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Suchen und Finden.

Sie hatten zuerst den kleinen Umweg über Frankfurt gemacht und Kitty besucht. Blühend und in vollster Arbeitsfreude war sie ihnen im Sprechzimmer der Frau Oberin entgegengekommen, entzückt vom guten Aussehen der kleinen Schwester; aber Zeit – die gab's nicht. Kaum eine einzige Freistunde. »Ich habe eine Pflege, da drüben im zweiten Saal, die läßt mich gar nicht los, liebste Mutter. Alles muß man daransetzen, daß die Kranke durchkommt. Denkt nur, fünf kleine Kinder und solch eine gute, brave Frau. Wollt ihr nicht einmal mit mir hinüber zu ihr? Sie weiß, daß ihr kommt, und ich habe ihr zum Trost von dir erzählt, Marili, du herzensliebes Geduldsschäfchen. Nein, was werden die Herren Doktoren in Freyenthal sagen? und unser Junge! – O, wie gern möcht' ich dabei sein, ihr Liebsten, aber seht, wenn ich nicht kann, mag ich auch nicht. Im Ernst. – Jetzt kommt zu meiner guten Frau Bäsler – vielleicht nur du, Mutter? Ist dir's nicht unangenehm, Marili?«

»Nein, nein, ich will. Bitte, nimm mich mit, Kitty. Darf ich ihr etwas von meiner Reiseschokolade schenken? Sieh hier –«

»Behüte, nicht ein Krümchen davon. Aber warte: die Rosen, die du mir mitgebracht hast, die gib ihr. So hab' ich die allergrößte Freude davon, ganz gewiß. Nimm meinen Arm, Kleines, du hast noch kein Krankenhaus gesehen.«

Ach – dies viele Leid, dieser stille Jammer drüben im langen Saale, mit seinen beiden Bettreihen und dem breiten Gange dazwischen. Diese abgezehrte Elende, die sich nach ihrer furchtbaren Operation nicht erholen konnte, und auf deren Genesung »Schwester Katharine« mit ihrem ganzen warmen Herzen voll Menschenliebe hoffte.

Die Kranke hob ihre wachsgelbe Hand und versuchte dem fremden, kleinen Fräulein, das so ernst, Bangigkeit in den Augen, neben der geliebten Schwester Katharine stand, freundlich zuzunicken. Die Rosen ließ sie sich aufs Kopfkissen legen, recht nahe, und dankte mit hohler Stimme dafür. Ein scharfer Stich ging durch Marilis weiches Herz; gar zu gut wußte sie's noch, wie wohl der schöne, frische Rosenduft tat und das Gefühl der linden Blütenblätter, zart und kühl zugleich, an fiebernder Wange.

Die Erinnerung half ihr tapfer sein, so daß sie die Tränen des Mitleids bezwingen und etwas Tröstliches zu der Aermsten sprechen konnte. Sie blieb auch, auf ihre Bitte, still an ihrem Lager sitzen und streichelte die schlaffe Hand, die welk auf der Decke ruhte, während die Mutter mit Kitty von einem Bett zum andern ging und mit den beiden andern pflegenden Schwestern sprach. Eine derselben saß hinter dem grünen Schirm, bewachte ein verlöschendes Leben, und die Mutter flüsterte ihrer Tochter zu: »Laß Marili, wo sie ist – nicht hierher!«

»Ich geb' schon acht, gnädige Frau,« sagte Schwester Beate, die, welche zwischen Frau Bäslers Bett und dem hinter dem Schirme saß, und sie hatte ein leichtes Amt übernommen.

Als die Mutter und Kitty eine Viertelstunde später von ihrer Wanderung durch die andern Säle in den langen zurückkamen, begleitet von einem der Assistenzärzte, fanden sie ihr Marili noch immer auf dem nämlichen Platze sitzend. Gerade schlug sie das kleine Andachtsbuch der Kranken zu; sie hatte »ihrer Kranken« vorgelesen, wie sie ganz stolz berichtete.

»Ich werde auch Schwester, du,« versicherte sie und drückte Kittys Hand; aber Kitty meinte: »Eine aus der Familie ist genug, nicht wahr, Herr Doktor? Nach der Genesungsvorstellung in Freyenthal kommen noch mindestens fünf Beobachtungsjahre, und was dann ist, das weiß Gott allein.«

* * *

»Grüße Frau Bäsler noch viel – vielmal, und sie soll an den Spruch denken, sie weiß schon, welchen ich meine,« trug Marili ihrer Kitty auf, an der letzten Tür, die noch zwischen den Reisenden und der Schwester war, die bei ihrer lieben und schweren Pflicht zurückblieb.

