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»Alt-England, ade!«

Wir schließen die Haustür zu und bezahlen dem Wagen zwei Schilling, daß er wieder wegfährt und euch sitzen läßt – ihr sollt morgen noch nicht abreisen, Cousine Mary.«

»Aber Jungens, es geht doch nicht anders. Wir haben auch einen Jungen zu Hause, und der schlägt Lärm, weil er sich allein langweilt. Eure Mutter und meine Mutter haben sich auch schon alles erzählt, was in den zweiunddreißig Jahren passiert ist.«

»So? – Glaubst du, Cousine Mary? Du glaubst es selber nicht! Das sind nur Ausflüchte, und wir lassen dich durchaus nicht fort. Da guck einmal in die Bibliothek, wie sie wieder die Köpfe zusammenstecken, Mutter und aunty Minnie und aunty Ettie.«

Master Johns derbe Hand nahm Marili buchstäblich beim Schopf und drehte ihr das Gesicht herum, damit sie die kleine und die große Mutter und das lebhafte Tantchen in der anstoßenden Bibliothek vor dem lustigen Kaminfeuer plaudern sehen sollte. Sie stopften alle drei die Strümpfe der wilden Horde.

Natürlich, als John Cousine Mary einmal sicher beim Schopf gepackt hielt, fielen die drei Kleinen von hinten herum meuchlings über sie her und drückten und küßten mit aller Gewalt, so daß die sanfte, weiße Selia in Marilis Schoß ihr Spinnen sein ließ und zimperlich zu miauen anhob. Ein rechtes Jüngferchen im weißen Sammetpelz war Selia, und Marilis Schoß gefiel ihr besonders gut, vorausgesetzt, daß ein tüchtiges Kaminfeuer in der Nähe war, wie heute am kalten Herbstmorgen.

John ließ den aschblonden Schopf fahren und griff nach Sinkie, der auf dem Kaminteppich spazieren ging, Rücken krumm, Schweif erhoben (ein prachtvoll buschiger Schweif!) und Augen grünleuchtend; er war eben von Kathleens Stuhllehne heruntergesprungen und Kathleen beteiligte sich nicht an der allgemeinen, lärmenden Balgerei, die jetzt um den angebeteten Hausgast und die Katzen entstand. Eben für diesen angebeteten Hausgast im blauen Cheviotkleide malte sie mit heißem Eifer die schottische Heckenrose auf das Buchzeichen. Morgen war der letzte Herbstferientag, und übermorgen reiste der liebe Besuch schon wieder ab.

Der Bubenknäuel entwirrte sich; es war bald Teezeit und nach dem Tee war Cousine Mary verpflichtet, sich zu den älteren Damen zu setzen und ihnen bis zum Diner George Eliots »Mühle am Floß« vorzulesen. Nun also geschwind das Programm für heute abend und für morgen: »So viel hast du noch nicht gesehen, Cousine Mary.«

»Ja, was denn, Dickie? Ihr habt mir die Zauberlaterne gezeigt und eure Schule und das Denkmal und –«

»Und auf der Ouse haben wir noch gar nicht gerudert – das ist das notwendigste!«

»Nein, die indischen Bilder vom Vater in der Zauberlaterne. Sie hat nur erst die Clowns gehabt, Dickie.«

»Das ist gar nicht die Hauptsache; vielleicht reist sie mal selber nach Indien mit ihrem Mann und dann –«

»Ich will Cousine Mary heiraten!«

»Nein, ich!«

»Du Knirps du? Das erlaubte Mama niemals, Mama will immer, daß du bei ihr bleiben sollst, bis –«

»O, pfui John, sag es nicht, du darfst nicht davon sprechen!«

»Gut, gut – also nehme ich Cousine Mary, ich bin der Aelteste.«

»Hoho, wenn sie will, Jack!«

»Willst du mich, Cousine Mary? Es geht ganz gut, du bist achtzehn und ich werde sechzehn. Richter Dodge hat eine Frau, die ist sechs Jahre älter als der Richter –«

»O, pfui John! das darf doch niemand wissen! Mothie: John hat Mary erzählt –«

»Willst du schweigen, Kathleen?«

» Mothie –? Jack läßt mich nicht malen, und er will Mary ganz allein haben – er will Mary heiraten, Mothie!«

Die kleine Mama stand unter der Bibliothekportiere, den durchlöcherten Socken ihres heiratslustigen Aeltesten auf der zierlichen linken Faust, die Stopfnadel in der Rechten und schüttelte sich vor Lachen beim Anblick des abermaligen Bubenknäuels, der sich um den Vorrang bei Cousine Mary prügelte. Kathleen und Marili, beide ein bißchen versträubt, saßen hockend auf dem Kaminteppich, jede ein schnurrendes Katzentier auf den Knieen.

