, und daß des Ritters Stilet jenen beinahe zu Tode getroffen hatte. In der Umgebung der Lingenburg, welche der umherirrende Peter tagelang durchstreift hatte, war es ruchbar geworden, daß Heinrich deshalb den Sänger verlassen, um auf der Lingenburg eine sichere Unterkunft zu finden. Die beiden gegen Heinrich Verschworenen brachten es dem Bürgermeister bei, daß der junge Ritter von Altkirch sich gegen seinen Neffen vergangen. Sie zogen ihn auch in das Geheimnis ihres Anschlages, den sie gegen Heinrich planten und so konnte Herr Allardi den Seinigen eines Tages mitteilen, daß der Missethäter bald in seinen Händen sein würde. –

Es war gegen die Mitte des Monats Juni, als der Ritter Ottokar auf der Jagd einen Unfall erlitt; trotz seiner Jahre den ritterlichen Künsten noch immer hold, war der lingenburger Schloßherr, als er den Speer einem aus dem Dickicht vorbrechenden Eber entgegen sandte, der Wucht des Wurfes nachfolgend, vom Pferde gestürzt. Das verwundete Wildschwein drang auf seinen Peiniger ein, und der Angegriffene wäre unter den wütenden Schlägen des Tieres verendet, hätte nicht Heinrich, dem Schmerzensrufe des Ritters nacheilend, mit einem Hiebe dem Keiler den Garaus gemacht. Aber der Blutverlust war bei dem Greise zu stark gewesen, und als ihn seine treuen Mannen langsam die Burg hinauftrugen, begehrte er von seinem Neffen einen geistlichen Beistand, welcher ihm die Sterbesakramente spendete. Weit und breit jedoch gab es keinen Geistlichen und Heinrich sandte deshalb auf schnellem Rosse einen Boten nach Hameln, um dem Prior den letzten Wunsch des sterbenden Ohms zu überbringen. Hoch auf schwoll das Herz des falschen Paulus, als der Prior ihm die Spendung der Sakramente an Ottokar übertrug, und trotz des Unwetters, welches in dem Weserthale tobte, machte er sich sofort auf, um dem Boten nach der Lingenburg zu folgen.

Hier traf er alle Schloßbewohner in tiefster Trauer, denn während er unterwegs, war Ottokar sanft entschlafen. Hedwig reichte Paulus bei seiner Ankunft die Hand und Thränen erstickten ihre Stimme, als sie ihm für sein Kommen innigsten Dank sagte; auch Heinrich gewann es über sich, den Mönch, der in heiliger Sendung sein nunmehriges Eigentum betrat, zu begrüßen und ihm einen Imbiß und eine Wohnung anzuweisen, damit er sich von den Strapazen des Weges erhole. Aber jener wagte dem Jünglinge nicht in die Augen zu schauen, denn seine Gedanken waren feindlich und Arges hatte er im Sinne. Wiederholentlich fragte Paulus nach der Blinden und war sehr mißmutig, als dieses junge Mädchen, welche den Oheim leidenschaftlich geliebt, ihre tiefe Trauer in ihrer stillen Kemenate vergrub und nicht zu bewegen war, dem Mönch einen Willkommengruß zu spenden.

Ärgerlich über Hildas Widerstand entfernte sich Paulus in der Frühe des nächsten Morgens von der Burg, und in Hameln angekommen, ging er daran, das Netz für den verhaßten Heinrich zu weben. Der Betrug, den er im Verein mit Peter dazu ersann, war grob genug, aber der Mönch rechnete auf die blinde Freundschaft, welche Heinrich mit dem Spielmann verband, und so ritt einige Tage nach der Bestattung Ottokars ein Bote nach der Lingenburg. Er übergab Heinrich ein Schreiben seines Freundes Hunold, worin dieser ihn bat, ihn in Hameln aufzusuchen, da eine Wunde am Fuß ihn hindere, auf der Burg Einkehr zu halten.

Heinrichs Herz war voller Freude, als er durch Hunolds Brief erfuhr, daß sein Freund ihm so nahe, und nachdem er sein Haus während seiner Abwesenheit bestellt hatte, umgürtete er sich mit seinen ritterlichen Waffen und stieg die Treppen des Frauenhauses empor, um von Hilda und Hedwig Abschied zu nehmen. Die Frauen saßen im Kreise ihrer Mägde und waren eifrig mit Spinnen beschäftigt; das Gesumme vieler halblaut sprechender Frauenstimmen, welches er durch die Thür hindurch vernahm, endete mit einem Schlage, als er das Zimmer unvermutet betrat. Die Blinde und die Burgfrau waren schwarz gekleidet, der Trauerfall, welcher sie vor kurzer Zeit betroffen, hatte auch auf ihren Gesichtern, welche blaß und schmal erschienen, ein tiefes Merkmal zurückgelassen. Aber die Ruhe, welche bei ihnen eingekehrt war, nachdem Peter, der Freund des verstorbenen Ritters Ottokar, das Haus verlassen, hatte ihnen jenen Gleichmut der Seele zurückgegeben, welcher diese Frauen, ihren Untergebenen gegenüber, so verehrungswert machte, und wie ein Hauch stillen Glückes mutete es Heinrich an, als er die fleißigen Frauen bei ihrer Arbeit überraschte.