»Und grüßen Sie den Kollegen Lieven von mir, gnädiges Fräulein; wir sind beide vom ›Runden Tisch‹ und vom gleichen Semester,« bat der Assistenzarzt, machte seinen Kratzfuß und hielt das Haustor offen für die hinweggehenden Gäste.

»Der Spruch war: ›Fürchte dich nicht – glaube nur‹; – weine nicht, mein einziges Mutting –« sagte Marili auf der Straße und zog der Mutter das Schnupftuch aus der Paletottasche für die Tränen in ihren Augen. – »Mutter, der Spruch ist auch Sonnenschein. Hättest du doch gesehen, wie anders das Gesicht von der armen Frau Bäsler wurde, als ich die Worte gelesen habe. – Jetzt lerne ich's erst, was Leben und Leiden heißt. – Kitty ist so glücklich, liebste Mutter – weine nicht.«

Nur noch eine Station und dann mußte es »Freyenthal« heißen. Marili stand schon seit zehn Minuten am Fenster, blickte hinaus und hielt ihre Stirn und ihre ganze Gestalt fest gegen die Tür und das Glas gedrückt. Wie ein Vogel im Käfig, der wartet, bis der kleine Riegel zurückgeschoben wird. Sie regte kein Glied, die Hände waren ihr so kalt wie Eis geworden, den Atem hielt sie an und das Herz unter der schwarzweiß karierten Weste des hübschen dunklen Schneiderkleides aus Ventnor schlug wie ein Hammer. Große, langsame Schläge, die sie in Gedanken gezwungenerweise nachzählte.

O diese ewigen Sekunden, die sich so langsam zu Minuten aneinander reihten. –

Draußen flog die schöne, deutsche Berglandschaft vorüber, immer wechselnd. Graue Felsen, Weinberge, auf denen die Bläue und Goldfarbe des Traubensegens an den Rebstöcken wie ein Duft lag, Waldkuppen, farbenbunt im Herbstschmuck, Schlösser und Ruinen auf luftigen Höhen, altertümliche Städtchen und idyllische Dörfer, von spitzen Kirchtürmen überragt. Drunten im Tale der breite Strom, belebt von der Schiffahrt, sonnenbeglänzt seine grünlichen Wellen. Schade, daß alle die heimische Schönheit an der Heimkehrenden verschwendet war. Sie suchte nur nach dem einen bekannten Bergzuge mit dem hellen Städtchen an seine Kniee geschmiegt und nach dem stolzen Rundturme, dem zerbröckelnden Palladium der lieben Freyenburg. Sie dachte nur immer einen Gedanken: »Wird Karl da sein, wirklich und wahrhaftig? – Karl, und vielleicht? – Nein – ich will es mir nicht ausmalen!« – Die Wunscherfüllung schien ihr Unmöglichkeit zu sein.

Da! – jetzt trat der erste, der felsige Berg ins Wandelbild, nun der zweite und dritte, nun der ganze Zug, immer deutlicher und näher im gelbrot gescheckten Oktoberkleide, mit den schwarzgrünen Spitzen der Tannen verziert und den rostbraunen Bändern der schmalen Steineichenholzung, die im Zickzack vor Buchen, Ahorn und Kastanien hinlief. O, und dort stand die Freyenburg hinter der kecken Hügelnase auf und reckte ihren Stumpfturm mit dem Zinnenkranz und dem Epheuschmuck so trotzig und hochmütig am blauen Himmel in die Höhe. Wie weich rundete sich die Kuppe, auf der sie stand, zu Tal, wie anmutig standen die Häuser des Dorfes darum her. –

Nur nicht weinen – wozu denn? Lachen, mit dem ganzen Munde und dem vollen Herzen und der Mutter liebe Hand einmal so recht fest zusammengedrückt – nein, die dummen Tränen! Rasch, rasch abgetrocknet: – da steht er ja, wirklich und wahrhaftig, der beste alte Junge, und schwenkt den Hut, was er kann, und ruft: »Hurra! willkommen!«

»Jawohl: Hurra! willkommen! – Etwas Besseres kann man gar nicht rufen! Schaffner! Hier: Gott, wo ist der Mensch?«

»Vorsicht, Mutting, nicht so feurig, halt, halt, ich mach' schon auf. Sie, Gepäckträger, die Sachen 'raus!«

»Wohin die Herrschaften? In die Anstalt?«

»Keine Spur; zu Beyer. – Pascholl, Mann, und recht prompt. – So! – Ja, Kindchen, das sollst du sein? Du bist ja gar kein Kindchen mehr, du bist eine generöse junge Dame. Donnerwetter, hast du dich nobel gemacht! Na, küß nur zu, – komm, ordentlich! Was? und ohne Tränen? Der Fortschritt!«

Mindestens ein Kuß zwischen jedem Satz. Das Schwesterchen und der Bruder hielten sich hier auf dem öffentlichen Freyenthaler Bahnhofe so innig umschlungen, wie noch nie im Leben. Ein schönes Stück war's emporgewachsen zum jungen stämmigen Eichbaum in diesem halben Trennungsjahre, das Schattenblümchen, das sich mehr und mehr zum Sonnenblümchen entfaltete.

