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Die Stimme der Natur

Der Stamm der großen Menschenaffen war seit der Zeit, da Tarzan ihn verlassen hatte, fortwährend durch Zwistigkeiten und Streit gespalten. Terkop war ein grausamer, launischer König, so daß viele von den älteren und den schwächeren Affen, an denen er seine Roheit auszulassen pflegte, es vorzogen, sich mit ihren Familien in das Innere der Dschungel zu flüchten, wo sie Ruhe und Sicherheit fanden.

Zuletzt wurden die Zurückgebliebenen durch die fortgesetzte Grausamkeit Terkops zur Verzweiflung getrieben, und so kam es, daß einer von ihnen an die Ermahnung Tarzans bei seinem Abschied erinnerte.

Dieser hatte nämlich gesagt: Wenn ihr einen grausamen Häuptling habt, so macht es nicht wie die andern Affen, bei denen einer ihn allein angreift. Laßt vielmehr zwei oder drei oder vier von euch sich ihm entgegenstellen, dann wird er schon klein beigeben.

Der Affe, der sich dieses weisen Rates erinnerte, wiederholte ihn mehreren seiner Kameraden, die durchaus damit einverstanden waren.

Als nun Terkop zu seinem Stamme zurückkehrte, wurde ihm ein Empfang zuteil, wie er ihn nicht erwartet hatte.

Kaum war er zu der Gruppe herangekommen, da sprangen fünf riesige Tiere ihm entgegen, um auf ihn einzuschlagen.

Im Grunde war Terkop ein abgefeimter Feigling – bei den Affen ist es nämlich nicht anders als bei den Menschen –, er ließ es gar nicht auf einen Kampf ankommen, der ihm hätte verderblich werden können, sondern er eilte, so schnell als er konnte, davon und floh in das schützende Dickicht.

Er versuchte noch zweimal, sich dem Stamme wieder zu nähern, doch wurde er jedesmal wieder angefallen und davongejagt. Schließlich gab er seinen Plan auf und kehrte vor Haß und Wut schäumend in die Einsamkeit zurück.

Mehrere Tage wanderte er ziellos umher und suchte nach irgend einem schwachen Wesen, an dem er seinen Zorn auslassen konnte.

In dieser Geistesverfassung befand sich der schreckliche Menschenaffe, als er, sich von einem Baum auf den andern schwingend, plötzlich zwei Frauen in der Dschungel sah.

Er war gerade über ihnen, als er sie entdeckte.

Jane Porter bemerkte ihn aber erst, als der große haarige Körper neben ihr auf die Erde fiel und sie das furchtbare Gesicht und das knurrende häßliche Maul kaum einen Fuß breit entfernt sah.

Ein einziger durchdringender Schrei entrang sich ihren Lippen, als die wilde Hand ihren Arm ergriff. Dann wurde sie gegen die furchtbaren Zähne gezogen, und schon wollten diese in ihren Hals fahren, als der Affe sich eines anderen zu besinnen schien.

Als der Stamm ihn nämlich verjagte, hatte man seine Frauen zurückbehalten. Da er nun einen Ersatz dafür suchen mußte, so konnte der haarlose weiße Affe die erste Frau in seinem neuen Haushalt sein. Deshalb warf er sie einfach über seine breiten haarigen Schultern und erhob sich in die Bäume. So trug er Jane Porter einem Schicksal entgegen, das tausendmal schlimmer als der Tod war.

Esmeralda hatte gleichzeitig mit Jane Porter aufgeschrien, dann aber war sie, wie gewöhnlich bei einem unerwarteten Schrecken, in Ohnmacht gefallen.

Jane Porter verlor dagegen nicht die Besinnung. Allerdings war sie vor Schrecken gelähmt, zumal als das scheußliche Gesicht sich nahe an das ihrige drückte und der üble Atem des Tieres über ihre Nasenflügel hinwegfegte, aber ihr Geist blieb klar und verstand alles, was vorging.

Das wilde Tier trug sie, wie es ihr schien, mit einer erstaunlichen Schnelligkeit durch den Wald, aber sie schrie und sträubte sich nicht. Sie war so verwirrt, daß sie glaubte, der Affe trüge sie nach der Küste hin. Deshalb wollte sie ihre ganze Energie und ihre Stimme aufsparen, bis sie die Hütte erblicken würde, um dann nach Hilfe zu rufen.

Armes Kind! Sie wußte nicht, daß sie immer tiefer in den undurchdringlichen Wald hineingetragen wurde.

