Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechzehntes Kapitel.
Ein Kampf der Pflichten

Während der Oberbootsmann fortfuhr, dem Schiffseigner auseinanderzusetzen, welche unüberwindlichen Schwierigkeiten das Fahrwasser biete, in dem die schwarze Fregatte lag, und wie selbst dem besten Lootsen, wenn ihn nicht sehr günstiger Wind unterstütze, es unmöglich sei, ein so schweres Schiff hindurchzubringen; wie ferner – falls die Papiere des Schiffes wirklich nicht ganz in Ordnung sein sollten – kein Lootse sich selbst durch Drohungen veranlaßt sehen würde, es hinauszulootsen, und daß endlich der Kaper-Capitain Semmes viel zu schlau sei, um sich und sein Schiff in die Hand eines Yankeelootsen zu geben, erlauben wir uns, den geneigten Leser zu ersuchen, auf der letzten Station der Eisenbahn zwischen New-York und Bosten mit uns in ein Coupé erster Klasse zu steigen, um die Insassen desselben kennen zu lernen.

Auf dem Vordersitze saß ein Herr in sehr feiner Wäsche und sehr steifen Vatermördern mit der steifen Haltung und dem hochmüthigen Air, das dem Geldaristokraten fast immer eigen ist und das ihn in dieser Beziehung von Mr. Crofton, den wir im Wirthshaus zur blauen Flagge zurückließen, merklich unterschied.

Sein dickes schwarzes Haar und der dicke schwarze Backenbart, der etwas gelbliche Teint und noch mehr seine orientalisch gebogene Nase und am meisten der Accent, mit welchem er das Englische sprach, ließen es keine Secunde zweifelhaft, daß er Jude sei.

Neben ihm lehnte ein Mann in den Polstern, der etwa 35 Jahre alt sein mochte. Sein Gesicht war wohlgeformt, seine Züge geistvoll und männlich; sein graublaues Auge ausdrucksvoll und intelligent. Er trug einen vollen blonden Bart, einen gewöhnlichen Ueberrock und machte den Eindruck, als wäre er etwa der Geschäftsführer oder Procurist des Geldaristokraten.

In der entferntesten Ecke, auf der Bank den Beiden gegenüber, saß, den Kopf auf die Seitenlehne des Sitzes stützend, ein junger Mann von etwa 32 Jahren. Sorgenvoll blickte er zum Fenster des Waggons hinaus, und zuweilen war es, als ob eine Thräne sein großes, schönes blaues Auge feuchtete. Er hatte den runden Hut tief in die Stirn gedrückt und kümmerte sich nicht um das Gespräch der andern Beiden, die ihrerseits eben so wenig von ihm Notiz nahmen.

Der Geldaristokrat hatte ihn zwar anfangs, als sie in New-York den Waggon bestiegen, mit seinem kalten Blicke gemustert, aber höchstens zu dem Zweck, ihn seinem Geldwerth nach zu taxiren, und war dabei zu dem Resultat gekommen, daß er ihm nicht ebenbürtig sei; denn was konnte er sein? – Etwa ein Werbeoffizier der Marine, dafür sprach sein seemännisches Aussehen und sein blauer, bis obenhin zugeknöpfter Rock – oder ein leichtsinniger Spekulant, der sein Vermögen an der Börse verloren hat; dafür sprach sein kummervolles Aussehen, – oder ein verliebter Schwärmer, der einen Korb bekommen, dafür sprach der melancholische Ernst in seinen Zügen – oder er war alles dies zugleich, und alles dies waren Kathegorien, die ein Mann wie Aron Levy, der Chef des Hauses Levy, Davidson & Co. sehr verächtlich fand.

Der Vollbärtige hatte, wenn er sich auch wirklich um den Reisegefährten hätte kümmern wollen, gar keine Zeit dazu, denn Mr. Aron Levis hatte ihn für den ganzen Weg völlig in Anspruch genommen.

Der Zug brauste von der letzten Station, Worcester, ab und flog mit der in Amerika gewohnten, reißenden Schnelligkeit, welche die Eisenbahnen in Europa auch nicht einmal annähernd erreichen, der mächtigen Hafenstadt Boston zu, deren Häusermassen in der Ferne bereits sichtbar waren.

Die Unterhaltung, welche Aron Levy mit seinem Gefährten führte, war zwar leise, aber doch laut genug, um von dem Dritten verstanden zu werden, der indessen nicht so indiscret war, etwas davon erlauschen zu wollen.

