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Der weiße Affe

Kala pflegte ihren kleinen Findling zärtlich, wunderte sich indessen im Stillen, warum er nicht so kräftig und so gewandt wurde, wie die kleinen Affen der anderen Mütter.

Es war nun beinahe ein Jahr, daß der kleine Schelm in ihren Besitz gelangte, und doch konnte er kaum allein gehen, und was gar das Klettern betraf, – o du meine Güte! wie dumm war er dabei!

Manchmal unterhielt sich Kala mit den andern Weibchen über ihr hoffnungsvolles Kind, aber sie konnten nicht verstehen, daß ein Kind so langsam für sich selbst sorgen lernte. Schon mehr als zwölf Monate waren vergangen, seit Kala das Junge mitgebracht hatte, und es konnte noch nicht einmal allein Futter suchen.

Hätten sie gar gewußt, daß das Kind schon dreizehn Monate alt war, als es in Kalas Besitz kam, so hätten sie den Fall als völlig hoffnungslos angesehen, denn die kleinen Affen ihres Stammes waren in zwei bis drei Monaten derart fortgeschritten, wie dieser Findling in fünfundzwanzig Monaten. Tublat, Kalas Ehemann, war sehr ärgerlich, und wenn das Weibchen nicht so wachsam und besorgt gewesen wäre, hätte er das Junge beiseite geschafft.

Es wird niemals ein großer Affe werden, sagte er. Immer wirst du ihn zu tragen und zu beschützen haben. Was kann er dem Stamme nützen? Nichts! Er wird nur eine Last sein. Wir wollen ihn in das hohe Gras legen und ihn dort ruhig einschlafen lassen. Dann kannst du Mutter anderer, stärkerer junger Affen werden, die uns in unsern alten Tagen pflegen können.

Niemals, gebrochene Nase, antwortete Kala, ich behalte ihn, und wenn ich ihn mein ganzes Leben lang tragen müßte.

Und dann ging Tublat zu Kerschak und drängte ihn, seine Autorität bei Kala geltend zu machen, daß sie Tarzan ausgeben sollte; so nannten sie nämlich den kleinen Lord Greystoke: Tarzan, d. h. Weißhaut.

Als aber Kerschak mit Kala darüber sprach, drohte sie, vom Stamme wegzulaufen, wenn man sie mit dem Kinde nicht in Ruhe ließe. Da das Fortlaufen eines der unveräußerlichen Rechte des Dschungelvolks ist, sobald ein Mitglied mit den Angehörigen unzufrieden ist, so plagte man Kala weiter nicht mehr damit, denn sie war ein wohlgebautes, junges Weib und man mochte sie nicht verlieren.

Als Tarzan heranwuchs, machte er schnellere Fortschritte, so daß er mit zehn Jahren ein vorzüglicher Kletterer war, und auf der Erde konnte er so wundervolle Dinge ausführen, wie sie seine kleinen Brüder und Schwestern nicht fertig bekamen. In manchen Dingen unterschied er sich von ihnen, und sie staunten oft über seine überragende Geschicklichkeit, aber in bezug auf Kräfte und Wachstum war er sehr zurückgeblieben, denn mit zehn Jahren waren die großen Menschenaffen voll erwachsen; manche von ihnen waren über sechs Fuß hoch, während der kleine Tarzan erst ein halberwachsener Knabe war.

Und doch – was für ein Junge war er!

Von frühester Jugend an hatte er seine Hände darin geübt, sich nach dem Beispiel seiner Riesenmutter von Ast zu Ast zu schwingen, und als er größer wurde, verbrachte er ganze Stunden damit, mit seinen Brüdern und Schwestern von einer Baumkrone zur andern zu klettern.

Er konnte in der schwindelnden Höhe der Baumkronen zwanzig Fuß weit springen und mit unfehlbarer Genauigkeit einen vom Wirbelsturm bewegten Ast ergreifen.

Er konnte sich zwanzig Fuß tief in raschem Abstieg von Ast zu Ast herunterfallen lassen, und er konnte den höchsten Gipfel des stolzesten tropischen Riesen mit der Schnelligkeit eines Eichhörnchens erklettern. Obschon er erst zehn Jahre zählte, war er kräftig wie ein Durchschnittsmensch von dreißig Jahren und behender als die meisten geübten Athleten es je werden. Und seine Kräfte wuchsen von Tag zu Tag.

Sein Leben unter diesen wilden Affen war glücklich, denn in seiner Erinnerung gab es kein anderes Leben; auch wußte er nicht, daß es in dem Weltall außer diesem Wald und den Dschungeltieren, mit denen er vertraut war, noch etwas Anderes gab.

