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»Beruf«?

Die Augen heben wir
In Nächten klar
Und fragen Stern um Stern:
»Sprecht, ist es wahr,
Daß uns ein Heim bereit
In eurem Licht,
So hell, so fern, so hoch? –
Wir fassen's nicht!«
Blinkt ihr uns Hoffnung zu?
»Mensch, ob du zagst,
Doch soll es also sein,
So, wie du sagst –
Für Seelen klein und groß
Und ungezählt
Hat Gott auf uns das Heim
Zur Ruh' erwählt.«
– – – – – – –
Bruder – und bangt dein Herz,
O komm mit mir,
Und sieh mit mir hinauf
Ins Sternrevier.
Solang' es glänzt, dies Licht
Der Ewigkeit,
Ist, Bruder, uns die Statt
Droben bereit.

Marili saß am braunen Tische im Pavillon, hielt die Feder in der Hand und den Ellbogen auf das zugeklappte englische Lexikon gestützt und überlas ihre erste Versübersetzung mit glänzenden, glücklichen Augen.

Die Mutter saß ihr gegenüber, gleichfalls bei einer neuen Arbeit, und schien sehr vertieft in die Vorstudien, aber sie blickte doch ein paarmal verstohlen auf und freute sich an ihrem glücklichen Kinde. Nur drei- oder viermal hatte sie ein bißchen helfen müssen, wenn Reim und Versmaß gar und gar nicht klappen wollten; im ganzen jedoch war beides merkwürdig flott und frei aus des Kindes neuer, englischer Füllfeder geflossen, und die ganze Uebertragung gab sich vielversprechend poetisch.

»Gott sei innig gedankt für diese Aussicht auf einen kleinen Lebenszweck,« dachte die Mutter und nickte lächelnd zu Janet und Louisa hinüber.

Die spielten vierhändig: das graziöse Scherzando aus irgend einer Mozartschen Symphonie, und seitab stand Ellinor, die sehr schwerhörig war, und dabei bewunderungswürdig ergeben und freundlich blieb, malend vor der Staffelei. Sie hatte ein kleines Bild im Sinne: den Weingang und den Blick auf die mondbeschienene See, alles in weichen, bläulichen Tinten gehalten. Das Bildchen dachte sie Marili in die deutsche Heimat mitzugeben, und während sie ihren feinen Pinsel führte, überlegte sie sich schon, ob nicht ein breiter mattgoldener Kartonrand und ein schlichtgoldener Holzrahmen den Charakter der Park- und Meerscenerie am anmutigsten hervorheben würden.

Draußen zwitscherten die Sommervögel in den Zweigen, die See brandete und rauschte eintönig von der nahen Bucht herüber, und ab und zu ließ Shanny sein kurzes heiseres Blaffen vernehmen, oder eine Möwe kreischte und die Raben flogen krächzend aus den Ulmenwipfeln auf, die der mächtige Seewind landeinwärts bog und Jahr für Jahr vor der Zeit entblätterte.

Dann und wann hörte man auch Rita und Claire miteinander plaudern und lachen, wenn Altmeister Mozart einmal vier Takte Spielpause vorschrieb. Claire und Rita wandelten in ihren hellen bequemen Morgenkleidern und großen Sonnenhüten von einer Terrassenstufe zur andern und schnitten wahre Blumengarben in ihre Spankörbe. Heute nachmittag gab's gewählte Teegesellschaft auf dem grünen Rasen, unter dem Zelte und zwischen den Schleppästen der schottischen Fichte, zu Ehren der lieben deutschen Freunde. Dann sollten dieselben auch endlich das Herzblättchen der fünf Tanten in der Cottage kennen lernen: » little Clemence«, das Nichtchen, das mit Vater und Mutter im nahen Ventnor wohnte.

