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Schwester Katharine.

Sie lebte doch noch. Einen harten Kampf hatte es mit dem Tode gegeben, aber die jugendliche Natur, zähe, trotz aller äußerlichen Zartheit, und die ärztliche Kunst waren Sieger geblieben. Nun lagen vier böse Wochen dahinten, draußen blühte und duftete der Rosenmond und der Juli stand schon auf der Schwelle. Der hohe Chef saß irgendwo in Südtirol, eine Tagereise von Bahnstation und elegantem Fremdenverkehr, mitten zwischen den Dolomiten. Er konnte und konnte die Folgen seiner Frühlingsinfluenza nicht abschütteln, und vor Ende August erwarteten die beiden Kollegen ihn nicht zurück.

Die Kollegen steckten knietief in Arbeit. Fast jegliches Gemach, Mittelhaus und Seitengebäude schon von irgend einer seufzenden und klagenden Menschenseele bewohnt, und das ganze Gartenhaus, rechts von der Fontäne, auch ganz gefüllt. Das letzte und ruhigste seiner Zimmer, nach dem melancholischen Laubengange zu, wurde eben gelüftet, und Martin und »Tönchen«, der Laufbursch, klopften die Betten und den großblumigen Sofateppich, daß es schallte. Heute gegen Abend sollte Marili mit der Mutter aus dem Hauptgebäude hinunter in die Gartenstille übersiedeln, und mit dem Nachtzuge mußte Kitty nach Frankfurt zurück in eine neue, schwere Privatpflege. Gott sei Dank; ihr Marili machte jetzt Fortschritte mit Siebenmeilenstiefeln. Doktor Klenau sprach schon davon, daß man es nächste Woche mit einem Ausgang versuchen müsse, und Doktor Lieven hatte sich's angewöhnt, sich nach Tisch regelmäßig mit seiner Kaffeetasse ins Lesezimmer zu schlängeln, wo Schwester Katharine um diese Stunde allein über den Zeitungen zu sitzen pflegte, während die Patienten Siesta hielten. Er war immer sehr zum Plaudern aufgelegt; sie jedoch mußte ihr Interesse an der Politik notwendig nähren, las eifrig und antwortete ihm, wenn er sie ansprach, mit kurzen Sätzen, den Finger auf der betreffenden Zeile ihres Artikels, um gleich wieder in der Lektüre fortfahren zu können.

Müßige und neidische Gemüter ereiferten sich darob. Ganz ohne triftigen Grund; denn man konnte es keinem warmherzigen Menschen und Doktor verdenken, wenn er sich für solch eine Pflegerin interessierte, so heiter, aufopfernd, sachlich und doch ohne jegliches Prunken, mit der interessanten Weltentsagung ihres Standes. Die gröbste und die feinste Arbeit, alles mit Grazie. Daß ein gemeiner Schrupper und ein grauer Scheuerlappen im Blecheimer Reize haben könnten, falls zwei schlanke Arme und zwei energische Hände sich damit befaßten – bis jetzt war's dem braven Doktor noch gar nicht gedämmert. Ebensowenig wie anmutig flüsternde Lippen sich zu bewegen vermochten, wenn sie das Tropfgläschen über den Arzneilöffel hielten und langsam zählten: »Eins – zwei – drei – vier –« und so weiter bis fünfundzwanzig. Die gebogenen Augenwimpern, die sich bei jeder Zahl ein wenig hoben, schienen mitzureden. Marili beobachtete das stumme Schauspiel alle Abend, wenn der Assistenzarzt fünf Minuten bei ihr am Bette saß, die Temperaturkurve einzeichnete und Kittys Bewegungen mit seinen hübschen Augen verfolgte.

* * *

Heute also war die Mutter vollauf mit dem Umzuge ins Gartenhaus beschäftigt gewesen, und dann, als Koffer und Reisetaschen, Marilis Blumen und Arzneien, das Postkartenalbum und das dicke Paket der Freundinnenbriefe, samt dem noch ganz leeren Reisetagebuche glücklich hinübergeschafft waren, hatten Kitty und Traudchen ihre Kranke, mit ärztlicher Erlaubnis, zum erstenmal hinunter in den sonnenwarmen Garten gebracht.

Da lag sie nun ganz zufrieden und glücklich, wenn auch sehr matt, in Doktor Klenaus chinesischem Langstuhl, schön mit Kissen ausgepolstert, die saubere weiße Wolldecke über sich gebreitet, und sie trug auch das neue weiße Flanelljäckchen, das Tante Klara ihr, nebst einem Korbe voll lauter guter, stärkender Sachen, vorgestern geschickt hatte. Sie selber sah fast ebenso farblos aus, wie Kissen und Decke und Anzug; ihre Figur hatte sich sehr in die Länge gestreckt und die Augen schienen größer als sonst. Man konnte jetzt wirklich meinen, daß sie Kitty ähnlich würde.

