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Begräbnis

Als es ganz hell geworden war, begann die Gesellschaft, sich eine Mahlzeit zuzubereiten, denn keiner von ihnen hatte seit dem vorhergehenden Tage etwas gegessen.

Die Meuterer der »Arrow« hatten einen kleinen Vorrat von getrocknetem Fleisch, Suppen- und Gemüsekonserven, Zwieback, Mehl, Tee und Kaffee für die fünf Personen, die sie an einer unbewohnten Küste aussetzten, an Land gebracht, und nun machten diese sich darüber her, um ihren Hunger zu stillen.

Die nächste Aufgabe bestand darin, die Hütte bewohnbar zu machen und die grausigen Überreste der Tragödie, die sich vor langer Zeit dort abgespielt hatte, zu entfernen.

Professor Porter und Mr. Philander waren in die Untersuchung der Skelette vertieft. Sie stellten fest, daß die zwei größeren ein männliches und ein weibliches von einer höheren weißen Rasse seien.

Dem kleinen Skelett schenkten sie weniger Beachtung, denn da es in der Wiege lag, zweifelten sie nicht daran, daß es sich um das Kind des unglücklichen Ehepaares handle.

Als sie sich anschickten, das Skelett des Mannes zur Beerdigung hinauszutragen, entdeckte Clayton einen massiven Ring, der offenbar die Hand geschmückt hatte, denn es lag noch ein dürrer Knochen darin.

Als Clayton ihn aufhob und näher prüfte, stieß er einen Ruf der Überraschung aus, denn der Ring trug das Wappen des Hauses Greystoke.

Zu gleicher Zeit entdeckte Jane Porter die Bücher in dem Schranke, und auf dem Vorsatzblatt eines dieser Bände sah sie den Namen: John Clayton, London. In einem zweiten Buche, das sie in der Eile untersuchte, stand bloß der Name Greystoke.

Wie, Mr. Clayton, rief sie, was bedeutet dies? In diesen Büchern stehen die Namen Ihrer eigenen Familie.

Und hier, erwiderte er ernst, ist der große Ring des Hauses Greystoke, der verloren war, seit mein Onkel John Clayton, der frühere Lord Greystoke, verschwand; er ging vermutlich im Meere unter.

Aber, rief das Mädchen, wie können Sie sich denn erklären, daß die Dinge hier in diese afrikanische Wildnis gekommen sind?

Dafür gibt es nur eine Erklärung, Miß Porter, sagte Clayton. Der verstorbene Lord Greystoke ist nicht ertrunken. Er starb hier in der Hütte, und diese armen Reste auf dem Boden sind alles, was sterblich an ihm war.

Dann muß dieses Lady Greystoke gewesen sein, sagte Jane Porter ehrfurchtsvoll, indem sie auf das Häuflein Knochen auf dem Bette zeigte.

Die schöne Lady Alice, fügte Clayton hinzu, von deren Tugenden und persönlichen Reizen meine Eltern oft gesprochen haben. Arme, unglückliche Lady, murmelte er traurig. Ehrfurchtsvoll und feierlich brachte man die Überreste hinaus, nachdem man neben der Hütte ein Grab bereitet hatte.

Als Mr. Philander die zarten Knochen des Kindes in ein Stück Segeltuch legte, betrachtete er den Schädel sorgfältig.

Dann rief er Professor Porter, und beide sprachen mehrere Minuten leise zusammen.

Sehr merkwürdig, sehr merkwürdig! sagte Professor Porter.

Bei Gott, sagte Mr. Philander, wir müssen Mr. Clayton mit unserer Entdeckung bekannt machen.

Pah, Mr. Philander, lassen Sie die Toten ruhen!

So wurden die Gebeine von Lord und Lady Greystoke der Erde übergeben, und zwischen sie legte man das winzige Skelett des Kindes der Äffin Kala.

Der weißhaarige alte Herr sprach die Totengebete über das seltsame Grab, während seine vier Begleiter mit entblößten Häuptern dastanden.

Von den Bäumen herunter beobachtete Tarzan die Feier, aber am meisten betrachtete er das liebliche Gesicht und die reizende Gestalt Jane Porters.

In seiner wilden Brust regten sich neue Gefühle, die er nicht ergründen konnte. Er wunderte sich, warum er diesen Menschen so viel Teilnahme entgegenbrachte und warum er sich solche Mühe mit diesen drei Männern gegeben hatte. Aber er wunderte sich nicht, daß er Sabor von dem zarten Leib des fremden Mädchens gerissen hatte.

