Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünfzehntes Kapitel.
Das geheimnisvolle Schiff

Die Nachforschungen, welche man mit großer Sorgfalt nach Mr. Crofton angestellt hatte, von welchem Mr. Powel das Geld, das man bei ihm gefunden, erhalten zu haben angab, hatten lange zu keinem Resultate geführt, und der Tag, an welchem er vor die Geschwornen gestellt werden sollte, nahte heran. Es war keine Hoffnung für ihn vorhanden, wenn nicht jener Crofton aufgefunden wurde, und bestätigte, ihm das Geld gegeben zu haben.

Da, noch am letzten Tag erhielt der Richter die Nachricht, daß ein Mr. Crofton sich in Boston aufhalte und im Begriff stehe, sich nach St. Thomas einzuschiffen. Der Telegraph ward sofort in Bewegung gesetzt, um das Stadtgericht zu Boston zu veranlassen, daß der Zeuge unverzüglich vernommen und vereidet werde. Mr. Powel schöpfte wieder Athem, und seine Frau trocknete ihre Thränen, voll Glückseligkeit diesen Hoffnungsanker ergreifend.

Während die Sachen so in New-York standen, saß Mr. Crofton in dem Wirthshause zur blauen Flagge in Boston sehr gemüthlich bei einem Glase Portwein, und ließ sich nicht träumen, daß das Werk der Wohlthätigkeit, welches er in New-York geübt, über den Empfänger Jahre lange Kerkerhaft und über seine Familie namenloses Elend zu verhängen drohte.

Mr. Crofton war ein kleines Männchen mit lebhaftem Blick und einem, für seine weißen Haare eigentlich zu jugendlichem Aussehen, wozu sein rundes, bartloses Gesicht und seine äußerst moderne gentlemenmäßige Kleidung das ihrige gewiß beitrugen. Eine sehr dicke und sehr schwere goldene Kette war an seiner Weste befestigt, und über die Tasche herab baumelte ein sehr schweres und sehr dickes goldenes Petschaft. Man sah ihm auf den ersten Blick den reichen. Kaufmann an, aber eben so leicht konnte man ihm auch die Gutmüthigkeit von seinem freundlichen runden Gesichte lesen.

»Noch eine Flasche!« rief er dem Kellner zu, – »den letzten Trunk, ehe wir dem Lande Ade sagen.«

Diese letzten Worte waren an den Mann gerichtet, welcher ihm gegenüber am Tische saß. Es war das ein Mann von strengem, barschem Aussehen, sein Gesicht hatte durch die Einflüsse aller möglichen Witterung ein Colorit erhalten, ein Gemisch von Braun, Grau und Blau, das nur der Seemann zu schätzen und· zu würdigen weiß, als ein Kennzeichen eines langen Dienstes zur See; und ein Mann von solchem Aussehen erhält ohne "Weiteres die Autorität eines erfahrenen Seemannes. – Er trug einen kurzen Rock von dickem, dunkelgrünem Stoff, graue, weite Beinkleider und die Stelle seines Hutes vertrat die ziemlich formlose Filzmasse, die neben ihm auf dem Stuhle lag.

»Was meinen Sie, Meister Oberbootsmann,« redete Mr.Crofton, der Eigenthümer der Bark »Macdonald«, den Seemann an, während der Kellner sich entfernte, – »werden wir eine gute Fahrt haben – halten Sie den Zeitpunkt für günstig, um unter Segel zu gehen?«

Der barsche, erfahrene Seemann brachte eine seiner dicken Knochenhände aus der Seitentasche seines Rockes hervor und strich sich damit über das Gesicht, dann sagte er mit einer heisern groben Stimme, aus welcher Dünste, Nebel und Schnupfen jede Spur von Wohlklang vermischt hatten:

»Was den Wind angeht, Sir, so ist er gut, und das Wetter, das Schiff und das Fahrwasser ist auch gut. Aber man hat heutzutage noch andere Bedenken und Gefahren zu erwägen als Wind, Wasser und Fahrzeug, und was diesen letzten Punkt betrifft, Sir, da kann ich nicht sagen, die Fahrt wird gut sein oder sie wird schlecht sein. Aber warum sollen wir nicht auf eine gute Fahrt trinken –?«

Mit diesen Worten bemächtigte er sich der Flasche, die der Kellner soeben auf den Tisch stellte, goß sich ein Glas ein und führte dasselbe an den Mund, ließ bedächtig den Inhalt erst in eine Backe laufen, dann in die andere und schickte ihn schließlich die Kehle hinab, während Mr. Crofton noch immer vergebens auf die Erklärung wartete, welche Art von Gefahren er denn eigentlich meine?

