Heinrich Smidt
Seeschlachten und Abenteuer berühmter Seehelden
Heinrich Smidt

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Das Debüt des Kadetten.

Bald nach dem Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, da König Friedrich IV. in Dänemark herrschte, wurden die Verhältnisse zwischen diesem Reiche und dem schwedischen immer bedrohlicher. Am Schlusse des Jahres 1709 standen beide Völker sich zu Wasser und Land feindlich gegenüber. Bunt übereck ging es in der Nordsee, wie in der Ostsee zu. Die Handelsschiffe waren auf einer steten Flucht begriffen. Orlogschiffe und von den Regierungen dazu bevollmächtigte Kaper machten überall das Fahrwasser unsicher. Prisen wurden täglich aufgebracht, und selbst den Schiffern, die unter neutraler Flagge fuhren, ward nicht stets der ihnen versprochene Schutz zu teil. Es war eine fröhliche Zeit für kühne, unternehmende Seeleute. Es war eine Zeit der Hoffnung für junges, rüstiges Volk, das eben in die Welt trat, um sein Glück zu machen, und das sein Glück machen konnte, wenn es Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.

Solch ein junger Mann, in der kleidsamen Tracht eines königlichen Kadetten, ging von dem Hafendamm zu Christiania in Norwegen geradeswegs auf den Palast zu, in welchem der General Löwendahl wohnte, der, wenn auch nicht mit dem Titel, doch mit der Macht eines Vicekönigs dieses Reiches bekleidet war, ein wichtiger, einflußreicher Mann, dessen Wille in allen Angelegenheiten entscheidend war, dessen Gunst oder Ungunst Tausende belebte oder zerschmetterte.

Der junge Mann, der eine nicht geringe Eile zu haben schien, klopfte an die Thür des mächtigen Generals und begehrte, sogleich zu demselben geführt zu werden. Der Diener machte Schwierigkeiten, da es noch früh am Tage und Seine Exzellenz kaum aufgestanden sei. Als er sich dann endlich bereit erklärte hineinzugehen, erhielt er auf die Frage, wen er zu melden habe, die Antwort: »Einen dänischen Seemann.«

Wie nun der Kadett zu dem General in das Zimmer trat, schien dieser nicht wenig verwundert, statt des ihm angekündigten Seemannes einen Jüngling zu finden, dem kaum der erste Flaum um das Kinn sproßte.

»Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?« fragte der General vornehm, nachdem er den Kadetten, der in ungezwungener Haltung vor ihm stand, einen Augenblick betrachtet hatte.

»Ich heiße Peter Wessel, gebürtig aus Drontheim, und bin, nachdem ich längere Zeit zur Kauffahrtei gefahren, in das Seekadetteninstitut in Kopenhagen aufgenommen.«

»Und Euer Begehr?«

»Exzellenz! Es ist mein heißer Wunsch, das Kommando eines guten Kanonenschiffes zu bekommen, um die schwedischen Kaper von unserer Küste verjagen zu helfen.«

»Das gefällt mir!« entgegnen der General lächelnd. »Die Gedanken stehen Euch nicht niedrig.«

»Wer sich fühlt, Exzellenz, muß auch den Mut haben, es zu sagen.«

»Euer Begehren grenzt an Thorheit. Ich kann Euch nicht helfen. Geht! Geht!«

»Ich bleibe und bitte nochmals!« entgegnete Peter Wessel dringender. »Möchtet Ihr meinen Wunsch zu erfüllen geneigt sein!«

»Was Ihr verlangt, ist keine Spielerei. Es ist eine Sache von der höchsten Wichtigkeit.«

»Um so mehr ist dieselbe eines Versuches wert,« entgegnete der Kadett und schwieg errötend, als ihn ein strenger Blick des Generals traf, der in gemessenem Tone fragte:

»Warum meldet Ihr Euch nicht mit Eurem seltsamen Begehren bei Euren eigentlichen Vorgesetzten?«

»Habe keine guten Freunde oder Vettern, die bei den vornehmen Herren ein freundliches Wort für mich einlegen. Exzellenz! ich bin nur eines einfachen Bürgers Sohn, dem es sauer genug geworden, sich aus dem Kabelgat eines Kauffahrers zum königlichen Kadetten hinaufzuarbeiten. Ich möchte aber gern weiter, und ich käme auch weiter durch mich selbst, wenn nur erst einer da wäre, der mich etwas vorwärts schöbe, so daß ich den vornehmen Herrn von der Admiralität in die Augen fiele. Ich fühle es in mir, daß ich das Vertrauen, welches man in mich setzt, rechtfertigen würde.«