Zwischen der Mutter und Marili, an die hohe Vase mit roten und blauen Salvienrispen und den beiden riesigen Magnolienblüten gelehnt, stand die Photographie eines schönen, sehr alten Männerkopfes. Schneeweiße Haare, tiefliegende Augen, die sehnsuchtsvoll nach einem unsichtbaren Lande jenseits der Erde zu suchen schienen, ein wehmütiger, feiner Mund, den der Vollbart, schneeig wie das Haar, nicht verdeckte. Das war der geliebte verstorbene Vater der fünf Schwestern, der Poet, der den Frieden und den Reiz dieses Heims am Meere für die Seinen geschaffen und gestärkt hatte von Jahr zu Jahr und die innigen Lieder gedichtet, an denen sich jetzt eine junge Seele zu Frieden und Freudigkeit zurückarbeitete. Zärtlich liebte Marili diesen ehrwürdigen Mann, den sie nur im Bilde kannte, und sie übertrug seine ernsten Dichtungen mit ihrem ganzen Herzen in die deutsche Muttersprache.

Der Friede war da bei ihr, so wie sie ihn noch nie besessen zu haben meinte; sie fühlte sich gesunden nach innen und nach außen, und in der eleganten Cottage und dem englischen Leben hatte sie sich schon nach den ersten drei Tagen zurechtgefunden.

Nun war schon eine Woche vergangen. Drei Tage mit dem Einleben, zwei mit Gartenbotanik und Parkstreifereien und Besuchen bei den Kutschpferden und Mrs. Alder, der hübschen, sanften Kutschersfrau, die in ihrer blinkenden Küchenstube im schwarzen Kleide und großer, weißer Schürze am Kaminherde gesessen und gefeiert hatte, vor ihr auf der Matte das spielende graue Kätzchen. Dann ein Tag für die englischen Gottesdienste, – o, so fremdartig und beängstigend zum erstenmal mit dem unaufhörlichen Knieen und Aufstehen, Beichten, Lautbeten und Singen: der englische Choral nach einer alten deutschen Volksliedweise. – Heute morgen nun endlich die Uebersetzung des »Sternenliedes von der Hoffnung«. Wie doch die Zeit dahingeflogen war.

»Soll ich meine Uebersetzung nicht gleich an Karl schicken, Mutter?« fragte Marili flüsternd und sah ihre Mutter dazu mit Augen an, die ordentlich strahlten. »Die Anrede ›Bruder‹ im letzten Vers paßt so wunderschön.«

»Findest du?«

Die Mutter mußte lächeln über Marilis grüne Unschuld. »Schenke du Karl später einmal das ganze Bändchen, wenn du es fix und fertig übersetzt hast und wir einen netten Verleger dafür gefunden haben, du und ich. Dies schöne Gedicht würde ich abschreiben und morgen im Briefe an Kitty schicken. Es paßt wie gemacht für sie und ihre Kranken.«

»Würdest du dann statt ›Bruder‹ ›Schwester‹ schreiben, Mutter? Oder fändest du das unrecht gegen Lord Dormer?«

»Gott bewahre, Schatz. Nur keine Sklaverei. Karl mußt du recht anschaulich von englischer Natur und englischen Sitten erzählen; für Gedichte sind die jungen Herren heutzutage weniger.«

Somit kopierte Marili ihr Gedicht mit der kleinen Umstellung eigener Fabrik sauber für Kitty auf einen überseeischen Briefbogen in ihrer noch etwas kinderhaften Handschrift, und fügte mit fliegender Feder eine schwärmerische Beschreibung ihrer Umgebung hinzu, und dann läutete es zum warmen Zweitfrühstück: dem Lunch.