»Notiren Sie sich lieber Alles, was ich Ihnen sagte,« fuhr der Geldaristokrat in dem Gespräch fort, welches das Anhalten des Zuges einen Augenblick unterbrochen hatte. »Bedenken Sie, wie wichtig es ist, daß Sie auch nicht die unbedeutendste der Instructionen vergessen.«

Der Vollbärtige zog ein Notizbuch hervor.

»Notiren Sie auch meine Adresse, Mr. Evans.«

»Die kenne ich ja.«

»Nein, ich wünsche nicht, daß Sie Ihre Briefe an die Firma adressiren, falls sie mich zu benachrichtigen haben. Nicht Levis, Davidson & Co., sondern meine Privatadresse, Mr. Aron Levis New-York, 14 Bovery-Street. Notiren Sie es.«

Der Fremde sah sich nach dem Sprecher um, wie Einer, dem plötzlich ein Gedanke kommt. Mr. Levy bemerkte es und erwiderte den Blick mit verweisender Würde; oder mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: »Wie kannst Du, geldloses Individuum, es wagen, mich wie einen Bekannten anzuschauen?«

Der Fremde fühlte diesen Blick und beeilte sich, die Aufklärung zu geben. Bescheiden, aber ohne Unterwürfigkeit, sagte er:

»Entschuldigen Sie mich, mein Herr, wenn ich mir erlaube, Ihr Gespräch einen Augenblick zu unterbrechen. Allein ich hörte, daß dieser Herr der Chef einer der größern Firmen in New-York ist und zwar einer Firma, zu welcher einst ein naher Verwandter von mir in Beziehung stand, Mr. Powel, Sir, wenn Sie sich des Namens erinnern, Firma: Charly Powel & Co.

Mr. Levy nickte nachlässig mit dem Kopfe und rümpfte ein wenig die Nase.

»So viel ich weiß,« fuhr der Sprecher fort, »hat diese Firma zu der Ihrigen in Beziehung gestanden.«

Mr. Levi nickte wieder und fügte dann wegwerfend hinzu:

»Hat fallirt – kein Geschäftsmann, sonst hätte seine Firma heut besser dastehen können als je – Ein Yankee-Freund. Thorheit ... wie kann es ein Geschäftsmann nur mit der Partei des Südens verderben? Er hätte es hübsch mit der Conföderation halten sollen, wie sein Compagnon es that, dann würde er nicht in's Elend gerathen sein.«

Eine Röthe tiefen Unwillens überflog die Züge des jungen Mannes, allein da er von Mr. Levy eine Gefälligkeit erlangen wollte, so kämpfte er eine bittere Erwiderung, die ihm auf der Zunge schwebte, nieder und entgegnete nur:

»Ist er ein Opfer seiner politischen Meinung geworden, so wird er hoffentlich bei denen Entschuldigung finden, denen der Patriotismus mehr gilt als der eigene Vortheil – was aber auch der Grund seines Fallissements gewesen sein mag, so bin ich der Ansicht, daß er stets wie ein ehrlicher Mann gehandelt haben wird. – Mr. Charly Powel ist mein Bruder, Sir.«

Der Angeredete machte ein Gesicht, als wollte er sagen: »Was geht das mich an?« und mit Ungeduld schien er das, Ende des Gesprächs zu erwarten.

Der Fremde fuhr fort:

»Mein Name ist Eugene Powel. Vor zwei Jahren lebte mein Bruder noch in glänzenden Verhältnissen. Ich legte mein Vermögen, das zwar nicht bedeutend ist, aber doch hingereicht hätte, ihn vom Sturz zu retten, in der Bank nieder, nahm von ihm, meiner Schwester Mary und meiner Schwägerin Abschied und ging zur See.«

Die Ungeduld des Zuhörers wuchs, und durch die deutlichsten Zeichen gab er zu verstehen, daß ihm die Unterhaltung lästig sei.

Eugene Powel bemerkte es, allein mit kummervoller Miene bat er, ihn noch einen Augenblick anzuhören.

»Ich diente als erster Lieutenant aus der Brigg »Contest«, welche, wie Sie erfahren haben werden, von dem Kaper Alabama genommen und mit ihrer ganzen Ladung versenkt wurde.«

Jetzt fing die Unterhaltung an, sowohl für Mr. Levy als seinen Begleiter, interessant zu werden.

