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Zehntes Kapitel.
An der Schwelle des Todes

Zu immer engeren Kreisen hatte sich die Unionsarmee um das Lager Lee's, des Generals der Rebellen, zusammen gezogen. Nicht rückwärts nicht vorwärts konnte er, denn von Norden, vom Potomac her, drohte die Hauptarmee unter M'Clellan und Grant; den Rückzug nach Süden über den York-Fluß hinderte Sheridan, der mit einer ans Erstaunliche grenzenden Geschicklichkeit es möglich gemacht hatte, auf einem für solche Operationen so ungünstigen Terrain die Armee des Feindes zu umgehen.

Es war ein milder Juli-Abend· – Eine verhängnißvolle Stille herrschte im Lager der Unionisten, die Stille des Meeres vor dem Ausbruch des Orkans, denn der Tag nahte, an welchem der Angriff geschehen sollte, der die Armee der Rebellen vernichten und dem Bruderkriege ein Ende machen mußte. Die Lagerzelte waren bis auf die wenigen für die Commandeure abgebrochen; die Truppen standen unter Waffen. Die Schanzen waren ausgeworfen und armirt, die Patronen vertheilt; die Pferde standen gesattelt, und die Reiter mußten sich jeden Augenblick zum Aussitzen bereit halten; die Vorposten verdoppelten ihre Aufmerksamkeit; und wer nur im Mindesten ihren Argwohn erregte, wurde zur Hauptwache abgeführt.

Es war bereits 10 Uhr, als zwei Männer in der Uniform der Union sich der Postenkette am York-Ruder näherten; der Eine, ein Unteroffizier, ein Mann in den Vierziger Jahren, der Andere, ein Gemeiner, ein junger hübscher Bursche mit dunklen, kühn blitzenden Augen. Beide trugen Säcke auf den Schultern.

Als sie sich etwa aus zehn Schritte dem nächsten Doppelposten genähert hatten, wurden sie angehalten durch den Ruf:

»Halt! Werda?«

»Kameraden vom 22. Infanterie-Regiment New-York,« antwortete der in Unteroffiziersuniform.

»Losung!«

»Sternenbanner!«

Da die Losung richtig war, so hinderte nichts, die Leute unangefochten hindurchzulassen, indessen eingedenk der heute erhaltenen verschärften Instruktion, hielt es der Posten doch für seine Pflicht, ein genaueres Examen anzustellen.

»Wo kommt Ihr her?« fragte er deshalb.

»Das siehst Du ja,« antwortete der Unteroffizier gemüthlich lachend, »wir sind ein wenig fouragiren gewesen auf der Farm dort.«

Darin lag nichts Auffälliges, denn es gehörte zu den allergewöhnlichsten Uebertretungen, daß Einzelne über die Postenlinie hinausgingen und die nächsten Farmen contribuirten. Sie brachten dann gewöhnlich allerlei fette Leckerbissen an Geflügel, Schafen, Kälbern und dergleichen heim. Solche Vergehen wurden, obgleich sie nicht geduldet werden sollten, fast nie bestraft; und mit Neid pflegten die folgsamen Kameraden auf die glücklichen Beutemacher zu blicken.

»Was habt Ihr denn erwischt, Kammeraden?« fragte er, den offiziellen, martialischen Ton zur gemüthlichen Conversation herabstimmend.

»Truthühner«, antwortete der Jüngere, »so fett und schön wie wir sie nirgend in Virginien gefunden haben, außerdem einige Würste und ein Paar Sahnkäse.«

»Truthühner? Ah, das ist ja was Herrliches. Aber Unrecht ist's, daß Ihr vom 22. Regiment hier auf unserem Revier fouragirt, Ihr solltet hübsch da in Eurer Gegend bleiben und uns hier nicht die fetten Bissen wegschnappen.«

»Ereifere Dich nicht, Kamerad,« beruhigte ihn der Unteroffizier. »Hier hast Du einen Truthahn und auch eine Wurst. Verzehre es mit Appetit, wenn Du abgelös't bist.«

Er zog aus seinem Sacke die genannten Gegenstände hervor und übergab sie dem hocherfreuten Posten.