Die Bahnbeamten lachten und freuten sich mit; es ging höchst gemütlich zu im Dorf Freyenthal.

* * *

»Ich bin schon seit gestern hier, und dem guten Lieven zu Gefallen wohne ich in der Anstalt bei ihm in seiner widerlich geräuschvollen Schlafbude,« berichtete Karl, als sie selbdritt durch den Heckenweg voll feuerroter Hagebutten, anstatt der lieblichen Flatterröschen, zum Hotel Beyer pilgerten. Diesmal zu Fuß, und der heitere Jüngling diente als Henkeltopf: denn Mutter und Schwester hingen an seinen beiden krummen Armen. »Euch wird das weiter nichts ausmachen, dir hoffentlich auch nicht, mein liebes, spendables Mädchen? – (O, o! pardon!) Wir würden ja im Hotel ebenfalls in getrennten Verhältnissen nächtigen, und einen Wächter für eure Ruhe braucht ihr nicht, was? Also mochte ich dem alten, netten Lutz L. die Sache nicht abschlagen, besonders da –«

»Ist das Herr Doktor Lieven, bitte?« fragte Marili dazwischen, und ein ganz kleines Zittern, nur dem mütterlichen Ohre bemerklich, war in ihrer Stimme.

Karl tippte sich nach seiner lebhaften Manier gegen die eigene Stirn.

»Na, wer denn sonst? Denk mal nach, Kleines. ›Lutz‹ ist die elegante Abkürzung von Ludwig, seit Louis unpatriotisch geworden ist, und Lieven fängt mit L an. – Na, kapiert? Also! – Ihr werdet euch übrigens wundern, um nicht zu sagen: erschrecken. So was von Abhaspelei, wie da in der edlen Wasserkunst, das geht ja nicht auf drei Kuhhäute zu schreiben. – Halt, guter Freund; da fehlt ein Schirmpaket, was heißt das?«

»– und wo ist Marilis Handtasche, liebster Junge?« Mutter und Sohn hielten den Gepäckträger und seinen Karren an und darauf setzte sich Karl spornstreichs wieder in Trab zum Bahnhof zurück, um die zwei verlorenen Gegenstände aufzutreiben, während die Damen sich im Hotel einrichten sollten. Das Thema »Lutz L.«, auf das Marili brannte, hatte einen jähen Abschluß gefunden.

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Im Zimmer fand sich ein Herbstblumenstrauß vor mit des Doktors Karte.

Drinnen in ihrem Zimmer fanden sie einen Herbstblumenstrauß mit des Doktors Karte neben Bruder Karls Spätrosen, und unter dem: »Ludwig Lieven, Dr. med.« stand flüchtig gekritzelt: »kann sich leider erst nach dem Abendessen erlauben, den Damen seinen Besuch zu machen.«

* * *

»Wenn der Doktor doch erst gegen Neun kommt, wäre ich dafür, mein Marili, daß du jetzt eine Stunde ruhst, und wir zwei machen einen netten Gang, bester Junge,« schlug die Mutter vor, nachdem der Tee in aller Gemütlichkeit getrunken war. »Ich zeige dir dann gleich den Laden, wo ich das vorzügliche Konzeptpapier gefunden habe, viel besser als deines. Weißt du, es schlägt nicht die Spur durch nach dem Radieren. Nicht wahr, du bist verständig und legst dich, Marili, oder setz dich wenigstens still in den Lehnstuhl und lies dein englisches Buch aus.«

»Nein, ich will nicht lesen, ich bin müde,« sagte Marili, und als die beiden, Mutter und Sohn, sich auf den Weg gemacht hatten, setzte sie sich zögernd in den grünen Plüschsessel am Fenster, faltete mit steifer, befangener Gebärde ihre Hände im Schoß und so blieb sie, das Gesicht geradeaus gerichtet, der Tür zu, wie wenn sie eine Aufforderung, ein Zeichen erwartete. »Steh wieder auf, gehe dorthin, wo alle deine Gedanken sind; poche an die wohlbekannte Tür –«

Dann kam die ruhige Besinnung zurück: »Es ist ja gar keine Sprechstunde jetzt – gleich müssen sie in der Anstalt zu Abend essen. – Da! – der Gong –«

Sie biß die Lippen übereinander, horchte auf den metallisch nachschwirrenden Schall, ging an die Karaffe und trank ein großes Glas voll Wasser. Damit ließ die Spannung nach.

