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Wie die Zeit verging.

Je länger nun die Freundinnen mit Marili verkehrten und sich in ihr Wesen einlebten, um so weniger passend fanden sie für das ernsthafte Persönchen seinen Rufnamen. – Blondine oder Beate, meinetwegen auch Dorothea, das wäre schon angemessener gewesen. Marili klang zu ausgelassen. Es klang nach Juchzen und Jodeln auf hohen Bergen, wo die Gemse klimmt und die Kuhglocken auf grüner Almmatte bimmeln, und nach Tanzen auf einem Bein in der Sennhütte. Derartige Neigungen aber hätte selbst der schärfste Beobachter beim Marili nicht entdecken können. Im Gegenteil. Sie war und blieb sehr still und kindlich, aufmerksam und brav in der Schule, lernte schwer und galt als Pechvögelchen. Bei jeder »Geschlossenen« merkten die vier Freundinnen das wortarme Insichhineinleben der fünften Gespielin mehr. Zuweilen sogar ärgerten sie sich, nach Carrys Ausspruch, braun und blau darüber, daß dies dumme, kleine Marili Anstalten machte, der tugendboldigen Rosalie nach zu geraten und sich beim prachtvollsten »Blödsinn« wie ein Kräutchen Rührmichnichtan gebärdete. Immer hockte sie ruhig auf dem Stuhl und bruddelte an ihrer Handarbeit weiter; etwas aufregend Schönes, wie Milly zum Beispiel, konnte sie absolut nicht leisten. Las sie vor, so war's ein leises »Gedrunse«, spielte sie vor, so ging die Musik so langweilig zahm und artig. Sie hatte auch gar keine Lieblingsspeise wie Aenne und Carry, die für Baisers und Schlagrahm ihr Leben ließen, oder wie Milly, die sich in Kirschtorte gleich totessen konnte, oder wenigstens wie Nelle, die man mit der Aussicht auf eine Portion Schokoladecreme im schlimmsten Wetter ans andre Ende der Stadt verlockt hätte.

»Was gerade da ist, das mag ich dann am liebsten,« sagte Marili und nahm sich ein wahres Vogelhäppchen auf den Glasteller. Nein, es war bald nicht mehr zum Aushalten.

Aenne ließ nicht das Geringste auf ihr Herzgespiel kommen, die andern drei hingegen gerieten über dies Farblose beim Marili ein paarmal in eine solche Wut, daß sie kurzweg vorschlugen: man wolle dem Marili ganz gern gut bleiben, aber heraus aus der heiligen »Geschlossenen« müsse sie unbedingt.

»Laßt es vorher wenigstens noch einmal reihum gehen,« hatte Aenne gefleht, und dann, als das Marili wieder dran war, hatte es den Teetisch in der langen schmalen Eßstube so reizend hübsch zurecht gemacht; für jede war etwas besonders Beliebtes auf dem Kuchenteller und sie selbst, die kleine Wirtin, war so still beglückt über das allgemeine Vergnügen: – wie sollte man es anfangen, sie aus dem Backfischparadiese zu verstoßen? Es ging und ging ja nicht! Wenn dann gar Kitty hereinkam (in der ersten Zeit als Rotekreuzschwester und später »weltlich«, wie die Kinder es nannten) und sich für alle Geheimnisse und Schulgeschichten glühend interessierte, dann kamen alle bösen Vorschläge schon ins Wackeln. Lud schließlich auch noch die Mutter, nach dem betreffenden Pudding mit roter oder gelber Sauce, die Geschlossene in ihr hübsches Wohnzimmer neben der Eßstube, las vor, zeigte und erklärte alle die merkwürdigen Reiseerinnerungen, die da und dort an Wänden und auf Borten prangten, so schmolzen die wackeligen schlimmen Absichten vollends dahin. Zu angenehm war's, wenn die Mutter sich geradeso mit den angehenden Jungfräulein unterhielt, als wären sie ihre intimen Freundinnen und gereifte Leute.

Kurz und gut: das unscheinbare Blümchen blieb im Kranze, und was ihm an Farbe gebrach, das ersetzte seine immerblühende, dankbare Treue.

