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Zweites Kapitel.
Der Sklavenbaron zu White-House

Nur etwa eine Viertelmeile vom James River entfernt, liegt in einer äußerst fruchtbaren Niederung die Farm White-House. Das Wohnhaus ist auf einer kleinen Anhöhe gebaut, eine Art Villa im modernsten Styl, mit einer prächtigen Säulenhalle als Vorbau; an dünnen Fäden sich hinrankend bilden üppig grünende Schlinggewächse unten zwischen den Säulenschäften eine Art Geländer, und dann sich emporziehend, umrahmen sie die mit Goldleisten und herrlichen Stuckaturen reich verzierte Decke mit ihren dunklen Blättern, so daß die Halle das Ansehen einer Veranda erhält. Mächtige Sykomoren, die zu beiden Seiten der Vorhalle stehen, vereinigen ihre dichtbelaubten Zweige zu einem Laubdach und wehren dem Strahl der tropischen Sonne mit seiner Gluth in die erquickende Kühle der Veranda einzudringen. Zwischen diesen Bäumen befindet sich das Bassin eines Springbrunnens, dessen Wasser plätschernd im Glanz der Abendsonne schillerte und in Farbenpracht wetteiferte mit den tausendfarbigen Blumen, die den Platz vor der Veranda bedeckten und mit ihrem Duft erfüllten.

Man kann sich nichts Reizenderes denken, als unter dieser Veranda der süßen Ruhe und der gemüthlichen Unterhaltung zu pflegen. An einem Tische, auf welchem zwei Krystallpokale und eine Flasche Sherry standen, wiegten sich auf weichen Polsterstühlen zwei Männer. Der Eine von ihnen war ein Mann in den fünfziger Jahren, und sein dünner Backenbart und sein Haar schon stark mit Grau untermischt. Wenn sonst stets das Auge der Spiegel der Seele ist, so war man doch nicht im Stande in diesem Auge auch nur ein schattenhaftes Bild der Seele zu erkennen; es waren graue, ausdruckslose, glanzlose Augen. Ob ihr Glanz in dem Feuer verzehrender Leidenschaften erloschen, oder ob sie überhaupt nie im Feuer der Jugend gestrahlt hatten war schwer zu bestimmen, denn das Gesicht dieses Mannes war ein verschlossenes Buch, in dem Niemanden zu lesen gestattet war. Und doch lag in diesem Gesicht etwas, das Widerwillen, ja Furcht einflößen mußte: der kalte, glanzlose Blick hatte etwas Unheimliches, Beängstigendes; in der Brust dieses Mannes konnten nie Herz und Gemüth gewohnt haben, oder sie waren längst erstorben, hier mußte die kalte Grausamkeit eines Nero, aber ohne dessen wilde Leidenschaft zu finden sein. Sein eckiges, markirtes Gesicht machte einen um so widerwärtigeren Eindruck, als die Züge desselben völlig unbeweglich zu sein schienen. Seine Figur war groß und hager, seine Haltung aufrecht und steif.

Der Andere, der mit ihm am Tische saß, mochte in den Dreißigern sein. Sein Gesicht war völlig das Gegentheil von dem des Andern; dort starre Unbeweglichkeit – hier quecksilberartige Beweglichkeit; dort Verschlossenheit, Leidenschaftslosigkeit – hier spiegelte sich in den Zügen jede Leidenschaft, jedes Laster wieder. Das stechende, braune Auge verrieth Bosheit und Tücke; die breite, flache Stirn thierische Sinnlichkeit, der eigenthümlich geformte große Mund Selbstsucht und Rohheit.

Dies waren William Breckenridge, einer der reichsten sogenannten Sklavenbarone Virginiens und zugleich Kriegsminister des Rebellenpräsidenten, und Berveley Tucker, ein Plantagenbesitzer aus der Nachbarschaft, gegenwärtig auch Armeelieferant der Rebellenarmee.