»Was sind denn das für Gefahren, von denen Sie sprechen, Meister Oberbootsmann?« fragte er, als er sah, daß der Alte wieder schweigsam dasaß.

»Das will ich Ihnen sagen,« antwortete er, nachdem er noch ein Glas in derselben Weise bedächtig geleert. – »Sie wissen, daß die Conföderirten – Gott verdamme sie – ein Kaperschiff in See haben, und der Teufel könnte seine Hand im Spiele haben, daß wir dem Freibeuter zu Gesichte kämen ...«

»Oh, was das betrifft,« erwiderte Mr. Crofton, so bin ich beruhigt, denn aus ganz sicherer Quelle weiß ich, daß die Alabama gegenwärtig 4 bis 5000 Meilen von uns entfernt ist. Sie kreuzt, wie man versichert, in den chinesischen Gewässern.«

»Hm!« brummte der alte Seemann. »Ich will nicht sagen, daß es nicht der Fall ist. Es kann sein, daß die Alabama in den chinesischen Gewässern kreuzt, es kann aber auch sein, daß sie wo anders ist. Haben Sie nie gehört, daß ein Unionsschiff von der Alabama geplündert und verbrannt wurde, wenn man sie ganz bestimmt 4 bis 5000 Meilen entfernt glaubte? – Wie war es mit der Unionsbrigg Esthon, die von dem Kaper vor der Sundastraße in den Grund gebohrt wurde? – Der Kapitain wußte auch ganz sicher, daß die Alabama vor der Tafelsbay liege. – Wie war es mit dem Klipperschiff Contest, was im Busen von Marokko verbrannt wurde, der Capitain glaubte auch genau zu wissen, daß die Alabama in den Gewässern von Borneo kreuze. Es ist, als ob dieser Semmes, der Commandant des Kapers, mit dem Teufel im Bunde steht, und als ob er allenthalben zu gleicher Zeit sein könnte.«

Seeleute sind in der Regel abergläubisch, und der alte Oberbootsmann war von dieser Schwäche keineswegs frei. Bei der letzten Bemerkung, die er machte, sah er rund um sich, als ob er das gespenstische Schiff vielleicht in seiner unmittelbarsten Nähe hätte.

Das Wirthshaus zur blauen Flagge liegt unmittelbar am Hafen auf einer Anhöhe. Da die Gäste im Freien saßen, so konnte der Oberbootsmann nicht bloß den ganzen Hafen, sondern auch die Inselgruppe, welche denselben an der einen Seite einschließt, übersehen. Plötzlich blieb sein Auge aus einen Gegenstand haften, der entschieden seine Aufmerksamkeit erregte.

»Was hat denn das zu bedeuten?« murmelte er, nachdem er eine Weile die Gegend der Einfahrt des Hafens beobachtet hatte.

»Was haben Sie denn da, Meister?« fragte Crofton, der durch das erstaunte Gesicht des Andern veranlaßt war, ebenfalls seine Blicke nach jener Gegend zu richten, aber beim besten Willen den Gegenstand seines Erstaunens nicht finden konnte.

»Da, sehen Sie nicht den Schooner Schooner, ein Fahrzeug, dessen Masten Raaen (Queerbalken) haben. dort?« sagte der Oberbootsmann. »Meiner Treu, er fährt ohne Lootsen mitten durch die Bänke.«

»Woher wissen Sie, daß er ohne Lootsen fährt?«

»Weil kein Lootse aus diesem Wege dem Hafen zusteuern würde. Der da am Steuer sitzt, das ist ein waghalsiger Bursche.«

In der ganzen Erscheinung des Schooners lag in der That etwas Fremdartiges. Nur die allerkleinsten Fahrzeuge und verwegene Schleichhändler pflegten sich durch jene Klippen und Sandbänke hindurch zu wagen, und auch diese nur äußerst selten. Der kleine Schooner indessen fuhr sicher und leicht dahin, und seine wohlberechneten Wendungen verriethen deutlich, daß der Mann, unter dessen Leitung er stand, mit den Gefahren seines Weges hinlänglich vertraut sei.

