Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Kapitel.
Die Flucht

Der Faden unserer Erzählung erfordert, daß wir nunmehr wieder New-York verlassen und nach Richmond, der Residenz der Rebellenstaaten zurückkehren, und zwar wenden wir uns nach der schönsten Gegend dieser Stadt, der Gegend, welche ihren Namen von der Stadt entlehnt hat, die wegen ihres Reichthums und des darin herrschenden Luxus in der ganzen Welt berühmt ist, nämlich von der Stadt Charlestown.

Der Charlestown-Platz in Richmond ist ein cirkelrunder Platz mit seltnen Bäumen bepflanzt und mit herrlichen Blumenanlagen geschmückt. Ein mit Asphalt gepflasterter Weg führt ringsum denselben herum und macht, daß das Geräusch der vorbeifahrenden Equipagen fast gänzlich unhörbar ist. Palast an Palast reiht sich hier, und einer scheint mit den andern zu wetteifern, sowohl an Pracht des Styls, als an Eleganz der inneren Einrichtung. Der Reichthum von Richmond scheint sich hier concentrirt zu haben, oder hier zur Schau gestellt zu sein, und schon ein flüchtiger Blick aus diesen Luxus genügt, um sich zu überzeugen, daß die Bewohner dieser Prachtgebäude wohl geeignet sind, den Ruf der Stadt zu wahren, von welcher der Name des Platzes entlehnt ist.

Vom Broadway linker Hand erhebt sich hier ein Gebäude, das zwar an Größe den übrigen bedeutend nachsteht, aber an Geschmack und Schönheit des Styls alle andern weit übertrifft. Jonische Säulen tragen ein mit tropischen Gewächsen und Kunstwerken der besten Künstler herrlich geschmücktes Vestibul, unter welchem zwei Lakaien in zwar nicht prunkender aber kostbarer Livree postirt sind, die oft tagelang vergebens harren, um bei einem ankommenden Besuche oder bei der Abfahrt ihrer Herrin ihre Person in Funktion treten zu lassen, denn ihre Gebieterin, die Besitzerin der Herrlichkeiten dieses Gebäudes empfängt sehr selten Besuch und noch seltener fährt sie aus. '

Willst Du diese Besitzerin kennen lernen? – Folge mir die breite Marmortreppe hinauf ins erste Stockwerk, dort durch die breite Flügelthür von geschnitztem Cedernholz treten wir ein und durchschreiten eine Reihe von Zimmern, deren Wände mit seidenen Tapeten drapirt und mit werthvollen Gemälden geschmückt sind. Du brauchst nicht leise und vorsichtig aufzutreten, denn die dicken persischen Teppiche verhindern das Geräusch Deiner Tritte; Aber nimm Dich in Acht, wenn Du die Portièren auseinander schlägst, mache es, wie jene schwarze Dienerin dort, schiebe sie vorsichtig auseinander, damit das Rauschen der schweren Seide nicht die zarten Nerven der Gebieterin alterirt.

»Oh, diese Gebieterin, die Besitzerin aller dieser Reichthümer ist beneidenswerth!« rufst Du aus. –Ach nein, sie ist es in diesem Augenblicke nicht. Siehst Du dort auf jenem Divan von grünem Damast die schöne, bleiche Gestalt im weißen Morgenkleide? – Das ist Miß Emmy Brown, die Tochter des ehemaligen Farmers, eine der reichsten Erbinnen in Virginien und die Besitzerin dieses Hauses mit allen seinen Reichthümern. – –

Miß Emmy Brown zählte 20 Jahre, aber trotz ihrer Jugend lagerte auf ihrem Gesicht von durchsichtiger Weiße, der Ernst und die Ruhe, welche nur die reiferen Jahre oder trübe Erfahrungen den Zügen zu verleihen pflegen, und doch wieder strahlte aus den blauen Augen so viel Milde und lag in ihrem Charakter so viel echte Weiblichkeit, daß der Ernst ihres Wesens nicht abstieß und die Ruhe nicht wie Kälte erschien·

Sie hatte ihr Haupt in die Hand gestützt, daß ihre blonden Locken über den schönen, weißen Arm herabfielen. Sie weinte!

Eine Mulattin kniete zu ihren Füßen und betrachtete ihre Herrin mit sorgenvollen, theilnehmenden Blicken, allein sie wagte nicht, sie anzureden und sie in ihren Gedanken zu stören, doch bewegten sich ihre Lippen, und ungeduldig schien sie eine Aufforderung zum Sprechen zu erwarten.