Hedwig und Hilda reichten ihm, von seinem Kommen freudig erregt, ihre Hände; da die Base Heinrich in Wehr und Waffen erblickte, so richteten sich ihre fragenden Blicke auf ihn. Er gab lächelnd Hedwig den Brief, den er aus der Stadt erhalten, und während diese ihn aufmerksam durchlas, sprach er zu Hilda: »Freue Dich, Kind, ich fahre heute zur Stadt und bin in einigen Tagen wieder hier.«

»Und deshalb sollte ich mich freuen?« erwiderte Hilda, indem ihr Gesicht einen besorgten Ausdruck annahm.

»In der Stadt,« sagte er wohlgelaunt, »giebt es süßes Backwerk, und meine Muhme Hilda ist ein Naschkätzchen; gar lecker werden ihr die Kuchen schmecken, welche ihr der Vetter Heinrich von dort mitbringen wird.«

»Mußt Du dorthin?« fragte die Blinde nach wenigen Minuten, und Heinrich, welcher Hedwig durch ein Zeichen verständigte, über den Inhalt des Schreibens vor dem jungen Mädchen nichts laut werden zu lassen, nahm ihre beiden Hände, wie er es oft that, wenn er eindringlich mit ihr sprechen wollte, und sagte scherzhaften Tones:

»Möchte meine kleine Muhme mit mir ziehen in die Weserstadt?«

»O gerne, gerne,« rief das Mädchen aus, »ja wäre ich ein Mann, ich würde mit Dir ziehen, um stets in Deiner Nähe zu sein, und Dich zu beschirmen! Aber ich bin ein schwaches Weib und noch weniger als das, ein blindes Wesen, das nicht einmal sich allein bewegen kann! Warum denn,« rief sie in überquellendem Gefühl aus, und ein Thränenstrom benetzte ihre Wangen, »mußte der himmlische Vater mich denn also strafen! Er versagte mir die Eltern und das Augenlicht – das Liebste und Teuerste, das ein Mensch auf Erden sein nennt!« … Sie trocknete ihr nasses Antlitz und entzog ihre Hände dem Jüngling. –

»Heinrich,« sagte sie nach kurzem Stillschweigen, »Heinrich, bleibe bei uns, denn Du und Hedwig, Ihr seid mein einziger Schutz auf dieser Welt, und Dir droht Gefahr, wenn Du Dich von hier entfernst!«

Sie wankte und wäre gefallen, hätte Heinrich sie nicht in seine Arme geschlossen.

»Habe keine Furcht, liebe Hilda,« sagte Heinrich, seine Betroffenheit über die Bitte des Mädchens verbergend; »meinetwegen bange nicht, denn wer will mir Böses?«

»Peter!« rief die Blinde aus, indem sie sich von ihm losmachte und ihr thränenfeuchtes Gesicht mit der Hand bedeckte.

Heinrich hatte in den arbeitsamen Tagen der letzten Zeit des Ritters vollkommen vergessen. Er war unangenehm überrascht, als Hilda diesen Namen aussprach, aber bald faßte er sich und erwiderte: »Peter ist in die weite Welt gezogen und fernab von uns muß er weilen, wenn er sich nicht gefährden will. Überdies, Muhme, bin ich ein Kriegsmann, der sein Schwert zu führen weiß, und so lange die Welt steht, wird die Treue über den Verrat und die Hinterlist siegen: Sind doch schon zwei seiner bösen Anschläge wieder mich mißglückt« …

»Aber der dritte wird Dich ins Unglück stürzen,« sagte die Blinde tonlos, – »und uns mit Dir!«

Doch der Jüngling war nicht zum Bleiben zu bewegen. Unten im Hofe hielt der Begleiter Heinrichs das schön aufgezäumte Pferd an dem breiten mit Stickerei verzierten Zügel. Ungeduldig ging es hin und her und als sein Reiter noch immer sich nicht zeigte, um sich in den Sattel zu schwingen, wieherte es, daß es im stillen Burghof wiederhallte. Hilda kannte dieses Zeichen, und der Vetter mußte aufbrechen. Hedwig legte, wie zum Segen, ihre Hand auf das Haupt des vor ihr stehenden Ritters, während die Blinde, wie vernichtet in ihrem Sessel lag. Heinrich ergriff ihre kleine, edel geformte, weiße Hand, welche sie ihm willenlos überließ und drückte seine Lippen darauf, dann setzte er seinen Helm auf das Haupt, und rief den Frauen ein Lebewohl zu. Mit wenigen Schritten hatte er das Zimmer verlassen, und Hedwig eilte zu dem Fenster, um ihrem Liebling nachzusehen. Da erscholl hinter ihnen ein durchdringender Schrei. Alles drängle sich um die Blinde, deren totenbleiches Haupt über der Rücklehne des Sessels lag; Hedwig schloß sie in ihre Arme und nachdem ihr von allen Seiten Riechsalze und stärkende Mittel gereicht worden waren, um sie ins Leben zurückzurufen, sagte die Blinde schluchzend zu der Burgfrau:

»Base, Du sahst Heinrich heut zum letzten Male. Ich fühle es, er kehrt nimmer wieder.«


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