»Ein hübsches Fahrzeug,« rief der Alte. »Ein Schnellsegler, der im Atlantischen Ocean seines Gleichen sucht. Sehen Sie den kleinen Rumpf im Verhältniß zu den hoch emporschießenden Masten; und die Spieren laufen so spitz zu wie ein Marlpfriem und wie das Bramsegel ...«

Er vollendete nicht. – Als hätte er plötzlich ein Gespenst gesehen, so fuhr er zurück.

»Zwei!« sagte er mit dumpfer Stimme, – als ob er um Mitternacht sich an einem schaurigen Ort befände.

»Nun ja, zwei, was ist denn daran Auffälliges?« fragte eine Stimme im Rücken des Seemanns.

Diese Worte rührten von einem der beiden Gäste her, die an einem Tische in der Nähe saßen. Der Eine war ein stattlicher, junger Mann von bleichen, schwärmerischen Zügen, der Andere viel älter, vielleicht 47 oder 48 Jahre. Er trug einen starken Schnurrbart und einen kleinen Kinnbart. Obwohl sein Gesicht nicht gerade häßlich sein mochte, sondern die Züge edel und regelmäßig waren, so entstellte ihn ein schwarzes Pflaster auf dem rechten Auge doch so vollständig, daß man selbst nicht ausgesöhnt wurde durch die hohe, kühne Stirn und den scharfen, durchdringenden Blick des gesunden Auges. Seine Haltung war gerade und aufrecht, doch schien er –wie Mr. Crofton bei seinem Eintritt bemerkt hatte, auf einem Bein zu hinken.

»Was ist denn daran Auffälliges?« wiederholte der Einäugige. »Das Schiff fährt um Lynnes Eiland herum und wird sich dort vermuthlich vor Anker legen.«

Der Gegenstand, auf den sich diese Rede bezog, war ein großes Schiff, das, obgleich es einen andern Cours verfolgte, als der Schooner, doch offenbar mit diesem im Einverständnisse stand, denn es schien sich genau nach demselben zu richten. Es war ein langgebautes, schmales, schwarz angestrichenes Fahrzeug, mit Dampf und Segeln versehen, und gehörte offenbar zur Gattung der Fregatten, obgleich es nicht die gewöhnliche Größe einer Fregatte hatte.

Das Schiff, das nur wenig Segel beigesetzt hatte, fuhr majestätisch um Lynnes Eiland herum, und nicht mehr manövrirend als nöthig war,· begab es sich, als es die Spitze des Eilandes erreicht hatte, unter Wind, braßte alle die ungeheuren Raaen des großen Mastes in's Kreuz und suchte, indem es die Segel gegen einander stellte, stillzustehen.

»Habe ich's nicht gesagt,« fuhr der Einäugige fort, ohne sich durch das geringschätzige Schweigen des Oberbootsmannes auf seine vorige Bemerkung irritiren zu lassen. »Es wird vor Anker gehen. Ich halte es für ein Kohlenschiff.«

Ein unbeschreiblich verächtlicher Blick des Oberbootsmannes traf ihn.

»Herr,« sagte dieser dann langsam und mit Nachdruck, »Sie mögen in Ihrer Schreibstube, oder wo sie sonst hocken mögen, ganz gut Bescheid wissen, aber was das Seewesen anlangt, davon versteht der dummste Küchenjunge mehr wie Sie, und Sie thäten gut, sich nicht hineinzumengen, wenn sich befahrene Leute über etwas, das aus der See vorgeht, verwundern. Was Ihren Freund da anbetrifft,« – er meinte den blassen Jüngling – »so scheint er in dieser Sache besser Bescheid zu wissen, denn ich sehe es seinen Augen an, daß er dies Fahrzeug da für etwas anderes als ein Kohlenschiff hält.«

»Für was halten Sie das Fahrzeug?« fragte Mr. Crofton den Oberbootsmann.