»Jungens! Jungens!« weiter sagte Mothie nichts zu diesem Prügelchaos und dann rief sie die Freundin: »O Ettie, komm, sieh dir die Jungens an, sind sie nicht kräftig? Ganz wie ihr Vater, besonders Jack!« (Johnie-Jack war als der Erstgeborene auch entschieden der Liebling.)

Hast du nicht gesehen stand er wieder auf den Füßen, und jetzt mußte die kleine Mama dran glauben, daß er sie in die Lüfte hob und treppan schleppte, als sei sie nur eine Feder. Die ganze Kinderschar lachte hinterdrein, wie Bruder Johns derbe Beine in Kniehosen und langen, groben Wollstrümpfen Stufe um Stufe erstiegen, sein schönes, seelenvergnügtes Knabengesicht zu dem der reizenden Mutter erhoben. Die saß ganz gemütlich in den starken Armen, schlang eine schneeweiße Hand um Johns Nacken und zauste mit der andern seine dicken dunkelblonden Haarwellen. Dazu ihr helles, süßes Lachen: eine ganz fanatische Schwärmerei für Mutters weibliches Jugendideal bemächtigte sich Marilis Herz bei solchen kleinen Scenen, deren sich täglich mindestens ein Dutzend abspielten während der seligen Ferienzeit.

Zuweilen tauchte dann das Bild der Paradiesesinsel dazwischen auf und Marilis Seele wollte sich mit Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, füllen, aber die lustige Gegenwart war zu stark und sie übertäubte alle zarten, innerlichen Stimmen, lachte die bangen Fragen hinweg, die mit »wie«, »wo« und »wann« anfingen und warf die ganze Sentimentalität unbarmherzig zum Tempel hinaus.

* * *

Gottlob, da brachte Master Jack sein » Mothie« unversehrt wieder und setzte sie fein säuberlich in ihren niedlichen Tapisseriesessel rechts vom Bibliothekfeuer. Sie hatte ihm nur ein Zweischillingstück aus seiner Sparschachtel geben müssen, weil er morgen noch eine großartige Bootspartie mit Cousine Mary die Ouse hinunter machen mußte. Zu solchen Anliegen brauchten die Herrn Jungens allemal Gewalt.

» O, mothie dear, ich muß auch einen Schilling haben für Cousine Mary!«

» Yes dear, dann hilft es nicht, dann müssen wir noch einmal hinaufgehen.«

»Herzens-Maggie, ich bitte dich, bleib jetzt ruhig sitzen. Komm, Charlie, hier hast du einen Schilling.«

»Nein, nein, Ettie, sie mögen am liebsten aus ihren Sparschachteln schenken, nicht wahr, Jungens? nicht wahr, Kathleen?«

»Ja, Mothie!« (im Chor:) »o bitte, gib uns allen einen Schilling für Cousine Mary!«

Die ganze kleine Gesellschaft umringte sie; alle Arme wollten sich zugleich um ihren Hals schlingen; die vier Köpfe stießen aufeinander, weil jeder Mund zuerst ins willige mütterliche Ohr hinein zischeln und kichern wollte, was für ein schönes passendes Geschenk für die beliebte, deutsche Wahlcousine ausgeheckt worden war.

Dann zog die kleine Mama abermals treppan, diesmal auf ihren eigenen Füßen und doch unter erschwerenden Umständen, denn jedes Kind wollte ganz nahe an Mothies grüner Seite gehen.

* * *

»Du wirst sehen! o, du wirst dich freuen; wird sie nicht, Mothie?« jubelten sie wieder im Chor, als sie zurückkamen, und vier zweifelhaft saubere Kinderhände, deren jede ein blankes Silberstück hielt, hoben sich triumphierend vor Marilis Augen in die Höhe.

»Ich habe einen Schilling für dich,« verkündete Ned, »und Dick und Kattie haben Sixpence!«

John sagte gar nichts; er nahm sein Zweischillingstück zwischen die gesunden Zähne, reckte die breite Brust heraus und stemmte beide Fäuste auf die schlanken Hüften. So blickte er im Kreise der Geschwister ringsum, wie Alexander der Sieger und Krösus der Millionenbesitzer in einer Person.

