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Leben und Tod

Der Morgen fand die beiden nur wenig erfrischt, obwohl sie dem Tagesgrauen mit einem Gefühl der Erleichterung entgegensahen.

Sobald sie ihr Frühstück, bestehend aus gesalzenem Schweinefleisch, Kaffee und Schiffszwieback, eingenommen hatten, begann Clayton mit dem Bau des Hauses, denn er sah ein, daß sie auf keine Sicherheit und keine Ruhe in der Nacht rechnen konnten, solange nicht vier starke Wände das Leben der Dschungel von ihnen abschloß.

Die Aufgabe war schwierig und erforderte den größten Teil eines Monats, obschon es sich nur um einen kleinen Raum handelte. Clayton baute die Hütte aus schmalen Baumstämmen von etwa sechs Zoll im Durchmesser. Die Ritzen verschmierte er mit Lehm, den er einige Fuß tief in der Erde fand.

An einem Ende legte er eine Feuerstelle aus kleinen Steinen vom Strande an. Diese wurden ebenfalls mit Lehm verschmiert. Als das Haus fertig war, bewarf er die ganze Außenseite mit einer vier Zoll dicken Lehmschicht.

In die Fensteröffnung brachte er wagrechte und senkrechte Äste von etwa einem Zoll im Durchmesser an, die so verflochten waren, daß sie ein festes Gitter bildeten, das auch einem kräftigen Tier widerstehen konnte.

So erhielten sie die nötige Luft, ohne befürchten zu müssen, die Sicherheit ihrer Hütte zu vermindern.

Das nach zwei Seiten steil abfallende Dach war aus schmalen, dicht aneinandergefügten Ästen gebildet, die mit langem Dschungelgras und Palmwedeln bedeckt waren, über die noch eine Lehmschicht kam.

Die Türe fertigte er aus Brettern der Kisten an; er nagelte ein Brett auf das andere und dann andere quer darüber, bis er eine so solide Türe zusammengenagelt hatte, daß sie beide darüber vergnügt waren, als sie das fertige Werk begutachteten.

Jetzt stand Clayton aber vor der größten Schwierigkeit, denn er hatte nichts, um die massive Türe einzuhängen. Nach zweitägiger Arbeit gelang es ihm aber, zwei Scharniere aus Hartholz anzufertigen, und mit diesen hängte er die Türe ein, so daß sie sich leicht öffnen und schließen ließ.

Das Verputzen und die übrigen letzten Arbeiten nahm er erst vor, als sie schon eingezogen waren. Sobald nämlich das Dach angebracht war, hatten sie schon ihr Heim bezogen. Solange die Türe sich nicht verschließen ließ, stellten sie ihre Koffer dagegen, und so hatten sie eine verhältnismäßig sichere und gemütliche Wohnung.

Die Herstellung des Bettes, der Stühle, eines Tisches und der Regale war verhältnismäßig leicht, so daß sie am Ende des zweiten Monats gut eingerichtet und, abgesehen von der steten Angst vor den wilden Tieren und der immer fühlbarer werdenden Einsamkeit, nicht gerade unglücklich waren.

Nachts knurrten und brüllten große Tiere um ihre Hütte herum, aber man gewöhnt sich allmählich an immer wiederkehrende Geräusche, und so beachteten sie sie nur noch wenig und schliefen fast die ganze Nacht hindurch.

Dreimal hatten sie flüchtig eine mannsgroße Gestalt erblickt, aber sie hatten nie unterscheiden können, ob es sich um die eines Menschen oder eines wilden Tieres handelte.

Die prächtigen Vögel und die kleinen Affen hatten sich bald an ihre neuen Bekannten gewöhnt, und da sie offenbar niemals menschliche Wesen gesehen hatten, kamen sie, sobald sie die erste Furcht abgelegt hatten, immer näher, angetrieben durch die eigenartige Neugier, die die wilden Geschöpfe des Waldes und der Dschungel beherrscht. Innerhalb eines Monats hatten mehrere Vögel ihre Scheu soweit abgelegt, daß sie Futterbissen aus den freundlichen Händen der Claytons entgegennahmen.

