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»So nimm nun meine Hände.«

»Seit gestern kann er doch unmöglich magerer geworden sein,« so plauderten andern Tags die Mädchen.

»Doch, ganz entschieden. Jedenfalls ist er heute kein Moppel mehr, und wovon das kommt, weiß ich nicht.«

»Er hat gewiß einen dünneren Rock an.«

»Ach, Aenne, als ob das so viel ausmachte!«

»Schwarz macht schlanker, daran liegt es,« entschied Marili, »und findet ihr nicht, daß er ein kluges Gesicht hat?«

»Doch – ja – ganz entschieden. Besonders ist auch sein Schnurrbart so hübsch, und dann die Ohren.«

»Weiter nichts?«

»Ist das nicht genug fürs erste? Ach was, ich bin keine tiefe Natur, ich mag das Lustige und das Flotte gern. – Seid ihr fertig? Das Gong klirrt schon. Weshalb ziehst du nun dein allerbiederstes Kleid an, Marili?«

»Weil es gerade vorn im Schrank hängt. Je biederer desto besser; ihr seid ja die Hauptsache.«

* * *

Demgemäß ging sie wirklich als das »Schattenblümchen« zwischen der Kornblume Aenne und der rosa Rose Carry in den Speisesaal. Tante Klara und die Mutter saßen bereits; Aenne bekam Herrn von Sinkiewicz, der sich so wunderschön und unbeschreiblich klug fand, an ihre grüne Seite und Schattenblümchen und rosa Rose nahmen Doktor Lieven und seinen schwarzen Bratenrock in die Mitte.

Der Tisch war heute, zum Sonntag, verlockend gedeckt. Die künstlichen Palmen trauerten im dunklen Billardzimmer, bis die frischen Blumen in den broncierten Spankörben wieder eine vergangene Herrlichkeit sein würden. Die Körbe und die sandgefüllten Milchschüsseln darin waren, an und für sich betrachtet, grauenhaft, aber das lustige Farbengemisch von Rosen und Nelken, Rittersporn und Feldblumen, alles bunt durcheinander und von lauter feinen Gräsern umschleiert, machte sich entzückend. Doktor Lieven zog den ansehnlichsten Korb ganz ungeniert zu sich her, steckte seine Nase zwischen die Blüten und rückte die Kompottschüsseln mit Backpflaumen und Schnittäpfeln an die leere Stelle.

»Blumen zu Blumen,« sagte er galant, »den Korb behalten wir hier für unsre Gäste, nicht wahr, Fräulein Ringhardt? Gedörrte Oebster sind ja eine Beleidigung für die Jugend, nicht wahr?«

Marili neigte nur den Kopf zur Antwort; still und ein wenig gedrückt saß sie da, während Carry flott auf das kleine Kompliment für ihr Rosakleid und frisches Apfelgesicht einging. Sie hatte ihre munteren Augen überall, ließ sich's schmecken und plauderte zierlich und schlagfertig. Allgemein fand man sie sehr reizend, und Doktor Lieven hatte noch niemand je so aufgeräumt gesehen. Aenne sprach über den Tisch Englisch mit Miß Cheltenham und Marili.

»Ich gönne es Carry – ja, ich will es ihr gern gönnen,« dachte sie unablässig, und als ihre Gedanken immer trauriger wurden, nahm sie einen großen Anlauf zur Liebenswürdigkeit. Eine ganze Weile war's ein vergeblicher Kampf; die törichten Tränen kamen und quollen. Sie versuchte der Mutter Blick aufzufangen, um sich daran ein wenig Trost und Hilfe zu holen, aber es gelang ihr nicht. Zu eifrig unterhielt sie sich mit Tante Klärchen. Da aber sah sie, vom oberen Ende der Tafel, Doktor Klenaus ruhige, scharfe Augen auf sich geheftet. Seine Lippen bewegten sich leise aufwärts, als wollten sie lächeln, dann hob er sein Weinglas und trank ihr zu.