Im besten Einvernehmen verabschiedeten sie sich darauf, und die beiden Fremden nahmen den Weg in's Innere von Sheridan's Lager. Sobald sie sich außerhalb der Sehweite des Postens befanden, kauerten sie sich hinter einer Hecke nieder, warfen die Uniform ab und zogen jeder aus ihren Säcken ein Paar weite graue Beinkleider, eine blaue Blouse und einen Strohhut, nach wenigen Minuten erhoben sie sich und verließen in der Farmerkleidung ihren Versteck, ein kleines Päckchen unter den weiten Blousen sorgfältig verbergend.

»So weit wäre es geglückt!« sagte der Jüngere, »was wir jetzt noch zu thun haben ist verhältnißmäßig leichter und mit weniger Gefahr verbunden.«

»Die Hauptsache ist«, bemerkte der Aeltere, »daß wir erst erfahren, wo Sheridan sein Hauptquartier hat.«

»Ah, das werden wir leicht erfahren. Wir sind unserer Kleidung nach völlig unverdächtige Landleute, und die Bewohner dieser Gegend sind alle gute Secessionisten, die uns gern jede Auskunft gewähren werden. Kommen Sie nur in die erste beste Schänke.«

»Still«, unterbrach ihn der Andere. »Dort kommt Jemand.«

Sie gingen ruhigen Schrittes und so unbefangen wie möglich vorwärts. Die Person, die sich ihnen näherte, war ein Mädchen, das einen Korb am Arm trug; noch ehe sie ihnen ganz nahe war, erkannten sie, daß es ein schönes üppiges Mädchen sei. Der ältere der beiden Fremden wollte an ihr vorübergehen; der Jüngere aber blieb plötzlich stehen.

»Alle Teufel!« rief er. »Bist Du es, Belle Boyd? Das nenne ich Glück haben!«

Das Mädchen bog ihren Kopf, um ihm mit den lüsternen braunen Augen unter die breite Krempe des Strohhuts zu sehen; dann stellte sie schnell ihren Korb an die Erde und schlug beide Arme um den Hals des jungen Mannes.

»Wilkes Booth, Du hier – und in dieser Tracht? Pfui! – Aber was schadet's, Du bist doch der hübscheste Junge, den ich je geküßt!«

»Und Du bist die verschmitzteste Spionin, die je ins Lager der Yankee's gekommen ist« Wahrlich die Conföderirten könnten mit allem Golde Charlestown's Deine Dienste nicht belohnen. –· Erlaube, daß ich Dir hier meinen Freund Mr. Oldham vorstelle, einen Mann, welcher den Conföderirten eine wichtige Erfindung zur Verwerthung angeboten hat, die wir heute probiren wollen.«

Belle Boyd verneigte sich kokett und erwiderte lächelnd:

»Wenn auch Mr. Oldham nicht die verführerischen Vorzüge meines Wilkes besitzt, so liebe ich ihn doch von ganzem Herzen schon deshalb, weil er der Conföderation seine Erfindungen widmet. Sie sehen, Mr. Oldham, ich bin eine gute Patriotin. Ich habe mich nicht gescheut, den Comfort des Salons im Stiche zu lassen und diese bescheidene Rolle zu spielen, in welcher Sie mich hier sehen – ich handele mit Backwerk.«

»Und anderen Süßigkeiten«, fügte Booth ein wenig geringschätzig hinzu.

Sie gab ihm scherzend einen Schlag auf die Wange.

