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Auf der Suche nach d'Arnot

Es war eine traurige, mutlose Gruppe, die in dem kleinen Lager der Weißen mitten im Urwald dem dämmernden Tag entgegensah.

Sobald es hell genug war, um die Umgebung zu überblicken, sandte Leutnant Charpentier je drei Mann nach den verschiedenen Richtungen, um den Pfad ausfindig zu machen. In zehn Minuten war er gefunden, und die Expedition schickte sich zur Rückkehr nach der Küste an.

Das ging aber nicht schnell vonstatten, denn man mußte die Leichen von sechs Mann tragen (zwei waren noch in der Nacht gestorben). Mehrere Verwundete mußten gestützt werden und konnten nur langsam vorwärts kommen.

Charpentier hatte beschlossen, sich Verstärkung zu holen, dann einen Versuch zu machen, die Eingeborenen zu schlagen und d'Arnot zu befreien.

Es war spät am Nachmittag, als die erschöpften Menschen die Lichtung an der Küste erreichten, aber für zwei von ihnen war die Rückkehr ein so großes Glück, daß ihr ganzes Leid im selben Augenblick vergessen war.

Als die kleine Gruppe aus der Dschungel heraustrat, sahen Professor Porter und Cecil Clayton zu ihrem grenzenlosen Erstaunen Jane Porter in der Türe der Hütte stehen.

Mit einem freudigen Ausruf lief sie ihnen entgegen, und indem sie ihre Arme um ihres Vaters Hals schlang, brach sie zum ersten Mal in Tränen aus, seitdem sie auf dieser schrecklichen abenteuerlichen Küste ausgesetzt worden war.

Professor Porter suchte mannhaft seine eigenen Gefühle zu unterdrücken, aber seine Nervenanspannung und körperliche Schwäche waren zuviel für ihn, er legte den Kopf auf die Schulter seiner Tochter und schluchzte leise wie ein müdes Kind.

Jane führte ihn zur Hütte, und die Matrosen begaben sich nach dem Strande. Mehrere Kameraden kamen ihnen von dort entgegen.

Da Clayton Vater und Tochter allein lassen wollte, gesellte er sich zu den Marinesoldaten und unterhielt sich mit den Offizieren, bis ihr Boot zum Kreuzer zurückruderte, wo Leutnant Charpentier über den unglücklichen Verlauf der Expedition zu berichten hatte.

Clayton kehrte langsam zur Hütte zurück. Er fühlte sich ganz glücklich, denn die Frau, die er liebte, war gerettet.

Er fragte sich, durch welches Wunder sie befreit worden sei, denn es erschien ihm fast unglaublich, sie noch am Leben zu sehen.

Als er sich der Hütte näherte, trat Jane Porter heraus. Sobald sie ihn erblickte, eilte sie ihm entgegen.

Jane, rief er, Gott hat es gut mit uns gemeint. Erzählen Sie mir, wie Sie gerettet wurden.

Er hatte sie noch nie bei ihrem Vornamen genannt. Zwei Tage früher wäre sie vor Freude darüber sanft errötet; jetzt aber erschrak sie darüber.

Mr. Clayton, sagte sie ruhig, indem sie ihm die Hand reichte, lassen Sie mich Ihnen zuerst für die ritterliche Treue meinem Vater gegenüber danken. Er hat mir erzählt, wie edel Sie sich aufgeopfert haben. Wie können wir Ihnen das je vergelten?

Clayton bemerkte, daß sie seinen familiären Gruß nicht erwiderte, doch war er weiter nicht beunruhigt darüber. Sie hatte so vieles durchgemacht, und es wäre jetzt nicht angebracht, ihr seine Liebe aufzudrängen, dachte er.

Ich bin schon dadurch belohnt, sagte er, daß ich Sie und Ihren Herrn Vater gerettet, gesund und wieder beisammen sehe. Es war so ergreifend, ihn in seinem stillen klagenlosen Schmerze zu sehen. Es war die traurigste Erfahrung in meinem Leben, Miß Porter, und dazu kam mein eigener Schmerz, der größte, den ich je gehabt habe. Aber der seinige war so hoffnungslos; – es war zum Erbarmen. Er zeigte mir, daß keine Liebe, nicht einmal die eines Mannes für seine Frau, so tief und stark und aufopfernd sein kann als die Liebe eines Vaters für seine Tochter.

Das junge Mädchen senkte den Kopf.