»Mutter,« sagte Marili ganz ängstlich kurz vor der bevorstehenden Teegesellschaft im Grünen, und warf die Tür des Fremdenzimmers ganz unpassend heftig zu, »Mutter, bitte, du mußt mir helfen, oder soll ich Charlotte klingeln? Ich bin nämlich ganz verkehrt angezogen. Denke dir: Rita und Louisa und Janet – und alle sitzen in Capes und Capotehüten und Promenadenkleidern im Wohnzimmer, mit Handschuhen und Sonnenschirmen. Denke dir, Mutter, so wollen sie ihre Gäste empfangen.«

»Also ist es Sitte hier. Du hättest dein graues Alpakakleid oder das rosa Musselin anziehen sollen, und nicht solch ein ›Abendkleid‹. Dies gehört sich fürs Dinner.«

»Aber ich finde es doch viel hübscher und gesellschaftsmäßiger; ich finde, – – das mußt du doch auch zugeben, Mutter – ich dachte –«

»›Ich finde‹, ›ich dachte‹. Manchmal im Leben ist Denken ganz überflüssig. Lauf in dein Stübchen und zieh an, was Charlotte dir zurechtgelegt hat; ich habe es vorhin so rosa durch den Türspalt schimmern sehen. Also Musselin und dazu den Hut mit den Hahnenfedern und ein frisches Paar Handschuhe.«

Ein klein bißchen gestöhnt wurde ganz heimlich nebenan im Erkerzimmer, und einmal trat das taubensanfte Marili sogar ziemlich heftig mit dem Fuße auf, als ein Gürtelhaken vom rosa Kleid sich ihr ins tadellos geordnete Haar verirrte und eine lange Strähne aus dem eleganten Knoten zerrte. Ja, ja, das Schattenblümchen schoß jetzt allerhand ungeahnte Triebe, zum Beispiel den eines richtigen »Temperaments«. Das aber wurde schleunigst gestutzt; nur das etwas erhöhte Wangenrot hätte es Mitwissenden verraten können. Da aber keine Mitwisser vorhanden waren, fand man die junge deutsche Dame, die zwei Minuten zu spät in den versammelten Kreis auf dem hügeligen Rasenplatze hineinregnete, » quite charming«.

Sie sah auch wirklich ganz allerliebst aus mit den zarten Farben und der biegsamen Gestalt und dem weichen, aschblonden Haare unter dem dunklen Strohhute, von dem die Hahnenfedern nickten. Die Handschuhe saßen gut, der Gürtel mit der chinesischen Silberschnalle warf keine Falten, und mit dem Englischsprechen hatte es kaum noch Not. Sie war ganz entschieden ein »kleiner Erfolg« für ihre liebenswürdigen Wirtinnen, das deutsche Marili: – » quite charming indeed.«

Allein das deutsche Marili fühlte sich doch etwas verlassen. Sie fand die Lorgnetten der Damen, die sich so kühl auf sie richteten, schrecklich, und das vornehme Flüstern verstand sich so schwer. Die jungen Mädchen kümmerten sich nicht um sie und die jungen Herren auch nicht; die schlugen Reifen und Federball zwischen Tee und Süßigkeiten. Schließlich verkrümelte sich Jungdeutschland tiefbeleidigt, zog sich auf seine eigene Würde und in den versteckten Grund zurück, den der perlende Bach durchfloß, netzte sein Tüchlein mit törichten Tränen und nährte wieder einmal das alte quälende: »Ich bin anders wie die andern. – Keiner liebt mich!«

Wie es möglich war, daß sie da hinten zwischen dem Magnolienbaum und der längst abgeblühten Kamelienwand einschlief, das blieb ein Rätsel. –

Besonders lange konnte sie nicht geschlafen haben, denn durch die Zweige sah sie, daß die Gesellschaft sich noch lustig Federbälle zuwarf, und daß der stolze Edwin den gewürzten Rotwein herumreichte, auf dessen perfekte Mischung sich James nicht wenig einbildete.