»Schelm, weißt Du denn nicht, daß die Herren Offiziere am offenherzigsten sind, wenn sie am zärtlichsten sind? Ich kann ihnen die strategischen Geheimnisse am besten nur in ihren Schäferstunden ablauschen.«

»Nun, streiten wir darüber nicht« unterbrach sie Booth, den Ton des Scherzes verlassend. »Du kannst uns einen großen Dienst erweisen, Belle Boyd.«

»Wodurch, mein Wilkes?«

»Dadurch, daß Du uns sagst, wo sich Sheridan's Hauptquartier befindet, wo er sich gegenwärtig aufhält, wie er aussieht, damit man ihn nicht mit Andern verwechselt, wo er zu irgend einer Zeit bestimmt sein wird, kurz, daß Du uns über ihn Alles sagst, was uns zu wissen wünschenswerth ist.«

»Oh von Herzen gern, mein Willes, um so mehr, da ich ahne um was es sich handelt. Wahrhaftig es ist die höchste Zeit, daß dieser Sheridan, der wie ein Cerberus, vor dem York River liegt, auf einen andern Platz befördert wird, damit Lee hinaus kann, sonst ist's um ihn geschehen, denn der Angriff kann jede Stunde und wird spätestens morgen stattfinden. Uebrigens befindet sich der Yankee-Präsident Lincoln heute in höchst eigner Person im Hauptquartier M'Clellans, um die Position in Augenschein zu nehmen. Man wird noch heute Abend die Verschanzungen besichtigen.«

»Und wo ist Sheridan?«

»Im Gefolge Lincoln's, denke ich. Kommt mit mir, ich werde ihn Euch zeigen.«

Sie führte Booth und Oldham an ein Häuschen, das früher von einem der Plantagenarbeiter bewohnt war, jetzt aber leer stand:

»Hier treten Sie ein«, sagte sie. »Wenn Sheridan nach Barhams will, wo sein Hauptquartier ist, so muß er hier vorbei, Ihr könnt aus dem Fenster sehen; man wird Euch für die Bewohner des Häuschens halten.«

Belle Boyd hatte Recht gehabt. Es währte nicht lange, so ließ sich der Hufschlag von Pferden hören. Mehrere Reiter sprengten im Galopp herbei. In der Nähe des Häuschens machten sie Halt. Einer der Reiter sprengte vor, und auf verschiedene Punkte des Terrains deutend, schien er den Uebrigen Instruktionen für Aufstellung von Truppen oder Geschützen zu geben.

»Das ist Sheridan,« erklärte die hinter den beiden Männern am Fenster stehende Spionin.

»Wie, dieser Mann im schlichten Rock, der da eben spricht? Ich hätte mir Sheridan anders vorgestellt,« meinte Booth.

»Ganz recht, der eben spricht, der ist's,« erwiderte sie. »Freilich, Ihr könnt jetzt nicht so genau sein Gesicht sehen, wenn Ihr ihn aber bei Tage sehen würdet, seine kleinen, lebhaften Augen, die Alles auf einmal aufzufassen scheinen, sein durchdringender Blick, das Imponirende seines ganzen Aeußern, dann würdet Ihr ihn unter Tausenden heraus erkennen und trotz seiner schmucklosen Uniform sofort sagen: »Das muß Sheridan sein!«

»Wer ist der dort auf dem Schimmel, der jetzt eben neben Sheridan reitet?« fragte Oldham.

»Der mit dem glattrasirten Gesicht und dem Feuerauge? Das ist der Generalmajor Joseph Hooker, ein Mann, der gewiß eben so schlimm wäre als Grant und Sheridan, wenn er den Oberbefehl hätte, er ist der »Marschall Vorwärts« der Unionsarmee, – dagegen der Andere, der jetzt mit seinem Pferde hinter ihm hält, der Alte dort mit seinem echt aristokratischen Gesicht und dem kalten, verachtenden Blick, das ist einer von denen, deren Sympathien für die Aristokraten des Südens nie erlöschen werden; es ist der General Halleck, ein Freund M'Clellan's und ein Gesinnungsgenosse von ihm. Wäre der an Sheridan's Stelle, so wäre Lee längst heraus aus der Klemme.«