Dem mächtigen Generalissimus eines ganzen Königreiches, dem sich alle in tiefer Unterwürfigkeit nahten, war eine solche Sprache neu. Er besaß die Gabe, zur guten Stunde einen tiefen Blick in das Innere der Menschen zu thun und auf dem Grunde der Herzen zu lesen. Er sah den Kadetten fest an und sagte dann nach einer Pause: »Ihr geht mit vollen Segeln, junger Mann! Ich mag das wohl leiden. Damit Ihr rascher zum Ziel kommt, will ich Euch an Bord einer unserer Fregatten zu bringen suchen.«

»Dank, General!« platzte Peter Wessel heraus; »aber das ist es nicht, was ich brauchen kann. Wenn etwas aus mir werden soll, muß ich auf eigene Faust handeln können.«

»So möchtet Ihr wohl die Fregatte lieber selbst führen?« fragte der General mit Ironie. »Was, zum Teufel, spuken für Raupen in Eurem Kopfe? Lernt erst gehorchen, bevor Ihr befehlen wollt.«

»Fünf Jahre habe ich die Ehre, Seiner königlichen Majestät zur See zu dienen,« sagte der Kadett, ebenfalls sehr ernst. »Keiner darf sagen, daß ich nur das kleinste im Dienst versäumt hätte. Ich habe blind gehorcht. Aber ich fühle, daß ich etwas besseres kann, und bitte darum Euer Exzellenz, es mit mir zu versuchen.«

»Man könnte wohl . . . .« sagte der General vor sich hin. Aber er brach ab und sprach laut: »Steht von Eurer Bitte ab. Es ist gefährlich, einem so jungen Manne die Ehre der königlichen Flagge anzuvertrauen.«

»Meine nicht, Herr General, daß das Alter etwas dazu oder davon thut,« entgegnete Peter Wessel mit Selbstgefühl. »Würde nichts Unehrenhaftes beginnen und könnte, wenn es nicht anders ginge, geradeswegs mit dem Danebrog in die Luft gehen, wie es der Kommandeur Hvidtfeld gethan.«

Diese Worte waren entscheidend für die Zukunft des jungen Seemanns. Graf Löwendahl konnte denselben nicht wiederstehen. Er trat ans Fenster und winkte den jungen Mann zu sich.

»Seht Ihr jenes Fahrzeug mit den blanken Metallstücken?«

»Ich sehe es, General!« antwortete Peter Fessel mit leuchtenden Augen. »Eine prächtige Schute!«

»Es ist das Schnauschiff »der Wurm« und hat zwanzig wohlbefahrene Matrosen an Bord. Ich vertraue Euch das Kommando und übernehme die Verantwortung dafür, der Admiralität gegenüber. Sucht nun die Taten zu vollbringen, von denen Ihr so erfüllt seid.«

»Das will ich, so mir Gott helfe. Zwanzig Matrosen und vier Geschütze sind ein guter Anfang. Wann darf ich mir meine Ordre holen?«

»Sie soll Euch im Laufe des Tages zugehen, und dann müßt Ihr noch vor Einbruch der Nacht in See.«

»Alles soll bereit sein.«

»So geht mit Gott. Und hört! Ich sende Euch hinaus, um auf die Bewegungen des Feindes zu achten und Auge und Ohr offen zu halten. Ihr habt nur mir Bericht zu erstatten, keinem andern. Seid vorsichtig und setzt nicht ohne Not die Flagge des Königs auf das Spiel. Seid Ihr aber einmal darin, dann haltet Euch mit Ehren, oder geht unter. Das ist mein Abschied.«

Peter Wessel entfernte sich, einen ganzen Himmel in der Brust. Er eilte an Bord, um sich der Mannschaft des »Wurm« als ihren künftigen Kommandeur vorzustellen, und kehrte dann an das Land zurück, um die Vorbereitungen zur Abfahrt zu beeilen.

Bei der Mannschaft des »Wurm« hatte der neue Kommandeur kein besonderes Glück gemacht. Er war ihr zu jung, zu unbedeutend erschienen.

