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6. Kapitel.
Ottokar und Peter

In der Nacht war Ottokar mit seinen Begleitern, die zur Burgmannschaft gehörten, von dem Jagen zurückgekehrt. Nebelgrau erschien ihm der Morgen und mißmutig erhob er sich frühzeitig vom Lager. Das Jagdglück war ihm wenig hold gewesen und das schmerzte ihn, da er bei dem rauhen Wetter nicht mehr die Kraft in sich verspürte, wie sonst auf schnellem Pferde den dahin eilenden Hirsch zu erjagen, oder zu Fuß mit dem kurzen, breiten Schwert dem Eber den Garaus zu machen. Aber dieser Kummer war es weniger, der ihm den Schlaf von seinem Lager verscheuchte. Sein Vetter Peter, mit dem er zusammen in den Wald geritten, hatte die schärfsten Drohungen gegen Heinrich ausgestoßen, und da er wußte, was er von dem Charakter des Ritters zu halten hatte, so beschloß Ottokar, ihm mitzuteilen, mit wem er auf dem Neujahrsempfang des Groß-Priors in Streit geraten sei. Er erzählte, daß Heinrich, das Enkelkind Erwins, nach Deutschland gekommen sei, um sein großväterliches Erbe anzutreten und bedeutete Peter, daß er allen Grund hätte, mit diesem Verwandten sich gut zu verstehen, da Heinrichs Anrecht auf den Besitz Peters durchaus rechtmäßig und unbestreitbar sei. »Er ist,« so fuhr Ottokar in seiner Mitteilung zu dem inzwischen schweigsam gewordenen Peter fort, »ein ächter Sproß unsres Hauses, klug und voll Bedacht, das Schöne liebend und das Böse bekämpfend; eines Tages wird aus dem ritterlichen Jüngling eine Blume des Rittertums werden. Obwohl er bisher nur wenige Stunden unter meinem Dache weilte, so bedaure ich von Herzen, daß ich keine Tochter zu vergeben habe, denn diesen Jüngling würde ich als Sohn mit offenen Armen freudig begrüßen.«

Der sonst so redselige Peter war in tiefes Schweigen versunken, doch mußte das Roß den Ausdruck seines Grimmes furchtbar fühlen, denn seine Sporen berührten es oftmals gar unsanft in den Weichen, und als Ottokar geendet, bewirkte diese Pein, die Peter seinem Tier bereitete, daß es unversehens scheute, und den überraschten Ritter in kühnem Bogen in den weichen Schnee warf. – Flugs hatte sich die ganze Jagdgesellschaft um Peter gesammelt, und als man wahrnahm, daß der Sturz dem Ritter nichts geschadet, ertönte nun von allen Seiten scherzhafter Zuruf, der jedoch von dem wieder im Sattel befindlichen Peter recht übel vermerkt ward und ihm die ohnehin schlechte Laune noch mehr verdarb. – Der Wald hatte inzwischen die Jäger aufgenommen, und die vorwärts strebende Meute wurde losgelassen, um das Wild zu suchen. Der hohe Schnee machte den Pferden viel zu schaffen; ab und zu versanken sie bis zur Brust in Gruben, die von weichem Schnee trügerisch gefüllt waren, und nur wenige vermochten dem hier und da erschallenden Hifthorn zu folgen.

Unter den Auserwählten aber waren es Ottokar und Peter, die dicht beieinander die Spur der Hunde verfolgten und dem Gebell der Hunde nachsetzten. Von der Kuppe eines Hügels sahen sie, wie die Hunde ein starkes Borstentier anfielen; ein ganzes Rudel packte es vom Rücken her, während die Beherzteren es von vorn anzugreifen suchten. Dichte Blutspuren färbten den aufgewühlten Schnee, denn auch die Hunde wurden von dem wütenden Eber heftig mitgenommen. Da flog eben einer der mutigsten, von dem Zahn des Ebers ergriffen, mit aufgeschlitztem Leib rittlings in den tiefen Schnee, als Peter mit geschwungener Lanze, von dem Hügel herab auf den Keiler einstürmte. Auf der Mitte des Weges geriet jedoch das Pferd in eine jener verräterischen Spalten, die der Schnee zugeweht, und zum zweiten Male am heutigen Tage schoß der Reiter über den Kopf seines Tieres hinweg und flog gerade vor den rasenden Eber, der schon den Kopf erhob um den Wehrlosen zu zerfleischen. Da sprengte Ottokar heran, und sich tief vom Pferde neigend, brachte er dem Tier einen wütenden Hieb bei, der es besinnungslos machte. Während die Hunde es jetzt durch ihre Bisse zerfleischten, eilten die jagenden Ritter von allen Seiten herbei und machen dem Tiere den Garaus. –