»Ah, sehen Sie diesen jungen Mann,« sagte Oldham zu seinem Gefährten. »Wahrlich eine Heldengestalt vom Kopf bis zur Zehe, wie energisch seine Haltung, wie kühn sein Auge – schade, daß er ein Yankee ist!«

»Das ist der General Ambroise Burnside,« erklärte Belle Boyd mit einem tiefen Seufzer. »Sie haben Recht, dieser schöne junge Mann ist ein Held vom Kopf bis zur Zehe, aber sein Herz ist gegen Frauen kalt wie sein Muth und hart wie der Stahl seiner Degenklinge.«

In diesem Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung an dem Häuschen vorbei. Booth folgte den Reitern gedankenvoll mit den Augen.

»Kühner Sheridan,« murmelte er, »Deine Stunde hat geschlagen – und wenn Gott will, die der Andern auch – »Kommt,« wandte er sich daraus an Oldham und Belle Boyd. »Was geschehen soll, muß bald geschehen.«

Die Spionin nahm Booth's Arm und ging mit ihm voran. Der Erfinder der Torpedo's folgte ihnen. Sie schlugen die Richtung nach Barhams ein. An der Grenze der Farm, hinter einem kleinen Gehölz von Cedern und Eichen, deren uralte Stämme durch Schlinggewächse mit einander so verbunden waren, daß es kaum möglich schien, hindurchzudringen, liegt das Haus, in welchem ehemals der Verwalter der Farm, jetzt der Reitergeneral Sheridan wohnte. Ein schmaler Weg führte durch das Gehölz dem Hause zu.

»Diesen Weg muß Sheridan allemal passiren, wenn er fort reitet, es führt von dem Hause kein anderer durch das Gehölz,« erklärte Belle Boyd.

»Hier muß es geschehen,« flüsterte Booth seinem Gefährten zu.

Dieser nickte zum Zeichen des Einverständnisses.

»Belle Boyd,« wandte sich darauf Booth an die Spionin. »Jetzt geh' Deiner Wege. Wir bedürfen Deiner Dienste nicht mehr, und bei dem, was wir zu thun haben, würdest Du uns nur hinderlich sein, abgesehen davon, daß Du Dich mit uns der Gefahr aussetzest.«

»Ich habe das Alles längst schon selber eingesehen, Wilkes,« antwortete sie, »das Einzige aber gewähre mir, nur – einen Kuß, falls ich Dich nicht mehr lebendig wiedersehen sollte.«

Ohne die Erlaubniß abzuwarten, umschlang sie seinen Hals und drückte ihm einige feurige Küsse auf die Lippen, dann verschwand sie.

Jetzt machten sich die beiden Männer an ihre unheimliche Arbeit. Mittelst eines abgebrochenen Zweiges gruben sie in den Sand des Weges in einer Entfernung von etwa 5 Fuß von einander zwei Löcher, dann holten sie die Päckchen hervor, welche sie unter ihrer Blouse verborgen hatten, es waren cylinderförmige Körper, legten davon in jedes Loch einen, und bedeckten die Stellen wieder mit Sand. Darauf nahm Oldham ein Pulverhorn und schüttete, rückwärtsgehend, einen langen Streifen Schießpulver an die Erde, der von den Löchern anfangend, seitwärts in das Gehölz sich erstreckte, wo er hinter einem Busche endigte.

»So, nun ist Alles gemacht, Mr. Booth,« wandte er sich an diesen. »Sie haben jetzt weiter nichts zu thun, als mit der kleinen Lunte, die Sie brennend erhalten müssen, das Schießpulver anzuzünden in dem Moment, wo die Vorderfüße seines Pferdes die Stelle betreten, an welcher die Torpedo's liegen, und diese werden unzweifelhaft die gewünschte Wirkung hervorbringen. Ich selbst bin jetzt überflüssig und werde mich in eine Gegend des Lagers begeben, wo meine Gegenwart keinen Verdacht erregt. – Gut Glück, Mr. Booth!«

»Feigling!« murmelte Booth, als sein Gefährte sich entfernt hatte. – –

General Sheridan hatte eilig seine gewöhnliche Uniform abgelegt und mit der Gala-Uniform vertauscht, in welcher er den Präsidenten zu begrüßen gedachte. Nach einer Stunde etwa befahl er, ihm sein Pferd zu bringen. Die Offiziere seines Gefolges erwarteten ihn bereits vor dem Hause. Nachdem er sie freundlich begrüßt, bestieg er rasch das schnaubende Thier, und an der Spitze des Zuges sprengte er den Weg hinauf, der durch das Gehölz führt….