»Was verlange ich von Freyenthal? Wie kann man sich etwas ganz Unmögliches einbilden?« dachte sie, nahm entschlossen ihr Buch vor und las eine halbe Seite, bis sie sich selbst bekennen mußte, daß sie auch keine Silbe aufgefaßt, verstanden habe. Nein, so zum Drüberhinlesen war Thackerays » Vanity Fair« denn doch zu klassisch. Also packte sie das Buch in ihre Handtasche zurück, schellte und ließ sich vom Zimmermädchen eine große, wassergefüllte Schale bringen, nahm den brüderlichen Rosenstrauß und das ärztliche Astern- und Resedenbouquet auseinander und ordnete den ganzen Blumensegen in das flache Glasgefäß, genau so, wie sie es in England gelernt hatte. Wunderhübsch nahm sich's jetzt aus, und daß es, weil die Randzacken fehlten, von der Stellung einer ordinären Salatkumme abgedankt war, sah man kaum. Die Blüten und Blätter verbargen die Lücken und Sprünge.

Eben schickte Marili sich an, nun doch einen Sprung hinaus zur nahen Wiese zu tun und sich noch eine Handvoll feiner Gräser für ihr blühendes »Stillleben in der Salatkumme« zu suchen, trotzdem es nur beim elektrischen Lichte des Hotelportals hätte geschehen können, da klopfte der Zimmerkellner, und ehe er seinen Satz nur halb ausgeredet hatte, stand der, welchen er anmelden sollte, schon auf der Schwelle und zog die Tür hinter sich zu.

»Herr Doktor!«

»Herzlich willkommen, gnädiges Fräulein. – Ganz allein und im Dunkeln?«

»Mutter und Karl machen nur einen Gang, wir dachten –«

»Daß ich viel später käme, nicht? – Ich habe nun doch ausnahmsweise eine halbe Stunde früher Schicht gemacht: Unterhäuser ist bis Elf in der Anstalt. Darf ich denn bleiben?«

»Es ist so freundlich von Ihnen. – – Natürlich, – es ist eine große Freude; wir wollen nur Licht machen, finden Sie nicht? – Bitte, wie vielmal muß ich wohl klingeln? Für Licht, meine ich – zweimal?«

Er war schon an der Tür und drückte für sie auf den elektrischen Knopf. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum Fenster in den Wiederschein der schwebenden Lichtkugel über dem Portale, als könne er durchaus nicht mehr abwarten, wie das Ergebnis der langen Nachkur nun eigentlich ausfalle. Da brachte der Hausdiener auch schon die brennende Schirmlampe mit dem darüber hängenden leuchtend roten Schleier aus Krepppapier, und er kratzte noch mindestens fünf Minuten geräuschvoll im Ofenfeuerchen herum, ehe er endlich und endgültig hinausschlurrte.

Doktor Lieven hatte Marilis Hand losgelassen; nun, als er ihr gegenüber in der Sofaecke saß, vornübergeneigt und ein wenig schlaff und müde in der Haltung, faßte er wieder danach, behielt die kleine Rechte, die sie ihm willig gegeben, in seiner großen, und so blickte er in das jugendliche Antlitz, das vom roten Lampenlicht ganz in Glut getaucht war.

»Das ist aber eine unausstehliche Einrichtung. Ordentlich will ich unsre ehemalige Sorgenpatientin sehen,« sagte er, erhob sich halb, ohne die Hand in der seinen loszulassen, und riß mit scharfem Ruck das mohnfarbene Krepppapier von der weißen Kuppel.

»So,« sagte er befriedigt, setzte sich wieder zurecht, nahm sinnend ein Ende seines flotten Schnurrbartes zwischen die Zähne, wie's leider seine schlechte Angewohnheit war, und, den Kopf auf die Sofalehne und die Linke gestützt, sah er Marili unverwandt an. Weiter nichts – kein Wort. Aber unter dem Blicke ward es ihr zu Mut – ach, sie wußte ja selber nicht wie.

Eine große Verlegenheit überfiel sie.