Nur umgetauft hätte Aenne ihr Marili doch gar zu gern. »Marie-Elise« – schauderhaft! Obwohl Aenne Doppelnamen an und für sich den Inbegriff alles Feinen nannte – »Liesemarie« oder »Marieliese« war schäfermäßig dumm! Schlichtweg: »Elisa« oder »Maria« klang viel zu feierlich! »Mietze«? Zu sehr das Gegenteil von feierlich. – Als Aenne in der nächsten Geschlossenen einen kleinen Vortrag über das unbefriedigende Ergebnis ihres Brütens hielt, fing Marili zu lächeln an und wurde gleich darauf um so ernster: »Glaubt ihr denn, ich ließe mich überhaupt umtaufen? – O nein, nein! Solange ich lebe, will ich ›Marili‹ bleiben. Wißt ihr, wer mich immer ›Marili‹ gerufen hat? – Mein Vater.«

»O, liebes Marili – sei mir nicht böse!«

Aenne fiel ihr um den Hals und küßte sie zärtlich, und sie alle sagten und taten ihr irgend etwas herzlich Gutes. Fünf Minuten lang blieben sie dann noch sehr gesetzt und handarbeiteten krampfhaft, weil es gewesen war, als sei unter Marilis Worten ein trauriger Schatten in ihren lustigen Kreis getreten.

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»So lang ich lebe, will ich ›Marili‹ bleiben.«

Gott sei Dank! der Frohsinn fand sich rasch zu ihnen zurück, und auch vom Umtaufen wurde nicht mehr gesprochen. Marili gehörte nun endlich vollständig »dazu«, und zu Carrys leidenschaftlichem Bedauern verwischte sich sogar die hübsche, süddeutsche Redeweise nach und nach. Ehe ein Jahr herumgegangen, hatte sich der breitere norddeutsche Dialekt des Kindes aus der Fremde bemächtigt, wenngleich er in solch einem schüchternen Munde niemals zu platter Gewöhnlichkeit ausarten konnte. Ein kleiner, besonderer Hauch wenigstens blieb über dem Neuangelernten schweben, und nach wie vor fragten die Ladenmadams und -herren, wenn Marili bei einem von ihnen zum erstenmal Löschblattoblaten oder Schreibhefte erstand: »Du bist woll nich von hier, Kleine?«

Die übrigen wurden längst »Fräulein« und »Sie« genannt, aber das schmale, kinderhafte Figürchen, das knapp mit der Nasenspitze auf den Ladentisch reichte – keine Seele dachte daran, es schon mit einem vorzeitigen Ehrentitel und der respektvollen Anrede in der dritten Person zu verwöhnen.

* * *

Die Zeit lief dahin und die sogenannte Schulplage ging zu Ende, die doch, ehrlich gestanden, lauter Schulwonne gewesen war und die herrlichsten Erinnerungen zurückließ, wie die Sternschnuppe ihren goldenen Streifen. Einsegnung und erste Kommunion brachten auch die erste, tiefe Seelenerschütterung, die ersten, großen Vorsätze, bei denen die andächtigen jungen Herzen sich mit gefalteten Händen sagten: »Wir müssen unser Wort halten. Wir haben heute nicht der Welt, nicht Vater und Mutter, sondern Gott gelobt, daß wir neu im Geiste werden wollen – würdig den neuen Menschen anzuziehen, dem die ewige Allmacht einst Rechenschaft für sein Tun und Lassen abfordern wird.«

Obgleich die fünf bei verschiedenen Geistlichen eingesegnet wurden und an verschiedenen Tagen, waren sie sich dennoch treulich nahe und teilten, so oder so, jeden Augenblick der festlichen Woche zwischen Palmsonntag und Ostersonntag miteinander.

Der gütige Gott nahm es all den Backfischchen im diskret modernen Damengewande gewiß nicht übel, daß der erwachsene Mensch in ihnen nicht mit einem Schlag fix und fertig dastand. Alles vorsatzvollen Ernstes unbeschadet, freuten sie sich wie die Kinder über ihre goldenen und silbernen Uhren, über Broschen und Ringelchen, die ihnen von Eltern- und Verwandtenliebe zur ferneren Weihe des Tages dargereicht worden waren.