Er war schon fast zehn Jahre alt, als er anfing, zu erkennen, daß ein Unterschied zwischen ihm und seinen Kameraden bestand. Sein kleiner, von der Sonne gebräunter Körper verursachte ihm plötzlich ein tiefes Schamgefühl, denn er erkannte, daß er vollständig unbehaart war, wie eine Schnecke oder ein Reptil.

Er versuchte diesem Übelstand abzuhelfen, indem er sich vom Kopf bis zu den Füßen mit Lehm bekleisterte, aber dieser trocknete und fiel ab. Außerdem fühlte er sich so unbehaglich dabei, daß er sich lieber schämte, als die Unbequemlichkeit weiter auf sich zu nehmen.

In dem höher gelegenen Landstrich, in dem sich sein Stamm aufhielt, war ein kleiner See und in dessen klarem stillen Wasser sah Tarzan zuerst sein Spiegelbild.

An einem schwülen Tag der trockenen Jahreszeit ging er mit einem seiner Vetter an das Ufer, um zu trinken. Als sie sich hinüberbeugten, spiegelte die ruhige Fläche beider Gesichter wieder: die wilden, schrecklichen Gesichtszüge des Affen, neben denen des aristokratischen Sprößlings eines alten englischen Hauses.

Tarzan war entsetzt. Es war schon schlimm genug, unbehaart zu sein, aber wie konnte er nur eine solche Gesichtsbildung haben! Er wunderte sich, daß die anderen Affen ihn überhaupt noch ansahen.

Dieser kleine Schlitz von einem Mund und diese winzigen, kleinen Zähne! Wie kümmerlich sahen diese aus neben den mächtigen Lippen und den gewaltigen Fängen seiner glücklicheren Brüder! Und diese kleine, schmale Nase, so dünn, daß sie halb verkümmert aussah. Er errötete, als er sie mit der schönen, breiten Nüster seines Gefährten verglich. Welch großartige Nase! Sie bedeckte ja das halbe Gesicht. Es muß doch gewiß schön sein, so stattlich auszusehen, dachte der arme kleine Tarzan.

Aber als er in seine eigenen Augen sah, da war er noch mehr entsetzt: ein brauner Fleck, ein grauer Kreis, und dann reines Weiß! Fürchterlich! Die Schlangen hatten nicht einmal so häßliche Augen wie er.

Er war so sehr in die Betrachtung seiner Gesichtszüge vertieft, daß er nicht hörte, wie das hohe Gras sich hinter ihm teilte und ein großer Körper sich verstohlen durch die Dschungel schlich. Auch sein Kamerad, der Affe, hörte nichts, denn er trank, und das Geräusch seiner saugenden Lippen und das Gurgeln übertönten die leisen Schritte des Eindringlings.

Keine dreißig Schritte hinter den beiden duckte sich Gabor, die Riesen-Löwin, indem sie den Schwanz hin und her warf. Vorsichtig bewegte sie ihre große Tatze vorwärts, und sie setzte sie geräuschlos nieder, ehe sie die andere hob. So schlich sie näher. Ihr Bauch berührte fast den Boden. Sie glich ganz einer großen Katze, die den Sprung auf ihre Beute vorbereitet.

Jetzt war sie bis auf etwa zehn Fuß an die zwei kleinen, ahnungslosen Spielkameraden herangekommen. Sorgfältig zog sie ihre Hinterfüße unter ihren Körper, während die starken Muskeln sich sichtlich unter dem herrlichen Fell bewegten.

Sie lag fast flach auf der Erde. Nur die obere Krümmung des glänzenden Rückens war sichtbar, als sie sich zum Sprunge anschickte.

Nun wedelte sie nicht mehr mit dem Schweife; ruhig und gerade lag er hinter ihr.

Einen Augenblick hielt sie inne, als ob sie in Stein verwandelt wäre, und dann sprang sie mit einem schrecklichen Schrei auf. Nun hätte man denken können, das wäre von ihr unklug gehandelt, denn ohne diesen Schrei hätte sie sicherer über ihre Opfer herfallen können. Aber Sabor, die Löwin, war eine kluge Jägerin. Sie kannte das unglaublich seine Gehör und die erstaunliche Schnelligkeit des jungen Dschungelvolkes, und sie wußte, daß sie den mächtigen Sprung nicht ohne Geräusch ausführen konnte. Der wilde Schrei aber sollte nicht eine Warnung sein, sondern die armen Opfer vor Schrecken lähmen, wenn auch nur für eine Sekunde, die ihr genügte, um ihre gewaltigen Krallen in das weiche Fleisch zu schlagen und sie am Entfliehen zu verhindern.

