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Hinaus auf die See

Diese Geschichte habe ich von jemand, der keinen besonderen Grund hatte, sie mir oder einem andern zu erzählen. Ich dachte anfänglich, der Erzähler sei in einer angeheiterten Stimmung, und ich konnte auch die folgenden Tage nicht recht an die Geschichte glauben.

Als mein freundlicher Gastgeber merkte, daß seine Erzählung Zweifel in mir erregte, legte er mir als schriftlichen Beweis dafür ein muffiges Manuskript und trockene amtliche Berichte des Britischen Kolonialamtes vor, um mir eine Reihe der hervorstechendsten Tatsachen der merkwürdigen Erzählung zu belegen.

Ich behaupte nicht, daß die Geschichte wahr ist, denn ich war nicht Zeuge der darin geschilderten Ereignisse, aber ich glaube, bestimmt, daß sie wahr sein kann, und deshalb habe ich den darin beteiligten Personen andere Namen gegeben.

Die gelben Blätter des Tagebuchs eines längst verstorbenen Mannes und die Berichte des Kolonialamtes stimmen genau überein mit der Erzählung meines Gastgebers, und so unterbreite ich dem Leser die Geschichte, wie ich sie mit Hilfe der angegebenen Dokumente mit großer Mühe ausgearbeitet habe. Sollte man sie nicht glaubwürdig finden, so wird man doch jedenfalls mit mir darin übereinstimmen, daß es ein ganz einzigartiger, bemerkenswerter und interessanter Fall ist.

Aus den Berichten des Kolonialamtes und aus dem Tagebuch des Verstorbenen erfahren wir, daß ein junger vornehmer Engländer, den wir John Clayton, Lord Greystoke, nennen wollen, beauftragt wurde, eine besonders vorsichtige Untersuchung über die Verhältnisse anzustellen, unter denen in einer britischen Kolonie der Westküste Afrikas Eingeborene von einer andern europäischen Macht als Soldaten für ihre Eingeborenenarmee angeworben wurden, die lediglich zur zwangsweisen Beitreibung von Gummi und Elfenbein bei den wilden Stämmen am Kongo und Aruwimi benützt wurden.

Die Eingeborenen der britischen Kolonie beklagten sich darüber, daß manche ihrer jüngeren Leute durch die schönsten Versprechungen weggelockt wurden, daß aber nur wenige zu ihren Familien zurückkehrten.

Die Engländer in Afrika gingen noch weiter, indem sie behaupteten, diese armen Schwarzen würden gewissermaßen in Sklaverei gehalten, denn bei Ablauf ihrer Verpflichtungszeit würde ihre Dummheit von den weißen Offizieren ausgenützt und es würde ihnen gesagt, sie müßten noch einige Jahre dienen. Aus diesem Grunde sandte das Kolonialamt John Clayton auf einen neuen Posten nach Britisch-West-Afrika. Es gab ihm den vertraulichen Auftrag, eine gründliche Untersuchung über die unloyale Behandlung schwarzer britischer Untertanen seitens der Offiziere einer befreundeten europäischen Macht anzustellen. Die Veranlassung zu seiner Mission ist aber für diese Erzählung von geringer Bedeutung, denn Clayton stellte keine Untersuchung an und in Wirklichkeit erreichte er nicht einmal seinen Bestimmungsort.

Clayton war das Urbild eines tapferen Engländers, wie wir uns es nach den Heldenleistungen in vielen siegreichen Schlachten vorstellen, ein tüchtiger Mann in geistiger, moralischer und körperlicher Hinsicht.

Er war von etwas mehr als mittlerer Größe. Seine Augen waren grau, seine Züge regelmäßig und energisch. Seine Haltung war die eines starken, gesunden Mannes, den der Militärdienst noch gestählt hatte.

Aus politischem Ehrgeiz hatte er einen Übertritt vom Heeresdienst zum Kolonialamt angestrebt, und so finden wir ihn in noch jugendlichem Alter mit einem wichtigen Auftrag im Dienste der Königin betraut.