Glückselig empfingen sie ihre Gratulanten nebst Blumenspenden und frommen Büchern. O, das sollte gleich gelesen werden: der »Thomas a Kempis«, der »Beruf der Jungfrau« und »Für stille Stunden«. Wundervoll heilig und so stimmungsvoll eingebunden in Schwarz und Gold oder Silber, mit Schutzdecke. Daß sich auch Weltlinge in Grün, Blau, Braun und Scharlachrot, wie Goethes »Torquato Tasso«, Storms »Immensee« und noch andres mit unter die Frömmigkeit einschmuggelten, fanden die Konfirmandinnen vollends ideal.

Ja, in den eleganten Häusern bogen sich die Gabentische; alle Wohnräume dufteten dermaßen nach Hyazinthen, Veilchen und Gardenien, getriebenem Flieder und getriebenen Rosen, daß eine allgemeine Kopfwehstimmung durch die Familien schlich, und einfache alte Onkel und Tanten ihre grauen Köpfe wiegten: »Ist dieser grenzenlose Luxus denn eigentlich weihevoll und notwendig?«

Recht hatten sie mit ihrer stillen Frage. Weihevoll und notwendig war das alles durchaus nicht, aber die Milderdenkenden nahmen gern an, daß es die weichen jungen Seelen zwiefach dankbar an ihrem heiligen Tage machen werde. In den meisten Fällen trafen sie's auch mit ihrer freundlichen Voraussetzung; die, welche etwa protzten und prunkten, wurden von den andern mit sittlicher Entrüstung betrachtet.

Wirklich – man hatte so viel Liebe und Güte in keiner Weise verdient. Wie oft war man recht garstig gewesen, verlaunt, albern und rechthaberisch. Jetzt aber, jetzt sollte ganz gewiß und heilig die vollständige Häutung stattfinden – o, wie vortrefflich würde man werden! Das reine, wahre, echte Musterkind. Gleich am Abende des »einzigen Tages« ward im Mädchenstübchen Ordnung gemacht, aber gründlich. Man ließ sich's auch angelegen sein, die Backfischbücher würdig zu verschenken und kleine Geschwister und frohlockende Dienstmädchen mit den süßesten Nippsächelchen zu beglücken: Mopsfamilien, Glücksschweinchen und Porzellanengel, nachdem man sie in der eigenen Waschschale, mittels Nagelbürste und Vaselinseife, liebevoll auf neu gereinigt hatte.

* * *

Marilis Konfirmation war die letzte in der Fünfzahl. Sonderbar, bei keiner der Freundinnen hatte sie den üblichen Gratulationsbesuch abgestattet. Nur Blumen von der Mutter und Kitty waren zu Hellwigs, Wildes und Breithaupts für die Konfirmandinnen geschickt worden – nicht ein Wort von Marili. Zu ihrer Einsegnung bekamen die vier Freundinnen Plätze im Diakonengestühl nahe am Altare von St. Paul. Blaß wie der Tod war Marilis Gesicht, und den Segen empfing sie mit geschlossenen Augen. Nachher faßte sie sich ein wenig, allein sie sah niemanden um sich her, wie es schien, und als die Freundinnen heimkamen, fand jede ein Briefchen von Marilis kindlich ungelenker Schrift: »Bitte, kommt nicht zu mir, ich bin heute traurig um vieles; wegen dem Vater, und es ist noch etwas. Ich kann es nicht sagen. Später besuche ich euch alle, und ich bringe euch auch ein Geschenk, weil ihr so sehr, sehr gut zu mir seid.«

Wie peinlich, daß dieses Marili, gegen alle Verabredung, Extrageschenke machen wollte. Die Geschlossene hatte sich doch zur gegenseitigen Stiftung eines Freundschaftsringes aufgeschwungen und noch bei Mamas, Tanten und älteren Schwestern auf den Bettel um Zuschuß gehen müssen, weil unter acht Mark nichts Anständiges in Gold zu haben war. Marili hatte Silberringe, mit Herzchen daran vorgeschlagen – oder Haarringe – und war überstimmt worden. Schließlich hatten sich die Geister auf dünne Ringlein mit zwei halben Perlen und einem blauen Saphirsplitterchen in der Mitte vereinigt.

