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Mensch und Mensch

Tarzan lebte in der wilden Dschungel noch mehrere Jahre ohne nennenswerte Abwechslung dahin. Er wurde größer und vernünftiger, und durch seine Bücher erfuhr er immer mehr von der fremden Welt, die irgendwo außerhalb seines Urwaldes lag.

Für ihn war das Leben niemals eintönig. Da war ja Pisah, der Fisch, der in den vielen Flüßchen und kleinen Seen zu fangen war, und Sabor mit ihren wilden Vettern, vor denen man immer auf der Hut sein mußte, und die jedem Augenblick, den er auf dem Erdboden zubrachte, einen eigenen Gefahrenreiz gaben.

Oft verjagten sie ihn, aber noch öfter jagte er hinter ihnen drein, aber wenn sie ihn auch niemals mit ihren grausamen, scharfen Pranken ganz erreichten, so waren sie ihm doch mehr als einmal sehr dicht auf den Fersen.

Schnellfüßig war Sabor, die Löwin, und behend waren auch Numa und Sheeta, aber Tarzan war schnell wie der Blitz.

Mit Tantor, dem Elefanten, schloß er Freundschaft. Wie das kam, weiß man nicht, aber die Bewohner der Urwälder sahen manchmal in mondhellen Nächten Tantor mit Tarzan auf dem Rücken spazieren gehen.

Alle anderen aus der Dschungel waren seine Feinde, ausgenommen sein eigener Stamm, unter dem er jetzt viele Freunde hatte.

In diesen Jahren verbrachte er manchen Tag in der Hütte seines Vaters, in der die Gebeine seiner Eltern und das kleine Skelett von Kalas Jungem noch immer still und unberührt lagen.

Mit achtzehn Jahren konnte Tarzan fließend lesen, und verstand fast alles, was er in den verschiedenen Büchern las, die sich auf den Regalen befanden.

Er konnte auch geläufig mit gedruckten Buchstaben schreiben, aber die Schreibschrift beherrschte er nicht. Unter seinen Sachen befanden sich zwar einige Hefte, aber in der Hütte war so wenig geschrieben worden, daß er sich mit dieser Schreibform nicht weiter plagen wollte, wenn er auch das Geschriebene mühsam lesen konnte.

So finden wir den jungen englischen Lord, der mit achtzehn Jahren noch nicht englisch sprechen konnte und doch seine Muttersprache las und schrieb.

Noch nie hatte er einen andern Menschen als sich selbst gesehen, denn das Gebiet, das sein Stamm bewohnte, war von keinem großen, schiffbaren Fluß durchzogen, auf dem die wilden Eingeborenen aus dem Innern hätten herunterfahren können.

Hohe Hügel schloßen es auf drei Seiten ein und das Meer war auf der vierten Seite. Der Landstrich war belebt mit Löwen, Leoparden und giftigen Schlangen. In das dichte Gestrüpp seiner Dschungel war noch kein menschliches Wesen gedrungen.

Eines Tages aber, als Tarzan in der Hütte seines Vaters saß und in die Geheimnisse eines seiner Bücher einzudringen suchte, wurde die alte Sicherheit seiner Dschungel für immer durchbrochen.

An der äußersten östlichen Grenze erschien nämlich ein merkwürdiger Zug, der sich über den Rand eines niedrigen Hügels bewegte.

In der Vorhut gingen fünfzig schwarze Krieger, bewaffnet mit dünnen, hölzernen Speeren, langen Bogen und vergifteten Pfeilen. Auf dem Rücken trugen sie ovale Schilde, in der Nase mächtige Ringe, während ihr wollhaariger Kopf mit bunten Federn geschmückt war.

Auf der tätowierten Stirn zogen sich drei farbige parallele Linien hin und die Brust trug drei Kreise. Ihre gelben Zähne waren scharf gespitzt, und ihre großen, vorhängenden Lippen machten ihr wildes Aussehen noch häßlicher.

Der Vorhut folgten einige hundert Frauen und Kinder. Die ersteren trugen auf dem Kopfe große Lasten von Kochgeschirr, Haushaltgeräten und Elfenbein.

Die Nachhut aber bestand aus etwa hundert Kriegern, die in allem der Vorhut glichen.