Peter wurde in den Sattel gehoben, und da ihn der tiefe Schnee auch bei seinem zweiten Fall weich gebettet hatte, so war es nur der Schreck, der ihn eine Zeit lang wortlos neben Ottokar herreiten ließ.

»An dem Unglück, das mich heut verfolgt, hat nur der Italiener schuld,« sagte er nach einiger Zeit zu seinem Vetter. »Also der wird mich von meiner Burg vertreiben,« setzte er höhnisch lachend hinzu, als er von Ottokar keine Antwort empfing. »Mein Weib wird sich freuen, wenn sie hört, wozu die italische Sippe uns einen Sproß hierher gesandt. Und übermütig ist dieser Fant; wie er mich vor den Rittern im Kloster zu Hameln zur Rede stellte! Oho, mein Freund,« so brauste er auf, als er von Ottokar keine Antwort empfing, »hätte ich Dich nicht geschont, weil mir Deine Jugend leid that, Du hättest deutsche Streiche gefühlt, die Dich sicher nach Italien zurück getrieben hätten. Begegne mir nicht zum zweiten Mal in gleicher Weise, Deine Seele würde sonst in der Hölle ihre Zuflucht finden.«

Ottokar hielt sein Roß an: »Sei froh,« sagte er ernst, »daß er Dich heut geschont, denn sonst wäre Deine Seele da, wo sie hingehörte. Der Wein, von dem Du heut Morgen soviel an der Klostertafel genossen, heißt Dich zuviel schwatzen, obwohl Du zu zweien Malen kühl gebettet lagst. Im Rausch ist der Mensch jedoch geneigt die Wahrheit zu sprechen, und da bitte ich Dich, daß Du, wenn Du ausgeschlafen, Deinen Zorn vergißt. Denn unklug würdest Du handeln, solltest Du ihm schlecht begegnen; Haus und Hof sind wohl einiger Worte wert, und er ist der Herr Deines angemaßten Eigentums. Das Lehen, welches von Heinrichs Vater, Bertha, Deiner Frau verliehen ward, gilt nur so lange, wie die Urkunde darüber lautet, also bis es der Erbe, wenn er durch Pergament und Siegel seine Rechtmäßigkeit beweist, zurückfordert, von Dir und von mir. Ich, Ottokar von Lingenburg, kann dem ruhig entgegen sehen, denn bei Heller und Pfennig habe ich das Eigentum Heinrichs verwaltet und nur meinen Lohn als Verwalter aus ihm gezogen. Aber Du, Peter, hast in Völlerei das Besitztum, welches nicht Dein Eigentum ist, dahinschwinden lassen, auch die Mitgift Bertha's ist aufgezehrt und ein jeder weiß, daß Du mit Deinen Knechten dem Kaufmann auflauerst und ihm seine Ware raubst.«

»Lug und Trug,« rief Peter, »welch Lügenmaul hat mich in der Leute Mund gebracht; bei Gott, wärest Du nicht mein Verwandter, so würde ich blutige Rechenschaft für diese erdachte Behauptung von Dir fordern!«

»Ruhig, ruhig,« erwiderte Ottokar, »nicht meine Behauptung, sondern Dein Zorn ist erlogen. Weißt Du denn nicht, daß die Hamelner Bürger, als wir des Morgens durch ihre Straßen ritten und wir Dich erwarteten, da Du noch auf dem Klosterhofe mit dem italischen Ankömmling Zwiesprach pflogest, mit Fingern nach Dir wiesen und drohende Geberden hinter Deinem Rücken machten?«

»Hm,« lachte der von Ehrenfels, »das sollen sie, denn ich freue mich, daß sie mich fürchten. Mit Fingern wiesen sie nach mir! Hütet Euch, Ihr Stadtfinken, daß ich die Finger Euch beim nächsten Male nicht von der Hand schlage.«