Sie wartete darauf lange vergebens, denn die junge Lady verharrte wohl eine Viertelstunde in jener Stellung und schien die Dienerin zu ihren Füßen nicht zu bemerken, da endlich erhob sie sich und trocknete. ihre Thränen, und ihr trauriger Blick fiel aus die Mulattin, welche sich bemühte ihr von den Augen einen Wunsch abzulesen.

»Ist auf den Brief, den ich gestern durch Bob nach White-House sandte«, redete die Lady sie mit welcher, wohltönender Stimme an, »von Miß Esther eine Antwort angekommen, Margot?«

»Nein Herrin«, antwortete Margot, und fügte nach einer Pause hinzu: »Esther's Herr, Mr. Breckenridge, ist ein sehr strenger Mann und hat ihr wahrscheinlich nicht erlaubt, an Sie zu schreiben.«

»O Himmel!« rief die junge Dame; »es ist ein fürchterlicher Gedanke, die Freundin, die Schwester in der Sklaverei zu wissen, und nichts für sie thun zu können. Mein Vater muß sich darüber im Grabe umwenden.«

»Ach ja, das ist wohl schlimm, aber Niemand kann das Ihnen zum Vorwurf machen«, tröstete sie Margot. »Sie sind so gut, Herrin, und so liebevoll gegen Ihre Diener; alle Vornehmen sehen es mit Unwillen, daß Sie nur freie Neger um sich haben, aber Sie kehren sich nicht daran; wenn Sie noch Besitzerin von White-House wären, dann würden Sie Miß Esther gewiß freigelassen haben.«

»Wenn ich Besitzerin von White-House wäre!« wiederholte Miß Emmy. – »Das Vormundschaftsgericht hat den Verkauf an Mr. Breckenridge abgeschlossen, und Niemand hat mich um meine Einwilligung gefragt. Ich würde nimmer darin gewilligt haben. Ich kann mein Lebenlang nicht ruhig und glücklich sein, wenn ich meine Freundin der Willkür der Sklavenhalter preisgegeben weiß.«

»Könnten Sie sie nicht loskaufen?« fragte schüchtern die Mulattin.

»Sie loskaufen, das habe ich hundertmal gewollt,« versetzte Emmy. »Aber man versagt mir dazu die Mittel. Ich bin selbst nichts weiter als eine Sklavin. Man bevormundet mich wie ein Kind, bewacht meine Schritte, schreibt mir vor, was ich thun und lassen soll, ja man will mir sogar eine Heirath aufzwingen, an welche ich nur mit Schauder und Abscheu zu denken vermag. – Diesen grausamen Sklavenzüchter, diesen Libertin, diesen Ausbund aller Bosheit und Tücke, diesen Mr. Berckley soll ich heirathen, den Mann, den ich unter allen Männern am Meisten verachte und verabscheue; man: droht, mir zu jeder andern Heirath den Consens zu verweigern – das Alles muß ich ertragen, und Niemand habe ich, dem ich mein Herz öffnen, mit dem ich meinen Kummer theilen könnte, meine Schwester in der Sklaverei, und Frederic, mein theurer Frederic, er weiß vielleicht gar nicht, welche Last auf meinem Herzen ruht – vielleicht ist er gar nicht mehr am Leben; seit einem Jahre schon höre ich kein Wort von ihm, lese keine Zeile von ihm. – Er, den ich am meisten aus der Welt liebe, er kann mir in meinem Kummer am wenigsten beistehen; sie werden mich quälen und martern, bis sie mich gezwungen haben, den Verhaßten zu heirathen. – O, mein Gott, wie unglücklich bin ich!«

Und von Neuem ließ sie ihr Haupt auf die Lehne des Divans herabsinken, und ihre Thränen feuchteten ihre Wangen.

Margot ergriff die herabhängende, durchsichtige Hand, und dieselbe sanft streichelnd, sagte sie:

»Darüber sein Sie unbesorgt, Herrin. Mit Mr. Berckley ist's vorbei, den werden Sie nicht heirathen.«

Emmy richtete sich empor und blickte mit fragender Miene die Dienerin an.

»Es ist vorbei mit ihm – was meinst Du damit?«

»Ich sage, daß Sie diesen Freier für alle Zeiten los sind, denn er sitzt gegenwärtig wohl verwahrt zu New-York im Gefängnisse.«

»Sprichst Du die Wahrheit, Margot, woher weißt Du das, was Du sagst?« fragte Miß Emmy, in deren Seele ein Schimmer von Hoffnung aufzutauchen begann.

