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In Freyenthal.

Das war eine böse Reise für Marili gewesen. Ein Tag, heiß wie im Hochsommer, alle Coupés des langen Zuges überfüllt; der sehr gereizte Schaffner hatte den würdigen Dr. phil. geradezu angedonnert, als er nur von fern mit etlichen Zigarren gewinkt hatte, um der kranken Schwester einen geeigneten Ruheplatz zu erwirken. Acht Personen zusammengepfercht, und sieben Stunden Fahrt, gerüttelt und geschüttelt, bis Köln. Freilich waren alle sehr nett und mitfühlend gewesen, und hatten sich sehr lebhaft für das blasse Gesichtchen unter dem marineblauen Matrosenhute interessiert; hatten auch nach und nach zur Stärkung und Aufmunterung angeboten, was sich nur irgend in Handtaschen und Eßkörbchen befand: Portwein und Saft mit Wasser, Schokolade und buttrige kleine Kuchen, ein kaltes Hühnerbein in Zeitungspapier gewickelt und Fruchtbonbons in silberner Bonbonniere. Wie das auf Reisen so geht, wenn das Nichtraucherabteil vollbesetzt ist. Ja, der kurzatmige und elegante Herr in der karierten Joppe hatte sogar eine Asthmazigarette geboten, weil Marilis Atemnot vor Angst, Hitze, Herzklopfen und dem Duftgemisch aus Kölnischem Wasser und Englischem Salz immer ärger geworden war.

»Wenn Sie vielleicht einen Versuch machen wollen, gnädigstes Fräulein? Mir helfen die dummen Dinger nicht. Ihr Herr Bruder kann Ihnen ja eine anrauchen.«

»Hier ist Nichtraucherabteil, mein Herr!« war die Dame mit dem Hühnerbein dazwischen gefahren und hatte sogar von der »Notleine« gesprochen, falls jemand sich unterstehe zu rauchen. Schließlich war der asthmatische Herr bei Essen entrüstet in ein andres Abteil gestiegen, und Marili hatte sich wenigstens bis Düsseldorf ausstrecken können.

In Köln ging's auf einen andern Bahnsteig in großer Hetze. So sehr, daß zuletzt Marili wie leblos in des Bruders Armen hing. Trotz seiner oftgerühmten Mannesstärke fand er, daß die zarte Schwester keine ganz leichte Last war bei zwanzig Grad Reaumur draußen und dreißig im Coupé. Das erste Gewitter des Jahres drohte schwül am Himmel. Die Mutter schleppte sich mit fünf Stücken Handgepäck hinterdrein: kein einziger Träger war zu errufen gewesen; es war wirklich eine höchst ungemütliche Eilexpedition.

Plötzlich aber griff eine behandschuhte Hand nach dem Plaidbündel und der großen Koffertasche, und als die Mutter erschrocken, feuerrot vor Anstrengung, zurückwich, zog die Linke, die zu der behandschuhten und hilfreichen Rechten gehörte, den Strohhut mit größter Höflichkeit, und eine ganz besonders angenehme und frische Stimme fragte: »Frau Ringhardt, nicht wahr? Mein Name ist Lieven: Doktor Lieven, Assistenzarzt in Freyenthal. Ich hatte einen früheren Patienten in Köln zu revidieren, und der Chef meinte, ich solle versuchen, mich Ihnen für den Rest der Fahrt zur Verfügung zu stellen. Wo ist die Patientin?«

»Da vor uns; mit meinem Sohne. – Aber wie konnten Sie wissen, wer ich bin?«

»O, gnädige Frau: wem der filius derartig ähnlich sieht! – Ich bin von Karls Couleur ›Alter Herr‹ in Freiburg, und letztes Jahr haben wir uns beim Stiftungsfest intensiv angefreundet. – Nun? – Und wie war die Reise?«

»Schrecklich! – Gottlob, da haben wir sie wieder.«

»Hier, Schaffner, helfen Sie 'n bißchen!« rief Karl und hätte seine leichte Last ums Haar fallen lassen vor Schreck, als das wohlbekannte, lachende Vollmondsgesicht ihm zunickte und die erprobten »starken Arme« das angstbebende Marili rasch und geschickt auf die zwei herausgezogenen Coupésitze niederließ. Dann kniffte der Hilfreiche geschwind einen Fächer aus dem »Kladderadatsch« in seiner Rocktasche, drückte ihn der Mutter in die Hand: »Luft für die Patientin, und Fenster herunter!« und stellte sich, so groß und breit wie er war, in die Wagentür. Die Passagiere stoben eilends vorbei: zu solch einem unverfrorenen Menschen stieg man nur im äußersten Notfalle ins enge Käfterchen, – und die Schaffner kannten ihn.

