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Geheimnisvolle Ereignisse

Von einem luftigen Sitz aus besah Tarzan sich das Dorf, das aus strohbedeckten Hütten jenseits der Felder bestand.

Er sah, daß das Dorf an einer Stelle an den Wald grenzte, und er beeilte sich, dorthin zu gelangen, denn ihn trieb eine fieberhafte Neugier, die Tiere oder Menschen seiner Art zu betrachten, ihre Gebräuche zu erfahren und die sonderbaren Hütten zu beobachten, in denen sie wohnten.

Bei dem wilden Leben, das er inmitten der Tiere der Urwälder führte, konnte er sich nichts anderes vorstellen, als daß dies Feinde seien. Wenn es auch Menschen ähnlicher Gestalt waren wie er, und zwar die ersten, die er sah, so war er doch keinen Augenblick im Zweifel über den Empfang, den sie ihm bereiten würden, wenn sie ihn entdeckten.

Er war nicht empfindsam. Von einer Brüderlichkeit der Menschen wußte er nichts. Außerhalb seines Stammes betrachtete er alle Wesen als seine Todfeinde, mit wenigen Ausnahmen, unter denen Tantor, der Elefant, an erster Stelle stand.

Bei diesen Vorstellungen leitete ihn keinerlei Bosheit oder Haß. Das Töten beruhte auf einem Gesetz seiner wilden Welt. Er kannte nur wenige bescheidene Vergnügen, aber das größte von diesen war die Jagd und das Töten. So gestand er denn auch andern ohne weiteres das Recht zu, selbst wenn es sich gegen ihn richtete.

Sein seltsames Leben hatte ihn weder mürrisch noch blutdürstig gemacht. Daß er Freude am Töten hatte und daß er mit einem frohen Lachen auf seinen schönen Lippen tötete, war noch kein Beweis von angeborener Grausamkeit. Meist tötete er, um sich Nahrung zu verschaffen, aber da er ein Mensch war, tötete er manchmal aus Vergnügen, und das tut kein anderes Tier, denn unter allen Geschöpfen ist es dem Menschen allein vorbehalten, sinnlos und leichtfertig zu töten, bloß aus Vergnügen, einem andern Wesen Leid zuzufügen oder es umzubringen.

Wenn Tarzan aus Rache oder zur Selbstverteidigung tötete, so geschah das immer ohne Leichtfertigkeit oder Bosheit.

Als er sich nun dem Dorfe Mbongas näherte, machte er sich denn auch ganz darauf gefaßt, entweder töten zu müssen oder getötet zu werden, wenn er entdeckt wurde. Er ging mit ungewöhnlicher Vorsicht vor, denn Kulonga hatte ihm großen Respekt vor den kleinen scharfen Holzpfeilen eingeflößt, die den Tod so rasch und so unfehlbar herbeiführten.

Zuletzt kam er auf einen großen Baum, der schwer mit dichtem Laubwerk beladen und mit hängenden Schlingpflanzen überwuchert war. Er duckte sich in dieses undurchdringliche Nest und schaute auf das Dorf herunter.

Er wunderte sich über jeden Zug dieses neuen, fremdartigen Lebens. Da sah er nackte Kinder, die in der Dorfstraße umherliefen und spielten, und Frauen, die in rohen Steinmörsern getrocknete Bananen zerrieben, während andere Kuchen aus dem gemahlenen Mehl formten. Draußen auf den Feldern konnte er wieder andere Frauen sehen, die hackten, jäteten oder ernteten.

Alle trugen auffallende Gürtel von getrocknetem Gras um die Hüften, und manche waren mit messingenen und kupfernen Fußspangen, Armbändern und Armspangen überladen. Andere trugen um ihren schwarzen Hals ein sonderbares Band aus Draht, und verschiedene waren auch mit riesigen Nasenringen geschmückt.

Tarzan schaute verwundert auf diese merkwürdigen Geschöpfe. Mehrere Männer sah er schlafend im Schatten liegen, während er am äußersten Ende der Lichtung zuweilen bewaffnete Krieger sehen konnte, die das Dorf offenbar gegen einen feindlichen Überfall bewachten.

