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Wieder beisammen.

Nun war das halbe Freundinnenkleeblatt aus der Pension heimgekehrt, Aenne und Nelle, während Carry noch zwei bis drei Monate Weisheit einheimsen sollte und Millys Eltern die große Tochter ohne weiteren Stadtaufenthalt hinaus aufs Landgut unweit des Seehafens gebracht hatten.

Tante Klärchen zweifelte zwar gelinde an den Genfer Erziehungsresultaten, als ihre Aenne den halbausgepackten und sehr vollgepfropften Pensionskoffer plötzlich wieder zuklappte und erklärte: »Ich halte das nicht aus; – ich muß notwendig sofort in die Gartenstraße zu Marili;« – aber sie hatte neben den strengen Grundsätzen doch ein verständnisvolles und mitfühlendes Tantenherz.

»Na, dann lauf meinetwegen, und nimm dem Kinde etwas Hübsches mit,« sagte sie, öffnete das Portemonnaie und schickte sich an, dem Pflegetöchterchen eine Mark zu widmen. Aenne jedoch wies die Gabe zu Geschenkzwecken glattweg zurück.

» Merci mille fois – o pardon, Tante Klärchen – nein, ich danke tausendmal! Für mein süßes Geschöpf muß ich die Blumen selber bezahlen, und dann hab' ich ja auch das Sachet, weißt du.«

(Das Sachet war ein etwas flatterhaft wirkendes Behältnis für sehr kleine Taschentücher, strahlte in himmelblauer Libertyseide, weißen Spitzen und kunstvoll verzwirbeltem » Mouchoirs« in Plattstich und Grätenstich.)

»Schön, Aenne, damit bin ich völlig einverstanden, aber vielleicht könntest du für eine Mark Apfelsinen und eine Tüte Löffelbiskuits kaufen?«

» Naturel –« natürlich, Tante, schrecklich gern! Bitte, schlag du mir mein Sachet in Seidenpapier; meine Hände zittern so; fühl mal – und binde ein blaues Band herum. – Das süße Geschöpf! Gott, ich ängstige mich so rasend davor, wie sie wohl aussieht: ich will doch lieber Nelle abholen, findest du nicht auch?«

»Tu, was du nicht lassen kannst, bestes Kind. Rege dich nur nicht dermaßen auf; verplempere nicht gleich dein ganzes Monatsgeld und grüße Tante Jettchen vielmals von mir. Vor Dunkelwerden bist du wieder zu Hause. – Aenne! Hast du verstanden?«

» Naturellement – 'dieu, Tante!«

Aenne jagte treppab, fuhr ins Promenadenjäckchen des nagelneuen Frühlingskostüms, knöpfte es windschief zu vor lauter zitternder Eile und stülpte den Strohhut mit dem schillernden Federstutz und der koketten, schottischen Bandschleife wie's eben kam auf den dicken, abstehenden Flechtenknoten, der ehemals ein beneidenswerter Hängezopf gewesen war. Dann stürzte sie weg, knallte Haustür und Pforte zu und fort ging's auf dem nächsten Weg zu Nelle.

Ganz und gar die alte, stürmische Aenne war sie geblieben mit dem seelenguten Gesichte. Die Augen freundlich, die Backen rund und rot, die Figur rund und ziemlich kurz, aber manierlich und mädchenhaft geworden. Die Sprache so ein bißchen verfranzösiert und verenglisiert. Das jedoch war nur äußerliche Gebärde und tat dem deutschen Gemüte und warmen Herzen nicht den mindesten Eintrag. Man konnte wirklich nicht anders als dem Aennekinde gut sein. Nelle stand sehr im Gegensatze zu ihr: schlank, zurückhaltend und ernst; alles Leben schien aus den zärtlichen dunklen Augen zu lächeln und zu sprechen. Sie war glückselig, daß sie nicht mehr Französisch zu parlieren und Englisch zu lispeln brauchte, und kämpfte energisch gegen den fremden Anklang, den ihr Norddeutsch in der Südschweiz angenommen hatte. Sie hatte auch etwas fürs Schattenblümchen verfertigt; eine kleine, gelbe Ledermappe und darauf gebrannt: »Liebe Erinnerungen« nebst Blümlein, die man bei genauer Betrachtung als Vergißmeinnicht erkennen konnte, und tief im Mäppchen verborgen steckte ein kleiner Vers, direkt aus dem liebevoll-schüchternen Herzen der Spenderin entsprungen:

»Bei Schweizermatten und Alpenglühn
Dacht' ich an dich,
Und sah im Schatten ein Blümchen blühn,
Das liebt mich auch;

Treu will ich bleiben dir fort und fort
Auf immerdar,
Und will dir schreiben das gleiche Wort
Nach manchem Jahr!«

* * *

Aenne untersuchte das Mäppchen gründlich bis in die letzte Futterfalte hinein, fand den Freundschaftserguß und hätte »beinah geheult vor Neid«. Allein sie besann sich eines Besseren, fiel der Dichterin gerührt um den Hals, tunkte Nelles beste Feder ins neugespendete Tintenfaß und kritzelte unter den Vers: » Moi aussi! Deine dich innig liebende Aenne.« –

»Warum denn nun Französisch?« meinte Nelle, und Aenne bereute, radierte und verbesserte, und dann zogen sie endlich in die Gärtnerei wegen Blumen und in die Konditorei wegen Süßigkeiten. Allein sie fanden gebrannte Mandeln und nußgefüllte Schokoladestangen viel passender als die kindlichen Löffelbiskuits, zu denen Tante Klara geraten hatte. Die konnten kranken Seelen unmöglich den nötigen, frischen Lebensmut spenden.

Gewaltige Büsche von rosa Päonien, Iris und Maiglocken trugen sie vor sich her, als sie bei Ringhardts anklingelten, unbeschadet des Doktorwagens, der vor dem Hause hielt. Der Doktor und die Mutter öffneten ihnen, sie sahen beide ganz vergnügt und zufrieden aus, und der Doktor sagte gerade: »Also übermorgen mit dem Schnellzuge. Ich fahre in einer Stunde wieder durch die Gartenstraße und bringe den Brief an den Kollegen Unterhäuser herein. Aha, da kommt die Freundschaft mit Blumen und Tüten! Na, nicht allzulange Fräuleins, und erzählen Sie gefälligst mehr, als daß Sie fragen. Ja, ja, natürlich sage ich jetzt ›Sie‹. – Bis nachher, Verehrteste; guten Tag, ihr Fräuleins.«

» Horrible finde ich das von ihm!« rief Aenne, ehe sie Marilis Mutter um den Hals fiel. Nelle war in ihrer Begrüßung nicht so intim. Sie blieb maßvoll und » youngladylike« und wurde rot, als die Mutter auch um sie den Arm legte und ihr einen Kuß gab.

»Danke vielmals,« sagte sie, als sie den Kuß empfangen hatte, und lächelte halb vergnügt, halb verlegen.

* * *

Nun hatten sie ihr Schattenblümchen wieder, die beiden lustig Blühenden aus des lieben Gottes sonnigen Gartenbeeten. – Sie fanden es, in ihrer Wiedersehensfreude, ganz anders und hübscher geworden, das Marili, trotz Gesichtsblässe und von der schweren Krankheit verschärfter Züge. Die Augen schienen größer, und es war ein fremder Glanz darin, der dem Doktor allerdings nicht besonders gefallen hatte; ihnen aber gefiel er desto mehr. Märchenprinzessinnen und Romanmägdlein erfreuen sich mit Vorliebe solcher feucht und fieberisch glänzender Sterne und sind überhaupt immer so hold und elfenhaftduftig, wie es die armen Erdenbackfische nur ausnahmsweise zu sein pflegen.