»Das ist eine Fregatte von 30–36 Kanonen, und zwar von einer Bauart, wie ich sie mein Lebtag nicht gesehen, so schlank, so leicht und doch so imponirend. Selbst die berüchtigte Alabama kann nicht besser gebaut sein, obgleich die das Ausgezeichnetste sein soll, was jemals aus der Hand eines berühmten Meisters hervorgegangen.«

»Wer hat die Alabama gebaut?« fragte Mr. Crofton.

»Hm, als guter Patriot müßten Sie den Namen wissen, Sir, um den Mann von Herzen zu verwünschen. Die Alabama ist auf dem neutralen englischen Boden zu Birkenheed von dem Schiffbaumeister Laird gebaut, und auch von englischen Matrosen bemannt. Wenn wir erst mit den Rebellen fertig sind, wird es wohl an der Zeit sein, wegen dieser Art von Neutralität von den Engländern Rechenschaft zu fordern.«

Die beiden fremden Gäste hörten dem Sprecher aufmerksam zu, und namentlich der Einäugige nickte mehrere Male zum Zeichen des Einverständnisses, was den ersten Theil betraf, aber den Unwillen des Seemanns schien er keineswegs zu theilen, denn er wechselte einige Worte heimlich mit seinem Freunde, worauf beide über den Sprecher halb mitleidig, halb boshaft zu lächeln schienen.

»Wie groß halten Sie das Schiff?« fragte Mr. Crofton.

»Etwa 12,000 Tonnen,« war die Antwort.

»Auf ein Haar getroffen!« rief erstaunt der blasse, junge Mann.

Der Seemann drehte sich um und schaute ihn von oben bis unten mit offenem Munde an. Der Fremde mochte den Grund seiner Verwunderung errathen; er erröthete leicht und fügte schnell hinzu:

»Ich meine, das stimmt auf ein Haar mit meiner Schätzung.«

»So, so, das ist was anderes,« brummte der Seemann, »ich dachte gar, Sie kennen das Schiff. – Herr Gott, sie treiben jetzt gerade der Klippe zu, die Verwegenen sind verloren« – unterbrach er sich plötzlich. »Es dauert keine Viertelstunde, so giebt es einen Schiffbruch zwischen den Klippen dort.«

Diese Prophezeihung ging indessen nicht in Erfüllung, denn mit der Schnelle des Gedankens hatten die Matrosen die Anker ausgeworfen und die Segel an den Raaen befestigt; zugleich ward eine mächtige Flagge aufgehißt, und als dieselbe sich entfalten, zeigte sie das Sternenbanner der Union.

»Ah, ein Schiff der Republik!« rief der Seemann. – »So wahr ich lebe, ich hatte schon eine böse Ahnung und wollte Ihnen rathen, Sir, morgen nicht auszulaufen.«

»Sie fürchteten, es wäre die Alabama?«

»Das fürchtete ich, und zwar nicht ganz ohne Grund. Allerdings, jetzt ist das was anderes. Es war auch nicht gut anzunehmen, daß der Capitain des Kaperschiffes so ein Tollkopf sein würde, und in der Nähe der feindlichen Küste vor Anker gehen. – Ich wünschte nur, Mr. Stanton schickte diesen hier« – er deutete auf die Fregatte – »gegen den Freibeuter aus, der würde ihm anders einheizen, als das Kanonenboot Hatteras, das er in den Grund gebohrt hat, dies wäre auch so einer, dem er nicht entwischen könnte.«

Hätte er sich bei diesen Worten nach den beiden Fremden umgesehen, so würde er bemerkt haben, daß diese Blicke mit einander austauschten und nur mit Mühe ein lautes Lachen unterdrückten.

