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Die Entführung in die Dschungel

Als Tarzan am nächsten Morgen in aller Frühe erwachte, galt sein erster Gedanke dem kostbaren Schatze, den er mitgebracht hatte, nämlich dem Schreiben, das er in seinem Köcher geborgen hatte.

Er holte es alsbald hervor, denn er hoffte, das lesen zu können, was das schöne weiße Mädchen am vorhergehenden Abend geschrieben hatte.

Beim ersten Anblick erlebte er aber eine bittere Enttäuschung. Noch nie hatte er sich so sehr nach etwas gesehnt, als jetzt danach, das Schriftstück von der Hand der goldhaarigen Göttin, die so plötzlich in sein Leben eingedrungen war, zu verstehen.

Das Schriftstück war zwar nicht an ihn gerichtet, aber es enthielt den Ausdruck ihrer Gedanken, und das genügte Tarzan.

Und jetzt wurde er hingehalten durch die sonderbaren geschriebenen Buchstaben, die ihm so ungewohnt waren. Die Buchstaben standen schräg, im Gegensatz zu denen in den gedruckten Büchern und sahen auch anders aus.

Er hatte sich früher bemüht, sie in dem geschriebenen schwarzen Buche zu entziffern, und wenn er auch die Buchstaben lesen konnte, so vermochte er doch damals den Sinn der Worte nicht zu erfassen.

Nun versuchte er sich an diesem Schriftstück. Lange brütete er darüber, aber allmählich erkannte er, daß es dieselben Buchstaben seien, die er schon kannte; nur waren sie seltsam verzerrt und verkrüppelt.

Schon gelang es ihm, hier und dort ein Wort zu entziffern – da jubelte er vor Freude: er konnte das Geschriebene lesen! Es ging zwar langsam, aber allmählich fand er es immer leichter, und schließlich konnte er alles verstehen.

Er las Folgendes:

An Frl. Hazel Strong, Baltimore, Md.
An der Westküste von Afrika, um den 10. Grad südl. Breite (nach Mr. Claytons Angabe.)

3(?). Februar 1909.

Liebe Freundin!

Es hat zwar keinen Sinn, Dir einen Brief zu schreiben, den Du nie zu Gesicht bekommen wirst, aber ich muß Dir einfach Einiges von den schrecklichen Abenteuern erzählen, die wir erlebten, seit wir auf der unglücklichen »Arrow« von Europa abgefahren sind.

Sollten wir nie in die zivilisierte Welt zurückkehren, wie es jetzt nur zu sehr den Anschein hat, so ist es um so mehr ein Grund, einen kurzen Bericht über die Ereignisse zu erstatten, die uns ins Verhängnis gestürzt haben.

Wie Du weißt, wollten wir eine wissenschaftliche Expedition in den Kongo unternehmen. Papa sollte eine ganz seltsame Mutmaßung untersuchen, wonach in undenkbar alter Zeit ein zivilisiertes Volk im Kongo gelebt habe, dessen Überreste noch dort im Boden verborgen seien. So hieß es vor unserer Abfahrt, aber als wir auf hoher See waren, kam die Wahrheit zutage.

Wie es scheint, hatte ein alter Bücherwurm, der einen Bücher- und Antiquitätenladen in Baltimore besaß, zwischen den Blättern einer sehr alten spanischen Handschrift einen im Jahre 1550 geschriebenen Brief gefunden, in dem die Abenteuer der gemeuterten Mannschaft einer spanischen Galione erzählt werden, die mit einem ungeheuren Schatz von Dublonen und Piastern von Spanien nach Süd-Amerika fuhr. Der Schatz rührte übrigens vermutlich von Seeräubereien her.

Der Schreiber des Briefes hatte zu der Mannschaft gehört und das Schreiben war an seinen Sohn gerichtet, der damals Kapitän eines spanischen Handelsschiffes war.