O, wie reizend, daß Marili solch eine süße, kleine Ausnahme von der irdischen Regel war und wirklich eine Art von Aethergestalt, in der allerliebsten rosagestreiften Hemdenbluse zu grauem Alpakarocke (Erbschaft von Kittys einstiger Sommergarderobe her). Sie saß, als die Freundinnen eintraten, gegen die Kissen ihrer Chaiselongue gedrückt, eine Reisedecke über den Knieen und vor sich eine lange, gelblederne Handtasche. In diese packte sie mit langsamen Bewegungen ihrer matten Hände allerlei Bücher und Büchelchen, Patenttintenfaß und Schreibgerät und sah ganz glücklich aus in ihrer gemütlichen Stille, als die Freundinnen unvermutet eintraten.

»O, ihr lieben, lieben Besten, ihr! Meine Aenne – Nelle!«

Es wurde ihr herzlich schwer, sich aus den Kissen in die Höhe zu raffen und auf die Füße zu kommen, aber es gelang doch, und sie wollte nichts davon wissen, daß die beiden sich ihrer sofort bemächtigten, um sie auf das meuchlings verlassene Ruhelager zurückzuschaffen.

»Nein, laßt doch, ihr Liebsten, ich darf doch! Ich soll ja gehen und mir Mühe geben – denkt: übermorgen reisen wir, Mutter und ich.«

»O Marili! Wohin?«

»In die Berge – hinunter nach Süden. Denkt nur, was mir das ist. Die Berge wiedersehen!«

»Du Glückspilz – Süße! Ich beneide dich. Nein ce n'est pas vrai – beneiden darf ich dich wahrhaftig nicht, ma pauvre chérie – bitte, bitte verzeih, daß ich immer in mein wonniges Französisch hinein komme, ce n'est pas ma faute.«

»Ach Aenne, wie du lächerlich bist! Kommt, wir haben uns noch gar keinen Kuß gegeben, und wie reizend von euch: diese prachtvollen Blumen! Nein, und auch noch mein Lieblingsfutter! Das nehmt lieber gleich fort; das darf ich jetzt nicht wegen der greulichen Arznei – eßt ihr's, dann schmeckt es mir in Gedanken auch mit.«

»Siehst du, wir hätten Löffelbiskuits nehmen müssen,« sagte Nelle, und Aenne war zuerst auf französisch und dann auf englisch außer sich darüber, daß sie so dumm wie ein Gänschen gehandelt und ihre Süße um Tante Klärchens Mark betrogen hatte.

»Gott, was schadet's denn? Eßt ihr's – nehmt jede, was ihr am liebsten habt, Tante Klärchen braucht's nicht einmal zu wissen; – ich komme ja in die Berge,« tröstete Marili auf deutsch und saß, ihre Aenne im rechten Arm und Nelle im linken haltend. »Seht ihr; Mutter hat Tee für uns, und jetzt erzählt – ich kann nicht mehr, ich muß nur zuhören.«

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»O, ihr lieben, lieben Besten, ihr! Meine Aenne – Nelle!«

Etwas unheimlich war's den beiden, wie sie die Hände der Kranken in den ihrigen kalt werden fühlten und das Gesicht sehr blaß werden sahen, weil selbst die Freude eine allzugroße Anstrengung gewesen war. Die Mutter beruhigte sie zwar, allein sie gab, während sie ihrem Kinde das Kissen unter die lose aufgeknoteten Haare zurückschob, den Freundinnen einen Augenwink über Marilis Kopf hinweg: »Schont sie; sprecht nicht gar zu lebendig.«

Nun lag Marili wieder still unter ihrer Decke. Die Augen blickten müde, wenn auch der blasse Mund noch lächelte, und die schmale Wange lehnte sich gegen Aennes Maiglocken und blaue Iris und Nelles Päonien. Die wollte sie durchaus nicht wieder hergeben. Die Freundinnen hielten ihr die Teetasse an die Lippen und fütterten sie mit Zwieback; dann nahmen sie ihr die Reisetasche fort und machten sich daran, alle die Kleinigkeiten in Seidenpapier zu wickeln, und dabei ging das Erzählen wunderbar schön.