Von dem Gesicht des Einäugigen aber schwand dies Lächeln, jedoch schnell und mit großer Ernsthaftigkeit sagte er:

»Mein werther Herr Oberbootsmann, Ihre Befürchtungen wegen der Alabama sind ganz ungegründet, und es wäre eine Thorheit, wenn Sie sich dadurch hindern ließen, morgen auszulaufen.«

»Wie so, Sir?« entgegnete der Seemann barsch und drehte seinen Stuhl dem Sprecher zu, während er ihn sonst nur mißachtend halb von der Seite angesehen, allein ein so kecker Widerspruch empörte ihn dermaßen, daß er glaubte, durch seine Zornesblicke die Zurechtweisung, die er ihm zu ertheilen beabsichtigte, unterstützen zu müssen. – »Wie so, Sir, wäre das thöricht? – Wissen Sie, was es heißt, mit einem Fahrzeug wie dasjenige, dessen Eigenthümer dieser Herr ist, und mit einer Ladung von viermal hunderttausend Dollars an Werth in See zu gehen, wenn man auch nur entfernt befürchten muß, daß das Raubschiff sich in den Gewässern in der Nähe aufhält? – Wissen Sie das, Sir? Ohne Zweifel wissen Sie es nicht, denn sonst würden Sie es nicht thöricht nennen.«

Der Oberbootsmann drehte sich, nachdem er diese Rede hatte vom Stapel laufen lassen, wieder um wie ein Mann, der einen ungeheuren Sieg davon getragen hat, ergriff das Glas und leerte es aus einen Zug, worauf er nochmals mit noch größerem Nachdruck wiederholte:

»Sie wissen es nicht, behaupte ich.«

Der Mann schien es aber doch zu wissen, denn er wechselte bei Erwähnung des Werths der Ladung einen sehr bedeutungsvollen Blick mit seinem Freunde, in dem sich die höchste Anerkennung dieser Mittheilung aussprach, laut aber entgegnete er, mit einer deutlichen Beimischung von Ironie:

»Sie könnten es mir nicht übel nehmen, wenn ich es nicht wüßte, denn wie sollte ich – wie Sie richtig bemerkten – in meiner Schreibstube lernen, welche Vorsichtsmaßregeln ein Schiff zu nehmen hat. Aber ich meine, daß hier gar keine Gefahr wegen der Alabama vorhanden ist; denn in diesem Augenblicke existirt ohne Zweifel die Alabama gar nicht mehr.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es ist Ihnen vielleicht unbekannt, daß man gegen den Freibeuter den großen Unionsdampfer »Vanderbild« ausgeschickt hat, der den Cours nach dem Cap genommen. Und dieser Riese von 3000 Tonnen, mit seinen schweren Geschützen und seinen 400 Mann Besatzung wird ihn erdrücken wie einen Federball; und hat ihn ohne Zweifel schon erdrückt. Wir werden nächstens den Freibeuter-Capitain in New-York in City-Hall sehen oder in Barnums Museum.«

»Es ist mir nicht unbekannt, Sir,« war die Antwort des Seemannes, »daß der Vanderbild gegen die Alabama ausgeschickt ist. Aber wenn Sie der Ansicht sind, daß das was nützt, so kann ich das nur Ihrer Unkenntniß zu Gute halten.«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Capitain Semmes eben so schlau ist, als er verwegen ist. Er wird es schon verstehen, dem Koloß auszuweichen, darauf verlassen Sie sich, er hat sich schon aus schlimmeren Verlegenheiten gerettet, als die ihm durch den Vanderbild bereitet werden, denn wenn man nicht übertrieben hat, so hat die Alabama, wenn sie unter Segel geht, dreizehn, und wenn sie unter Dampf geht, fünfzehn Knoten Etwa 3 ¼ bis 3 ¾ deutsche Meilen. in der Stunde. Das ist eine Geschwindigkeit, mit welcher wohl ein Fahrzeug wie das da« – die Fregatte, die bei Lynnes vor Anker lag – »wetteifern könnte, aber nicht der Koloß von 3000 Tonnen. Und wenn wirklich der Vanderbild in der Nähe der Tafelbay oder in den indischen Gewässern kreuzt, so ist das ein Grund mehr, anzunehmen, daß die Alabama ganz wo anders ist. »Ich muß daher wieder darauf zurückkommen, daß Sie gut thun, sich einem befahrenen Manne gegenüber nicht in Dinge einzumischen, welche das Seewesen angehen.«

Er rückte mit diesem Worte seinen Stuhl womöglich noch weiter herum und setzte sich mit seinem Rücken so fest den beiden Fremden gegenüber, als wollte er ihnen ein für alle Mal die Möglichkeit abschneiden, ihn jemals wieder anzureden.