»Finden Sie, daß ich wohler aussehe wie vor drei Monaten?« fragte sie, weil sie sich nicht anders zu helfen wußte, und das Blut fing an ihr peinlich in die Wangen zu steigen.

Er nahm sich auch noch die zweite kleine Hand und gab beiden zusammen einen sehr festen Druck.

»Was ich jetzt am liebsten antworten möchte, das wäre, gelinde gesprochen, ein Riesenkompliment. Deshalb wird's unterdrückt. Sehen Sie: Unterhäuser hat so aus der Entfernung über dem Ganzen geschwebt, sein hehrer Chefsgeist, wissen Sie; und Klenau hat das gute Beste getan. Ich habe gewissermaßen nur gehandlangert, und doch, gewiß und wahrhaftig, so zufrieden und stolz bin ich über diesen Kurerfolg an Ihnen, wie – na, nicht wie ein König; mir ist nämlich gar nicht königlich zu Mut – aber so, wie es solch ein abgetriebenes Arbeitstier nur sein kann.«

Jetzt sah auch sie ihm unverwandt und bekümmert ins Gesicht, auf dem sie deutlich eine Veränderung gegen früher wahrnahm.

»Was ist es nur? Sie haben sich zu sehr verändert – als ob Sie sehr krank gewesen wären.«

»Gott behüte; sagen Sie so was nicht, kleine Expatientin. Krank werden, das fehlte uns gerade! Abgearbeitet hab' ich mich; einfach halb tot mit hundertzwanzig Patienten, und der hohe Chef ewig elend und infolgedessen – na –, der arme Kerl, seine Krittelei hat Grund genug. Dann hat Klenau die famose Stellung in Hellingshagen bekommen und wir einen Ersatzmann für ihn!! – Nein, fragen Sie mich lieber nicht mehr nach dem. – Zum ersten Januar reise ich hier dito ab, Lob sei Gott, dann werd' ich bei Klenau Oberarzt, und hübsch soll's dort sein, in Hellingshagen, wissen Sie. Park und Wald und nette Menschen zum Verkehr –« (Wieder ein fester, langer Händedruck; sie wußte gar nicht, wie sie sich dabei benehmen sollte!)

»Sie sehen auch wirklich entsetzlich angegriffen aus,« wiederholte sie. – (O, nur um Himmels willen jetzt nicht die dummen, albernen Tränen!)

Seine Augen verschlangen das zarte, sprechende Mädchengesicht förmlich: »Wie einem ein bißchen Sympathie gut tut, wenn man nur noch eine Arbeitsmaschine gewesen ist und kein richtiger Mensch mehr, das glauben Sie nicht, Fräulein Marili. Kein Huhn und kein Hahn hat je nach einem gekräht, höchstens, daß einmal so eine nervöse Jammerbase sagt: Aber Ihre Röcke sitzen nicht mehr so elegant wie früher, teurer Doktor, oder so ähnlich. – Ja, nach Karlsbad brauch' ich nicht mehr!«

Alles, was er sagte, halb mit dem alten Humor, halb mit der Ungeduld des Mannes, der sich nach Ruhe und Frieden und Liebhaben sehnt, benahm und erschreckte die junge Beichtigerin. Sie fand nicht gleich die rechten Worte, und sie kämpfte gegen ein überwallendes, ungestümes Wunschgefühl in ihrem klopfenden Herzen. Prüfend hingen ihre Blicke an seiner Gestalt, die ihre behagliche Fülle verloren hatte, und da strichen seine Finger unter ihrer kritischen Augenrevision mit nervöser Hast über den allzuweiten Rock und faßten den dritten Knopf daran, der lose hing. »Himmel – ja, ich verlottere ganz; Vergebung für die Nachlässigkeit!« rief er, und nun stieg das Rot in sein Gesicht, das leider gar nichts mehr vom lachenden Vollmond hatte, wie damals im Mai. »Man hat auch wirklich keine helfende Seele,« fügte er so bitteren Tones hinzu, daß Marili verwundert dachte: »So viel Lärm um solch eine Kleinigkeit: – ein abgerissener Rockknopf!« und dann verspürte sie urplötzlich eine Art von Uebergewicht über diesen abgematteten und nervösen Doktor, der sich, samt seinem baumelnden Knopfe, in die Sofaecke zurückwarf und die Hand schattend über die müden Augen deckte.

Sie ging in den Hintergrund des Zimmers, schloß ihre Reisetasche auf, deren Feder immer erst dreimal versagte, ehe sie einmal heraussprang, und kramte dann ein Weilchen, während der Doktor, immer hinter der Hand hervor, weiter klagte, so recht nach Männermanier. Männer fühlen sich nämlich bei den kleinen Unannehmlichkeiten des täglichen Lebens viel elender als Frauen und junge Mädchen.