Aenne, die Lebhafte, erzählte am meisten, zuerst von der Pension, allerlei grause Geschichten, die Nelle ab und an ein bißchen berichtigte in ihrer ruhigen, korrekten Manier, wenn die Phantasie der Plaudernden mit ihr durchging. Nelle sah auch, wie durchsichtig das kleine, stille Gesicht neben den frischen Blumen erschien, nun die flüchtige Röte der ersten, freudigen Erregung wieder verschwunden war. Ein paarmal versuchte sie den lustigen Redefluß zu hemmen, als aber Marilis Augen von neuem heller wurden und die Lippen sich, ob all der drolligen Vergleiche, zum Mitlachen öffneten, ließ sie's gehen, und Aenne war auch zu nett im Zuge.

» Naturellement! Drei Tage Französisch und drei Englisch, und bloß Sonntags Deutsch. Nein, famos lernt man, du. Oh, j'aime le français, et je – je hais –«

» Déteste, Aenne,« warf Nelle trocken ein.

»Ach, das ist doch ganz wurst, ob hassen oder verachten, › toute même saucisson‹, sagten wir immer.«

»Hör auf, Aenne. Dein Clown-Französisch soll Marili nicht noch lernen, sonst sprechen wir wahrhaftig kein vernünftiges Wort mehr in der Geschlossenen.«

»Ach Gott, Nelle, sei keine Gouvernante! › Toute même saucisson‹, findest du das denn nicht fidel, Marili? Siehst du; sie muß lachen, dies süße Huhn, und das ist ja der Zweck der Uebung! Mademoiselle hat auch immer darüber gelacht, o, sie war zu himmlisch – ein bezauberndes Geschöpf! Füße: – ich sage dir – zum Geistaufgeben! Nein, sei stille, Nelle, wir waren doch samt und sonders Trampel gegen Mademoiselle. – Miß Cranwell dagegen hatte etwas Unverständliches. Weißt du, so nichts Ganzes; wir sagten immer: › comme doublure‹, wie Unterfutter. So nicht Dummerchen und nicht klug, nicht nett und nicht abstoßend –«

»– nicht hübsch und nicht häßlich – also gerade wie ich –«

»O pfui, Marili, pfui, Süße! Bist du eine alte Gouvernante?«

Nelle lachte. »Bitte, verwechsle nicht, Aenne. Ich bin ja die Gouvernante.«

»Und ich wollte, daß ich nur eine werden könnte.« Marili hob sich auf den Ellbogen, und die Augen standen ihr voll großer Tränen. »Ach Aenne – Nelle – was wird aus mir, wenn es so elend weitergeht?«

»So geht es ja nicht weiter. Tröste dich doch; du bist schon auf der Besserung.«

»Ganz gewiß – wenn erst die Rosen blühen –«

»Dann bin ich vielleicht schon tot.«

»Du sollst nicht – du sollst so etwas nicht sagen!«

»Ich muß, weil ich es immer denke – immer.«

»Ach Marili, denk lieber an Gott, und was der für Wunder tun kann. Ist es nicht wahr, Aenne? Wenn man nur solch eine Blume ansieht, wie die entsteht. Sieh einmal die reizende Iris an, Marili.«

Marili gehorchte, zog die schöne, leuchtendblaue Blüte mit den zarten niederhängenden Blumenblättchen langsam aus dem Strauße, betrachtete sie, und ihre Tränen fielen heiß in den gelbgetuschten, tiefen Kelch. »Ich will Gott vertrauen,« sagte sie ganz leise. –

Als ob sie sich verabredet hätten, sprachen sie kein Wort mehr von den tollen und törichten Pensionsstreichen. Sie erzählten nur noch von den grünen Weingärten und den blumigen Bergwiesen. Vom blauen Genfersee und vom stolzen alten Alpenkönige, dessen schneeiges Haupt herüberschaute, besonders herrlich, wenn man im Abendschein auf der Montblancbrücke stand, unter sich den rauschenden Rhonefluß. Von der linden Luft und von den süßen Trauben, den Schattenbäumen der poetischen Rousseauinsel und den rosa Oleanderblüten, die im Hochsommer auf die zierlichen Dächer der kleinen Chalets niederhingen.