Manches Jahr war seit den in dem Briese erzählten Ereignissen verflossen, und der alte Mann war ein achtenswerter Bürger einer wenig bekannten spanischen Stadt geworden, aber die Liebe zum Gold war noch so groß in ihm, daß er alles daran setzte, seinem Sohne die Möglichkeit zu geben, den fabelhaften Schatz für sie beide zu holen. Der Schreiber erzählte, wie kaum eine Woche nach der Abfahrt aus Spanien die Mannschaft gemeutert und alle Offiziere und Fahrgäste, die sich ihnen entgegenstellten, ermordet hatte. Sie besiegelte dadurch aber auch ihr eigenes Schicksal, denn sie war nicht imstande, ein Schiff auf hoher See zu führen. Zwei Monate lang wurde das Schiff hin- und hergeworfen, bis die Matrosen, krank und sterbend vor Skorbut, Hunger und Durst, an einer kleinen Insel Schiffbruch erlitten.

Die Trümmer der Galione waren auf den Strand geworfen worden, und es war den zehn Überlebenden nur gelungen, eine von den Goldkisten zu retten.

Diese verbargen sie sorgfältig auf der Insel, und nun lebten sie drei Jahre lang in der steten Hoffnung auf Rettung.

Einer nach dem andern erkrankte und starb, bis nur noch einer übrig blieb, der Schreiber des Briefes.

Der Mann hatte sich aus den Trümmern der Galione ein Boot gebaut, aber da er gar nicht wußte, wo seine Insel lag, hatte er es nie gewagt, sich seinem Fahrzeug anzuvertrauen.

Als nun alle anderen tot waren, bedrückte das Gefühl des Alleinseins ihn so sehr, daß er es nach einem Jahr nicht mehr länger aushalten konnte. Er bestieg sein Boot, selbst auf die Gefahr hin, damit unterzugehen.

Zum Glück fuhr er nordwärts, und kam nach einer Woche in den Kurs der zwischen Spanien und West-Indien verkehrenden Handelsschiffe. So wurde er von einem heimwärts fahrenden Schiffe aufgenommen.

Auf dem Schiffe erzählte er lediglich die Geschichte des Schiffbruchs, ohne etwas von der Meuterei und der vergrabenen Goldkiste zu erwähnen.

Der Kapitän des Kauffahrtei-Schiffes versicherte ihm, daß wenn man die Stelle, wo sie ihn aufgenommen, und die in der vergangenen Woche vorherrschenden Winde berücksichtige, er auf keiner andern Insel als auf einer der Cap Verdischen gewesen sein könne, die an der Westküste von Afrika ungefähr im 16. oder 17. Grad nördlicher Breite liegen.

In dem Brief war die Insel genau beschrieben, auch die Stelle, wo der Schatz verborgen war, und es war eine ganz unbeholfen gezeichnete kleine Karte beigefügt, auf der die Bäume und die Felsen mit allerlei komischen Kritzeleien angegeben waren, damit man genau ersehen sollte, wo die Kiste vergraben war.

Als Papa uns die wahre Natur unserer Reise erklärte, sank mein Mut, denn ich fürchtete, daß der phantastische und unpraktische liebe Mann wieder das Opfer eines Betrügers geworden sei, besonders als er mir sagte, er habe für den Brief und das Kärtchen tausend Dollars bezahlt. Zu meiner Bestürzung erfuhr ich noch, daß Papa noch weitere zehntausend Dollars von Robert Canler geliehen und ihm einen Schuldschein darüber ausgestellt hatte.

Mr. Canler hatte weiter keine Bürgschaft verlangt, und Du weißt, liebe Freundin, was das für mich bedeutet, wenn Papa den Schuldschein nicht einlösen kann. O, wie hasse ich jenen Menschen!

Wir versuchten zwar die Dinge von der günstigsten Seite zu betrachten, aber Mr. Philander und Mr. Clayton – der letztere schloß sich uns in London zu der abenteuerlichen Fahrt an – hegten ebensogroße Zweifel wie ich.

Aber – um die Sache kurz zu machen – wir fanden die Insel und den Schatz. Es war eine große, eisenbeschlagene eichene Kiste, die mehrfach von Wachstuch umhüllt und noch so fest war, als ob sie nicht vor zweihundert Jahren verborgen worden wäre.

Sie war ganz gefüllt mit Goldstücken und so schwer, daß vier Männer sie kaum aufheben konnten.

Das schreckliche Ding schien aber allen, die damit zu tun hatten, nur Unglück zu bringen, denn drei Tage nach unserer Abfahrt von den Cap Vertuschen Inseln meuterte unsere eigene Mannschaft und tötete ihre Offiziere. Oh, es war das schrecklichste Ereignis, das man sich vorstellen kann. Ich vermag es nicht zu beschreiben.