Den Schrei hatten nicht bloß Clayton und die beiden alten Herren gehört, sondern auch Tarzan. Dieser war denn auch geradenwegs zu der Stelle geeilt, wo Esmeralda lag.

Allerdings interessierte er sich nicht so sehr für diese, aber er hielt doch einen Augenblick inne, um sich zu überzeugen, daß sie nicht verletzt sei.

Er untersuchte die Spuren auf dem Boden und auf den Bäumen ringsum, und da er nicht bloß die Erfahrungen der Affen, sondern auch menschlichen Verstand besaß, so konnte er sich sehr schnell ein Bild von den Vorgängen machen, die sich dort abgespielt hatten.

Sofort erhob er sich wieder in die schwankenden Bäume und folgte den Spuren, die er hier entdeckte, und die sicher kein anderes Wesen erkannt hätte.

An den Enden der Äste, von denen die Menschenaffen sich von einem Baum zum andern schwingen, ist wohl die Spur zu erkennen, nicht aber die Richtung der Flucht; diese kann man eher aus Anzeichen aus dem Innern der Baumkronen erraten. Tarzan sah z. B. eine Raupe, die vom Fuß des Flüchtlings zertreten worden war, und wußte sofort, wohin der flache Fuß seinen nächsten Schritt gesetzt hatte. Oder er bemerkte, daß ein kleines Stück Rinde abgekratzt war, und erriet daraus sofort den von dem Tier eingeschlagenen Weg. Oder irgend ein großer Ast, vielleicht auch der Stamm eines Baumes war von dem haarigen Körper gestreift worden, und die kleinen Haarfetzen zeigten durch ihre Lage, daß Tarzan der richtigen Spur nacheilte.

All diese Zeichen erkannte Tarzan mit seinem geübten Auge so schnell, daß er dadurch nicht einmal aufgehalten wurde. Am meisten aber wurde er durch den Geruch geleitet, denn Tarzan ging gegen den Wind, und seine Nase war so empfindlich wie die eines Hundes.

Manche glauben, die niederen Wesen seien von der Natur mit besseren Geruchsnerven begabt als der Mensch, aber das ist lediglich eine Sache der Entwickelung. Da der Mensch Verstand hat, hat er seine Sinne von vielen Verpflichtungen befreit, und so haben sie sich weniger entwickelt, gerade wie die Muskeln der Ohren und der Schädelhaut, die der Mensch zwar auch besitzt, aber kaum gebraucht. Ähnlich geht es mit den Nerven. Bei Tarzan war es aber anders. Er war ganz auf seine Sinne angewiesen, und diese wurden bei ihm noch nicht durch den Verstand entlastet. Am wenigsten war bei ihm der Geschmack entwickelt, denn ihm schmeckte lang vergrabenes rohes Fleisch ebensogut wie saftige Früchte, aber hierin unterschied er sich im Grunde nur wenig von zivilisierten Feinschmeckern. Fast geräuschlos folgte der Affenmensch der Spur Terkops und seiner Beute, und das fliehende Tier beschleunigte seine Schritte, sobald es sein Herannahen gewahrte.

Schließlich mußte Terkop erkennen, daß es vergeblich sei, noch weiter zu fliehen, denn Tarzan hatte ihn eingeholt. Nun ließ er sich in einer kleinen Lichtung eilig auf den Boden herab, um die nötige Bewegungsfreiheit zu einem Kampfe um seine Beute zu gewinnen.

Er hielt Jane Porter noch mit einem seiner großen Arme gefaßt, als Tarzan wie ein Leopard in die Arena sprang, die die Natur für diesen Kampf im Urwald vorgesehen zu haben schien.

Als Terkop erkannte, daß es Tarzan war, der ihn verfolgte, dachte er, es wäre dessen Frau, da sie von derselben Art war – weiß und unbehaart –, und so frohlockte er, daß er sich an seinem verhaßten Feinde nun doppelt rächen konnte.

Als Jane Porter die seltsame Erscheinung gewahrte, schoß es ihr sofort durch den Sinn, das müßte Tarzan sein, denn er entsprach genau der Beschreibung, die Clayton, ihr Vater und Mr. Philander ihr gegeben hatten, und so hoffte sie, daß er diesmal auch sie beschützen würde, wie er die andern gerettet hatte.

Aber als Terkop sie rasch beiseite stieß, um Tarzans Angriff zu begegnen, und als sie die große Gestalt des Affen mit den gewaltigen Muskeln und den wilden Fängen sah, bebte ihr Herz, denn wie sollte ein so mächtiger Gegner besiegt werden?