Gut, daß Mary-Jane, das Hausmädchen in der weißen Tändelschürze, den Tee meldete; so kam der blasse Neid unter der geldgierigen Jugend nicht zu Wort.

Im Eßzimmer sang das heiße Wasser in der Kupferurne, Himbeergelee und Orangenmarmelade sahen verlockend aus beim Lampenlicht, denn es war heute der richtige englische Nebeltag, kalt und finster. Der heiße Toast im Halter stand bereit und eine ganze Schüssel heißer, schottischer Haferkuchen. Die Katzen waren schon da: Sinkie spazierte gemächlich von Stuhllehne zu Stuhllehne und so um den Tisch herum, und die Schönheit Selia machte sich einstweilen auf Marilis Platz breit, ringelte schnurrend den buschigen Schweif und legte ein weißes Sammetpfötchen zierlich neben die silberne Sahnekanne. Nichts ohne die zwei. Sie hatten sich wahrhaftig im steten Menschenverkehr schon ein bißchen Menschenverstand angeeignet.

* * *

Nun war's wirklich für diesmal der letzte Tag in Bedford.

Dickie, das Nesthäkchen, drückte sich beim Morgenfrühstück verschämt an Marili, nachdem sein Stuhl ganz nahe zu ihr herangerückt war, schlug die langbewimperten Augen nieder und spielte mit den Fingern, ehe er's eingestehen mochte, daß er im Traum geweint habe, obgleich der teure Sinkie bei ihm im Bett geschlafen.

Darob entstand ein mächtiges Hallo unter den männlicher gesinnten Brüdern. Zum Glück für Master Dick gab es jedoch nur wenig Zeit zum Necken, Höhnen und Puffen des armen, kleinen Träumers, weil es heute so entsetzlich viel zu besorgen und zu unternehmen galt, Cousine Mary zu Ehren. Einen ganz überwältigenden Abschiedseindruck sollte sie mit auf die Heimreise nehmen. Die würde abermals bis Antwerpen mit dem Dampfer des Norddeutschen Lloyd gemacht werden, mit der »Baden«, die, von Hongkong kommend, morgen abend in Southampton erwartet wurde.

»Heute nachmittag kommt das Schönste, dann bekommst du unsre Geschenke,« sagte Charlie, und John schrie ihn sofort an: »Verrate ihr lieber alles, du altes Weib! Komm her, come on! ich will es mit dir ausfechten!«

»Bitte, bitte, laßt das Gezänk, wenn ihr mich lieb habt!« rief Marili, und nun mochte sie nur sehen, wie sie sich vor ihren stürmischen Anbetern rettete, die ihr alle auf einmal zeigen wollten, wie lieb sie Cousine Mary hätten. Ein wahrer Segen, daß Tante Minnie mit dem Rührlöffel und Kathleen mit dem Schneeschläger ihr zu Hilfe kamen. Die beiden wollten sie nämlich gerade hinaus in die Küche holen, um ihr die Bereitung eines wunderbaren Puddings beizubringen.

»Hallo, hallo! sie soll jetzt nicht arbeiten, sie soll uns helfen die Hühner fangen!« schrie John dagegen. »Alle Hühner haben Milben und Charlie hat für Sixpence Insektenpulver gekauft. Geh mit uns, Cousine Mary, du wirst sehen, solcher Spaß, o, such fun!«

»Aber der Pudding ist auch › such fun!‹«

Marili stand als weiblicher Herkules am Scheidewege, und um beiden Verlockungen gerecht zu werden, guckte sie zuerst fünf Minuten lang in die Küche, flehte ihre Mutter an: »Schreib du das Rezept auf, Engelsmutter!« und lief dann in den wilden Grasgarten mit dem Hühnervolke, weil die Jungens ihr nicht länger Ruhe ließen.