Vor ihr stand ein süßes, kleines Menschenkind, fünfjährig oder sechsjährig, blondgelockt, das Köpfchen auf eine Seite gelegt und die Blauaugen unter ganz feinen, schwarzen Brauenbogen voll Schelmerei und Treuherzigkeit. Vorsichtig mit beiden Händchen hielt es ein Glas Gewürzwein weit ab von sich, damit ja kein Tropfen auf das weiße gestickte Hängekleidchen fiele und es rief dann im niedlichsten Kinderenglisch, das man nur hören konnte: »Wo bist du? wo bist du? Ich suche dich, und diesen Wein sollst du trinken, sagt Tante Louisa, und du mußt ihn gleich trinken, weil er noch schön kühl ist.«

»Danke – o, bist du little Clemence?«

»Natürlich, aber ich bin schon sehr groß – bald werd' ich schon sechs Jahr, und ich will deine Freundin sein und dich beschützen, weil du den Weg über die Klippe noch gar nicht genau kennst, sagt Tante Louisa. Mußt du wieder zu den Damen, ja? Geh lieber mit in die Bucht, da ist Papa und klopft Steine.«

Marili trank den Wein, den sie, ehrlich gestanden, nicht sehr gern mochte, trotz seiner berühmten Vortrefflichkeit, und hielt dabei das reizende, kleine Geschöpf fest im Arme. Solch eine herzige Versucherin mit goldnen Locken, ein »Engelchen hold« von den Mondbergen. Mit Wonne wäre sie noch viel weiter fort von der Teegesellschaft geflohen und hätte drunten in der versteckten Bucht mit Elfchen Goldhaar einen Elfentanz aufgeführt oder sonst etwas Schönes. Aber sie wußte, daß man als erwachsene junge Dame der guten Form nicht ungestraft ins Gesicht schlagen darf, und einen Schlag hatte sie derselben heute nachmittag schon versetzt. Ihre kindische Albernheit kam ihr sehr peinlich ins Bewußtsein. War sie denn nicht noch zehnmal stockiger und steifer gewesen, als nach ihrer Meinung die englische, vornehme Jugend?

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Vor ihr stand ein süßes kleines Menschenkind.

Sich selber belügen, nein, das soll man nicht, lieber gutmachen und wenn's dabei moralische Püffe für einen selber regnet. Gottlob, daß » little Clemence« fest entschlossen war, ihre Hand fürs erste nicht wieder loszulassen. Wie ein Schutzengelchen blieb sie neben ihr und siehe da: nun ging's. Frisch hinein in den jugendlichen Kreis auf dem Rasen. Hier lag noch ein Schläger und dort waren die überzähligen Federbälle; wupp, da flog einer und der dicke kleine Mister Blankshaw in der kurzen Jacke fing ihn auf und warf ihn zurück: »Bitte, etwas weiter nach links treten, Miß!«

»Nein, laß sie zu uns herüber kommen, Tom; Jack Cranford will nicht mehr spielen. Hierher, Miß Ringhardt. Wo waren Sie denn die ganze Zeit?«

* * *

Was in aller Welt hatte sie sich eingebildet, daß sie vorhin aus dieser netten, lustigen Gesellschaft fortgelaufen war in den Schmollwinkel hinter der Kamelienwand? Prächtig ging's jetzt. Clemence hüpfte hin und her, sammelte die Bälle auf und trug sie zu und alle zwei Minuten schmiegte sie sich an den rosa Musselinrock, zupfte daran und flüsterte: »Komm! komm mit in die Bucht!«

Es war eine ganz wunderhübsche Teegesellschaft! Edwin bekam ordentlich Hochachtung vor der deutschen Miß, die schon ein beinahe englisches Englisch sprach, und präsentierte ihr aus eigenem Antriebe in der nächsten Spielpause den Blancmanger in der Kristallschale. James stellte abermals eine überraschende Aehnlichkeit mit der einst von ihm hochverehrten »Miß Henrietta« fest, und »Miß Henrietta«, jetzt »Mrs. Ringhardt«, saß zwischen den alten Damen unter ihrem besten Sonnenschirme und freute sich an ihrem verwandelten Marili.