Diese Berufung erfüllte ihn zwar mit Stolz, aber er war doch auch darüber erschrocken. Die Beförderung erschien ihm als ein wohlverdienter Lohn für seine ausdauernden, umsichtigen Dienste und als eine Etappe zu einem bedeutenderen und verantwortungsvolleren Posten, aber andererseits hatte er erst vor drei Monaten Alice Rutherford geheiratet, und er war entsetzt bei dem Gedanken, seine junge Frau den Gefahren und der Einsamkeit des tropischen Afrika auszusetzen. Ihr zuliebe hätte er den Auftrag ablehnen mögen, aber sie wollte das nicht. Sie drang sogar in ihn, daß er ihn annehmen möchte, und erklärte sich bereit, mit ihm zu gehen.

Da waren zwar die Mütter und die Brüder und die Schwestern, die Tanten und Vettern, die allerlei Ansichten darüber kundgaben, aber die Geschichte berichtet uns diese verschiedenen Meinungen nicht.

Wir wissen nur, daß an einem freundlichen Maimorgen des Jahres 1888 Lord Greystoke und Frau Alice von Dover nach Afrika absegelten.

Einen Monat später kamen sie in Freetown an, wo sie ein kleines Segelschiff, die »Fuwalda«, mieteten, um nach ihrem Bestimmungsort zu gelangen.

Von jener Zeit an war aber Lord John Greystoke mit seiner Frau Alice völlig verschollen. Kein Mensch hat sie mehr gesehen, noch etwas von ihnen gehört.

Zwei Monate, nachdem sie den Hafen von Freetown verlassen hatten, durchsuchten sechs englische Kriegsschiffe den südatlantischen Ozean, um eine Spur von ihnen oder ihrem kleinen Schiff zu finden, und bald darauf entdeckten sie die Trümmer des Seglers an der Felsenküste von St. Helena. So war die Welt überzeugt, daß die »Fuwalda« mit Mann und Maus untergegangen war, und die Nachforschung nach den Vermißten wurde eingestellt, nachdem sie noch kaum begonnen hatte. In den sehnsüchtigen Herzen der Angehörigen lebte zwar noch manches Jahr die Hoffnung fort, bis sie allmählich erlosch.

Die »Fuwalda«, ein Fahrzeug von etwa hundert Tonnen, war ein Schiff von der Gattung, die man im Küstenhandel des fernen südatlantischen Ozeans oft sieht und deren Mannschaft aus dem Abschaum der See, ungehängten Mördern und Räubern aller Rassen und Nationen, besteht.

Die Offiziere der »Fuwalda« waren gebräunte Eisenfresser, die die Mannschaft haßten, so wie sie von dieser gehaßt wurden. Der Kapitän war zwar ein tüchtiger Seemann, aber brutal gegen seine Leute. In seinem Verkehr mit ihnen kannte er nur zwei Argumente, wenn er sie auch erst in letzter Linie benützte, den Knüppel und den Revolver, und es ist auch nicht wahrscheinlich, daß das bunte Gemisch, das er angeworben hatte, irgend etwas anderes verstanden hätte.

So geschah es denn, daß schon am zweiten Tage nach der Abfahrt von Freetown John Clayton und seine junge Frau auf dem Deck der »Fuwalda« Zeugen von Szenen wurden, wie sie nie geglaubt hätten, daß sie anders als auf den bunten Titelbildern von Seegeschichten vorkämen.

Es war am Morgen des zweiten Tages, wo das erste Glied einer Kette entstand, die das Leben eines damals noch Ungeborenen so umstricken sollte, wie es vielleicht noch nie dem Leben eines Menschen geschehen ist.

Zwei Matrosen waren beschäftigt, das Deck der »Fuwalda« zu waschen. Der erste Steuermann war auf seinem Posten, und der Kapitän hatte sich eben mit John Clayton und Frau Alice unterhalten.

Die Matrosen waren hinter ihnen an der Arbeit. Sie kamen immer näher, bis der eine von ihnen direkt hinter dem Kapitän war. In einem andern Augenblick wäre er ohne weiteres vorübergegangen, und dann wäre diese ganze außerordentliche Geschichte nicht passiert.

Aber gerade als der Offizier sich umdrehte, um Lord und Lady Greystoke zu verlassen, stolperte er über den Matrosen und fiel in seiner ganzen Länge auf das Deck, wobei er den Eimer umstürzte, so daß er von dem schmutzigen Inhalt Übergossen wurde.