Beide Männer achteten weder der herrlichen Fernsicht, die sie von der Veranda aus hatten, noch der reizenden Anlagen in ihrer Nähe. Von Zeit zu Zeit ein Glas Sherry leerend und ihre Cigarre dampfend, starrten sie stumm ins Leere.

Obgleich das Gesicht des Mr. Breckenridge nicht im mindesten anders aussah, wie sonst immer, so konnte man doch aus der Manier, wie er langsam den Dampf seiner Cigarre von sich blies und wie er sich mit dem Knopf der Peitsche, die er in der Hand hielt, ungeduldig auf das Knie klopfte, schließen, daß er verstimmt sei.

Desto aufgeräumter war sein Gast, der sich ein Glas nach dem andern einschenkte und in herzliches Kichern ausbrach, so oft er sah, wie die Nigger, die draußen im Garten beschäftigt waren, sich krümmten unter der Peitsche des Aufsehers, der sie zur Arbeit antrieb.

Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden, und die drückend heiße Luft kühlte sich allmählig ab. Der Sherry und die angenehme Kühle lös'ten endlich die Zunge Berveley Tucker's.

»Sie sind verdrießlich, Freund Breckenridge«, begann er, »und Sie haben Ursache, denn unsere Sache steht schlimm, sehr schlimm. Verliert Lee diese Schlacht, so haben wir den Feind in der unmittelbarsten Nähe von Richmond, und die Republikaner diktiren uns den Frieden, dessen erste Bedingung die Freilassung der Sklaven ist.«

Der Kriegsminister zog ein wenig die Brauen zusammen.

»Dahin wird es sobald nicht kommen«; versetzte er mürrisch. »Man wird uns nicht den Frieden diktiren und wir werden unsere Sklaven nicht freilassen, das versichere ich Ihnen.«

»Wie es scheint«, meinte Mr. Tucker, »haben Sie doch aus weiser Vorsicht Ihre Sklaven zum größten Theil bereits verkauft.«

»Nicht weil ich fürchtete, daß man sie mir nähme«, versetzte Breckenridge. »Ich habe die Nigger, die sich zum Kriegsdienste eigneten, gegen geringe Entschädigung als Soldaten einstellen lassen, und da die übrigen doch nichts hingereicht hätten, die Plantage zu bebauen, so habe ich von denen auch noch einige verkauft und nur so viele behalten, als zur Besorgung meines Hauswesens erforderlich sind.«

»Sie sind ein großer Patriot, Mr. Breckenridge«, bemerkte der Armeelieferant«, daß Sie dem Gemeinwohl solche Opfer bringen.«

»Ob ich dem Gemeinwohl die Opfer bringe oder mir selbst, ist einerlei«, entgegnete Breckenridge. »Aber ich bin der Meinung, daß wir keine Opfer scheuen dürfen, wenn wir unsere Rechte mit Erfolg verfechten wollen. Man will uns unser Eigenthum, unsere Sklaven, die wir mit unsern guten Dollars gekauft, nehmen, das dürfen wir nicht dulden; wir werdenden republikanischen Gesindel zeigen, daß wir in Amerika die Herren sind. – Wer sind denn die Leute, die über Unmenschlichkeit, Unchristlichkeit und wie die Phrasen alle heißen, schreien und gegen uns das große Wort führen? – Es sind dies hergelaufenen Deutschen, diese Habenichtse, die nur den Dollar ihr eigen nennen, den sie im Schweiße ihres Angesichts verdienen, dann die Zeitungsschreiber mit ihrem Troß von Schwärmern und Tagedieben, und endlich diejenigen von den Yankees, die mit ihrem Golde gern allein die Herrenspielen möchten und sich ärgern, daß wir an Reichthum und Einfluß mehr und mehr steigen. Die großen Handelsfirmen aber und die Industriellen des Nordens, die halten zu uns, denn nur durch uns existiren sie, unser Wohlstand ist Existenzbedingung für sie. Darum glaube ich nicht an einen für uns schlimmen Ausgang des Krieges. Wie gesagt, wir dürfen nur keine Opfer scheuen. Mit unsern Dollars werden wir siegen. Wir sind im Stande uns selbst in den Staaten des Nordens eine Macht zu schaffen, die mehr für uns wirkt als die Armeen auf dem Kriegsschauplatz.«