»Wenn ich bedenke, was der Dicke mir erzählt hat – dieser Ehrentitel ging auf Karl – wie Sie für ihn gesorgt haben bei der Examensarbeit: zu nett. Himmel, so gut habe ich's nicht gehabt, ich bin seit meinem fünfzehnten Jahr der richtige Waisenknabe gewesen, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Geschwister. Onkel und Tante, das ist ganz was andres, – ja – hätte man wenigstens ein Schwesterchen gehabt, so wie der Dicke. Bah –! ich bin lächerlich gefühlvoll, finden Sie nicht? Das ist ja nur so eine Art Beschönigung für die Lotterei hier.«

»Bitte, nun lassen Sie mich das in Ordnung bringen, Herr Doktor.« Wie ein weises Hausfrauchen sprach sie und kam mit ihrer eingefädelten Nähnadel zu ihm um den Sofatisch herum, bemächtigte sich ohne Ziererei der schadhaften Stelle im Rock und nähte das trübselige Baumelding fest. Er war dazu aufgestanden und wußte im ersten Augenblick nicht, wie ihm geschah. Stumm schaute er auf das Oval des zierlichen Mädchenkopfes nieder, der sich gegen seine Brust hin beugte zur Arbeit. Das Lampenlicht warf goldige Reflexe in die losen Wellen des aschblonden Scheitels und durchleuchtete die kleine Ohrmuschel, die darunter hervorguckte und wie Feuer brannte. Von der zartgerundeten Wange, auf der die Rosen der vollendeten Genesung zu blühen begannen, sah er nur ein kleines Stückchen, und die fingerhutbewehrte Hand, die so geschäftig auf und nieder stach und den dicken Seidenfaden zog, ließ sich auch nicht lange betrachten.

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»Bitte, lassen Sie mich das in Ordnung bringen, Herr Doktor!«

Es machte ihn, trotz anscheinender Ruhe, rasend ungeduldig, daß sie besagten Faden erst noch drei-, viermal um den solide befestigten Knopf wickelte, und sorgfältig verstach, ehe sie ihn abschnitt. Er wollte etwas mit ihr besprechen, das anscheinend größte Eile hatte und volle Aufmerksamkeit erforderte.

Als sie zum Tisch hinüber nach ihrem Stickscherchen griff, fing er unterwegs ihre Hand ab, hielt sie sehr fest und kommandierte: »Sehen Sie mich einmal an – nein, richtig, nicht bloß so von der Seite.«

»Was soll ich denn?« fragte sie.

»Hören Sie, liebstes – liebstes Marili – nein, bitte, zucken Sie nicht gleich zusammen, Fräulein Marili. – Würden Sie nicht barmherzig sein und sich zum zweitenmal für ein überarbeitetes, männliches Subjekt aufopfern? Sie sehen so frisch aus, als könnten Sie mir von Ihrer Lebenslust etwas abgeben.«

»Aber Sie sind doch selbst Arzt« – sagte sie ganz dumm und verwirrt.

»Ja, was hilft mir das? – Mein Gott, Männer sind so fürchterlich ungeschickt! Welcher Mann könnte sich ein rechtes, appetitliches Butterbrot streichen und Glühwein brauen oder schwarzen Kaffee, wenn er todmüde nach Haus kommt? Lieber verhungern und verdursten! – Na, und dann kommt man so weit, wie ich jetzt bin. Der Dicke hat's tausendmal besser gehabt.«

Sie trat einen Schritt näher und sah ihn starr an; hinter dem Aufleuchten in ihren Augen lauerte doch noch der Zweifel. »Aber Carry!« sagte sie langsam und fixierte ihn unbeweglich, »und dann kennen Sie doch meine Schwester, und fanden sie so entzückend. Ich habe es wohl bemerkt, so krank ich auch war. Man muß unsre Kitty lieben – – was bin ich dagegen?«

Er zog die hübsche, helle Stirn zusammen und trat vor Ungeduld mit dem Fuße auf; gut war es nur, daß der dicke Sofateppich darunter lag und die Heftigkeit abdämpfte.

»Carry? – War das nicht eins von den kleinen Mädchen mit der stattlichen Tante? Hm – na, wie hieß sie noch?«

»Tante Klärchen.«

»Ja, ja! – Hätte ich der je den Hof gemacht? Und Schwester Katharine? – die ist auf ihrem Posten ganz unentbehrlich.«

Er machte eine Pause, holte aus tiefster Brust Atem und dann, als er seine kleine Zweiflerin ohne ferneres Vorspiel in die Arme nahm, war sein Gesicht lauter Lachen.

