Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Baumjäger

Am Tage nach dem Dum-Dum-Fest brach der Stamm langsam gegen die Küste auf.

Tublats Körper lag noch dort, wo er hingefallen war, denn das Volk Kerschaks verzehrte seine eigenen Toten nicht.

Auf dem Marsche suchte man gemütlich nach Futter. Palmen, graue Pflaumen und Ananas fand man in Menge, gelegentlich auch kleine Säugetiere, Vögel, Reptilien und Insekten. Die Nüsse knackten die Affen zwischen ihren mächtigen Kinnbacken oder wenn sie zu hart waren, zwischen zwei Steinen.

Als die alte Sabor einmal ihren Weg kreuzte, kletterten sie schleunig auf hohe Äste, denn wenn auch die Löwin ihre Zahl und ihre scharfen Zähne achtete, so hatten die Affen selbst nicht weniger Respekt vor der gewalttätigen grausamen Wildheit der Löwin.

Auf einem niedrigen Aste saß Tarzan direkt über dem majestätischen Körper der geschmeidigen Katze, als sie still durch die dichte Dschungel strich. Er schleuderte eine Ananas auf die alte Feindin ihres Volkes. Die Löwin blieb stehen und betrachtete, sich umwendend, die Gestalt des spottenden Tarzan.

Zornig mit ihrem Schweife umherschlagend, fletschte sie ihre gelben Zähne, indem sie ihre großen Lippen knurrend verzog und ihre bösen Augen voll Wut und Haß zu zwei schmalen Schlitzen zusammenschloß. Ihre Blicke direkt auf Tarzan schleudernd, stieß sie dann ein wildes herausforderndes Gebrüll aus.

Aber auch der Affenknabe, der sich auf seinem Ast in Sicherheit fühlte, antwortete ihr mit der ganzen Macht seiner Stimme.

Einen Augenblick sahen sich die Beiden noch schweigend in die Augen, dann kehrte die große Katze in das Dickicht zurück.

In Tarzans Kopf entwickelte sich aber ein großer Plan. Er hatte den wilden Tublat getötet. War er also nicht ein mächtiger Kämpfer? Nun wollte er die gewaltige Sabor niederschlagen und töten. Dann wäre er auch ein mächtiger Jäger.

Im Grunde seines kleinen Herzens hegte er den lebhaften Wunsch, seine Nacktheit mit Kleidern zu bedecken, denn aus den Bilderbüchern hatte er ersehen, daß alle Menschen bekleidet waren, während die Affen und andere lebende Wesen nackt umhergingen.

Kleider mußten also ein Kennzeichen von Größe sein, der Ausdruck der Überlegenheit des Menschen über alle anderen Tiere, denn es gab doch sicher keinen andern Grund, etwas so Häßliches wie Kleider zu tragen.

Vor Jahren, als er noch viel kleiner war, hatte er sich das Fell Gabors, der Löwin, Numas, des Löwen, oder Scheetas, des Leoparden, gewünscht, um seinen unbehaarten Körper zu bedecken, da er nicht länger mehr Histah, der widerlichen Schlange, gleichen mochte, aber jetzt war er stolz auf seine glatte Haut, denn sie war der Beweis seiner Abstammung von einer mächtigen Rasse, und so schwankte er zwischen dem Wunsche, nackt zu gehen, um seine Abstammung erkennen zu lassen, und dem Wunsche, nach Art der Menschen eine unschöne und unbequeme Kleidung zu tragen.

Als der Stamm nach der Begegnung mit Sabor seinen Weg langsam durch den Wald fortsetzte, dachte Tarzan über den Plan nach, seinen Feind zu erlegen, und auch an den folgenden Tagen war sein Kopf stets damit beschäftigt.

An diesem Tage aber mußte er sich vorläufig noch um andere Dinge kümmern.

Auf einmal war es wie um Mitternacht. Die Geräusche hörten in der Dschungel auf, und die Bäume standen unbeweglich, wie wenn sie gelähmt auf ein bevorstehendes großes Unheil harrten. Die ganze Natur wartete.

Aber es sollte nicht lange dauern, denn schon hörte man aus der Ferne ein leises, dumpfes Stöhnen. Dann kam es immer näher und wurde lauter.

Die großen Bäume beugten sich gleichzeitig, als ob sie durch eine mächtige Hand niedergedrückt wurden. Immer mehr neigten sie sich gegen die Erde, während der Wind schrecklich heulte.