Da springt hinter einem Busche ein Funke auf – wie eine feurige Schlange zischt blitzschnell aus dem Gehölz eine Flamme hervor bis mitten auf den Weg – die Pferde bäumen sich – ein furchtbarer Knall – in demselben Moment noch einer – und Sheridan's Roß stürzt mit zerschmetterten Beinen zu Boden.

Sheridan selbst lag leblos unter dem Pferde.

»Der General ist todt!« schrie'n Alle und sprangen von den Pferden, um ihm aufzuhelfen.

In diesem Augenblick stürzte in athemloser Hast ein Officier herbei. Mit Erbleichen sah er, was vorgefallen.

»Zu spät gekommen!« rief er verzweifelnd.

»Das ist eine unglückliche Stunde, Capitain Borton,« redete einer der Offiziere den jungen Mann an, ihn mit herzlichem Händedruck begrüßend.

George Borton konnte nicht antworten. Seine innere Bewegung erstickte seine Stimme.

»Ich sollte es verhindern, und konnte es nichts« murmelte er, und eine Thräne schimmerte in seinem Auge. –

Man trug indessen den General in sein Quartier und ließ sofort ärztliche Hülfe herbeiholen.

Schrecken und Entsetzen verbreitete sich im Lager mit der Nachricht von Sheridan's Ermordung. Wuth gegen den Mörder erfaßte Alle. – Aber wo war der Mörder? – Unaufgefordert hatten sich die Soldaten längst an die Verfolgung des Verruchten gemacht, aber vergebens, sie hatten ihn weder im Gehölz noch in der Nähe gefunden. Noch einmal brach sich ein Trupp mit Fackeln leuchtend durch die Schlinggewächse des Gehölzes Bahn und wieder schien die Durchsuchung vergebens, da tauchte der Mond hinter den Bergen hervor und sein Licht schien hell durch die Zweige einer Rieseneiche am Saum des Gehölzes. –

»Ich habe ihn!« rief einer der Soldaten, nach oben deutend. »Da ist er!«

»Wo – wo?«

»Da seht den Galgenvogel in den Zweigen der Eiche!«

»Herunter mit Dir, Nichtswürdiger, daß wir Dich an denselben Zweig aufhängen können, auf dem Du sitzest!«

»Was wollt Ihr's« rief Booth herab. »Ich bin es nicht, den Ihr sucht. Komme Keiner mir nahe, ich schieße ihn nieder!«

Ein rauhes Gelächter der Soldaten, deren Schaar sich mit jedem Augenblick vergrößerte, beantwortete diese Drohung.

»Ladet ein Gewehr mit Schrot,« schlug Einer vor, »und schießt ihm so lange in die Beine, bis er herunterkommt.«

Der Vorschlag wurde mit Jubel angenommen, allein er kam nicht zur Ausführung, denn Booth zog es vor, ·ehe er sich der Tortur aussetzte, herabzukommen Wer konnte ihm beweisen, daß er der Thäter sei? dachte er· Außerdem aber fürchtete er mit Recht, daß sein Widerstand die Erbitterung der Soldaten nur steigern werde.

Jubelnd fingen sie ihn auf.

»Ha, verfluchter Mörder, Du sollst es büßen!« schrieen sie, und Rippenstöße und Fußtritte und Faustschläge trafen ihn von allen Seiten.

»Bringt mich zur Wache und laßt mich verhören,« sagte Booth, aber der Lärm übertönte seine Stimme.