Wie zwei wütende Stiere gingen sie auf einander los, und wie zwei Wölfe suchte einer des andern Kehle zu erreichen.

War Tarzan von den gefährlichen Zähnen des Affen bedroht, so hatte er doch eine wirksame Waffe in seinem Messer. In allen Nerven zitternd, verfolgte Jane Porter den Kampf. Ihre schlanke Gestalt war gegen den Stumpf eines großen Baumes gefallen. Ihre Hände preßten sich auf ihrem auf- und niederwogenden Busen, und ihre Augen weiteten sich, indem sie bald Angst und Schrecken, bald Bewunderung und Entzücken widerspiegelten. So betrachtete sie diesen Kampf eines Urwaldaffen mit einem Urwaldmenschen. Sie wußte, daß dieser Kampf um den Besitz eines Weibes – um sie ging.

Sie sah, wie der Jüngling all seine Muskeln anstrengte, wie seine starken Arme die gewaltigen Fangzähne in Schach hielten, und wie er sein langes Messer dem Affen ein Dutzend Mal tief ins Herz stieß, bis das Tier tot auf die Erde rollte.

Wie ein Urwaldweib eilte sie mit ausgebreiteten Armen auf den Urwaldmenschen zu, der für sie gekämpft und sie gewonnen hatte.

Und Tarzan?

Er tat, was ein Mann mit warmem Blut nicht zu lernen braucht. Er nahm sein Weib in seine Arme und bedeckte ihre bebenden Lippen mit Küssen.

Einen Augenblick lag sie mit halbgeschlossenen Augen in seinen Armen, und zum erstenmal in ihrem jungen Leben erfuhr sie, was Liebe ist.

Aber plötzlich schien ihr ein Schleier von den Augen fortgezogen zu werden. Sie fühlte sich so gekränkt, daß sie vor Scham errötete, Tarzan von sich stieß und ihr Gesicht mit den Händen bedeckte.

Tarzan war zuerst erstaunt gewesen, als das Mädchen, das er fast unbewußt geliebt hatte, sich freiwillig in seine Arme warf, und jetzt wunderte er sich, daß sie ihn so zurückschob.

Er kam wieder näher an sie heran und faßte sie am Arm, aber wie eine Tigerin kehrte sie sich von ihm ab, indem sie ihn mit ihren zarten Händen gegen seine Brust stieß.

Das konnte Tarzan nicht verstehen.

Einen Augenblick vorher hatte er die Absicht gehabt, Jane Porter zu ihren Angehörigen zurückzubringen, aber infolge ihrer Haltung gab er diesen Plan jetzt auf.

Seitdem er den warmen schlanken Leib in seinen Armen gehalten und seitdem die süßen Lippen seinen Mund berührt hatten, fühlte er ein neues Leben in sich.

Nochmals legte er seine Hand auf ihren Arm, und wiederum stieß sie ihn zurück.

Da tat Tarzan dasselbe, was schon der erste Urmensch in dieser Lage getan hätte: er nahm sein Weib auf die Arme und trug es in die Dschungel.

*

Früh am andern Morgen wurden die vier Personen in der Hütte am Strande durch einen Kanonenschuß geweckt.

Clayton war der erste, der hinauseilte. Da sah er vor dem Hafen zwei Schiffe vor Anker liegen.

Das eine war die »Arrow«, das andere ein kleiner französischer Kreuzer. Auf diesem konnte man Männer sehen, die alle nach der Küste schauten. Clayton und die andern, die ihn inzwischen eingeholt hatten, waren überzeugt, daß der Kanonenschuß, den sie gehört hatten, abgefeuert worden war, um ihre Aufmerksamkeit auf das Schiff zu lenken.

Beide Schiffe lagen weit vom Ufer entfernt, und es war zweifelhaft, ob die Mannschaft mit ihren Ferngläsern die wild geschwenkten Hüte der Strandleute bemerkte.

Esmeralda hatte ihre rote Schürze losgebunden und wehte damit eifrig über ihrem Kopfe hin und her. Clayton aber fürchtete, das werde alles unbeachtet bleiben. Er lief deshalb nach der nördlichen Spitze der Landzunge, wo er früher den Holzstoß aufgeschichtet hatte.

Der Weg kam ihm endlos lang vor, und als er aus dem dichten Walde herauskam und die Schiffe wieder erblickte, war er ganz bestürzt zu sehen, daß die »Arrow« wieder unter Segel war und daß auch der Kreuzer seine Fahrt fortsetzte.