Im ersten Augenblick erschien die Szene zum Lachen, aber auch nur für einen Augenblick. Mit einer Salve schrecklicher Flüche, das Gesicht rot vor Wut, stand der Kapitän wieder auf, und mit einem fürchterlichen Hieb schlug er den Matrosen nieder.

Es war ein schmächtiger, schon älterer Mann, so daß die Brutalität nur noch mehr hervortrat. Der andere Seemann aber war bedeutend jünger und stärker, ein richtiger Bär, mit stolzem schwarzem Schnurrbart und stiernackig.

Als er sah, daß sein Kamerad dalag, bückte er sich, sprang mit einem leisen Knurren auf den Kapitän los, und schlug ihn mit einem einzigen mächtigen Schlag auf die Knie nieder.

Das Gesicht des Offiziers, das bis dahin rot gewesen war, wurde jetzt weiß, denn das war offene Meuterei und Meuterei hatte er schon früher in seinem brutalen Kerker unterdrückt. Ohne zu warten, bis er wieder aufstehen konnte, zog er seinen Revolver aus der Tasche und richtete ihn auf den muskulösen Riesen, der vor ihm aufragte, aber in demselben Augenblick, da Lord Greystoke die Waffe aufleuchten sah, schlug dieser sie zu Boden, so daß die Kugel, die dem Herzen des Matrosen zugedacht war, ihn nur ins Bein traf.

Es entstand ein Wortwechsel zwischen Clayton und dem Kapitän. Der Lord erklärte ihm nämlich, er sei entrüstet über die Grausamkeit gegen die Mannschaft und er wolle nicht dulden, daß sich je wieder etwas Derartiges ereigne, solange er und seine Frau als Passagiere aus dem Schiff seien.

Der Kapitän war auf dem Punkte, ihm heftig zu erwidern, aber er fühlte, es sei besser, das nicht zu tun, und so wandte er sich mit finsteren Blicken um und ging davon.

Er hielt es doch für klüger, einen englischen Beamten nicht zu reizen, denn die mächtige Königin hatte ein Strafwerkzeug zur Verfügung, das er kannte und fürchtete: Englands weitreichende Flotte.

Die beiden Matrosen standen auf, indem der alte Mann dem verwundeten Kameraden behilflich war. Der starke Kerl, der unter der Mannschaft als der schwarze Michel bekannt war, prüfte sein Bein bedächtig und als er fand, daß es sein Gewicht noch tragen konnte, wandte er sich Clayton zu, indem er ihm mit kurzen Worten dankte.

War auch der Ton des Mannes mürrisch, so waren seine Worte doch offenbar gutgemeint. Kaum hatte er seine Ansprache vollendet, so hatte er sich schon umgedreht und war im Matrosenlogis verschwunden, in der offenbaren Absicht, jede weitere Unterredung zu vermeiden.

Der Lord und seine Frau sahen ihn einige Tage lang nicht mehr, und auch der Kapitän würdigte sie nur eines mürrischen Brummens, wenn er gezwungen war, mit ihnen zu sprechen. Sie speisten gemeinsam in seiner Kajüte, wie sie es vor dem unglücklichen Vorfall taten, aber der Kapitän sorgte dafür, daß seine Pflichten es ihm niemals erlaubten, zu gleicher Zeit mit ihnen zu essen.

Die andern Offiziere waren derbe ungebildete Kerle und nur zu froh, gesellschaftlichen Verkehr mit dem seinen englischen Edelmann und seiner Gattin zu meiden, so daß die Claytons sehr viel sich selbst überlassen waren.

An und für sich entsprach dies ihren Wünschen vollkommen, aber dadurch waren sie auch von dem Leben und Treiben auf dem kleinen Schiff abgesondert und nicht imstande, in Fühlung mit den täglichen Vorkommnissen zu bleiben, die schon so bald in einer blutigen Tragödie endigen sollten.

In der ganzen Atmosphäre des Schiffes lag ein unbestimmtes Etwas, das Unheil verkündete.

Äußerlich ging auf dem kleinen Fahrzeug alles, soweit die Claytons es sahen, seinen gewohnten Gang, aber daß sie einer unbekannten Gefahr entgegengingen, fühlten beide, obschon sie sich gegenseitig nicht darüber aussprachen.