Sehnsucht in ihren matten Augen, hörte die Kranke ihnen zu. Sie hielt ihre Hände um »Liebe Erinnerungen« und » Mouchoir« gefaltet, eine Wange wieder gegen die Blumen geschmiegt, und ihre Nasenflügel blähten sich beim Atmen. Der Duft war doch gar zu schön, und sie nickte bei den lebhaften Schilderungen der beiden: »Der Bodensee war auch so blau, wenn man von Lindau im Dampfboot hinüber nach Bregenz fuhr; wißt ihr, zwischen dem Löwen und dem Leuchtturm hindurch, am Hafen,« sagte sie, noch immer ganz leise. »Da sahen wir den Kamor und den Hohen Kasten und den Säntis und die Scesaplana. Ich kenn' auch den jungen Rhein, dort bei der Insel Reichenau, und auf dem Hohentwiel bin ich gewesen, wo die Herzogin Hadwig mit der Praxedis gelebt hat und Ekkehard lehrte sie Lateinisch. – Der Vater hat mir's früher einmal erzählt, als wir zusammen den Hohentwiel hinaufstiegen – Kitty und Karl waren so weit voraus, und die Mutter konnte nicht ganz mit uns klettern; die saß im Gasthaus unter der Linde. So blau ist der Himmel nie wieder gewesen wie damals. – Ach – früher – ja –!«

»– jetzt siehst du unterwegs den groß gewordenen Rhein und dann Rolandseck und Nonnenwerth und am Ende sogar die Lorelei im Mondschein; das find' ich beinahe noch poetischer als das andre,« tröstete Nelle, »und bedenke nur, wie wundervoll, daß es dort, wohin du gehst, das echte, deutsche Vaterland ist, das die Germania vom Niederwald herunter bewacht. Siehst du, das wäre nun meine Sehnsucht. Du ahnst gar nicht, wie stolz ich in Genf auf unser Deutschland gewesen bin.«

»Wahrhaftig! es ist ja eine Schande! – nein, jetzt will ich wieder patriotisch sein durch dick und dünn. Kein Mundvoll Französisch mehr!« brach Aenne los und schlug sich gleich darauf schallend auf den Mund, weil ihr das beliebte: » naturellement« doch wieder über die Lippen rutschte. Nelle wollte eigentlich nicht und Marili konnte eigentlich nicht, aber sie mußten trotzdem gehörig lachen. Wie aus der Pistole geschossen kam Aennes Patriotismus heraus.

Draußen rollte ein Wagen, und dann klingelte es, reichlich heftig in Anbetracht der Kranken im Hause, und dann lachte es auch, wie eben in der Eßstube gelacht worden war: Mutters Stimme und Karls Stimme – und geküßt wurde; man hörte es faktisch, und es ging hin und her: »Mein geliebter Junge!«

»Mein bestes Mutting!«

»Wirklich durchs Examen? – Kind, allen Ernstes?«

»Ehrenwort, Mutting: cum laude!«

* * *

»Nein, bitte – laßt mich – ich will zu Karl!«

Halten ließ sie sich nicht, aber es wurde nur ein trauriges Wanken auf die Tür zu, und es war ein Segen, daß der neugebackene »Herr Doktor phil.«, der angeblich nur nach Göttingen gereist war, um noch ein bißchen Arbeitsmaterial aus der Universitätsbibliothek zu holen, solch ein paar tüchtig feste Arme um das zitternde Figürchen schlang.

»Was da, was! Ohnmächtig werden und die Freude verderben gilt nicht,« sagte er, als verstünde sich das ganz von selber, hielt sie mit der Linken an sich gedrückt und fuhr mit der Rechten geschwind in die hintere Rocktasche. Da steckte noch eine gute Reisestärkung in Vaters patentem Silberfläschchen, und das arme kranke Huhn mußte, trotz eigenem Widerstreben und trotz Mutter, einen resoluten Schluck Cognac nehmen.