War das aufregend, wie die braven Hennen, der magere Hahn und die vier jungen Hühnchen gen Himmel gackerten und mit den Flügeln schlugen unter dem heilsamen Staubregen des gelben Blütenpulvers aus den Gefilden Dalmatiens! Nach überstandener Qual wurden sie mit Liebe und Kuchenbröckchen wieder freundlich und vertrauensvoll gemacht, und den Pulverrest in der blauen Tüte drückte Charlie, der Galante, Cousine Mary in die Hand: »Wenn euer Lloydsteamer aus China kommt, so hat er große schwarze Tiere an Bord: Käfer, weißt du, und sie verstecken sich in den Kabinen und kriechen nachts in dein Bett und laufen dir über dein Gesicht. O, wie das häßlich ist! – Jetzt hast du dich mit Insektenpulver vorgesehen, und wenn du es lieber möchtest, gehe ich und kaufe dir nochmal für Sixpence. Mothie erlaubt es gern.«

Marili hoffte jedoch, daß der Rest für die eine Nacht genügen werde, und als der phantastische Charlie dagegen einwarf: »Wenn es so windig bleibt wie heute, habt ihr morgen Sturm, und vielleicht seid ihr drei Nächte unterwegs!« Da lief ihr ordentlich das Gruseln über die Haut.

Gleich nach dem warmen Frühstück ging's dann hinaus ans grüne Gestade des breiten, segelbelebten Ouseflusses. Das heißt, grün war nur noch der Uferrasen, den die Zeitlosen schmückten. Die flüsternden Binsen bräunten sich schon und an den Gebüschen prangten die Blätter gelb und rot und lösten sich von Ast und Zweig. Die glitzernden Libellen schwebten und schossen nicht mehr durch linde Sommerluft und die Singvögel schwiegen. Nur die Marienfäden zogen lang und fein und weiß daher im Blau, legten sich um Charlies Schülermütze und in Johns welliges Haar und um Marilis Matrosenhütchen.

Sie und Kathleen saßen Hand in Hand auf dem Bänkchen; John und sein bester Freund Ned ruderten, Charlie lenkte das hübsche Boot durch die Binsen und hinaus bis dahin, wo die Stadthäuser zu Ende gingen und das fruchtbare Land der Grafschaft sich zum bläulichen Horizonte dehnte: Felder und Wälder, Wiesen und frisch umgebrochener Acker, da und dort ein idyllisches Häuschen, ein schlanker Turm oder kräuselnder Rauch, dessen Ursprung sich nicht finden ließ vor lauter Baumwipfeln. Alles umsponnen vom Dufte des Herbsttages, so frisch und verschönend wie der bläuliche Hauch auf der reifen Septemberfrucht. Dick guckte ins Blaue.

Ganz wider Erwarten wollte die lärmende Lustigkeit, zu der diese lebensprühende und kraftstrotzende englische Jugend neigte, gar nicht aufkommen.

Marili sang. Ihr bescheidenes Stimmchen schien zu wachsen und zu schwellen, nun die klare Luft es aufnahm und trug. Unermüdlich sang sie; so recht wie eine, der die Lieder aus der Herzenstiefe kamen. Die deutsche Heimat winkte wieder, und alles was diese acht Tage lauter Kinderfröhlichkeit zurückgedrängt hatten, lebte von neuem auf und fand Worte und Töne.

Für was fände das deutsche Volkslied kein Wort und keinen Ton?

Heute war's Abschiedswehmut und Wiedersehensvorfreude, mit leisem Zagen gemischt, und die fünf Zuhörer wußten nicht, was sie am liebsten zum zweiten- und drittenmal hören wollten, ob das schwermütige:

»Morgen muß ich fort von hier
Und muß Abschied nehmen!«

oder das reizende:

»An den Rhein, an den Rhein,
Geh nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!«

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John und Ned ruderten, Charlie lenkte das hübsche Boot.

Diese beiden Lieder hatten Kathleen und John sich erkoren, nachdem Cousine Mary sie ihnen sehr nett übersetzte, und die drei Kleinen entzückten sich einmütig an dem lustigen Schnadahüpfl aus Marilis bayrischer Kinderzeit:

»Mei' Schatz is a Reiter, a Reiter muß sei',
Das Roß is des Kaisers, der Reiter is mei',
Lallerallalala! Lallerallalala!
Lallerallala–la! La–lalle – ra–la!«

Das mußte sogar viermal gesungen werden, immer drei Verse zur Zeit, und dann, während die Ruder taktmäßig ins windgekräuselte Wasser plätscherten, vereinten sich die sechs jungen Stimmen zuguterletzt zu dem englischen Lieblingsliede, das durch die halbe Welt bekannt ist:

» Tell me the tale that to me was so dear,
Long, long ago, – long, long ago!
Sing me the song I delighted to hear,
Long, long ago, – long ago!
«

* * *

Rührend klang es; diese weichmütige Entsagungsmelodie von lauter kindlichen Lippen gesungen, die das Wort »Entsagung« noch nie mit vollem Bewußtsein ausgesprochen hatten:

»Sag mir das Wort, das mich einstmals beglückt,
Lang, lang ist's her, – lang, lang ist's her!
Sing mir das Lied, das so oft mich entzückt,
Lang, lang ist's her, – lang ist's her!«

* * *

Die Zeit vergaßen sie über ihrem Konzerte, und urplötzlich, als sie der Stadt wieder ganz nahe waren, hörten sie's Fünf schlagen: Teezeit! –

Ade, Poesie; jetzt hieß es die Füße tüchtig in die Hand nehmen! Ganz atemlos langten sie in Beacon-Road an, und da wartete der großartige Geschenkaufbau für » darling cousin Mary«, umkränzt mit Astern und den letzten Centifolien des kleinen Blumengartens.

Wirklich, eine ganze Bescherung war's! Der ganze Shakespeare, fein gedruckt zum Augenverblenden, von Charlie; und da er weibliche Eleganz liebte, stiftete er auch noch ein Schnupftüchelchen mit echten Spitzen: » real lace, Cousin Mary!« wiederholte er immer noch einmal und strahlte dabei aus den hübschen Augen. Kathleen hatte dem Buchzeichen noch bemalte Briefbogen hinzugefügt: lauter Blümchen mit niedlichen Sinnsprüchen von der sorgsamen Kinderschrift daruntergesetzt. Das Nesthäkchen Dickie war für die Süßigkeit, es schenkte Bonbons zur Reisezehrung, und die glasklaren » drops« und soliden » rocks« leuchteten in allen Regenbogenfarben aus der grauen Krämertüte. Tante Minnie hatte ein hübsches englisches Kochbuch hinzugefügt und die empfehlenswertesten Rezepte gleich angestrichen, und die kleine Mama, der das Ganze einen Riesenspaß zu machen schien, breitete einen wahren Segen bunter Bänder aus, die sie selbst einst zu tragen gedacht hatte, ehe das Schicksal sie zur Witwe gemacht.

Aber John, der fehlte noch. Als bevorzugter Ritter mußte er doch extraschön schenken. Droben unter dem Dache hatte er eine geheimnisvolle Kammer, in der alle Düfte und Dünste, die man sich ausdenken konnte, zu Hause waren – Ammoniak und Schwefel, Veilchen und Rosen – was man wollte. Das Kämmerchen nannte er sein »Laboratorium«, und während seiner Freizeit, wenn es keine Cousine Mary zu hofieren galt, kochte, brodelte und erfand er dort in der Stille unermüdlich bei seinem ungefährlichen Lämpchen und mit den Pulvern und Flüssigkeiten in Büchsen, Schachteln und Flaschen. Er hatte sogar ein paar richtige Glasretorten und hoffte der größte Chemiker von ganz England zu werden, Schottland und Irland natürlich mit eingerechnet.

Marili hatte manchmal ins Heiligtum eintreten dürfen und dann hernach ihre Garderobe auslüften müssen, und jetzt bekam sie zur Belohnung Master Jacks neuestes Gebräu, ein »Parfüm«: »Maryflower«.

Sechsmal eingewickelt, verschnürt und versiegelt drückte er ihn ihr in die Hand, seinen Marienblumenextrakt, und sah ungeheuer wichtig und treuherzig zu seiner Erklärung aus: »Du mußt es recht weit abhalten, Cousine Mary, ich sage dir, dann riecht es ganz wundervoll. Nun muß ich nur noch erfinden, daß es keine braunen Flecken und keine Löcher macht, wenn man's ins Schnupftuch gießt. Das darfst du ums Himmels willen niemals tun, Mary dearest, nicht eher, als bis ich dir die zweite Flasche Maryflower schicke; die verbesserte, weißt du?«

»O, vergiß nur nicht, John deine Adresse zu geben, Cousine Mary,« rief Dick in heller Aufregung. »Er hat mir versprochen, daß ich ihm die Lampe anzünden darf, nächstes Mal, weißt du, wenn er die Verbesserung kocht.«

»Du dummer, dummer Junge! Erst muß ich sie doch erfinden!« schrie John entrüstet, »und wenn du mich bis dahin störst – bis ich's heraushabe – wart nur!«

»O, John – sei nicht böse!« Dickie sah seinen erzürnten Bruder und Halbgott starr an, weil er als angehender Mann sich unmöglich vor Schreck verkriechen konnte, und dann holte er ein ganz neues Schreibheft aus seinem Schulpulte oben im Arbeitszimmer, damit Cousine Mary ihre Adresse auch ja vollständig zu Papier bringen konnte.