Die Männer waren jedenfalls dumm, lächerlich und feige. Sogar Manu, der Affe, war klüger als sie. Wenn dies Geschöpfe seiner eigenen Art waren, so mußte er sich fragen, ob sein früherer Stolz auf seine Abstammung berechtigt war. Aber das Mädchen, – ja, das war etwas anderes! An dem hatte er nichts auszusetzen. Er wußte, daß es geschaffen war, um beschützt zu werden, und er war erschaffen, um es zu beschützen.

Er wunderte sich, warum man ein großes Loch in die Erde gegraben hatte, bloß um dürre Knochen zu begraben. Das hatte doch keinen Sinn, denn es fiel ja niemand ein, trockene Knochen zu stehlen. Wäre noch Fleisch daran gewesen, so hätte er es verstehen können, denn nur durch Vergraben konnte man seinen Fleischvorrat vor Dango, der Hyäne, und den anderen Raubtieren der Dschungel sichern.

Als das Grab mit Erde aufgefüllt war, kehrte die kleine Gesellschaft zu der Hütte zurück. Esmeralda weinte noch immer ausgiebig für die zwei Menschen, die schon vor zwanzig Jahren gestorben waren und von denen sie erst heute gehört hatte.

Als sie aber zufällig nach dem Hafen schaute, hörten ihre Tränen alsbald auf.

Seht, da unten die Weißen, sie rudern fort, rief sie, nach der »Arrow« zeigend. Sie verlassen uns alle und lassen uns auf dieser bösen Insel zurück!

Tatsächlich fuhr die »Arrow« langsam aus dem Hafen in die offene See hinaus.

Sie versprachen uns, Waffen und Munition zurückzulassen, sagte Clayton. Die undankbaren Geschöpfe!

Das haben wir sicher dem Burschen zuzuschreiben, den sie Snipes nannten, sagte Jane Porter. King war zwar auch ein Schurke, aber er hatte doch etwas menschliches Gefühl. Wenn sie ihn nicht getötet hätten, so hätte er gewiß dafür gesorgt, daß wir reichlich mit Vorräten versehen worden wären, ehe man uns unserem Schicksal überließ.

Professor Porter ging langsam auf die Dschungel zu, seine Hände unter den langen Rockschößen und die Augen auf den Boden gerichtet.

Seine Tochter sah ihm lächelnd nach, und dann sagte sie zu Mr. Philander:

Bitte, lassen Sie ihn nicht allein gehen. Wir verlassen uns darauf, daß Sie ihn im Auge behalten.

Er wird von Tag zu Tag schwieriger zu behandeln, erwidert? Mr. Philander seufzend und kopfschüttelnd. Ich vermute, daß er jetzt zum Direktor des zoologischen Gartens gehen will, um ihm zu melden, daß einer seiner Löwen in der vergangenen Nacht ausgebrochen ist. O, Miß Jane, Sie glauben gar nicht, was ich bei ihm auszustehen habe!

Doch, ich weiß es, Mr. Philander, aber obgleich wir alle ihn lieben, eignen Sie sich am besten dazu, mit ihm umzugehen, denn was er Ihnen auch sagen mag, – er schätzt Ihre große Gelehrsamkeit und hat ein ungeheures Vertrauen zu Ihrem Urteil. Der Ärmste kann zwischen Gelehrsamkeit und Klugheit nicht unterscheiden.

Mit einem milden, verlegenen Ausdruck auf dem Gesicht ging Mr. Philander, um Professor Porter zu folgen, und sann darüber nach, ob er sich durch Fräulein Porters doppelsinnigen Ausspruch geschmeichelt oder gekränkt fühlen sollte. Tarzan hatte die Bestürzung auf den Gesichtern der kleinen Gruppe wahrgenommen, als die »Arrow« abfuhr. Da das Schiff zudem eine wunderbare Neuheit für ihn war, beschloß er, nach der Landspitze nördlich vom Hafeneingang zu eilen, sich das Fahrzeug näher anzusehen und die Richtung seiner Fahrt zu erspähen. Eilig schwang er sich durch die Bäume und erreichte die Landspitze gerade in dem Augenblick, wo das Schiff aus dem Hafen herausgefahren war, so daß er einen vorzüglichen Ausblick auf die Wunder dieses fremdartigen schwimmenden Hauses genießen konnte.

Es waren etwa zwanzig Mann, die auf dem Deck hin- und herliefen und an Tauen zogen und schleppten.

Es wehte eine leichte Landbrise und das Schiff war unter gerefften Segeln durch den Hafen gesteuert worden, aber jetzt, da es draußen war, wurden alle Segel gehißt, um so schnell wie möglich die hohe See zu gewinnen.