»Ich weiß es ganz genau, denn der Nigger, der ihn begleitete auf seiner Reise durch die nördlichen Staaten ist ein Freund unsres Bob. Er ist heute früh zurückgekommen und hat erzählt, daß Mr. Berckley in Kansas verhaftet wurde, man hat ihn als den Vorsitzenden des Ordens der Ritter vom goldnen Zirkel erkannt und wird ihn sobald nicht wieder loslassen.«

»Wenn es wahr wäre, wenn der Sklave Dich nicht getäuscht hätte, ich könnte von Neuem aufathmen!« rief Emmy, »und könnte wieder träumen von glücklichen Tagen an der Seite meines Frederic. – O, hätte ich doch nur eine Seele, mit der ich meinen Kummer über das, was ich leide, und meine Freude an den heitern Bildern der Zukunft, theilen könnte. Ach, Esther, warum kannst Du nicht bei mir sein!« ….

»Da bin ich!« rief eine Stimme aus dem Nebenzimmer.

Die Portièren öffneten sich, ein Mädchen mit fliegendem Haar und triefenden Kleidern stürzte herein – Emmy stieß einen Schrei der Freude aus, und Esther lag in ihren Armen.

 

Um das eben erzählte Ereigniß zu erklären, ist es nöthig, daß wir in unserer Erzählung ein wenig zurückgreifen Wir kehren deshalb nach White-House, der Farm des Kriegsministers Breckenridge, zurück.

Wir verließen den jungen Offizier der Unionsarmee, Frederic Geward, daselbst in dem kritischen Moment, als von der Treppe aus die Stimmen der Leute an sein Ohr drangen, welche ihn suchten.

Er zitterte bei den Worten die er vernahm; denn er mußte jeden Augenblick erwarten, daß sich die Thür öffnen und die Schaar seiner Verfolger eindringen würde. Allein die Tritte entfernten sich von seiner Thür. Man begann erst mit der Durchsuchung der übrigen Räume des Stockwerks; auf einige Minuten war wieder Alles stille.

Esther war, wie sich der geneigte Leser erinnern wird, hinausgegangen, um die Liste, welcher sie den Namen ihres Bruders hinzugefügt hatte, wieder an den Platz zu legen, von dem sie sie genommen hatte. Jetzt kehrte sie zurück. Leise öffnete sie die Thür, trat ein und verriegelte sie von innen. Einen Augenblick war in Frederic von Neuem der Verdacht aufgetaucht, daß sie die Verfolger hinaufgeschickt, daß sie ihn verrathen habe, allein dieser Gedanke mußte verschwinden sobald er in das Auge des Mädchens blickte, in dem keine Spur von Falschheit und Verrath zu finden war.

»Wissen Sie, daß man das Haus durchsucht?« fragte Frederic bei ihrem Eintreten.

»Ich weiß es,« erwiderte sie, ohne ein Zeichen von Unruhe. »O'Laughlin wird auch mein Zimmer nicht verschonen.«

»So ists also um Ihren Ruf und meine Sicherheit geschehen?« fragte Frederic, sie starr anblickend.

»Ich habe versprochen, Sie zu retten, und ich werde Sie retten – um jeden Preis,« fügte sie mit einigem Erröthen hinzu.

»Wie aber soll das geschehen, wenn man, wie Sie erwähnten, in dies Zimmer dringt?« fragte Frederic, den der Ton der Gewißheit, mit dem sie von seiner Rettung sprach, in Erstaunen setzte.

»Sie müssen sich verbergen, Sir,« versetzte Esther.

Frederic sah sich um, es war nirgend auch nur ein Winkelchen zu sehen, das im Nothfall hätte als Versteck dienen können.

Esther deutete auf das Bett.

»Sie meinen, ich soll mich unter das Bett legen!« fragte der junge Mann.

Sie schüttelte den Kopf.

»Unter dem Bett, da würde O'Laughlin zuerst nachsuchen – Sie müssen sich hineinlegen.« – Sie senkte verschämt den Blick, indem sie das sagte, und wiederum überflog Purpurröthe ihre Wangen. Plötzlich aber schlug sie das Auge wieder auf: »Schnell! – Ich höre Tritte nahen!« –

Mit einem Sprunge war Frederic der Aufforderung gefolgt, und die Kissen begruben ihn.

Als eben Esther das Licht ausgelöscht und das Oberkleid abgelegt hatte, klopfte es laut an ihrer Thür.

»Wer ist da?« fragte Esther.