Sie blieben zu viert allein. Die Mutter kam glücklich wieder zu Atem, als der Zug endlich losfuhr, lehnte sich in die Ecke neben ihr Kind und mußte wenigstens für fünf Minuten die Augen schließen, nun alles friedlich und in bester Ordnung war. – Sie wußte wahrlich nicht, wie ihr geschah, als plötzlich eine Stimme sie anrief: »Mutter – Mutting! jetzt kommt Freyenthal!« und dann hörte sie Marilis schwache Stimme und eine fremde, tiefe, halblaut lachen. Mühselig raffte sie sich aus ihren wirren Träumen in die Höhe und erschrak darüber, wie entsetzlich krank und matt ihr armes Kind aussah, ungeachtet des Lachens. Doktor Lieven machte ein ernstes Berufsgesicht, räumte das Gepäck zusammen, beobachtete seine Patientin, und Karl ward beauftragt, beim Einfahren in den kleinen Freyenthaler Bahnhof festzustellen, ob der Wagen auch am Platze sei: »so eine Art Staatskutsche mit zwei minderwertigen Kracken davor: Eisenschimmel. Gleich rechts, hinter den Touristenfallen mit Leinwandverdeck.«

Ja, da stand die Staatskutsche; der Gepäckträger, der augenscheinlich auf die Anstaltskranken und Doktoren dressiert war, rannte im Sturmschritt herbei, und gleich darauf rollte das Gefährt mit Arzt, Patientin und Hütern nebst sehr viel Gepäck, zwischen schönen Villen und knospenden Heckenwänden hin, durch den schwülen Maiabend. Das Gewitter war schon bald hinter Köln mit rauschendem Regen niedergegangen und hatte die ganze Gegend köstlich erquickt. Die Freyenthaler Gärten, die sich, dem Anstaltsgebäude gegenüber, in langer Reihe am Fahrwege hinzogen, dufteten entzückend nach den ersten Rosen und nach den letzten Maiglocken und Narzissen. Da und dort blühten noch späte Apfelbäume und standen weißrosa gegen den dunkelnden Himmel; im Park, gleich links von der Anstalt an der Berglehne, schluchzten und sangen die Nachtigallen im Syringengebüsch; von den breiten Blattfächern der mächtigen Kastanien fielen die zarten Regentropfen langsam auf die andern Blattfächer nieder, die tiefer nach dem Rasen zu ausgespreizt waren, und jeder Riesenbaum hatte seine Blütenkronleuchter aufgesteckt. Die Päonien strömten ihren edlen Wohlgeruch aus, und der Springbrunnen plätscherte über die Schwingen des bronzenen Seeadlers ins Steinbecken. Es war solch eine stimmungsvolle Sommerahnung in diesem Stückchen Gebirgslandschaft abseits vom Flusse, und zu allem Schönen stieg dort drüben, gerade hinter dem zackig eingerissenen Gemäuer und dem Rundturme der alten Freyenburg auf der Bergkuppe, der Mond auf, kämpfte sich durch die Drachenköpfe und -leiber der Gewitterwolken und fing alsbald an, die junggrünen Waldwipfel zu Füßen der Burg zu übergolden.

»Das ist doch eine Umgebung von kolossal anmutiger Stimmung, oder wie die Künstler sagen: ›ein Milieu‹,« meinte Doktor Lieven eine halbe Stunde später zu Karl und hielt ihn im Gehen am Arm zurück, damit er sich noch erst einmal ordentlich umsehen sollte. »Faktisch, urfeine Stimmung; Reichtum und Anmut gepaart, findest du nicht auch? Zu Pfingsten ziehen die sämtlichen Milliardenonkel wieder in ihre Villen, dann entfalten sich die Gärten erst in voller Glorie: Palmen, Dracänen, Musen und sonstiges tropisches Gemüse. Herr des Himmels, ich bin ganz bescheiden, eine halbe Milliarde nähme ich schon mit Dank an. Uebrigens: wollen wir hier nicht Wurzel schlagen, sondern an den Biertisch oder ins Weinhaus pilgern. Was ziehst du vor?«