»Sehr wahr, Freund Breckenridge«, stimmte Mr. Tucker bei, »und dazu ist vor allen Dingen erforderlich, daß wir zusammenhalten. Es war ein schöner Gedanke von Ihnen, daß Sie damals die Vereinigung der Ritter vom goldenen Zirkel gründeten, wir hätten wahrlich nicht den Krieg zwei Jahre mit solchem Erfolg geführt.«

»Um aber den Krieg mit demselben Erfolg fortzusetzen«, fuhr der Kriegsminister fort, »bedarf es jetzt anderer Mittel. Wir müssen den Feind angreifen und vernichten von einer Seite, wo er sich nicht mit seinen Armeen vertheidigen kann. In seinem innersten Mark muß der Wurm der Vernichtung sein Werk beginnen, heimlich, unmerklich. Der Lebensnerv der Union muß zerschnitten werden, und nöthigenfalls muß man dem Drachen Union, der das Maul nach unserer Existenz aufsperrt und uns zu verschlingen droht, den Kopf abschlagen; das ist meine Ansicht!«

»Dazu scheint mir der junge Mann, der Comödiant, den Sie kürzlich in unsern Zirkel einführten ganz wie gemacht, denn er haßt Abraham Lincoln eben so sehr wie Unsereiner und ist ehrgeizig und verwegen.«

»Ich habe in Bezug auf ihn schon meinen Plan gemacht, Freund Tucker und in der nächsten Sitzung der Ritter vom goldenen Zirkel sollen Sie davon hören. Vorläufig gebe ich Ihnen die Versicherung: noch hat das Ungeheuer, das uns droht, uns nicht verschlungen; noch existiren wir und haben mächtigere Waffen in Händen, als Sie und die Andern sich träumen lassen.«

»Ihre Zuversicht macht mit ordentlich wieder neuen Muth, Mr. Breckenridge. Ja, Sie sind ein ausgezeichneter Mann, Ihnen verdankt die Conföderation viel, und wenn sie siegt, so ist das hauptsächlich Ihr Werk. Lassen Sie uns anstoßen – die Conföderation lebe!«

Mr. Breckenridge schellte.

Auf dies Zeichen erschien ein Mädchen von so imposanter Schönheit, daß Mr. Tucker das Glas, das er eben an die Lippen führen wollte, ohne zu trinken, langsam wieder aus den Tisch stellte, und mit gierigen Augen sie anstierte.

Sie war eine Quadroone Aus der Vermischung von Weißen und Negern entstehen »Mulatten«; aus der Vermischung von Weißen und Mulatten »Quadroonen«., die Farbe ihrer Haut vielleicht um eine Schattirung dunkler, als die einer Weißen, etwa gleich dem Teint einer Neapolitanerin. Ihr Wuchs war, wie der aller Quadroonen, üppig und voll, der kleine Mund mit den ein wenig ausgeworfenen rothen Lippen schien Wollust zu hauchen und in den braunen Augen mit den langen, dunklen Wimpern brannte »die Gluth unauslöschlicher Leidenschaft; und über all den Reizen dieser üppigen Schönheit schwebte der Zauber eines tiefen Gefühls und leuchtete der Strahl hoher Intelligenz und seiner Bildung. Aber in dem ernsten, bleichen Antlitz lagerte auch die Wolle düstrer Melancholie, die den Zauber, den die Erscheinung dieses Mädchens verbreitete, nur, noch erhöhte. Offenbar nagte tiefer Gram in ihrer Brust, aber sie besaß Willenstärke und Festigkeit des Charakters genug, um denselben zu ertragen.

Mit einer höflichen Verbeugung gegen den Gast näherte sie sich ihrem Herrn.