»So, nun kommst du aber ganz sicher ohne Fährlichkeit nach deinem alten, langweiligen Freyenthal, so viel an mir liegt,« meinte er, bettete sein Schwesterchen, dem der Cognac in der Kehle brannte, weniger kunstgerecht als liebevoll auf die Chaiselongue und stopfte die Decke fest um sie herum. Dann erst bekamen die Freundinnen je einen kräftigen Händedruck. »Jammerschade, daß Mutter nun keine großartige Feier mit Schokolade und Kuchen veranstalten kann, damit Sie doch auch etwas von meinem Doktor phil. haben.«

Im Herzen fanden die zwei eben erblühten Jungfrauen den Marili-Bruder sehr frech, weil er sie noch so kinderhafter Freuden und Genüsse für fähig hielt, aber daß er so nett für Marili sorgte, fanden sie nun wieder ganz wonnig von ihm. Am Ende ließ sich so ein kleiner, heimlicher Schwarm an den blonden Jüngling knüpfen, der mehr fidel als blendendschön war und jetzt ihre Blumenspenden eigenhändig in zwei gefüllte Wassergläser versenkte, daß sie überliefen. Die Mutter war nämlich spornstreichs in die Küche hineingestiegen, um für ihren Engel von Jungen Rührei zu verfertigen, weil er über ungeheuren Nachhunger vom Examen her klagte. Sogar Rührei mit Schnittspargel. »O, schade, daß wir wieder nach Haus müssen, Herr Doktor!«

»Sie sollen eine Gabelvoll abbekommen, weil Sie meinen Titel so rasch begriffen haben, gnädiges Fräulein,« antwortete der Glückliche mit einer Verbeugung, und Aenne wurde dunkelrot, weil er mit einemmal »gnädiges Fräulein« sagte und nicht mehr »Aenny« oder »Aennchen«.

Nelle war zu ernsthaft für Neckereien; sie saß und hielt Marilis Hand und wollte alles und jedes über Freyenthal wissen: ob es nicht das ganz entzückende Städtchen unter der berühmten Freyenburg sei?

»Natürlich, das ist's, und denke dir, es ist eigentlich nur ein Dorf, aber die gebildeten Leute sollen lauter Millionäre sein.«

»Oho, oho – gib mal dein Pfötchen, mein Mädchen; du phantasierst wohl? Wahrhaftig, eine ganz heiße, kleine Pfote. Aber die Nase? Wie ist's mit der Nase? Hübsch kalt?«

Er bückte sich über sie, als ob die Freundinnen gar nicht da wären und gab ihr einen Kuß. Manchmal überfiel ein jähes Mitleid mit dem zerbrechlichen Wesen da auf dem Ruhebette seine kerngesunde Natur. Sie legte mit der müden Langsamkeit, die allen ihren Lebensäußerungen jetzt anhaftete, den Arm um seinen Nacken und küßte ihn wieder, so recht mitten auf die herrlich gepflegte Schnurrbartpflanzung. »Doktor – du?« sagte sie und wollte scherzen, aber die Tränen sprangen ihr in die Augen, und als seine Nasenspitze neckend auf die ihre tippte, weil er seinen Glücksübermut nicht dämpfen konnte, schob sie sein Gesicht von sich ab und fügte kläglich hinzu: »Ich bin doch kein Hund, Karl.«

»– und wenn du einer wärst, so wärst du entschieden ein kranker. Nase heiß, Pfötchen heiß – das paßt mir gar nicht in meine Fest- und Weihestimmung.«