Tarzan war entzückt über die Bewegungen des Schiffes und er wünschte, an dessen Bord zu sein.

Da bemerkten seine scharfen Augen nördlich am fernen Horizont schwachen Rauch, und er wunderte sich, daß so etwas aus dem großen Wasser aufsteigen konnte.

Zur selben Zeit mußte aber auch der Ausguck der »Arrow« den Rauch bemerkt haben, denn wenige Minuten später sah Tarzan, daß die Segel gerefft und der Kurs wieder zurück an die Küste ging.

Ein Mann am Bug hielt beständig ein Seil ins Wasser, an dessen Ende ein Ding hing, das Tarzan nicht sehen konnte. Er fragte sich, was das wohl sein möge.

Zuletzt kam das Schiff direkt in den Wind. Der Anker wurde fallen gelassen und die Segel wurden eingeholt. Es gab ein großes Hin- und Herrennen auf dein Deck.

Ein Boot wurde heruntergelassen und eine große Kiste darauf verladen. Dann ergriffen ein Dutzend Matrosen die Riemen und ruderten schnell auf den Punkt zu, wo Tarzan auf seinem Baume saß.

Als das Boot näher kam, sah Tarzan, daß auch der Mann mit dem Rattengesicht dabei war.

Einige Minuten später lief das Boot schon auf den Strand. Die Männer sprangen heraus und hoben die große Kiste auf den Sand. Sie waren an der Nordseite der Landzunge, so daß sie von den Leuten in der Hütte nicht gesehen werden konnten.

Es gab eine heftige Auseinandersetzung zwischen den Matrosen. Dann stiegen einige auf die kleine Anhöhe, auf der der Baum stand, der Tarzan verbarg. Sie schaute einige Minuten um sich.

Hier ist ein guter Platz, sagte der Mann mit dem Rattengesicht, indem er auf eine Stelle in der Nähe jenes Baumes hinwies.

Er ist so gut wie ein anderer, sagte einer seiner Genossen. Wenn man uns mit dem Schatz an Bord entdeckt, so wird er ja doch beschlagnahmt. Wir wollen ihn lieber hier vergraben, und wenn einer von uns dem Galgen entgeht, so kann er hierher zurückkommen und ihn holen.

Der Mann mit dem Rattengesicht rief nun den Männern, die im Boot zurückgeblieben waren, zu, und diese kamen mit Hacken und Schaufeln herbei.

Vorwärts! rief Snipes.

Oho! antwortete ihm einer in ärgerlichem Tone. Du bist doch kein Admiral, du – Lump.

Jetzt bin ich der Kapitän, verstehst du, Lümmel! schrie Snipes ihn an, indem er einen Hagel von Flüchen auf ihn niederprasseln ließ.

Ruhig, Jungens! sagte einer von den andern. Wir wollen uns vertragen. Was brauchen wir uns herumzuzanken?

Gut, antwortete der andere, der sich gegen Snipes aufgelehnt hatte, aber dann soll der da sich auch anständig benehmen.

Snipes zeigte eine Stelle, wo gegraben werden sollte. Während ihr grabet, soll Peter eine Skizze von diesem Orte machen, damit wir die Stelle wiederfinden können. Tom und Bill, ihr beide holt die Kiste herauf.

Und was tust du denn, großer Herr? fragte Tarant ihn.

Es war der Matrose, der ihm schon einmal widersprochen hatte.

Das geht dich nichts an, knurrte Snipes. Euer Kapitän soll wohl schließlich noch mit der Schaufel mitarbeiten!

Alle schauten ärgerlich auf, denn keiner von ihnen mochte Snipes leiden. Seitdem er King, den wirklichen Rädelsführer der Meuterer, ermordet hatte, suchte er sich überall als den Anführer aufzuspielen, und das vermehrte nur noch ihren Haß gegen ihn.

Du willst wohl damit sagen, du hättest nicht nötig, hier Hand anzulegen? Das würde dir aber nicht mehr Mühe machen als uns, antwortete Tarant.

Fällt mir gar nicht ein! versetzte Snipes, indem er sofort seinen Revolver erregt in die Hand nahm.

Dann, bei Gott, wenn du keine Schaufel nehmen willst, so sollst du die Hacke kriegen! antwortete ihm Tarant. Gleichzeitig hatte er seine Hacke erhoben und schlug Snipes damit den Schädel ein. Die andern schauten zu und schwiegen eine Weile. Dann sagte einer, als er Snipes tot daliegen sah: Na, der Kerl wird uns nichts mehr befehlen!