Wo ist der Waldmensch, der Ihnen zu Hilfe kam? fragte sie. Warum kehrte er nicht zurück?

Clayton wurde durch diese Frage so überrascht, daß er sie verwundert ansah.

Wen meinen Sie? fragte er.

Den Waldmenschen, der Sie und den Vater rettete und der mich dem Gorilla entriß.

O, rief Clayton überrascht. Er war es, der Ihnen zu Hilfe kam! Sie haben mir noch nichts von Ihrem Abenteuer erzählt. Bitte, berichten Sie mir doch!

Sie kam aber auf ihre vorige Frage zurück.

Aber den Waldmenschen, haben Sie ihn nicht gesehen? Als wir die Schüsse aus der Ferne hörten, verließ er mich. Wir hatten gerade die Lichtung erreicht, als er nach der Richtung des Kampfplatzes eilte. Ich weiß, daß er Ihnen zu Hilfe kommen wollte.

Sie sagte das in einem so warmen, fast erregten Tone, daß Clayton sich wunderte, warum sie so besorgt sei, den Aufenthalt dieses seltsamen Wesens zu erfahren. Er konnte zwar die Wahrheit nicht vermuten, aber er hatte eine dunkle Ahnung, und so entstand in ihm der erste ihm selbst unbewußte Keim der Eifersucht und des Verdachts gegen den Affenmenschen, dem er sein Leben verdankte.

Wir sahen ihn nicht, erwiderte er ruhig. Er kam nicht zu uns. Und nach einer gedankenvollen Pause: Vielleicht kehrte er zu seinem eigenen Stamme, den Leuten, die uns angegriffen hatten, zurück. Er wußte nicht, warum er dies sagte, denn er selbst glaubte es nicht, aber die Liebe ist eine wunderliche Gebieterin.

Das junge Mädchen sah ihn einen Augenblick mit großen Augen an.

Nein! rief sie heftig. Das kann nicht sein. Das waren Neger, und er ist ein Weißer – und ein Gentleman.

Clayton schaute verlegen drein.

Er ist ein seltsames, halbwildes Geschöpf der Dschungel, Miß Porter, sagte er. Wir wissen nichts über ihn. Er versteht keine europäische Sprache und spricht auch keine. Seine Zieraten und Waffen sind die der Wilden von der Westküste.

Clayton sprach schnell.

Hunderte von Meilen weit gibt es hier keine andern lebenden Wesen als Wilde, Miß Porter. Er muß zu den Stämmen gehören, die uns angegriffen haben oder einem ähnlichen wilden Stamm. Er mag sogar Menschenfresser sein.

Jane Porter erbleichte.

Ich kann es nicht glauben, flüsterte sie. Es ist nicht wahr. Sie werden sehen, sagte sie dann, sich an Clayton wendend, daß er wiederkommen und Ihnen beweisen wird, daß es nicht wahr ist. Ich sage Ihnen: er ist ein Gentleman.

Clayton war ein großmütiger, ritterlicher Mensch, aber das eifrige Eintreten des Mädchens für den Waldmenschen erregte eine unvernünftige Eifersucht in ihm, so daß er für den Augenblick alles vergaß, was sie ihm schuldeten, er antwortete daher mit einem halben Hohnlächeln:

Es ist möglich, daß Sie recht haben, Miß Porter, aber ich glaube nicht, daß einer von uns Wert auf die Bekanntschaft mit diesem Geschöpf, das rohes Fleisch ißt, legen wird. Wahrscheinlich ist er ein halbverrückter Ausgestoßener, der uns schnell vergessen wird, so wie wir ihn vergessen werden. Er ist nur ein wildes Dschungeltier, Miß Porter.

Sie antwortete nicht, aber sie fühlte, daß ihr Herz erzitterte. Zorn und Haß gegen den, den wir lieben, stählt unser Herz, aber Verachtung und Mitleid machen uns still und beschämt.

Sie wußte, daß Clayton nur aussprach, was er dachte, und zum ersten Mal begann sie, ihre neue Liebe einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.

Während sie langsam nach der Hütte zurückkehrte, versuchte sie sich ihren Waldgott an ihrer Seite in dem Salon eines Ozeandampfers vorzustellen. Sie sah ihn mit den Händen essen, seine Nahrung wie ein Raubtier an sich reißen und seine fettigen Finger an den Schenkeln abwischen. Sie erschauerte.