»Sie befehlen, Sir …?« sagte sie mit wohltönender Stimme.

»Noch eine Flasche Sherry!« befahl Mr. Breckenridge, ohne sie anzusehen.

Hätte er sie angesehen, er würde bemerkt haben, daß in ihrem Auge eine Thräne schimmerte.

Sie ergriff das silberne Servirbrett, auf welchem die geleerte Flasche stand, mit ihrer kleinen, zart geformten Hand, wobei ein runder, schöner Arm sichtbar wurde, und entfernte sich.

»Bei allen Teufeln!« rief Mr. Tucker, dessen ganze Sinnlichkeit bereits in hellen Flammen loderte; »das ist ein Prachtexemplar! – Eine Ihrer Sklavinnen, Mr. Breckenridge?«

»Sie ist eine von den Sklavinnen, die ich beim Kauf dieser Besitzung mit übernahm. Sie wissen, Mr. Brown, mein Vorgänger, war stark angesteckt von den Ansichten der Humanitätsschwärmer und hielt seine Sklaven in sehr lockerer Zucht. Er ließ diese hier mit seiner Tochter erziehen und hielt sie wie sein eigen Kind, daher kommt es, daß sie Bildung besitzt wie eine Lady ersten Ranges. Als der alte Brown starb, war seine Tochter Willens, alle ihre Sklaven freizulassen; aber ich bin glücklicher Weise Vormund der Erbin und da sie noch minorenn war, so konnte ich den leichtfertigen Schritt hindern, indem ich die Besitzung mit allem Zubehör an mich kaufte.«

»Hören Sie, Mr. Breckenridge, ich muß das Mädchen haben, es ist mir kein Preis zu hoch.«

»Das glaube ich, sie ist schön. Schon Mancher hat sie zur Favorit-Sklavin haben wollen, und mehr als einmal sind mir 2000 Dollars für das Mädchen geboten. Aber ich habe sie nicht verkaufen wollen, da ich sonst Niemand habe, der es verstünde, meinem Hauswesen mit Anstand und feiner Tournüre vorzustehen.«

»Ich gebe ihnen 3000 Dollars.«

»Dreitaufend Dollars? – das ist ein Gebot, das sich hören läßt; da wäre ich wirklich nicht abgeneigt.« –

Das Gespräch wurde unterbrochen durch den Eintritt des jungen Mädchens, von dem es handelte. Sie stellte die Flasche Sherry auf den Tisch; statt aber sich sofort wieder zu entfernen, blieb sie zaudernd stehen.

»Nun?« fragte Mr. Breckenridge, und sah sie verweisend an; zugleich aber bemerkte er ihr thränenfeuchtes Auge.

»Was soll das?« rief er zornig. – »Weg die Thränen! Ich kann keine plärrenden Sklaven gebrauchen. Auf der Stelle ein freundliches Gesicht gemacht!«

»Verzeihen Sie meine Schwäche, Sir,« antwortete sie, die Thränen abtrocknend und sich zwingend, dem Befehl ihres Herrn zu entsprechen – »aber ich habe vorhin einen Brief von Miß Emmy erhalten ...«

»So?« unterbrach er sie. »Schon wieder? Ich habe meiner Mündel verboten, an Dich zu schreiben, weil es sich für sie nicht schickt, auf freundschaftlichem Fuß mit einer Sklavin zu stehen, und weil sie mit ihrem Beileid Dich verdirbt. Ah, jetzt begreife ich Deinen Kummer! Aber ich habe hier einen Tröster!«

Er wies auf die Peitsche in seiner Hand.