»Ist nichts mit dem Krabat, Rolf!« sagte einer der Matrosen, der in der Nähe gewesen war, als Kommandeur Hvidtfeld sich dem Vaterlande glorreich zum Opfer brachte. »Viele Prisengelder werden wir unter seiner Führung nicht erbeuten, und wenn gar . . . .«

»Was wollt Ihr mit den Worten wenn gar sagen, Nils Brandt? Halbe Rede thut es nicht. Sprecht frisch von der Leber weg.«

»Ich meine,« sagte Nils Brandt, »wenn es dem Himmel gefiele, daß für die Flotte ein zweiter Tag käme, wie der war, an welchem Kommandeur Hvidtfeld sein Leben daran setzte, würde der »Wurm« unter dem Kommando des Herrn Kadetten Peter Wessel es vorziehen, behaglich mit der Flut zu treiben, als wagehalsig in der Luft umher zu tanzen.«

»Ihr habt jene glorreiche That, wenn auch nur von ferne, gesehen, Nils Brandt,« sprach ein dritter. »Wie war es damit? Nehmt einen Schluck aus meiner Flasche und erzählt.«

»Das will ich!« entgegnete der Seemann und nahm, die Flasche zwischen den Knieen, auf einem Kabeltaue Platz, während die andern sich um ihn scharten. »Seht, Leute, das war so. Wir hatten einen tüchtigen Zusammenstoß mit den Schweden gehabt, und man kann nicht sagen, wer von uns beiden mehr Püffe empfangen oder ausgeteilt hatte. Aber das darf ich behaupten, daß die Schweden machten, daß sie fortkamen, und daß wir keine Lust hatten, ihnen nachzulaufen, denn wir hatten genug zu thun, um die zerschossenen Breitseiten zu kalfatern und die zerschmetterten Arme und Beine zusammenzusetzen. Unsere Schiffe lagen in der Bucht von Kiöge vor ihrem Anker, dicht unter Land und so nahe bei einander, als es ohne Gefahr nur immer geschehen konnte. Der Feind war in vollem Weichen. Kommandeur Hvidtfeld, der an Bord des »Danebrog« kommandierte und allein zwei schwedische Linienschiffe zerstört hatte, lag im äußersten Luv von uns. Alle Mann waren beschäftigt, das Verdeck nach dem bestandenen Gefecht klar zu machen, als mit einemmal der Schreckensruf »Feuer« aus dem Zwischendeck herauf erscholl. Ein furchtbares Krachen hatte das Unglück angekündigt. Drei glühende Kugeln waren gesprungen und hatten gezündet. Bei dem Besanmast fing es zuerst an zu brennen. Schnell besonnen war der Kommandeur zur Hand; man sah ihn allenthalben. Durch sein Beispiel ermuntert, griffen alle herzhaft an, denn sie spielten um Leib und Leben. Es war umsonst. Das Feuer griff zu mächtig um sich; sie konnten es nicht dämpfen. Der Wind brisete von der See her und jagte Rauch und Feuer landwärts.

»Es giebt nur ein Mittel!« rief einer seiner Offiziere ihm zu. »Wenn wir den Anker kappen, treiben wir dem Lande zu, bevor das Feuer die Pulverkammer erreicht.«

»Das thun wir,« sagte der Kommandeur, »und wir können auf diese Weise unser Leben retten. Aber wir setzen die königliche Flotte der Gefahr aus, von uns in Brand gesteckt zu werden. Der Wind steht so, daß wir geradenwegs der Vorhut unserer Schiffe entgegentreiben.«

»Der Hochbootsmann des »Danebrog« hatte die blinkende Axt ergriffen, um das Tau zu kappen. Der sturmkalte Seemann, der seine Lebenszeit zwischen den Planken königlicher Schiffe verbracht hatte, sah fragend nach dem Befehlshaber, der hoch auf der Campagne stand. Erwartungsvoll harrten die Mannschaften ringsumher. Leben und Tod aller hing von dem Wink eines einzigen ab.

»Noch einmal warf Kommandeur Hvidtfeld den spähenden Blick umher. Nochmals erwog er die That und ihre Folgen. Dann winkte er dem Hochbootsmann bedeutungsvoll mit der Hand. Der alte Seemann verstand seinen Chef. Mit einem lauten Hurra schwang er die Axt um seinen Kopf und warf sie in die rollende See. Und Hurra! rief die gesamte Mannschaft wie aus einem Munde. Der »Danebrog« blieb vor seinem Anker, während die Flammen gierig um sich fraßen, bis das Schiff mit lautem Krachen in die Luft flog. Und das ist das Ende von der Geschichte, denn Ihr wißt wohl, wie es in dem alten Liede heißt, daß der Danebrog von dem Himmel auf die Erde gefallen ist, zum Zeichen, daß der Herrgott die Dänen unter seinen besonderen Schutz stellte. Und darum ein Hurra für den tapfern Kommandeur Hvidtfeld, der gethan hat, was kein anderer ihm sobald nachthun wird.«