»Aufgemacht! Wir suchen einen Spion,« antwortete O'Laughlin's Stimme, dieselbe, welche Frederic schon vorher gehört hatte.

»Sie werden doch in meinem Zimmer keinen Spion vermuthen?« antwortete Esther. »Ich versichere Ihnen, daß keiner hier ist, und daß ich schon zu Bette liege.«

»Keine Widerrede, es muß geschehen.«

»Sie wissen, Mr. O'Laughlin, daß ich heute an Mr. Tucker verkauft bin,« sagte Esther drohend und mit Zuversicht; ich würde Ihnen nicht rathen, Mr. Tucker's Favoritin ein Leid anzuthun.«

»Es wird Dir nichts geschehen, aber weigerst Du Dich noch einen Augenblick, die Thür zu öffnen, so wird dieselbe aufgesprengt, und Du bekommst – so wahr ich O'Laughlin heiße, die Peitsche, und kannst Dir morgen meinetwegen von Mr. Tucker den aufgeschwollenen Rücken streicheln lassen.«

Der Riegel schob sich zurück, aber noch bevor die Thür geöffnet wurde, lag Esther wieder im Bette, die Decke züchtig bis ans Kinn hinaufziehend.

»Ihr da wartet hier draußen,« redete Mr. O'Laughlin seine Begleiter an, »ich werde allein in dem Zimmer nachsuchen. Pet, leuchte voran!«

Esther stand, was ihre Tugend und Ehrbarkeit anbetrifft, bei Allen in hohem Respect, und nur diesem Umstand hatte sie es zu verdanken, daß sie selbst von O'Laughlin mit gewisser Rücksicht behandelt wurde.

Nachdem dieser sich rings im Zimmer umgesehen und auch einen Blick unter das Bett geworfen, trat er zu Esther heran.

»Er wird doch nicht drinnen bei Dir im Bette sein?« sagte er mit rohem Lachen, und seine Hand erfaßte den Zipfel der Bettdecke.

Da richtete sich Esther ein wenig auf.

»Ich kratze demjenigen die Augen aus, der es wagt, mein Bett zu berühren. Es ist mir gleichgiltig was daraus erfolgt; mögt Ihr mich zu Tode peitschen. Wir wollen sehen, ob Mr. Tucker dulden wird, daß man eine Sklavin, die er mit 3000 Dollars bezahlt, verunglimpft.«

Ihr Auge blickte so drohend, und ihre Worte klangen so ernsthaft, daß sie auf O'Laughlin den Eindruck nicht verfehlten, zumal er sehr wohl wußte, daß er kein Recht habe, weder die Schamhaftigkeit der verkauften Sklavin zu beleidigen noch ihre Widersetzlichkeit so zu bestrafen, daß ihr Körper durch Narben und Wunden entstellt wurde Er zog es daher vor, von seinem brutalen Scherz abzustehen.

Während diese Worte gewechselt wurden, hatte das scharfe Auge Pet's des Neger's, welcher die Fackel trug, sich auf die Bettdecke geheftet, welche sich an einer Stelle, wo Esther's Körper unmöglich liegen konnte, unmerklich und in regelmäßigen Zwischenräumen bewegte, wie von den Athemzügen eines Menschen herrührend.

Der Verdacht, der in dem Neger auftauchte, war Esther's Blicken nicht entgangen. Sie wandte kein Auge von ihm.

»Hast Du denn nirgend etwas von dem Flüchtling gesehen?« fragte O'Laughlin das Mädchen.

»Als »ich aus mein Zimmer ging,« antwortete sie, ohne den Neger aus dem Auge zu lassen, »bemerkte ich allerdings einen fremden Herrn im Hauptgange des Parkes; es schien mir, als suchte er eiligst den Weg nach dem Flusse zu erreichen.«

Der Neger hatte sich inzwischen mit seiner Fackel dem Fußende des Bettes genähert. Esther's Herz klopfte hörbar, und sie mußte sich alle Gewalt anthun, daß bei ihrer Unterredung mit O'Laughlin nicht ihre Stimme unsicher klang, und ihre Angst verrieth. –

Am Fußende des Bettes stand der Neger still. O'Laughlin hatte ihm den Rücken gewandt. Esther konnte nicht mehr zweifeln, daß der Verdacht des Schwarzen sich auf der rechten Spur befinde. Jetzt streckte sich seine Hand nach dem untern Zipfel der Bettdecke aus. Zugleich aber begegnete sein Auge dem angstvoll flehenden Blicke Esther's. Sie legten den Finger auf die Lippen, und ihr Blick sprach so beredt und flehte so inständig, daß Pet einen Augenblick zauderte; dann aber nickte en unmerklich zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe, und die Hand, welche den Zipfel der Bettdecke erfaßt hatte, hob denselben nicht empor, sondern zog ihn hinab über einen mit Staub bedeckten Mannesstiefel, der an dieser Stelle entblößt lag. Ein Blick innigen Dankes aus den dunklen Augen des Mädchens lohnte ihm.