Dann schnellten die Urwald-Riesen plötzlich zurück, indem ihre mächtigen Kronen wie in zornigem Proteste hin und her schwankten. Aus den dahineilenden schwarzen Wolken zuckte ein lebhaftes, blendendes Licht, gleich darauf fing die Kanonade des Donners mit fürchterlichem Tosen an. Und nun setzte ein gewaltiger Regen ein. Die ganze Hölle brach über die Dschungel herein.

Vom kalten Regen fröstelnd drängte sich der Stamm der Affen unter den großen Bäumen zusammen. Die Blitze schössen durch die Dunkelheit, und bei ihrem Leuchten konnte man wildwogende Äste, reißende Bäche und umgerissene Baumstämme erkennen.

Manch alter Patriarch des Waldes wurde durch einen Blitzstrahl gespalten und fiel krachend in tausend Stücke zwischen den andern Bäumen, zahllose Äste und kleinere Nachbarn mit sich reißend.

Aber auch sonst prasselten große und kleine Äste, die durch den Wirbelsturm abgeschlagen wurden, durch das wild wogende Grün und brachten Tod und Verderben über unzählige Bewohner der dicht bevölkerten Welt des Urwaldes.

Stundenlang tobte der Sturm in unverminderter Heftigkeit fort, und noch immer kauerten die Affen fröstelnd und angstvoll eng zusammen. In steter Gefahr, von den fallenden Baumstämmen und Ästen erschlagen zu werden und durch das lebhafte Zucken des Blitzes und das Rollen des Donners gelähmt, saßen sie elend zusammengeduckt, bis der Sturm vorüber war.

Das Ende kam so plötzlich wie der Anfang. Wind und Regen hörten auf einmal auf, die Sonne schien und die Natur lächelte wieder.

Die tropfenden Blätter und Äste und die nassen Blüten glitzerten in der Herrlichkeit des wiedergekehrten Tages. Und wie die Natur vergißt, so vergessen auch ihre Kinder. Geschäftiges Leben setzte wieder ein, gerade wie vor der Dunkelheit und dem Schrecken.

In Tarzan aber war eine Erkenntnis aufgedämmert, die ihm das Geheimnis der Kleider erklärte. Wie behaglich hätte er sich unter dem schweren Pelze Gabors gefühlt! Und dieser Gedanke gab ihm einen weiteren Anreiz zu dem geplanten Abenteuer.

Mehrere Monate lang verweilte der Stamm in der Nähe des Strandes, wo die Hütte stand, und so konnte Tarzan seine meiste Zeit dem Studium widmen. Wenn er aber durch den Wald wanderte, hielt er stets seinen Strick in Bereitschaft, und so konnte er mit der schnell geworfenen Schlinge viele kleinere Tiere fangen.

Meist legte er sich auf einen überhängenden Ast auf die Lauer und warf von dort seine Schlinge herunter.

So hatte er einmal Horta, den Eber, in der Schlinge gefangen, aber das Tier machte wahnsinnige Anstrengungen, die Freiheit wieder zu erlangen, und riß infolgedessen Tarzan von seinem Sitz herunter.

Der mächtige Grunzer wandte sich um und ging mit gesenktem Kopf auf den überraschten Jüngling los.

Zum Glück war Tarzan bei dem Fall unverletzt geblieben, da er nach Katzenart auf allen Vier, die er bereits ausgestreckt hatte, heruntergefallen war und so den Ausstoß gemildert hatte. Im Augenblick war er wieder auf den Beinen, und sprang mit der Behendigkeit eines Affen auf einen niederen Ast, so daß Horta, der Eber, vergeblich auf ihn losstürzte.

So lernte Tarzan aus der Erfahrung erkennen, was er mit seiner eigenartigen Waffe erreichen konnte, aber auch, welche Gefahren damit verbunden waren.

Bei dieser Gelegenheit verlor er ein langes Stück seiner Schlinge, aber er verkannte nicht, daß der Ausgang wohl schlimmer gewesen und es um sein Leben geschehen wäre, wenn an Stelle des Ebers die grimme Sabor ihn heruntergerissen hätte.

Viele Tage brauchte er, um einen neuen Strick anzufertigen, aber als er ihn fertig hatte, konnte er damit wirklich auf die Jagd gehen. Er kletterte auf einen großen Ast gerade über einem Pfade, der zum Wasser führte, und legte sich in dem dichten Laubwerk auf die Lauer.

Manche Tiere ließ er unbehelligt vorüberziehen. Sie waren ihm zu unbedeutend. Es mußte ein starkes Tier sein, an dem er die Wirksamkeit seines neuen Planes erproben wollte.

Endlich kam sie, die Tarzan suchte, mit geschmeidigen Sehnen, die sich unter dem leuchtenden Fell bewegten; stark und glänzend kam Sabor, die Löwin.