Einen Augenblick schienen seine Peiniger zweifelhaft zu sein, welches wohl die passendste Marter für den Verbrecher sei. Ein Vorschlag fand allgemeinen Beifall: Man band ihn an den Baum und Alle stellten sich in einer Entfernung von fünfzehn Schritten vor ihm auf, um mit Schrot nach ihm zu schießen – Einer nach dem Andern, wie man nach einer Scheibe schießt.

Schon hatte der erste das Gewehr angelegt – da ließ sich Hufschlag in der Nähe hören. Der Lärm hörte sofort auf; und als sich die Cavalcade näherte, ward sie von den Soldaten mit einem freudigen »Hurrah!« begrüßt.

Voran an der Rechten M'Clellan's ritt ein Mann in der zweiten Stufe des Mannesalters, mit schwarzem Haar und Bart. Er war groß und hager und trug einen einfachen, schlichten, schwarzen Ueberrock. Seine Züge waren ernst und seine Stirn durch Sorgen gefurcht, aber aus seinen Augen leuchtete so viel Güte und Wohlwollen, so viel Milde und Leutseligkeit, daß Jedermann sofort Vertrauen zu ihm fassen mußte. Das Auge selbst war dunkel, voll und tiefliegend, der Blick klug und durchdringend, hatte aber trotzdem einen Ausdruck, der fast wie Melancholie aussah.

Er hielt sein Pferd an, als er in die Nähe des Haufens der Soldaten kam.

Alle machten ehrerbietig Platz und standen in respektvoller Haltung.

»Was giebt's hier?« fragte er in sanftem Ton.

»Wir haben den Mörder, Excellenz,« antwortete ein Sergeant. Der Blick des Mannes im schwarzen Rock fiel auf den Baum, an welchen Booth gebunden war, und sofort erkannte er den Stand der Dinge.

»Ihr wollt ihn lynchen? – Oh, oh, das ist nicht recht und ist barbarisch, das darf nicht geschehen. Der Mann wird vor ein Kriegsgericht gestellt werden. – General M'Clellan,« wandte er sich an diesen – »wer hat das Commando an Sheridan's Stelle?«

»General Halleck, Excellenz,« antwortete der Gefragte, herbeisprengend.

»Halleck wird sorgen, daß der Verdächtige bis morgen gut bewacht und bei Anbruch des Tages vor ein Kriegsgericht gestellt wird,« befahl der Mann im schwarzen Rock.

»Halleck?« wiederholte Booth für sich. »Gott sei gelobt, das ist ja der Freund und Gesinnungsgenosse M'Clellan's, wenn er den Oberbefehl hat, so ist Lee gerettet.«

General Halleck verneigte sich mit aristokratischem Anstande gegen den Vorgesetzten und traf sofort Anstalt, dem Befehl zu gehorchen. Sich an einen der jüngern Officiere wendend sagte er:

»Lieutenant Räbel, sorgen Sie, daß der Gefangene sofort abgeführt und gut bewacht wird.«

Die Cavalcade entfernte sich. Der Lieutenant Räbel ließ den Gefangenen vom Baume losbinden.

»Wer war der Mann, dem ich meine Rettung aus den Händen dieser Unmenschen verdanke?« fragte ihn Booth. »Ich bitte Sie, Herr Lieutenant, nennen Sie mir den Namen des Mannes, damit ich ihm, wenn's dem Himmel gefällt, mich einst dankbar erweise.«

»Wie?« rief der Lieutenant, »Sie kennen nicht den Mann? – Aber was wissen die Rebellen von edlen Männern? – Der Mann im schlichten, schwarzen Rock mit dem gütigen Blick und dem anspruchslosen Wesen, das ist derjenige, welcher unter allen Menschen auf der ganzen Erde den höchsten Platz einnimmt; denn er steht an der Spitze eines freien Volkes – es war Abraham Lincoln, der Präsident der Union.«

»Abraham Lincoln!« wiederholte Booth, und seine Stirne verfinsterte sich.