Sie sah ihn, wie sie ihn bei ihren Freunden einführte – ungeschlacht, ungebildet, ein Bauer. Es gab dem Mädchen einen Stich ins Herz.

Bald hatte sie ihr Zimmer erreicht, und als sie auf dem Rande ihres Bettes aus Farnen und Gräsern saß und die Hand auf ihren auf- und niederwogenden Busen hielt, fühlte sie die harten Umrisse des Medaillons unter ihrem Mieder.

Sie zog es hervor, hielt es einen Augenblick in der Handfläche und beugte sich mit tränenschweren Augen darüber. Dann drückte sie es an ihre Lippen, vergrub ihr Gesicht in dem weichen Farn und schluchzte:

Er soll ein Tier sein? murmelte sie. Dann, lieber Gott, laß auch mich ein Tier werden, denn – Mensch oder Tier, ich bin sein!

An jenem Tage sah sie Clayton nicht mehr. Esmeralda brachte ihr das Abendessen, und sie ließ ihrem Vater sagen, daß sie infolge der Aufregung sich unwohl fühle und allein bleiben wolle.

Am nächsten Morgen in der Frühe ging Clayton mit der Entsatzungsmannschaft auf die Suche nach Leutnant d'Arnot. Diesmal waren es zweihundert Bewaffnete mit zehn Offizieren und zwei Wundärzten. Neben Lebensmitteln für den Bedarf einer ganzen Woche hatte man auch Bettzeug und Hängematten für den Transport der Kranken und Verwundeten mitgenommen.

Es war eine entschlossene Mannschaft, die sich der Schwere einer Hilfs- und Strafexpedition wohl bewußt war.

Da sie jetzt einem bekannten Pfade folgte und mit dem Auskundschaften keine Zeit verlor, erreichte sie die Stelle, wo das Scharmützel stattgefunden hatte, schon kurz nach Mittag.

Von dort führte der Elefantenpfad sie geradenwegs zu Mbongas Dorf. Es war erst zwei Uhr, als die Spitze der Kolonne am Rand der Lichtung Halt machte.

Leutnant Charpentier, der den Befehl führte, sandte sofort einen Teil seiner Streitkräfte durch die Dschungel nach der entgegengesetzten Seite des Dorfes. Eine andere Abteilung ward nach einem Punkte vor dem Dorftor beordert, während er mit dem Rest auf der Südseite der Lichtung verblieb.

Es war abgemacht, daß der Teil, der die Stellung auf der Nordseite einnehmen und sie deshalb zuletzt erreichen würde, den Sturm beginnen und daß ihr Eröffnungsfeuer das Zeichen für ein gemeinsames Vordringen gegen das Dorf sein sollte, das man beim ersten Angriff erstürmen wollte.

Eine halbe Stunde lagen die Leute mit Leutnant Charpentier in dem dichten Buschwerk der Dschungel, ungeduldig auf ein Signal wartend. Sie konnten die Eingeborenen auf den Feldern sehen. Einzelne gingen ruhig durch das Dorftor ein und aus.

Endlich kam das Signal: ein scharfes Gewehrfeuer. Sofort folgte eine Salve von der West- und Südseite.

Die Eingeborenen auf dem Felde warfen ihr Arbeitsgerät hin und stürzten auf den Dorfzaun zu. Die Kugeln mähten sie nieder, und die Matrosen sprangen über ihre Leichen den Dorftoren entgegen.

Der Angriff war so plötzlich und unerwartet erfolgt, daß die Weißen die Tore erreichten, bevor die entsetzten Eingeborenen sie schließen konnten. In einer Minute war die Dorfstraße erfüllt vom Handgemenge der Kämpfenden.

Einige Augenblicke behaupteten sich die Schwarzen am Eingang der Dorfstraße, aber die Soldaten räumten mit ihren Gewehren, Revolvern und Säbeln unter den nur mit ihren Speeren und Pfeilen bewaffneten Eingeborenen gewaltig auf. So ging der Kampf in ein wildes Gemetzel über, zumal die Matrosen einige Teile der Uniform d'Arnots bei schwarzen Kriegern wiedererkannten.

Die Truppe schonte Kinder und Frauen, soweit sie sich nicht am Kampfe beteiligten. Als sie schließlich keuchend, schwitzend und blutbedeckt einhielten, war im ganzen Dorf kein wehrfähiger Mann mehr, der sich ihnen entgegenstellen konnte.