» Elle est un darling!« sagte Clemences Mama zu ihr, die eine geborene Pariserin war und eine schöne, lebhafte, junge Frau. »Sie werden mit ihr zu uns kommen, Madame, nicht wahr? Clemence hat bereits Freundschaft geschlossen; look there, Madame – voyez-vous?«

»Ich habe wohl gesehen, wie schwer ihr die Gesellschaft unsrer jungen Damen und Herren geworden ist,« meinte Ellinor, die besonders scharf beobachtete, weil sie so wenig hören und teilnehmen konnte, mit ihrer leisen, bedeckten Stimme. »Was denkt ihr, Claire und Louisa, wollen wir sie nicht ein wenig dafür belohnen und Montag nachmittag eine schöne Fahrt nach Blackgang-Chine hinunter machen? Clemence nehmen wir mit als Marys besondere Freundin, wenn du erlaubst, Leonie, und dann eßt ihr bei uns, Guy und du und die Kleine, nicht wahr?«

»Ellie hat immer die hübschesten Ideen,« bekannten die übrigen, und jede der Schwestern tat und sagte der Schwester etwas Liebes, weil das Schicksal sie so stiefmütterlich behandelt hatte ohne ihr Verschulden.

»Prüfung ist Erziehung –« damit pflegte Ellinor sich selbst und die Ihren gern zu trösten, und sie hatte ja auch noch eine andre Trösterin: ihre herrliche, farbenreiche Kunst.

Deren neueste Werke bewunderte die ganze Gesellschaft noch geschwind im Pavillon, ehe man sich verabschiedete, weil die Wagen vorfuhren, und dann ward's still im Garten. Die zärtliche Stimme der Turteltauben in den hohen Bäumen ließ sich wieder vernehmen, am Bache im kleinen Dickicht schlug die Amsel und die herankommenden Flutwogen der lebhaft bewegten See rauschten frisch. Clemence brannte vor Ungeduld auf ihre Bucht in Gesellschaft der allerneuesten Freundin, aber James hatte das größte Fernrohr schon aufs Stativ gelegt: das prachtvolle neue Kriegsschiff, der »Conqueror«, das seine erste Manöverfahrt nach Plymouth hinunter machte, mußte doch vor allem und von allen, die gerade anwesend waren, gründlich beobachtet und beurteilt werden. Zwei flinke Torpedos flitzten voraus, ein zweites großes Schiff folgte. Es war eine interessante und belehrende Viertelstunde für die junge Landratte Marili. Was hatte sie bis dato von Takelage und Bugspriet, Brücke und Kielschwein, Wimpel und Flagge in Seefahrerbedeutung geahnt?

So sehr nahm sie's noch in ihren Nachgedanken gefangen, daß sie als richtiger »Hans-guck-in-die-Luft« ihren Buchtspaziergang mit Clemence unternahm.

»Falle nicht – o, du stolperst! – komm, nimm meine Hand, ich muß dich halten!« rief das goldlockige Schutzengelchen unaufhörlich, weil die Freundin neben ihm klomm, mit der Nase im Blauen und abwesenden Augen, die nach Segel und Schornstein spähten. Glücklicherweise kam sie nach einem Weilchen auf die Erde zurück, half Blumen suchen und salzbestäubte Brombeeren für des Schutzengels Mündchen und seinen blättergepolsterten Miniaturkorb, bewunderte die beiden Versteinerungen, die der fleißige Papa mühsam aus dem Felsen herausgeklopft hatte, um den schönen Nachmittag nutzbringend zu verwerten, und ließ sich zum Schlusse dieses schönen Nachmittages sogar eine Welle nach der andern über die bloßen Füße springen.

So endete der Teegesellschaftstag sehr anmutig. Während die Menschenkinder im kerzenhellen Eßzimmer allerhand erlesene Dinge tafelten, Clemence auf einem richtigen erwachsenen Stuhle mit hohem Kissen dicht neben » darling Marylie«, erzählten sich draußen im tauigen Grase die zirpenden Grillen heimlich, was sie gehört und gesehen, und die armen zerdrückten Farnkräuter, auf denen das törichte Marili vorhin schlafend gesessen hatte, erholten sich wieder im Abendwind.