»Das lügst Du!« erscholl eine kräftige Stimme. Erschrocken sah der Matrose sich um und blickte in das gerötete Gesicht seines jungen Chefs, der an Bord gekommen war, ohne daß es einer gemerkt hatte. Einen Augenblick belustigte den Kadetten die Verlegenheit der Leute, dann sagte er lachend:

»Darüber könnt Ihr beruhigt sein! Wenn wir jemals Feuer in der Nähe der Pulverkammer haben, und wir wittern in See eine schwedische Flagge, so soll sie mit uns in die Luft, sie mag wollen oder nicht; das ist hiermit abgemacht. Und nun, alle Mann an die Ankerwinde. In einer Stunde müssen wir draußen in offener See sein.«

Lautlos ging jeder an sein Werk. Ohne Murren folgten alle von diesem Augenblicke an seinen Befehlen. Bald hatte Peter Wessel seine Leute geschult, wie er sie haben wollte. Es wurde ihnen wenig Ruhe gegönnt, aber der geplagteste Mann an Bord führte noch immer ein Herrenleben gegen seinen Kommandeur. Tag und Nacht war Peter Wessel auf dem Deck; selten in der Kajüte, noch seltener in der Koje und dann mit allen Kleidern auf dem Leibe. Es schien, als ob diese elastische Natur des Schlafes nicht bedürfe.

Eines Morgens, vor Sonnenaufgang, schritt Peter Wessel auf dem Halbdeck unruhig auf und ab. Schon seit einigen Tagen folgte er einem bewaffneten schwedischen Schiffe, ohne es bisher erreichen zu können. War es Geringschätzung seitens des schwedischen Offiziers, der mit dem kleinen dänischen Schiffe nicht anbinden wollte? War es vielleicht die unausgesprochene Furcht, ein Gefecht zu beginnen, das möglicherweise schlecht enden konnte? Der Schwede hielt nirgends stand. Sein Schiff war von einer in damaliger Zeit beliebten Form, Hucker genannt, mit hohem Spiegel und breitem Buge. Auf seinem Deck standen acht stattliche Geschütze, und nach der Bewegung aus demselben zu urteilen, fehlte es an Mannschaften zur Bedienung derselben nicht. Peter Wessel hatte, gemäß der Ordre des Generals Löwendahl, so viele Erkundigungen eingezogen, daß es wohl gerechtfertigt gewesen wäre, wenn er nach Christiania segelte, um seinem Gönner den ersten Bericht abzustatten. Und doch konnte er sich nicht entschließen, ohne eine entscheidende That wieder binnen zu laufen.

»Es ist ein toller Ulk,« sagte ein Matrose leise zum andern. »Nicht damit zufrieden, daß wir schon drei Prisen genommen, die uns einen guten Schilling einbringen sollen, läßt er – darauf könnt Ihr Euch verlassen – keine Ruhe, bis wir die vierte dazu haben, und wäre sie auch mit Kanonen gespickt von oben bis unten.«

»Willst Du ihm das verdenken, Maat?«

»Den Teufel will ich! Werde vielmehr tüchtig zuschlagen helfen. Für einen solchen Burschen geht man gern ins Feuer. Als wir uns neulich mit dem Finnländer herumgeschlagen hatten und so müde waren, daß wir alle viere von uns streckten, wo war da unser junger Kommandeur? Wir glaubten, er sei in die Koje gegangen, um von dem schweren Tagewerk auszuruhen, was ihm keiner verdachte. Er aber tritt auf einmal, einen Korb mit vollen Flaschen in der Hand, auf das Deck und sagt: Da ist der Vorrat, den ich mir für die Reise mitgenommen habe. Ich komme nicht dazu, ihn auszutrinken; darum thut Ihr es und stärkt Euch nach der schweren Arbeit.«

»Wohl. Und am andern Tage sagte er: Wenn es Prisengelder giebt, teile ich meinen Part in zwei Hälften, und die eine ist für Euch, denn Ihr habt die meiste Arbeit davon gehabt. Die andere genügt mir; ich bin mit der Ehre bezahlt genug.«

»Und Ihr werdet sehen, daß er es nicht bei dem bloßen Worte bewenden läßt; er macht es auch wahr. Für einen solchen Jungen muß man ja durch Feuer und Wasser gehen.«