»Ich wollte, ich dürfte auch einmal verreisen und Geschenke kriegen,« meinte der philosophische Charlie und tröstete sich damit, daß er zur See gehen würde, sobald » mothie« es nur erlaubte.

* * *

Abends wurde der ganze Hausflur noch einmal verdunkelt, und die Jungens stellten unter geheimnisvollem Getuschel ihre Zauberlaterne auf und schroben an den qualmenden Petroleumlampen herum. Dann ward mothie darling, als die Allerbeste von der Welt, auf den Ehrenplatz geführt, rechts und links von ihr die Mutter und Marili, auf Marilis Knie balancierte Kathleen, und die beiden Dienstmädchen durften auf den Treppenläufer sitzen, damit sie auch einen Genuß hätten.

Nun zogen die Tempel und Moscheen des fernen Indiens vorüber. John hatte sich (wahrscheinlich beim Parfümkochen) eine sehr hübsche Erklärungsrede einstudiert, und zum Schluß kamen die hüpfenden Clowns und der tanzende Hund und der Mann, der seinen Kopf abnehmen und nach Belieben wieder aufsetzen konnte.

Gar nicht ins Bett wollte die seelenvergnügte Kindergesellschaft, und als sie dann endlich zum Schlafen gejagt ward mit viel Spektakel und Lachen und Küssen, da mußte Marili, als Cousine und adoptierte Anverwandte, von Bett zu Bett gehen, weil es heute leider der letzte Abend war.

Förmliches Herzweh machten ihr die lieben Schlingel, denen sie so gut geworden, und das zärtliche Kathleenchen, das an seinen Tränen schluckte und nur einen einzigen Kuß gab, aber dafür einen langen. Dickie sagte sein Gebet noch einmal auf und dear Cousine Marys glückliche Ueberfahrt nach Antwerpen spielte eine große Rolle darin. Er lag neben Charlie; neben Charlies gebräunter Wange funkelten Sinkies grüne Kateraugen und aus seiner Bettdecke hervor schnurrte Selia gemütlich und ward gezwungen, Cousine Mary zum feierlichen Abschied »Miau!« zu sagen.

Ja, sogar der große John wollte seinen Besuch; hatte sich die Schuljacke übers Nachthemd gezogen, saß feierlich in den Kissen, das brennende Licht neben sich, und schrieb mit fliegendem Stift die Verhaltungsmaßregeln zur Benützung seines kostbaren Maryflowerduftes auf.

»Vergiß es nicht, gieße nichts davon in dein Taschentuch! Versprich es, Cousine Mary!« sagte er mit Nachdruck, blies sein Licht aus und schüttelte der Freundin zum Lebewohl die Hand, so, als müßte sie vom Arm herunter.

Lächerlich! Der große Junge war von allen der wehmütigste gewesen.

* * *

»Liebste Mutter, kann das sein? – Ich bin ein ganz andres Menschenkind in Bedford geworden, und wir haben doch eigentlich nichts als kindischen Blödsinn mitgemacht. Worin liegt das nur?« fragte Marili am andern Tage, als sie in aller Frühe ade gesagt hatten und auf Southampton zudampften.

Die Mutter lächelte. »Das will ich dir wohl erklären, Herzlieb. Freyenthal war dunkler Schatten; die Cottage linde Luft und Bedford Sonnenschein. Der ist dort so mächtig, weil die Mutter des Hauses selbst eine Sonne im kleinen ist. Du hast eine gute Heilkur gemacht, mein Marili; jetzt bleib mir gesund und vergiß niemals, wie unendlich viel du deinem Gott zu danken hast, auch wenn wieder Tage kommen sollten, die dir nicht gefallen. Die bleiben keinem Menschenleben erspart, auch dem nicht, das in den Augen der Welt beneidenswert ist. Daran denke, Kind, wenn dir Wolkenschatten vor deine Sonne ziehen.«

»Ich habe viel gelernt, Mutter – wirklich. – Viel älter bin ich geworden.«

»Aelter und jünger; Gott sei Dank –« sagte die Mutter ernst.

Und so fuhren die beiden durch den glänzenden Herbstmorgen der lieben deutschen Heimat wieder entgegen, und in Marilis Herzen wurde die sehnsüchtige Ungeduld immer mächtiger.


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