»Nachdem wir vier Monate als Gefangene auf der Alabama gelebt hatten,« setzte der Lieutenant seine Erzählung fort, »wurden wir auf der dänischen Insel St. Thomas an's Land gesetzt. Ich reis'te sofort nach New-York, um meine Verwandten aufzusuchen. Allein, Sie können sich meinen Schrecken vorstellen, als ich dort Niemand fand. Das Geschäft meines Bruders eingegangen – weder er selbst noch seine Familie aufzufinden – von meiner Schwester nirgend eine Spur – Ich war in Verzweiflung Niemand konnte mir Auskunft geben; die Handelshäuser, mit denen er in Verbindung gestanden, wußten mir nur zu sagen, daß er bereits vor einem Jahre fallirt habe, daß sein Compagnon nach dem Süden gegangen sei, und daß sie von seinem ferneren Schicksale nichts wüßten ... Als ich nun eben Ihren Namen hörte, Mr. Levy, tauchte die Hoffnung in mir auf, daß vielleicht Sie mir Auskunft geben könnten ...«

Mr. Levy verzog den Mund, zuckte die Achseln, als ob das ein Gegenstand sei, den er nur ungern berühre, dessen Erwähnung ihm Widerwillen verursache.

»Ich muß nur bewundern,« hob er endlich an, »daß Sie, um den Aufenthalt Ihres Bruders zu erfahren – eine Neugierde, die Sie am Ende bereuen werden – New-York verlassen und nach Boston gehen.«

»Es könnte mich gereuen –? Nein, Sir: denn wenn es meinem Bruder schlecht geht, so stelle ich ihm mein Vermögen zur Verfügung. Er ist fleißig und thätig und kann sich damit wieder aufhelfen. – Weshalb ich nach Boston gehe? – Weil ich erfahren habe, daß ein alter Freund von ihm wie von mir, ein gewisser Mr. Crofton, sich in Boston aufhält, und weil ich vermuthe, daß dieser mir die ersehnte Auskunft zu geben im Stande sein möchte. – Da es indessen zweifelhaft ist, ob es mir gelingen wird, Mr. Crofton aufzufinden, so bitte ich Sie inständigst, falls Sie etwas von meinem Bruder wissen, mich davon in Kenntniß zu setzen; Sie erweisen dadurch meinem Bruder, Ihrem ehemaligen Geschäftsfreund, einen großen Dienst und werden mich zu unendlichem Danke verpflichten.«

»Um es kurz zu machen, Sir – ich weiß etwas von Ihrem Bruder,« erwiderte Mr. Levy in dem Ton, wie man sich einen lästigen Bittsteller vom Halse schafft. – »Durch meinen Geschäftsfreund Mr. Jackson, der ihn nach seinem Fallissement in seinem Comptoir beschäftigte, erfuhr ich seinen gegenwärtigen Aufenthalt und durch einen Agenten Namens Atzerott die näheren Umstände der Sache, die ihn dahin brachten. – Ihr Bruder befindet sich im Gefängniß.« –

»Was? – Im Schuldgefängniß?«

»Nicht im Schuldgefängniß, Sir, sondern im Courte-House, und zwar wegen Unterschlagung eines Geldbriefes.«

»Gerechter Himmel, er ist unschuldig – eines so gemeinen Verbrechens ist mein Bruder nicht fähig!« rief der junge Mann, während der Schrecken ihm das Blut aus den Wangen zurücktrieb. – »O Gott, und seine unglückliche Familie ... Ich danke Ihnen, Sir ... Mit dem nächsten Zuge fahre ich nach New-York zurück, ich muß ihn retten und seine Familie!«

Mit diesen Worten sank er in seinen Sitz zurück und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

Mr. Levy warf noch einen kalten, gleichgiltigen Blick auf ihn, um sich zu überzeugen, daß er ferner nicht durch Fragen von Seiten des jungen Mannes wieder belästigt werde und ungestört seine Unterhaltung mit seinem Begleiter fortsetzen könne.

»Nun, Mr. Evans,« wandte er sich darauf an seinen Begleiter, »wollen wir fortfahren. Sie haben meine Adresse notirt? – Gut. Sie kennen das Wasser von Lynnes-Eiland genau?«

Mr. Evan lächelte und erwiderte:

»Sir, Sie können nicht genauer in Ihren Büchern jeden beliebigen Posten aufzufinden im Stande sein, als ich in den Gewässern von Massachusetts jede Untiefe und jede Bank.«

»Sie werden sich also noch diesen Abend nach der »Blauen Flagge« begeben, um sofort an Bord des Schiffes zu gehen.«

»Ich bin dazu bereit.«

»Lesen Sie sich nun diesen Brief noch einmal durch und notiren Sie sich das Loosungswort. Wenn Sie auch nur ein Wort anders sagen würden, so würde man Zweifel gegen Sie hegen, ja sogar Sie möglicher Weise zurückweisen.«

Mr. Evans faltete den Brief auseinander und las; dann schrieb er einige Worte in sein Notizbuch und wollte eben das Papier an Mr. Levy zurückgeben, als der Zug auf dem Bahnhof von Boston hielt.