Die Sonne erhob sich strahlend und warf ihren rosigen Schimmer über die See hin. Peter Wessel ließ seine Blicke den Horizont entlang schweifen und rief dann jubelnd: »Wir haben ihn! Alles klar zum Gefecht!«

Der schwedische Hucker mit seinen acht Geschützen lag unfern von ihnen hart am Winde und so günstig, daß er gar nicht entrinnen konnte, wenn er auch gewollt hätte. Der Wind wehte für Peter Wessel so raum, daß er mit dem »Wurm« binnen kurzer Zeit dem Schweden seitlängs sein konnte. Dieser machte Segel und ließ nach Lee abfallen. Der Däne that desgleichen, und lautschlagenden Herzens begann auf der freien, offenen See die lustigste Morgenjagd.

Während Peter Wessel mit seinem Kaperschiffe in der Nordsee umherjagte, wo die ersten Blätter zu seinem künftigen Ruhmeskranze keimten, war er selbst auf dem festen Lande öfter Gegenstand der Unterhaltung.

In dem gastfreien Hause des Statthalter-Generals befand sich unter den dort aus- und eingehenden Gästen auch ein vornehmer dänischer Seeoffizier, der über die königlichen Schiffe in diesen Gewässern den Oberbefehl führte. Er bekleidete den Rang eines Kommandeurs, hielt viel auf äußere Formen und wußte am grünen Tisch die bewundernswürdigsten Seemanöver auszuführen, Prisen zu machen und Schlachten zu gewinnen. Nur was von ihm selbst ausging, war untadelhaft, was andere thaten, daran hatte er stets etwas zu rügen, schlug es auch noch so günstig aus. Darum fand der Kommandeur es nichts weniger als gerechtfertigt, daß General Löwendahl, bloß infolge einer Aufwallung und in dem unbestimmten Gefühl des Wohlwollens, einem jungen Kadetten das Kommando eines Schiffes übergeben und die Ehre der Flagge einem unerfahrenen Knaben anvertraut habe. Bei dem hohen Range des Generals und gegenüber dem mächtigen Einflusse desselben konnte der Kommandeur sich nicht so rücksichtslos aussprechen, als er es gern gethan hätte; allein es war doch so oft und in so spöttischer Weise geschehen, daß der General zuletzt ärgerlich ausrief: »So hört doch endlich nur auf, von dieser Angelegenheit zu sprechen. Ich warf einen Blick in das Innere des Jünglings und glaubte das Richtige zu erkennen. Habe ich mich geirrt, so nehme ich die Verantwortung auf mich, und gebe Euch die Versicherung, daß Euch von seiten der Admiralität deshalb kein Vorwurf gemacht werden soll. Damit seid nun aber auch beruhigt, Herr Kommandeur, und laßt uns harmlos an dem Feste teilnehmen, welches nicht nur Christiania und dieses Haus, sondern ganz Norwegen feiert.«

Der Kommandeur biß sich in die Lippen und folgte dem General in den Salon, wo sich eine große Gesellschaft versammelt hatte. Es war der 11. Oktober, und der Statthalter-General feierte den Geburtstag des Königs. Ganz Christiania hatte ein festliches Aussehen. Geputzte Menschen belebten die Straßen, Musik und Gesang erscholl überall. Die Schiffe im Hafen hatten ihre Flaggen aufgezogen, und Becher auf Becher wurde dem Wohle des königlichen Herrn dargebracht.

In dem Hauptsalon des von Löwendahlschen Hauses, sowie in den anstoßenden Gemächern bewegten sich die Gäste bunt durcheinander. Es war ein fröhliches Treiben, Scherz und Heiterkeit herrschten überall. Der General hatte sich an eines der hohen Bogenfenster gestellt, von welchen aus man eine weite Aussicht über die Stadt und den Hafen hatte. Sein Auge schweifte über das schöne Panorama, welches sich seinen Blicken darbot und sein Wohlgefallen in hohem Grade zu erregen schien. Plötzlich richtete er sich höher auf, beugte den Kopf vornüber, als wollte er etwas recht genau sehen, und rief dann, sich rückwärts wendend, lebhaft aus: »Da kommt er!«

»Wer, wenn es Euer Exzellenz gefällig ist?« fragten einige Herren, die in der Nähe standen, und auch der Herr Kommandeur, der nicht weit war, fragte dasselbe. Die allgemeine Aufmerksamkeit war auf den General gerichtet, und dieser antwortete: »Ich meine den jungen Seemann, den ich ausgesendet habe, um sich nach den schwedischen Kreuzern umzusehen. Er ist da.«