Dann wurde das schläfrige Schutzengelchen zu seinen Eltern in den Wagen gepackt; das Räderrollen auf dem Fahrwege zwischen den Lorbeerhecken verhallte und allmählich verjagte die Nacht auch den letzten rötlichen Dämmerschein des späten Sonnenunterganges am westlichen Horizonte nach dem Leuchtturm von St. Catherine zu. Dessen Lichtstrahl sah man im Park rastlos durchs Geäst der alten, sturmzerzausten Ulmen am Bache gleiten und wieder verschwinden, bis der Morgen im Osten anfing hell zu werden.

»Jetzt muß sie uns das Lied von den Mondengeln singen, unsre Mary; Janet hat sich die Melodie einstudiert,« sagte Louisa nach dem Kaffee im Wohnzimmer und brachte Shanny hinaus zu James, weil er menschlichen Gesang als eine schwere Beleidigung seiner Hundeehre empfand. »Nun Janet, Liebe, willst du für Mary den Flügel öffnen?«

Kleine Lektionen: – dies war auch eine, aber aus ihnen setzen sich bekanntlich die Fortschritte in der Menschenerziehung zusammen: Marili, die Schüchterne, sang vor sechs Zuhörerinnen, und James und Lord Edwin befanden sich eine Tür weiter im Eßzimmer beim Abdecken.

Ja, ja – um Liebe zu genießen, wirklich und freudig, darf man nicht immer im Schatten hocken; man muß versuchen, hinaus in die Sonne zu treten, dann sieht man heller, sich selbst und andre.

* * *

Also sie wagte es, und wenn ihr Licht auch nur ein höchst anspruchsloses Lichtchen war, so gehörte es darum doch nicht unter den sprichwörtlichen Scheffel aus der biblischen Geschichte, und Janets Begleitung war ebenso anspruchslos.

Nur ein paar Akkorde und überleitende Triolen, um eine zweite Stimme anzudeuten und der schwachen weichen Mädchenstimme ein wenig zu helfen, und doch: wie schön machten sie die einfache und rührende Sangweise im Volkston, die ganz in Moll und in den Grenzen einer einzigen Oktave von » e« zu » e« blieb. Zu Anfang war der Gesang nur ein Beben und Hauchen; der Mutter kam förmlich die Angst und die Tränen stiegen in ihr auf, weil sie dem Kinde sein Herzklopfen und die schwere Ueberwindung anfühlte. Dann aber festigte sich die Stimme, als habe sich die tiefinnerliche Revolution beruhigt; in das zartgefärbte Gesicht trat ein andächtiger Ausdruck, – die Augen, die in einer und derselben Stunde so farblos unbedeutend und so vielsagend klar blicken konnten, hoben sich empor, um die roten Lippen legte sich ein ernstes Lächeln:

»Heil'ger Geist, der du bist
Mondenstrahl-reine,
Mach mich mit Gott und Christ
Einiglich-eine.
Schleuß mir das Pförtlein auf
Ew'ger Gefilde;
Heil'ger Geist, dort hinauf
Leuchte mir milde.« –

* * *

Sie saßen alle still mit gefalteten Händen – dann stand die Mutter zuerst auf und schloß ihr liebes Kind fest in die Arme, und küßte es immer noch einmal. »Mein Marili, was für eine unbeschreibliche Freude machst du mir!«

»O Mutter – kann ich denn wirklich singen? Was ich mir immer so heiß gewünscht habe? Glaubst du –? – nein, du glaubst es gewiß nicht – daß ich einmal mit dir singen könnte? zweistimmig? Würdest du das je mit mir versuchen mögen, Mutter?«

»Wir wollen ein kleines, frommes Konzert haben; morgen ist Sonntag,« sagte Louisa. »Weißt du noch, wie wir es früher liebten, wenn du uns am Sonnabend vor Schlafengehen eure deutschen Hymnen sangest, damals, als wir am lieben Dervent-Water miteinander jung waren, Henrietta? Deine Tochter gleicht dir heute so wunderbar; ich wollte, unsre teuren Eltern könnten sie sehen. Sie würde Vaters Liebling sein, wie du einst!«