»Willst du mich oder willst du mich nicht, Marili? Kurze Antwort, du einziges Kind!«

»Ich will dich.« – Leise und schüchtern sagte sie die drei Wörtchen; ein Lächeln flog um ihren Mund, und in ihren Augen standen Tränen.

Da drückte er sein liebes Glück stürmisch an sich, an sein Herz und den wieder salonfähigen Rock, von dem die Nadel mit dem Seidenfaden noch herabbaumelte, und sie blickten einander so selig in die Augen, als wären sie seit lange so vertraut; als wäre es niemals anders zwischen ihnen gewesen.

»Aber wo sollen wir wohnen? Eure Anstalt ist ja ganz voll?« Das war die erste Frage, die sie an ihn tat, nachdem die große Wonne sich ein klein wenig gelegt hatte.

Er lachte hell auf; das verloren gewesene fröhliche Lachen von damals: »O du praktisches Persönchen, du! Glaubst du, ich hätte dir's zugemutet, mit solch einem kärglich besoldeten Assistenzarzte Nummer drei in zwei Anstaltskäfterchen zu hausen? Erst wird einmal gewartet – sagen wir bis März oder April – Kind, ja, das geht und geht nicht anders. Klenau muß sich mit mir einarbeiten und ich mit ihm, und du? – Bis Weihnachten ist Nachkur und von Weihnachten an wird –«

»Aussteuer genäht! – o, himmlisch!«

»Ja, aber nicht zu viel – unsre Mutter – mein Himmel, die haben wir ja noch nicht 'mal gefragt!«

»O Ludwig –«

»O Marili, mein! – Gut, daß der liebe Dicke im Geheimnis ist; umsonst gingen sie schwerlich so lange im Dunkeln spazieren, das schwöre ich dir.«

»Jetzt kommen sie – bitte, laß mich los, liebster Ludwig –!«

»Nein, hier bleibst du in meinem Arm, ganz gehorsam, Schatz. Die Sachlage soll sofort klar sein, – neun Uhr vorbei; – in zehn Minuten muß ich unweigerlich wieder in meinen Kasten zurück.«

* * *

Wirklich nur zehn Minuten; nicht einmal mehr zu Abend essen durfte der glückliche Bräutigam mit seiner neuen, nicht minder glücklichen Familie. – Karl sprach sogar davon, daß er eine Flasche Sekt spendieren wollte; nicht Schaumwein, sondern richtigen Champagner, aber auch das war vergebliche Verlockung. Der Doktor hatte seine Kranken, und die gingen allemal vor.

»Muß das immer so sein?« fragte Marili, als er, schon halb in der Tür, ihre Arme um seinen Hals zusammenlegte und sich, trotz Mutter und Bruder, seinen Gutnachtkuß für heute ausbat.

»Immer, solange ich arbeiten kann. Doktorsbräute müssen ihre Schule gleich durchmachen, damit sie verständige Doktorsfrauen werden, und die sind dann natürlich die besten von der Welt; – verzeih, liebe Mutter. – Gute Nacht, ihr zwei Lieben; gute Nacht, du Liebstes, bis morgen.«

Allein, mit dem »morgen« und dem »übermorgen« war's leider auch nur so eine halbe Sache. Die kleine Braut mußte sich schon tüchtig in der Entsagung üben. Neue Patienten, drei auf einmal, und eine lange Konferenz mit dem berühmten Bonner Herrn Professor.

Zum Trost brachte der Anstaltsportier ein dickes Couvert für »gnä' Fräulein« ins Hotel mit »Jruß von Herr Dokter Lieven«, und im Couvert lag, neben drei Bleistiftzeilen (kaum zu enträtseln), der Hellingshagener Anstaltsplan und die zukünftige »zweite Arztwohnung« mit Rotstift umrändert.

* * *

Drei Tage später reisten sie heim. Der Telegraph hatte die große Neuigkeit schon voraus in die Heimat getragen, und so etwas Entzückendes von Blumen und reizenden Liebesgaben, wie das ehemalige Schattenblümchen in der ersten Ankunftsstunde im lieben Gartenstraßenhäuschen vorfand, hatte seine kühnste Phantasie doch nicht erwartet.