Daß man eher einen Angriff auf die Nachhut als auf die Vorhut befürchtete, bewies die Zusammensetzung des Zuges. Die Leute flohen nämlich vor den Soldaten des weißen Mannes, die sie so sehr wegen Gummi und Elfenbein gequält hatten, daß sie sich eines Tages gegen ihre Eroberer gewandt und einen weißen Offizier mit einer kleinen Abteilung seiner schwarzen Truppe niedergemacht hatten.

Tagelang konnten sie sich nur von Fleisch sättigen, aber schließlich kam eine stärkere Truppenabteilung und fiel in der Nacht über ihr Dorf her, um den Tod ihrer Kameraden zu rächen.

Was von dem einst mächtigen Stamme übrig blieb, zog dann in die düstere Dschungel – dem Unbekannten und der Freiheit entgegen.

Aber diese Freiheit und dieses Suchen nach Glück bedeutete Verfolgung und Tod für viele wilden Bewohner ihrer neuen Heimat.

Drei Tage lang marschierte der Zug der wilden Schwarzen langsam durch das Innere des unbekannten und noch unbetretenen Waldes, bis sie früh am vierten Tage nahe am Ufer eines kleinen Flusses an eine Stelle kamen, die ihnen weniger dicht bewachsen schien als das Gebiet, das sie bisher durchzogen hatten.

Hier fingen sie an, ihr neues Dorf zu erbauen. Nach einem Monat hatten sie eine große Lichtung geschlagen, Hütten und Zäune errichtet, Bananen, Yamswurzeln und Mais gepflanzt, und setzten nun in ihrem neuen Heim ihr altes Leben fort. Hier gab es keine weißen Männer und keine Soldaten, und hier konnten keine grausamen undankbaren Aufseher Gummi und Elfenbein eintreiben.

Mehrere Monate vergingen, bis die Schwarzen sich in das Gebiet, das sich rings um ihr neues Dorf dehnte, hineinwagten. Mehrere von ihnen waren schon eine Beute der alten Sabor geworden, und da die Dschungel so bevölkert von blutdürstigen Katzentieren, von Löwen und Leoparden war, so wagten die schwarzen Krieger sich nicht über den Zaun hinaus, der ihr Dorf umgab.

Eines Tages aber wanderte Kulonga, ein Sohn des alten Königs Mbonga, nach Westen in das Dickicht. Behutsam ging er vorwärts, seine lange Lanze immer bereit haltend und mit der linken Hand einen langen ovalen Schild fest an seinen schwarzen Körper drückend. Auf dem Rücken den Bogen und im Köcher über dem Schild eine Reihe dünner, gerader Pfeile, wohl eingerieben mit jener dicken, dunklen, teerartigen Masse, die schon bei dem geringsten Nadelstich tödlich wirkte. Die Nacht fand Kulonga fern von dem Zaune seines väterlichen Dorfes, aber er strebte noch weiter westwärts. Auf einem großen Baum machte er sich in einer Ästegabelung ein einfaches Lager, auf das er sich zusammenduckte, um zu schlafen.

Drei Meilen westlich entfernt von ihm schlief Kerschaks Stamm.

Früh am nächsten Morgen waren die Affen auf den Beinen und durchsuchten die Dschungel nach Futter. Tarzan aber ging seiner Gewohnheit gemäß in der Richtung nach der Hütte suchen, so daß er, wenn er auch nur gemächlich unterwegs jagte, bei der Ankunft am Strande den Magen schon befriedigt hatte.

Die Affen zogen nach allen Richtungen davon, teils einzeln, teils zu zweien oder dreien, aber so, daß sie immer noch im Bereich eines Alarmsignals blieben.

Kala war auf einer Elefantenfährte langsam nach Osten gegangen, und sprang eifrig über Stock und Stein auf der Suche nach eßbaren Käfern und Pilzen, als ein schwaches Geräusch aus der Ferne ihre Aufmerksamkeit erregte.

Fünfundzwanzig Meter weit vor ihr tat sich der Dschungelweg auf, durch diesen Blätter-Tunnel sah sie ein merkwürdiges furchtbares Geschöpf vorsichtig herankommen.

Es war Kulonga.

Kala wandte sich sofort um und kehrte auf den Pfad zurück. Sie lief zwar nicht, aber nach Art ihrer Sippe, wenn sie nicht erregt war, suchte sie eher auszuweichen, als davonzulaufen.