Schnell steckte er den Scheiterhaufen an ein Dutzend Stellen an und lief bis an die Spitze der Landzunge. Hier zog er eiligst sein Hemd aus, knüpfte es an einen herabgefallenen Ast und harrte dort aus, indem er das Hemd fortwährend hin- und herflattern ließ.

Beide Schiffe hielten ihren Kurs noch immer der hohen See zu, so daß Clayton schon alle Hoffnung aufgegeben hatte. Da bemerkte der Ausguck des Kreuzers die große, sich wie eine Säule vom Walde abhebende Rauchfahne. Gleich darauf richteten sich ein Dutzend Ferngläser mit Spannung auf die Bucht.

Jetzt sah Clayton, daß die beiden Schiffe zurückkehrten, und während die »Arrow« ruhig auf dem Ozean liegen blieb, kam der Kreuzer jetzt an den Strand herangedampft.

In einiger Entfernung vom Lande machte er Halt. Ein Boot wurde heruntergelassen und ruderte nach der Bucht.

Als es ans Ufer gekommen war, stieg ein junger Offizier aus.

Herr Clayton? fragte er.

Gott sei Dank, daß Sie gekommen sind! antwortete Clayton.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät!

Wie meinen Sie das? fragte der Offizier.

Clayton erzählte ihm nun die Entführung Jane Porters und erklärte ihm, daß sie die Hilfe bewaffneter Männer brauchten, um sie zu retten.

Der Offizier war ganz ergriffen. Mein Gott, sagte er, gestern wäre es noch nicht zu spät gewesen. Und heute, – wer weiß? Es ist schrecklich!

Inzwischen waren noch andere Boote vom Kreuzer abgelassen worden. Clayton zeigte dem Offizier den Eingang des Hafens, bestieg mit ihm das Boot, das nun dorthin ruderte, gefolgt von den andern kleinen Fahrzeugen.

Bald waren alle an der Stelle gelandet, wo Professor Porter, Mr. Philander und die weinende Esmeralda standen.

Unter den Offizieren in den Booten war auch der Kommandant des Kreuzers. Als er die Geschichte der Entführung Jane Porters hörte, fragte er sofort, wer bereit wäre, Professor Porter und Clayton bei ihren Nachforschungen zu helfen.

Da war auch nicht ein Offizier und nicht ein Mann, der sich nicht sofort als Freiwilliger meldete.

Der Kommandant wählte zwanzig Mann und zwei Offiziere, Leutnant d'Arnot und Leutnant Charpentier, aus. Dann wurde ein Boot nach dem Kreuzer gesandt, um Vorräte, Karabiner und Munition zu holen. Alle Mann waren schon mit Revolvern bewaffnet.

Als nun Clayton fragte, wie es kam, daß der Kreuzer dieses Ufer abgesucht und einen Kanonenschuß abgefeuert habe, erzählte ihm der Kapitän Dufranne die Geschichte der Begegnung mit der »Arrow«.

Einen Monat vorher hatten die Franzosen dieses Schiff mit vollen Segeln in der Richtung nach Südwest fahren sehen, und als sie es aufforderten, heranzukommen, fuhr es schleunigst davon. Sie hatten es bis Sonnenuntergang in Sicht behalten und ihm mehrere Schüsse nachgefeuert, aber am nächsten Morgen war es nirgends mehr zu sehen.

Sie fuhren dann fort, mehrere Wochen lang die Küste auf und ab zu kreuzen und hatten schon den Zwischenfall mit der »Arrow« vergessen, als vor ein paar Tagen der Ausguck früh morgens ein Schiff entdeckte, das von der schweren See hin- und hergeworfen wurde und offenbar ohne Führung war.

Als sie näher heranfuhren, sahen sie zu ihrer Überraschung, daß es dasselbe Schiff war, das ihnen einige Wochen vorher entwischt war. Man hatte offenbar noch versucht, einen bestimmten Kurs einzuhalten, aber die Segel waren vom Sturme zerfetzt und die Taue gerissen.

In der hochgehenden See war es eine schwere, gefährliche Aufgabe, eine Prisenbesatzung an Bord zu sehen. Als kein Lebenszeichen auf dem Deck gesehen wurde, beschloß man, zu warten, bis der Wind sich gelegt hätte. Da aber bemerkte man eine Gestalt, die sich an die Reeling klammerte und ein schwaches, stummes Zeichen der Verzweiflung gab.

Sofort wurde eine Mannschaft ausgesetzt, und ihr Versuch, an Bord der »Arrow« zu kommen, gelang.