Man kümmerte sich nicht weiter um ihn und fing an, den Boden auszugraben. Die Erde war weich, so daß die Arbeit leicht voranging. Von dem eben erst Erschlagenen war keine Rede mehr. Man arbeitete einträchtiger, als da jener noch mit seinem ewigen Kommandieren ständig dazwischenfuhr.

Als sie ein Loch gegraben hatten, das für die Kiste groß genug war, machte Tarant den Vorschlag, es zu erweitern, so daß sie Snipes Leiche auf die Kiste legen könnten.

Wenn dann einer zufällig hier graben sollte, meinte er, wird er nicht weiter suchen.

Die andern hielten das für einen guten Einfall, und so erweiterten sie das Loch so, daß auch die Leiche hineinging. In der Mitte gruben sie es noch soviel tiefer aus, daß sie die Kiste hineintun konnten. Sie schlugen diese in Segeltuch ein und versenkten sie in die Grube, und obendrauf warfen sie Erde, die sie feststampften.

Dann rollten zwei Männer die Leiche ihres rattenköpfigen Kameraden, der sich die Kapitänswürde selbst beigelegt hatte, in die Grube, aber erst, nachdem sie ihm seine Waffen und sonstigen Sachen abgenommen hatten, die sie unter sich verteilten.

Hierauf füllten sie die Grube gänzlich mit Erde und traten sie nieder, damit die Stelle keine Erhöhung zeigen sollte. Was an loser Erde übrig blieb, zerstreuten sie. Dann warfen sie Reisig und Laub darauf, damit man nicht erkennen sollte, was hier vorgegangen war.

Als die Matrosen ihre Arbeit vollendet hatten, kehrten sie zu dem kleinen Boot zurück und ruderten schnell zur »Arrow«.

Der Wind hatte stark zugenommen, und da jetzt die Rauchfahne am Horizont schon weit größer geworden war, beeilten sich die Meuterer, mit vollen Segeln nach Südwesten abzufahren.

Alle diese Vorgänge hatte Tarzan von seinem Sitze aus beobachtet. Er dachte nun darüber nach, was das alles zu bedeuten habe.

Er sagte sich, die Menschen seien doch verrückter und grausamer als die Tiere im Dschungel. Wie glücklich war er, als er noch im Frieden und der Sicherheit des großen Waldes lebte!

Tarzan fragte sich, was die Kiste, die dort eingegraben worden war, wohl enthalten mochte. Wenn die Männer sie nicht zu behalten wünschten, weshalb warfen sie sie denn nicht einfach ins Wasser? Das wäre doch viel einfacher gewesen.

Ah, sagte er sich, sie wollten sie nicht wegwerfen. Sie haben sie hier verborgen, weil sie später zurückkehren wollen, um sie zu holen. Tarzan stieg von seinem Sitz herunter und fing an, die Erde ringsum zu untersuchen. Er wollte sehen, ob diese Menschen nicht irgend etwas hatten liegen lassen, was er sich aneignen konnte. Da entdeckte er einen Spaten im Gebüsch, den sie hatten stehen lassen.

Er nahm ihn und versuchte damit zu graben, wie es die Matrosen getan hatten. Das war eine unangenehme Arbeit, denn er mußte mit seinen nackten Füßen auf den Spaten drücken, aber er ließ nicht nach, bis er die Erde soweit entfernt hatte, daß die Leiche zum Teil bloßlag. Dann zog er sie aus dem Grabe und legte sie beiseite.

Hierauf grub er weiter, bis er auch die Kiste freigelegt hatte. Auch diese hob er heraus und stellte sie neben die Leiche. Das kleine, von der Kiste verursachte Loch füllte er mit Erde, legte die Leiche darauf und warf Erde darüber. Das Ganze bedeckte er wieder, wie es gewesen war, und beschäftigte sich nun mit der Kiste.

Vier Matrosen hatten unter ihrer Last geschwitzt; Tarzan aber hob sie auf, als ob es eine leere Kiste wäre, band einen Strick darum und hob sie mit dem Spaten auf den Rücken. Dann trug er sie in den dichtesten Teil der Dschungel.

Mit der unbequemen Last konnte er allerdings nicht auf die Bäume steigen, aber er folgte dem von den großen Tieren durch das Dickicht gebahnten Pfad.

Er war schon mehrere Stunden lang gewandert, als er an einen undurchdringlichen Wall von Gestrüpp kam. Hier mußte er auf die untersten Äste steigen, und auf diesen sich weiterbewegen. Nach einer Viertelstunde gelangte er in das Amphitheater, in dem die Affen ihre Versammlungen und ihre Dum-Dum-Feier abzuhalten pflegten.