Dicht hinter ihr kam Kulonga. Er betrachtete sie schon als seine Beute, denn er brauchte nur einen vergifteten Pfeil nach ihr abzuschießen.

Nach einer Wendung des Pfades konnte er auf einer weiteren geraden Strecke sie wieder vor sich sehen. Seine rechte Hand griff rückwärts, seine Muskeln spannten sich unter der glatten Haut. Sein Arm dehnte sich aus und der Speer flog auf Kala zu.

Es war ein schlechter Wurf und die Äffin wurde nur an der Seite gestreift.

Aber mit einem Schrei der Wut und des Schmerzes wandte sie sich gegen ihren Peiniger. Im Augenblick erzitterten die Bäume unter der Last der Affen, die auf Kalas Hilferuf herbeieilten.

Als sie zum Angriff vorging, nahm Kulonga seinen Bogen und schoß mit unglaublicher Schnelligkeit einen Pfeil ab. Das vergiftete Geschoß traf gerade in das Herz des Menschenaffen.

Mit einem furchtbaren Schrei fiel Kala vorwärts aufs Gesicht, direkt vor die entsetzten Genossen ihres Stammes.

Brüllend und klagend stürzten die Affen auf Kulonga los, aber dieser vorsichtige Wilde hatte sich bereits wie eine erschrockene Antilope zur Flucht gewandt.

Er kannte die Wildheit dieser behaarten Menschen, lief mit allen Kräften den Pfad zurück, um möglichst schnell aus der Reichweite dieser Affen zu kommen.

Die Affen folgten ihm noch eine weite Strecke zwischen den Bäumen hindurch, aber schließlich gab einer nach dem andern die Verfolgung auf und kehrte zu der Stelle zurück, wo das Trauerspiel sich ereignet hatte.

Keiner von ihnen hatte je zuvor einen Mann gesehen, außer Tarzan, und so wunderten sie sich über das merkwürdige Geschöpf, das in ihre Dschungel eingedrungen war.

Tarzan hatte in seiner Hütte ein fernes Echo des Zusammenstoßes gehört, und da er vermutete, daß irgendein Unheil geschehen sei, eilte er schnell in der Richtung herbei, in der er das Geschrei vernommen hatte.

Bei seiner Ankunft fand er den ganzen Stamm versammelt, wehklagend um den Körper seiner erschlagenen Mutter.

Tarzans Kummer und Zorn waren grenzenlos. Immer wieder stieß er seinen schrecklichen Racheruf aus. Mit den Fäusten schlug er sich auf die Brust, und dann warf er sich auf den Körper Kalas und stöhnte tief aus seinem vereinsamten Herzen.

Grenzenlos war sein Schmerz über den Verlust des einzigen Geschöpfes in der weiten Welt, das ihm Liebe und Anhänglichkeit bewiesen hatte.

Kala war zwar ein wilder, häßlicher Affe, aber gegen Tarzan war sie gütig gewesen, und in seinen Augen war sie schön. Verschwenderisch hatte er ihr, ohne es zu wissen, all die Achtung und Liebe entgegengebracht, die ein normaler englischer Junge seiner Mutter beweist. Er hatte nie eine andere Mutter gekannt, und so war Kala all das zuteil geworden, was der schönen, liebenswerten Lady Alice zugekommen wäre, wenn sie nur ihr Leben behalten hätte.

Nach dem ersten Ausbruch seines Schmerzes suchte Tarzan sich wieder zu beherrschen. Er befragte die Mitglieder des Stammes, die etwas davon wußten, wie Kala getötet worden war, und so bekam er wenigstens so viel davon zu wissen, wie ihre dürftige Sprache ihm mitzuteilen vermochte.

Es war aber genug für das, was er brauchte. Er erfuhr nämlich, daß es ein fremdartiger, unbehaarter schwarzer Affe mit Federn auf dem Kopf gewesen sei, der mit einem dünnen Ast den Tod verbreitete und dann mit der Schnelligkeit Baras, des Hirschen, die Fährte zurückgelaufen war.