Eines Nachmittags, als Clayton an seiner Hütte arbeitete, denn er hatte die Absicht, mehrere Räume anzubauen, kam eine Anzahl der drolligen kleinen Freunde schreiend und keifend aus der Richtung des nahen Hügels. Auf ihrer Flucht warfen sie ängstliche Blicke nach rückwärts, um schließlich in Claytons Nähe aufgeregt zu ihm hinzuschnattern, als ob sie ihn vor einer herannahenden Gefahr warnen wollten. Endlich erkannte er, was die kleinen Affen so fürchteten, es war das mannsgroße Tier, das er und seine Frau bereits bei früheren Gelegenheiten flüchtig erblickt hatten.

Es näherte sich aus der Dschungel in einer halbaufgerichteten Stellung, indem es zuweilen die geschlossenen Fäuste auf den Boden setzte, – es war ein großer Menschenaffe. Beim Vorrücken gab er tiefe Kehllaute und gelegentlich bellende Töne von sich.

Clayton war etwas entfernt von der Hütte, da er dabei war, einen schönen Baum, der sich gerade für seine Bauzwecke besonders eignete, zu fällen. Er war sorglos geworden, da er und seine Frau monatelang in den Tagesstunden kein gefährliches Tier gesehen hatten. So hatte er denn auch seine Büchsen und Revolver in der Hütte gelassen, und als er nun den großen Affen durch das Unterholz direkt auf sich zukommen sah, und zwar in einer Richtung, die ihm praktisch ein Entkommen unmöglich machte, fühlte er doch einen Schauder den Rücken entlang rieseln.

Da er nur mit einer Axt bewaffnet war, wußte er, daß seine Aussichten in einem Kampfe mit dem wilden Tiere sehr gering waren, – und Alice! O Gott, sagte er sich, was wird aus Alice werden?

Es war kaum daran zu denken, die Hütte zu erreichen. Er wandte sich aber dorthin und rannte darauf los, indem er seinem Weibe laut zurief, hineinzueilen und die Türe zu schließen, falls der Affe ihm den Weg abschnitt.

Lady Greystoke saß in einiger Entfernung vor der Hütte, und als sie sein Schreien hörte, schaute sie auf und sah, wie der Affe mit einer für ein so schweres und ungelenkes Tier fast unglaublichen Schnelligkeit vorwärts sprang, um Clayton zu überholen.

Mit einem lauten Schrei stürzte sie nach der Hütte, und während sie hineineilte, warf sie nach rückwärts einen Blick, der ihre Seele mit Schrecken erfüllte, denn das Tier hatte ihrem Gatten den Rückweg abgeschnitten, und er stand nun vor dem Braunen, die Axt mit beiden Händen fassend, bereit, sie gegen das wütende Tier zu schwingen, sobald es seinen Endangriff machte.

Schließ die Tür und verriegle sie, Alice! rief Clayton. Ich kann den Kerl mit meiner Axt erledigen.

Er wußte aber, daß er von einem schrecklichen Tod bedroht war, und auch sie wußte es.

Der Affe war ein schweres Tier, das wohl drei Zentner wiegen mochte. Seine düsteren, nahe beieinanderstehenden Augen leuchteten vor Haß unter den buschigen Brauen, und seine großen Fangzähne wurden sichtbar während eines furchtbaren Knurrens, das er ausstieß, indes er einen Augenblick vor seinem Opfer stillhielt.

Clayton sah den Eingang seiner Hütte nicht zwanzig Schritte entfernt, und ein furchtbarer Schrecken erfaßte ihn, als er sein Weib darin auftauchen sah, bewaffnet mit einem Gewehr.

Sie hatte immer Angst vor einer Feuerwaffe gehabt und hatte nie eine berühren wollen, aber jetzt stürzte sie auf den Affen los mit dem Mute einer Löwin, die ihr Junges verteidigt.

Zurück, Alice! rief Clayton, um Himmelswillen, geh' zurück! Sie wollte aber nicht darauf hören, und da gerade im selben Augenblick der Affe zum Angriff überging, konnte Clayton weiter nichts mehr sagen.