Sie wollten uns sogar töten, aber einer von ihnen, der Anführer, namens King, wollte das nicht zulassen, und so segelten sie südlich längs der Küste, bis zu einer einsamen Stelle, wo sie einen guten Platz zum Landen fanden. Hier setzten sie uns ans Land und ließen uns im Stich.

Heute fuhren sie mit dem Schatz ab, aber Mr. Clayton meint, sie würden demselben Schicksal entgegengehen wie die Meuterer der alten Galione, denn King, der einzige Mann an Bord, der etwas von der Schiffahrt verstand, wurde von einem andern Matrosen am gleichen Tage, an dem sie uns an Land setzten, in der Bucht ermordet.

Sie sollten Herrn Clayton kennen! Er ist der liebste Mensch, den man sich denken kann, und er scheint sich in meine Wenigkeit verliebt zu haben.

Er ist der einzige Sohn des Lord Greystoke, und er wird eines Tages seinen Titel und sein Vermögen erben. Er ist auch selbst schon vermögend, aber ich bin nicht erbaut davon, daß er ein englischer Lord wird, denn du weißt, was ich immer von den amerikanischen Mädchen gehalten habe, die Ausländer mit hohen Titeln heiraten. Ach, wäre er doch nur ein einfacher amerikanischer Gentleman!

Das ist aber nicht seine Schuld, und abgesehen von seiner Geburt macht er in jeder Hinsicht meiner teuren ehemaligen Heimat alle Ehre, und das ist, glaube ich, das größte Kompliment, das man einem Manne machen kann. Wir haben schon die schlimmsten Dinge erlebt, seitdem wir hier gelandet sind. Papa und Mr. Philander hatten sich in der Dschungel verirrt und wurden von einem wirklichen Löwen verfolgt.

Auch Mr. Clayton hatte sich verirrt und wurde zweimal von wilden Tieren angegriffen. Esmeralda und ich wurden in einer alten Hütte von einer schrecklichen, raubgierigen Löwin bedroht. O, es war einfach fürchterlich.

Aber das Merkwürdigste von allem ist das wunderbare Geschöpf, das uns gerettet hat. Ich habe es nicht gesehen, aber Mr. Clayton, Papa und Mr. Philander haben es gesehen; sie sagen, es sei ein göttlich-schöner junger Mann, dunkelgebräunt, stark wie ein wilder Elefant, behend wie ein Affe und kühn wie ein Löwe.

Er spricht kein Englisch, und jedesmal, wenn er eine heldenhafte Tat verrichtet hatte, verschwand er so schnell und so geheimnisvoll wie ein körperloser Geist.

Wir haben außerdem noch einen andern, geheimnisvollen Nachbar, der einen in schönen englischen Buchstaben gezeichneten Zettel auf die Türe der von uns besetzten Hütte befestigt hat, um uns zu ersuchen, nichts von seinen Sachen zu zerstören, und der sich mit »Affen-Tarzan« unterzeichnet. Wir haben ihn noch nicht zu Gesicht bekommen, aber wir vermuten, daß er irgendwo in der Nähe ist, denn einer von den Matrosen, der Mr. Clayton in den Rücken schießen wollte, wurde in der Schulter von einem Speer getroffen, der von unsichtbarer Hand aus dem Dickicht auf ihn geschleudert wurde.

Die Matrosen haben uns nur einen geringen Vorrat von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir haben auch nur einen Revolver, in dem nur mehr drei Patronen sind. Wir wissen auch nicht, wie wir uns Nahrung verschaffen sollen, aber Mr. Philander meint, wir könnten beliebig lange uns von den Nüssen und andern wilden Früchten ernähren, die im Urwald massenhaft vorkommen.

Jetzt bin ich müde und lege mich in mein Bett, das einfach aus Gräsern besteht, die Mr. Clayton für mich gesammelt hat.

Die weiteren Ereignisse will ich von Tag zu Tag den vorstehenden Zeilen hinzufügen.

Deine Dich liebende
Jane Porter.

 

Als Tarzan diesen Brief mühsam entziffert hatte, versank er in ein düsteres Sinnen. Er hatte da so viel neue, merkwürdige Dinge erfahren, daß sein Gehirn gar nicht imstande war, das alles auf einmal zu verarbeiten.