Tarzan wartete nicht länger. Er sprang auf die Äste der Bäume und setzte quer durch den Wald. Er kannte die Windungen des Elefantenweges, auf dem Kalas Mörder geflohen war, und da der schwarze Krieger diesem Pfade offenbar folgte, so konnte er ihn noch erreichen, wenn er die Dschungel geradewegs durchquerte.

An seiner Seite hatte er das Jagdmesser seines unbekannten Vaters und auf der Schulter die zusammengerollte starke Schlinge.

In einer Stunde kam er wieder an die Fährte. Er stieg auf die Erde herunter und untersuchte sorgfältig den Boden.

Im weichen Boden am Rande eines Baches fand er Fußspuren derselben Art, wie nur er in der Dschungel sie hinterließ, aber viel größer. Bei diesem Anblick schlug sein Herz heftig. Konnte es möglich sein, daß das die Spur eines Menschen war, eines Angehörigen seiner eigenen Rasse?

Es waren Fußspuren in zwei verschiedenen Richtungen. Offenbar war der Feind den gleichen Weg zurückgekehrt, den er gekommen war. Als Tarzan die jüngere Spur untersuchte, fiel vom Rande einer Fußspur ein Stückchen Erde ab, ein Beweis, daß sie noch frisch war und daß der Betreffende erst kurz vorher dort durchgekommen sein konnte.

Tarzan schwang sich denn auch wieder auf die Bäume und setzte seinen Weg möglichst schnell und geräuschlos in der Höhe fort.

Er hatte ungefähr eine Meile zurückgelegt, als er auf einmal unter sich den schwarzen Krieger sah, der vor einer kleinen Lichtung stand. In der Hand hielt er den dünnen Bogen, mit dem er einen der todbringenden Pfeile abgeschossen hatte.

Ihm gegenüber stand am Rande der Lichtung Horta, der Eber, mit gesenktem Kopfe und schaumbedeckten Hauern, bereit zum Angriff.

Tarzan schaute erstaunt auf das seltsame Geschöpf unter sich. In der Gestalt war es ihm so ähnlich, und doch im Gesicht und in der Farbe so verschieden. In seinen Büchern hatte er Bilder von Negern gesehen, aber wie verschieden waren diese unbeholfenen toten Abdrücke von diesem glatten, häßlichen schwarzen Wesen, das voll Leben war.

Während der Mann mit dem gespannten Bogen dastand, erkannte Tarzan in ihm nicht so sehr den Neger als den Schützen aus seinem Bilderbuch.

Wie wunderbar! In der Aufregung, in die ihn diese Entdeckung versetzte, hätte er beinahe seine Anwesenheit verraten.

Inzwischen aber entwickelten sich die Ereignisse unter ihm. Der sehnige schwarze Arm hatte den Pfeil abgeschossen, und Tarzan sah, wie er blitzschnell in den borstigen Hals des Ebers drang, der eben im Begriff stand, auf seinen Feind loszustürzen.

Kaum hatte der Pfeil den Bogen verlassen, als Kulonga schon einen zweiten hineintat, aber Horta, der Eber, rannte nun so schnell auf ihn zu, daß er keine Zeit mehr hatte, ihn abzuschießen. Mit einem Sprung fiel der Schwarze über das Tier her und stieß ihm mit unglaublicher Gewandtheit einen zweiten Pfeil in den Rücken.

Dann sprang Kulonga auf einen nahen Baum.

Horta wandte sich um, um seinen Feind wieder anzugreifen; er machte noch ein Dutzend Schritte, dann schwankte er und fiel um. Einen Augenblick zuckten die Muskeln noch, und dann lag er still.

Nun kam Kulonga von dem Baume herunter.

Mit dem Messer, das er an seiner Seite getragen hatte, schnitt er einige große Stücke aus dem toten Eber. Dann machte er auf dem Pfad ein Feuer, briet das Fleisch und aß davon nach Herzenslust. Den Rest ließ er einfach liegen.

Tarzan schaute all dem aufmerksam zu. In seiner wilden Brust brannte zwar die Lust, den Schwarzen zu töten, aber noch größer war seine Begierde, zu lernen. Er wollte dem Wilden eine Weile folgen, um zu sehen, woher er gekommen war. Später konnte er ihn bei passender Gelegenheit erschlagen, sobald er den Bogen und die tödlichen Geschosse beiseite gelegt hatte.