Mr. Crofton sah sehr mißmüthig aus. Des Oberbootsmanns Besorgniß schien ihn angesteckt zu haben. Er schob sein Glas von sich und schaute bedenklich in's Weite, mit den Augen dem kleinen Schooner folgend, der am Eingange des Hafens kreuzte, während die Fregatte bei Lynnes Eiland vor Anker lag.

»Eine Ladung von viermalhunderttausend Dollars!« murmelte er wie im Selbstgespräch – »Zwar versichert, aber doch ein empfindlicher Schaden.«

»Und nun erst gar das Schiff,« fügte der Seemann, welcher errieth, welchen Gegenstand seine Gedanken betrafen, hinzu. – »Sehen Sie, ob im ganzen Hafen ein stattlicheres Fahrzeug liegt, als der Macdonald.«

Er deutete auf eine Bark Bark ist ein Schiff mit drei Masten, von denen die vorderen beiden Raaen haben. die stolz ihre Masten zum Himmel erstreckte und den ungeheuren Rumpf sanft auf den leichten Wellen wiegte.

»Und Schiff und Ladung wäre verloren – wenn z. B. das da – natürlich setze ich nur den Fall, nicht daß ich glaubte, es sei so – wenn das da der Freibeuter wäre?«

»Verloren, wie die Jungen im Nest der Taube, das der Habicht entdeckt, Mr. Crofton.«

»Und was würde aus der Mannschaft werden?«

»Das kann ich nicht sagen, Mr. Crofton. Wenn es nur halb wahr ist, was man von den Unmenschen, die die Bemannung des Kapers ausmachen, erzählt, so dürfte unser Schicksal kein beneidenswerthes sein. Dieser Semmes muß ein wahres Scheusal von Räuberhauptmann sein und seine Offiziere nicht minder, und was die Mannschaften betrifft, so sind die sicherlich der Auswurf der ganzen Seemannschaft der Rebellen, Kerle, die in Raub und Mord und allen Verbrechen ergraut sind.«

»Woraus schließen Sie denn das Alles?«

»Nun, würden Sie sich zu solchem Gewerbe hergeben? Würde ich es thun? Wird ein Rowdy sich zum Vorsteher einer Kleinkinderbewahranstalt eigenen, oder wird ein Mitglied des Thierschutzvereins, sich mit Hundedressur beschäftigen? ... Wie das Gewerbe, so der Mann.«

Mr. Crofton schwieg wieder eine Weile. Alles, was der Bootsmann ihm mittheilte, war nicht geeignet, ihn zu beruhigen, und schon dachte er daran, die Abfahrt aufzugeben und bis auf spätere Zeit zu verschieben, wo der gefürchtete Kaper aus der Welt geschafft sein würde, wo wenigstens keine gespenstische Fregatte in so unmittelbarer Nähe sich befinden würde.

»Sie wissen genau, Meister,« wandte er sich nach längerem Schweigen wieder an seinen Nachbar, »daß das da nichts Gefährliches ist?«

»Das da ist eine Fregatte der Union,« war die kurze und bestimmte Antwort.

Die beiden Männer am andern Tische schienen mit großem Interesse zu lauschen, zu welchem Resultat der Entschließung Mr. Crofton kommen würde, und sahen sehr verdrießlich aus, als sie bemerkten, daß seine Besorgnisse seinen Entschluß, unter Segel zu gehen, wankend zu machen begannen.

»Woher wissen Sie so genau, daß es eine Fregatte der Union ist?« fuhr Mr. Crofton unmuthig fort. »Kann ein Kaper nicht unter solcher Flagge segeln?«

»Das könnte er. Allein, dieser nicht. Ich will Ihnen auch sagen, warum? Das Schiff, falls es ein feindliches wäre, würde hier keinen Lootsen finden. Denn welcher Lootse würde sich dazu hergeben, den Kaper zu führen, abgesehen davon, daß der Strick ihm sicher wäre; ohne Lootsen aber wird das Schiff niemals die Klippen und Bänke von Lynnes Eiland zu passiren im Stande sein, und wenn nur so etwas wie eine leichte Bö sich erhebt, so giebt's in dieser Nacht noch Schiffbruch.«

Diese Gründe schienen Mr. Crofton einzuleuchten und die Gesichter der beiden Fremden hellten sich auf.


 << zurück weiter >>