Kitty packte eben ihr Köfferchen, und die Mutter mußte noch einmal auf zehn Minuten ins Gartenhaus wegen der neu aufgesteckten blauen Zuggardinen, ehe sie sich mit der Handarbeit gemütlich zu Marili setzen konnte. Für den Augenblick saß Traudchen strickend zur Gesellschaft neben dem Langstuhl, und die Anstaltsbewohner kamen einer nach dem andern heran, um wenigstens freundlich zu nicken (weil das Anreden der Kranken für jetzt allen streng untersagt worden war) – oder ihr ein paar Rosen auf die Decke zu legen.

Nichts als weiße Rosen, ganz schwach rötlich angehaucht. Ueppig blühten sie an der hohen Hecke nach der Straße zu und um das Springbrunnenbassin, und eigentlich war's großer Frevel, davon zu pflücken. – Marili kam gar nicht aus dem dankbaren Lächeln heraus, und Traudchen hatte ihr helles Vergnügen an der schönen Schmückung ihrer kleinen Lieblingspatientin. Wie eine Guirlande ordnete sie die Rosenzweige rings um das Kopfkissen und steckte auch noch einen Strauß zwischen die müde verschlungenen Hände auf der Decke.

»Wie ein Engel so nett!« sagte sie ganz entzückt zu ihrer Kollegin Sephchen, die gerade vorbeikam mit der armen, alten Frau ter Luyken aus Amsterdam im Rollstuhl.

Ungefähr im nämlichen Augenblick erschien Doktor Lieven neben dem schwarzen Diakonissenkleide und der weißen Haube unter dem Portal, und sie gingen langsam miteinander auf die Kastanienallee zu, in deren Schatten der Langstuhl mit Marili in der Rosenguirlande stand.

»Können Sie mir noch fünf Minuten schenken? Nur einmal durch den Laubengang, Schwester?« fragte der Doktor.

»Gern, wenn es etwas von Wichtigkeit für die Kleine ist vor meiner Abreise. Außerdem möchte ich ihr und der Mutter keine Sekunde von meinem bißchen Zeit vorenthalten. Also was ist es, Herr Doktor?«

Dem Doktor stieg das Blut ins Gesicht. »Es betrifft die Patientin gar nicht – nur Sie,« platzte er ehrlich heraus. »Es ist eine Privatangelegenheit, gnädiges Fräulein!«

»Schwester Katharine, wenn ich bitten darf.« Sie sagte das sehr ruhig und freundlich und blickte ihn offen mit ihren klaren Augen an. »Meinen dienstlichen Namen möchte ich mir unter allen Umständen und allen Verhältnissen ausbedingen, ich trage ihn mit größter Freude; mit Stolz, lieber Herr Doktor, und das wird immer so bleiben.«

Er machte ihr nur eine Verbeugung, tief und linkisch, aber sie wußte doch, daß er sie vollkommen verstanden hatte. Langsam verzog sich die dunkle Röte seines Gesichtes, es ward wieder natürlich und freundlich.

»Ich darf Sie Ihrer Familie nicht vorenthalten, Sie haben ganz recht, Schwester,« antwortete er dann und räusperte sich, um die Stimme zu klären. »Sie gehen, und ich bleibe hier; Klenau hat bis über die Ohren zu tun als stellvertretender Chef. Mir wird ein guter Teil Sorge für die Genesenden zufallen – haben Sie irgendwelche speziellen Aufträge für mich? Ich stehe zu Diensten!«

»Danke innigst. Wenn Sie meinen Lieben nicht nur der Arzt sein wollten – auch ein wenig Mensch und Freund? – Meine Mutter muß vor zuviel Arbeit behütet werden, und Karl ist nicht da; und unser Kleines – ach, mein Gott –!«

»Also an Karls Stelle. Verlassen Sie sich auf mich, Schwester Katharine.«

»Nochmals innigen Dank. Sie sind ein guter, lieber Mensch. Gott vergelt's.«

Sie streckte ihm die Hand hin, er aber übersah es.

»Ich bitte Sie, sehen Sie doch nur – das ist ja entsetzlich! Die reine Aufbahrung!« rief er halblaut und machte eine Kopfbewegung nach der Kastanienallee hin. Die weiße Gestalt von den weißen Rosen umkränzt, regungslos und eingeschlummert unter dem ermattenden Drucke der Sommerluft. –

»O wie gut, daß die Mutter sie so nicht sieht,« sagte Kitty leise zu ihrem Begleiter, und behutsam nahmen sie die weißen Kirchhofsblumen fort. Traudchen mußte ein Glas holen und drei oder vier rote Rosen vom halbrunden Beet vor dem kleinen künstlichen Hügel, den die hohen Cypressen bestanden; dann trugen sie ein Tischchen herzu, stellten den vollen Strauß im Glase darauf, und Kitty setzte sich geräuschlos mit ihrer Häkelei in die Nähe der Schlummernden, bis die Mutter sich zu ihr gesellen würde.