Mit gewaltiger Kraft schwang Clayton seine Axt, aber das mächtige Tier erfaßte sie mit seinen schrecklichen Händen, riß sie ihm aus der Hand und schleuderte sie weit zur Seite.

Knurrend kam es näher an sein schutzloses Opfer heran, aber ehe es ihn noch umfassen konnte, hatte Frau Clayton einen Schuß abgefeuert. Die Kugel drang dem Affen zwischen den Schultern in den Rücken.

Wütend warf das Ungetüm Clayton zu Boden und rückte nun gegen seinen neuen Feind los. Vor ihm stand die angsterfüllte Frau. Sie versuchte dem Tier nochmals eine Kugel in den Leib zu jagen, aber sie verstand den Mechanismus der Waffe nicht, und der Schuß versagte.

Schreiend vor Schmerz stürzte der Affe auf die Frau los, und vor Schrecken fiel sie ohnmächtig nieder.

Im selben Augenblick sprang Clayton wieder auf und eilte auf den Affen zu, ohne zu bedenken, daß er mit bloßen Händen nichts gegen ihn ausrichten könne. Aber er wollte das Letzte versuchen, um sein geliebtes Weib zu retten.

Kaum hatte er die Hand an das mächtige Tier gelegt, als es leblos vor ihm auf den Rasen rollte. Der Affe war tot! Die Kugel hatte ihn tödlich getroffen.

Als Clayton sah, daß die Gefahr beseitigt war, wandte er sich sofort seiner Frau zu. Zum Glück war sie nicht verletzt, aber sie war noch immer bewußtlos.

Vorsichtig hob er sie auf und trug sie in ihre Hütte, wo er sie sanft aufs Bett legte.

Es vergingen aber zwei Stunden, bis sie die Besinnung wieder erlangte. Verwundert schaute sie in der Hütte umher, und dann sagte sie seufzend:

O John, es ist doch gut, daß wir wirklich zu Hause sind! Ich hatte einen fürchterlichen Traum. Es war mir, als ob wir nicht mehr in London, sondern an einem schrecklichen Ort wären, wo wir von wilden Tieren angefallen wurden.

Beruhige dich, Alice, sagte er, indem er ihre Stirne streichelte, versuche wieder zu schlafen, und denke nicht mehr an den bösen Traum.

Noch in derselben Nacht wurde in der Hütte am Urwald ein Sohn geboren, während ein Leopard vor der Türe schrie und aus der Ferne das Brüllen eines Löwen erklang – – –

Lady Greystoke erholte sich aber nie wieder von der Nervenerschütterung, die sie bei dem Überfall durch den Affen erlitten hatte. Obschon sie nach der Geburt ihres Sohnes noch ein Jahr lang lebte, verließ sie die Hütte nicht mehr, und es kam ihr nie mehr ganz zum Bewußtsein, daß sie nicht in England war.

Manchmal wollte sie Clayton über die merkwürdigen nächtlichen Geräusche befragen, über die rohe und kunstlose Einrichtung ihres Heimes, in dem sie ihre Bedienten und ihre Freunde vermißte, und obschon er keinen Versuch machte, sie zu täuschen, so konnte sie doch den Zusammenhang des Ganzen nicht erfassen.

Im übrigen war sie ganz vernünftig. Sie war glücklich, einen kleinen Sohn zu haben, und sie freute sich, daß ihr Gatte ihr beständig so viel Aufmerksamkeit erwies.

So war jenes Jahr trotzdem für sie ein glückliches, ja das glücklichste ihres jungen Lebens.

Daß es nur von Angst und Sorgen erfüllt gewesen wäre, wenn sie noch ihre vollen geistigen Fähigkeiten besessen hätte, wußte Clayton sehr wohl. Obschon er entsetzlich darunter litt, sie in diesem Zustand zu sehen, so war es ihretwegen doch ein Trost für ihn, daß sie ihre Lage nicht mehr erkannte. Schon lange hatte er die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben. Er wußte sehr wohl, daß sie ihm nur noch durch einen günstigen Zufall zuteil werden könnte.