Am zweiten Tag, nachdem der schwarze Michel verwundet worden war, kam Clayton gerade rechtzeitig auf das Deck, um zu sehen, wie der schlaffe Körper eines Matrosen von vier Kameraden hinuntergebracht wurde, während der erste Steuermann, einen schweren Knüppel in der Hand haltend, der kleinen Gruppe trotziger Matrosen nachsah.

Clayton stellte keine Frage – er hatte es auch nicht nötig –, aber als am folgenden Tage der große Umriß eines englischen Schlachtschiffes am fernen Horizont auftauchte, war er halb entschlossen, zu verlangen, daß er und seine Gattin an dessen Bord übergesetzt würden, denn seine Befürchtung, daß ihnen bei ihrem Verbleiben auf der düsteren »Fuwalda« noch etwas Übles zustoßen könnte, wuchs ständig.

Gegen Mittag kamen sie in Sichtweite des britischen Schiffes, aber wenn Clayton auch nahezu entschlossen war, den Kapitän zu bitten, sie übersetzen zu lassen, so wurde ihm jetzt das augenscheinlich Lächerliche eines solchen Ersuchens plötzlich klar. Welchen Grund sollte er dem befehlenden Offizier von Ihrer Majestät Schiff angeben, um in der Richtung zurückzufahren, aus der er soeben gekommen war?

Wahrhaftig, wenn er den Offizieren erzählt hätte, daß zwei widerspenstige Matrosen rauh behandelt worden seien, so hätten sie nur heimlich über ihn gelacht und ihn der Feigheit bezichtigt, wenn er das kleine Schiff nur aus diesem Grunde verlassen hätte.

So verzichtete Lord Greystoke darauf, an Bord des britischen Kriegsschiffs gebracht zu werden; aber am späten Nachmittag, noch bevor die Mastspitzen des Kriegsschiffes am fernen Horizont ganz verschwunden waren, fand er seine größten Befürchtungen bestätigt, und er verwünschte nun seinen falschen Stolz, der ihn einige Stunden vorher davon abgehalten hatte, sein junges Weib in Sicherheit zu bringen, als sich ihm diese Rettung bot – eine Rettung, die nun für immer vorbei war.

Es war am Nachmittag, als der kleine alte Mann, der vor einigen Tagen so unmenschlich von dem Kapitän niedergeschlagen worden war, sich an Clayton und seine Frau, die dem entschwindenden Schlachtschiff nachsahen, heranschlich. Der Alte polierte Messingstangen, und als er näher an Clayton herankam, sagte er in flüsterndem Tone:

Er wird's bezahlen, Herr! Das glauben Sie mir aufs Wort. Er wird's bezahlen!

Was meinen Sie, mein Bester? fragte Clayton.

Wie? Haben Sie nicht gesehen, was hier vorgeht? Dieser Teufels-Kapitän! Gestern zwei zerschlagene Köpfe und heute drei. Der vom schwarzen Michel ist wieder so gut wie neu, und er ist nicht der Kerl, der sich das gefallen läßt, er nicht, mein Wort darauf!

Sie meinen, lieber Mann, daß die Mannschaft meutern will?

Meutern? erwiderte der Alte, meutern? Totschlagen wird man, Herr, mein Wort darauf!

Wann?

Es kommt, Herr, es kommt, aber ich darf nicht sagen, wann, und ich habe jetzt schon verflucht viel gesagt, aber Sie waren neulich so gut gegen mich, und da dachte ich, es wäre nicht mehr als recht, Sie zu warnen. Aber halten Sie die Zunge fest, und wenn Sie schießen hören, so gehen Sie hinunter und bleiben Sie dort! Das ist alles, aber schweigen Sie, oder man wird Ihnen eine Pille zwischen die Rippen jagen, – verlassen Sie sich darauf, Herr!

Und der alte Mann polierte weiter und entfernte sich allmählich von der Stelle, wo die Claytons standen.

Das sind ja schöne Aussichten, Alice, sagte Clayton.

Du mußt den Kapitän sofort warnen, John! sagte sie. Die Unruhen können dann vielleicht noch verhütet werden.

Eigentlich müßte ich es tun, aber vom selbstsüchtigen Standpunkt aus möchte ich lieber »die Zunge festhalten«. Was die Leute auch unternehmen mögen, uns werden sie schonen, aus Dank dafür, daß ich für den schwarzen Michel Partei ergriffen habe, aber wenn sie herausfänden, daß ich sie verraten hätte, so würden wir keine Gnade vor ihnen finden, Alice!