»Tränen und Treue – ja, ihr Dummerchen, was soll das nur werden?« hatte Kitty geneckt, der die fünf Prachtstücke schon zum voraus wonnezitternd gezeigt worden waren.

* * *

Mit den Tränen kam's leider sofort in Richtigkeit. Das erfuhren die Freundinnen, die nun doch gleich gegen Abend des Einsegnungstages in geschlossener Kolonne ausrückten, um sich nach dem Befinden ihres vermißten Kranzblümchens zu erkundigen.

Sie wußten gar nicht, was sie daraus machen sollten, als sie es so ganz zerknickt und zu Boden geschlagen vorfanden.

Da saß die schmächtige kleine Gestalt, noch im schwarzen Kaschmirkleide, gerade auf dem Knie der Mutter, hatte ihr die Arme um den Nacken geschlungen und schien sich in diesem Leben überhaupt nicht mehr trösten zu wollen. Die Stimme heiser geschluchzt, die Augen dickverweint: »so klein wie Knopflöcher,« behauptete Carry.

Im Wohnzimmer war's schon dämmerig; Marilis bescheidene Blumenspenden dufteten auf dem Fensterbrett zwischen der Mutter Palmen und Farnen; seitab auf dem Ecksessel lagen ein paar Bücher und daneben zwei oder drei winzige Schmucksächelchen. Drüben, am Nähtisch vor dem Fenster der Eßstube, beugte sich Kitty beim sinkenden Lichte ganz nahe über ihre Handarbeit. Irgend ein kleines Musselinviereck bestickte sie emsig mit Weiß und Gelb. Um sie herum standen vier seidenbezogene Volantkißchen, und ihr Gesicht war rosenrot vor Eifer. Als die Freundinnen eintraten, legte sie rasch ihre Arbeit fort, rieb sich die Augen und streckte beide Hände den Kommenden entgegen: »Da seid ihr wirklich? Seht, das find' ich nun lieb von euch. Das Marili; nein, denkt nur – –! Komm einmal geschwind hier herein, Marili; es beißt dir wahrhaftig keines den Kopf herunter!«

»Marili! – Liebes, gutes Herz!«

»Liebes, Kleines, was ist denn los?«

»Wir wollten dir gratulieren – Gott, wie siehst du aus?«

»O Kitty, sag du doch – –«

»Ja, ja – ihr könnt nur trösten; sie ist ein ganz dummes Marili und nun gerade noch heute. – So gut hat sie's euch machen wollen, eine rechte Freude!«

»Was denn? was denn?«

»Ach Gott, weine doch nicht mehr, Liebling!«

Es wanderte von einem Arm in den andern, das arme Persönchen; seine bebenden Lippen, heiß vom vielen Weinen, küßten nach allen Seiten, und die Mutter fing eben mit der Erklärung an: »Marili hat sich's wirklich sehr niedlich für euch zur Ueberraschung ausgedacht – –«

Da holte Kitty vier armselige, schlaffe Lümpchen vom Nähtisch her, die aussahen, als wären sie früher einmal weiß gewesen. Jetzt lief Blau in Rot hinein und Grün in Gelb; Kitty machte eines dieser Jammerläppchen auf der Eßtischkante glatt: »Guckt her: vier Bezüge über kleine Toilettkissen hat's Marili für euch gestickt gehabt, und herzig sahen sie aus, wirklich goldig, sag' ich euch. Wilde Rosen und Sternblumen und Vergißmeinnicht. Die Kissen hatt' ich schon fertig – Watte und Veilchenpulver drin; seht: da stehn sie auf dem Nähtisch. – Was tut jetzt das Marili mit den hübschen Bezügen gestern abend um zehn Uhr noch, anstatt daß sich's brav aufs Ohr legt? Ratet! – Wäscht ihr buntes Gesticktes in heißem Wasser und auch noch mit Mandelseife, weil sie sich einbildet, es sei nicht so sauber wie aus dem Laden. Die ganze Nacht hab' ich trösten müssen, und der schöne Einsegnungstag ist ihr ein bitterer gewesen! Nein, liebe Mutter, vergib; sie muß gezankt werden. Glaubst du, daß mir's Freude macht? Viel zu gut bist du gegen uns. – Die Bezüge hab' ich morgen wieder genäht. – – Da habt ihr das Riesenunglück.«