Das blieb ihr ganz unklar, und doch, Mut schlich ihr ins Herz hinein; mit einemmal konnte sie mitsprechen und mitlachen und sich für Carrys flotte Witze und Doktor Lievens Humor interessieren.

»War Ihnen vorhin beim Fisch nicht wohl, Fräulein Ringhardt, oder irre ich mich?« fragte Doktor Lieven gleich nach Tisch väterlichen Tones, und Marili antwortete diplomatisch: »ich glaube, die Blumen dufteten zu stark; ich mußte mich erst daran gewöhnen.«

»Haben Sie allerliebste Freundinnen – das ist ja ein wahres Vergnügen!«

»Nicht wahr?«

»Ist Fräulein Carry das ›Jawort‹?«

»Nein, Aenne.«

»Schade! – Verzeihung – so meinte ich es nicht.«

»O, es macht nichts, ich verstehe schon.«

»Sie müssen sich aber vor dem Kaffee unbedingt eine Stunde legen. – Ich will mich den Damen gern an Ihrer Stelle widmen, solange Klenau mich in Frieden läßt.«

»Danke vielmal.«

Sie ging hinüber ins stille Gartenhaus, unbemerkt, um die übrigen nicht zu stören. – Drinnen ließ sie die Jalousien nieder, schloß Fenster und Tür und weinte und schluchzte in aller Verborgenheit, bis der Schlaf sie überwältigte.

Erst zum Abendbrot erwachte sie wieder; Carry beugte sich über sie, und Aenne kam mit ausgebreiteten Armen von der andren Seite.

»Schlafrätzchen! Es ist gleich halb Acht, und um halb Zehn reisen wir.«

»Herrlich haben wir Tennis gespielt, solch ein fideler set: wir zwei und der affige Polenjüngling, Sintie – na, wie heißt er noch?«

»Sinkiewicz.«

»Ja, der und Doktor Lieven. Famos war's, und du hast uns sehr gefehlt zum Zusehen. Dein Ludwig –«

»Bitte, nein – das mag ich nicht mehr hören, Carry –«

»Also: Herr Doktor Lieven sagte, wir dürften dich nicht wecken; du spieltest niemals Tennis.«

»Weil ich nicht darf – es ist sehr traurig. Glaubt ihr, daß es mir leicht wird?«

»Nein, Süße, nicht weinen. Komm, ich helfe dir aufstehen und dich zurechtmachen. Geh du hinaus, Carry – dir steckt nichts als Unsinn im Kopf.«

Carry lachte und tänzelte gehorsam von dannen. Ihr helles Schneiderkleid raschelte bei der flinken Bewegung. Es war natürlich auf Taffetseide gearbeitet; der reiche Papa gab seinen Töchtern ein sehr großes Toilettengeld. Draußen hörte man sofort wieder das perlende Lachen und lebhafte Plaudern der frischen jungen Mädchenstimme. Carry fühlte sich ganz heimisch in der Anstalt und redete kecklich mit den Kränksten und Trübseligsten und schwatzte im Vorübergehen mit Sophchen und Traudchen, als hätte sie ihre eigene alte Küchenlene und die perfekte Doris aus dem väterlichen Hause vor sich.

»Potztausend, das ist ein herziger, kleiner Quirl!« meinte Doktor Lieven zu Doktor Klenau, als sie sich auf der Besuchsrunde trafen. »Das wäre so ein Frauchen, um einem die fade Lebenssuppe genießbar zu machen, wie?«

»Geschmackssache.« – Weiter wußte der Kollege Klenau nichts auf die Küchenfrage seines Herrn Assistenten.

* * *

»Du hast geweint, Marili, ich sehe dir's an, bitte, lüge nicht,« sagte im selben Augenblick Aenne im Gartenhauszimmer zu ihrer ›Liebsten‹. Sie kniete vor ihr auf dem kleinen Bettteppich und knüpfte ihr die Stiefel zu.