»Einen ruhigen Bummel und dann irgendwo ein Stehseidel zum Abschluß, damit wäre mir heute am meisten gedient, Ludwig. Weiß der Kuckuck; ich kann und kann meine Mutter nicht so versorgt und vergrämt sehen. Das nimmt mir die ganze Fidelität.«

»Versteh' ich, versteh' ich! Also laß uns in den Marienwald hinunterbummeln, oder an den Fluß, wie du willst.«

»Das letztere. Wasser im Mondschein ist besser als Finsternis mit Baumstümpfen und Froschtümpeln. Wann mußt du wieder im Amt sein?«

»O, ich habe Urlaub bis Elf, und deine gute Mutter wird mit Chefarzt I und II vollauf beschäftigt sein. Unterhäuser ist ein humaner Vorgesetzter und Nr. II, Klenau, ein riesig netter Kerl: stille Sorte, hört das Gras wachsen und macht auch den törichtesten Menschen keine falschen Vorspiegelungen. Ich bin noch Lehrjunge und werde nur ausnahmsweise mit in den hohen Rat gezogen.«

»Mithin kannst du mir keinerlei vertrauliche Auskunft über unser armes Tierchen geben?«

»Gar keine, außer der betrübenden Erkenntnis, daß die Kleine recht schwerkrank ist. Das Nähere wird morgen die Untersuchung bei der Visite ergeben. Ich habe dabei den Vorzug, das Protokoll aufzunehmen und mache dir hinterher so rasch wie möglich Mitteilung von Befund und Vorhersage. Ein solch schwaches Kind –«

»Sie geht auf Achtzehn, mein Lieber.«

»Nein, was du sagst! Ich habe sie auf Dreizehn taxiert, so wahr ich hier stehe. Apropos, wollten wir nicht an den Rhein und nachher noch bei Drechsler einkehren?«

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»Also laß uns in den Marienwald hinunterbummeln!«

Somit wandelten sie durch die Villenstraße und die belebteren des Dorfes, das in Wahrheit längst keines mehr war. Zwei oder drei heimkehrende Anstaltskranke begegneten ihnen und grüßten den jungen Arzt mit schuldbewußten Mienen, weil es schon ein bißchen spät geworden war. Ihre beschleunigten Schritte verhallten auf dem Trottoir.

Sie unterhielten sich ungemein lebhaft, die Universitätsfreunde. Ein wenig krampfhaft nahm sich's aus, daß einer dem andern so das Wort vom Munde wegstahl; – aber es brachte wenigstens über Karls trübe Stimmung fort. Die Angst und Sorge der Mutter, die auch müde und herunter war nach der monatelangen anstrengenden Arbeit und der Aufregung ums Doktorexamen – dieses alles ging ihm genau so nahe wie Marilis Leiden. Er kannte die kleine Schwester noch nicht recht; Kitty war seine Hauptfreundin und Vertraute von Kindheit an schon.

So wanderten sie eine lange Strecke am mondbeglitzerten Strome hin, hart am Wasser, wo nur die Schiffer ihre Boote an starken Tauen durch die Flut zogen und die Wellchen spülten und wuschen gegen die Steine der Lände. Drüben lag der waldige Zug des Gebirges im Goldduft; vom Gipfel der Johannishöhe zuckten noch zwei blanke Lichtungen zu Tal, und das Gestein der fernsten Felszacke stufte sich schroff von Abhang zu Abhang niederwärts. Ihm zu Füßen spiegelte das traulich angeschmiegte Nachbarstädtchen seine hellen Fensterreihen im Flusse. Es war ein schönes Bild und ein schöner Spaziergang, und das frisch angesteckte Bier in der Buchenlaube des menschenleeren Wirtshausgartens mundete vorzüglich.

Karl meinte, als sie sich vor seinem Gasthaus die Hände zur Gutenacht schüttelten: »Man sollte das Leben wirklich nicht ohne dringende Not so traurig auffassen, sondern den Kopf unter allen Umständen oben behalten;« der lustige Kollege von der andern Fakultät war jedoch, angesichts seiner lichtlos vor ihm liegenden Heilanstalt, wieder ernst geworden.