»Geh jetzt und iß dein Rührei, bestes Kind,« unterbrach die Mutter, und die Freundinnen standen auch schon auf dem Sprunge. Aenne kniff Nelles Hand; der Geschwisterkuß erschütterte ihr ordentlich das Gemüt: heiß wünschte sie sich auch einen netten, großen Bruder. Als nun gar Karl vorschlug: »Sagen Sie Marili adieu, weil das entschieden besser für sie ist, und dann kommen Sie mit in die Wohnstube und helfen mir Rührei mit Spargel essen,« da gebärdeten sich die angehenden Balldamen zuerst wie steife Haubenstöcke, bis die Mutter ihnen zwei Desserttellerchen und zwei kleine Frühstücksgabeln einhändigte und ihnen zuflüsterte, sie sollten den Abschied von der Freundin recht kurz machen; der Doktor » med.« werde gleich nochmals vorsprechen, und sie bleibe beim Marili.

» Naturellement, oh naturellement!« stimmte Aenne bei, die den Patriotismus vorläufig noch leicht wieder vergaß. Dann sagten sie der kleinen Freundin wirklich äußerst zart und lieb lebewohl, küßten ihr die Hände und Mund und Stirn und hatten die innigsten Wünsche.

»Zweimal die Woche schreiben wir dir – du brauchst erst zu antworten, wenn du ganz wohl bist und dann nur drei Zeilen auf einer Postkarte –«

»Und falls es dort recht himmlische Ansichtskarten gibt, bitte, bitte, denk an meine Sammlung, süßes Hühnchen, und bitte, schone dich, und daß du nur bald gesund wirst –«

»Ja – ja – alles ja, liebste Aenne –«

»Wir vergessen dich keine Stunde, vergiß du uns auch nicht –«

»Ach nein, gewiß nicht, meine Herzens-Nelle – grüß die andern –«

»Gott behüte dich, liebes Marili!«

Sie nickte und lächelte; die Augenlider sanken ihr zusammen und so rasch schlief sie ein, daß sie Doktor Willmanns Wagen gar nicht mehr vors Haus rollen hörte.

Die Mutter ging, um ihm zu öffnen, ehe er anklingelte, und die beiden Jungfrauen, Teller und Gäbelchen in Händen, schlichen auf den Zehenspitzen übers Linoleum zur Schiebetür ins Wohnzimmer. Der galante Jüngling hatte auf sie gewartet: so viel Rührei, wie die Muttersorge für nötig erachtet an diesem seinem großen Tage, konnte selbst er nicht allein bezwingen. »Greifen Sie wacker zu, meine verehrten, gnädigen Fräuleins –«

»Bitte, nein! Das klingt tout à fait horrible!«

»Aenne, der Patriotismus –.«

»Gott ja, ich weiß, Nelle! Sagen Sie nur nicht so formell –«

»Geht nicht anders. Wenn ich nun im Winter auf den Bällen Aenne und Nelle sagen wollte?«

»Das fände ich riesig nett; so intim, und dann müßten Sie doch aus Freundschaft wenigstens einen Tanz mit uns tanzen.«

»Also einigen wir uns auf Fräulein Aenne und Fräulein Nelle, nicht wahr? – Viel mehr Rührei nehmen, nicht solche Spatzenportionen. Pst! der Leibarzt ist da drinnen.«

So ergaben sie sich einer gedämpften Heiterkeit, ja, der Doktor holte, zu fernerer Weihe, noch für jede der Tischgenossinnen ein zuckersüßes Miniaturbändchen aus der Bibliothek seiner Jugendtage herunter und verehrte es ihnen: Uhlands »Gedichte« und Rückerts »Weisheit des Brahmanen«. Er selber behauptete, mit der Poesie endgültig fertig zu sein und seine Weisheit selber fabrizieren zu können nach solch einem blendendschönen Examen. Schließlich begleitete er das Freundinnenpaar noch ein nettes Stück Weges: er mußte sich doch für die Reise Zigarren und ein neues Seifendöschen holen.

Letzteres schenkten ihm die beiden aus vereinten Portemonnaies. Fürs Leben gern hätte Aenne noch ein Stück Rosenseife zu fünfzig Pfennig hinzugefügt, aber Nelles Warnungspuff kam gottlob noch zu rechter Zeit.


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