Es fiel ihm auf, daß nur die Frauen arbeiteten. Nirgends sah man einen Mann, der etwa auf dem Felde gepflügt oder im Dorfe irgend eine häusliche Arbeit verrichtet hätte.

Schließlich blieben seine Augen auf einer Frau dicht unter ihm haften.

Vor ihr stand ein kleiner Kochkessel über einem niederen Feuer, und darin sprudelte eine dicke, rötliche Masse. Auf der einen Seite lag eine Anzahl hölzerner Pfeile, deren Spitzen die Frau in den siedenden Kessel tauchte, um sie dann auf ein schmales Gestell auf der anderen Seite zu legen.

Das fesselte Tarzan ganz besonders, denn hier hatte er das gesuchte Geheimnis entdeckt. Jetzt wußte er, weshalb die winzigen Wurfgeschoße des Bogenschützen so verderblich waren! Er bemerkte, mit welcher Sorgfalt die Frau darauf achtete, daß nichts von dem Stoff ihre Hände berührte. Als einmal ein Teilchen auf einen ihrer Finger sprang, tauchte sie ihn sofort in ein Gefäß mit Wasser und rieb den kleinen Fleck schnell mit einer Handvoll Blätter ab.

Tarzan kannte kein Gift, aber sein Scharfsinn sagte ihm, dieses müsse der Stoff sein, der tötete, nicht aber der kleine Pfeil, denn dieser war offenbar nur der Bote, der es in den Körper seines Opfers hineintrug.

Wie gern hätte er noch mehr von diesen kleinen, todbringenden Pfeilen gehabt! Wenn die Frau ihre Arbeit nur einen Augenblick verlassen würde, so könnte er hinunterklettern, eine Handvoll zusammenraffen und wieder auf den Baum steigen, ehe sie noch drei Atemzüge getan hatte.

Als er darüber nachdachte, wie er wohl ihre Aufmerksamkeit ablenken könnte, hörte er einen wilden Schrei von der Lichtung her. Er sah und hörte einen schwarzen Krieger, der unter demselben Baum stand, an dem er Kalas Mörder getötet hatte.

Der Mann schrie und schwang seinen Speer über seinem Kopfe. Immer wieder zeigte er auf etwas vor sich auf dem Boden.

In einem Nu war das ganze Dorf in Aufruhr. Aus den Hütten stürzten bewaffnete Männer und rannten wie wahnsinnig auf die Schildwache zu. Hinter ihnen drein trollten die alten Männer, die Frauen und Kinder, so daß das Dorf auf einmal verlassen war.

Tarzan erriet, daß sie die Leiche seines Opfers gefunden hatten, aber das interessierte ihn weit weniger als die Tatsache, daß keiner im Dorfe zurückblieb, der ihn davon abgehalten hätte, sich einen Vorrat von den unter ihm liegenden Pfeilen zu holen. Schnell und geräuschlos ließ er sich auf den Boden neben dem Giftkessel herab. Einen Augenblick stand er unbeweglich. Seine lebhaften hellen Augen prüften das Innere der Umzäunung genau.

Niemand war in Sicht. Seine Blicke hafteten auf dem Eingang einer nahen Hütte. Er wollte nur hineinsehen, und er näherte sich vorsichtig dem strohbedeckten Baue.

Einen Augenblick horchte er von draußen aufmerksam. Kein Laut war zu hören, und so schlich er sich in das Halbdunkel des Inneren hinein.

An den Wänden hingen Waffen, fremdartig geformte Messer und ein paar schmale Schilder. In der Mitte des Raumes war ein Kochtopf und im Hintergrund ein Lager von getrockneten Gräsern, die mit gewebten Matten bedeckt waren und offenbar als Betten dienten. Mehrere Menschenschädel lagen auf dem Boden.

Tarzan befühlte jeden Gegenstand, hob die Speere auf, um ihr Gewicht zu prüfen und roch an ihnen, denn sein Geruch sagte ihm oft mehr als seine Augen. Er hätte gern einen dieser langen spitzen Stöcke mitgenommen, aber das war diesmal nicht möglich, da er schon die Pfeile zu tragen hatte.