Man wußte also nicht, daß er Tarzan war. Na, – das wollte er ihnen schon sagen.

Auf seinem Baume hatte er sich aus Ästen und Blättern ein kleines Schutzdach angefertigt, unter dem er seine wenigen Schätze verborgen hielt, die er aus der Hütte mitgebracht hatte. Darunter waren auch ein paar Bleistifte.

Er nahm einen von diesen und schrieb unter Jane Porters Unterschrift: Ich bin der Affen-Tarzan.

Er dachte, das würde genügen. Später wollte er den Brief wieder nach der Hütte bringen.

Wegen der Ernährung brauchte man nicht besorgt zu sein, dachte Tarzan. Er wollte schon dafür sorgen, und er tat es auch.

Am nächsten Morgen fand Jane Porter den vermißten Brief genau an der Stelle wieder, wo er vorgestern abend gelegen hatte. Sie war ganz erstaunt. Als sie aber den Zusatz Tarzans bemerkte, lief es ihr eiskalt über den Rücken.

Sie zeigte Clayton den Brief oder vielmehr die letzte Seite mit der Unterschrift Tarzans.

Und wenn ich bedenke, sagte sie, daß die ganze Zeit, wo ich schrieb, das unheimliche Wesen mir wahrscheinlich zugeschaut hat, so schaudert es mir.

Er muß aber freundlich sein, beruhigte Clayton sie, denn er hat Ihnen Ihren Brief zurückgebracht, und er belästigt Sie ja auch weiter nicht. Ich glaube sogar, daß er uns einen greifbaren Beweis seiner Freundschaft gegeben hat, denn vor der Türe fand ich einen toten Eber, der vergangene Nacht dorthin gelegt worden ist.

Seitdem verging kaum ein Tag, an dem ihnen nicht ein Wildbret oder sonst ein Nahrungsmittel gebracht wurde. Bald war es ein erlegtes junges Tier, bald sogar eine merkwürdig zubereitete Speise, nämlich Kassawa-Kuchen, die Tarzan aus dem Dorfe Mbongas geholt hatte, oder ein erlegter Eber, Leopard und einmal sogar ein Löwe.

Tarzan machte es viel Freude, auf die Jagd zu gehen, um die Fremden zu versorgen. Es schien ihm, als könne es kein größeres Vergnügen geben, als für die Wohlfahrt und den Schutz des schönen weißen Mädchens tätig zu sein.

Einmal hatte er die Absicht gehabt, am Tage in die Hütte zu gehen und sich mit den Bewohnern durch Vermittlung der ihnen ja auch bekannten Buchstaben zu verständigen, aber es schien ihm zu schwierig, seine Schüchternheit zu überwinden, und so verging ein Tag nach dem andern, ohne daß er es wagte, seinen Plan auszuführen.

Die Leute in der Hütte wurden immer vertrauensvoller und wanderten immer weiter in die Dschungel hinein, um Nüsse und andere Früchte zu suchen.

Fast jeden Tag streifte Professor Porter in seiner gewohnten Zerstreutheit im Dickicht umher, ohne sich um die wilden Tiere zu kümmern, die ihn zerreißen konnten. Mr. Samuel T. Philander, der nie sonderlich kräftig war, war nur mehr ein Schatten seiner selbst, so sehr hatten die Sorgen um den Professor ihn aufgerieben.

Ein Monat war vorüber. Tarzan war nun endlich entschlossen, bei Tageslicht die Hütte zu besuchen.

Es war am frühen Nachmittag. Clayton war zum Hafeneingang gewandert, um nach Schiffen auszuspähen. Er hatte eine große Menge Holz dort zusammengetragen und aufgeschichtet, und wollte es in Brand stecken, um einen etwa am fernen Horizont vorbeifahrenden Dampfer oder Segler aufmerksam zu machen.

Professor Porter war südlich von der Hütte am Strande entlang gewandert; an seiner Seite ging Mr. Philander, der ihn immer wieder zur Rückkehr mahnte, bevor sie abermals vor irgend einem wilden Tiere fliehen müßten.

Jane Porter und Esmeralda waren in die Dschungel gedrungen, um Früchte zu suchen, und dabei hatten sie sich immer weiter von der Hütte entfernt.