Traudchen durfte ins Haus gehen, und der Doktor rauchte noch nachdenklich eine Zigarre im menschenleeren Laubengang zwischen hohen, geschorenen Hainbuchenwänden, ehe auch er hineinschlenderte, um sich auf den abendlichen Rundgang zu den Kranken vorzubereiten. Von fern sah er, daß Marili aufrecht in ihren Kissen saß, vergnügt lächelte und ihr Halbliterglas Milch vor sich auf der Decke hielt. Schwester Katharine hatte ihren linken Arm zur Stütze um sie gelegt, und in ihrer Rechten erkannte er das Buch, aus dem sie vorlas: »Im Schatten des Hospitals« – bruchstückweise hatte der Doktor es neulich einmal mit angehört. Die Mutter beugte sich über ihre Näharbeit. Sie sah nicht besonders wohl aus und sprach so oft von der Sehnsucht nach ihrem Jungen. Das heißt: niemals in Gegenwart ihrer Töchter; sie hatte zuweilen im Vorübergehen eine kleine Privatunterhaltung mit Karls Freund.

Heute ließ er sich nicht wieder im Familienkreise unter den Kastanien erblicken. Doktor Klenau unternahm die Visiten allein: der Kollege Lieven habe notwendig im Laboratorium zu tun.

* * *

Bald nach neun – Marili saß erregt und weinend im Bett des stillen Gartenhauszimmers – schlug Kittys Scheidestunde. Diesmal gab Doktor Klenau ihr das Geleit. Da, als die Mutter tröstend auf dem Bettrande ihrer »Kleinen« saß, klopfte es, und Doktor Lieven steckte den Kopf durch die Türspalte.

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Kitty setzte sich geräuschlos in die Nähe der Schlummernden.

»Darf ich noch einmal hereinkommen und ein bißchen beruhigen helfen, gnädige Frau? Schwester Katharine hat mir nämlich Fräulein Marili vermacht – mir als Menschen, wissen Sie, als Karls Freund.«

Wenn man's zergliedert, war's eigentlich eine ziemlich sonderbare Rede, die der gute Doktor da gehalten hatte; die Mutter jedoch erfaßte den herzenswarmen Sinn und stieß sich nicht an der etwas befremdlichen Form. Deshalb dankte sie zum voraus mit freundlichen Worten.

Marili konnte die kleine Rede gar nicht wieder vergessen.

Andern Tags schrieb sie dieselbe mühsam und langsam in Abwesenheit der Mutter auf die erste Seite ihres leeren Tagebuches. Aber ihr kam doch eine gewisse Angst; sie ließ sich von Mutters improvisiertem Schreibtische den flüssigen Leim geben und überklebte den Absatz mit einem Fetzchen Briefpapier. Irgend etwas andres zum Beginn zu schreiben, konnte sie sich für jetzt nicht entschließen. So malte sie nur »Mein Tagebuch, Freyenthal, Anstalt« auf die Mitte des Blattes, und wenn sie dasselbe gegen die Sonne hielt, konnte sie die verklebte Schrift noch wunderschön entziffern.

»Schwester Katharine hat mir Fräulein Marili vermacht – mir als Menschen.«

Sie las es sehr oft, so oft sie allein im Zimmer war. Zuerst schien ihr's ein wenig komisch; nach und nach bürgerte sich der Satz in ihr ein, und allmählich kam noch etwas andres und bürgerte sich ebenfalls ein. Das war ein merkwürdiges Sehnsuchtsgefühl. Immer blieb es da bei ihr, und es verschwand nur zur Stunde der »Visite« und zur Kaffeestunde, wenn »Karls Freund« den Platz neben dem Langstuhl unter den Kastanien auch für den gemütlichsten im ganzen Garten erklärte. – Sie saß schon am zweiten Tage nach Kittys Abreise ohne Polster und Decken, angezogen wie eine sehr unauffällige und sehr jugendliche, junge Dame, und der Doktorfreund dachte bei ihrem Anblicke, je wohler sie wurde, desto aufrichtiger: »Ein recht niedliches Vermächtnis ist die Kleine wirklich.« – Die »Kleine« allerdings blieb sie für ihn, und er schlug keine ritterlichen, sondern eine Art väterlicher Töne an, wenn er sich mit ihr unterhielt.

* * *

»Ich für Doktor Lieven schwärmen? Was denkst du wohl? Er steht wie ein Bruder mit mir,« schrieb Marili an Aenne. Aenne zeigte den Brief an Nelle und sie glaubten natürlich kein Wort von der Brüderlichkeit. – Freundinnen wissen ja alles besser.


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