»Bevor Sie sich nach der »Blauen Flagge« begeben,« flüsterte Aron Levis, »muß ich Ihnen noch einige Instruktionen für den Kapitain geben; Sie werden mich deshalb zuvörderst nach meinem Hotel begleiten.«

Inzwischen waren sie ausgestiegen, und Eugene Powel, einen tiefen Seufzer ausstoßend, folgte ihnen langsam nach. Durch das Gedränge auf dem Perron in seinen trüben Gedanken gestört, warf er zufällig auf seine beiden vor ihm hergehenden Reisegefährten einen Blick und bemerkte, daß Mr. Evans den Brief, welchen ihm Aron Levy im Wagen gab, an denselben zurückgab, daß aber, als dieser das Papier in die Tasche stecken wollte, dasselbe unbemerkt seinen Händen entfiel.

Eugene eilte hinzu und hob es auf, um es den Herren zurückzugeben, in diesem Augenblick aber waren dieselben im Gedränge verschwunden und alle Mühe vergebens, sie wieder zu Gesicht zu bekommen.

Eugene sah auf die Adresse, ob vielleicht darnach der Adressat in Boston zu ermitteln sei, allein zu seiner Verwunderung sah er auf der Adresse nur die Buchstaben K. G. C.

Er schüttelte den Kopf und steckte den Brief ein, um ihn in New-York an die Adresse, die er zufällig gehört, abzugeben, dann begab er sich an die Kasse des Billetverkaufs und löste ein Billet für den nächsten Zug nach New-York.

Er hatte auf denselben noch anderthalb Stunden zu warten, die ihm eine Ewigkeit dünkten, denn jede Minute, die seine Hilfe ausblieb, war für seinen unglücklichen Bruder und dessen Familie eine Welt voller Qual und Jammer. Immer wieder tauchte ihm das fürchterliche Gespenst seines' unschuldig eingekerkerten Bruders und seiner im tiefsten Elend schmachtenden Familie auf. Sein Bruder, der Mann, dem von jeher Ehre und Pflicht die heiligsten Dinge waren, war entehrt – eingekerkert – seine Frau schwächlich und kränklich, zum Arbeiten unfähig, sie, die sonst im Ueberfluß gelebt – sie hungerte mit den drei Kindern oder sie strengte ihre Kräfte widernatürlich an, um sie satt zu machen, und desto früher dem Grabe entgegenzusiechen. ...

»Gräßlich, gräßlich! Ein Gedanke, der nicht zum Ertragen ist!« murmelte er. »Wie langsam die Zeit dem Unglücklichen hinschleicht! – Sind die anderthalb Stunden noch nicht vorüber?« –

Er sah nach der Uhr. Noch keine halbe Stunde war verstrichen.

Ungeduldig sprang er von seinem Sitze empor und durchschritt mehrmals den großen Wartesaal. Da fiel ihm der Brief ein, und mehr um sich auf einen Moment von den folternden Gedanken zu befreien, als aus Neugierde, zog er denselben aus der Tasche. Er betrachtete nochmals die sonderbare Chiffre der Adresse. Von wem konnte der Brief sein? Nirgend ein Poststempel, das Siegel so auffallend, daß es allein schon geeignet war, die Neugierde zu reizen. Es stellte einen Mann dar, der seinen Fuß aus den Nacken eines besiegten Feindes setzt und darunter die Worte: »sic semper tyrannis!«

»Das muß eine Correspondenz eigener Art sein,« dachte Eugene. – »Der sieht nicht aus wie ein Geschäftsbrief, sondern mystisch wie das Libell einer Verschwörung ... Verschwörung – Hm! unmöglich wäre es nicht, ging nicht aus seinen Reden hervor, daß er ein Anhänger des Südens ist? Vielleicht unterhält er eine geheime Verbindung mit den Rebellen. Ich muß doch einen Blick hineinthun, nur um den Schreiber des Briefes zu ermitteln – es ist meine Pflicht gegen die Republik, die diese Indiskretion fordert.«

Er faltete den Brief auseinander und sah nach der Unterschrift.