Was den Affen betraf, so war ihr Kunstgriff richtig. Der kleine Kerl duckte sich einen Augenblick zitternd, und dieser Augenblick wurde zu seinem Verderben.

Anders war es mit Tarzan, dem Menschenkind. Sein Leben inmitten der Gefahren der Dschungel hatte ihn gelehrt, unerwarteten Vorfällen mit Selbstvertrauen zu begegnen, und die Folge seiner höheren Geisteskräfte war ein schnelles Denken, das weit über den Fähigkeiten der Affen stand.

So regte der Schrei der Löwin das Hirn und die Muskeln des kleinen Tarzan zum augenblicklichen Handeln an.

Vor ihm lag das tiefe Wasser des Sees, hinter ihm der sichere Tod, ein grausamer Tod unter den Klauen und zwischen den Fängen der Löwin.

Tarzan hatte einen Abscheu vor dem Wasser, soweit es nicht dazu diente, seinen Durst zu stillen. Seine wilde Mutter hatte ihn auch gelehrt, das tiefe Wasser des Sees zu meiden, und hatte er nicht erst vor einigen Wochen die kleine Neeta unter der glatten Fläche versinken sehen, so daß sie nie wieder zu ihrem Stamm zurückkehrte?

Aber von zwei Übeln wählte Tarzan rasch entschlossen das kleinere, und noch ehe Gabors Schrei an das Ende der stillen Dschungel gedrungen war und noch bevor das Tier seinen Sprung halb ausgeführt hatte, war Tarzan in das kalte Wasser gesprungen, das über seinem Kopfe zusammenschlug. Er konnte nicht schwimmen, und das Wasser war sehr tief, aber er verlor auch nicht einen Augenblick das Selbstvertrauen und seine Findigkeit, die Kennzeichen eines höheren Wesens waren.

Bei dem Versuch, auf die Oberfläche zu gelangen, bewegte er schnell Hände und Beine, und wahrscheinlich mehr durch Zufall als durch Absicht ahmte er die Stöße eines schwimmenden Hundes nach, so daß er in ein paar Sekunden die Nase über Wasser hatte. So fand er, daß, wenn er sich weiter so bewegte, er weiter im Wasser fortkam.

Er war freudig überrascht über diese neue Fähigkeit, die er sich so schnell angeeignet hatte, wenn er auch keine Zeit hatte, weiter darüber nachzudenken.

Jetzt schwamm er am Ufer entlang, und dort sah er das wilde Tier, das ihm nachstellte, über den leblosen Körper seines kleinen Spielgenossen geduckt.

Die Löwin beobachtete Tarzan gespannt; sie erwartete offenbar, daß er ans Land zurückkehrte.

Der Knabe hütete sich aber wohl davor. Er erhob vielmehr seine Stimme zu dem Hilfe- und Warnruf, der bei den Affen üblich war.

Gleich darauf kam eine Antwort aus der Ferne, und in wenigen Minuten schwangen sich vierzig bis fünfzig große Affen schnell und majestätisch durch die Bäume, dem tragischen Schauplatz entgegen.

Allen voran war Kala, denn sie hatte die Stimme ihres lieben Kindes erkannt, und bei ihr war die Mutter des kleinen Affen, der jetzt tot unter der schrecklichen Sabor lag.

Obschon die Löwin mächtiger und besser zum Kampfe ausgerüstet war als die Affen, so hatte sie doch keine Lust, es mit einer ganzen Schar dieser wütenden großen Tiere aufzunehmen, und mit einem ärgerlichen Knurren sprang sie schnell in das Gebüsch und verschwand.

Tarzan schwamm jetzt ans Ufer und kletterte schnell aufs Land. Er fühlte sich so erfrischt und so behaglich zu Mute, daß er fortan keine Gelegenheit versäumte, täglich im See, im Fluß oder im Meer zu baden.

Lange konnte Kala sich nicht an diesen Anblick gewöhnen, denn obschon ihr Volk schwimmen konnte, wenn es dazu gezwungen war, so ging ein Affe doch nur ungern und nie freiwillig ins Wasser.

Das Erlebnis mit der Löwin hatte übrigens eine Abwechslung in Tarzans eintöniges Dasein gebracht, das nur in der stumpfsinnigen Wiederholung des Futtersuchens, Essens und Schlafens bestand.