»›Man sollte‹ und ›man müßte‹, und hinterdrein eines der abgedroschenen Sprichwörter: ›Frisch gewagt ist halb gewonnen‹, oder ›Immer mutig voran; hinten wird's heller!‹ das paßt für uns Mediziner leider Gottes nur mit vielem Vorbehalte. Na – wir wollen wenigstens das Beste hoffen und uns bis morgen getrost aufs Ohr legen. Natürlich werde ich xmal 'rausgeklingelt werden, wir haben da oben zwei sehr wache Herrschaften. Mein Schlaf ist der reine Hasenschlaf geworden.«

Als der junge Arzt, die vorsichtig ausgezogenen Stiefel in der einen Hand und das brennende Wachszünderchen in der andern, mit möglichster Geräuschlosigkeit die breite Treppe hinantappte, um zu seiner Dachstube zu gelangen, kam ihm Doktor Klenau entgegen, der Stille, der das Gras wachsen hörte. Er trug das lange Rezeptbuch unterm Arm und hielt die alte silberne Uhr, die auf die Minute richtig ging, in der Linken. Von seinem Gesichte, ruhig, blaß und fein, konnte auch der Klügste nichts ablesen. Aus dem Rezeptbuche guckte noch obendrein das Futteral hervor, in dem das Fieberthermometer steckte, also das gewöhnliche Werkzeug beisammen.

»Na, wie sieht's da aus, Kollege?« – Lieven wisperte fast unhörbar und plinkerte nach der Tür von Nummer neunzehn hin. (Das Zimmer von Frau Ringhardt und Tochter.)

Klenau zuckte nur die Achseln und drehte, während er einen Augenblick stand, einen Fuß schon auf der ersten Treppenstufe, seine Uhr auf. »Traudchen muß wachen,« sagte er, und man hörte es seiner Stimme an, daß er für gewöhnlich sehr leise sprach. – »Beiläufig: Sie hatten das Pulver für Achtundvierzig vergessen. Sehen Sie noch einmal hinein, und bitte, daß es nicht wieder vorkommt, Kollege.«

Der vergeßliche junge Herr, dem das Drechslersche Bier den Streich gespielt hatte, dienerte ganz erschrocken und lief in höchster Eile in sein eigenes Reich hinauf. Die kleine Stube roch stark nach Zigarettenrauch und Karbol. Geschwind stieß der Besitzer das Fenster auf, trat in die weichen Schuhe und dann wieder treppab nach Zimmer achtundvierzig. Der Insasse gehörte zu des braven Doktors »sehr wachen Herrschaften«; glücklicherweise war er eben ein bißchen eingedämmert auf sein Pulver; die elektrische Klingelbirne jedoch hielt er schon wieder in der mageren Hand, und als Lieven sich sacht zur Tür hinausschob, um nun auch schlafen zu gehen, wußte er sehr genau, daß es nur ein kurzer Frieden sein würde. Trotzdem mußte er sich noch ein paar Minuten ins offene Fenster legen. Der Vollmond schien gar zu großartig; das Siebengebirge in feenhaftem Silberduft – jeder der blühenden Villengärten ein Märchen und darüber eine Sternenpracht – –

Der Doktor war ein großer Naturschwärmer. Er paffte noch ein paar rasche Züge und genoß mit allen Sinnen. Dann schnell ausgekleidet und in die Federn geplumpt, wie ein todmüder Schuljunge. Kaum war er im ersten Schlaf, da ging die unglückliche Klingelei auf Achtundvierzig wieder an. Schleunigst in die Kleider zurückgefahren: Martin, der wachsame Hausgeist, klopfte bereits diskret an seine Tür: »Herr Doktor! –«

»Kommt schon –! was ist los?«

»Der Herr Kommerzienrat –«

»Hm – gut –!«

Das Gebrummel klang nicht gerade sehr menschenfreundlich, aber nach einem tiefen Seufzer und einem tüchtigen Gähnen sah der jählings Geweckte von neuem höchst vergnügt und liebenswürdig aus, und es interessierte ihn lebhaft, als Martin bemerkte: »Herr Doktor Klenau sind auch wach, auf Neunzehn. Ich komme eben von der Apotheke.«

»Na, wohl mir: geteilter Schmerz ist halber Schmerz,« dachte Lieven und behandelte seinen unbequemen alten Herrn wirklich sehr nett und tröstlich. – Ehe er aber endgültig zur Ruhe kam, schlug es Drei, und im Vorübergehen an Nummer neunzehn glaubte er des Kollegen Klenau gedämpfte Stimme noch einmal zu vernehmen.