Tarzan wartete schweigend vor der Türe ihres Häuschens auf ihre Rückkehr. Seine Gedanken waren bei dem schönen weißen Mädchen. Er fragte sich, ob es wohl Angst vor ihm haben werde, und er dachte schon daran, seinen Plan wieder aufzugeben.

Schon wurde er ungeduldig, denn er sehnte sich darnach, sich an ihrem Anblick zu ergötzen und sie vielleicht auch berühren zu können. Der Affenmensch kannte keinen Gott, aber er war nahe daran, Jane als eine Göttin zu verehren.

Während des Wartens schrieb er ihr einen Zettel. Zwar hatte er nicht die Absicht, ihr ihn zu geben, aber es machte ihm Vergnügen, seine Gedanken so in Worten ausgedrückt zu sehen, und er war darin ja auch gar nicht so unbewandert.

Er schrieb:

Ich bin der Affen-Tarzan. Ich sehne mich nach Dir. Ich bin Dein, Du bist mein. Wir wollen immer hier zusammen in meinem Hause leben. Ich werde Dir die besten Früchte und das zarteste Fleisch aus der Dschungel bringen. Ich gehe für Dich auf die Jagd. Ich bin der größte Dschungel-Jäger. Ich will für Dich kämpfen. Ich bin der mächtigste Dschungel-Kämpfer. Du bist Jane Porter. Das habe ich aus Deinem Briefe gesehen. Wenn Du dieses siehst, sollst Du wissen, daß es für Dich bestimmt ist und daß Tarzan Dich liebt.

Als er, kräftig wie ein junger Indianer, an der Tür stand und weiter wartete, nachdem er diese Botschaft zu Papier gebracht hatte, drang ein bekannter Ton an sein scharfes Ohr. Es war ein großer Affe, der durch das Unterholz ging.

Er horchte auf, und da kamen aus der Dschungel die Schreckensschreie einer weiblichen Stimme. Seinen ersten Liebesbrief auf den Boden fallen lassend, schoß Tarzan wie ein Panther in den Wald.

Auch Clayton, sowie Professor Porter und Mr. Philander hatten den Schrei gehört. In wenigen Minuten erschienen sie zitternd vor der Hütte, indem jeder aufgeregte Fragen an den andern richtete. Ein Blick in das Innere bestätigte ihre Befürchtungen: Jane Porter und Esmeralda waren nicht da! Sofort drang Clayton, gefolgt von den beiden älteren Herren, in die Dschungel, indem er laut den Namen des Mädchens rief. Eine halbe Stunde lang stolperten sie im Dickicht umher, bis auf einmal Clayton durch einen Zufall Esmeralda auf dem Boden liegen sah.

Er blieb neben ihr stehen, fühlte ihren Puls und horchte nach ihren Herzschlägen.

Sie war noch am Leben.

Er schüttelte sie.

Esmeralda, schrie er ihr ins Ohr, Esmeralda! Um Himmelswillen, wo ist Miß Porter? Was ist geschehen? Esmeralda! Langsam öffnete die Schwarze ihre Augen. Sie sah Clayton und ringsum das Dickicht.

O Gabriel! rief sie aus und stöhnte wieder.

Inzwischen waren Professor Porter und Mr. Philander herangekommen.

Was sollen wir tun, Mr. Clayton? fragte der alte Professor. Wo sollen wir suchen? Gott kann doch nicht so grausam sein, jetzt meine Tochter von mir zu nehmen.

Wir müssen zuerst Esmeralda wieder ins Bewußtsein zurückrufen, erwiderte Clayton. Sie kann uns sagen, was vorgefallen ist.

Esmeralda! rief er wieder, indem er die Schwarze kräftig an der Schulter rüttelte.

Damit erreichte er aber vorläufig weiter nichts, als daß sie immer wieder laut aufschrie und von dem Teufel sprach, der hinter ihnen hergewesen sei.

Mit vieler Mühe richtete sich die schwere Negerin auf und öffnete die Augen, aber es war immer noch nichts Gescheites aus ihr herauszubringen. Aus ihren verworrenen Redensarten konnte man nur erraten, daß sie verfolgt worden waren. Clayton fragte wieder: Wo ist Miß Porter?