»Verzeiht mir doch! Du auch, Kitty – und Mutter!« Marili schluckte und kämpfte, um ihrer großen Trübsal Gewalt anzutun. »Ach – wenn ich nur versuche, jemanden eine Freude zu machen, so bin ich immer – –«

»Gar nicht ›immer‹, nur hin und wieder bist du ein Taps,« fiel Kitty mit energischer Betonung ein, bog Marilis zusammengedrückte Schultern auseinander und gab ihr einen kleinen Daumenstoß unters Kinn, daß sie den Kopf heben mußte: »Ei, du dummes Kind, so komm doch endlich aus der ewigen Kümmernis heraus! Dreiviertel sind deine Geschenke wieder im stand, guck' da! Mutter, ich bitte dich tausendmal, mach kein böses Gesicht. Dein Nestvogel wird nicht gerupft, noch gebraten, aber er muß jetzt wirklich flügge werden. Gelt, ihr konfirmierten Jungfrauen; ich hab' recht?«

»Laß sie nur heute noch so sein und bleiben wie bisher, Kitty; der Tag ist entschieden zuviel für sie gewesen,« begütigte die Mutter. Es tat ihr jedesmal leid, wenn die Temperamente ihrer grundverschiedenen Töchter aufeinander prallten, aber Kitty mußte dennoch das letzte Wort im Streit haben: »Aus lauter Liebe,« wie sie lebhaft versicherte: »Ich fände es viel besser, Herzensmutter, wenn sie heute bereits den Anfang machen würde. Dieser Tag ist doch ein richtiger Abschnitt, und will sie sich denn gar kein bißchen schöne Erinnerung an ihre Einsegnung verdienen? Geh, Marili – besinn dich!«

Marili nahm das eingeweichte Tränentüchlein von den Augen und steckte es in die Tasche, stumm, mit verzagter Langsamkeit. Dann umfaßte sie zuerst die Mutter, darauf die Schwester, deren gerade Natur nun einmal kein Vertuschen und keine Weichlichkeit leiden konnte, und schlich mit ihrer Aenne von dannen; hinauf ins Schlafzimmer, das sie mit der Mutter teilte. Da oben wusch und wusch sie sich mit kaltem Wasser und drei Tropfen Eau de Cologne darin, bis das kühle Naß den Gram endlich zum Ertrinken brachte.

»So, Marili, jetzt hast du meinen Segen und einen Kuß dazu,« erklärte Kitty, als die beiden wieder erschienen, »jetzt mach tapfer voran, damit du eine richtige, selbstbeherrschte junge Dame geworden bist, wenn ich später einmal wieder auf Besuch zu euch komme.«

»O Kitty, gehst du denn fort von uns? Wohin?« riefen die Freundinnen aus einem Munde, und jede faßte die »Beliebte« an irgend einem Zipfel.

»Gewiß geh' ich fort von hier, und schon sehr bald. Ich hab' nur unser Kind erst fertig sehen wollen, damit ich weiß, daß wieder eine erwachsene Tochter für die Mutter da ist. Deswegen will ich auch, daß sie eine Anstrengung in sich selber macht. Ueber vierzehn Tage nämlich reis' ich nach Frankfurt zum ›Roten Kreuz‹; da steck' ich mich zum zweitenmal ins schwarze Kleid und die weiße Haube und bleibe drin stecken.«

»O Kitty – wie traurig! Schwester? Auf ewig?«

»Du hast's beinahe geraten. Nein, was die Carry klug ist! In der Ewigkeit wird man das schwarze Kleid wohl nicht mehr gebrauchen; da gibt's keinen Schmerz und keine Krankheit mehr. – Und warum nicht Schwester? Was ist traurig dabei? Die Mutter weiß, daß ich gar nicht anders mag und kann, gelt, Mutter? – Überhaupt: wer mit einundzwanzig Jahren noch keinen Beruf zu irgend etwas Nützlichem in sich spürt, der wird schwerlich dazu kommen!«