Alle stürzten nach den Fenstern. Der Kommandeur trat zu dem General, der lebhaft fortfuhr:

»Seht Ihr? Das ist das Fahrzeug. Und wie es scheint, kommt er nicht allein, sondern bringt Prisen mit sich, die er im Schlepptau führt. Es sind deren drei, darunter sogar ein bewaffnetes Schiff! Und auf dem Maste desselben weht die dänische Flagge hoch über der schwedischen! Nun, Kommandeur, was sagt Ihr dazu?«

»Wer weiß, wie das alles zusammenhängt!« entgegnete dieser halb verlegen, halb ärgerlich.

»Das werden wir gewiß bald von ihm selbst erfahren,« sagte der General, »denn wie ich ihn kennen lernte, wird er nicht lange auf sich warten lassen.«

Und in der That meldete ein Diener bald nachher einen jungen Offizier, der darauf bestehe, unverzüglich mit dem Herrn Statthalter zu sprechen. Der General gab Befehl, ihn hereinzulassen, und Peter Wessel trat sofort in den Saal. Ohne durch den Anblick der glänzenden Versammlung besonders verlegen zu werden, rief er dem General mit lauter Stimme entgegen: »Ich habe den Befehl Euer Exzellenz ausgeführt, und bin bereit, zu berichten, was ich unterwegs gesehen. Außerdem habe ich mit Hilfe meiner wackeren Matrosen, die tüchtig zuschlugen, noch einige andere Arbeit ausgeführt, welche dem Herrn General vielleicht gefallen wird, wenn es Euch beliebt, sie anzusehen.«

»Wir haben dies Tollmannswerk schon von weitem erkannt,« nahm der Kommandeur in hohem Tone das Wort, »und sind verwundert, daß Ihr die Ehre der Flagge so leichtsinnig preisgebt.«

»Die Ehre der Flagge ist stets gewahrt worden,« entgegnete Peter Wessel aufwallend. »Ich bitte den Herrn Kommandeur um Verzeihung, aber Ihr könnt das von dem Hauptmast einer jeden einzelnen Prise wehen sehen.«

Der General, dem diese Unterredung unangenehm wurde, und welcher der Subordination nichts vergeben durfte, unterbrach den Kadetten mit den strengen Worten: »Es giebt keine Veranlassung, welche einem jungen Soldaten gestattet, die Rücksichten zu vergessen, die er seinen Vorgesetzten im Dienst schuldig ist.« Zum Kommandeur gewendet setzte er aber hinzu: »Eine jugendlich-ungestüme Kraft, die sich plötzlich fühlt, bedarf wohl einiger Nachsicht.«

»Der glückliche Erfolg mag die Nachsicht rechtfertigen,« sagte der Kommandeur. »Wie aber, wenn das tolle Beginnen fehlschlug und die königliche Flagge kompromittiert wurde, was dann?«

»Es war noch immer eine brennende Lunte am Bord, und was Hvidtfeld in der Kiögebucht that, das kann ich auch!« entgegnete Peter Wessel. Der Kommandeur biß sich auf die Lippen, und der General, das Gespräch unterbrechend, sagte: »Ihr hattet mir einen Bericht abzustatten, Kadett Wessel! Folgt mir in mein Kabinett.«

Während der Abwesenheit des Generals war der junge Seemann der alleinige Gegenstand der Unterhaltung, und nur der Kommandeur fühlte sich unbehaglich. Bald darauf kam der General mit dem Kadetten zurück, und der erstere sagte: »Ich habe die Ehre, der Gesellschaft einen Seemann vorzuführen, der, so jung er ist, dem Vaterlande bereits einen wichtigen Dienst leistete. In diesem Sinne halte ich Ihnen denselben empfohlen. Kadett Wessel, Ihr seid heute mein Gast; nehmt Euren Teil von der Lust des Tages. Morgen werdet Ihr wieder in See gehen und, wie ich hoffe, den zweiten Kreuzzug mit demselben Eifer beginnen und enden, wie den ersten.«

»Mit aller Kraft, die mir zu Gebote steht, Exzellenz!« rief der junge Mann mit Feuer.

»Haltet Wort, und mit dem Beginn des nächsten Frühjahrs werdet Ihr Euer Lieutenantspatent erhalten.«

Peter Wessel sagte nichts, aber er ergriff die Hand des Statthalter-Generals und drückte sie in lebhafter Bewegung an seine Lippen.


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