Nahe am Mittelpunkt der Lichtung, nicht weit von der sogenannten Trommel, fing er an zu graben. Das war eine schwerere Arbeit, als die frisch aufgeworfene Erde aus dem Grabe zu entfernen, aber Tarzan ließ nicht nach, bis er das Loch so tief gemacht hatte, daß die Kiste hineinging und wohl verborgen war.

Tarzan bewies dabei, daß er doch mehr Verstand hatte als die Affen, unter denen er aufgewachsen war. Er sagte sich, die Kiste müsse irgend etwas Wertvolles enthalten, denn sonst hätten die Männer sie nicht verborgen. Bei den Affen hatte er gelernt, alles Neue und Ungewohnte nachzuahmen, und jetzt trieb ihn eine natürliche Neugier, die den Menschen wie den Affen eigen ist, die Kiste zu öffnen und ihren Inhalt zu untersuchen.

Aber die Kiste hatte ein schweres Schloß und starke eiserne Bänder, und so war es ihm nicht möglich, seine Neugier zu befriedigen.

So mußte er sich begnügen, sie einstweilen dort zu verbergen. Jedenfalls war sie jetzt gegen Zugriffe von anderer Seite geschützt.

Wie schon so oft, schlug er nunmehr den Weg nach der Hütte ein. Unterwegs jagte er, was er eben erreichen konnte, und verzehrte es auf der Stelle.

Als er in die Nähe der Hütte kam, war es schon dunkel. Im Innern brannte ein Licht. Clayton hatte nämlich eine gefüllte Ölkanne gefunden, die zu den Sachen gehörte, die der »schwarze Michel« den Claytons überlassen hatte. Zwanzig Jahre lang hatte die Kanne unberührt dort gestanden. Auch die Lampen waren noch brauchbar, und so das Innere der Hütte so klar erleuchtet wie am hellen Tage.

Tarzan war ganz verblüfft darüber. Er hatte sich oft gefragt, welchen Zweck die Lampen eigentlich hätten. Zwar hatte er in den Büchern darüber gelesen und Bilder davon gesehen, aber er konnte nicht verstehen, wie sie ein so wundervolles Sonnenlicht verbreiten konnten.

Als er sich dem der Tür zunächstgelegenen Fenster näherte, sah er, daß die Hütte durch Äste und Segeltuch in zwei Räume geteilt worden war.

Im vorderen Raume befanden sich die drei Männer, die beiden älteren waren in lebhafter Auseinandersetzung begriffen, während der jüngere, auf einen Stuhl zurückgelehnt, in einem von Tarzans Büchern zu lesen schien.

Diese drei Männer interessierten Tarzan nicht sonderlich, desto mehr aber, was er durch das andere Fenster sah. Dort erblickte er das junge Mädchen! Es war wirklich eine prachtvolle Gestalt. Und wie zart war ihre weiße Haut!

Sie schrieb an Tarzans eigenem Tische. In der Ecke des Raumes lag die Negerin auf einer Grasschicht und schlief.

Eine ganze Stunde lang heftete Tarzan seine Augen auf Jane, während sie am Schreiben war. Wie gern hätte er mit ihr gesprochen, aber er wagte es nicht, denn er war überzeugt, sie würde ihn ebenso wie der junge Mann nicht verstehen, und er fürchtete auch, er könnte sie erschrecken und verscheuchen.

Endlich stand sie auf. Das Geschriebene ließ sie auf dem Tische liegen. Sie ging auf das Bett zu, auf dem verschiedene Schichten weichen Grases lagen und schüttelte sie auf. Dann löste sie die weiche Fülle ihres goldenen Haares. Wie ein von der Sonne vergoldeter Wasserfall fiel das üppige Haar um ihr ovales Gesicht und ihre Gestalt.

Tarzan war wie durch einen Zauber gebannt.

Da löschte sie die Lampe, und in der Hütte war alles wieder in Dunkelheit gehüllt.

Ruhig wartete Tarzan draußen. Unter dem Fenster saß er eine halbe Stunde lang in geduckter Haltung. Aus den regelmäßigen Atemzügen des Mädchens erriet er, daß es eingeschlafen sei.

Vorsichtig streckte er nun die Hand zwischen den Stäben des Fensters hinein und fühlte auf dem Tisch herum. Zuletzt fand er die Blätter, auf die Jane Porter geschrieben hatte. Er ergriff sie und zog den Arm wieder heraus.

Tarzan faltete die Blätter zusammen und steckte sie in den Köcher zu den Pfeilen. Dann huschte er leise wie ein Schatten in die Dschungel zurück.


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