* * *

Am folgenden Tage verbreitete sich, Gott weiß wie, das Gerücht durch die Anstalt, daß im ersten Stock die gestern abend angekommene junge Dame bereits im Sterben liege. Ein paar Patienten wollten sie beim Vorfahren erblickt haben; der junge Herr von Sinkiewicz erklärte: sie sei eine große Schönheit, Fräulein Lehmann und Herr König dagegen: sie habe nach gar und gar nichts ausgesehen. Den Bruder jedoch, der so trübselig vor dem Portal auf und ab wandelte und alle Sitzplätze des Gartens nacheinander ausprobierte, fand man einstimmig sehr nett. Es hieß: er sei ein Vetter von Doktor Lieven, und der war so etwas wie der Schwärmpunkt unter den müßigen und leidenden Damen. Sie fingen schon an, ihn zu besticken und zu behäkeln; er fand immer irgendwelches rührende Sträußlein auf seinem bücherbeladenen Tische und dankte gewöhnlich der Verkehrten, so daß es ein stilles Wetteifern unter den Gebelustigen wurde. Zu hübsch kleidete ihn das Lächeln; seine Nase hatte entschieden eine klassische Form, und rot konnte er werden wie ein Sekundaner. Seit dem vorletzten März doktorte er erst in der Anstalt, nahm die Sache erfreulich ernst und gewissenhaft, und der Kollege Klenau durfte fest überzeugt sein, daß er die Pulver für Nummer achtundvierzig nach der milden kleinen Rüge auf der Treppe nicht wieder vergessen würde.

Er war es auch, der zwei Tage später abends den Bahnsteig der kleinen Station abschritt, immer hin und her, nachdem er Karl das Geleit zum Kölner Schnellzug gegeben hatte. Karl war telegraphisch abberufen worden, um sich als jüngster Bewerber für einen Bibliothekarposten in Göttingen vorzustellen. Nun mußte Doktor Lieven auch noch den Frankfurter Eilzug abwarten, um die Rotekreuzpflegerin für Fräulein Ringhardt in Empfang zu nehmen: Schwester Katharine, nach der die kleine Kranke im Fieber und bei Bewußtsein verlangte. Nebenbei ging die Sage, sie sei die leibliche Schwester der Kleinen.

»Sehr lange wird sie bei uns schwerlich auf dem Posten sein müssen,« dachte der Wartende. Er persönlich gab keinen Pfifferling mehr für das schwache Leben, das dort hinter der tuchbeschlagenen Doppeltür von Nummer neunzehn auf und ab flackerte und mit dem Tode rang. Klenau äußerte sich nicht, sondern sorgte sehr leidenschaftslos und umsichtig; allein der hohe Chef, ein lebendiger und vielerfahrener Herr, hatte heute beim Mittagessen sein ausgesprochenes Leibgericht vorbeigehen lassen und nach Tisch im bedeckten Wandelgang zu seinem Assistenten gesagt: »Dies soll aber auch der letzte derartige Fall sein, den ich aufnehme, Lieven. Sterbende Patienten bringen, trotz aller Vorsicht, jedesmal Unruhe in die übrige Gesellschaft.«

Also sterbend. – – Der hohe Chef mußte es ja am besten wissen. Dem jungen Doktor wollte die trübselige Möglichkeit noch nicht recht in den Kopf.

Freilich hatte er die jüngste Anstaltspatientin nur einmal gesehen. Am ersten Morgen nach der Ankunft, nachdem er die ärztliche Weisheit der Vorgesetzten zu Papier gebracht, während sie sich, ihm den Rücken zukehrend, über das Bett beugten und beklopften, befühlten und behorchten und ihm das Ergebnis ihrer gewissenhaften Untersuchung in kurzen lateinischen Schlagworten kund taten, als Grundlage der Krankengeschichte.