Ihre großen gepolsterten Pfoten setzte sie leise und geräuschlos auf den schmalen Gang. Ihren Kopf hielt sie in steter Wachsamkeit erhoben. Ihr langer Schweif bewegte sich langsam in graziösen Wellen.

Immer mehr näherte sie sich der Stelle, wo Tarzan sich auf dem Aste duckte. Den langen Strick hielt er in seiner Hand bereit. Er rührte sich nicht.

Sabor kam heran. Sie tat einen Schritt, einen zweiten, einen dritten, und dann flog der Strick auf sie herab.

Einen Augenblick hing die ausgeworfene Schlinge wie eine große Schlange über ihrem Kopfe, und als sie dann aufblickte, um die Ursache dieser Störung zu erkennen, legte sich der Strick um ihren Hals. Mit einem schnellen Ruck zog Tarzan die Schlinge fest, und dann ließ er das Seil weiter herunter und hielt sich mit beiden Händen daran fest.

Sabor war in der Falle!

Mit einem Satz wandte sich das erschrockene Tier in das Dickicht hinein, aber Tarzan wollte nicht noch einmal einen Strick verlieren wie das vorige Mal; die Erfahrung hatte ihn bereits belehrt. Die Löwin hatte noch nicht ihren zweiten Sprung gemacht, als sie auch schon fühlte, daß die Schlinge sich enger um ihren Hals zog; ihr Körper drehte sich in der Luft, und mit einem schweren Krachen fiel sie auf den Rücken.

Tarzan hatte das Ende des Strickes an dem Stamm des großen Baumes befestigt, auf dem er saß.

Soweit war sein Plan vorzüglich gelungen. Als er aber den Strick erfaßte, wobei er sich auf zwei mächtige gabelförmige Äste stützte, fand er, daß es nicht leicht sei, das mächtige Tier mit den Eisenmuskeln, das sich beißend und brüllend sträubte und kratzte, zum Baume hinzuschleppen, und erst recht nicht, es aufzuhängen.

Die alte Sabor hatte ein ungeheures Gewicht, und wenn sie sich mit ihren Klauen festhielt, so hätte kein anderer als Tantor, der Elefant, sie von der Stelle bringen können.

Die Löwin war nun wieder auf dem Pfade, und da konnte sie den Urheber der ihr zugefügten schimpflichen Behandlung sehen.

Brüllend vor Wut ging sie plötzlich zum Angriff über. Sie sprang in die Höhe, aber als ihr mächtiger Körper den Ast erreichte, auf dem Tarzan gesessen hatte, war dieser schon verschwunden.

Er thronte luftig auf einem leichteren Ast, zwanzig Fuß hoch über dem rasenden Tier.

Einen Augenblick hing Sabor halb über dem Ast, während Tarzan ihr zum Spotte Zweige und Äste auf das Gesicht herunterwarf.

Nun fiel das Tier wieder auf die Erde und Tarzan kam schnell herunter, um den Strick zu erfassen.

Sabor hatte aber inzwischen herausgefunden, daß sie nur durch ein dünnes Seil festgehalten wurde. Sie erfaßte es mit ihren riesigen Zähnen und zerriß es, ehe Tarzan noch die Schlinge ein zweites Mal enger ziehen konnte.

Tarzan war sehr ärgerlich. Sein schön angelegter Plan war zunichte geworden, nun saß er da, und schrie das unter ihm brüllende Tier im ohnmächtigen Zorn an.

Stundenlang ging die alte Sabor unter dem Baume auf und ab. Viermal duckte sie sich und sprang auf den Kobold los, der über ihr in den Ästen herumkletterte und Gesichter schnitt; aber das war ebenso vergeblich, wie wenn sie den Wind, der durch die Baumgipfel säuselte, hätte fassen wollen.

Zuletzt war Tarzan des Spieles müde. Noch einmal richtete er eine lärmende Herausforderung an die Löwin, warf ihr mit einem wohlgezielten Schwung eine reife Frucht ins Gesicht, wo sie weich und klebrig zerstob, und schwang sich, während seine Feindin knurrte, eilends durch die Bäume, hundert Fuß über dem Boden, bis er ihren Blicken entzogen war.

Schon nach kurzer Zeit war er wieder unter den Genossen seines Stammes. Hier erzählte er die Einzelheiten seines Abenteuers mit geschwellter Brust und so großtuend, daß er sogar seinen erbittertsten Feinden imponierte, während Kala vor Freude und Stolz tanzte.


 << zurück weiter >>