»Also komm, Marili, ich nehme dich beim Wort. Du darfst das Konzertprogramm machen, und wir müssen sehen, was meine alte Stimme noch hergibt.«

»Altstimme wolltest du sagen, Henrietta,« unterbrach Janet und machte der Mutter vor dem Flügel Platz, während Ellinor unhörbar hinausglitt, um ein Glas Limonade zur Erquickung herein zu holen. Singen vernahm ihr Ohr noch, und deshalb glänzte ihr stilles, freundliches Gesicht vor Freude, daß es noch mehr Musik geben sollte. Als sie wieder hereinkam mit den beiden gefüllten Gläsern, stand Marili, allerliebst anzusehen in ihrem weißen, gelbbesetzten Dinnerkleide, hatte beide Arme um den Hals der Mutter geschlungen und so beflüsterten sie ihr Konzertprogramm. Die Mutter lächelnd, die Tochter eifrig und wichtig mit rosigen Wangen.

Alle ihre Lieblingslieder sangen sie zweistimmig: »So nimm denn meine Hände –« und »Harre meine Seele –« und das weihnachtliche: »Es ist ein' Ros' entsprungen«. Die Mutter begleitete; die alte und die junge Stimme klangen harmonisch ineinander und die Schwestern entzückten sich an Louisas guter Idee. Nur leider: Shanny, der Gepeinigte, winselte jämmerlich dazu vom Küchenflur aus.

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Die Mutter begleitete; die alte und die junge Stimme klangen harmonisch ineinander.

»Einzige Mutter, jetzt glaube ich an Glück,« flüsterte Marili, als sie vor Schlafengehen – es war ungewöhnlich spät geworden – noch ein Weilchen zur Abkühlung Arm in Arm in ihrem offenen Fenster lagen und den wundersamen Sternhimmel, die sammetweiche Augustluft und den gleitenden Leuchtfeuerstrahl von St. Catherine betrachteten. »Poesie nachempfinden – darin wirklich dein Kind sein, meine liebe, liebe Mutter, und Musik haben, und Freundinnen hier und daheim, ist das nicht viel Glück? Sage?«

»Ja, mein Marili, das ist's wahrlich.«

»Beinah vollkommen, Mutter. Nur noch eins! Ach Mutter – Mutter!«

Sie drängte ihr Gesicht fest gegen die Schulter neben ihr und küßte sie. Eine Antwort bekam sie nicht, aber das Herz war ihr zu voll. Nur einmal mußte sie sich aussprechen, wenigstens halb: »Mutter – sag mir eins: glaubst du, daß Beten um etwas wirklich hilft? Wirklich, unfehlbar, meine ich.«

»Nein, Kind, und das wäre auch wohl nicht gut für uns Menschen. ›Beten‹ heißt ›Bitten‹, und im Bitten liegt Vertrauen und liegt Hoffnung. Mehr nicht. Die Erfüllung steht bei Gott, und gibt er sie unsrer Bitte nicht, so haben wir doch Demut und Geduld gelernt, wenn wir überhaupt recht zu lernen wissen.«

»Ich verstehe, Mutter. Danke tausendmal für deine Worte. Ach sieh – ich bitte Gott so sehr und alle Abend um etwas! – Vielleicht weißt du gar nicht, was ich meine, Mutter. Ich kann es dir nicht gut deutlicher sagen.«

* * *

Ob das Herz der Mutter die Sehnsucht ihrer Tochter nach dem Glück der Menschenbrust wohl verstand und wußte? –

Lange lag sie noch wach im Bette und dachte an ihre eigene Mädchenzeit, an die eigene, liebe Mutter, und sagte sich, daß »Glück« manchmal ganz anders aussieht, als wir blinden Menschen und die stürmische Jugend es ausmalen. Nur erst einmal klare Lebensziele gewinnen; nicht die Hände ins Ungewisse ausstrecken und die Göttin Fortuna auf der rollenden Kugel beim Schleier fassen wollen um jeden Preis, oder wenigstens ein paar Streublumen aus ihrem vergoldeten Füllhorn auffangen. – So leicht zerreißbar ist der Spinnwebschleier des Glückes, sein Füllhorn unecht vergoldet, seine Streublumen entblättern in der gierig haschenden Hand.