Brummend, daß der Flüchtling am Ende doch entkommen sei, verließ O'Laughlin mit dem Neger das Zimmer der Quadroone.

Esther sprang aus dem Bette und verriegelte die Thür.

»Sie sind gerettet, Sir,« flüsterte sie, und ein Seufzer erleichterte die nach der überstandenen Angst aufathmende Brust.

Frederic Seward ergriff mit Feuer ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

»Miß Esther,« stotterte er mit bebender Stimme. »Sie haben mich gerettet, und haben dabei das Höchste auf's Spiel gesetzt, was ein Weib nur zu opfern hat, und was – ich bin davon überzeugt – Ihnen mehr gilt, als das Leben selbst. – Allein ein Wort, das ich hörte, läßt mich des Glückes, Ihnen meine Rettung so danken, nicht froh werden. Wie ein Giftpfeil hat sich das Wort in mein Herz gebohrt, und ich fühle, daß dadurch mein Leben vergiftet ist. – Miß Esther, Sie sind verkauft, verkauft, um die Maitresse des Wüstlings Tucker zu sein. Sie. deren Edelmuth und Hochherzigkeit mit Ihrer Schönheit wetteifern, Sie werden den thierischen Gelüsten eines Wüstlings preisgegeben sein. Ich ertrage den Gedanken nicht, Miß Esther; Sie haben mir in dem Augenblick, da Sie mir das Leben retteten, das Glück auf ewig vernichten.«

Das schöne Mädchen schüttelte langsam ihr Haupt, fest und ruhig, aber mit einem Ausdruck von Glückseligkeit ihres Herzens ihn anblickend.

»Sehen Sie hier,« sagte sie, einen Dolch aus ihrem Busen ziehend, »dies schützt mich vor Entehrung. Auch wenn mich Mr. Tucker in seine Gewalt bekäme, so wäre er und ich eher des Todes, ehe ich seiner thierischen Lust zum Opfer würde. Aber so Gott will, soll er mich nicht in seine Gewalt bekommen, und wenn seine Vögte kommen, mich abzuholen, liege sich bereits wohl geborgen am Herzen meiner theuren Freundin und Schwester. Ich fliehe mit Ihnen, Sir.«

»Wie, Miß Esther!« rief Frederic, ihre beiden Hände erfassend, und sein Auge leuchtete vor Freude. »Sie fliehen mit mir, Sie werden nicht fern von mir in der Gewalt der Sklavenhalter leben? – O, jetzt bin ich glücklich! Mit meinem Leben werde ich das Ihrige vertheidigen. Ewig werde ich in Ihrer Nähe sein, um Sie mein Lebenlang zu verehren – zu lieben!«

Esther reichte dem Glücklichen schweigend die Hand, die er mit Wärme an seine Lippen drückte; dann sagte sie, ihn sanft abweisend:

»Ruhen Sie jetzt ein wenig. Die Anstrengungen des Tages und die ausgestandene Angst werden Sie ermüdet haben. Sobald auf der Farm Alles zur Ruhe ist, brechen wir auf. Die Hunde kennen mich und werden nicht anschlagen, wenn wir den Park verlassen. Bei Tagesanbruch haben wir vielleicht schon den Wald von Macruders Hill erreicht und sind aus der Straße nach Richmond, und schwerlich werden uns dann noch unsere Verfolger einholen.«

Erst jetzt fühlte Frederic Seward, daß sein Körper den Strapazen des Tages und der Aufregung während der Nacht zu erliegen drohe, und daß seine Kräfte für die bevorstehenden Mühen der Flucht schwerlich ausreichen würden. Er folgte daher der Aufforderung des jungen Mädchens; ließ sich auf das Bett nieder und legte den Kopf in die Kissen. Es währte nicht lange, da senkte sich der Schlummer auf seine müden Augenlider herab, und süße Träume, in denen aber Emmy's Bild nicht auftauchte, umgaukelten ihn.