Als Kulonga seine Mahlzeit beendet hatte und hinter der nahen Biegung des Pfades verschwunden war, kam Tarzan ruhig herunter. Mit seinem Messer schnitt er einige Stücke Fleisch von dem Eber ab, aber er briet sie nicht.

Feuer hatte er bisher nur gesehen, wenn Ara, der Blitz, einen großen Baum zerstörte. Daß irgend ein Geschöpf in der Dschungel die roten und gelben Flammen erzeugen konnte, die das Holz verzehrten und nichts als seinen Staub zurückließen, überraschte Tarzan gewaltig, und daß der schwarze Krieger sein köstliches Mahl dadurch verdarb, daß er es in die blendende Hitze hielt, ging erst recht über sein Begriffsvermögen. Vielleicht war Ara ein Freund des Schützen, der mit ihm seine Nahrung teilte.

Aber wie dem auch sein mochte, Tarzan wollte sein gutes Fleisch nicht so töricht verderben. Er nahm sich ein ordentliches Stück von dem rohen Fleisch, das er gierig verschlang, und den Rest des Tieres legte er neben den Pfad, wo er ihn bei seiner Rückkehr finden konnte.

Und dann wischte Lord Greystoke sich die fettigen Finger an den nackten Schenkeln ab und machte sich wieder auf den Weg, den Kulonga, der Sohn des Häuptlings Mbonga, eingeschlagen hatte. – Zu gleicher Zeit saß im fernen London ein anderer Lord Greystoke, der jüngere Bruder des Vaters des wirklichen Lord Greystoke, im Klub und sandte seine Fleischschnitten in die Küche zurück, weil sie nicht gar genug seien, und als er seine Mahlzeit beendet hatte, tauchte er seine Fingerspitzen in eine mit wohlriechendem Wasser gefüllte Schale und trocknete sie an einem schneeweißen Damast-Handtuch ab.

Den ganzen Tag folgte Tarzan Kulonga, indem er wie ein böser Geist in den Bäumen über ihm schwebte. Noch zweimal sah er ihn einen verderbenbringenden Pfeil abschießen, das eine Mal auf Dango, die Hyäne, das andere Mal auf Manu, den Kletteraffen.

In beiden Fällen war das Tier sofort tot, denn Kulongas Gift war frisch und unbedingt tödlich.

Tarzan dachte viel über diese wundervolle Art zu töten nach, während er dem Schwarzen in sicherer Entfernung folgte. Er sagte sich, die dünne Spitze des Pfeiles allein könne nicht die Wirkung haben, denn die wilden Tiere der Dschungel würden bei ihren Kämpfen oft in ganz anderer Weise verletzt oder geschunden und erholten sich meist doch wieder.

Es mußte also irgend etwas Geheimnisvolles mit jenen dünnen Pfeilen verbunden sein, und er wollte die Sache unbedingt aufklären.

Diese Nacht schlief Kulonga in der Gabelung eines mächtigen Baumes, und weit über ihm hockte Tarzan.

Als Kulonga erwachte, sah er, daß sein Bogen und seine Pfeile verschwunden waren. Er war wütend, noch mehr aber erschrocken. Er untersuchte den Boden unter dem Baume und auch den Baum selbst, aber er konnte nirgends weder Bogen und Pfeile noch Spuren eines nächtlichen Diebes entdecken. Kulonga war geradezu entsetzt. Seinen Speer hatte er auf Kala geschleudert und ihn nicht wiedererlangt, und jetzt, da er auch Bogen und Pfeile verloren hatte, war er, abgesehen von einem Messer, wehrlos. Seine einzige Hoffnung lag jetzt darin, Mbongas Dorf so schnell als möglich zu erreichen.

Er wußte, daß er nicht mehr weit davon entfernt war, und so folgte er dem Pfade so schnell als seine Beine ihn nur zu tragen vermochten.

Einige Meter davon entfernt saß Tarzan inmitten eines undurchdringlichen Laubwerks ruhig auf der Wache.

Kulongas Bogen und Pfeile hatte er auf der Spitze eines riesigen Baumes versteckt, und um diesen später wiederzufinden, hatte er mit seinem scharfen Messer unten am Stamm ein Stück Rinde herausgeschnitten und in der Höhe einen Ast halb abgeschnitten, so daß er herunterhing.