Ottokar warf einen schnellen Blick auf seinen Begleiter. »Du erinnerst Dich,« sagte er, »daß auch der Bürgermeister Dich heut im Klostersaal anklagte, Straßenraub zu treiben; die in Hameln wissen es, wie ich erfuhr, daß die Cölner Kaufleute, welche einige Tage vor Weihnachten ihre Karren vor dem Ehrenfels vorbeitrieben, es nur ihrer Übermacht zu danken hatten, daß sie ungefährdet die Stadt Hameln erreichten. Wie es heißt, wäre der Strauß, den sie in Deiner Gegend zu bestehen hatten, ein harter gewesen; es setzte blutige Köpfe, aber auf der Seite des Angreifers soll der Verlust am stärksten gewesen sein. Bei der Flucht der Wegelagerer soll einer derselben, dessen Helm die Kaufleute erbeuteten und dem Magistrate von Hameln ablieferten, sogar als tot von seinen Kumpanen mitgeschleppt worden sein.«

»Als tot, bei Gott, da müssen noch ganz andere Hiebe niederfallen, als die jener Stadtbauern, wenn mein tapferer Knut sein Leben lassen soll. Jawohl, Dir gestehe ich es, mir ward Kunde, daß ein Troß Cölner Leute auf Hameln ziehe, und da sie schwer belastet waren, wollte ich sie erleichtern. Aber ihrer waren zu viele und ich mußte Fersengeld geben. Meiner lieben Frau hatte ich seidene Gewänder versprochen, wie sie die Frauen jener kecken Bürger, deren Macht bald uns bedrohen wird, in der Stadt tragen. Sie hat mich weidlich ausgescholten, als ich auf dampfendem Roß im Burghof Halt machte und die anderen den wunden Knut anschleppten. Aber ich will's euch schon einreiben, ihr Herren dort drüben, ein ander Mal treffe ich es besser, so wahr ich Peter von Ehrenfels heiße.«

Ottokar hatte zugehört ohne ihn zu unterbrechen; als Peter schwieg wandte er sein Pferd, so daß er seinem Vetter voll in das Gesicht sah. »Höre,« sagte er, »mir fällt ein, daß ich zu Weihnacht von Dir einen Teppich empfing und auch ein Stück Wollenstoffes, wie er im fernen Brabant gewebt wird. Jetzt weiß ich, daß beides, welches ich von Dir im ehrlichen Handel erstanden wähnte, auf der Landstraße gestohlen ist.«

»Gestohlen,« schrie Peter, –

»Jawohl,« versetzte der andere ruhig, »im übrigen wahre Deine Zunge, denn wir sind von Lauschern umgeben. Beides wandert an Dich zurück; denn Du kannst es gut gebrauchen, und ich beherberge niemals Gestohlenes. Und nun kein Wort mehr,« setzte er hinzu, als Peter sich ihm heftig zuwandte. »Bedenke, daß der Kaiser Frieden im Lande geboten hat; nicht unbekannt wird Dir sein, daß er erklärt hat, jeden Räuber an der Landstraße aufzuknüpfen, ob Bauer oder Ritter – und der Habsburger hält Wort.«

Damit hatte Ottokar seinem Roß die Sporen gegeben, und sich von dem Großprior verabschiedend, sprengte er mit seinen Begleitern durch den schneeigen Wald der Weser zu, um noch vor Mitternacht die Lingenburg zu erreichen. –