»Poesie, Musik und Freude zur Arbeit – Herr ich danke dir, daß mein Sorgenkind nun auch einen wahren Besitz gewinnt, wie ihre Geschwister. – Was du ihr sonst noch vorbehalten hast, lege deine Hand darauf –«

Als sie eben so weit gekommen war mit ihren Gedanken, warf sich Marili im Schlaf herum, tastete nach ihrer Hand auf der Decke und zog sie unter ihre warme Wange.

»Du – –!« stammelte sie ausdruckslos im Traum und schlief ruhig weiter in der schützenden mütterlichen Nähe.

* * *

Am Montag, gleich nach dem Lunch, fuhr wirklich der große elegante Break vor zur Fahrt nach Blackgang-Chine, und Clemence erschien überselig, von der Bonne im Ponywägelchen gebracht, um mitgenommen zu werden. In den Break zu den Tanten wollte sie nicht; nein, auf den breiten Kutscherbock mitsamt der Marilifreundin. Aber der ehrenwerte Mr. Alder mit dem grauen durchgezogenen Scheitel unter dem blankgebürsteten, hohen Tressenhute verweigerte den Scherz. Zwar sagte er nur: » No, Miss Clemence,« aber wie er's sagte, das genügte. Gegen solch eine würdige Persönlichkeit war nicht aufzukommen.

Demzufolge saß Miß Clemence gesittet zwischen den großen Damen, mit einem Beinchen auf Marilis Schoß, mit dem andern auf dem grauen Tuchpolster. Aber ihre Laune ließ sich die kleine, süße Hexe nicht verderben, und daran konnte sich das große Marili abermals ein Beispiel nehmen. Alles erklärte sie wie der beste Fremdenführer, das rosige Mündchen stand kaum einmal still, und es war eine prächtige Fahrt. Immer hart am Meere hin, vorüber an Landsitzen zwischen epheuumschlungenen Bäumen und lachenden Blumengärten; die See so blau mit tanzenden Sonnenfünkchen auf den winzigen, krausen Wellen, der Himmel noch blauer, die Klippen fast schneeweiß im Licht, grüne Teppiche darüber gebreitet, blumengestickt. – Nun St. Catherines Leuchtturm, und dann ward's öde und ernst bis auf das lieblich blauende Meer. Schwarzes Kieselgestein durchstreifte die hellen Klippen, das Grün verschwand, der Wind brauste, und in weiter, weiter Ferne tauchten die gefährlichen Nadelfelsen am westlichen Küstensaume auf, drei winzige Steingebilde. – Ganz schweigsam ward Marili, so großartig fand sie's, und als sie dann durch den Bazar voller Nutzlosigkeiten sich durchgekauft und durchgerettet hatten, da stand sie verzückt vor der tiefen, dunklen Schlucht von Blackgang, die gesäumt war mit leuchtend roter Glockenheide. –

»Das ist mein Leben,« sagte sie ernst. – »Es schien mir so dunkel, und jetzt hat es Blüten! O schönes, liebstes England, ich danke dir. – Komm, sweet little dearie, ich muß und muß dich dafür liebhaben, so sehr ich kann. Komm zu mir, Clemence!«

Als zwei richtige Kinder knieten sie im Heidekraut und küßten sich, und konnten gar nicht wieder aufhören mit der Zärtlichkeit, bis Scherz und Lachen daraus wurde.

Und so, in hellem Jubel, jagten sie einander zum Wagen zurück.


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