»Aber, Kitty, wenn man so ist wie du – so fidel und puppenlustig. – und erst einen einzigen Winter hast du ordentlich getanzt –!«

»Pu–uh! ganz genug, ihr Kinder. Nun ist's abgetan mit dem sogenannten Vergnügen, und ich freu' mich auf mein Amt. Kranke Leute sehen auch gern ein lustiges Gesicht. Zwei Wochen habt ihr mich auch noch in den bunten Kleidern. Hernach darf das Marili alles vertragen und verschleißen, und wenn später der Karl kommt, muß sie für ihn sorgen, als wenn ich's wäre, gelt Marili?«

Sie ließ durchaus keine Wehmutsstimmung aufkommen, die heitere Kitty, die man sich eigentlich sehr schwer anders vorstellen konnte, als in ihrem silbergrauen Alpakakleide, mit dem hohen, weißen Leinenkragen und der nelkenroten Vorsteckschleife, oder im hellen Gewande, Blumen im Gürtel und an der Brust: bald frische Rosen, bald fein gefiederte Chrysanthemen, und am liebsten die großen, russischen Veilchen in dichten Büscheln ohne Laub. Damals, während ihrer ersten sechs Lernmonate im Roten Kreuz, war sie den Kindern noch fern und fremd gewesen; erst später hatte sie sich die Herzen unter den Schulkleidern erobert.

Vielleicht, daß die vier das Schattenblümchen doch nicht ganz so treulich geliebt hätten, ohne die Sonnenblume im nämlichen Gartenrevier. – Wer weiß?!

»›Marili‹ sagt ihr und ›Kitty‹ meint ihr; das könnt ihr unmöglich abstreiten,« behauptete Aenne steif und fest, als sie gegen acht Uhr den Weg durch die altmodische Gartenstraße und die andern Straßen mit den großartigen Namen zurückschlenderten, bis an die Ecke, wo ihre verschiedenen Heimwege auseinanderliefen. – »Kitty find' ich ja auch einzig, und ich weine sicherlich furchtbar, wenn ich ihr erst adieu sagen muß, aber Marili braucht uns. – Ich seh' jetzt zu, daß ich sie jeden Tag ein bißchen besuche. Verlaßt euch nur darauf, sie braucht uns wie das tägliche Brot!«

»Na, vier tägliche Brote – das wäre ihr entschieden ungesund,« sagte Carry. »Ich finde zwei Besuche pro Woche genug; du nicht auch, Nelle, und du, Milly? Kinder: wir haben ja nur noch dreimal ›Geschlossene‹ vor der Pension; dämmert euch das allmählich?«

Carry hatte, obgleich sie ein Jahr weniger zählte als Aenne, mit ihr zusammen die Schule verlassen und die Einsegnung gefeiert. – Das Thema »Marili« ward fallen gelassen, und die unvergeßlichen Stunden wurden abermals durchgesprochen. Mitten im heiligsten Schwärmen darüber erreichten sie die Trennungsecke, und das Händedrücken zum herzbrechenden Abschied begann: »Adieu, Nelle –!«

»'Nacht, Milly!«

»'Nacht, ihr Süßen – bis morgen, nicht?«

»Nein, morgen dürfen wir nicht; aber jedenfalls übermorgen auf Wiedersehn, wenn wir bei der Blenderberg und der Martiny Visite kratzen müssen.«

»Hol du Marili ab, Nelle, du wohnst am nächsten,« Aenne dachte immer vorsorglich an das, was sie lieb hatte, und sie konnte es nicht lassen hinzuzufügen: »Seid gut mit ihr, bitte! Seht mal: sie hat uns doch allen eine Freude machen wollen mit den Toilettkissen, und wir können sie herrlich für die Pension gebrauchen. Wenn Kitty auch das meiste daran getan hat – –«

»– so schwebt doch der Mariligeist darüber. O Aenne, du hast wahrhaftig einen edlen Charakter, aber ich freu' mich doch ganz furchtbar, daß unsre Einzige den ›Löwenanteil‹ hat. Sagt man nicht so auf gebildet, Kinder? Jetzt schimpf los, Aenne – ich kann mich direkt nach der Konfirmation unmöglich verstellen!«


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