Er mochte eine Stunde geschlafen haben, es war gegen 2 Uhr, da weckte ihn Esther. Leise öffnete sie die Thür, und ungehört verließen Beide das Haus. Sie durchschritten den Park, an dessen Ausgang zwei Doggen Wache hielten; wedelnd und mit allen Zeichen der Freude sprangen sie dem jungen Mädchen entgegen, zähnefletschend aber und mißtrauisch knurrend glotzten sie ihren Begleiter an, indessen Esthers Liebkosungen legten ihnen Schweigen auf, und unbelästigt von diesen gefährlichen Wächtern verließen sie den Park.

Sie schlugen einen Weg ein, der zu beiden Seiten mit Weidengesträuch bewachsen war und zum Wiesenthal führte. Auf diesem Wege· waren sie vor jedem Blicke geborgen, allein das Wiesenthal selbst, welches sie nach einer Viertelstunde erreichten, liegt völlig frei. Um so mehr mußten sie sich beeilen, die jenseitige Grenze desselben, einen dicht bewachsenen Hügel, zu erreichen. Trotz des hohen, feuchten Grases setzten sie ihren Weg in athemloser Eile fort, noch eine Viertelstunde, und sie hatten den Hügel erreicht, allein da erscholl in einiger Entfernung rechter Hand eine Stimme hinter ihnen:

»Halloh! – Ihr da. – Wohin?«

Esther blickte erschrocken um sich. Da gewahrte sie, wie aus einem wasserlosen Graben, der in der Richtung nach dem Flusse lief, die Gestalt eines Negers emportauchte, welcher drohend seine Hand erhob.

»Es ist Jim!« rief Esther. »Wir sind entdeckt. Man wird uns verfolgen. Kommen Sie schnell, oder wir sind verloren!« Ohne sich noch einmal nach dem Neger umzuschauen, setzten sie ihren Lauf dem Hügel zu fort. Hinter sich aber hörten sie die Stimme des Schwarzen:

»Lauft nur, so sehr Ihr wollt; Ihr entkommt uns doch nicht« –

Endlich hatten sie den Hügel erreicht, dessen Laub sie den Blicken verbarg.

»Hier lassen Sie uns einen Moment ausruhen,« bat Esther, deren Kleider von dem Grase der Wiese bereits völlig durchnäßt waren. »Von hier haben wir einen bewachsenen Weg bis zum Walde von Macruders Hill, und sind wir erst bis dahin, so sind wir geborgen.«

Nach kurzer Rast ging es wieder vorwärts, und schon konnten sie im grauen Nebel den ersehnten Wald vor sich liegen sehen; da waren sie plötzlich genöthigt, ihre Schritte zu hemmen.

Aus dem Kraut des Grabens an der Seite des Weges erhob sich langsam ein schwarzer Gegenstand. Angstvoll klammerte sich Esther an den Arm ihres Begleiters, doch erholte sie sich non ihrem Schrecken schnell, als sie jene Gestalt näher in's Auge faßte.

»Pet!« rief sie. »Was machst Du hier?«

Das ehrliche Gesicht des Negers hatte fast etwas Melancholisches im Ausdruck, als er mit seinen großen Augen das schöne Mädchen so treuherzig anblickte und mit bewegter Stimme antwortete:

»Ich Sie retten, Miß Esther; ich wohl wissen, daß Sie diese Nacht entfliehen würden mit fremdem Massah, und deshalb bin ich hierher gekommen.«

»Du willst mich retten, guter Pet,« entgegnete »das Mädchen. »Wie willst Du das anfangen?«

»Wenn ich nicht sein, werden schöne Miß Esther und fremder Massah eingefangen,« antwortete der Schwarze, »denn Spürhunde verfehlen nie die Fährte des Niggers. Aber ich Spürhunde auf falsche Fährte lenken werde, und werden meine Spur verfolgen, aber schöne Miß wird frei sein.«

»Wie, Pet, Du willst die Verfolger auf Deine Spur lenken, und Dich der Gefahr aussetzen, daß Du für einen Entlaufenen gehalten und als solcher bestraft wirst? O, thu das nicht, Pet. Ich bin Dir schon zu so großem Dank verpflichtet, daß Du mich bei der Durchsuchung meines Zimmers nicht verriethest, aber es macht mir Schmerz zu wissen, daß Du Dich meinetwegen so großer Gefahr aussetzest. Ich werde auch ohnehin glücklich entkommen.«

Der Neger schüttelte energisch den Kopf.

»Miß Esther werden ohne mich nicht entkommen. Dort vor uns ein Bach, da müssen Miß Esther hindurch. Ich an diesem Ufer entlang laufen, und Spürhunde werden meiner Spur nachgehen.«

»Und die Spürhunde werden Dich auffinden, und man wird Dich züchtigen. Du kennst O'Laughlin's Grausamkeit,« fügte Esther hinzu.