Der Gefangene wurde an Händen und Füßen fest gebunden und zum Gefängniß wurde ihm ein Raum angewiesen, der vordem ein Stall gewesen war. Vor der Thür desselben ward ein Posten gestellt. –

Der ganzen Procedur hatte von fern ein Jüngling zugesehen, tiefen Schmerz in den weichen Zügen und eine Thräne in den umdüsterten Augen. Noch einen Blick warf er auf das elende Gebäude, welches den Gefangenen barg, und mit schwerem Seufzer entfernte er sich.

Auf übelriechendem Stroh lag der Gefangene, die Stricke schnitten in seine Glieder ein und verursachten ihm unsägliche Schmerzen, allein er fühlte diese Schmerzen nicht, was waren sie gegen die Todesqualen, die ihm am morgenden Tage bevorstanden? Er mußte sterben, das wußte er, doch ein Trost versüßte ihm seine Qual, er starb für die Sache der Conföderation, durch ihn war die Armee der Rebellen gerettet, durch ihn trat vielleicht der Krieg in eine ganz neue Phase. Sheridan war todt, Halleck, ein heimlicher Anhänger des Südens, hatte an seiner Stelle den Oberbefehl – eine glücklichere Wendung konnte die Krisis nicht nehmen.

Mitternacht war vorüber und der Posten vor seiner Thür wurde abgelöst.

»Wie steht's mit Sheridan?« fragte der Abgelöste den Andern.

»Besser als man glaubt, Kamerad,« war die Antwort. »Die Aerzte haben erklärt, daß nur eine Verletzung des Kopfes, die in 8 Tagen curirt sein wird, ihm augenblicklich die Besinnung geraubt hat, und daß er sonst nicht verletzt ist.«

»Gott sei Dank! – Aber wir werden diesen Meuchelmord den Rebellenhunden gedenken. Es wird mir ein Seelengaudium sein, morgen früh die Bestie da drinnen baumeln zu sehen. – Gute Nacht, Kamerad!« –

»So sterbe ich· umsonst!« ächzte der Gefangene und sank entmuthigt auf das Stroh seines Lagers zurück.

Etwa eine halbe Stunde mochte er in dumpfer Verzweiflung so dagelegen haben, da hörte er plötzlich ein Geräusch an der der Thür gegenüberliegenden Wand seines Gefängnisses. In derselben befand sich eine Oeffnung, die mit vorgenagelten Brettern verschlossen war. Er hörte, wie leise eines dieser morschen Bretter losgebrochen wurde. In der Oeffnung ward die Gestalt eines Mannes sichtbar, der die Uniform eines Offiziers der Union trug. Er war so tief in seinen Mantel gehüllt, daß Booth von seinem Gesicht nichts weiter sah als die jugendlich glatte Stirn und zwei glänzende braune Augen.«

»Ich habe diesen Jüngling schon irgendwo gesehen, wenn auch nicht in der Uniform eines Unionsoffiziers!« dachte Booth. – »Aber wo?« – Er konnte sich nicht darauf besinnen.

Der Jüngling stieg durch die Oeffnung, trat schweigend zu dem Gefangenen heran, zog seinen Degen und durchschnitt die Stricke, die dessen Hände und Füße fesselten.

»Fliehe, Unglücklicher!« flüsterte er dann mit bebender Stimme.

Booth glaubte zu träumen. Unschlüssig stand er einen Augenblick da. –

»Fliehe!« wiederholte der Offizier, und wandte dem Erstaunten den Rücken.

In einiger Entfernung von dem Gefängnisse begegnete ihm eine Patrouille. Der Führer derselben wollte ihn anhalten, als er ihm aber in's Gesicht blickte, grüßte er freundlich:

»Guten Abend, Capitain Borton!« und ging weiter. – –

Als am andern Morgen der Gefangene hinausgeführt werden sollte, fand man das Gefängniß leer!


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