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6. Rückblicke.

Ich war achtzehn Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um quer durch Frankreich hindurch über Lyon und Moulins, dann über Poitiers und Rochefort nach der Insel Oléron im Atlantischen Ozean geschafft zu werden. Die letzten drei Tage auf der Zitadelle waren mir in verhältnismäßigem Komfort vergangen; ich hatte sie, infolge eingetretener Intervention, im Offiziersgefängnis zugebracht, wo ich in allem, was Speise und Trank angeht, in der angenehmen Lage war, meiner Gewohnheit gemäß oder, wie es im Französischen heißt, »im Einklang mit meinem ancien régime« leben zu können. Ein Ausdruck, der mich jedesmal amüsierte. Über diese »guten Tage von Besançon« berichte ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber hier schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchigem Zusammenleben mit französischen Soldaten und Zivilpersonen verschiedenster Art von dem Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben empfangen habe.

Es ist Pflicht, zu sagen daß die Eindrücke die allerangenehmsten waren, und daß ich mir keine Nation denken kann, die in so vielen ihrer aufs Geratewohl gewählten Repräsentanten imstande wäre, ein günstigeres Urteil hervorzurufen. Im allgemeinen wird man sagen können, daß je nach den Landesteilen, in denen man lebt, auf zehn oder sieben oder fünf Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich mit siebzig oder achtzig Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit zwei- oder dreimal wechselten (so daß ich etwa zweihundert verschiedene Personen kennen lernte), und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie beleidigt durch Widerspruch, vor allem ohne Schabernack und ohne Neid. Wir könnten nach dieser Seite hin viel von ihnen lernen. Es offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit, leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber die Rodomontaden dieser letzteren scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite. Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahmen, voll lebhaften patriotischen Gefühls waren. Auch ihr Bildungsgrad, um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt glaube, daß wir uns nach dieser Seite hin allzu selbstgefälligen Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art Schulmonopol zu besitzen, und es gibt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in der Hand, womöglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20 000 Fuß hoch das Atmen aufhört.

Ich meinerseits habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen als die Menschen bei uns. So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die statistischen Zahlen deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen lernte, unterste Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches Gesamtbild empor, ein Bild, das, von vornherein verschoben und immer ins Dunkle retuschiert, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird. Hinterm Berge wohnen auch Leute. – Ich kehre nun zu meinen Mitgefangenen zurück.

Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagte ich); aber so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Teil des Ganzen machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine Herzensstellung einnehmend als zu »La France«und zur Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel, oft mehr eine Gefahr als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen, wird auch die Vaterlandsliebe (die dann nur eine gewisse Form persönlicher Eitelkeit ist) leicht zu einer Karikatur, überschlägt sich und gewinnt den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts. Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube existierte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich begegnete keiner anderen Überzeugung als der einen, daß alles käuflich sei. Sedan war ein »job«im großen Stil; nur Mac Mahon behielt seinen diamantenen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei ihm wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen und sich selbst zu behaupten und zu bereichern. Alles einzelne sich selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe getan, aber sie haben eines vermieden: das Brechen mit der Tradition.

So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über Wahrnehmungen, die ich während der schlimmen Tage (denn sie waren nicht alle schlimm) an mir selber machte.

Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußeren Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Komforts berührte; ich fand bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase Landwein und einigen Schnitten Weißbrot sehr wohl leben lasse, im Grunde genommen besser als bei Mayonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brot und einigen Rüben oder Erdäpfeln lebe«. Ich meinerseits trank viel Tee, aber nur, um mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Zitadelle von Besançon den Namen »Tee« usurpierte, keine Rede sein.

So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die schließlich eben keine Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des Ehrenpunktes. Was mir vier Wochen früher ganz speziell auch auf diesem Gebiete als eine Lebensunerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als Luxus, und weil als Luxus, auch als entbehrlich und abtubar. Dies überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken, am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Szenen der Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden hätten. Das Durch-die-Straßen-Geschleppt-, das Angegafft- und Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das Abgezähltwerden bei erhobener Laterne, all das war lästig, bedrücklich, zuzeiten sehr unangenehm; ich kann mich aber keines Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte. Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Los zufallen würde. Es blieb aus; es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß auch das mich in meinem Gleichmut wenig gestört haben würde. Man hat das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Überantwortetseins auf Gnade oder Ungnade und empfindet deutlich, daß die Übergriffe, die sich der Machthaber erlaubt, wohl die Ehre dieses Machthabers, nicht aber die eigene treffen können. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken, ist konventionell! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel, die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte Sancta simplicitas.

Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühlsluxus ansehen kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall solcher Dinge, die sich der gebildete Mensch recht- und pflichtmäßig zur zweiten Natur gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum geistigen Bedürfnis gehört.

Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese Empfindung, glaub' ich, hat man nicht als etwas künstlich Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivierte Angewöhnungen, vor allem auf alles, was den Charakter der Verwöhnung trägt, verzichten zu können, aber es ist nicht Pflicht, nicht in der Ordnung, sich gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien in gleicher Weise gleichgültig zu stellen. Es gibt freilich, und dies ist nicht ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheitsstandpunkt, wo auch dies wieder als ein Äußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße hat der moderne Mensch nicht Anspruch, gemessen zu werden. Für uns liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Mut und alle Zuversicht raubt und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten Mißtrauen gegen uns selbst jede Unbill als etwas Selbstverständliches und Wohlverdientes hinzunehmen.

Ich litt hierunter während der ersten Wochen in Besançon, wie schon angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt, das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde, sich darin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf, und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete sich eine Konversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und Gendarmenunterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil es sich hierbei um Tatsächliches handelte, um Realitäten, die niemand besser kannte als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Konjekturalstrategie und die in den Wolken schwebende hohe Politik, die ich nolens volenstreiben mußte! Fragen, über die sich Generalstab und Kabinett bis diese Stunde den Kopf zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen marschieren, diese Armeen immer neue Kurven und Schleifen bilden; Hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort gefangen genommen, und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale: Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine eigentlichsten Untaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich schrieb die Waffenstillstandsparagraphen, entwarf Präliminarien, setzte den Tag des Friedensabschlusses auf vierundzwanzig Stunden ganz genau fest und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser Gefängniswochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reserviertheit alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher Redensarten lag, und dennoch

          ... war es Sünde,
So es noch einmal vor mir stünde,
Ich tät' es wieder, tät' es doch.


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