Kränze über den beiden Wohnzimmertüren: Frau Jöhrs und Minna waren selbander über Land gepilgert nach Stockrosen, Astern und Georginen, und die zahlreiche Jöhrsjugend hatte heimlicherweise im herbstlichen Dämmergrau die Vogelbeerbäume längs der dörflichen Landstraße geplündert. Die Guirlanden strahlten und lachten ordentlich, und Frau Jöhrs, in der Mutter einstigem Cape und Hut und dem grellblauen Gewande irgend einer andern rentablen Kundin, stand neben der hellbaumwollenen Minna zum Empfang bereit. – Sie waren nur bitter enttäuscht, daß »Fräulein ihr Bräutigam« nicht mitkam.

Drinnen im Wohnzimmer und der Eßstube lauter Duft und Farben und Kuchen; der Teetisch gedeckt und das reizende japanische Geschirr nebst den silbernen Löffelchen sollte Marili gleich für ihren zukünftigen Hausstand behalten. Wirklich mit sehr lieben Worten hatte Tante Klärchen das in ihren Brief geschrieben, der auf der Mutter Serviette bereit lag. In dem Briefe stand auch, zu Marilis besonderer Herzenserleichterung: »Ich muß Dir doch sagen, bestes Jettchen, daß Dein Herr Schwiegersohn mir schon damals einen recht guten Eindruck gemacht hat.«

Ach, und die geliebte Geschlossene! Nein – was hatten die einzigen Vier gestickt und gebacken und geschrieben. Zu himmlisch schön! Marili mußte sofort, nachdem sie ihren heißen Tee geschluckt hatte, an den Schreibtisch und den ersten Brief an »ihn« fertig machen. (Der Anfang, im Eisenbahnwagen geschrieben und von ein paar verstohlenen Abschiedstränen befeuchtet, nahm sich etwas wackelig auf dem Papiere aus.)

Dann ging sie von Raum zu Raum, langsam, als gälte es, eine neue Welt zu entdecken, und doch stand alles am alten Platze. Aber dem frohen Gedanken: »Wie ist es doch schön bei uns!« durfte sich jetzt noch ein viel wonnigerer zugesellen: »So will ich es genau bei ›uns‹ in Hellingshagen einrichten in unserm Erkerzimmerchen nach Osten. Gleich frühmorgens die Sonne und vor dem Fenster die große Tanne und das Begonienbeet und der Hellingshagener See. – Ob es wohl ein ganz klein wenig die geliebte, selige Insel sein kann?«

* * *

Auch hier drinnen, im Erker des Gartenstraßenhäuschens, schien die Sonne und ließ ihre schrägen Strahlen über den Schreibtisch der Mutter und das Bild des Vaters hingleiten. Ein Streifchen Glanz ruhte auf dem Stapel weißer Blätter vor dem Tintenfasse, die schon auf Titel und Kapitelüberschrift der neuen Arbeit warteten. Wohl war's nicht die hoffnungsfreudige Morgensonne, die Botin des strahlenden Tages, sondern die des Herbstabends, die vor der langen Nacht noch einmal Glück und Trost und wehmütigen Glanz spendet; aber Sonne ist doch immer Sonne, und jung und alt soll sie stets dankbar genießen.

So waren sie denn auch voll Dank und Freude, die drei, Mutter und Kinder, als sie nach dem Tee noch ein halbes Stündchen auf der winzigen Veranda saßen, die Mutter in der Mitte, Marili rechts und Karl links, Hand in Hand und die drei Augenpaare in den Rosenschimmer zwischen den lieben alten Paulstürmen geheftet. Die graziösen Ranken des wilden Weins schlangen ihren feurigroten Rahmen um das Bild der Turmspitzen in Rosenrot, und drunten in den Gärten allen, die sich aneinander reihten, blühten die Georginen, die Monatsrosen und der blaue Eisenhut noch in voller Pracht.

»Heute ist's doch anders als vor einem Jahre, ihr lieben, guten beiden,« sagte die Mutter bewegt, »nur Eine fehlt uns!«

»Zwei, Herzensmutter,« verbesserte Marili. Ihr Ludwig mußte neben der Schwester doch selbstverständlich mitgezählt werden.

»Nur nicht zu sentimental, meine Herrschaften,« warnte Karl und nahm Marili die Depeschen fort, die sie seit dem Tee und dem Briefvollenden nicht aus der Hand gelegt hatte. »Hier ist Lutz und da ist Kitty; wenn ich alles so genau wüßte wie die Tatsache, daß es für liebevolle Herzen auf Erden überhaupt keine richtige Trennung gibt, dann wäre der Stein der Weisen schon längst von mir entdeckt.«

»Herr Doktor Willmanns,« meldete Minna in diesem gefühlvollen Augenblicke, und Marili sprang auf und ihm entgegen.

»Ob Sie wohl mit mir zufrieden sind, Onkel Doktor?«


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