»Breckenridge!« – Also richtig ein Complott.«

Er nahm nunmehr keinen Anstand, den merkwürdigen Brief von Anfang bis zu Ende zu lesen, dessen Inhalt allerdings geeignet war, sein Interesse auf's Höchste zu spannen, und was mehr war, sein brennendes Verlangen, nach New-York zu eilen, um dem Bruder zu helfen, zu dämpfen.

Der Brief lautete:

 

»Werther Mr. L***!

Da Sie unter den Seeleuten in New-York und Boston vielfache Verbindungen haben, so haben wir für den nachstehenden Auftrag gerade Sie von allen unsern Freunden dort ausersehen, und sind überzeugt, daß Sie denselben zur vollsten Befriedigung ausführen werden. Sonntag den 11. wird unser Kaperschiff Alabama in Begleitung des Schooners »Sea-bright« in der Nähe von Boston kreuzen, um demnächst auf die nach den westindischen Inseln fahrenden Schiffe Jagd zu machen. Um aber die Alabama durch die Gewässer der Küste hindurch zu bringen, bedarf es eines sehr zuverlässigen Lootsen, zumal Semmes gezwungen sein wird, sich meistens in dem unzugänglichsten und unsichersten Fahrwasser aufzuhalten. Haben Sie den Lootsen gefunden – selbstverständlich muß derselbe ein Anhänger unserer Partei sein, damit Verrath nicht zu fürchten ist – so schicken Sie denselben am 11. Abends in das Wirthshaus zur »Blauen Flagge« am Hafenplatz in Boston. Dort wird man ihn erwarten. Zur Erkennung wird man ihm eine Frage verlegen, in welcher die Wendung: »mit dem Backbord die Wogen des Kielwassers durchschneiden« vorkommt – ich habe diesen ungereimten Ausdruck gewählt, um eine Verwechselung unmöglich zu machen – daran erkennt er, daß der Frager ein Beauftragter der Alabama ist. Er hat auf die ungereimte Frage zu antworten: »Die Wogen des Kielwassers sind gefährlich für den, der sich unvorsichtig auf dieselben wagt.« Dann wird man ihn als den rechten Mann erkennen und an Bord der Alabama führen. – Was die Unkosten anlangt, so mögen Sie dieselben decken aus dem Gelde, was man Ihnen in Boston einhändigen wird; es sind die Summen, welche von Semmes auf den gekaperten Schiffen vorgefunden wurden, etwa eine Million Dollars.

Breckenridge,
Kriegsminister in den Conföderirten Staaten.«

 

Der Brief hatte den jungen Seeoffizier in große Aufregung versetzt.

»Ha, der Verräther!« rief er. – »An den Galgen mit dem Nichtswürdigen – Aber der Schurke geht frei umher, bläht sich in dem Stolz eines angesehenen Mannes, während mein Bruder ...«

In diesem Augenblick tönte die Pfeife der Locomotive, um die Passagiere zum Einsteigen zu rufen.

»Ich muß fort nach New-York und kann nicht die Verfolgung des Elenden veranlassen, der den räuberischen Rebellen Vorschub leistet – aber später – später? Soll ich den Lootsen das Schiff besteigen und es retten lassen zum Verderben der Unsrigen? Nimmermehr! – Was wäre ich für ein Bürger der Republik, wenn ich das duldete ... Aber mein armer Bruder, was wird aus ihm, darf ich meine Hülfe nur einen Moment verzögern? – O, Gott, was soll ich thun? – Hier ruft die Pflicht, dem Vaterlande zu dienen, dort fordert das Elend der Meinigen meine Hülfe. – Was soll ich thun?«

Der Widerspruch der Pflichten kämpfte in seiner Brust einen kurzen aber heftigen Kampf und drohte ihn, den Unglücklichen, vollends zu vernichten. War er nicht schon elend genug, mußte auch das noch hinzukommen? – Bruderliebe und Vaterlandsliebe – Bruderpflicht und Bürgerpflicht, mächtige Gegner, die einander bekämpften und ihm sein Herz zerrissen. Aber der Kampf war kurz.

»Es muß sein. Ich kann nicht anders. Du wirst mir verzeihen, Bruder. Du weißt, daß ich für Dich gestorben wäre, wenn Dir mein Tod hatte von Nutzen sein können, aber dem Vaterlande gehört mein Leben, dem Vaterlande will ich es opfern, und Du wirst mich segnen für die That!«

Das waren die Worte, die Eugene sprach, während er dem nach New-York abfahrenden Zuge nachblickte.


 << zurück weiter >>