Als die beiden gegangen waren, hatte er es für höflich und anständig gehalten, der Mutter die Hand zu schütteln und wenigstens noch ein paar Sekunden lang neben der Kranken zu sitzen, damit sie ein Gefühl seiner menschlichen Teilnahme und auch seines ärztlichen Anrechtes an ihre kleine Person empfinge. Ihr Gesicht war bläulichblaß gewesen, die Haare verbargen die Schläfen, der qualvolle Kopfschmerz zog ihr die Stirn über den halb geschlossenen Augen zusammen. Dennoch hatte sie ihn starr und aufmerksam unter den schweren Lidern hervor angeschaut, immer nur eine Stelle seines feierlichen Visitenrockes. – Nach dem Besuch war er vor sein bescheidenes Spiegelchen getreten und hatte den großen Flecken im schwarzen Tuch entdeckt, den Marilis starre Augen fixierten. Einen komischen Eindruck hatte die Sache auf ihn gemacht, förmlich rührend. Solch ein akkurates kleines Ding! Er konnte es gar nicht wieder vergessen und der Fleck war doch längst mit Benzin und Ausdauer fortgeschafft.

Endlich: da kam der Frankfurter Zug. Nein, waren die zwei Schwestern einander unähnlich! – Hätte die Tracht ihm nicht sofort auf die richtige Spur geholfen, niemals würde er Fräulein Ringhardt senior gefunden haben.

Hier stieg sie gleich aus dem ersten Wagen hinter der Lokomotive, frisch, rosig und kräftig trotz der schlanken Gestalt; das dunkelblonde Haar lockte sich unter den glattgestrichenen Scheiteln hervor, die Augen blickten sehr klar und fest, und es war ein jugendliches Leuchten in ihnen. Sie hatte die dritte Klasse benutzt, unterwegs noch eine seekranke Pastorenfrau vom Lande verpflegt und ihr dickes Jungchen gewartet. Den beiden sagte sie jetzt in aller Eile adieu, der Schaffner reichte ihr den schwarzen Handkoffer – fort brauste der Eilzug und Doktor Lieven rannte auf sie zu, weil sie sofort mit ihrem Gepäck zum Ausgang strebte.

»Gnädiges Fräulein – (o, diese Dummheit!) – Schwester Katharine, darf ich mich Ihnen als Doktor Lieven vorstellen?«

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»Schwester Katharine, darf ich mich Ihnen als Doktor Lieven vorstellen?«

»O, Karls Freund Ludwig? Danke sehr; wie angenehm, daß ich Sie doch so quasi kenne. Sie sind der zweite Arzt, nicht wahr?«

»Der dritte, und auf diese Weise der gewöhnliche Bahnhofsritter für ankommende Damen!«

»Und wie geht's? Die gestrige Depesche hat mich ganz furchtbar erschreckt.«

»Mäßig geht's – leider.«

»Schlecht – ach, ich weiß! Haben wir weit zur Anstalt? Sehr freundlich, wenn Sie sich mit meinem Köfferchen schleppen wollen. Danke sehr. Nun, bitte, orientieren Sie mich gleich.«

»Wenn wir nur erst das Herz ein bißchen in Ordnung hätten. Die Blutarmut wollten wir schon kriegen; dafür gibt's ja, außer den Medikamenten, Zeugs genug, von dem eine Messerspitze voll so ungefähr zwei Pfund Beefsteak vorstellen soll. Mein Kollege Klenau hat nach der Richtung hin die neueste Neuheit für die Patientin ausfindig gemacht. Vorläufig aber ist's noch ein jammervoller Zustand –«

»Wir wollen beide unsre Pflicht tun und nicht verzagen.«

Sie reichte ihm die Hand: es war eine kräftige Frauenhand, und er sah, wie sie das Zittern ihrer Lippen verbiß und mit den Tränen kämpfte. Sie besiegte die heißen Tropfen tapfer, die aufsteigen wollten, und nachdem sie bis zum letzten, kurzen Heckenwege vor der Anstalt wie zwei Leute vom gleichen Fach miteinander verhandelt hatten, fragte sie: »und meine Mutter?«

»Arbeitet zu viel. Nachtwachen und Angst und Sorge und dabei Hirnanstrengung und Federfuchsen, das ist Unsinn. Aber Ihre Frau Mutter ist ›Begleitung‹ und nicht ›Kranke‹, mithin –«

»Ich werde für die Mutter sorgen.«

Er hätte ihr gern irgend etwas Hübsches zur Antwort gesagt, denn sie gefiel ihm lächerlich gut, gleich auf den ersten Blick. Sie jedoch ging die letzte Strecke völlig teilnahmlos neben ihm, den Kopf in der weißen Schwesternhaube gesenkt, das Kinn gegen die Brust gedrückt und die Unterlippe zwischen den Zähnen. Jetzt sah er auch, daß ihre niederhängende Hand von tüchtiger Arbeit Zeugnis gab – grober Arbeit – und auch ihre Züge waren, so in der Ruhe, viel älter als beim Sprechen. Das imponierte ihm. Eine rechte, tüchtige Helferin und kein Zuckerprinzeßchen, das für ein halbes Jahr »Schwester« spielt, weil das Leben so langweilig ist, oder irgend etwas verunglückt.