Der Stamm, zu dem er gehörte, durchstreifte eine Strecke von annähernd fünfundzwanzig Meilen längs der Küste und etwa fünfzig Meilen ins Binnenland hinein. In dieser Gegend zogen die Affen fast ohne größere Unterbrechung hin und her; doch blieben sie gelegentlich auch monatelang an einem Ort. Sobald sie sich aber die schnelle Wanderung von Baumkrone zu Baumkrone aufnahmen, durchmaßen sie das ganze Gebiet in wenigen Tagen.

Viel hing von der Futterversorgung, der Witterung und der Bedrohung durch Raubtiere ab. Kerschak führte seinen Stamm oft auf weite Märsche, bloß weil es ihn langweilte, an ein und derselben Stelle auszuhalten.

Nachts schliefen die Affen auf der Erde, wo die Dunkelheit sie gerade überfiel. Manchmal bedeckten sie den Kopf, selten den übrigen Körper, mit den großen Blättern des Elefantenohrs. Wenn die Nächte kalt waren, lagen sie zu zwei oder drei aneinandergeschmiegt, um sich gegenseitig zu wärmen, und so schlief Tarzan alle diese Jahre hindurch in Kalas Armen. Daß das riesige wilde Tier dieses Kind einer anderen Rasse liebte, ist nicht zu bezweifeln, und auch er liebte dieses große, haarige Tier, wie er seine junge Mutter geliebt hätte, wenn sie am Leben geblieben wäre.

War er unfolgsam, so knuffte sie ihn allerdings, aber sie war nie grausam gegen ihn, und sie liebkoste ihn häufiger als sie ihn strafte.

Tublat, ihr Gatte, haßte ihn, und mehr als einmal war er nahe daran, seinem jungen Leben ein Ende zu bereiten.

Tarzan ließ seinerseits nie eine Gelegenheit vorübergehen, seinem Pflegevater zu zeigen, daß er seine Gefühle voll erwiderte. Und wenn er, geborgen in seiner Mutter Arme oder von den schlanken Ästen hoher Bäume, ihn ärgern, ihm Gesichter schneiden oder Schimpfworte zurufen konnte, so tat er es.

Dank seiner höheren Intelligenz und seiner Geschicklichkeit konnte er tausend lose Streiche ersinnen, die Tublat das Leben sauer machten.

Früh in seiner Kindheit hatte er gelernt, aus langen Gräsern, die er drehte und aneinander knüpfte, Stricke zu formen, und diese brachte er so an, daß Tublat darüber stolperte, wenn er nicht gar von einem überhängenden Aste aus versuchte, ihm den Strick um den Hals zu legen.

Beim Spielen und durch allerlei Versuche lernte er kräftige Knoten und Fangschlingen knüpfen, und mit diesen spielten er und die jüngeren Affen. Auch diese versuchten seine Kunst nachzuahmen, aber keiner von ihnen war so erfinderisch wie er. Eines Tages hatte Tarzan beim Spielen einem fliehenden Kameraden seinen Strick nachgeworfen, indem er das Ende in der Hand behielt. Durch Zufall fiel die Schlinge um den Hals des laufenden Affen, so daß dieser gezwungen war, stehen zu bleiben.

Tarzan war über diese Wirkung verwundert. Das ist ein neues, schönes Spiel, dachte er, und er versuchte das Kunststück noch einmal. So lernte er durch fortgesetzte Übung die Kunst des Schlingenwerfens.

Von nun an war das Leben Tublats ein stetes Alpdrücken. Im Schlaf, auf dem Marsche, bei Tag und bei Nacht, immer mußte er damit rechnen, daß der boshafte Junge ihm heimlich eine Schlinge um den Hals zu legen und ihn damit zu erwürgen versuchte.

Kala strafte Tarzan zwar, und Tublat schwor ihm schreckliche Rache. Auch der alte Kerschak nahm sich der Sache an, warnte und drohte, aber alles war vergebens.

Tarzan trotzte ihnen allen, und die dünne, starke Schlinge legte sich auch ferner um Tublats Hals, wenn er es am wenigsten vermutete.

Die andern Affen hatten ihre Freude daran, denn Tublat war ein unangenehmer, alter Patron, den niemand leiden mochte. In Tarzans klugem, kleinen Geist drehten sich manche Gedanken, und hinter diesen war die göttliche Macht des Verstandes.

Tarzan sagte sich, wenn er mit einer solchen Schlinge einen Affen fangen konnte, weshalb nicht auch Gabor, die Löwin? Es war der Keim eines Gedankens, der vorläufig nur in seinem Unterbewußtsein lebte, bis er in späteren Jahren zur Vollendung gedieh.


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