Der Morgen hatte Tauwetter gebracht, der Wind war umgeschlagen, und vom Himmel ergoß sich der Regen in Strömen. In dem Kamin der großen Halle, die mit einem bis an die Decke ragenden Schenktisch geziert war, auf welchem stufenförmige Aufsätze standen, die den prunkvollen Hausrat an goldenen und silbernen Schaustücken bargen, loderte ein helles Feuer, an dem sich die Gäste wärmten, welche auch nicht die geruhsame Nacht gefunden, die ihnen die Burgherrin vor dem Schlafengehen noch gewünscht hatte. Hunold und Paulus, denen in einer Stube des Herrenhauses das Lager bereitet worden war, sprachen noch lange über das blinde Mädchen, das durch seine Vorzüge und sein trauriges Geschick ihr ganzes Herz gefangen genommen hatte. In dem Nebenzimmer hatte Heinrich seine Heimstätte aufgeschlagen, aber ungewohnt der mächtigen viereckigen Betten, über welche sich ein Himmel wölbte, und deren Kissen so hoch übereinander lagerten, daß er nur durch Stufen auf das Lager gelangen konnte, warf er sich, der Eindrücke voll, die er während des ganzen Tages in sich aufgenommen hatte, unruhig hin und her. Vor seinem Auge erschien bald der grimme Peter von Ehrenfels, bald Paulus, der ihm die Kapsel, mit seinen verbrieften Anrechten aus der Hand genommen. Im Halbschlummer glaubte er Peter von Ehrenfels zu sehen, wie er mit geschwungenem Schwert auf Paulus zuging, um ihm das Pergament zu entreißen. Der Mönch setzte sich zur Wehr, aus seiner Kutte erglänzte ein Dolch, dessen Spitze den wütenden Ritter bedrohte; der Kampf zwischen beiden war ein verzweifelter und schon schien Paulus den überlegenen Waffen Peters zu unterliegen. Der Mönch war gestrauchelt, und der Ritter holte eben aus, um ihm den Todesstreich zu versetzen, als Hilda, die sehend geworden, sich dem Wütenden entgegen warf, und von seinem Schwert durchbohrt, entseelt in die Arme des Mönches sank. »Mein Kind, mein Kind,« rief dieser unter Thränen aus, und – der Mönch und Hunold standen vor Heinrichs Lager, der, von der Erscheinung schwer bedrückt, zu wiederholten Malen laut aufgeschrieen hatte. Unter Schauern des Entsetzens über diesen Traum, erzählte Heinrich den beiden Gefährten, was er soeben vor sich zu sehen meinte. Im Wechselgespräche verging ihnen die Nacht in der Burg, und schaurig erklang dazu das pfeifende Sausen des erstehenden Südweststurmes, der das hohe und freistehende Haus umtobte und Dohlen und Raben, welche ihr Heim in der Dachfirst des Wachtturmes aufgeschlagen, umkreisten Haus und Turm mit heiserem Geschrei. Der bleiche Morgen ließ die drei Freunde erst zur Ruhe kommen, und wenig gestärkt hatten sie sich von ihrem Lager erhoben.

Ottokar begrüßte den Mönch auf das freundlichste und bot ihm auf einige Tage seine Gastfreundschaft an. Nicht umsonst, meinte er lächelnd, als Petrus mit seiner Einwilligung zögerte, sollte er bei ihm hausen, denn seiner warte eine Arbeit, eine Schrift, die sauber auf Pergament, mit buntfarbigen Buchstaben verziert, von ihm angefertigt werden solle.

Ottokar war des Schreibens nicht kundig, denn die deutsche Erziehung zu seiner Zeit war äußerst mangelhaft, noch dazu für die Männer. Nur auf Tüchtigkeit des Leibes, Kraft, kriegerisches Waffenspiel und auf das friedliche Weidwerk wurde Wert gelegt; ein wenig Unterricht im Glauben sowie im Gesang und Saitenspiel bildeten die ganze Bildung, die dem Knaben auf der Ritterburg ward. Die Mädchen vornehmeren Standes jedoch genossen eine bessere Erziehung; in der frühesten Jugend unterwies sie die Mutter im Haushalt, dann übernahm das Kloster ihre weitere Ausbildung in wissenschaftlicher Hinsicht und auch im Lehren weiblicher Handarbeiten. Die prachtvollsten Stickereien wurden dazumal im Kloster von den Nonnen und den jungen Mädchen gefertigt, welche in diesen Künsten in den Klostermauern unterwiesen wurden und manche Altardecke, die Museen und alte Kirchen noch heutzutage bergen, und deren Muster von uns nachgeahmt werden, fanden ihren Ursprung unter den kunstfertigen Fingern einer Frau des dreizehnten Jahrhunderts. – –

Die Männer saßen noch einige Zeit beim Frühtrunk und Ottokar empfand die Anwesenheit des frohen und welterfahrenen Sängers mit vieler Freude. Er hatte soeben seinen Genossen von der Jagd am gestrigen Tage erzählt, doch wohlweislich verschwiegen, auf welche Art er sich von seinem Vetter Peter verabschiedet hatte.