Sowie er die Gegenstände von der Wand nahm, legte er sie mitten im Raume auf einen Haufen und darüber stülpte er den Kochtopf, legte einen der grinsenden Schädel darauf, den er mit dem Kopfputz des toten Kulonga schmückte.

Dann trat er zurück, übersah sein Werk und lachte über den Scherz, den er sich geleistet hatte.

Aber da hörte er mehrere Stimmen, dann ein langgezogenes Trauergeheul und ein gewaltiges Klagen. Jetzt hieß es sich beeilen! Vielleicht hatte er schon zu lange verweilt. Er sprang zum Eingang und schaute die Dorfstraße nach dem Eingangstor hinunter.

Die Eingeborenen waren noch nicht in Sicht, obwohl er sie deutlich durch die Anpflanzungen herankommen hörte. Sie mußten also schon sehr nahe sein. Wie ein Blitz sprang er auf den Haufen Pfeile zu. Alles zusammenraffend, was er unter dem Arm tragen konnte, stieß er den siedenden Kessel um und verschwand gerade oben im Laubwerk, als der erste der wiederkehrenden Eingeborenen durch das Dorftor eintrat. Dann beobachtete er, was unten vorging; er schwebte auf dem Baume wie ein wilder Vogel, der auf das erste Zeichen von Gefahr bereit ist, davon zu fliegen.

Die Eingeborenen kamen im Zuge die Straße herauf. Vier von ihnen trugen die Leiche Kulongas. Dahinter gingen die Frauen, seltsame Schreie und Klagerufe ausstoßend. Sie näherten sich dem Eingang der Hütte, in die Tarzan eingedrungen war; das war also Kulongas Wohnung gewesen!

Kaum hatte ein halbes Dutzend der Eingeborenen den Bau betreten, als sie auch schon in wilder schwatzender Verwirrung herausstürzten. Auch die andern liefen hastig umher. Sie gestikulierten eifrig, zeigten mit dem Finger und plapperten. Mehrere Krieger näherten sich der Hütte und schauten hinein.

Schließlich trat ein alter Neger in die Hütte. Er trug viel Metallzierrat an Arm und Bein und ein schreckliches Halsband.

Es war Mbonga, der Häuptling, Kulongas Vater.

Einen Augenblick war alles still. Dann kam Mbonga wieder heraus. Grimm und abergläubische Furcht malten sich auf seinen Gesichtszügen. Er sprach ein paar Worte zu den versammelten Kriegern, und im Augenblick stoben die Männer durch das kleine Dorf, jede Hütte und jede Ecke innerhalb der Umwallung sorgfältig durchsuchend.

Kaum hatte das Suchen begonnen, als der umgekippte Kessel und das Verschwinden der vergifteten Pfeile entdeckt wurden, und nun kauerte eine von Angst und Schrecken erfüllte Gruppe von Wilden um den Häuptling.

Mbonga konnte sich dieses seltsame Ereignis nicht erklären. Das Auffinden der noch warmen Leiche Kulongas an der Grenze ihrer Felder und noch in Hörweite ihres Dorfes, erstochen und beraubt in der Nähe seines väterlichen Heims, war schon geheimnisvoll genug, aber noch mehr erfüllten die furchtbaren Entdeckungen im Dorfe selbst, in Kulongas Hütte, ihre Herzen mit Furcht und erzeugten in ihren armen Köpfen die schrecklichsten abergläubischen Vorstellungen.

Sie standen in kleineren Gruppen, mit leiser Stimme sprechend und immer furchtsame Blicke aus ihren großen rollenden Augen um sich werfend.

Tarzan beobachtete sie eine Weile von seinem luftigen Sitze auf dem hohen Baume. Vieles in ihrem Benehmen verstand er nicht, denn Aberglauben kannte er nicht und von Furcht hatte er nur eine unklare Vorstellung.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Tarzan hatte Hunger, und er war noch manche Meile von der Stelle entfernt, wo die schmackhaften Reste Hortas, des Ebers, lagen.

So drehte er denn dem Dorfe Mbongas den Rücken und verschwand im sicheren Laubwerk des Waldes.


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