»Ich weiß,« versetzte der Neger. »Massah O'Laughlin werden mich peitschen lassen, daß Fetzen vom Rücken herabhängen, aber ich nicht heulen und schreien; ich lachen, laut lachen, und denken, was schad's, wenn dich Weiße zu Tode peitschen. Schöne Miß Esther sein doch frei!«

In dem Auge des Schwarzen glänzte, als er diese Worte mit bewegter Stimme sprach, eine Thräne. Er erfaßte den Saum von Esthers Kleide und bedeckte ihn mit inbrünstigen Küssen. Gerührt reichte das Mädchen ihm die Hand, und sein Auge funkelte in namenloser Lust, als er sie an seine Lippen und an sein Herz drückte. Dann ließ er ohne ein Wort zu sagen, die Hand los, deutete auf den Bach vor ihnen und verfolgte selbst eilenden Laufes das Ufer desselben dem James River zu.

 

»Ich glaube, der Nigger hat Recht,« sagte Frederic; wir müssen durch diesen Bach hindurch, um ihnen die Verfolgung unserer Spur zu erschweren.«

 

Auch Esther war der Ansicht, daß es das Beste sei; Frederic hob sie auf seinen Arm und trug sie, selbst bis über die Hüften im Wasser watend, hindurch. Jenseits setzten sie auf dem mit Weiden bewachsenen Wege ihre Flucht fort, dem grauen Saum des Waldes zu.

*

Jim hatte den Auftrag gehabt, dort im Graben auf den Spion zu lauern, wenn derselbe etwa nach seinem Boote auf dem James River zurückkehren sollte. Er hatte den Gesuchten in dem Begleiter der flüchtigen Sklavin sofort erkannt, und jubelnd vor Freude, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können, lief er, so schnell ihn seine Beine tragen wollten, nach der Farm zurück.

Vor den Sklavenwohnungen befindet sich ein Balken, an welchem eine Glocke hängt. Jim ergriff schnell den Strick und läutete aus Leibeskräften. Aus allen Fenstern streckten sich die Köpfe der Schwarzen hervor, und gegenüber in dem Fenster des Verwalterhauses wurde nach einer Weile auch der Kopf O'Laughlin's sichtbar.

»Heda, was giebt's?« fragte man von allen Seiten.

»Nigger entlaufen!«

»Was? – Wer ist entlaufen?« fragte O'Laughlin.

»Esther mit dem fremden Massah, den wir heute Nacht suchten,« antwortete Jim.

Im Nu verschwand O'Laughlin's Kopf vom Fenster und nach kaum einer Minute erschien der Verwalter völlig angekleidet auf dem Hofe.

Die Schwarzen wissen bereits, was sie auf das Signal: »Nigger entlaufen!« zu thun haben, denn schnell waren von Einigen zwei Rennpferde, gesattelt und gezäumt, herbeigeführt, Andere entfesselten die Meute der Schweißhunde, welche ganz besonders auf die Verfolgung flüchtiger Neger dressirt sind. – Heulend und bellend stürzten die Bestien vorwärts, daß O'Laughlin und Jim auf ihren schnellen Pferden kaum im Stande waren, ihnen zu folgen. Es währte nicht lange, so hatte die Meute die Fährte der Flüchtlinge aufgefunden, und vorwärts ging's den Weidenweg hinab, der nach dem Wiesenthal führt.

Die Hunde stürzten quer durch die Wiese weiter, die Reiter aber, die ihnen auf diesem Wege nicht folgen konnten, waren genöthigt bis zum Hügel jenseits der Wiese einen Umweg zu machen. Die Hunde waren, als sie dort ankamen, bereits den Hügel wieder hinab und liefen den Weg hin, der an das Ufer des Baches führt, der Stelle zu, wo Pet sich von den Flüchtlingen getrennt hatte. Hier holten die Reiter sie ein.

»Vorwärts, Ihr Bestien!« schrie O'Laughlin, aber die Hunde standen unschlüssig stille am Boden umherschnuppernd.