Du hast aber nur eine Pflicht, John, und die liegt auf der Seite der verletzten Autorität! Wenn du den Kapitän nicht warnst, so machst du dich der Mithilfe schuldig, genau so, als ob du an der Anzettelung der Verschwörung mit beteiligt gewesen wärest.

Du faßt die Sache falsch auf, mein Liebling, erwiderte Clayton. An dich denke ich, – darin liegt meine erste Pflicht. Der Kapitän hat sich selbst in diese Lage gebracht. Warum soll ich in dem wahrscheinlich nutzlosen Versuch, ihn vor seinem eigenen brutalen Wahnsinn zu retten, es riskieren, meine Frau undenkbaren Greueln auszusetzen? Du hast keinen Begriff, meine Liebe, von dem, was folgen würde, wenn dieses Pack von Halsabschneidern die »Fuwalda« in ihre Gewalt bekäme.

Pflicht ist Pflicht, mein Lieber, und kein Scheingrund kann etwas daran ändern. Das müßte ein armseliges Weib für einen englischen Lord sein, wenn es ihn verhindern wollte, einfach seine Pflicht zu tun. Ich verstehe die Gefahr, die daraus entstehen kann, aber ich kann ihr mit dir vereint entgegentreten, und zwar tapferer als ich es im Bewußtsein der Schuld könnte, daß du eine Tragödie hättest vermeiden können, wenn du deine Pflicht nicht vernachlässigt hättest.

So geschehe denn dein Wille, Alice, antwortete er. Vielleicht machen wir uns auch unnötige Sorgen. Wenn mir auch die Vorgänge an Bord dieses Schiffes nicht gefallen, so sind sie doch vielleicht nicht so tragisch, denn es ist möglich, daß der alte Seemann mehr die Wünsche seines bösen alten Herzens geäußert als von wirklichen Tatsachen gesprochen hat. Meuterei auf hoher See mag vor hundert Jahren häufig gewesen fein, aber im Jahre 1888 ist es das unwahrscheinlichste Vorkommnis, das man sich denken kann. – Doch da geht der Kapitän in seine Kajüte! Wenn ich ihn warnen soll, so möchte ich diese unangenehme Sache gleich erledigen, denn ich habe überhaupt wenig Lust, mit dem brutalen Menschen zu sprechen.

Indem er so sprach, schlenderte er mit sorgloser Miene der Kajütentreppe zu, die der Kapitän eben passiert hatte, und klopfte einen Augenblick später an dessen Tür.

Herein! brummte der tiefe Baß des mürrischen Offiziers. Und als Clayton eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte er:

Nun?

Ich komme, um Ihnen den Hauptpunkt einer Unterredung mitzuteilen, die ich heute gehört habe, denn ich habe die Empfindung, daß, wenn auch nichts Wahres daran sein sollte, es auf alle Fälle gut sein wird, wenn Sie bewaffnet sein werden. Die Mannschaft beabsichtigt in Kürze Meuterei und Totschlag!

Das ist gelogen! brüllte der Kapitän. Und wenn Sie sich noch einmal in die Disziplin dieses Schiffes einmischen oder sich um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen, so sollen Sie die Folgen tragen und zum Teufel gehen! Es ist mir gleich, ob Sie englischer Lord find oder nicht. Ich bin Kapitän dieses Schiffes, und von jetzt ab stecken Sie Ihre Nase nicht mehr in meine Angelegenheiten!

Indem er so sprach, redete er sich in eine solche Wut hinein, daß er puterrot im Gesicht wurde und die letzten Worte nur so hinausschrie, indem er mit der einen gewaltigen Faust auf den Tisch schlug und mit der andern Clayton bedrohte.

Greystoke verzog keine Miene, sondern sah nur mit Staunen auf den erregten Mann.

Kapitän Billings, sagte er mit langsamer Betonung, wenn Sie meine Offenheit verzeihen wollen, so möchte ich Ihnen sagen, daß Sie ein Esel sind. Verstehen Sie?

Darauf drehte er sich um und verließ die Kajüte mit derselben Gemütsruhe, die ihm stets eigen war und die den Zorn eines Mannes wie Billings mehr steigerte, als eine Flut von Schimpfworten.