»Ich will dich auch gar nicht belügen, meine Herzens-Aenne. Es ist wahr, ich habe geweint, und immerzu möchte ich weiter weinen.«

»Weshalb denn? O Gott, ich bin so unglücklich darüber! Haben wir dich verletzt? Ist es das dumme, alberne Wort: ›dein Ludwig‹? O meine Süße, vergib es uns doch! Wir hätten bedenken sollen, daß du krank und zartfühlend bist, und daß dein Herz dir vielleicht – hast du Herzweh? Mir sage es, willst du nicht? Siehst du, ich will mit all meiner Liebe versuchen, ob ich dich so recht verstehen kann, Marili! Wir sind grobe Tüffel gewesen, ich und Carry, aber wirklich – –«

»Sag nichts mehr davon. Ich habe kein Herzweh – nein – das ist es nicht –«

Marili streichelte mit zitternder Hand Aennes glatten Scheitel. Ihre Augen blitzten in Tränen; nur gut, daß die zwei heißen Tropfen auf ihre eigene Hand und nicht auf Aennes Scheitel niederfielen. Dann griff sie plötzlich über sich, so hoch es im Sitzen ging, faßte das »Jawort« glücklich am äußersten Zipfel und riß es vom Rosabändchen und Nagel ab. Ehe Aenne sich's nur versah, war ein Häufchen Papierfetzchen auf der zerwühlten Bettdecke aus dem stimmungsvollen Kunstwerke geworden.

»So – nun ist es abgetan, nun sollt ihr mich nicht mehr damit necken,« sagte sie; die leise, weiche Stimme klang ordentlich heiser dabei, »nun will ich dir gestehen, um was ich geweint habe und noch hundertmal mehr weinen könnte. – Weil ich nicht bin wie ihr – ihr anderen Mädchen. Gesund soll ich sein, und ich fühle, daß ich niemals die rechte Kraft zu irgend einer Tätigkeit haben werde – weißt du, so eine Tätigkeit, die einen auf andre Gedanken bringt. Ach Gott, Aenne, fühl es mit mir! Denkst du noch daran, als du mir einmal von deiner Pensionsmiß erzähltest, daß sie wie Unterfutter wäre: comme doublure?«

»Geradeso ist sie jetzt auch noch.«

»Ach Aenne, das will ich auch gar nicht wissen – ich will dir nur sagen, daß es so schrecklich ist, wenn man sich gestehen muß – Aenne, ich bin auch nur Unterfutter.«

»Du? – Das ist doch eine Sünde und Schande.«

»Nein, nein, es ist die traurige Wahrheit. Ich kann nicht mit, ich kann nichts nach außen vorstellen – niemand außer Mutter und dir ahnt, daß ich oft und oft an mir selber leide und den Mangel und die Unfähigkeit in mir – o Aenne, habe mich trotzdem immer lieb –! Ich brauche etwas Liebe, ach Aenne – so sehr.«

Sie drückten sich fest und zitternd aneinander. Aennes Kopf lag auf Marilis Knie; den Schuhknöpfer hielt sie noch in der Hand, und Marilis schmale Hände umschlangen die Freundin wie einen Schatz, den irgend eine böse Macht seinem Besitzer zu rauben droht. »Einen Trost habe ich doch noch,« sagte Marili endlich und wischte sich die Tränen ab. »Als ich das mit den Unterfutternaturen neulich Miß Cheltenham auf Englisch erklärte, machte sie solch ein gutes, freundliches Gesicht, und denke dir, sie küßte mich und antwortete: ›Unterfutter hält warm, it's so easy, dear.‹« Sie schwieg und schluckte ein paarmal hart, ehe sie fortfahren konnte: »Und wenn ich auch nur Unterfutter bin – farblos und ein bißchen uninteressant – warm will ich immer sein und Teilnahme haben für alles, was ihr schönes erlebt – du und Carry und die andern beiden. Glaubt es mir!«

Aenne war kaum im stande zu sprechen, ob vor einfacher Rührung, oder ob noch etwas andres mitredete, was sie nicht so recht fähig war in Worte zu kleiden? – Marili erfuhr es jetzt nicht. Schweigend halfen die beiden Mädchen einander die Haare neu zu ordnen und die Spuren der vergossenen Tränen mit kaltem Wasser und Eau de Cologne zu tilgen. Dann zupften sie sich noch gegenseitig die Kleider glatt und Marili verstand sich sogar, auf Aennes zärtliche Bitten hin, eine zu ihrem marineblauen Kleide passende kirschrote Kragenschleife anzulegen.