Sorgfältig durchsuchten sie alle Hütten und Winkel des Dorfes, aber nirgends konnten sie eine Spur von d'Arnot entdecken. Sie befragten die Gefangenen durch Zeichen, erhielten aber keine Auskunft. Schließlich sagte ein Matrose, der im französischen Kongo gedient hatte, er beherrsche die Mischsprache, die im Verkehr zwischen den Weißen und den Küstenstämmen gebraucht wird; er versuchte, sich mit den Gefangenen zu verständigen, aber auch ihm gelang es nicht, Genaues über das Schicksal d'Arnots zu erfahren.

Auf alle Fragen hierüber antworteten die Schwarzen nur mit lebhaften Gebärden und Ausdrücken der Furcht, und so waren die Weißen überzeugt, ihr Kamerad sei abgeschlachtet und verzehrt worden.

Zuletzt gaben sie alle Hoffnungen auf, und bereiteten sich vor, die Nacht über im Dorfe zu lagern. Die Gefangenen wurden in drei Hütten zusammengebracht, die scharf bewacht wurden. Wachen wurden an den verrammelten Toren aufgestellt. Schließlich kehrte in dem Dorfe nächtliche Ruhe ein, die nur durch das Wehklagen der eingeborenen Weiber um den Tod ihrer Männer unterbrochen wurde.

*

Am nächsten Morgen schickte sich die Truppe zum Rückmarsch an. Anfangs hatte man die Absicht gehabt, das Dorf in Brand zu stecken, aber man gab diesen Plan auf und ließ die Gefangenen zurück.

Langsam kehrte die Expedition auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen war. Zehn beladene Hängematten verzögerten den Marsch. In acht lagen Verwundete, in zweien Tote.

Clayton und Leutnant Charpentier marschierten an der Spitze des Zuges. Der Engländer schwieg aus Achtung vor dem Schmerze seines Begleiters, denn d'Arnot und Charpentier waren seit ihrer Kinderzeit unzertrennliche Freunde gewesen. Clayton konnte sehr wohl verstehen, daß der Schmerz des Leutnants um so größer war, als d'Arnot sich vergeblich aufgeopfert hatte, da Jane Porter aus der Gefahr befreit worden war, bevor d'Arnot in die Hände der Wilden fiel, und er sich für eine unbekannte Fremde aufgeopfert hatte, aber wenn er darüber sprach, schüttelte Leutnant Charpentier den Kopf.

Nein, mein Herr, sagte er, d'Arnot hat hier sterben wollen. Ich bedauere nur, daß ich nicht für ihn oder mit ihm sterben konnte. Ich wünschte, Sie hätten ihn besser gekannt. Er war in der Tat ein Offizier und ein Edelmann. Er starb nicht umsonst, denn sein Tod für ein fremdes, amerikanisches Mädchen wird uns, seinen Kameraden, ein Ansporn sein, dem Tode wacker ins Auge zu schauen, wo er uns auch erreichen mag.

Clayton schwieg, aber seine Achtung vor dem andern, dessen Erinnerung ihm unauslöschlich bleiben sollte, war seither um so größer.

Es war schon spät, als die Truppe in die Nähe der Hütte am Strande kam. Ein einzelner Schuß, bevor man aus der Dschungel trat, deutete den Leuten in der Hütte wie auf dem Schiffe an, daß die Expedition zu spät gekommen war. Man hatte nämlich vorher vereinbart, daß ein Schuß bedeuten sollte, die Expedition sei fehlgeschlagen, während drei Schuß den Erfolg ankündigen sollten und zwei, man habe weder eine Spur von d'Arnot noch von den schwarzen Räubern entdeckt.

Man erwartete feierlich ihre Ankunft. Nur wenige Worte wurden gesprochen, als die Toten und Verwundeten vorsichtig in die Boote verladen wurden, um nach dem Kreuzer gebracht zu werden.

Clayton war erschöpft von dem fünftägigen Marsch durch die Dschungel und der Aufregung der zwei Gefechte mit den Schwarzen. Er ging nach der Hütte, um etwas zu essen und sich dann nach den zwei in den Wäldern verbrachten Nächten auf seinem Graslager auszuruhen.

Bei der Türe stand Jane Porter.

Der arme Leutnant! sagte sie. Haben Sie keine Spur von ihm gefunden?