Wenn Clayton versucht hätte, ihn zu versöhnen, so hätte der Kapitän seine jähzornigen Worte vielleicht bedauert. So aber verblieb er in derselben Wut, wie Clayton ihn verlassen hatte, und somit war die letzte Aussicht auf ein Zusammenarbeiten für ihr gemeinsames Wohl und die Erhaltung ihres Lebens dahin.

Nun, Alice, sagte Clayton, als er zu seiner Frau zurückkehrte, wenn ich meinen Atem gespart hätte, so hätte ich mir auch ein wenig Ärger erspart. Der Kerl zeigte sich sehr undankbar. Er fiel mich an wie ein toller Hund. Er mag mit seinem alten Schiff zum Henker gehen! Was liegt mir daran. Und bis wir glücklich hier loskommen, werde ich nur noch auf unser eigenes Wohl bedacht sein. Und ich denke, daß der erste Schritt auf diesem Wege der sein wird, nach unserer Kajüte zu gehen und nach meinem Revolver zu sehen. Ich bedauere jetzt, daß ich die größeren Gewehre und die Munition ganz unten in die Koffer gepackt habe.

Sie fanden ihre Kabine in einem üblen Zustand. Kleider aus ihren offenen Koffern lagen in dem kleinen Raum umhergestreut und selbst die Betten waren auseinandergerissen.

Da hat offenbar einer sich mehr für unser Eigentum interessiert als wir selbst, sagte Clayton. Ich möchte aber wissen, was der freche Kerl gesucht hat. Laß uns doch einmal nachsehen, Alice, ob etwas fehlt.

Nach gründlichem Suchen stellte sich heraus, daß nichts weiter gestohlen worden war, als die zwei Revolver und etwas Munition, die dabei lag.

Das sind gerade die zwei Dinge, auf die ich am meisten Wert gelegt hätte, sagte Clayton. Und die Tatsache, daß sie nur diese mit fortgenommen haben, ist das Schlimmste von allem, was wir bis jetzt auf diesem erbärmlichen Kasten erfahren haben.

Was sollen wir nun tun, John? fragte seine Frau. Ich werde dich nicht mehr drängen, nochmals zum Kapitän zu gehen, denn ich möchte dich nicht noch einmal einer Beschimpfung aussetzen. Vielleicht liegt unsere beste Aussicht auf Rettung in einem neutralen Verhalten. Wenn die Offiziere imstande sind, eine Meuterei zu verhindern, so haben wir nichts zu befürchten, während, wenn die Meuterer siegen, unsere einzige schwache Hoffnung darin liegt, nicht versucht zu haben, ihre Pläne zu durchkreuzen oder zu bekämpfen.

Du hast Recht, Alice. Halten wir den goldenen Mittelweg ein.

Als sie sich anschickten, ihre Kabine in Ordnung zu bringen, bemerkten Clayton und seine Frau, daß ein Stück Papier unter der Türe hereingeschoben wurde. Als Clayton sich darnach bückte, war er verwundert, daß es sich weiter bewegte, und er erkannte, daß es jemand von außen hereinschob.

Schnell und lautlos näherte er sich der Türe, aber als er diese aufreißen wollte, faßte seine Frau ihn beim Handgelenk.

Nein, John, flüsterte sie, sie wollen nicht gesehen werden, und deshalb wollen wir sie auch nicht überraschen. Vergiß nicht, daß wir den goldenen Mittelweg gehen wollen.

Clayton zog seine Hand zurück. So standen sie da und beobachteten das kleine Stück weiße Papier, bis es vollständig diesseits der Türe war.

Dann hob Clayton es auf. Es war ein schmutziges Blatt, das unordentlich zusammengefallen war. Beim Öffnen lasen sie darauf einige Zeilen in einer Schrift, die offenbar von einer des Schreibens nicht gewohnten Hand herrührte.

Dem Inhalt nach war es eine Warnung an die Claytons, sich bei Todesstrafe einer Meldung über das Abhandenkommen der Revolver oder einer Mitteilung über das, was der alte Matrose gesagt hatte, zu enthalten.

Ich glaube, es geht gut, sagte Clayton mit traurigem Lächeln. Alles, was wir tun können, ist uns ruhig zu verhalten und abzuwarten, was auch kommen mag.


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