Inzwischen hatte er mit unermüdlichem Eifer an der Verschönerung seines Heims gearbeitet.

Löwen- und Pantherfelle bedeckten den Boden. Schränke und Bücherregale standen an den Wänden. Merkwürdige Vasen, die er mit eigener Hand aus Lehm geformt hatte, waren mit prächtigen tropischen Blumen gefüllt, Vorhänge aus Gras und Bambus bedeckten die Fenster, und – was besonders schwierig gewesen – er hatte mit seinen einfachen Werkzeugen Holzleisten angefertigt, um die Ritzen in den Wänden und der Decke zu verschließen, und er hatte sogar einen glatten Fußboden in der Hütte gelegt.

Er selbst wunderte sich darüber, daß er imstande war, solcher ungewohnter Arbeiten Herr zu werden.

Aber er liebte die Beschäftigung, weil sie dazu beitrug, sein Heim wohnlicher zu machen. Dabei dachte er nicht bloß an seine Frau, sondern auch an ihren kleinen Sohn, über den er sich so sehr freute, obschon die Geburt dieses Weltbürgers seine Verantwortlichkeit und die Schrecken seiner Lage noch hundertfach vermehrt hatte.

Im Laufe des Jahres ward Clayton mehrmals von großen Affen angefallen. Diese schienen jetzt fortgesetzt die Nähe der Hütte aufzusuchen. Da er sich aber nie wieder ohne Gewehr und Revolver hinauswagte, brauchte er sich vor den riesigen Tieren nicht mehr so zu fürchten.

Da er beständig für Nahrung sorgen mußte, ging er häufig auf die Jagd und auf die Suche nach Früchten. Damit nun nicht ein Tier in seine Hütte einbrechen könnte, brachte er an der Türe einen Holzverschluß an und verstärkte auch den Schutz an den Fenstern.

Anfangs konnte er viel Wild von seinem Fenster aus schießen, aber allmählich wurden die Tiere scheu und kamen nicht mehr so häufig in die Nähe seiner Hütte.

In seinen Mußestunden las Clayton seiner Frau oft aus den Büchern vor, die er mitgebracht hatte. Es waren darunter auch Bücher für kleine Kinder, Bilderbücher, ABC-Bücher und Lesebücher, denn, da er damit gerechnet hatte, daß er erst nach einer Reihe von Jahren nach England zurückkehren könne, hatte er schon diesbezüglich vorgesorgt.

Zuweilen schrieb Clayton an seinem Tagebuch, das er in französischer Sprache führte und in das er alle Einzelheiten seines seltsamen Lebens eintrug. Dieses Buch bewahrte er sorgfältig in einem Metallkästchen auf.

Ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes starb Lady Alice. Sie schied so friedlich hinüber, daß Stunden vergingen, ehe Clayton es fassen konnte, daß seine Frau tot war.

Seine schreckliche Lage kam ihm erst langsam zum Bewußtsein, und es ist zweifelhaft, ob er die ganze Größe seiner Sorgen und die schreckliche Verantwortung, die ihm jetzt für den kleinen Sohn zufiel, voll erkannte.

Die letzte Eintragung in sein Tagebuch machte er am Morgen nach dem Tode seiner Frau. Er erzählt darin die traurigen Tatsachen in einem so schlichten Tone, daß dadurch deren Wirkung nur noch erhöht wird. Es liegt darüber eine müde Stumpfheit, erzeugt durch lange Sorge und Hoffnungslosigkeit, und selbst der letzte schmerzliche Schlag konnte kaum sein Leid vergrößern.

Mein kleiner Sohn weint vor Hunger. – O Alice, Alice, was soll ich anfangen?

Als Clayton diese letzten Worte geschrieben hatte, sollte seine Hand nie wieder die Feder ergreifen.

Er legte sein müdes Haupt auf seine ausgestreckten Arme auf den Tisch, den er für sie angefertigt, die jetzt still und kalt im Bette neben ihm lag.

In der Dschungel herrschte eine Grabesstille, und sie wurde nur durch das Wimmern des kleinen Knaben unterbrochen ...


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