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Marili und Aenne drückten sich fest aneinander.

Als die Mutter hereinkam, um die Jugend und Freundschaft noch für die letzten zehn Minuten vor Abendbrot in den Garten zu treiben, fand sie die beiden in Eintracht und verständiger Unterhaltung vor dem Spiegel. Aenne probierte aus, ob das goldene Ankerchen oder die altsilberne Nadel besser zu Marilis kirschroter Schleife paßte.

»Sie haben ohne Frage etwas zusammen gehabt, die zwei,« dachte die Mutter für sich. »Besser nicht nachfragen; mein Marili wird schon beichten, wenn Not vorhanden ist. Merkwürdig, manchmal kann das Kind doch aussehen wie ein altes Mütterchen, so fertig mit der Welt. – Ich freue mich für sie auf England und die neuen Eindrücke.«

* * *

Mit dem Zehnuhrzuge reiste der liebe Besuch wieder ab. Doktor Lieven gab das Geleit zum Bahnhof; Tante Klärchen war freilich eine ungemein selbständige Dame; das große Gepäck hatte sie längst vorausgeschickt, das kleine lud der Hausknecht des Hotels auf seinen Handwagen, und die fast leeren Rundreisehefte steckten sicher in der tantlichen Gürteltasche. Aber Doktor Lieven fand seine Begleitung ritterlich und unerläßlich, und der langsame Gang zum Bahnhof zwischen rosenduftenden Gärten hin, Mond und Sterne über sich, hatte großen Reiz.

Er nahm Grüße mit zurück, aber ausrichten konnte er sie heute nicht mehr.

Vor dem Fenster des Gartenhauszimmers waren die Läden geschlossen. Die Mutter hatte sich früh zur Ruhe gelegt und nur das Nachtlicht unter der blauen Sturzkuppel brannte matt in der Dunkelheit. Marili lag auch bereits ganz still auf dem Rücken, mit gefalteten Händen, aber sie schlief nicht. Aus wachen Augen blickte sie in den matten Schein ihr gegenüber von der Waschtischplatte her. Das Lichtchen zuckte und knisterte und hüpfte flackernd auf seinem Kartenstühlchen auf und ab, so daß launische, kleine Schatten an der Kuppelrundung emporhuschten und hinabliefen.

Sehr blaß in der geisterhaft bläulichen Beleuchtung erschien das jugendliche Antlitz in den Kissen. Seine Lippen bewegten sich ohne Laut, und ihr Zug nach abwärts verlieh dem ganzen Gesichte einen schmerzlichen Ernst, der schlecht zu den glücklichen siebzehn Jahren paßte. Dennoch war keine seelische Unruhe in Schmerz und Ernst, sondern etwas wie fromme Sammlung. – Vielleicht hatten die flüsternden Lippen Dem, der hoch über den Sternen wachte, der alles sieht und prüft, weiß und wägt, ein verschwiegenes Herzeleid anzuvertrauen und ein Bekenntnis abzulegen, ein Gelöbnis zu machen? – Das kleine Andachtsbuch auf dem Betttischchen wußte es wohl, denn die Hände, die jetzt gefaltet und zusammengeschlossen auf der Decke ruhten, hatten vor einer Viertelstunde erst, beim fahlen Dämmerschein des Nachtlichtes, zwei Verszeilen auf einem seiner bedruckten Blätter angekreuzt und unterstrichen mit ganz feinen Linien:

»So nimm nun meine Hände und führe mich
Bis an mein selig Ende und ewiglich –«


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