»Wo liegt sie?« fragte die Schweigsame plötzlich, hart vor dem Anstaltsportal, und der Doktor zeigte über sich empor: »Das erste Zimmer, dort im Seitenbau. – Ihr werden alle Tage Blumen geschickt, die ganze Anstalt interessiert sich,« fügte er hinzu, denn droben hinter den niedergelassenen Stores des offenen Fensters stand ein prächtiger Strauß Mairöschen. »Will's der Himmel, blüht sie auch nochmal so nett auf; an uns soll es nicht fehlen.«

Sie nickte, und nun hatte sie doch nasse Augen. Güte im Kummer bewegt die Seele oft tiefer, als der Kummer selbst.

* * *

Zehn Minuten später brachte der Chefarzt sie persönlich hinauf in die stille Krankenstube. Mit der Mutter tauschte sie für jetzt nur einen Händedruck, und der sagte sehr viel. Vor Fremden war keine Zärtlichkeit und kein Kuß am Platze. Der Anblick des Schwesterchens erschreckte sie, wenn man ihr's auch nicht ansah; nun aber nahm sie auf des Arztes Wunsch hier im Zimmer die Zügel in feste und sanfte Hände.

»Jetzt laß mich dich bemuttern, liebste Mutter,« sagte sie, schloß Manuskriptpapier, Feder und Tinte in den Schrank und führte die Uebermüdete hinüber in das winzige Schlafgemach, das auf den großen Anstaltshof ging und zum Schreiben viel zu dämmerig war. Ein andres freies Plätzchen würde sich für die nächsten vierzehn Tage kaum finden; alles besetzt und Arbeit über Arbeit für die Aerzte, zumal der hohe Chef sich für eine längere Urlaubsreise rüstete.

»Ein Licht bekommst du heute nicht, beste Mutter; gelt, du läßt mich machen und schiltst nicht?« bat Kitty und ruhte nicht, bis die Mutter sich aus den Kleidern und ins Bett helfen ließ. »So, jetzt wirst du schlafen, gelt, Liebste? Ich sehe später noch einmal herein, und liegst du noch wach, so gibt's ein Brompulver. Befiehl nun unser Marili einmal mir und den Doktoren und dem guten Traudchen; wir sind eine ganze Garde beisammen, und du weißt, wer den Oberbefehl hat. Der wird seine Hand über uns halten, gelt? Gute Nacht, Mutter!«

»Ach Kind – sechs Seiten hätte ich heute noch schreiben müssen –« sagte die Mutter mit schwerer Stimme, schon halb im Schlaf. »Solch eine teure Kur, und wer weiß, wie lange – wie soll das werden?«

»Mutter, sorge, aber sorge nicht zu viel, es geschieht doch alles, wie Gott es will! Wieviel tausendmal hast du und haben andre vor dir das gesprochen. – Sprich's auch jetzt; gib dich erst einmal zur Ruhe. Alles andre findet sich. Karl wird bald ein Amt und Einnahme haben, und ich tu' das meine, wie ich nur kann.«

»Liebes Herzenskind –«

»Gehorch mir dies eine Mal, Mutter, ja?«

»Ja, Kind – geh nur, ich bitte dich!«

»Traudchen ist drüben. So schlaf wohl, meine einzige Mutter.«

»Schlaf wohl, Herzenskind.«

»O nein, ich um des Himmels willen nicht; aber du. Gute Nacht.«

Die Mutter antwortete schon nicht mehr, und Kitty stahl sich hinaus und hinüber. Dann schickte sie Traudchen gleichfalls schlafen, zündete das Nachtlämpchen an, zog, des Mondscheins halber, den Laden halb heran vors offene Fenster, und setzte sich, Marilis heiße Hand in ihrer, zur Wache ans Bett.


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