Sie ist fortgeführt worden! schrie die Negerin und fing aufs neue an zu heulen.

Wer hat sie fortgeführt? fragte Professor Porter.

Ein großes wildes Tier, ganz mit Haaren bedeckt!

War es ein Gorilla, Esmeralda? fragte der Professor, und der Atem stockte den drei Männern bei diesem furchtbaren Gedanken.

Ein Gorilla oder der Teufel, – was weiß ich! Es war jedenfalls ein schreckliches Wesen. Und Esmeralda brach wieder in ihr krampfhaftes Weinen aus.

Clayton begann sofort umher nach Fußspuren zu suchen, aber er konnte weiter nichts entdecken als in der Nähe etwas zertretenes Gras. Seine Jagdkenntnisse waren so gering, daß er mit Fußspuren nichts anzufangen wußte.

Den ganzen Rest des Tages suchten die Männer in der Dschungel, aber als die Nacht hereinbrach, waren sie gezwungen, ihre Nachforschungen aufzugeben, denn sie wußten nicht einmal, in welcher Richtung Jane Porter fortgeschleppt worden war.

Niedergeschlagen und hoffnungslos kehrten die Männer zur Hütte zurück, als es schon längst dunkel geworden war.

Eine traurige, kummervolle kleine Gesellschaft war es, die diesen Abend in der Hütte saß.

Professor Porter brach zuerst das Schweigen. Er sprach aber jetzt nicht mehr wie ein schulmeisternder Gelehrter, sondern wie ein Mann der Tat, aber so entschlossen er auch schien, so machte doch die hoffnungslose Miene Claytons keinen guten Eindruck auf ihn.

Ich will nicht zu Bett gehen, sagte der alte Herr, denn ich kann doch nicht schlafen. Aber morgen früh, sobald es hell wird, nehme ich an Essen soviel mit, als ich tragen kann und suche dann nach Jane, bis ich sie gefunden habe. Ich werde nicht ohne sie zurückkehren.

Die andern antworteten nicht sofort. Jeder war in seine sorgenvollen Gedanken versunken, und jeder wußte auch, was die letzten Worte zu bedeuten hatten: Professor Porter werde nie aus der Dschungel zurückkehren!

Endlich stand Clayton auf und legte seine Hand leise auf die gebeugte Schulter des alten Herrn.

Ich gehe mit Ihnen suchen, sagte er.

Ich weiß, daß Sie dazu bereit sind, Mr. Clayton, aber bleiben Sie hier! Kein Mensch kann jetzt Jane helfen. Ich will sie suchen gehen, und wenn ich die wieder gefunden habe, die einst meine liebe Tochter war, so will ich meinem Schöpfer gegenübertreten. Ich will nicht, daß sie allein und freundlos in der schrecklichen Dschungel liegen soll. Dieselben Blätter und Ranken sollen auch mich bedecken, und derselbe Regen soll uns beide benetzen, und wenn der Geist ihrer Mutter draußen ist, so wird er uns im Tode vereint finden, wie er uns stets im Leben beisammen gefunden hat ... Nein, ich gehe allein, sie zu suchen, denn sie war meine Tochter, das einzige, was mir noch Liebenswertes auf der Welt geblieben war ...

Ich gehe mit Ihnen, sagte Clayton ganz einfach.

Der alte Mann schaute auf, und blickte scharf in das energische schöne Gesicht Claytons. Vielleicht las er darin etwas von der Liebe, die der junge Mann in seinem Herzen für Jane hegte.

Er war bisher immer zu sehr mit seinen gelehrten Gedanken beschäftigt gewesen, sonst hätte er schon längst aus allerlei Äußerungen bemerkt gehabt, daß die beiden jungen Leute sich immer näher aneinander schlossen. Jetzt ging ihm auf einmal ein Licht auf.

Wie Sie wünschen! sagte er.

Sie können auch auf mich zählen, sagte Mr. Philander.

Nein, mein teurer alter Freund, erwiderte Professor Porter. Wir wollen nicht alle fortgehen. Es würde mir schwere Sorgen machen, wenn Esmeralda allein hier bleiben müßte, und unser drei werden nicht mehr Erfolg haben als einer. Es gibt schon genug Opfer in dem schrecklichen Walde. Kommen Sie, – wir wollen versuchen, noch ein wenig zu schlafen.


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