Wir kamen zu spät. Miß Porter, antwortete er traurig.

Sagen Sie mir, was vorgefallen ist.

Ich kann nicht. Miß Porter, es ist zu schrecklich.

Sie wollen doch nicht sagen, man habe ihn gemartert, flüsterte sie.

Wir wissen nicht, was man mit ihm gemacht hat, bevor man ihn tötete.

Es sind doch nicht ...

Sie dachte an das, was Clayton über die vermutliche Zugehörigkeit des Waldmenschen zu einem Stamme gesagt hatte, aber sie konnte das schreckliche Wort nicht aussprechen.

Jawohl, Miß Porter, es sind – Menschenfresser, sagte er in bitterem Tone, aber da dachte er gerade an den Waldmenschen, und ihn überkam wieder die sonderbare Eifersucht wie vor zwei Tagen. Und dann fügte er in boshafter Roheit hinzu:

Als Ihr Waldgott Sie verließ, eilte er wahrscheinlich zu dem Schmause.

Eigentlich war es ihm schon leid, ehe er die Worte ganz ausgesprochen hatte, aber er dachte doch nicht, daß sie das Mädchen so schwer verletzen würden. Er bedauerte es aber nur, so unehrlich gegen einen gewesen zu sein, der jedem Mitglied seiner Gesellschaft das Leben gerettet und keinem etwas Übles getan hatte.

Das Mädchen richtete den Kopf hoch auf.

Hierauf gäbe es nur eine gehörige Antwort, Mr. Clayton, sagte sie eisig kühl, und ich bedauere, daß ich nicht ein Mann bin, sie Ihnen zu erteilen.

Damit wandte sie sich um und ging in die Hütte.

Clayton überlegte, welche Antwort sie wohl gemeint habe. Wahrhaftig, sagte er zu sich selbst, sie nannte mich einen Lügner. Und ich glaube, ich habe es eigentlich verdient, fügte er nachdenklich hinzu. Clayton, mein Junge, ich weiß, du bist abgespannt, aber das ist doch kein Grund, dich zu blamieren. Es ist am besten, du gehst zu Bett.

Bevor er sich aber niederlegte, rief er höflich Jane Porter, die sich auf der anderen Seite des Segeltuchs befand, das die Hütte in zwei Abteilungen trennte, denn er wollte sich rechtfertigen, aber es war, als ob er sich an eine Sphinx gewandt hätte; – er erhielt keine Antwort.

Dann schrieb er einige Zeilen auf ein Stück Papier und schob es in den andern Raum.

Jane Porter sah das Notizblatt, kümmerte sich aber nicht darum, denn sie fühlte sich allzusehr gekränkt. Sie war jedoch ein Weib, und so trieb die Neugier sie, das Blatt aufzuheben und zu lesen:

Meine liebe Miß Porter!

Ich hatte keinen Grund zu der Behauptung, die ich aufgestellt habe. Meine einzige Entschuldigung ist die Überreizung meiner Nerven, doch das ist eigentlich keine Entschuldigung. Bitte, nehmen Sie an, ich hätte es nicht gesagt. Ich bin sehr traurig. Um alles in der Welt möchte ich Sie nicht verletzen. Bitte, sagen Sie mir, daß Sie mir verzeihen.

Wm. Cecil Clayton.

Der vorletzte Satz hätte noch vor einer Woche sie ganz besonders erfreut, jetzt wirkte er niederdrückend auf sie.

Sie wünschte, sie wäre nie mit Clayton zusammengetroffen. Sie war traurig, daß sie den Waldgott je gesehen hatte, – nein, sie war glücklich darüber.

Sie dachte auch an die andere Notiz, die sie im Grase vor der Hütte gefunden hatte am Tage nach ihrer Rückkehr aus der Dschungel, die Liebeserklärung von Tarzan. Wer mochte dieser neue Bewerber sein? War es ein anderer der wilden Bewohner dieses schrecklichen Waldes, was würde er dann nicht alles tun, um Anspruch auf sie zu erheben?

Esmeralda, wach auf! schrie sie. Ich kann dich nicht ruhig schlafen sehen, wo du doch weißt, daß die Welt voll Schrecken ist.

Die Negerin schrie auf, weil sie meinte, es sei ein wildes Tier da, aber Jane beruhigte sie und sagte, sie möchte doch lieber ins Bett gehen. Sie gab ihr einen Kuß und wünschte ihr gute Nacht!


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