»Ich will doch sehen,« fuhr er fort, »ob ich die Zucht nicht wieder herstellen kann unter dem schwarzen Gesindel, die mein Vorgänger leider vernachlässigt hat. Geh jetzt. Ich erlasse Dir für diesmal die Strafe; aber laß mich nicht wieder Thränen sehen, sonst …«

»Sie mißverstehen die Ursache meiner Trauer, Sir,« fiel das Mädchen mit sanfter Stimme ein. »O, gestatten Sie mir nur ein Wort, eine Bitte …«

»Deine Keckheit geht weit!«

»Miß Emmy schreibt mir, daß man durch Richmond einen Transport Gefangener geführt habe, und daß sie« – unaufhaltsam strömten von Neuem ihre Thränen – »daß sie unter diesen auch meinen Bruder bemerkt habe.«

»Den ich unter's Militair stecken ließ, und der von dort desertirte? Vortrefflich, daß sie ihn wieder eingefangen haben, der Strick ist ihm gewiß!«

»O, Mr. Breckenridge,« rief das Mädchen schluchzend und flehend ihre Hände ausstreckend. »Thun Sie etwas für ihn; ein Wort von Ihnen, und er wird nicht gehenkt oder erschossen. Mein Lebelang will ich es Ihnen durch die treusten Dienste lohnen. Nie soll eine Klage über meine Lippen kommen, nie will ich murren über mein Loos – retten Sie ihn!«

»Welche Frechheit! Ich soll mich für einen davongelaufenen Sklaven verwenden? Wahrhaftig, ich sehe ein, ich bin gegen Dich zu nachsichtig gewesen; sonst würdest Du zittern vor meinem Zorn über solche Zumuthung.«

Mr. Tucker lachte laut auf.

»In der That, Mr. Brown muß seine Nigger auf eine absonderliche Weise erzogen haben, daß sie sich unterstehen, so mit ihrem Herrn zu reden. Aber ereifern Sie sich jetzt nicht weiter, werther Freund; wenn unser Geschäft zu Stande kommt, so werde ich schon nachholen, was an der Erziehung dieser Sklavin versäumt ist. Gefällt es Ihnen, so schließen wir das Geschäft auf der Stelle ab.«

»Ach so, ja« ich dachte nicht daran,« versetzte Breckenridge. »Ich muß Dir eröffnen, Esther, daß ich Dich zu verkaufen beabsichtige. Hier dieser Herr wird Dich kaufen.«

Das Mädchen blickte ihn entsetzt an.

»Sie wollen mich verkaufen, Sir?« sagte sie, und ihre Brust keuchte angstvoll.

»Still!« unterbrach sie ihr Herr und wandte sich an seinen Gast. »Freilich muß es einen übeln Eindruck auf Sie machen, wenn Sie sehen, wie schlecht disciplinirt sie ist, allein ich versichere Sie, daß sie lenksam ist und bei strenger Behandlung äußerst brauchbar, sie besitzt manche gesellschaftlichen Talente und ist namentlich als Vorleserin wohl zu gebrauchen.«

Ueber Mr. Tucker's Gesicht flog ein ironisches Grinsen.

»Das ist mir im Augenblick Alles Nebensache,« sagte er, sein Gesicht zu frivolem Lachen verzerrend. »Es liegt mir weniger an ihren Talenten und Fähigkeiten, als an ihrem Körper, und in dieser Beziehung möchte ich nicht gerne die Katze im Sack kaufen.«

»Natürlich nicht,« bestätigte Mr. Breckenridge. »Ueberzeugen Sie sich genau, daß sie alle die Eigenschaften besitzt, die man an einer Favorit-Niggerin verlangt. Wer einen guten Preis zahlt, kann auch eine gute Waare verlangen.«

Esther trug außer einem Rock von gelbem Mousselin eine ausgeschnittene Blouse von leichtem Baumwollenzeuge; den schön gebogenen Hals aber und den Busen, welcher der leichten Fesseln der Blouse spottete, hatte sie durch ein loses um den Hals geschlungenes Tuch leicht bedeckt.

Mr. Tucker musterte mit lüsternen Blicken die ebenmäßige Figur des schönen Mädchens. Seine zitternden Finger betasteten ihren Arm, ihre Taille.