Der Anblick, der sich den Matrosen bot, als sie über die Schiffswand hinüberkletterten, war entsetzlich. Ein Dutzend tote und sterbende Leute rollten auf dem Deck des stürmisch bewegten Schiffes hin und her. Tote und Lebende untereinander.

Die Prisenmannschaft brachte das Schiff wieder vor den Wind und trug die noch lebenden Leute der Besatzung nach unten in ihre Hängematten. Die Toten wurden, nachdem ihre Persönlichkeiten festgestellt waren, in Segeltuch eingenäht und dann ins Meer versenkt.

Keiner der noch Lebenden war noch bei Bewußtsein, als die Marinesoldaten das Deck der »Arrow« betraten. Sogar der arme Teufel, der das verzweiflungsvolle Zeichen gegeben hatte, war in Ohnmacht gefallen, ehe er noch den Erfolg seiner letzten Anstrengung gesehen hatte.

Der Offizier fand bald heraus, wodurch die fürchterliche Lage an Bord entstanden war, denn als man nach Wasser und Branntwein suchte, um die Männer zu stärken, stellte es sich heraus, daß keine Getränke und keine Nahrungsmittel mehr vorhanden waren.

Sofort wurde dem Kreuzer ein Signal gegeben, Wasser, Nahrungsmittel und Arzneien zu senden, und gleich darauf unternahm ein zweites Boot die gefahrvolle Fahrt zu der »Arrow«.

Dank der angewandten Stärkungsmittel erlangten mehrere Matrosen das Bewußtsein wieder, so daß sie die ganze Geschichte erzählen konnten.

Wie es scheint, hatte der Kreuzer die Meuterer so erschreckt, daß sie mehrere Tage in den Atlantischen Ozean hineinfuhren; als sie aber bemerkten, wie gering ihr Vorrat an Wasser und Lebensmitteln war, kehrten sie gegen Osten zurück. Da niemand an Bord sich auf die Steuermannskunst verstand, geriet man in Streit über die Frage, wo man sich eigentlich befand, und als nach dreitägiger Fahrt nach Osten kein Land gesichtet wurde, richteten sie ihren Kurs nach Norden, da sie fürchteten, der starke Nordwind habe sie südlich über die äußerste Spitze Afrikas hinaus getrieben.

Zwei Tage lang fuhren sie nord-nordöstlich, als eine Windstille eintrat, die fast eine Woche lang anhielt. Ihr Wasservorrat war zu Ende, und schon am nächsten Tage hatten sie nichts mehr zu essen.

So verschlimmerte sich die Lage sehr schnell. Ein Mann wurde irrsinnig und sprang über Bord. Ein anderer öffnete sich die Adern und trank sein eigenes Blut.

Als er starb, warfen sie ihn ins Meer, obschon einige unter ihnen ihn an Bord behalten wollten. Der Hunger verwandelte sie in wilde Tiere.

Zwei Tage, bevor sie vom Kreuzer aufgenommen wurden, waren sie schon zu schwach, um noch etwas für die Führung des Schiffes zu tun, und an demselben Tage starben zwei Leute. Am nächsten Tage konnte man sehen, daß einer der Toten teilweise aufgegessen war.

Die Männer starrten einander wie Raubtiere an, und am andern Morgen war von beiden Körpern nicht mehr viel übrig.

Die Leute fühlten sich von ihrem schrecklichen Mahl nur wenig gestärkt, denn der Wassermangel war bei weitem die größte Qual, die sie auszustehen hatten. Und dann kam der Kreuzer. Die Geretteten erzählten zwar ihre Erlebnisse, aber sie vermochten dem Kommandanten den genauen Punkt der Küste, wo der Professor und seine Begleiter ausgesetzt wurden, nicht anzugeben. So dampfte denn der Kreuzer langsam an der Küste entlang. Von Zeit zu Zeit feuerte man einen Kanonenschuß ab und suchte den Strand mit dem Fernglas ab.

Nachts gingen sie vor Anker, um nicht etwa achtlos an der Küste mit der Hütte vorüberzufahren.

Die Kanonenschüsse vom Nachmittag vorher waren vom Professor und seinen Begleitern nicht gehört worden, wahrscheinlich weil sie sich auf der Suche nach Jane Porter im tieferen Walde befanden.

Als beide Teile sich ihre abenteuerlichen Erlebnisse erzählt hatten, war das Boot des Kreuzers mit Nahrungsmitteln und Waffen zurückgekehrt.

Wenige Minuten später zog der kleine, von den zwei Offizieren geführte Matrosentrupp zusammen mit Professor Porter und Clayton auf die Suche in die Wälder.


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