»Wird's bald?« rief der Aufseher, und seine Peitsche fuhr mit pfeifendem Geräusch zwischen die Meute, daß die Getroffenen ein Schmerzgeheul ausstießen und winselnd davon schlichen. Der Hieb konnte sie jedoch nicht über die Zweifel aufklären, in welchen sie sich befanden. Endlich entschieden sich vier der Hunde dafür, das Ufer des Flusses entlang zu laufen, zwei aber sprangen nach einigem Zaudern in's Wasser, schwammen hindurch und gaben am jenseitigen Ufer durch Heulen und Wedeln zu verstehen, daß sie die verlorene Spur wieder aufgefunden hätten.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte O'Laughlin. »Einige verfolgen dorthin die Spur und diese finden eine Spur jenseits des Baches?«

»Am Ende haben sie sich hier getrennt,« meinte Jim. »Die Hunde sind gut dressirt und irren sich nie. Das Beste wird sein, wir trennen uns ebenfalls. Sie reiten durch den Bach und folgen den beiden Bestien, und ich reite den vieren nach, welche die Spur am Ufer verfolgen.«

 

So geschah es. O'Laughlin gab seinem Pferde die Sporen und trieb es durch den Bach, wo er, freudig begrüßt von den ungeduldig harrenden Schweißhunden, diesen in der Richtung des Waldes von Macruders-Hill folgte. Jim aber ritt der Spur nach, welche das Ufer des Flusses entlang führte. –

Armer, treuer Pet. Es währt nicht lange, so haben Dich die vier Bluthunde gepackt, und Jim bindet Dich an seinen Sattelring, um Dich eine Stunde später halb zu Tode peitschen zu sehen!

Die beiden Hunde, denen O'Laughlin folgte, waren so weit voraus, daß er sie wegen der Gebüsche, die den Weg umgaben, nicht sehen konnte. Wohl eine halbe Stunde ritt er in gestrecktem Galopp vorwärts Da hörte er plötzlich die Hunde laut anschlagen. Er gab dem schäumenden Pferde die Sporen, das Thier bot die letzten Kräfte auf und war mit einigen gewaltigen Sprüngen an der Stelle, wo sich der Weg lichtete, unmittelbar an der Lisière des Waldes von Mecrudes Hill.

»Zehn Minuten später, und beim Teufel, sie wären mir entwischt,« murmelte O'Laughlin.

Er hatte recht, nur. noch hundert Schritte hatten die Flüchtlinge bis zum Dickicht des Waldes, da hörten sie das Bellen der Schweißhunde hinter sich. Eine der Bestien sprang sofort an Frederic's Brust empor, während die andere die fliehende Esther im Nacken packte. Frederic sah es, und ein Schuß seines Revolvers machte seine Gefährtin frei. Heulend und blutend lag das Thier am Boden. In demselben Moment bog Mr. O'Laughlin um die Ecke des Gebüsches.

»Fliehen Sie!« rief Frederic Esther zu und legte sein Pistol auf den Reiter an.

Der vorzüglich abgerichtete Hund aber ließ sofort seinen Rockkragen los und schlug die spitzen Zähne in sein Handgelenk, daß sich vor Schmerz unwillkürlich die Finger öffneten und das Pistol seiner Hand entfiel. Dann sprang das wüthende Thier ihm an die Gurgel und warf ihn rücklings zu Boden.

»Halt fest, Ajax!« rief O'Laughlin vom Pferde springend dem Hunde zu, welcher sich in die Gurgel des jungen Mannes dermaßen festgebissen hatte, daß dieser mit Aufwendung aller seiner Kräfte nicht im Stande war, sich los zu machen, nur mit Mühe gelang ihm, sein Bowiemesser zu ziehen. Er stieß es dem Hunde tief in den Bauch, aber ehe der Schmerz das Thier zwang, los zulassen, kniete bereits O'Laughlin auf seiner Brust und schnürte ihm mit dünnen Baststricken die Hände auf dem Rücken zusammen; dann legte er einen zweiten Strick um seinen Leib und befestigte denselben an dem Sattel seines Pferdes.

»Verflucht, daß die Andere entkommen ist,« murmelte er, einen Blick auf das undurchdringliche Dickicht werfend, in welchem er Esther hatte verschwinden sehen. »Aber Du sollst mir dafür büßen, Spion – und meine besten Schweißhunde todt. –«

Ingrimmig preßte er seinem Pferde die Sporen in die Seite, und im scharfen Trade gings vorwärts. Jeden Augenblick drohten den erschöpften Flüchtling die Kräfte zu verlassen, aber die Furcht, von dem Unmenschen geschleift zu werden, wenn er niedersänke, gab ihm die Kraft, mit dem Pferde gleichen Schritt zu halten.

»Ich muß sterben,« dachte er bei sich; »doch sie ist gerettet!«


 << zurück weiter >>