Als Kulonga seine Wanderung fortsetzte, folgte Tarzan ihm in der luftigen Höhe. Seine Schlinge hielt er jetzt in der rechten Hand bereit. Er wartete nur auf einen günstigen Augenblick, um sie zu benützen.

Die Verzögerung rührte nur daher, daß Tarzan sich davon vergewissern wollte, wohin der Schwarze ging. Diesen Zweck sollte er jetzt erreichen, denn plötzlich kam eine große Lichtung in Sicht, an deren einem Ende sonderbare Lager waren.

Tarzan war gerade über Kulonga, als er diese Entdeckung machte. Der Wald hörte ganz plötzlich auf, und zwischen der Dschungel und dem Dorfe lagen bebaute Felder.

Nun mußte Tarzan schleunigst handeln, sonst entwischte ihm sein Opfer, aber er war gewohnt sich schnell zu entschließen, wenn die Lage es erforderte.

Als nun Kulonga aus dem Schatten des Waldes trat, fiel gerade am Rande der Felder von dem untersten Aste eines mächtigen Baumes die Schlinge über ihn, und ehe der Häuptlingssohn noch ein paar Schritte gemacht hatte, zog sie ihm fest den Hals zusammen.

Das geschah so schnell, daß Kulongas Hilferuf ihm im Halse erstickte. Tarzan zog die Schlinge so fest zu, daß der Schwarze halb in der Luft baumelte. Dann kletterte Tarzan auf einen stärkeren Ast und zog sein Opfer in das grüne Laub hinauf. Hier befestigte er den Strick an einem Aste, stieg hinunter und stieß Kulonga sein Jagdmesser ins Herz.

Kala war gerächt!

Tarzan untersuchte den Schwarzen genau, denn er hatte noch nie einen andern Menschen gesehen.

Das Messer mit der Scheide und der Gürtel, an dem es hing, erregten seine Aufmerksamkeit, und er nahm sie an sich. Auch eine kupferne Fußspange gefiel ihm, und er steckte sie an sein eigenes Bein.

Er untersuchte voll Bewunderung die Tätowierung auf der Stirn und der Brust. Neugierig betrachtete er auch die zugespitzten Zähne. Dann eignete er sich den Federschmuck vom Kopfe an.

Zuletzt dachte er ans Essen, denn er war hungrig. Hier war Fleisch, und zwar Fleisch des erlegten Gegners, und nach der Dschungel-Moral durfte er dieses essen.

Nach welchen Regeln aber sollen wir ihn beurteilen, diesen Affenmenschen mit dem Herzen, dem Kopfe und dem Leibe eines englischen Gentlemans und den Lebensgewohnheiten eines wilden Tieres?

Tublat, den er gehaßt hatte und der ihn gehaßt hatte, hatte er in einem regelrechten Kampfe getötet, und doch war nie der Gedanke, von dessen Fleisch zu essen, ihm in den Kopf gekommen. Es widerstand ihm in seinem Innern, gerade wie der Kannibalismus uns.

Aber was war denn Kulonga, daß er glaubte, von ihm nicht ebensogut essen zu können wie von Horta, dem Eber, oder von Bara, dem Hirsch? War es nicht einfach eines dieser zahllosen wilden Wesen der Dschungel, von denen eines das andere zu erbeuten sucht, um seinen Hunger zu stillen?

Plötzlich aber lähmte ein sonderbarer Zweifel seine Hand. Hatten die Bücher ihn nicht gelehrt, daß er ein Mensch sei? Und war der Schütze nicht auch ein Mensch?

Aß der Mensch vom Menschen? Ach, er wußte es nicht. Daher rührte sein Zögern. Noch einmal wollte er sich entschließen, einen Versuch zu machen, aber ein widerstrebendes Gefühl übermannte ihn.

Er konnte das nicht verstehen, aber er sah ein, daß er das Fleisch des schwarzen Mannes nicht essen durfte. Der aus uralter Zeit ererbte Instinkt bewahrte ihn davor, ein Wertgesetz zu übertreten, von dem er keine Kenntnis hatte. Schnell ließ er Kulongas Körper hinab auf die Erde. Er nahm die Schlinge wieder an sich und kehrte in den Wald zurück.


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