Das Wetter wurde mit jedem Augenblicke unfreundlicher und ein scharfer Südwest ließ die schweren Tropfen des strömenden Regens gegen die Mauern anklatschen. Das Gespräch zwischen den Männern wollte keinen rechten Fortgang nehmen, denn jeder fühlte sich durch das schlechte Wetter beengt, und je trüber der Himmel wurde, desto matter wurde auch die Unterhaltung. Von dem Fenster der Halle hatte man einen weiten Ausblick über das Weserthal. Der Fluß lag noch zu Eis erstarrt da, und die Ufer waren wie gestern mit hohem Schnee bedeckt, der aber heut, von dem Regen gefärbt, grau und schmutzig aussah. Nach einiger Zeit wurde jedoch der Regen so dicht, daß er als dichter Nebel das gegenüberliegende Ufer des Flusses bedeckte, und Heinrich starrte trübselig in den grauen Wolkenschleier, der bald die ganze Höhe umzog, auf welcher die Burg lag.

Paulus war von Ottokar in die Burgkapelle geführt worden, deren kleiner Anbau ihm einen erwünschten Platz bot, um dem Burgherrn, welcher geschnittenes Pergament und Tusche, Pinsel und auch Federposen ihm zurechtgelegt hatte, die gewünschte Abschrift eines Schenkungsbriefes für Heinrich anzufertigen. Kunstverständig legte sich Paulus das Pergament zurecht, und versah es mit gleichmäßigen, schmalen Linien, dann griff er zum Pinsel und innere Befriedigung schien sich auf seinem Gesicht auszuprägen, als er nach stundenlangem Mühen den buntfarbig gezierten Anfangsbuchstaben betrachtete, und ihn wohlgelungen fand.

Unterdessen waren Hedwig und Hilda aus den Frauengemächern erschienen, um dem Hausherrn den Willkomm zu bieten. Die Blinde schien sehend geworden zu sein, so sicher eilte sie gerades Wegs auf ihren Pflegevater Ottokar zu, und ihre Arme um seinen Hals schlingend, rief sie aus:

»Dem Herrn Dank, daß Du wieder wohl in der Burg bist, ein banger Traum beunruhigte mich diese Nacht. – War der Ohm Peter gut zu Dir?«

Ottokar war betroffen, doch Hedwig überhob ihn der Antwort, und indem sie mit leichter Hand das durch die Umarmung gelockerte Haar der Blinden ordnete, sagte sie: »Das Kind ist zuviel mit seinen Gedanken allein, lieber Bruder, und ich begrüße es als eine Wohlthat, daß wir liebe Gäste hier bei uns sehen.« Damit bot sie Heinrich, der am Fenster stehen geblieben war, einen freundlichen Morgengruß, und als er ihn erwiederte, ging die Blinde auf ihn zu, und sagte, indem sie heut das förmliche Ihr mit dem verwandtschaftlichen Du vertauschte: »Lieber Vetter, ich kann Dich nicht sehen, verzeih, wenn meine Hände Dein Antlitz befühlen, damit ich weiß, wie Du ausschaust,« und damit glitten ihre sammetweichen Finger über seine Stirn und Augen, während sie zufrieden nickte. »Es ist hart,« fuhr sie fort, »daß meine Augen den Menschen, das Ebenbild Gottes, nicht erblicken können; aber jetzt weiß ich genau wie Du bist: Hochgewachsen, stolzen Ansehens und guten, kindlichen Gemütes. Nicht wahr, Heinrich, Du wirst mein Freund sein?«

Die Anwesenden waren durch die Worte Hilda's tief gerührt; nur Hunold, der eine weiche Regung in sich nur ungern aufkommen ließ, wandte sich an Hedwig, und sagte: »Frau Hedwig, der Ritter verstattete mir den Aufenthalt in Eurem Hause, um das Burgfräulein im Saitenspiel zu unterweisen.«

»Es ist Euer freier Wille Herr Hunold,« erwiderte Hedwig, »daß ihr bleibet; verweilet aber so lange bei uns, wie Ihr möget, und sehet zu, daß Ihr der Maid Eure künstlichen Weisen lehret.«

Das Gesicht der Blinden strahlte vor Freude.

»Kommt hinauf in's Frauengemach,« wandte sich Hedwig an den Spielmann, der mit flüchtiger Geberde seine an der Wand lehnende Laute ergriff und fröhlich singend sie über das Haupt schwang und den Frauen zu ihrer Kemenate folgte.


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