Sie zuckte bei seiner Berührung zusammen. Ihre Lippen schlossen sich, als wollte sie einen Zornausbruch zurückdrängen; aber sie leistete keinen Widerstand. Mr. Tucker's Auge ruhte erwartungsvoll auf dem Tuch, das sie um den Hals trug.

»Herunter das Tuch,« befahl Mr. Breckenridge, »oder meinst Du, Mr. Tucker soll selber Deine Zofe spielen?«

Das Mädchen rührte sich nicht.

»Hörst Du nicht? – das Tuch herunter, verdammtes Niggerblut!« wiederholte ihr Herr.

Ueber das Gesicht des schönen Mädchens flog Purpurröthe.

»Sir!« rief sie mit halb vorwurfsvollem, halb flehendem Tone, aber sie machte keine Miene, dem Befehl zu gehorchen.

Breckenridge sprang auf.

»Bei allen Teufeln, gehorche, oder ….«

Mr. Tucker's Auge funkelte begierig, der Ausführung des Befehls harrend. Sie aber blieb unbeweglich.«

»Nun, das muß ich sagen, Mr. Breckenridge,« sagte jener boshaft, »darnach, daß ich solche Halsstarrigkeit mit in den Kauf nehmen muß, haben Sie den Preis hoch genug gesetzt«

Der Zorn des Sklavenbarons war auf's Aeußerste gesteigert. Seine Hand streckte sich aus – das Tuch ward heruntergerissen – die Peitsche sauste in der Luft– und über den zarten Hals zogen sich, dunkelroth anschwellend, zwei dicke Striemen.

Kein Laut des Schmerzes drang über Esthers fest geschlossene Lippen, keine Thräne netzte ihr Auge. Aber das Wogen ihres Busens, das hörbare Klopfen ihres Herzens kündete den Sturm an, der in ihrem Innern tobte, und das zornflammende Auge, dessen Blitze vernichtend ihren Herrn und dessen Gast trafen, sprach den Schwur ewiger, unauslöschlicher Rache.

Die Peitsche hob sich zum dritten Mal, aber sie fiel diesmal nicht aus Esther's Schulter. Ein Neger sprang in diesem Augenblicke herein und überreichte dem Kriegsminister eine Karte mit den Worten:

»Fremder Massah warten da drinnen.«

Mr. Breckenridge bemerkte anfänglich mit Unwillen die Störung, allein kaum hatte er den Namen gelesen, der auf der Karte stand, als er sich hastig an seinen Gast wandte:

»Entschuldigen Sie mich, werther Freund, aber ein Geschäft, das keinen Aufschub duldet, zwingt mich, Sie zu verlassen. Wollen Sie diese Angelegenheit« – er deutete auf die Sklavin – »bis morgen aufschieben ….«

»O, ich bitte« – unterbrach ihn Mr. Tucker, »geniren Sie sich meinetwegen nicht, ich meinerseits betrachte das Geschäft als abgemacht, und wenn es Ihnen recht ist, so lasse ich morgen Vormittag durch meinen Niggeraufseher das Mädchen abholen.«

Sie schüttelten einander die Hände, und Mr. Tucker, noch einen diabolischen Blick aus die bebende Quadroone werfend, entfernte sich.

Kaum hatte er sein Pferd bestiegen, das ein Nigger auf dem Hofe auf- und abgeführt hatte, so eilte Mr. Breckenridge in das Nebenzimmer, wo sein neuer Gast auf ihn wartete. Esther konnte durch die Thür einen Blick auf den Fremden werfen; es war ein kleiner Mann mit starkem, schwarzem Schnurrbart, der einen dunkelblauen Mantel mit rothem Besatz und eine niedrige Mütze mit abstehendem Schirm und breiter Goldborte trug.

Mr. Breckenridge hatte in der Eile die Karte auf dem Tische liegen lassen. Als Esther's racheflammende Augen ihren Herrn im Nebenzimmer verschwinden sahen, flog sie an den Tisch und ergriff die Karte. Es stand darauf der Name: M'Clellan, Oberbefehlshaber der Vereinigten Staaten-Armee.


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